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AGNES TAUBERT
Der Pessimismus und seine Gegner

"Es ist ein elend jämmerlich Ding um aller Menschen Leben, vom Mutterleib an, bis sie in die Erde begraben werden, die unser aller Mutter ist." - Jesus Sirach 40, 1

I.
Einleitung

Der Pessimismus ist so alt wie die Reflexion des Menschen über sich und sein Leben. Seine ersten Spuren reichen so weit zurück, wie die frühesten Denkmäler der Literatur. In vielen Völkern bildete und bildet er die anerkannte Grundansicht über das menschliche Leben; in den wichtigsten Religionen ist er als mitbestimmende Doktrin für den ganzen Charakter der religiösen Weltanschauung aufgenommen worden. Als integrierender Bestandteil eines von keiner Religion direkt abhängigen philosophischen Systems ist er zuerst von SCHOPENHAUER in die Wissenschaft eingeführt worden. Die aus dem Wesen des Pessimismus nicht unmittelbar sich ergebende Verquickung desselben mit asketischem Quietismus wirkte in den Augen der energischen und strebsamen Norddeutschen diskreditieren auf die pessimistische Lehre zurück; den Gegner war es durch die Persönlichkeit des Frankfurter Sonderlings leicht gemacht, seine Lehre als einen Ausfluß seiner subjektiven Stimmung ohne objektive Bedeutung zu erklären und der Mangel einer zusammenhängenden wissenschaftlichen Begründung ließ eine umfassendere Bekämpfung des wesentlich auf einer Reihe geistreicher Apercus gestützten SCHOPENHAUERschen Pessimismus ziemlich überflüssig erscheinen. Nichtsdestoweniger schuf sich SCHOPENHAUER in gleichgestimmten Seelen eine zwar kleine, aber stetig wachsende Gemeinde, deren weitverbreitete Nachwirkung namentlich in der schönen Literatur der letzten Dezennien mächtig hervortraten. Indem EDUARD von HARTMANN in seiner Philosophie des Unbewußten die ungesunde Verbindung des Pessimismus mit dem Quietismus löste, den Pessimismus durch seine Synthese mit evolutionistischem Optimismus auch energischen Naturen annehmbar machte, eine wenn auch immer nur kurz gefaßte, doch systematisch aufgebaute Begründung desselben versuchte und die so geläuterte und befestigte Lehre durch zahlreiche Auflagen in weitere Kreise des Publikums hinaustrug, erwuchs den Gegner des Pessimismus die Aufgabe, der immer schneller um sich greifenden Doktrin nachdrücklich entgegenzutreten. Dies ist dann auch von verschiedenen Seiten geschehen.

J. C. FISCHER gehört zu jenen Plebejern des Geistes, welche nur deswegen da zu sein scheinen, um der von ihnen bekämpften Sache ein Relief zu geben; in der Form sich der Haltung ultramontaner Schmutzblätter befleissigend, gehört er inhaltlich zu jenen kurzsichtigen Materialisten, welche GRILLPARZER so trefflich in seinem Epigramm skizziert:
    "Ihr habt der Wesen Grund ergründet,
    Die Gottheit selber liegt euch auf der Hand,
    Wenn ja ihr etwas unbegreiflich findet,
    Ist's, daß man je es unbegreiflich fand!"
Glücklicherweie haben wir uns mit demselben nicht näher zu beschäftigen, da sie bereits Dr. CARL Freiherr du PREL das Verdienst erworben hat, demselben eine gründliche Abfertigung angedeihen zu lassen. (1)

Als Nachtreter FISCHERs ist der renommierte Kulturhistoriker Professor Dr. HENNE-AM-RHYN zu bezeichnen, obwohl derselbe den verunglückten Versuch macht, seinen Standpunkt durch die Bezeichnung "Universalismus" von dem des Materialismus zu unterscheiden. Wäre ihm du PRELs Schrift ebenso zur Hand gewesen, wie die J. C. FISCHERs, so wäre kaum zu begreifen, woher er den Mut genommen hat, sich in einer Sache zum Richter aufzuwerfen, der er in keiner Weise gewachsen ist. Seine Gehässigkeit gegen die Philosophie des Unbewußten scheut selbst nicht vor dem einfältigen Mittel der für jeden Kundigen durchsichtigen Verleumdung zurück, daß HARTMANN zur Vermeidung des Übels (des Liebesschmerzes) die Kastration empfiehlt. (2)

Dr. LUDWIG WEIS nimmt im Vergleich mit den Vorgenannten eine schon verhältnismäßig achtungswerte Stellung ein; gleichwohl erweist auch er sich als ein Dilettant (wenn wir nicht irren seines Zeichen ein Chemiker), als ein Dilettant im schlimmsten Sinne, dem alle Vorbedingungen eines Kritikers auf philosophischem Gebiet abgehen und der deshalb trotz der wohlmeinendsten Absichten und einer ganz respektablen allgemeinen Bildung zu keinem Verständnis metaphysischer Probleme gelangt und sich in seinem polemischen Eifer auch in Dingen, die wohl in seinem Gesichtskreis gelegen hätten, arge Blößen gibt. Es ist in der Tat ein deprimierender Gedanke, daß eine solche Leistung effectiv den Durchschnittsstandpunkt unseres sogenannten "gebildeten Publikums" repräsentiert und kann man es bei der Lektüre einer solchen Schrift einem GRILLPARZER nachfühlen, wenn er unwillig ausruft:
    "Laßt mich mit eurem Publikum
    Und euren gebildeten Leuten!
    Sonst waren doch nur die Dummen dumm,
    Jetzt sind es auch die Gescheiten.
Philosophisch betrachtet ist WEIS ein ebensolcher Anachronismus wie FISCHER und Konsorten; wenn letztere hundert Jahre post festum [nach dem Fest - wp] über den Standpunkt der französischen Enzyklopädisten nicht hinauskommen, so ist WEIS in dem seichten Aufkläricht eines NICOLAI stecken geblieben; wie jene den plumpen Materialismus, so vertritt dieser einen platten, abstrakten Deismus, bei dem der obligate "Brei des Herzens" nicht fehlt. Die ernstere Wissenschaft und die strengere, auf dem Boden einer positiv historischen Religion wurzelnde Frömmigkeit dürften gleichwenig geneigt sein, einem so lauen und flauen Vermittler ihre Pforten zu öffnen. Am ehesten dürfte derselbe Anhänger finden unter den Mitgliedern des Protestandenvereins und Philosophenkongresses.

So wenig WEIS den Anspruch machen kann, auf der Höhe der christlichen Weltanschauung zu stehen, so sehr tut das GUSTAV KNAUER (wenn wir nicht irren, lutherischer Prediger bei Erfurt), welche die geistige Roheit des Pfaffentums mit der formellen Routine desselben verbindet und seinen Gegner im Kanzelton abkanzelt. Nichtsdestoweniger fehlt es ihm nicht völlig an philosophischer Bildung, wie seine Schrift "Konträr und Kontradiktorisch" beweist, daher er sich wohl eignet, den Übergang zu machen von den bisher genannten Dilettanten zu den wirklichen Gelehrten der Philosophie.

Dr. JÜRGEN BONA MEYER, ordentlicher Professor der Philosophie in Bonn, eröffnet den Reigen dieser zünftigen Gegner. Durch seine recht brauchbare kompilatorisch apologetische Schrift über KANTs Psychologie hat derselbe gezeigt, daß er seinen KANT mit Aufmerksamkeit und Nutzen gelesen hat. Was seinen Vortrag gegen den Pessimismus betrifft, so war freilich schon durch das Publikum, vor dem er gehalten war, jede wissenschaftliche Vertiefung ausgeschlossen; indessen hat MEYER auch so noch die Sache etwas allzuleicht genommen, wenigstens erweckte der von LUDWIG PIETSCH in der Vossischen Zeitung 1872, Nr. 80 und 81 gebrachte, frisch und geistreich ingeworfene Bericht entschieden größere Erwartungen, als der im Druck erschienene Vortrag selbst erfüllte.

Dr. RUDOLF HAYM, außerordentlicher Professor der Philosophie zu Halle, wird ebenfalls besser, als wir es in Prosa vermögen, durch ein GRILLPARZERsches Epigramm charakterisiert:
    "Schreib etwa nicht  etwas,  schreib  über, 
    Schreib  über  etwas, mein Lieber,
    Um dich über anderen zu sehen,
    Die etwas zu machen verstehen."
Eine positive philosophische Leistung HAYMs, aus der man seinen Standpunkt entnehmen könnte, ist uns nicht bekannt. Daß er, bei aller Schärfe der Verurteilung höflicher ist als alle die übrigen Kritiker, entspringt wohl aus dem Bewußtsein seiner Vornehmheit, mit welcher er SPINOZA, FICHTE, SCHELLING, HEGEL, HERBART und SCHOPENHAUER von oben herab als Schulknaben behandelt, auf die er das Publikum als auf warnende Exempel verweist, weil er sie mit schlechten Zensuren entlassen hat. In gleicher Weise braucht er die Ausdrücke Materialismus, Rationalismus, Mystizismus, Gnostizismus, mythologisierenden Anthropopatismus und Scholastik als Vorwürfe und Scheltworte und wer sich etwa einbildet, daß nun nichts mehr als absoluter Skeptizismus übrig bliebe, der erfährt zu seinem Erstaunen, daß auch dieser von der Negation des Kritikers nicht verschont wird (Seite 261). Sein Standpuknt scheint demnach nur noch die absolute Standpunktlosigkeit sein zu können und vielleicht erscheint ihm diese als das Ideal des Standpunkts und als der einzige des freien und vorurteilslosen Kritikers würdige. Soviel kann gewiß zugegeben werden, daß es für einen Kritiker von Profession der bequemste ist, da man so jedem Vorwurf der Inkonsequenz von vornherein die Spitze abbricht. Freilich bleibt hierbei nur eine rein negative Kritik übrig und eine andere hat HAYM in seinen philosophischen Schriften tatsächlich nie geübt. Leider sind nur seit HEGEL alle Urteilsfähigen darüber einig, daß die rein negative Kritik von vornherein auf ewig zur Unfruchtbarkeit verurteilt bleibt, wie eine nach allen Seiten hin kokettierende Schöne, die aber über jeden ihr Nähertretenden die Nase rümpft. Ist deshalb bei der rein negativen Kritik die Mühe des Kritikers eine geringere, so lohnt sie doch auch diese geringere Mühe nicht, weil sie rein zu gar nichts führt. Wert hat allein die positive Kritik, welche die Aufgabe hat, das bleibend Wertvolle zu erkennen und hervorzuheben, zu befestigen, zu modifizieren und zu neuer Gestaltung zu führen, unbekümmert um die allem Menschenwerk anhaftenden Schlacken, die bei einer solchen Tätigkeit ganz von selber abfallen.

Dr. F. A. HARTSEN hat in holländischer, deutscher und französischer Sprache Abrisse der hauptsächlichsten philosophischen Disziplinen veröffentlicht, Dr. JOHANNES VOLKELT hat sich durch philosophische Aufsätze in verschiedenen Journalen vorteilhaft bekannt gemacht. Wir erwähnen die angeführten Artikel beider, weil jeder von ihnen einen besonderen Punkt gegen den Pessimismus geltend zu machen sucht. So HARTSEN die mögliche Vergütung des Erdenleides im Jenseits und VOLKELT die Perspektive auf einen Glückseligkeitszustand der Zukunft. -

Es kann nicht in unserer Absicht liegen, uns in eine eingehendere Betrachtung der Schriften der Ebengenannten zu versenken; für die Mehrzahl derselben findet man eine nähere Charakteristik in MORITZ VENETIANERs "Allgeist". Ausgenommen davon ist der "Anti-Materialismus" von WEIS, welchem wir ursprünglich eine eigene kritische Widerlegungsschrift zu widmen beabsichtigten, wie wir das seinerzeit mit STIEBELINGs "Naturwissenschaft gegen Philosophie" getan haben (3). Nach Vollendung der allgemein charakterisierenden Eingangskapitel zeigte es sich jedoch, daß die Untersuchung dann doch zu wenig Anhaltspunkte zu einer fruchtbringenden philosophischen Erörterung bot und obendrein schien die Verlagshandlung zu fürchten, daß das ohnehin wohl kaum jemals erhebliche Interesse des Publikums nach Erscheinen anderer einflußreicherer Kritiken zu sehr in den Hintergrund gedrängt sei, um die Herausgabe einer eigenen Gegenschrift angezeigt sein zu lassen. So beschränke ich mich denn darauf, die allgemeine Charakteristik der WEISschen Leistung der vorliegenden Schrift als einen Anhang beizugeben, welcher hoffentlich hinreichen wird, das Publikum über den Wert des "Anti-Materialismus" aufzuklären. -

Fragen wir nun, welche Stellung die genannten Schriftsteller speziell zum  Pessimismus  einnehmen, so müssen wir, wenn wie vom all' und jede Behauptung negierenden HAYM absehen, anerkennen, daß jeder der Gegner die Behauptungen des Pessimismus nach gewissen Seiten hin einräumt und nur jeder auf seine Weise nach einer Vermittlung oder Ausflucht sucht, um dem vollen und konsequenten Pessimismus zu entgehen. Wir glauben nicht zu irren, wenn wir dem Zweifel Raum geben, ob vor Erscheinen der Philosophie des Unbewußten dieselben Schriftsteller bereit gewesen wären, dem Pessimismus Zugeständnisse von solcher Tragweite zu machen. WEIS mag sich noch nicht zu dem Zugeständnis bequemen, daß gegenwärtig mehr Unlust als Lust in der Welt ist, was KNAUER, HENNE-AM-RHYN und VOLKELT zugeben; aber auch er räumt ein, daß großes Elende in der Welt nicht zu leugnen sei, daß als dem Pessimismus wenigstens eine den Optimismus beschränkende Berechtigung zukomme und daß einseitiger Optimismus, wie HARTMANN behauptet, zu behaglicher Sorglosigkeit und Quietismus [Zurückgezogenheit - wp] führe. Während WEIS so im Ganzen den Optimismus des seicht rationalistischen Deismus akzeptiert, steht KNAUER auf dem echt christlichen Standpunkt, die Welt für ein Jammertal zu halten; er geht so weit, HARTMANNs Optimismus und jeden Optimismus unbedingt zu verwerfen, weil diese Welt Übel, Leiden und Gebrechen ohne Zahl in sich trage und deshalb nicht die bestmögliche sein könne, vielmehr liege sichtbar der Fluch Gottes auf ihr.

Minder rigoros ist HENNE-AM-RHYN gesonnen, welcher auch zugiebt, daß auf der Erde mehr Unlust als Lust herrsche, was jedoch kein Grund sei, zu verzweifeln, daß mit der Zeit die Lust vermehrt und Unlust vermindert werden könne. Ebenso zukunftsoptimistisch und gegenwartspessimistisch spricht sich VOLKELT aus, was für einen hegelianischen Panlogisten gewiß schon genug sagen will. In ähnlichem Sinne spricht sich CHARLES SECRETAN in der "Revue Chrétienne" aus, wenn er sagt: "Die Erfahrung ist Pessimist, der Verstand Optimist und Erfahrungshoffnungslosigkeit." Auch hier wird die empirische Begründung des Pessimismus anerkannt und die Hoffnung auf eine idealistische Überwindung der zugrunde liegenden Tatsachen festgehalten.

Es erhellt sich aus dieser flüchtigen Übersicht zur Genüge, daß die Gegner des Pessimismus ihre Einwendungen von sehr verschiedenen Seiten her erheben und ihre Zugeständnisse oft in ganz entgegengesetztem Sinne bewilligen. Schon diese Divergenz der Ansichten beweist, in wie unklarer Gärung sich die Beurteilung des pessimistischen Problems noch befindet und läßt eine erneute Untersuchung der Frage wünschenswert erscheinen. Es kommt aber noch hinzu, daß die Gegner größtenteils in den ganz unwissenschaftlichen Fehler verfallen, die pessimistische Doktrin den Anhängern derselben aufs Gewissen zu schieben und anstatt die theoretischen Wahrheit derselben zu bekämpfen, sie durch Hervorhebung ihrer schädlichen Folgen in Bezug auf Moral, Religion usw. zu diskreditieren suchen. Wie wenig auch ein so unwissenschaftliches Verhalten an und für sich eine wissenschaftliche Berücksichtigung verdienen mag, so wichtig ist doch andererseits das Zeugnis, welches dasselbe von der allgemeinen Verbreitung gewisser Vorurteile gegen den Pessimismus ablegt. Diese Vorurteile sind namentlich durch den rationalistischen Protestantismus und den modernen Ultramontanismus großgezogen und genährt worden, welche sich vom ursprünglichen Pessimismus des primitiven und mittelalterlichen Christentums gleichweit entfernt haben, der eine, um einem platt rationalistischen Optimismus irdischer Behaglichkeit zu huldigen, der andere, um, seine religiöse Aufgabe vergessend, eine imposante Universaltheokratie "von dieser Welt" zu errichten. Solchen Vorurteilen gegenüber erscheint eine neue, unbefangene Prüfung der Frage doppelt wünschenswert und hiermit sei dieselbe nun versucht.
LITERATUR - Agnes Taubert, Der Pessimismus und seine Gegner, Berlin 1873
    Anmerkungen
    1) Der gesunde Menschenverstand vor den Problemen der Wissenschaft. In Sachen J. C. FISCHER kontra E. von HARTMANN, Berlin
    2) Die Redaktion dieser Zeitschrift (beiläufig bemerkt der unseres Wissens einzigen in Deutschland, welche sich zu einer kritischen Empfehlung der im  nämlichen  Verlag erschienenen FISCHERschen Schandschrift hergab) kann es nicht verwinden, zu dieser von ihr natürlich auf Treu und Glauben hingenommenen Verleumdung des Referenten auch ihrerseits noch ein Senfkorn redaktioneller Weisheit und Moral in einer Fußnote beizusteuern.
    3) AGNES TAUBERT, Philosophie gegen naturwissenschaftliche Überhebung, Berlin 1872