cr-4Nietzsche als ErzieherÜber Wahrheit und LügeUwe SpörlMauthner    
 
FRIEDRICH NIETZSCHE
(1844-1900)
Erkenntnis

"An dem Bau der Begriffe arbeitet ursprünglich, wie wir sahen, die Sprache, im späteren die Wissenschaft. Wie die Biene zugleich an den Zellen baut und die Zellen mit Honig füllt, so arbeitet die Wissenschaft unaufhaltsam an jenem großen Columbarium (Urnenhalle) der Begriffe, der Begräbnisstätte der Anschauung, baut immer neue und höhere Stockwerke, stützt, reinigt, erneuert die alten Zellen, und ist vor allem bemüht, jenes in's Ungeheure aufgetürmte Fachwerk zu füllen und die ganze empirische Welt, d.h. die anthropomorphische (vermenschlichte) Welt, hineinzuordnen."

Die Bedeutung der Sprache für die Entwicklung der Kultur liegt darin, daß in ihr der Mensch eine eigene Welt neben die andere stellte, einen Ort, welchen er für so fest hielt, um von ihm aus die übrige Welt aus den Angeln zu heben und sich zum Herrn derselben zu machen. Insofern der Mensch an die Begriffe und Namen der Dinge als an "aeternae veritates" (ewige Wahrheiten) durch lange Zeitstrecken hindurch geglaubt hat, hat er sich jenen Stolz angeeignet, mit der er sich über das Tier erhob: er meinte wirklich, in der Sprache die Erkenntnis der Welt zu haben. Der Sprachbildner war nicht so bescheiden zu glauben, daß er den Dingen eben nur Bezeichnungen gebe, er drückte vielmehr, wie er wähnte, das höchste Wissen über die Dinge in Worten aus; in der Tat ist die Sprache die erste Bemühung um die Wissenschaft. Der Glaube an die erfundene Wahrheit ist es auch hier, aus dem die mächtigsten Kraftquellen geflossen sind. Sehr nachträglich - jetzt erst - dämmert es den Menschen auf, daß sie einen ungeheuerlichen Irrtum in ihrem Glauben an die Sprache propagiert haben. (Glücklicherweise ist es zu spät, als daß es die Entwicklung der Vernunft, die auf diesem Glauben beruht, wieder rückgängig machen könnte.)

Auch die Logik beruht auf Voraussetzungen, denen nichts in der wirklichen Welt entspricht, zum Beispiel auf der Voraussetzung der Gleichheit von Dingen, der Identität desselben Dings in verschiedenen Punkten der Zeit: aber die Wissenschaft entstand durch den entgegengesetzten Glauben (daß es dergleichen in der wirklichen Welt allerdings gebe). Ebenso steht es mit der Mathematik, welche gewiß nicht entstanden wäre, wenn man von Anfang an gewußt hätte, daß es in der Natur keine exakt gerade Linie, keinen wirklichen Kreis, kein absolutes Größenmaß gebe.(1)

Wer zum Beispiel das "Gleiche" nicht oft genug aufzufinden wußte, in Betreff auf Nahrung oder in Betreff der ihm feindlichen Tiere, wer also zu langsam subsumierte (einordnete), zu vorsichtig in der Subsumtion war, hatte nur geringe Wahrscheinlichkeit des Fortlebens, als der, welcher bei allem Ähnlichen sofort auf Gleichheit riet. Der überwiegende Hang aber, das Ähnliche als gleich zu behandeln, ein unlogischer Hang - denn es gibt ansich nichts Gleiches -, hat erst alle Grundlage der Logik geschaffen. Ebenso mußte, damit der Begriff der Substanz entstehe, der unentbehrlich für die Logik ist, obgleich ihm im strengsten Sinne nichts Wirkliches entspricht, - lange Zeit das Wechselnde anden Dingen nicht gesehen, nicht empfunden worden sein.(2)

An dem Bau der Begriffe arbeitet ursprünglich, wie wir sahen, die Sprache, im späteren die Wissenschaft. Wie die Biene zugleich an den Zellen baut und die Zellen mit Honig füllt, so arbeitet die Wissenschaft unaufhaltsam an jenem großen Columbarium (Urnenhalle) der Begriffe, der Begräbnisstätte der Anschauung, baut immer neue und höhere Stockwerke, stützt, reinigt, erneuert die alten Zellen, und ist vor allem bemüht, jenes ins Ungeheure aufgetürmte Fachwerk zu füllen und die ganze empirische Welt, d.h. die anthropomorphische (vermenschlichte) Welt, hineinzuordnen. Wenn schon der handelnde Mensch sein Leben an die Vernunft und ihre Begriffe bindet, um nicht fortgeschwemmt zu werden und sich nicht selbst zu verlieren, so baut der Forscher seine Hütte dicht an den Turmbau der Wissenschaft, um an ihm mithelfen zu können und selbst Schutz unter dem vorhandenen Bollwerk zu finden. Und Schutz braucht er: denn es gibt furchtbare Mächte, die fortwährend auf ihn eindringen, und die der wissenschaftlichen Wahrheit ganz anders geartete "Wahrheiten" mit den verschiedenartigsten Schildzeichen entgegenhalten.(3)

Die Worte liegen uns im Wege! Überall, wo die Uralten ein Wort hinstellten, da glaubten sie eine Entdeckung gemacht zu haben. Wie anders stand es in Wahrheit! - sie hatten an ein Problem gerührt, und indem sie wähnten, es gelöst zu haben, hatten sie ein Hemmnis der Lösung geschaffen. - Jetzt muß man bei jeder Erkenntnis über steinharte verewigte Worte stolpern, und wird dabei eher ein Bein brechen, als ein Wort.(4)

Die Erfindung der Gesetze der Zahlen ist auf Grund des schon herrschenden Irrtums gemacht, daß es mehrere gleiche Dinge gebe (aber tatsächlich gibt es nichts Gleiches), mindestens, daß es Dinge gebe, (aber es gibt kein "Ding"). Die Annahme der Vielheit setzt schon immer voraus, daß es "etwas" gebe, was vielfach vorkommt: aber gerade hier schon waltet der Irrtum, schon da fingieren wir Wesen, Einheiten, die es nicht gibt. - Unsere Empfindungen von Raum und Zeit sind falsch, denn sie führen, konsequent geprüft, auf logische Widersprüche. Bei allen wissenschaftlichen Feststellungen rechnen wir unvermeidlich immer mit einigen falschen Größen: aber weil diese Größen wenigstens konstant sind, wie zum Beispiel unsere Raum- und Zeitempfindungen, so bekommen die Resultate der Wissenschaft doch eine vollkommene Strenge und Sicherheit in ihrem Zusammenhang miteinander: man kann auf ihnen fortbauen - bis an jenes letzte Ende, wo die irrtümliche Grundannahme, jene konstanten Fehler, in Widerspruch mit den Resultaten treten, zum Beispiel in der Atomlehre.

Da fühlen wir uns noch zu der Annahme eines "Dinges" oder stofflichen "Substrats", das bewegt wird, gezwungen, während die ganze wissenschaftliche Prozedur aber die Aufgabe verfolgt hat, alles Dingartige (Stoffliche) in Bewegungen aufzulösen: wir scheiden auch hier noch mit unserer Empfindung Bewegendes und Bewegtes und kommen aus diesem Zirkel nicht heraus, weil der Glaube an Dinge mit unserem Wesen von alters her verknotet ist. - Wenn KANT sagt "der Verstand schöpft seine Gesetze nicht aus der Natur, sondern schreibt sie dieser vor", so ist dies in Hinsicht auf den Begriff "Natur" völlig wahr, welchen wir genötigt sind mit ihr zu verbinden (Natur = Welt als Vorstellung, d.h. Welt als Irrtum), welcher aber die Aufsummierung einer Menge von Irrtümern des Verstandes ist. - Auf eine Welt, welche "nicht" unsere Vorstellung ist, sind die Gesetze der Zahlen gänzlich unanwendbar: diese gelten allein in der Menschenwelt.(5)

"Erklärung" nennen wir's: aber "Beschreibung" ist es, was uns vor älteren Stufen der Erkenntnis und Wissenschaft auszeichnet. Wir beschreiben besser - wir erklären ebensowenig, wie alle Früheren. Wir haben da ein vielfaches Nacheinander aufgedeckt, wo der naive Mensch und Forscher älterer Kulturen zweierlei sah, "Ursache" und "Wirkung", wie die Rede lautete; wir haben das Bild des Werdens vervollkommnet, aber wir sind über das Bild, hinter das Bild nicht hinausgekommen. Die Reihe der "Ursachen" steht viel vollständiger in jedem Fall vor uns: wir schließen: dies und das muß erst vorangehen, damit jenes folge - aber "begriffen" haben wir damit nichts. Die Qualität, zum Beispiel bei jedem chemischen Werden, erscheint nach wie vor als ein "Wunder", ebenso jede Fortbewegung; niemand hat den Stoß "erklärt".

Wie könnten wir auch erklären! Wir operieren mit lauter Dingen, die es nicht gibt, mit Linien, Flächen, Körpern, Atomen, teilbaren Zeiten, teilbaren Räumen -, wie soll Erklärung auch nur möglich sein, wenn wir alles erst zum "Bilde" machen, zu unserem Bilde! Es ist genug, die Wissenschaft als möglichst getreue Anmenschlichung der Dinge zu betrachten, wir lernen immer genauer uns selber beschreiben, indem wir die Dinge und ihr Nacheinander beschreiben. Ursache und Wirkung: eine solche Zweiheit gibt es wahrscheinlich nie - in Wahrheit steht ein Kontinuum vor uns, von dem wir ein paar Stücke isolieren; so wie wir eine Bewegung immer nur als isolierte Punkte wahrnehmen, also eigentlich nicht sehen, sondern erschließen. Die Plötzlichkeit, mit der sich viele Wirkungen abheben, führt uns irre; es ist aber nur eine Plötzlichkeit für uns. Es gibt eine unendliche Menge von Vorgängen in dieser Sekunde der Plötzlichkeit, die uns entgehen. Ein Intellekt, der Ursache und Wirkung als Kontinuum, nicht nach unserer Art als willkürliches Zerteilt- und Zerstücktsein sähe, der den Fluß des Geschehens sähe - würdeden Begriff Ursache und Wirkung und alle Bedingtheit leugnen.(6)

Hüten wir uns zu sagen, daß es Gesetze in der Natur gebe. Es gibt nur Notwendigkeiten: Da ist keiner, der befiehlt, keiner, der gehorcht, keiner, der übertritt. Wenn ihr wißt, daß es keine Zwecke gibt, so wißt ihr auch, daß es keinen Zufall gibt; denn nur neben einer Welt von Zwecken hat das Wort "Zufall" einen Sinn. Hüten wir uns zu sagen, daß der Tod dem Leben entgegengesetzt sei. Das Lebende ist nur eine Art des Toten, und eine sehr seltene Art. (7) Die Gewohnheiten unserer Sinne haben uns in Lug und Trug der Empfindung eingesponnen: diese wieder sind die Grundlagen all unserer Urteile und "Erkenntnisse" - es gibt durchaus kein Entrinnen, keine Schlupf und Schleichwege in die "wirkliche" Welt! Wir sind in unserem Netze, wir Spinnen, und was wir auch fangen, wir können gar nichts anderes fangen, als was sicheben in unserem Netze fangen läßt.(8)

Erkenne! Ja! Aber immer als Mensch! Wie? Immer vor der gleichen Komödie sitzen, in der gleichen Komödie spielen? Niemals aus anderen als "diesen" Augen in die Welt sehen können? Und wieviele unzählbare Arten von Wesen mag es geben, deren Organe besser zur Erkenntnis taugen! Was wird am Ende aller ihrer Erkenntnis die Menschheit erkannt haben? - ihre Organe! Und das heißt vielleicht die Unmöglichkeit der Erkenntnis! (9) Es hat gewiß jeder Mensch, so oft er sich einmal recht deutlich von der ewigen Konsequenz, Allgegenwärtigkeit und Unfehlbarkeit der Naturgesetze überzeugte, den Schluß gemacht: hier ist alles, so weit wir dringen, nach der Höhe der teleskopischen und nach der Tiefe der mikroskopischen Welt, so sicher, ausgebaut, endlos, gesetzmäßig und ohne Lücken; die Wissenschaft wird ewig in diesen Schachten mit Erfolg zu graben haben und alles Gefundene wird zusammenstimmen und sich nicht widersprechen. Wie wenig gleicht dies einem Phantasie-Erzeugnis: denn wenn es dies wäre, müßte es doch irgendwie den Schein und die Unrealität erraten lassen. Dagegen ist einmal zu sagen: hätten wir noch, jeder für sich eine verschiedenartige Sinnesempfindung, könnten wir selbst nur bald als Vogel, bald als Wurm, bald als Pflanze wahrnehmen, oder sähe der eine von uns den selben Reiz als "rot", der andere als "blau", hörte ihn ein Dritter sogar als Ton, so würde niemand von einer solchen Gesetzmäßigkeit der Natur reden, sondern sie nur als höchst subjektives Gebilde begreifen.

Sodann: was ist für uns überhaupt ein Naturgesetz; es ist uns nicht ansich bekannt, sondern nur in seinen Wirkungen, d.h. in seinen Relationen zu anderen Naturgesetzen, die uns wieder nur als Relationen bekannt sind. Also verweisen alle diese Relationen immer wieder nur auf einander und sind uns in ihrem Wesesn unverständlich durch und durch; nur das, was wir hinzubringen, die Zeit, der Raum, als Folgeverhältnisse und Zahlen sind uns wirklich daran bekannt. Alles Wunderbare aber, das wir gerade an den Naturgesetzen anstaunen, liegt gerade und ganz allein nur in der mathematischen Strenge und Unverbrüchlichkeit der Zeit- und Raumvorstellungen. Diese aber produzieren wir in uns und aus uns mit jener Notwendigkeit, mit der die Spinne spinnt; wenn wir gezwungen sind, alle Dinge nur unter diesen Formen zu begreifen, so ist es dann nicht mehr wunderbar, daß wir an allen Dingen eigentlich nur eben diese Formen begreifen: denn sie alle müssen die Gesetze der Zahl an sich tragen, und die Zahl gerade ist das Erstaunlichste in den Dingen.

Alle Gesetzmäßigkeit, die uns im Sternenlauf und im chemischen Prozess so imponiert, fällt im Grunde mit jenen Eigenschaften zusammen, die wir selbst an die Dinge heranbringen, so daß wir uns damit selber imponieren. Dabei ergibt sich allerdings, daß jene künstliche Metaphernbildung, mit der in uns jede Empfindung beginnt, bereits jene Formen voraussetzt, also in ihnen vollzogen wird; nur aus dem festen Verharren dieser Urformen erklärt sich die Möglichkeit, wie nachher wieder aus den Metaphern selbst ein Bau der Begriffe konstituiert werden sollte. Dieser ist nämlich eine Nachahmung der Zeit-, Raum- und Zahlenverhältnisse auf dem Boden der Metaphern.(10) Die vermeintliche Wirklichkeit ist nichts, als ein phantastisch läppisches Getändel.(11) Das Sprechen, ja das Denken wird mir verhaßt: höre ich denn nicht hinter jedem Worte den Irrtum, die Einbildung, den Wahngeist lachen?(12)

Unsere gewohnte ungenaue Beobachtung nimmt eine Gruppe von Erscheinungen als eins und nennt sie ein Faktum: zwischen ihm und einem anderen Faktum denkt sie sich einen leeren Raum hinzu, sie "isoliert" jedes Faktum. In Wahrheit aber ist all unser Handeln und Erkennen keine Folge von Fakten und leeren Zwischenräumen, sondern ein beständiger Fluß. Nun ist der Glaube an die Freiheit des Willens gerade mit der Vorstellung eines beständigen, einartigen, ungeteilten, unteilbaren Fließens unverträglich: er setzt voraus, daß jede einzelne Handlung isoliert und unteilbar ist; er ist eine "Atomistik" im Bereiche des Wollens und Erkennens. - Gerade so wie wir Charaktere ungenau verstehen, so machen wir es mit den Fakten: wir spechen von gleichen Charakteren, gleichen Fakten: beide gibt es nicht. Nun loben und tadeln wir aber nur unter diesen falschen Voraussetzungen, daß es "gleiche" Fakta gebe, daß eine abgestufte Ordnung von Gattungen der Fakten vorhanden sei, welcher eine abgestufte Wertordnung entspreche: als wir isolieren nicht nur das einzelne Faktum, sondern auch wiederum Gruppen von angeblich gleichen Fakten (gute, böse, mitleidige, neidische Handlungen usw.) - beide male irrtümlich.

Das Wort und der Begriff sind der sichtbarste Grund weshalb wir an diese Isolation von Handlungsgruppen glauben: mit ihnen bezeichnen wir nicht nur die Dinge, wir meinen ursprünglich durch sie das "Wahre" derselben zu erfassen. Durch Worte und Begriffe werden wir jetzt noch fortwährend verführt, die Dinge uns einfacher zu denken, als sie sind, getrennt voneinander, untelbar, jedes an und für sich seiend. Es liegt eine philosophische Methode in der Sprache versteckt, welche alle Augenblicke wieder herausbricht, so vorsichtig man sonst auch sein mag. Der Glaube an die Freiheit des Willens, das heißt der "gleichen" Fakten und der isolierten Fakten -, hat in der Sprache seinen beständigen Evangelisten und Anwalt.(13)

Der ungeheuren Tapferkeit und Weisheit KANTs und SCHOPENHAUERs ist der schwerste Sieg gelungen, der Sieg über den im Wesen der Logik verborgenen Optimismus, der wiederum der Untergrund unserer Kultur ist. Wenn dieser an die Erkennbarkeit und Ergründlichkeit aller Welträtsel, gestützt auf die ihm unbedenklichen "aeternae veritas" (ewige Wahrheiten), geglaubt und Raum, Zeit und Kausalität als gänzlich unbedingte Gesetze von allgemeinster Gültigkeit behandelt hatte, offenbarte KANT, wie diese eigentlich nur dazu dienten, die bloße Erscheinung, das Werk der Maja (des Scheins), zur einzigen und höchsten Realität zu erheben und sie an die Stelle des innersten und wahren Wesens der Dinge zu setzen und die wirkliche Erkenntnis von diesem dadurch unmöglich zu machen, d.h. nach einem SCHOPENHAUERschen Ausspruch, "den Träumer noch fester einzuschläfern". Mit dieser Erkenntis ist eine Kultur eingeleitet, welche ich als eine "tragische" zu bezeichnen wage: deren wichtigstes Merkmal ist, daß an die Stelle der Wissenschaft als höchstes Ziel die Weisheit gerückt wird, die sich ungetäuscht und durch die verführerischen Ablenkungen der Wissenschaften, mit unbewegtem Blicke dem Gesamtbilde der Welt zuwendet und in diesem das ewige Leiden mit sympathischer Liebesempfindung als das eigene Leiden zu ergreifen sucht.(14)

Es ist eine tiefsinnige Wahnvorstellung: jener unerschütterliche Glaube, daß das Denken, an dem Leitfaden der Kausalität, bis in die tiefsten Abgründe des Seins reiche.(15) Nun aber eilt die Wissenschaft, von ihrem kräftigen Wahne angespornt, unaufhaltsame bis zu ihren Grenzen, an denen ihr im Wesen der Logik verborgener Optimismus scheitert. Denn die Peripherie des Kreises der Wissenschaft hat unendlich viele Punkte, und während noch gar nicht abzusehen ist, wie jemals der Kreis ausgemessen werden könnte, so trifft doch der edle und begabte Mensch noch vor der Mitte seines Daseins und unvermeidlich auf solche Grenzpunkte der Peripherie, wo er in das Unaufhellbare starrt. Wenn er hier zu seinem Schrecken sieht, wie die Logik sich an diesen Grenzen um sich selber ringelt und endlich sich in den Schwanz beißt - da bricht die neue Form der Erkenntnis durch, die "tragische Erkenntnis", die, um nur ertragen zu werden, als Schutz und Heilmittel die Kunst braucht.(16)


    LITERATUR
  1. Menschliches - Allzumenschliches, Frankfurt/Main 1982, Seite 24f
  2. Die fröhliche Wissenschaft, Werke II, (Hrsg. Karl Schlechta), Frankfurt/Berlin/Wien 1984, Seite 392f
  3. Nachgelassene Schriften/ Über Wahrheit und Lüge im außermoralischen Sinn (Kritische Sammelausgabe I,
    Hrsg: Colli/ Montinari, München 1988, Seite 886
  4. Morgenröte, Werke II, (Hrsg. Karl Schlechta), Frankfurt/Berlin/Wien 1984, Seite 45
  5. Menschliches - Allzumenschliches, Frankfurt/Main 1982, Seite 33f
  6. Die fröhliche Wissenschaft, Werke II, (Hrsg. Karl Schlechta), Frankfurt/Berlin/Wien 1984, Seite 394
  7. Die fröhliche Wissenschaft, Werke II, (Hrsg. Karl Schlechta), Frankfurt/Berlin/Wien 1984, Seite 390
  8. Morgenröte, Werke II, (Hrsg. Karl Schlechta), Frankfurt/Berlin/Wien 1984, Seite 92
  9. Morgenröte, Werke II, (Hrsg. Karl Schlechta), Frankfurt/Berlin/Wien 1984, Seite 242
  10. Nachgelassene Schriften/ Über Wahrheit und Lüge im außermoralischen Sinn (Kritische Sammelausgabe I, Hrsg. Colli/Montinari, München 1988, Seite 885f
  11. Die Geburt der Tragödie, Kritische Sammelausgabe I, (Hrsg. Colli/Montinari, München 1988, Seite 125
  12. Morgenröte, Werke II, (Hrsg. Karl Schlechta), Frankfurt/Berlin/Wien 1984, Seite 219
  13. Menschliches - Allzumenschliches, Frankfurt/ Main 1982, Seite 452f
  14. Die Geburt der Tragödie, (Kritische Sammelausgabe I, Hrsg. Colli/Montinari, München 1988, Seite 118
  15. Die Geburt der Tragödie, Kritische Sammelausgabe I, (Hrsg. Colli/Montinari, München 1988, Seite 99
  16. Die Geburt der Tragödie, Kritische Sammelausgabe I, (Hrsg. Colli/Montinari, München 1988, Seite 101