cr-4Nietzsches ErkenntnisÜber Wahrheit und LügeMauthner    
 
RAOUL RICHTER
Friedrich Nietzsche
- Nachruf -

"Ein leidenschaftlicher Liebhaber Gottes und ein leidenschaftlicher Leugner ziehen im Grunde an demselben Wagen, von dem der eine ebensowenig loskommen kann, als der andere."

Am 25. August dieses Jahres ist FRIEDRICH NIETZSCHE, der große Kämpfer für und gegen seine Zeit, in dem stillen Heim in Weimar, von liebender Schwesterhand seit der Mutter Tod treu gepflegt, friedlich entschlafen. In Röcken bei Lützen, auf dem kleinen Friedhof neben dem Pfarrhaus, in dem er am 15. Oktober 1844 geboren wurde, liegt NIETZSCHE begraben, zur Seite von Mutter und Vater, dessen Gestalt die kleine Gemeinde Röckens als ihren vielgeliebten Pastor noch heute treu im Gedächtnis bewahrt. Zur Totenfeier hatten sich eingefunden: Künstler und Gelehrte, Beamte und Landwirte, Frauen und Mädchen, persönliche Freunde und solche, welche NIETZSCHEs Antlitz nie geschaut haben. Mitschüler und Lehrer riefen am Grab dem Verstorbenen ihrer alten Schule Pforta Abschiedsgrüße nach und allen unbekannt, zu diesem einzigen Tag von weither gekommen, sprach ein Mensch von jugendlichem Aussehen schlichte, ergreifende Worte der Dankbarkeit im Namen der Jugend. Während der Zeit des Begräbnisses war die Sonne zwischen treibenden Wolken lachend hindurchgebrochen. Als es wieder grau zu werden begann, war auch die Feier beendet; man trennte sich und ein jeder eilte dem Einerlei des Werktagtreibens zu. Die Stunde der Sammlung, welche den Menschen nicht oft besucht, die ihm die Tragik eines großen Menschenlebens, die Grundgegensätze ganzer Zeiten und doch auch wieder den Ausgleich von alldem jäh enthüllt, in der man in zusammengedrängter Stärke durchlebt, was sonst in Jahren nicht geschah - war vorüber.

Wir können sie nicht wieder zurückrufen, ob ihre Stimmung schon die einzig rechte für den Nachruf an einen großen Toten sein möchte. Aber auch so, wenn wir überdenken, was Außerordentliches denn hier geschehen ist, bleibt des Bedeutsamen genug: der erbittertste Gegner der Mitleidsmoral und der Nächstenliebe, der harte Geist, der einst die Zeilen schrieb: "wer fällt, den soll man auch noch stoßen" - er wird, als ihn die eigenen Flügel nicht mehr zu tragen vermochten, von den Fittichen des Mitleids und der Liebe der Nächsten treu bewahrt; und Mitleid und Liebe, die er einst geschmäht hatte, tragen ihm keinen Groll. Ihm, der über unsere Bildung und Gelehrsamkeit seinen Spott ergossen hat wie kein anderer, der da spricht: "ausgezogen bin ich aus dem Hause der Gelehrten und die Tür habe ich nocht hinter mir zugeworfen" - ihm huldigt die geistige Kultur der Zeit und die Wissenschaft legt ihm Lorbeerkränze auf sein Grab. Ein Mann, der die Bedeutung des Genies dahin steigerte, daß er das ganze Volk "nur als einen Umschweif der Natur" ansah, "um zu sechs, sieben großen Männern zu kommen", hat vielleicht seine wärmsten und treuesten Freunde in einfachen, schlichten Menschen gefunden. Und der unversöhnlichste Feind aller Religion, der Verfasser des Antichrist, wird auf einem christlichen Kirchhof einwandlos beerdigt und die Theologen beginnen schon, ihn als den Ihrigen in Anspruch zu nehmen. - Daß hier in der Tat etwas Außerordentliches vorliegt, sieht jedermann. Denn es wird wohl im Ernst niemand das Rätsel durch die Erklärung für gelöst halten, daß Liebe und Mitleid, Wissenschaft und Bildung, daß Pflichttreue und Selbstlosigkeit, Religion und Christentum dem Zerbrecher ihrer eigensten Werte aus reiner Großmut gehuldigt hätten. MAX STIRNER, der Vorläufer NIETZSCHEs, ist einsam und verlassen gestorben. Nein - wer sich am Grab NIETZSCHEs versammelte, wer heute um ihn trauert, hat ihn irgendwie zu den Seinigen gezählt. Und er hat recht daran getan: der rücksichtslose Prophet der Härte war selbst von weicher Zartheit und hilfsbereiter Güte; der dem Gelehrtentum den Rücken kehrte, hat in heißem Ringen nach Erkenntnis geforscht; der den Aristokratismus des Genies und des Übermenschen gelehrt, hat ein stilles und rechtliches Leben geführt, und - Zarathustra der Gottlose ist nicht ohne Frömmigkeit gewesen.

Wie NIETZSCHE diese Gegensätze in sich zur Einheit band, bleibt das Geheimnis seiner  Persönlichkeit.  Was in abstrakten Gedanken und seinem sprachlichen Ausdruck und darum auch in den Schriften NIETZSCHEs als widerspruchsvoll erscheint, kann in einem Überlogischen zu harmonischer Konsonanz zusammenklingen. In diesem Sinne findet das Ineinsfallen der Gegensätze, die coincidentia oppositorum, welche die Mystiker von Gott aussagen, in jeder Persönlichkeit statt. Haften nun die gegensätzlichen Züge an großen Ideen und sind sie ein jeder vollkräftig entwickelt, so spricht man von einer großen Persönlichkeit. Und so ist es auch an erster Stelle der  Verlust  einer großen Persönlichkeit,' den wir mit NIETZSCHEs Tod zu betrauern haben:
    "Volk und Knecht und Überwinder,
    Sie gesteh'n zu jeder Zeit:
    Höchstes Glück der Erdenkinder
    Sei nur die Persönlichkeit.
Ein Nachruf, der dem  ganzen  NIETZSCHE gälte, hätte also vor allem das Bild dieser eigenartigen und gewaltigen Persönlichkeit zu umreißen und von den zarten und verborgenen Tönen durch alle Zwischenstufen hindurch bis zu den glutvollen und glänzenden herauszuarbeiten. Das müßte leuchten und flammen bis in die tiefsten Schatten hinein. Er hätte sich in den Urgrund der genannten Gegensätze zu vertiefen und tastend zu verstehen, wie in einer erlösungsbedürftigen Natur ein bestimmter Zustand sein gerades Gegenteil als Ideal ersehnt, wie Weichheit nach Strenge, Schwere nach Leichte, menschliche Güte nach "göttlicher Bosheit", Frömmigkeit nach Entgötterung und ein gebrochener Wille nach Lebensbejahung drängt (bei SCHOPENHAUER war es umgekehrt); wie der über sich Hinausstrebende auch über das, was die Welt seine Tugenden nennt, noch hinausstrebt und der Welt damit teils unverständlich, teils verächtlich wird; und dann noch das Schwierigste: ob und inwieweit um die in Kontrast zum Untergrund der Persönlichkeit entstandenen Ideale sich wirklich noch eine Art von Oberschicht in Fühlen und Wollen bei NIETZSCHE kristallisiert hat; ob und inwieweit er wirklich noch der lachende, der tanzende, der harte Geist geworden ist. Weiter hätte ein Gedenkblat, das an NIETZSCHE dem Menschen nicht vorübergeht, der innerlichen Wirkung äußerer Lebensschicksale nachzuspüren, bedeute dieselbe nun Gewinn oder Verlust im Gesamtkapital der Persönlichkeit; es hätte zu untersuchen, inwieweit vielleicht der Druck der Pflichten in einer frühen Professur auf den jugendlichen Schultern zu sehr lastete, Verschiebungen und Verschränkungen in den Schwergewichten des persönlichen Innenlebens hervorrufend; vor allem aber, wie die "Sternenfreundschaft" mit RICHARD WAGNER und ihr tragischer Bruch - der eigentlich persönliche Lebensinhalt NIETZSCHEs - erst durch einen begeisterten Zusammenschluß, dann durch innere Vereinsamung seine Geisteskräfte nach entgegengesetzten Richtungen gesteigert, aber auch beidemal einseitig überspannt haben. - Auf solche und ähnliche Fragen darf jetzt nur hingewiesen werden - für ihre Lösung ist hier nicht der Ort. An dieser Stelle muß es sich um eine Würdigung des Philosophen NIETZSCHE, noch strenger der  Philosophie  NIETZSCHEs handeln.

Die Schwierigkeit der Aufgabe bei diesem persönlichsten und subjektivsten aller Denker wird niemand bestreiten. Der innige Zusammenhang von NIETZSCHEs Theoremen mit dem Wünschen und Hoffen, den Entzückungen und Enttäuschungen ihres Verkünders ist oft genug betont worden. Wie hier Werk und Mensch voneinander trennen, wo beide untrennbar verwachsen sind? Gewiß ist dieses Überwuchern des Persönlichen in NIETZSCHEs Weltanschauung ein tiefer Schaden und Wahrheit und Wert derselben werden dadurch schwer getroffen. Ist NIETZSCHEs Philosophie auch nicht ein chaotisches Meer wogender Stimmungsergüsse, wie manche wollen, so ist sie doch zweifelsohne in erster Linie ein  Niederschlag gefühlsmäßiger Erlebnisse.  Aber hier reift auch schon die erste Frucht ihrer Geistesarbeit. Was wir wissen, wußte NIETZSCHE auch. Er war ein Selbstbeobachter und Selbstergründer wie kein zweiter. Klar hat er den Ort gekannt, wo die Entstehungsquellen seiner eigenen Gedanken flossen und durch Analogie deutete er jede Philosophie aus den tiefsten Instinkten, dem Gefühls- und Willensleben des philosophierenden Subjekts. Das ist ein Gesichtspunkt, der sich durch alle Schriften hindurchzieht und im "Problem des SOKRATES" (Götzendämmerung) seinen zugespitztesten Ausdruck erfahren hat. Sicherlich hat NIETZSCHE den Anteil von Gefühl und Willen an der philosophischen Systembildung zu ausschließlich gefaßt und dadurch in all den Fällen überschätzt, in denen die überdenkende Vernunft schon von sich aus den Schwerpunkt behauptete oder doch den genannten Einflüssen gegenüber als wirksames Korrektiv aufgetreten ist; aber er hat uns gerade durch dieses überstarke Betonen und allzufeste Unterstreichen  einer  Seite an der philosophischen Produktion den Blick für die psychologischen Entstehungsbedingungen der einzelnen Systeme geschärft; wer hier unbefangen prüft, kann NIETZSCHEs fördernden Einfluß (mag er nun genannt oder nicht genannt werden) daran erkennen, daß in der Geschichte der Philosophie die historisch-kritische Methode sich zusehends zu einer historisch-psychologisch-kritischen Methode auswächst. Wiederum also müßte ein Nachruf an den ganzen NIETZSCHE das Werk hier aus den Grundzügen der schaffenden Persönlichkeit, seine Philosophie als innerstes Erlebnis zu verstehen suchen. Wie schwierig das ist, sieht jeder, der die zahllosen Bemühungen auf diesem Punkt einigermaßen kennt. Es bedürfte schon einer Feder, wie diejenige EMERSONs, um ein solches Problem mit Glück in Angriff zu nehmen. Zwischen "PLATO dem Philosophen", "SWEDENBORG dem Mystiker", "MONTAIGNE dem Skeptiker" hätte auch "NIETZSCHE der Romantiker"' unter den "Repräsentanten der Menschheit" seine geeignete Stelle gefunden.

Aber nicht nur von ihrer Ableitung aus dem persönlichen Quellgrund, auch von der Erörterung ganzer Teile der Philosophie NIETZSCHEs müssen wir absehen. Das Interesse dieser Blätte ist auf den wissenschaftlichen Teil derselben gerichtet. Damit aber - daß es gleich herausgesagt werde - auf den geringsten Teil. Große und wichtige, ja die wichtigsten Momente dieses Weltbildes treten dadurch in den Hintergrund: der religiös-apostolische, der kulturreformatorische, der künstlerisch-poetische Zug. In ihnen liegt auch die Einheit für die entgegengesetzten  Entwicklungsphasen  seiner Philosophie, deren Widersprüche die Kritik eifrig hervorgekehrt, er selbst tiefsinnig gedeutet hat. Einen ernstlich umstrittenen Posten behauptet von ihnen nur der  religiös-apostolische  Charakter. Wie? - bei NIETZSCHE, der die Welt bis in die verstecktesten Falten hinein entgötterte, kann ernstlich von Religion gesprochen werden? Und doch - NIETZSCHE  predigte  seine atheistischen Lehren hier mit derselben eindringlichen Innigkeit, dort mit der gleichen Glut des Fanatismus, wie etwa PASCAL oder KIERKEGAARD das Christentum. Auch war ihm jene Lehre innerste Herzensangelegenheit, es hing für ihn das Heil der Seele, der Menschheit, der Welt an derselben; und wie PASCAL und KIERKEGAARD ist auch NIETZSCHE ein Märtyrer seiner Weltanschauung geworden. Wie nun dieser Philosophie ein religiös-apostolischer Beruf innewohnt, weil ihr Urheber in der eigenen Stellung zu seiner Lehre und in deren Verkündigung eine Gefühlsintensität und Gefühlsfärbung verrät, welche wir sonst nur an religiösen Heroen beobachten, so ist auch ihre Wirkung von gleicher Art; zumal für junge Gemüter ist der "Zarathustra" ein Buch innerer Erweckung geworden. Aber so selbstverständlich es nun eigentlich ist, daß von der religiösen Strömung in einer solchen Philosophie nur der Form, nicht dem Inhalt nach, nur psychologisch, nicht systematisch gesprochen werden kann, etwa im SInne des Ausspruchs von GOTTFRIED KELLER: "ein leidenschaftlicher Liebhaber Gottes und ein leidenschaftlicher Leugner zögen im Grunde an demselben Wagen, von dem der eine ebensowenig loskommen könne, als der andere" - man begegnet doch immer wieder Stimmen, die in Rede und Schrift NIETZSCHE nur als einen verirrten Theologen und unglücklichen Liebhaber des Christentums hinzustellen trachten. Die Reinlichkeit des "intellektuellen Gewissens", welches gerade NIETZSCHE auf die feinsten Töne abzustimmen uns gelehrt haben sollte, verbietet jedoch aufs Nachdrücklichste eine subjektive Verwandtschaft, die zum besseren Verständnis eines schwierigen seelischen Tatbestandes dienen möchte, durch stillschweigende Umdeutung ins Objektive sich in eigener Angelegenheit zu nutze zu machen. NIETZSCHE ist so wenig und so viel ein religiöser Denker wie GIORDANO BRUNO; über ihre Stellung zum Inhalt der Religion haben beide Männer keinen Zweifel gelassen.

Der  kulturreformatorische  und der ästhetische Zug im Werk NIETZSCHEs sind oft und eingehend gewürdigt worden. NIETZSCHE ist ein Kind seiner Zeit, wie diese ihrerseits sein Kind genannt werden darf. Nicht so sehr sind es die großen ökonomischen und sozialen Bewegungen, die ihn befruchten; es ist der  Stimmungsgehalt der Kultur  aus dem letzten Drittel des Jahrhundert mit seinen polaren Schwankungen zwischen Idealismus und Realismus, Mystizismus und Positivismus, Raffinements- und Naivitätsbedürfnis, Krafterschöpfung und Kraftsteigerung, Dekadenz und Aszendenz, der sich bis in die zartesten Schwingungen und Schwebungen in NIETZSCHEs Schriften widespiegelt; von ihnen auf sich selbst zurückstrahlend empfängt er Verfeinerung und Verstärkung zugleich. Nur gegen eine einzige Tendenz der Zeit richtet sich NIETZSCHEs kulturreformatorischer Beruf mit aller Wucht: gegen die behagliche Sattheit des Bildungsphilisters. So kommt NIETZSCHE, der Zeitgemäße, dazu, "Unzeitgemäße Betrachtungen" zu schreiben.

Über die hohe  künstlerische  Bedeutung NIETZSCHEs, die Glut seiner Bilder, den Zauber seiner Sprache, die rhythmische Melodik der Diktion herrscht Einigkeit. Daß ein Teil der Zarathustra-Reden und die Dionysos-Dithyramben zum Schönsten gehören, was die deutsche Literatur besitzt, leugnet wohl niemand mehr; ebensowenig, daß NIETZSCHE seiner Prosa eine Ausdrucksfähigkeit in Kälte und Wärme zu geben verstand, wie zwischen ihm und GOETHE nur SCHOPENHAUER.

Wo bleibt nun in dieser reformatorischen und künstlerischen Philosophie noch Raum für die Wissenschaft? Während bei den klassischen Denkerns, wie PLATO, SPINOZA oder KANT, das Weltbild auf seinen Höhepunkten in eine der Religion oder Kunst verwandte Betrachtungsweise einmündet, es bis zu dieser Spitze aber doch im ganzen an logisch geschlossenen Gedankenreihen hinaufführt, tragen bei NIETZSCHE schon die Fundamente eine ästhetische Färbung. Die Teile, in denen NIETZSCHE forscht, methodisch beobachtet und aus Beobachtungen Schlüsse zieht, Schritt für Schritt vorgeht und hinter dem Objektiv- und Allgemeingültigen das Subjektiv- und Individuellgültige zurücktreten läßt, kurz, wo er Wissenschaft treibt, sind an Inhalt, Umfang und Ertrag die geringsten. Dadurch ist das Gleichgewicht in seiner Philosophie gestört und unsere logisch-wissenschaftlichen Bedürfnisse kommen zu kurz. Wohl hat auch NIETZSCHE eine Zeit gehabt (in der zweiten Periode seines Schaffens), in der er "den guten Wilen zur Helligkeit und Vernunft" und "den harten Tatsachensinn" über alles stellt und am kalten Trunk der Wissenschaft seinen brennenden Erkenntnisdurst zu stillen hoffte; doch an die Stelle nüchterner Forschung tritt alsbald - die Apotheose [Gottwerdung, wp] des nüchternen Forschers. Aber Geister wie NIETZSCHE sind reich - sie bauen nicht nur auf ihrem eigensten Gebiet; sie werfen - wie ZARATHUSTRA spricht - auch der Wissenschaft Fruchtkörner zu, und diese wird noch lange zu arbeiten haben, bis sie dieselben "zu Korn klein gemahlen und weißen Staub daraus gemacht hat". Allerdings wird man über die Stellung des wissenschaftlichen Teils in der Philosophie NIETZSCHEs mit seinem endgültigen Urteil noch zurückhalten müssen, bis der vorhandene Stoff aus der "Umwertung" veröffentlicht worden ist. Wem ein Einblick in das Manuskript vergönnt gewesen ist, der wird den Eindruck erhalten haben, als ob NIETZSCHE hier weit objektiver, methodischer und systematischer verfahren sei, als in seinen übrigen Werken.

NIETZSCHEs Verdienst um die  wissenschaftliche Philosophie  - soweit es sich schon jetzt ermessen läßt - ist ein dreifaches: sie empfängt von ihm neue Probleme, geistvolle Lösungsversuche und ein reiches Material an Einzelbeobachtungen. Ihren Hauptgewinn wird sie aus den  Problemstellungen  ziehen. NIETZSCHE hat einen Blick für das Fragwürdige in allem, wie keiner vor ihm. Und er hat wie kein anderer die Gabe, auch das Untergründige und Unaussprechbare mit dem Netz des sprachlichen Ausdrucks unfehlbar einzufangen und ans Licht zu ziehen. So ist er der große Problemsteller der neuen Zeit geworden. Hier wird die Wissenschaft noch manche Fragen hinzufügen können - schärfer präzisieren wird sie die von NIETZSCHE gestellten kaum. Wo er aber  Lösungen  gibt, ist die Übernahme seines Erbes eine schwerere Aufgabe. Nur selten wird von einer Aneignung im Sinne einer unbedingten Zustimmung die Rede sein dürfen. Aber seine Thesen werden als Hypothesen auf manchen Gebieten noch der kommenden gelehrten Forschung den Weg erleuchten; man wird versuchen, in ihrem Licht systematisch und methodisch den Tatsachenbestand zu gruppieren und vom Ausfall dieses Versuchs, der noch manche mühselige Einzelarbeit auf lange Zeit beschäftigen mag, wird es abhängen, ob den Antworten NIETZSCHEs ein ähnlicher Wert beizulegen ist, wie seinen Fragen. Das reiche Material an  Einzelbeobachtungen  aber, das NIETZSCHE hinterlassen hat und von dem noch große Schätze in seinen unveröffentlichen Notizbüchern verborgen liegen, bleibt allezeit für den Psychologen, den Ethiker, Ästhetiker, Kulturhistoriker und Religionsphilosophen eine Fundgrube anregender und befruchtender, von ihrem verschwenderischen Schöpfer zum Teil noch ganz unausgenutzter Ideen.

NIETZSCHE hat zum ersten Mal in Deutschland mit der Übertragung des DARWINschen Evolutionismus auf den Boden der Geisteswissenschaften  Ernst  gemacht. Der Grundgedanke der Philosophie NIETZSCHEs ist daher, von der wissenschaftlichen Seite gefaßt, der  biologische.  Überall fragt und forscht er nach den Beziehungen der einzelnen Gebiete zum Leben. Seine  biologische  Erkenntnistheorie, welche aus der objektiven und nüchternen Darstellung aus den Fragmenten zur "Umwertung" ziemlich vollständig zu ersehen ist (hier wird die bevorstehende Veröffentlichung vermutlich bedeutsame Korrekturen am Bild, das sich die Wissenschaft von NIETZSCHE zu machen pflegt, bewirken), fragt nicht: was ist wahr? sondern: was muß aus den Lebensbedingungen heraus notwendig als wahr erscheinen? Sind uns nicht gewisse Grundirrtümer "einverleibt", weil der Glaube an sie allein arterhaltend und lebensfördernd ist? Begriffe wie die der Dinglichkeit, der Substanz, der Gleichheit usw. sind solche Vorstellungen, die darum noch nicht wahr sind, weil das Leben an ihnen hängt. "Wenn wir alles  Notwendige"  - schreibt NIETZSCHE einmal - "in unserer jetzigen Denkweise feststellen, so haben wir nichts für  das Wahre an sich  bewiesen, sondern nur  das Wahre für uns,  das heißt das Dasein-uns-Ermöglichende aufgrund der Erfahrung - und der Prozeß ist so alt, daß Umdenken unmöglich ist. Alles a priori gehört hierher." So bilden die Prinzipien der menschlichen Erkenntnis bei NIETZSCHE den Ausdruck einer biologischen Notwendigkeit; bei HUME sind sie der Ausdruck eines psychologischen, bei KANT eines logischen Zwanges. Der Gesichtspunkt NIETZSCHEs wird neben den beiden anderen Sein Recht behaupten.

Aber die breiteste Wucht und die feinste Schärfe seines Denkens hat NIETZSCHE auf die  Moralphilosophie  verwandt. Hier strömen ihm die biologischen Ideen von allen Seiten zu. Die Theorie der sittlichen Werte ist sein eigentliches Thema. Wie KANT von sich sagte, daß er das Schicksal habe, in die Metaphysik verliebt zu sein, und sie doch zerstören mußte, so hat NIETZSCHE mit seinem ganzem Herzen an den sittlichen Werten gehangen, deren kritische Zerstörung er doch vollzog. Wenn wir heute in der wissenschaftlichen Ethik von einem Wert- und Schätzungsproblem, von der Psychologie der Wertgefühle, von Wertwandlung und Umwertung als von den wichtigsten Untersuchungsobjekten dieser Disziplin sprechen, so sollten wir, was doch so häufig nicht geschieht, stets des Mannes gedenken, der die großen Fragezeichen hier an die rechten Stellen gerückt hat. NIETZSCHE hat weder als der einzige noch als der erste diese Fragen behandelt, aber er hat sie mit einer Eindringlichkeit gestellt und mit einer Großzügigkeit beantwortet, daß sie dem wissenschaftlichen Gewissen der Zeit als unveräußerliche Aufgabe eingegraben sind. Wer das bezweifelt, braucht nur die moralphilosophische Literatur (und zwar die wissenschaftliche) daraufhin durchzusehen, welche Rolle die genannten Begriffe vor und nach dem Auftreten NIETZSCHEs in derselben spielen.

Drei monumentale Fragen umspannen bei NIETZSCHE das Gebiet der Sittenlehre: welche Entwicklung haben die ethischen Werte seit ihrem Ursprung bis heute, den jeweiligen Lebensbedingungen gemäß, durchgemacht? In welchem Stadium befinden sie sich in unserer Zeit? Zu welchen neuen Zielen drängen sie hin? Die Kühnheit der NIETZSCHEschen Lösungen ist bekannt. Ihren Wert wird man so oder so abschätzen. Unbestreitbar aber ist die Bedeutung ihrer großen Vorarbeiten: die Analyse der moralischen Instinkte bis in die feinsten Schwebungen des sittlichen Bewußtseins, die  Psychologie der Wertgefühle  im Individuum und in den Massen. Mit diesen Untersuchungen rückt NIETZSCHE in der Philosophiegeschichte ebenbürtig an die Seite der großen französischen Renaissance-Philosophen MONTAIGNE, CHARRON, LA ROCHEFOUCAULD, PASCAL.

Noch viel bliebe über den Biologismus NIETZSCHEs zu sagen übrig: über seine Auffassung in der  Ästhetik  von der lebenserhöhenden Aufgabe der Kunst, über den biologischen Charakter selbst seiner  Metaphysik,  der Lehre von der "ewigen Wiederkunft", die uns erst jüngst aus arger Entstellung in ihrer wahren Gestalt von berufener Seite aufgezeigt worden ist; aber der Raum gebietet uns einzuhalten.

Was schon zu Anfang gesagt wurde, sei zum Schluß noch einmal betont: der wissenschaftliche Teil ist der geringste an der Philosophie NIETZSCHEs. Ihr Schwergewicht liegt in der Absicht: die Menschheit zu einer freieren und kühneren Lebensrichtung zu erziehen. Ist der Philosoph nach KANT der Lehrer des Ideals, so ist auch NIETZSCHE ein Philosoph in dieser höchsten Bedeutung des Wortes. Sucht man sich an den Vorbildern, wie sie andere Denker aufgestellt haben, über die Bedeutung des NIETZSCHEschen Ideals zurechtzufinden, so fallen dem Kundigen gleich SCHOPENHAUER und SPINOZA ein. Mit SCHOPENHAUER steht NIETZSCHE, auch in der Zeit der Verleugnung SCHOPENHAUERs, auf voluntaristischem Boden: der Wille ist das Wesen der Welt, des Menschen, des Lebens. Mit SPINOZA bejaht er Natur, Leben und Notwendigkeit. Aber während SPINOZA diese Lebensbejahung mit intellektualistischer Grundtendenz verkündet, tritt NIETZSCHE für die Lebensbejahung auf voluntaristischem Boden ein. Demgemäß wird jeder dieser Männer zum Lehrer eines neuen Ideals: SPINOZA stellt als Vorbild den Weisen hin, SCHOPENHAUER den Heiligen und FRIEDRICH NIETZSCHE - den  Helden.  Damit rückt er ein in die Reihe jener Männer, welche das Land, dem sie angehören und das ist die Welt, mit Stolz zu ihren Großen zählt.
LITERATUR, Raoul Richter, Friedrich Nietzsche - Nachruf, Vierteljahrsschrift für wissenschaftliche Philosophie, Bd. 24, Leipzig 1900