p-4ra-2 Frischeisen-KöhlerE. TopitschH. Rickert    
 
ALEXANDER PFÄNDER
Zur Psychologie
der Gesinnungen


"Um bei der genaueren Bestimmung nicht in die Irre zu gehen, müssen wir zunächst berücksichtigen, daß es zwei direkt entgegengesetzte Gattungen von Gesinnungen gibt. So steht z. B. der Gesinnung der Liebe die zu ihr gegensätzliche Gesinnung des Hasses, und ebenso steht der Freundlichkeit die Feindlichkeit, der Zuneigung die Abneigung, der Gunst die Ungunst, dem Wohlwollen da Übelwollen gegensätzlich gegenüber."


Einleitung

Schon im täglichen Leben sind die Gesinnungen der Menschen Gegenstand ganz besonderer Aufmerksamkeit. Beim Beginn einer neuen Bekanntschaft, beim flüchtigen Zusammentreffen mit anderen Menschen interessiert den einzelnen gewöhnlich nichts so sehr als, welche Gesinnungen diese anderen Menschen gegen ihn selbst und gegen andere ihm wichtige Gegenstände hegen. Ganz besonders ist es die politische, die sittliche und die religiöse Gesinnung der Menschen, die man zu erkennen sucht, um danach sein Verhalten und seine eigene Gesinnung ihnen gegenüber einzurichten. Bestimmte Gesinnungen lobt man, rechnet sie den Personen, die sie hegen, zum Verdienst an; andere Gesinnungen tadelt man, macht sie zum Gegenstand der Beschuldigung. So wünscht und verlangt der einzelne im Stillen oder offen von den Menschen bestimmte "gute" Gesinnungen. Zugleich weiß er sich als Zielpunkt der Gesinnungen und der Gesinnungsforderungen der anderen Menschen. Er vereinigt sich mit den "gut" oder "richtig" Gesinnten, er scheidet sich ängstlich von den "schlecht" oder "unrichtig" Gesinnten. Eifrig wacht er über die Gesinnungen seines engeren Verkehrskreises und seiner Gesinnungsgenossen. Tritt gar ein Gesinnungswandel oder Gesinnungswechsel bei ihnen ein, so fühlt er sich leicht tief gekränkt oder heftig entrüstet. Überblickt man das Leben der Menschen im Ganzen, so will es fast scheinen, als ob die Gesinnungen die unsichtbaren Lebensfäden seien, die das ganze Getriebe des Menschenlebens treiben und lenken. Es ist also nicht zu verwundern, wenn auch das  Wort  "Gesinnung", oder überhaupt die Wörter, mit denen eben die Gesinnungen bezeichnet werden, in der Sprache des täglichen Lebens so häufig vorkommen, wie es tatsächlich der Fall ist.

Gerade wegen der so weitreichenden Bedeutung, die den Gesinnungen im praktischen Leben zukommt, war es auch nicht zu vermeiden, daß die  Ethik  die Gesinnungen in den Gesichtskreis ihrer Betrachtung zog. Die Ethik als die Wissenschaft von den sittlichen Werten und dem sittlichen Sollen muß natürlich zu der Frage Stellung nehmen, mit welchem Recht man im praktischen Leben gewissen Gesinnungen einen sittlichen Wert, anderen Gesinnungen dagegen sittlichen Unwert beilegt, und mit welchem Recht man gewisse Gesinnungen sittlich fordert, andere Gesinnungen dagegen sittlich verbietet. Und wenn die Ethik, über ihr wissenschaftliches Ziel hinaus, auch das Handeln der Menschen beeinflussen will, so muß sie erforschen, ob wirklich die Gesinnungen das Handeln der Menschen so wesentlich bestimmen, wie es zunächst scheint, und welche Gesinnungen die Wurzeln des sittlich geforderten Handelns sind. So sehen wir dann auch tatsächlich in der Ethik die Gesinnungen immer mehr und mehr in den Vordergrund der Betrachtung rücken, und in der deutschen Ethik spielt, wie bekannt, das Wort  Gesinnung  eine hervorragende Rolle.

Die Beeinflussung des Handelns der Menschen und die Einpflanzung der entsprechenden, das Handeln wesentlich bestimmenden, Gesinnungen ist jedoch nicht die eigentliche Aufgabe der Ethik, sondern vielmehr die der  Erziehung Auch die wissenschaftliche Erkentnis derjenigen Gesinnungen, deren Einpflanzung das Ziel der pädagogischen Bemühungen sein soll, und ebenso die Erkenntnis der Mittel und Wege, durch die ein solches Ziel zweckmäßig erreicht werden kann, ist nicht Sache der Ethik, sondern der  Pädagogik  als der Wissenschaft von Erziehung und Unterricht. Daß nun in der Praxis sowohl, als auch in der Theorie der Erziehung und des Unterrichts die Gesinnungen einen wesentlichen Zielpunkt der Bemühungen bilden, bedarf wohl keines weiteren Nachweises. Es war besonders die an HERBART sich anschließende Richtung der Pädagogik, die den Gesinnungsbegriff in den Mittelpunkt der pädagogischen Wissenschaft stellte. Der gesamte Unterricht sollte nach ihr mehr oder weniger in den Dienst der Gesinnungsbildung treten, sollte "Gesinnungsunterricht" sein. Gewisse Unterrichtsstoffe, wie Religion, Geschichte oder Literatur werden speziell als "Gesinnungsstoffe" bezeichnet, und um sie als seinen Mittelpunkt soll sich der Unterricht überhaupt gruppieren. Man sollte erwarten, daß in einer derartigen Gesinnungspädagogik nicht nur das  Wort  "Gesinnung" einen breiten Raum einnimmt, sondern auch die damit gemeinte Sache, die  Gesinnungen selbst  einer eingehenden wissenschaftlichen Untersuchung unterworfen worden sind. In Wahrheit herrscht jedoch in dieser Pädagogik überhaupt, eine klägliche Unklarheit über die Gesinnungen, über ihr Wesen, ihre Arten, ihre Formen und ihre Bedingungen. Man wird ausdrücklich oder stillschweigend von der Pädagogik an die  Psychologie  verwiesen, als den ort, wo die genauere Aufklärung und Rechtfertigung des über die Gesinnungen Gesagten zu finden sei. Während nun aber in der Ethik und in der Pädagogik bisher das Wort  Gesinnung  an überaus zahlreichen Stellen auftritt, findet man zu seinem Erstaunen, daß in der Psychologie dieses Wort kaum zu finden ist, daß es nur gelegentlich in dieser oder jener Psychologie vorkommt. Die Vermutung, daß vielleicht nur das Wort, nicht aber die Sache selbst in der Psychologie bisher keinen ausreichenden Platz gefunden habe, erweist sich bei genauerem Zusehen als falsch. Es geht vielmehr den Gesinnungen ähnlich wie bei der Aufmerksamkeit: lange Zeit schien es, als ob es dergleichen nur außerhalb der Psychologie gebe. Und wie man damals leicht in den Verdacht geriet, unwissenschaftlich zu werden, wenn man im Zusammenhang der Psychologie von der Aufmerksamkeit als einer besonderen Tatsache des Seelenlebens sprach, so wird man auch heute wahrscheinlich nicht der Gefahr entgehen, als unwissenschaftlich betrachtet zu werden, wenn man die Gesinnungen als bisher vernachlässigte, eigenartige seelische Tatsachen hervorhebt.

Daß man überall, wo man das Wort  Gesinnung  sinnvoll gebraucht, mit ihm nicht etwas Körperliches, Physisches, sondern  etwas Seelisches,  Psychisches meint, das darf wohl als völlig sicher gelten. Und daß es nun wirklich das gibt,, was man mit dem Wort meint, daß es keine eingebildeten oder erfundenen seelischen Tatsachen sind, auf die sich im praktischen Leben die Aufmerksamkeit, das Interesse und die Erkenntnis in so hohem Maße richten, auf die sich Lob und Tadel, sittliche Forderungen und pädagogische Bemühungen so mannigfach beziehen, da hat von vornherein schon eine große Wahrscheinlichkeit für sich. Dann ist es aber einfach die Pflicht des Psychologen, diese im praktischen Leben so bedeutsamen Gesinnungen zum Gegenstand einer eingehenden wissenschaftlichen Untersuchung zu machen.

Wenn nun eine psychologische Untersuchung auch zunächst von dem außerhalb der Psychologie herrschenden Sprachgebrauch ausgehen und überhaupt sich diesem Sprachgebrauch möglichst anpassen muß, so ist sie doch selbst keine Untersuchung des Sprachgebrauchs, sondern sie muß überall möglichst bald von den Wörtern zu den mit ihnen gemeinten Sachen zu kommen suchen. So wird sich auch die folgende Untersuchung zwar möglichst nahe an den allgemeinen Sprachgebrauch halten; worauf es ihr aber ankommt, sind nicht sprachliche Festlegungen, sondern die Erkenntnis der Gesinnungen selbst.

Die psychologische Erkenntnis der Gesinnungen hat notwendig zu beginnen mit der  Phänomenologie  der Gesinnungen. Die Phänomenologie des Psychischen hat vorzudringen bis zur direkten Erfassung des Psychischen selbst und dann eine völlgi getreue Beschreibung des psychischen Bestandes selbst zu geben. Sie gewinnt so die letzte grundlegende Kenntnis des Seelischen. Und nur, wo diese auf einem seelischen Gebiet erreicht ist, kann man der Gefahr entgehen, daß man wesentlich verschiedene seelische Tatsachen miteinander verwechselt. Läßt man dagegen das "Was" der seelischen Tatsachen ununtersucht im Dunkel stehen, so gewinnt man sicher ein falsches konstruktive Bild von der psychischen Wirklichkeit überhaupt, und man verschwendet unter Umständen umfangreiche Arbeit an psychologischen Untersuchungen, die von vornherein hinfällig sind, weil ihnen die hinreichende phänomenologische Grundlage fehlt, die allein imstande ist, die unbemerkten falschen Vorüberzeugungen über die psychische Wirklichkeit zu beheben und zu zerstören.

Es ist müßig, die  Möglichkeit  einer phänomenologischen Untersuchung der psychischen Welt vor jedem ernstlichen Versuch zu bestreiten. Auch der Hinweis auf die geringen Resultate, die bisher die Phänomenologie wenigstens auf den zentraleren Gebieten der seelischen Wirklichkeit erreicht habe, auf den Streit der Meinungen, der noch immer in Bezug auf die letzten seelischen Data herrscht, kann in keiner Weise die Unmöglichkeit der psychologischen Phänomenologie dartun. Daß die phänomenologische Forschung des Psychischen eine sehr schwierige, ja wohl die schwierigste Aufgabe der Psychologie ist, das ist ja zweifellos. Man darf aber über diese Schwierigkeit nicht dadurch hinwegzukommen suchen, daß man aus einer vielleicht bestehenden subjektiven Unfähigkeit eine objektive Unmöglichkeit macht. Auch durch eine falsche Aufgabenbestimmung der Psychologie sucht man der Schwierigkeit phänomenologischer Untersuchungen auszuweichen, indem man erklärt, die Psychologie habe sich agr nicht um das Wesen und die Beschaffenheit der seelischen Tatsachen selbst zu kümmern, sondern sie habe nur die gesetzmäßigen Beziehungen der Tatsachen möglichst genau festzustellen. Es ist eine bestimmte  Theorie  über die Aufgabe der Naturwissenschaften, die hier unberechtigterweise auf die Psychologie übertragen wird. Über die Möglichkeit der Phänomenologie des Psychischen kann schließlich nur der ernste und nachhaltige Versuch der dafür Begabten und Geschulten entscheiden.

Und dieser Versuch ist bisher nicht völlig vergeblich gewesen. Ja, ein Blick auf die Geschichte der Psychologie zeigt, daß geradezu die Fortschritte der Phänomenologie des Psychischen es gewesen sind, die den Fortschritt der Psychologie bedingt haben. Solange man noch über die seelischen Tatsachen aus der Ferne redete, solange man forschte, ohne die Tatsachen  selbst  unmittelbar forschend ins Auge zu fassen, da verwechselte man Empfindungen bzw. Wahrnehmungen mit Vorstellungen; ebenso die Empfindungs inhalte,  wie z. B. Farben, mit den Empfindungen selbst; ebenso die Vorstellungs gegenstände  mit den Vorstellungen; da kannte man auch keinen Unterschied zwischen Vorstellen und Denken; da gab es keine Aufmerksamkeit, sondern nur eine besondere Intensität der  Gegenstände  der Aufmerksamkeit; da unterschied man nicht zwischen Aufmerksamkeit und Apperzeption; da sollten die Gefühle bloße "Töne" oder "Färbungen" der gegenständlichen Bewußtseinsinhalte sein; da gab es nicht das eigenartige seelische Element des Strebens, sondern nur Vorstellungen, deren gegenseitige Hemmungen und eventuell noch Gefühle; und selbst das Wollen sollte nur aus Vorstellungen bestehen. Wenn es heute anders geworden ist, wenn heute wenigstens die fortgeschrittenen Psychologen alle diese Verwechslungen und Theorien als schwerwiegende Irrtümer erkennen, so ist dies ausschließlich das Verdienst phänomenologischer Einsichten, mögen sie nun unter diesem oder unter einem anderen Titel aufgetreten sein.

Der wahre Maßstab für die Bewertung irgendwelcher psychologischer Ergebnisse sind nicht "die gesicherten Resultate der bisherigen psychologischen Forschung", oder ihre Brauchbarkeit für eine "Theorie des Psychischen", sondern einzig und allein die psychischen Tatsachen selbst. Die Phänomenologie aber kommt gerade diesen Tatsachen so nahe als nur irgend möglich.

Auch die Psychologie der Gesinnungen muß daher mit der Phänomenologie der Gesinnungen beginnen. Das heißt, sie hat zunächst vorzudringen bis zum unmittelbar erkennenden Innewerden der Gesinnungen selbst und dann aufgrund dieses Inneseins eine Einsicht zu gewinnen in die Beschaffenheit und die Struktur der Gesinnungen, in ihre Arten, Abarten und Formen, und in ihre Beziehungen zu den anderen psychischen Tatbeständen. Im Folgenden soll im wesentlichen zunächst eine Phänomenologie der Gesinnungen versucht werden. Anknüpfend an Erlebnisfälle von Gesinnungsregungen, die wohl bei jedem normalen, erwachsenen Menschen vorkommen, so der konstatierende und beobachtende Blick auf diese Gesinnungsregungen selbst hingelenkt und in dieser Richtung möglichst lange festgehalten werden. Dabei ergibt sich freilich zunächst die Schwierigkeit, daß an der Stelle, worauf sich der beobachtende Blick richtet, zunächst nichts recht sichtbar wird, ja daß das dort vielleicht Vorhandene vor dem beobachtenden Blick in Nichts zergeht. Dies ereignet sich vor allem dann, wenn, wie hier, der Blick in seelische Gebiete hineinführt, die bisher noch nicht wissenschaftlich erhellt worden sind. Aber diese Schwierigkeit ist durch Ausdauer überwindbar und sie muß in neuen Fällen von jedem Psychologen immer wieder überwunden werden. Um nun dem Blick des Lesers zunächst überhaupt etwas sichtbar zu machen, ist der Gebrauch von  bildlichen Ausdrücken  nicht nur sehr zweckmäßig, sondern sogar unvermeidlich. Braucht man doch auch in Bezug auf die physische Wirklichkeit notwendig dann Bilder, wenn es sich darum handelt, etwas schwer Sichtbares zuerst einmal zur Erfassung zu bringen, indem man z. B. sagt: "Es sieht aus wie ...". Auch in der Phänomenologie verwenden selbst die blinden Bilderstürmer immer wieder bildhafte Ausdrücke, ohne es freilich selbst zu merken. Geschickt gewählte, möglichst adäquate Bilder vermögen mit einem Schlag die seelische Situation zu erhellen und das vorher Unsichtbare nun sichtbar und standhaft zu machen. Natürlich darf man nicht von den Sachen auf die Bilder abschwenken, die Bilder ausbeuten und den Ertrag für eine fachliche Ausbeute halten. Vielmehr muß man immer von den Bildern zu den psychischen Gegenständen selbst zu kommen suchen, denn die Bilder sind nur der Erkenntnis der Sachen wegen da.

Die phänomenologische Untersuchung der Gesinnungen ist natürlich, wie die Phänomenologie überhaupt, nicht erledigt mit einem bloßen "Erschauen" der Sachen selbst, sondern sie schließt das Vergleichen und Unterscheiden, das Analysieren, Zusammenfallen und Inbeziehungsetzen in sich wie jede andere wissenschaftliche Untersuchung.

Es wird sich im Laufe der Untersuchung ergeben, daß eine Psychologie der Gesinnungen eine allgemein psychologische Bedeutung hat, denn sie gewährt neue Einblicke in die Struktur des Seelenlebens und der Seele selbst.

Wenn wir uns nun den Gesinnungen selbst zuwenden, so müssen wir sogleich  dreierlei  voneinander unterscheiden. Da sind zunächst die einzelnen Gesinnungsregungen, die im gegebenen Moment im aktuellen seelischen Leben vorhanden sind, z. B. eine augenblickliche Liebesregung oder eine gegenwärtige Haßausstrahlung. Bevor solche einzelnen Gesinnungsregungen da sind, ebenso nachdem sie wieder verschwunden sind, und schließlich auch während sie da sind, kann das psychische Subjekt erfüllt sein von Gesinnungen, die zwar lebendige Bestandteile des augenblicklichen seelischen Lebens sind, die sich aber als solche nicht in das entfaltete, aktuelle Leben erstrecken, sondern unentfaltet gleichsam hinter dem aktuellen seelischen Leben im Dunkel wogen. Dies ist z. B. der Fall, wenn jemand lebendig von einem Haß gegen eine bestimmte Person erfüllt ist, während er nicht "bewußt" an diese Person denkt, sondern mit ganz anderen Dingen aufmerksam beschäftigt ist. Jene im hellen aktuellen seelischen Leben auftretenden einzelnen Gesinnungsregungen sollen im folgenden als  "aktuelle"  Gesinnungen kurz bezeichnet werden. Der im  Hinterbau  des hellen aktuellen seelischen Lebens wogende Gesinnungsbestand soll dagegen ein  "virtueller"  genannt werden. Die Klärung und die außerordentlich weitreichende Bedeutung dieser Unterscheidung kann sich erst später ergeben. Von den aktuellen und virtuellen Gesinnungen müssen aber nun weiter diejenigen Gesinnungen unterschieden werden, die man z. B. meint, wenn man sagt: "Er ist mir dauernd wohlgesinnt", oder: "Er ist von unzerstörbarem Haß gegen mich erfüllt". Man meint mit diesen Ausdrücken ja nicht, daß der betreffende Mensch unaufhörlich die bestimmten  aktuellen  Gesinnungsregungen hat, auch nicht, daß er in jedem Moment seines Lebens lebendig erfüllt ist von den entsprechenden  virtuellen  Gesinnungen. Es wäre auch eine Umdeutung der Meinung, wenn man erklärte, jene Redewendungen besagen nichts anderes und sollen auch nichts anderes besagen, als daß jener Mensch allemal dann, wenn er mich zu Gesicht bekommt, oder von mir hört oder auch bloß an mich denkt, die betreffende aktuelle Gesinnungsregung in sich erlebt. Diese Erklärung verwechselt offenbar das,  woran  wir unter Umständen  erkennen,  wie uns jemand dauernd gesinnt ist, mit dieser dauernden  Gesinnung selbst.  Es ist in den angeführten Fällen mit den Gesinnungen etwas Seelisches gemeint, das dauernd vorhanden ist und das unter Umständen in virtuellen und aktuellen Gesinnungen hervortritt. Im Unterschied von den aktuellen und den virtuellen sollen diese dauernden Gesinnungen die  "habituellen"  heißen. (1)

Die Untersuchung beginnt nun zweckmäßigerweise mit den aktuellen Gesinnungen, da diese entschieden am leichtesten zugänlich sind, denn sie liegen auf demjenigen Gebiet des seelischen Lebens, das nicht nur ansich in einer bequemeren Reichweite liegt, sondern auch bisher von der Psychologie fast ausschließlich in Betrachtung gezogen worden ist. In das Gebiet des Virtuellen und des Habituellen ist man noch so viel wie gar nicht eingedrungen, indem man es einfach mit der Bemerkung erledigte, es bestehe aus erschlossenen, ansich unbekannten und unbewußten Dispositionen zu aktuellen seelischen Erlebnissen. Dies wird sich später als ein für die Psychologie ganz verhängnisvoller Irrtum herausstellen. Vorerst beginnen wir mit der Psychologie der aktuellen Gesinnungen.


A. Zur Psychologie der aktuellen Gesinnungen

1. Das Wesen und die Struktur der
aktuellen Gesinnungen überhaupt

Nur allmählich kann das Wesen und die Struktur der aktuellen Gesinnungen ins Klare erhoben werden. Zunächst sollen ganz allgemein einige Wesenszüge der Gesinnungen hervorgehoben werden, die aber zur Bestimmung des Wesens durchaus noch nicht ausreichen.

Betrachten wir irgendeine einzelne Regung einer  feindseligen  Gesinnung, wie sie etwa entsteht, wenn ein Mensch absichtlich oder unabsichtlich einen anderen in einer Arbeit oder in einem Genuß stört. Zu der im zweiten Menschen entstandenen feindseligen Gesinnung stehen dann die beiden Individuen in ganz verschiedenen Beziehungen: der zweite  hat  die feindselige Gesinnung, er ist das die Gesinnung erlebende  Subjekt,  der erste dagegen  hat nicht  die Gesinnung, er ist das  Objekt,  der Gegenstand der Gesinnung. Blicken wir auf den aktuellen seelischen Erlebnisbestand im zweiten Menschen, so ist die vorhandene aktuelle Feindseligkeitsregung eingespannt zwischen dem bewußten Subjekt und dem ihm als Gegenstand bewußt gegenüberstehenden anderen Menschen. Die Gesinnung erscheint also hier nicht als eine Eigenschaft des  Gegenstandes,  nämlich des anderen Menschen, aber sie stellt sich auch nicht ar als eine bloße Eigenschaft oder ein  bloßer Zustand  des sie erlebenden  Subjekts,  sondern sie hängt im Erlebnis sowohl am Subjekt, als auch am Gegenstand des Bewußtseins, sie überbrückt die seelische Distanz zwischen den beiden. Und wie es hier ist, so verhält es sich auch bei den aktuellen  wohlwollenden  oder freundlichen, kurz bei  allen  aktuellen, auf Gegenstände bezogenen, Gesinnungsregungen: sie alle sind  eingespannt  zwischen dem erlebenden Subjekt und bestimmten Gegenständen seines Bewußtseins, sie überbrücken die seelische Distanz zwischen dem Subjekt und den Gegenständen.

Orientieren wir uns weiter am obigen Beispiel einer aktuellen feindlichen Gesinnung, so müssen wir konstatieren, daß die so zwischen Subjekt und Gegenstand eingespannte Gesinnung keine richtungslose Größe ist, daß sie vielmehr im Erleben eine  Richtung  hat und daß diese Richtung nicht nach  beiden  Seiten, auf das Subjekt und auf den Gegenstand geht, sondern daß sie eine eindeutige ist. Mag die feindselige Gesinnungsregung auch spürbar von einem störenden Menschen  erregt  werden, und mag diese Erregung vom Gegenstand zum Subjekt hingehen, also zentripetal sein, so ist diese zentripetale Richtung doch der Gesinnung selbst immanent, d. h. die Gesinnung selbst ist nicht vom Gegenstand auf das Subjekt gerichtet, sondern sie ist vom Subjekt aus auf den Gegenstand hin, also  zentrifugal gerichtet.  Dies trifft ebenfalls nicht nur für die feindseligen, sondern auch für die freundlichen, wohlwollenden aktuellen Gesinnungen zu. Es gilt für alle aktuellen Gesinnungen überhaupt. Es gibt keine richtungslosen, und keine nach beiden Seiten gerichteten aktuellen Gesinnungen, sondern sie alle haben eine ihnen immanente zentrifugale, vom Subjekt auf den Gegenstand gehende, eindeutige Richtung.

Gewiß kann das erlebende Subjekt auch eine feindselige Gesinnung des vor ihm stehenden  anderen  Menschen, die auf das Subjekt selbst zielt, "erleben". Aber um dieses, andersartige "Erleben" der Gesinnungsregungen anderer Menschen handelt es sich hier gar nicht, sondern um das eigentliche Erleben, in dem das Subjekt seine  eigenen  Gesinnungen auf irgendwelche Gegenstände gerichtet erlebt. Und die so erlebten aktuellen Gesinnungen haben alle eine zentrifugale Richtung.

Jene feindselige Regung, die gegen den störenden Menschen gerichtet ist, zeigt aber noch einen weiteren, von den beiden bis jetzt hervorgehobenen verschiedenen, Wesenszug. Die ihr immanente zentrifugale Richtung vom Subjekt auf den Gegenstand könnte nämlich eine  bloße Zielung  sein, deren Ausgangspunkt das erlebende Subjekt und deren Zielpunkt eben jener bewußte störende Mensch ist. Eine solche Zielung liegt nun gewiß bei den aktuellen Gesinnungen vor. Und mit jener zentrifugalen Richtung ist auch zunächst nur eine solche Zielung gemeint. Die aktuelle feindselige Gesinnung aber  zielt  nicht nur auf den Gegenstand hin, sondern sie  strömt  vom Subjekt als ihrem Quell aus und auf den Gegenstand als ihren Mündungspunkt hin. Sie ist also nicht etwas in sich Ruhendes, sondern etwas in sich Bewegtes. Sie durchströmt die Distanz zwischen Subjekt und bewußtem Gegenstand, indem sie aus dem Subjekt entspringt und in den Gegenstand mündet. Sie unterscheidet sich also auch durch diese ihr immanente Strömung von allen bloßen Zuständlichkeiten des Subjekts.

Auch die  wohlwollenden  oder freundlichen aktuellen Gesinnungen zeigen diese immanente  zentrifugale Strömung.  Das aktuelle Wohlwollen gegen einen Menschen strahlt oder strömt aus vom wohlwollenden Subjekt und strahlt oder strömt hin auf den betreffenden, gegenständlich bewußten Menschen. Und solange es aktuell da ist, solange ist auch dieses stetige zentrifugale Strömen da. Wird dieses Strömen unterbrochen oder ganz aufgehoben, so wird auch die aktuelle Strömung unterbrochen oder ganz aufgehoben. So kann überhaupt keine aktuelle Gesinnung ohne diese ihr immanente zentrifugale Strömung vom Gesinnungssubjekt zum Gesinnungsgegenstand sein. Liebes- und Haßregungen ergießen sich aus dem Ich heraus über die Bewußtseinsgegenstände. Liebe und Haß sind nicht mehr aktuell, wenn sie sich nicht mehr vom Subjekt auf Gegenstände ergießen.

Wie schon gesagt, sind jedoch mit den gefundenen Bestimmungen der Eingspantheit zwischen Subjekt und Gegenstand, der zentrifugalen Richtung und der zentrifugalen Strömung die aktuellen Gesinnungen noch nicht genügend charakterisiert. Um nun bei der genaueren Bestimmung nicht in die Irre zu gehen, müssen wir zunächst berücksichtigen, daß es zwei direkt entgegengesetzte Gattungen von Gesinnungen gibt. So steht z. B. der Gesinnung der Liebe die zu ihr gegensätzliche Gesinnung des Hasses, und ebenso steht der Freundlichkeit die Feindlichkeit, der Zuneigung die Abneigung, der Gunst die Ungunst, dem Wohlwollen da Übelwollen gegensätzlich gegenüber.

Verstehen wir hier unter den angeführten Gesinnungen wieder nur die aktuellen Gesinnungen, so treffen die oben gefundenen Bestimmungen der aktuellen Gesinnungen für jedes der Glieder der Gegensatzpaare zu. Sowohl die aktuelle Liebe, Freundlichkeit, Zuneigung, Gunst und das Wohlwollen, als auch der aktuelle Haß, die Feindlichkeit, Abneigung, Ungunst und das Übelwollen sind eingespannt zwischen dem sie erlebenden Subjekt und den Bewußtseinsgegenständen, und sie haben außerdem die immanente zentrifugale Richtung und zentrifugale Strömung. Innerhalb der einen Reihe (Liebe, Freundlichkeit, Zuneigung, Gunst und Wohlwollen) und ebenso innerhalb der zweiten Reihe (Haß, Feindlichkeit, Abneigung, Ungunst, Übelwollen) gibt es gewiß noch Unterschiede der einzelnen Gesinnungsregungen voneinander. Aber diese sollen hier außer Betracht bleiben. Von diesen speziellen Unterschieden abgesehen, haben alle in der einen Reihe aufgeführten Gesinnungsregungen gewisse übereinstimmende Züge, durch die sie sich als eine zusammengehörige Gruppe von den Gesinnungsregungen der zweiten Reihe abheben, die Ihrerseits durch gewisse gemeinsame Züge zu einer besonderen Gruppe zusammengehören. Die aktuellen Gesinnungsregungen, wie übrigens die Gesinnungen überhapt, teilen sich also in zwei einander gegensätzliche Gattungen. Die genauere Bestimmung der jeder Gruppe gemeinsamen, einander aber gegensätzlichen Züge kann erst später erfolgen. Hier sollte nur auf die Existenz der zwei entgegengesetzten Gattungen von Gesinnungen hingewiesen werden. Die eine Gattung von Gesinnungen ist den Gegenständen, auf die sie gerichtet sind, günstig, sie soll daher als die Gattung der  positiven  oder  freundlichen  Gesinnungen bezeichnet werden. Die andere Gattung ist dagegen den Gesinnungsgegenständen ungünstig, sie soll daher die Gattung der  negativen  oder  feindlichen  Gesinnungen genannt werden. Im einzelnen Fall ist immer leicht zu erkennen, ob eine vorliegende Gesinnung in die Gattung der positiven, freundlichen, oder in die Gattung der negativen, feindlichen gehört.

Aus den bisher angeführten Fällen von aktuellen Gesinnungsregungen könnte die Meinung entstehen, als ob nur  menschliche Personen  als Gegenstände der Gesinnungen vorkämen. Es wird daher gut sein, zunächst einmal die möglichen Arten von Gesinnungsgegenständen kurz zu überblicken. Der gewöhnliche Fall ist es ja allerdings, daß menschliche Personen und zwar von dem die Gesinnung hegenden Menschen verschiedene Personen die Gegenstände sind, auf welche die aktuellen Gesinnungen zentrifugal gerichtet sind. Dabei brauchen diese anderen Personen dem Gesinnungssubjekt durchaus nicht persönlich bekannt zu sein, vielmehr können auch ihm persönlich Unbekannte, wenn es nur im gegebenen Moment ein Bewußtsein von ihnen hat, Gegenstände seiner aktuellen Gesinnungsregungen sein. die Behauptung, daß alle Liebe, alles Wohlwollen zu anderen Personen in Wahrheit Selbstliebe, Selbstwohlwollen sei, kann sich jedenfalls nicht auf die Tatsachen des unmittelbaren Erlebens stützen. Denn in diesem Erleben kommen Fälle von Regungen der Liebe und des Wohlwollens vor, in denen die Gesinnung ganz zweifellos und ausschließlich, nicht auf das eigene Selbst, sondern auf eine andere Person gerichtet ist. Und wenn in diesem Erleben keinerlei Beziehung auf das eigene Selbst vorhanden ist, so hat es gar keinen Sinn zu sagen, "in Wahrheit" sei die so erlebte Gesinnung doch auf das eigene Selbst bezogen. Es mag in manchen Fällen so sein, daß die Beziehung einer aktuellen Gesinnungsregung auf eine andere Person nur eine Scheinbeziehung ist, so wenn man z. B. eine Regung des Selbsthasses ableitet auf eine gerade anwesende  andere  Person. Aber dann ist auch das Erleben ein besonders geartetes, und die Beziehung der Gesinnung auf die andere Person auch im Erleben als eine Scheinbeziehung charakterisiert. Was in solchen relativ seltenen Fällen tatsächlich vorkommt, darf man aber nicht verallgemeinern, da die Tatsachen dagegen Widerspruch erheben. Denn die psychischen Tatsachen zeigen, daß eben  nicht alle  Fremdgesinnungen vom Selbst weggedrängte Selbstgesinnungen sind oder mit einem schielenden Blick auf das eigene Selbst verbunden sind.

Während nun hier aus allgemeinen Vorüberzeugungen heraus die Existenz von Gesinnungen, die auf  fremde  Personen gerichtet sind, geleugnet wird, wird von anderer Seite wieder aufgrund allgemeiner Überlegungen bestritten, daß es Gesinnungen gibt, die auf die  eigene Person  bezogen sind. Hält man sich jedoch auch hier an die Tatsachen des seelischen Lebens, so findet man unter ihnen Regungen der Liebe und des Hasses, die auf das eigene Selbst bezogen sind. Eine Regung des Selbsthasses tritt z. B. auf, wenn jemand bemerkt, daß er soeben eine große Dummheit begangen hat. Hier ist das eigene Selbst Objekt für das Subjekt und der Haß geht auch hier vom Subjekt zum Objekt in zentrifugaler Richtung und Strömung. Nur liegt hier das Objekt des Hasses dem Subjekt in eigentümlicher Weise nahe, aber eine gewisse Bewußtseinsdistanz zwischen dem Subjekt und dem Gegenstand der Gesinnung besteht doch auch hier. Kehrt die vom Subjekt ausgehende Haßströmung auch in gewissem Sinne in den Ausgangspunkt zurück, so ist es doch nicht ihre eigentliche Ursprungsquelle selbst, auf die sie gerichtet ist. Vorausgesetzt ist natürlich hier ein Bewußtsein vom eigenen Selbst. Daß es dies aber gibt, ist eine unbezweifelbare Tatsache der inneren Erfahrung, und kann nur aufgrund von tatsachenfremden Deduktionen aus dem  Begriff  des Subjekts oder des Ich geleugnet werden. Im unmittelbaren Selbstbewußtsein steht freilich das Selbst dem Bewußtseinssubjekt nicht so abgeschieden gegenständlich gegenüber wie etwa die durch den Gesichtssinn wahrgenommene eigene Hand. Aber das "Bewußtsein von Etwas" ist eben verschieden je nach dem Wesen dessen, was darin unmittelbar selbst bewußt ist. Und mit der Verschiedenheit der Stellung von Gesinnungssubjekt und Gesinnungsobjekt zueinander wird auch im allgemeinen eine Verschiedenheit der Lage der Gesinnung selbst verbunden sein. Auf diese Verschiedenheiten soll aber hier nicht weiter eingegangen werden. Die oben angegebenen Bestimmungen der Gesinnungen, nämlich die Eingespanntheit zwischen Subjekt und Objekt, die zentrifugale Richtung und Strömung finden sich auch bei den auf die eigene Person gerichteten positiven und negativen aktuellen Gesinnungen.
LITERATUR - Alexander Pfänder, Zur Psychologie der Gesinnungen, Jahrbuch für Philosophie und phänomenologische Forschung, Bd. 1, Halle a. S. 1913
    Anmerkungen
    1) Die obige Terminologie bedient sich einiger Ausdrücke, die aus der scholastischen Philosophie stammen. Den Ausdrücken "aktuell", "virtuell" und "habituell" soll jedoch hier ein aus der Betrachtung der psychischen Tatsachen selbst gewonnener Sinn unterlegt werden, unbekümmert darum, ob dieser Sinn mit dem scholastischen völlig übereinstimmt oder nicht.