p-4ra-2A. BolligerG. F. LippsG. HeymansDer Hypnotismus    
 
PAUL RÉE
Die Jllusion der Willensfreiheit
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    1. Die Ursachen der Jllusion
2. Die Folgen der Jllusion
3. Kritik der Lehre Kants

"Auf dem Tisch stehen zwei Eier. Ich nehme eines davon. Warum nicht das andere? Vielleicht lag es mir ein wenig näher oder irgendeine andere Kleinigkeit, welche schwer aufzufinden ist und fast niemals bewußt wird, war Ausschlag gebend. Blicke ich nun zurück, sehe aber nicht, warum ich gerade  das  Ei genommen habe, so meine ich eben: ich hätte ebensogut das andere nehmen können."

§ 1.
Die Ursachen der Jllusion

Daß der Wille des Menschen nicht frei ist, haben die Philosophen dargetan. Woher aber scheint er denn frei zu sein?

Der Wille ist nicht frei, bedeutet: er ist nicht frei - vom Kausalgesetz. Jedem Willensakt geht vielmehr ein zureichender Grund voran. Ohne einen solchen kann der Willensakt nicht eintreten, und ist der zureichende Grund da, dann muß der Willensakt eintreten.

Der Wille ist frei, würde bedeuten: er ist frei vom Kausalgesetz. Jeder Willensakt ist ein Anfangsglied und nicht ein Mittelglied, ist nicht die Wirkung vorhergegangener Ursachen.

Zur Verdeutlichung der Willensunfreiheit - denn hiermit müssen wir beginnen - mag folgende Betrachtung dienen. Jedes Ding - Stein, Tier, Mensch - kann aus dem Zustand, in welchem es sich befindet, in einen anderen Zustand übergehen. Der Stein, welcher jetzt daliegt, kann im nächsten Augenblick durch die Luft fliegen oder in Staub zerfallen oder auf der Erde hinrollen. Soll jedoch einer dieser  möglichen  Zustände  wirklich  eintreten, so muß erst der zureichende Grund für ihn dasein. Der Stein kann durch die Luft fliegen, wenn er geschleudert wird. Er kann rollen, wenn er einen Stoß empfängt. Er kann in Staub zerfallen, vorausgesetzt daß ein Körper zermalmend auf ihn trifft.

Es ist zweckmäßig, sich hier der Ausdrücke potentiell und aktuell zu bedienen. In jedem Augenblick sind unzählige Zustände potentiell. Aktuell jedoch kann zur Zeit immer nur  ein  Zustand werden, derjenige nämlich, welchen sein zureichender Grund entbindet. -

Nicht anders, wenn es sich um ein Tier handelt. Der Esel, welcher jetzt regungslos zwischen zwei Heuhaufen steht, kann sich im nächsten Augenblick nach links wenden oder nach rechts oder einen Luftsprung machen oder den Kopf zwischen die Beine stecken. Auch hier jedoch muß, soll von den  möglichen  Attitüden eine  verwirklicht  werden, der zureichende Grund vorher dasein.

Zergliedern wir eine solche Attitüde. Der Esel, wollen wir annehmen, hat sich dem rechts liegenen Bündel zugewandt. Diese Wendung setzt voraus, daß bestimmte Muskeln zusammengezogen worden sind. Ursache dieser Muskelkontraktion ist die Erregung der Nerven, welche in ihnen verlaufen. Ursache dieser Nervenirritation ist ein Zustand des Gehirns. Dasselbe befand sich im Zustand des Entschlusses. Wie aber ist das Gehirn in diese Verfassung geraten? Verfolgen wir die Zustände des Esels noch etwas weiter zurück.

Einige Augenblicke bevor er sich umwandte war sein Gehirn noch nicht so beschaffen, daß es den zureichenden Grund für die Erregung der betreffenden Nerven und die Verkürzung der Muskeln abgab: sonst nämlich würde ja die Bewegung eingetreten sein. Der Esel war noch nicht "entschlossen", sich umzudrehen. Wenn er sich dann später bewegt hat, so muß sein Gehirn inzwischen der Verfassung teilhaftig geworden sein, durch welche Nervenerregung und Muskelbewegung bedingt werden. Das Gehirn hat also eine Veränderung erlitten. Welchen Ursachen ist diese zuzuschreiben? Der Wirksamkeit eines Eindrucks, welcher von außen erregt, einer Empfindung, welche im Innern aufgetaucht ist; zum Beispiel: die Empfindung des Hungers und die Vorstellung des rechts liegenden Bündels versetzen das Gehirn, indem sie zusammen auf dasselbe einwirken, in eine solche Verfassung, daß es nun den zureichenden Grund für die Nervenerregung und Muskelverkürzung abgibt; der Esel "will" sich nun nach rechts umwenden; er wendet sich jetzt um.

Also: wie durch die Lage und Beschaffenheit des Steins einerseits, durch die Stärke und Richtung des auf ihn treffenden Stoßes andererseits notwendig die Art und die Weite seines Fluges bedingt werden, so resultiert aus der Beschaffenheit, welche das Eselsgehirn in einem gegebenen Augenblick hat, und aus derjenigen des Reizes nicht minder notwendig die Bewegung des Esels, - seine Hinwendung zum rechts liegenden Bündel. Dafür, daß sich der Esel gerade diesem Bündel zuwandte, war eine Kleinigkeit Ausschlag gebend. Hätte das nicht gewählte Bündel auch nur um ein Minimum anders gelegen oder anders gerochen oder hätte sich der subjektive Faktor, des Esels Geruchssinn, sein Sehorgan auch nur ein wenig anders entwickelt, dann, so können wir annehmen, hätte sich der Esel nach links umgedreht. Nun aber fehlte etwas an der vollen Ursache und daher konnte die Wirkung nicht eintreten, während auf der anderen Seite, wo die Ursache vollständig war, die Wirkung nicht ausbleiben konnte.

Für den Esel also ist, wie für den Stein, in jedem Augenblick Unzähliges  potentiell:  er kann gehen oder laufen oder springen; nach links, nach rechts oder sich geradeaus in den Zustand vor seiner Umdrehung zurückversetzen und genau denselben Eindruck darauf wirken lassen, stets nämliche Resultat, - dann würde man des Esels Wendung nach rechts für notwendig erachten. Das in jenem Augenblick gerade so beschaffene Gehirn - würde man nunmehr einsehen - mußte auf einen solchen Eindruck gerade so reagieren.

In Ermangelung dieses Experiments scheint es also, als wäre der Willensakt des Esels nicht ursächlich bedingtt. Man sieht eben die kausale Bedingtheit nicht und meint daher, sie sei nich vorhanden. Das Wollen, erklärt man, sie zwar die Ursache der Umdrehung, selbst aber sei es unbedingt; es sei ein absoluter Anfang.

Die Meinung, als sei des Esels Wollen nicht ursächlich bedingt gewesen, hegt nicht bloß der draußen Stehende: der Esel selbst würde sie, wenn er mit Überlegung begabt wäre, teilen. Auch ihm würden die Ursachen seines Wollens entgehen, da sie zum Teil gar nicht bewußt werden, zum Teil flüchtig, ja blitzschnell das Bewußtsein passieren. Wenn, zum Beispiel, Ausschlag gebend war, daß er dem rechts liegenden Bündel um eine Linie näher stand oder daß dasselbe um eine Nuance besser duftete, - wie sollte der Esel wohl so Geringfügiges bemerken. Etwas, das sich so gar nicht dem Bewußtsein aufdrängt?

In einem Sinn hat der Esel ja Recht mit dem "ich hätte mich links herumdrehen können". Es brauchte eben seine Disposition in dem Augenblick, seine Stellung zum Bündel oder die Beschaffenheit desselben nur eine etwas andere zu sein, - dann hätte er sich wirklich nach links gewandt. Das "ich hätte auch anders können" ist demnach wahr in dem Sinne: die Wendung nach links gehört zu den überhaupt mir möglichen Bewegungen, im Gegensatz, beispielsweise, zur Bewegung des Fliegens; sie liegt innerhalb des Sphäre meiner Potentialität.

Wir gelangen zu dem Resultat, wenn wir vom Trägheitsgesetz ausgehen. Dasselbe lautet: jedes Ding hat das Bestreben, in seinem Zustand zu beharren; das ist, negativ ausgedrückt: kein Ding kann ohne zureichenden Grund aus dem Zustand, in welchem es sich befindet, in einen anderen übergehen. Der Stein wird genau so, wie er jetzt daliegt, ewig liegen; es wird auch nicht die kleinste Veränderung mit ihm vorgehen, wenn nicht Ursachen - die Witterung, ein Stoß - verändernd auf ihn wirken. Des Esels Gehirn wird von Ewigkeit zu Ewigkeit in demselben Zustand unverändert beharren, wenn nicht Ursachen - das Gefühl des Hungers, der Müdigkeit, äußere Eindrücke - eine Veränderung herbeiführen.

Betrachten wir das ganze Leben des Esels sub specie neccessitatis [im Hinblick auf Notwendigkeit - wp] so ergibt sich Folgendes. Der Esel ist mit gewissen Eigenschaften des Geistes und des Körpers, dem Erbteil seiner Vorfahren, zur Welt gekommen. Seit seiner Geburt haben Eindrücke - die Genossen, mit denen er spielte oder arbeitete, das Futter, das Klima - auf diese Eigenschaften gewirkt. Die beiden Faktoren - seine angeborene Beschaffenheit und ihre Gestaltung durch Eindrücke des späteren Lebens - sind die Ursache aller seiner Empfindungen, Vorstellungen, Stimmungen, aller, auch der geringfügigsten Bewegungen. Es ist durch Ursachen, deren Entstehungsgeschichte sich in infinitum zurückverfolgen ließe, bedingt, wenn er etwa das linke Ohr spitzt und nicht das rechte; wenn er schwankend zwischen den Bündeln steht; und es ist eben auch bedingt, wenn an die Stelle des Schwankens die Tat, der Akt des Fressens tritt: die Vorstellung der einen Garbe wirkt nun Handlungen erzeugend auf das Eselsgemüt, nachdem dasselbe für die Vorstellung gerade dieser Garbe empfänglich geworden ist. -

Verlassen wir jetzt das Tierreich, um zum Menschen überzugehen. Alles verhält sich hier ebenso. Jede Regeung des Menschen ist ein notwendiges Ergebnis; zum Beispiel: ich habe in diesem Augenblick eine Regung des Mitleids. Welchen Ursachen ist sie zuzuschreiben? Gehen wir möglichst weit zurück. Bis zu diesem Moment ist eine unendliche Zeit verlaufen. In ihr haben von Ewigkeit her Dinge existiert: es war nicht eine leere, sondern eine erfüllte Zeit. Diese Dinge haben ihren ursprünglichen Zustand nicht unverändert bewahrt, sondern sind fortwährend Veränderungen unterlegen. Über diese Veränderungen hat stets das Kausalgesetz geherrscht: keine derselben hat sich ohne zureichenden Grund vollzogen.

Welchen Charakter sonst noch diese Veränderungen gehabt haben mögen, bleibe dahingestellt. Nur ihre  formale  Seite, nur der  eine  Punkt geht uns an, daß keine Veränderung ursachlos eingetreten ist.

Im Verlauf dieser Entwicklung hat sich irgendwann durch irgendwelche Ursachen Organisches gebildet und schließlich der Mensch. Die Entwicklung innerhalb der organischen Welt ist vielleicht auf die von DARWIN beschriebene Weise vor sich gegangen. Wie dem auch sein möge, jedenfalls hat es Ursachen gehabt, daß ich an dem und dem Tag mit gerade solchen Eigenschaften des Körpers, des Geistes, des Herzens geboren wurde. Auf diese Beschaffenheit wirkten dann Eindrücke: ich hatte gerade solche Kinderfrauen, Lehrer, Gespielen. Lehre und Beispiel schlugen teils an, teils gingen sie verloren; ersteres ann, wenn ich meiner angeborenen Beschaffenheit nach empfänglich für sie war; wenn ich für sie Affinität [Zuneigung - wp] besaß. Und so ist es denn ursächlicherweise dahin gekommen, daß ich in diesem Moment diese Regung des Mitleids habe. Der Weltprozeß hätte etwas anders verlaufen müsse, wenn dieselbe eine andere Nuance haben sollte.

Ob der angeborene Grad des Mitleids, der Schadenfreude, des Mutes das Leben hindurch beharrt, oder ob Lehre, Beispiel, Betätigung verändernd auf ihn wirken, ist für die vorliegende Untersuchung gleichgültig. Jedenfalls sind das Mitleid oder die Schadenfreude, der Mut oder die Feigheit, welche ein bestimmter Mensch in einem gegebenen Augenblick hat, ein notwendiges Ergebnis, - mögen sie ihm nun, ein Erbteil seiner Vorfahren, angeboren oder erst im Laufe seines eigenen Lebens entwickelt worden sein.

Desgleichen ist jede Attitüde, ja jeder Gedanke, der irgendwann einmal das Gehirn passiert, der dümmste wie der geniale, der wahre so gut wie der falsche, mit Notwendigkeit da. Es gibt insofern keine Freiheit des Gedankens. Daß ich in diesem Moment an dieser Stelle sitze, die Feder gerade so in der Hand halte und niederschreibe, jeder Gedanke sei notwendig, ist notwendig; und wenn der Leser etwa die Meinung hegt, daß dem nicht so sei, daß die Gedanken nicht als Wirkungen betrachtet werden dürften, so hat er diese falsche Meinung ebenfalls notwendigerweise.

Wie die Empfindungen und Gedanken, so ist auch die Tat notwendig. Dieselbe ist ja nichts anderes als die Veräußerlichung, die Objektivierung jener. Sie wird aus Empfindungen und Gedanken geboren. So lange die Empfindungen nicht hinlänglich stark sind, kann die Handlung nicht eintreten und wenn die Empfindungen und Gedanken so beschaffen sind, daß sie den zureichenden Grund der Handlung abgeben, dann muß dieselbe eintreten; dann werden die entsprechenden Nerven und Muskeln in Aktion gesetzt. Erläutern wir dies an einer Handlung, welche auf verschiedenen Kulturstufen verschieden beurteilt wird, nämlich am Raubmord. Von den Bogos, zum Beispiel, sagt MUNZINGER: Achtung erwirbt sich der Räuber, der Schreck der Nachbarschaft, der des Blutes und Raubes nie satt wird. - Jemand, der in solchen Anschauungen aufgewachsen ist, wird weder durch äußere noch durch innere Hindernisse von einem Raubmord zurückgehalten. Weder die Polizei, noch sein Bewußtsein verbieten ihm, so zu handeln. Im Gegenteil: seine Urteilsgewohnheit lobt den Raubmord; seine Eltern und seine Götter feuern ihn dazu an; seine Genossen ermuntern ihn durch ihr Beispiel. So kommt es dann, daß, wenn die Gelegenheit einmal günstig ist, die Tat von ihm ausgeführt wird. -

Aber ist das nicht eine unerhörte Trivialität? Jedermann weiß doch von selbst, daß ein Mord  Motive  hat! Allerdings; aber fast niemand (den Philosophen vielleicht ausgenommen) weiß, daß der Mord und überhaupt jede Handlung, eine  Ursache  hat. Motive sind ein Teil der Ursache. Derjenige nun, welcher der Handlung Motive zugesteht, sieht darum noch nicht ihre kausale Bedingtheit ein. Es ist ihm nicht klar, daß die Handlung ebenso durch Gedanken und Empfindungen (welche ihrerseits auch Wirkungen sind) bedingt wird, wie das Laufen der Kugel durch den Stoß. Auf diesen Punkt jedoch und nur auf diesen haben wir Acht zu geben.

Von demselben Gesichtspunkt aus wollen wir nun auch die Handlung des Mordes bei kultivierten Völkern betrachten. Ein Zögling der hohen Kulturstufe hat den Mord von früher Kindheit an tadeln, als einen strafwürdigen denken gelernt. Gott, seine Eltern, seine Lehrer, kurz alles, was Autorität für ihn hat, verdammt eine solche Handlungsweise. Außerdem widerstreitet dieselbe seiner Gemütsbeschaffenheit, welche von einem Zeitalter des Friedens erzogen worden ist. Schließlich wird ihn auch Furcht vor Strafe davon abschrecken. - Kann auf solchem Boden der Raubmord gedeihen? Nicht leicht. Furcht, Mitleid, die den Raubmord verdammende Urteilsgewohnheit sind ebensoviele Bollwerke vor dieser Handlung. Indessen Not, Leidenschaft, Verführung räumen vielleicht ein Bollwerk nach dem andern hinweg. Betrachten wir die Ursache des Mordes genauer. Zunächst müssen in der Gesamtursache zwei Bestandteile unterschieden werden, nämlich der subjektive und der objektive. Den  subjektiven  Teil der Ursache bildet die Beschaffenheit des Mörders im Moment der Tat. Hierher gehören alle Vorstellungen, welche er damals hatte, die bewußten sowohl wie die unbewußten; seine Empfindungen; die Temperatur seines Blutes; die Beschaffenheit seines Magens, seiner Leber und jedes seiner körperlichen Organe überhaupt. Der  objektive  Bestandteil wird durch das Aussehen des Opfers, durch die Örtlichkeit der Tat, durch die Beleuchtung derselben gebildet. - weil auf den momentan gerade so beschaffenen Menschen solche Eindrücke wirkten, wurde in dem Augenblick notwendigerweise der Mord vollzogen. Notwendigerweise - bedeutet eben: die Handlung des Mordes ist eine Wirkung; des Mörders Beschaffenheit und die darauf wirkenden Eindrücke sind ihre Ursache. Wäre die Ursache nicht vollständig gewesen, so hätte die Wirkung nicht eintreten können; zum Beispiel: wäre sein Mitleid in dem Augenblick auch nur um eine Nuance stärker, der Gedanke an Gott oder an die irdischen Folgen der Tat etwas deutlicher gewesen oder hätte der Mond ein wenig heller geschienen, sodaß mehr Licht auf das Antlitz des Opfers und sein flehendes Auge fiel, - dann wäre vielleicht die Ursache des Mordes nicht vollständig geworden, folglich der Mord unterblieben.

Also: für den Menschen ist, wie für das Tier und den Stein, in jedem Augenblick Unzähliges  potentiell.  Der Mörder hätte in dem Augenblick, da er den Mord vollführte statt dessen einen Baum erklettern oder sich auf den Kopf stellen können. Sollte jedoch statt des Mordes eine von diesen Handlungen  aktuell  werden, so hätte ihr zureichender Grund eben dasein müssen: er wäre auf einen Baum geklettert, wenn die Absicht sich zu verbergen oder auszuspähen in ihm vorhanden gewesen wäre; wenn er in dem Augenblick somit andere Vorstellungen, andere Empfindungen gehabt hätte, - zu welchem Ende jedoch die Weltbegebenheiten in infinitum etwas anders hätten gestaltet sein müssen.

Aber - ich kann doch das Netz von Gedanken, Empfindungen, Eindrücken, welches mich umgibt, durch ein energisches "ich will nicht morden" zerreissen! Ohne Zweifel. Nur halte man fest: auch das energische "ich will", "ich will nicht" ist, wo es auftritt, ein notwendiges Ergebnis; es ist nicht etwa ursachlos da. Nehmen wir unsere Beispiele wieder auf: im Bogo mag, obgleich er eigentlich nur Gründe für den Mord hat, trotzdem ein energisches "ich will nicht morden" sich geltend machen. Aber es ist denkbar, daß dieses "ich will nicht" ohne zureichenden Grund eintritt? Furcht oder Mitleid oder irgend sonst eine Regung (die ihrerseits auch Wirkung ist) überkommt ihn und gebiert dieses "ich will nicht", bevor noch die Ursache des Mordes vollständig geworden ist. Vielleicht auch haben christliche Missionare auf ihn eingewirkt; daher tritt die Vorstellung einer den Mord vergeltenden Gottheit vor seine Seele und so kommt das "ich will nicht" zustande. - Leichter sind die Ursachen des energischen "ich will nicht morden" bei einem Zögling der hohen Kulturstufe aufzufinden: Angst oder Grundsätze oder der Gedanke an Gott erzeugen es meistens noch zu rechten Zeit.

Der energische Wille kann charakteristisch für einen Menschen sein. Wie heftig auch Eifersucht oder Habsucht oder irgend sonst eine Leidenschaft auf ihn einstürmt, - er will ihr nicht unterliegen; er unterliegt ihr nicht. Das Analogon dieser Beschaffenheit ist eine Kugel, welche sich trotz der heftigsten Stöße nicht von der Stelle rührt. Das Billardqueue bemüht sich umsonst, den Erdball zu erschüttern. Er setzt den Stößen siegreich seine Schwere entgegen. Ebenso setzt der Mensch den Stößen der Habsucht oder Eifersucht die Schwere seiner Grundsätze entgegen. Ein solcher Mensch ist demnach frei - von der Herrschaft der Triebe. Widerstreitet das dem Determinismus? Keineswegs. Der von Leidenschaft freie Mensch ist doch dem Kausalgesetz unterworfen. Er ist notwendigerweise frei. Das Wort "frei" hat eben verschiedene Bedeutungen. In jeder Bedeutung mag es mit Recht dem Menschen beigelegt werden, - eine einzige ausgenommen: er ist nicht frei vom Kausalgesetz. Verfolgen wir die Ursachen seiner Freiheit von der Tyrannei der Leidenschaften.

Vererbt, supponieren [annehmen - wp] wir, wurde ihm diese Festigkeit des Wollens nicht oder doch nur als Anlage. Aber Lehre, Beispiel und vor allem der Zwang der Umstände bildeten sie in ihm aus. Von früher Kindheit an befand er sich in Verhältnissen, in welchen er sich beherrschen mußte, wenn er nicht zugrunde gehen wollte. Wie der am Abgrund Stehende durch den Gedanken "wenn ich schwindlich werden, stürze ich hinab" den Schwindel zu bannen vermag, so hat ihn der Gedanke "wenn ich meiner Erregung nachgebe, ja sie auch nur merken lasse, gehe ich zugrunde" zur Herrschaft über die Triebe geführt.

Häufig meint man, daß die Leugner der Willensfreiheit den Menschen die Fähigkeit absprechen wollen, sich frei von der Herrschaft der Triebe zu machen. Indessen - der Menschen Widerstandskraft gegen die Leidenschaften mag man sich so groß denken wie man will, ja unendlich groß, das heißt: ein Mensch kann möglicherweise selbst der maßlosesten Leidenschaft widerstehen: seine Liebe zu Gott oder seine Grundsätze vermögen noch mehr über ihn als die Leidenschaft. Hiervon ist ganz unabhängig die Frage, ob nicht auch das energischste Wollen eine Wirkung ist.

Aber ist die Abhängigkeit vom Kausalgesetz nicht doch eine schwache Seite des Starken? Keineswegs. Ist der Löwe schwach, wenn er den Tiger zerreißt? Ist der Orkan schwach, wenn er Bäume entwurzelt? und doch ist ja die Kraft, vermöge deren der Löwe zerreißt, der Orkan entwurzelt, eine Wirkung; nicht etwa ein absoluter Anfang. Die Stärke erleidet also dadurch, daß sie Ursachen hat, daß sie eine Wirkung ist, keinen Abbruch.

Wie das energische, so ist auch das nichtenergische Wollen als Wirkung zu betrachten. Den schwankenden Menschen charakterisiert, daß er dieselbe Sache bald will, bald nicht will. Der auf Mord Sinnende schwankt noch, bedeutet: bald überwiegt der Wunsch zu besitzen, Habsucht, Eifersucht: dann will er morden; bald wieder überkommt ihn Furcht vor den Folgen, der Gedanke an Gott, Mitleid: dann will er nicht morden. Ist der entscheidende Augenblick da, steht sein Opfer vor ihm, so kommt es nun darauf an, welche Regung obenauf ist. Überwiegt in dem Augenblick etwa die Leidenschaft, dann will er morden, dann mordet er.

Man sieht: von welcher Seite wir auch das Wollen ansehen, immer stellt es sich als ein notwendiges Ergebnis, als ein Mittelglied, nie als ein Anfangsglied dar.

Aber kann man nicht experimentell beweisen, daß das Wollen ein Anfangsglied ist? Ich hebe meinen Arm auf, weil ich ihn aufheben  will.  Hier steht es doch folgendermaßen. Das Aufheben wollen  ist die Ursache des Aufhebens. Dieses Wollen aber ist nicht wieder ursächlich bedingt, sondern ein absoluter Anfang. Ich will den Arm eben aufheben und damit gut. - Man täuscht sich. Auch dieses Wollen hat Ursachen: die Absicht, meine Willensfreiheit experimentell zu demonstrieren, gebiert das Aufhebenwollen des Arms. Wie aber ist diese Absicht entstanden? Durch ein Gespräch oder durch Nachdenken über die Willensfreiheit. Also: der Gedanke, ich will meine Freiheit demonstrieren, bewirkt das Aufhebenwollen des Armes. - In dieser Kette ist eine Lücke. Zugegeben daß die Absicht, meine Willensfreiheit zu demonstrieren, irgendwie zum Aufhebenwollen meines Armes in Beziehung steht, - warum aber demonstriere ich meine Freiheit nicht an irgendeiner anderen Bewegung? warum will ich  gerade meinen Arm  aufheben? Dieses mein spezielles Wollen ist noch nicht ursächlich erklärt. Hat es vielleicht keine Ursachen? ist es ein ursachloses Wollen? - Konstatieren wir zunächst, daß jemand, der seine Willensfreiheit demonstrieren möchte, meistens tatsächlich seinen Arm und zwar gerade den rechten Arm ausstrecken oder in die Höhe heben wird; er rauft sich nicht etwa die Haare, noch schiebt er den Bauch hin und her. Das hängt nun folgendermaßen zusammen: von allen Körperteilen, die unserer Willkür unterliegen, bewegen wir keinen so oft, wie den rechten Arm. Wollen wir nun durch irgendeine Bewegung unsere Freiheit beweisen, so machen wir unwillkürlich diejenige Bewegung, welche uns die geläufigste ist, - welche wir am häufigsten in unserem Leben gemacht haben. (1) - also zunächst: Gespräch odder Nachdenken über die Willensfreiheit; daher die Absicht, unsere Freiheit zu demonstrieren. Zu dieser Absicht tritt die Gewohnheit hinzu und aus beiden resultiert das Aufhebenwollen (und dann das Aufheben) des rechten Armes.

Ich erinnere mich, daß ich einst mit einem Mann, der linkshändig ist, über die Willensfreiheit sprach. Er behauptete: mein Wille ist frei; ich kann tun, was ich will. Um das zu beweisen, streckte er seinen  linken  Arm aus.

Es ist nun leicht ersichtlich, wie es sich mit dem "ich kann tun, was ich will" verhält. In einem Sinn ist es ja richtig, in einem andern jedoch falsch. Der  richtige  Sinn: das Wollen wird als Ursache, das Tun als Wirkung betrachtet; zum Beispiel: ich kann meinen Nebenbuhler umbringen, wenn ich ihn umbringen will. Ich kann links gehen, wenn ich links gehen will. Ursache: das Umbringen wollen,  das Gehen wollen.  Wirkung: das Umbringen, das Gehen. Irgendwie, bewußt oder unbewußt, muß jeder Handlung das Wollen derselben vorhergehen. Demnach kann ich sogar  nur  tun, was ich will; nur, wenn ich will. - Der  falsche  Sinn: das Wollen wird  bloß  als Ursache, nicht zugleich auch als ein Bewirktes betrachtet. Es ist aber wie jedes Ding, sowohl Ursache  als auch Wirkung.  Ein absolut anfangendes Wollen gibt es nicht. Das Wollen steht in der Mitte: es bewirkt das Umbringen, das Linksgehen; es wird von Gedanken und Empfindungen (die ihrerseits auch Wirkungen sind) bewirkt.

Also: unser Wollen (irgendeiner Handlung) ist stets ursächlich bedingt. Aber es scheint frei (von Ursachen), es scheint ein absoluter Anfang zu sein. Woher dieser Schein?

Wir nehmen die Ursachen nicht wahr, durch welche unser Wollen bedingt wird und meinen daher, es sei überhaupt nicht ursächlich bedingt.

Wie oft tun wir etwas "in Gedanken". Wir achten nicht auf das, was wir tun, geschweige denn auf die Ursachen, aus welchen es geschieht. Wir stützen, während wir nachdenken, den Kopf in die Hand. Wir drehen, während wir uns unterhalten, ein Stückchen Papir in der Hand herum. Blicken wir dann - etwa durch ein Gespräch über Willensfreiheit dazu veranlaßt - auf unser Tun zurück, vermögen aber durchaus keinen zureichenden Grund desselben zu entdecken, so meinen wir eben, es habe überhaupt keine zureichenden Grund gehabt; wir hätten also in jenem Augenblick anders verfahren, z. B. den Kopf in die linke statt in die rechte Hand stützen können. (Das "ich hätte anders können" ist ja in gewissem Sinne richtig: ich hätte den linken Arm aufstützen können, - wenn meine Disposition in jenem Augenblick eine etwas andere gewesen wäre. Andere Ursachen würden vielleicht eine andere Wirkung ergeben haben.

Um noch ein Beispiel anzuführen: auf dem Tisch stehen zwei Eier. Ich nehme eines davon. Warum nicht das andere? Vielleicht lag es mir ein wenig näher oder irgendeine andere Kleinigkeit, welche schwer aufzufinden ist und fast niemals bewußt wird, war Ausschlag gebend. Blicke ich nun zurück, sehe aber nicht, warum ich gerade  das  Ei genommen habe, so meine ich eben: ich hätte ebensogut das andere nehmen können.

Ersetzen wir einmal das "ich hätte das zweite Ei nehmen können" durch andere "ich hätte können". Zum Beispiel: ich hätte, als ich das Ei nahm, statt dessen mir die Finger abhacken oder meinem Nachbarn an die Gurgel springen können. Warum führt man fast nie ein "ich hätte können" dieser Art an, sondern hält sich stets im Umkreis derjenigen Handlung, welche man wirklich getan hat? Weil mir in dem Moment, in welchem ich das Ei nahm, das Fingerabhacken oder Morden fern lag. - Von diesem Standpunkt aus sind die zwei Seiten unseres Gegenstandes - die Notwendigkeit der Willensakte und ihre scheinbare Nicht-Notwendigkeit - besonders deutlich zu überschauen.  Tatsächlich  war das Nehmen des zweiten Eies in dem Augenblick ebenso unmöglich wie das Abhacken des Fingers. Denn ob an der vollen Ursache eine Empfindungsnuance oder ein ganzes Heer von Empfindungen und Gedanken fehlt, ist offenbar gleichgültig: die Wirkung kann nicht eintreten, so lange die Ursache unvollständig ist. Aber es  scheint  so, als ob das Nehmen des zweiten Eies in dem Augenblick möglich gewesen wäre: wenn etwas beinahe geschehen ist, so meinen wir, es hätte geschehen können.
LITERATUR - Paul Rée, Die Illusion der Willensfreiheit - Ihre Ursachen und ihre Folgen, Berlin 1885
    Anmerkungen
    1) Das Analogon hierzu ist die von SPENCER und DARWIN beobachtete Tatsache, daß, wenn durch irgendeine heftige Gemütserregung, z. B. durch Wut, Nervenkraft frei wird, diese die gewohntesten Kanäle hinabfließt. Man stößt unwillkürlich Töne aus (weil die Respirationsmuskeln so häufig benutzt werden) oder bewegt die Arme hin und her.