ra-2 Agnes TaubertEduard von Hartmann    
 
FRIEDRICH PAULSEN
Gründe und Ursachen
des Pessimismus


    "Nun wirst du ruh'n für immer,
    Mein müdes Herz. Es schwand der letzte Wahn,
    Der ewig schien. Er schwand. Ich fühl' es tief:
    Die Hoffnung nicht allein
    Auf holde Täuschung, auch der Wunsch entschlief.
    So ruh' für immer. Lange
    Genug hast du geklopft. Nichts hier verdient
    Dein reges Schlagen, keines Seufzers ist
    Die Erde wert. Nur Schmerz und Langweil bietet
    Das Leben, Andres nicht. Die Welt ist Kot.
    Ergib dich denn! Verzweifle
    Zum letzten Mal! Uns Menschen hat das Schicksal
    Nur Eins geschenkt: den Tod. Verachte denn
    Dich, die Natur, die schnöde
    Macht, die verborgen herrscht zu unsrer Qual,
    Und dieses Alls unendlich nicht'ge Oede.
In diesen Zeilen hat der italienische Dichter LEOPARDI seiner Lebensstimmung ergreifenden Ausdruck gegeben. Es ist sein letztes Urteil über den Wert des Lebens und, wie jedes Urteil des Gefühls, ist es unwiderleglich, ganz ebenso unwiderleglich, wie das Urteil, das sich in den Versen des englischen Dichters MATTHEW ARNOLD ausspricht:
    Is it so small a thing
    To have enjoyed the sun,
    To have lived light in the spring,
    To have loved, to have thought, to have done,
    To have advanced true friends and beat down baffling foes? (1)
Als Ausdruck persönlicher Lebensempfindung sind die Verse beider Dichter nicht wahr oder unwahr; sie sind einfach Tatsachen, die man analysieren und erklären, die man erfreulich oder verabscheuungswürdig finden kann, aber man kann sie nicht widerlegen.

Anders steht es mit dem Pessimismus, sofern man darunter eine philosophische Theorie versteht. SCHOPENHAUER will nicht bloß dem Gefühl Ausdruck geben, daß er am Leben nichts finde, sondern er will beweisen, daß nichts daran ist und daß, wer etwas daran findet, sich täuscht. Das geschieht durch Gründe und Gründe lassen sich prüfen und, wenn sie falsch sind, widerlegen, zwar nicht mit der Wirkung, daß sie die persönliche Stimmung des Pessimisten verändern, aber mit der Wirkung, daß sie die Gültigkeit der Theorie aufheben. Eine solche Prüfung wird dem Leser hier vorgelegt. Wenn ich mich nicht über ihren Wert täusche, ergibt sich aus derselben, daß in Wahrheit auch der philosophische Pessimismus keine begründete Theorie, deren Sätze auf Allgemeingültigkeit Anspruch haben, sondern Ausdruck individueller Lebensempfindungen ist und als solcher nur eine subjektive Wahrheit haben kann.

Man kann zwei Versuche den Pessimismus zu begründen unterscheiden: die  sensualistische  oder  hedonistische  und die  moralistische  Beweisführung. Unter der ersteren verstehe ich diejenige, welche darzutun unternimmt, daß das Leben mehr Schmerz als Lust bringt, und daraus folgert, daß es weniger als nichts wert ist. Die zweite fügt hinzu, daß das Leben, objektiv oder moralisch betrachtet, keinen Wert hat und daß es daher nicht bloß unglücklich ist, sondern auch unglücklich zu sein verdient. Als eine dritte Form der Beweisführung kann man noch die  geschichtsphilosophische  ansehen, welche zu zeigen versucht, daß mit der aufsteigenden Entwicklung der Lebenserscheinungen, besonders sichtbar aber mit der zunehmenden Kultivierung des menschlichen Geschlechts Schmerz und Unwert gleichen Schritt haltend sich steigern.

Die hedonistische Beweisführung.  Der Gegenstand derselben ist eine Behauptung über ein Größenverhältnis: mehr und größere Schmerz- als Lustgefühle kämen regelmäßig im menschlichen Leben vor. Der Beweis für eine derartige Behauptung scheint der Natur der Sache nach durch ein  arithmetisch-statistisches Verfahren  erbracht werden zu müssen. Daß er in der Tat so geführt werden könne, scheint auch durch einen in der neuesten Pessimismusliteratur sehr gewöhnlichen Ausdruck angedeutet zu werden: man spricht von der  Lustbilanz,  welche gegen den Wert des Lebens ausfalle. Der Ausdruck ist der kaufmännischen Sprache entnommen: der Kaufmann zieht die Bilanz aus den beiden Kolumnen, welche in seinem Buch mit Kredit und Debet überschrieben sind. Durch jenen Ausdruck werden wir demnach zu glauben angeleitet, daß der pessimistische Philosoph eine ähnliche Operation vorgenommen hat: daß er also etwa ein Buch angelegt habe, worin auf den gegenüberstehenden Seiten unter den Titel Lust und Schmerz die Erträgnisse des Lebens an Gefühlen, in Ziffern ausgedrückt, eingetragen stehen; daß er dann eines Tages eine große Summmierung vorgenommen habe und dabei zu dem Ergebnis gelangt sei, daß die Summenden der Schmerzkolumnen einen größeren Betrag erreichten, als die der Lustkolumnen.

Ich weiß nicht, ob ein derartiger Ansatz jemals gemacht worden ist; in den Schriften philosophischer Pessimisten, so weit sie mir bekannt sind, habe ich nichts davon gefunden. Und doch, scheint mir, könnte es kein Verfahren geben, das die Möglichkeit dieses ganzen Unternehmens so überzeugend dartäte, als wenn auch nur probeweise das Ergebnis eines einzigen Tages eines Menschenlebens in dieser ziffernmäßigen, statistischen Form dargelegt würde. Man denke sich einen ganz durchschnittlichen Tag eines ganz durchschnittlichen Menschenlebens nach einem solchen Schema behandelt; die Sache könnte sich etwa so ausnehmen:
    A) Lusteinnahme
    1. gut geschlafen - macht so und so viele Lusteinheiten
    2. gut gefrühstückt -;
    3. ein Kapitel aus einem guten Buch gelesen -;
    4. einen Brief von einem Freund erhalten -; usw.

    B) Schmerzen:
    1. eine widrige Geschichte in der Zeitung gelesen -;
    2. durch ein nachbarliches Klavier gestört -;
    3. einen langweiligen Besuch empfangen -;
    4. angebrannte Suppe gegessen -; usw.
Der Philosoph wird gebeten, bei den einzelnen Posten die Zahlen einzutragen.

Aber das ist ja eine absurde und kindische Forderung. - Sicherlich, ich bin ganz der Meinung, daß es ein absurdes Unternehmen wäre. Aber die Forderung scheint mir keineswegs absurd. Wenn es ein völlig unmögliches Unternehmen ist, eine derartige Abschätzung der Lust- und Schmerzquanta in statistisch verwendbaren Ausdrücken auszuführen, wie will man dann jene Behauptung, daß mehr Schmerz als Lust herauskomme, begründen? Wenn ein bestimmter Wert für die einzelnen Posten nirgendwo angesetzt werden kann, wie will man den Wert der Summen gegeneinander bestimmen? Wenn man in jenen allereinfachsten Fällen schon ratlos ist, wenn man nicht einmal sagen kann, ob die Lust, welche ein gutes Frühstück gewährt, größer oder kleiner ist, als der Schmerz, der durch die angebrannte Suppe verursacht wird, wie will man in wichtigeren Dingen auch nur die allervageste Vermutung begründen? Wie will man, wenn man nicht das Resultat eines einzigen Tages vorrechnen kann, eine Behauptung über das Ergebnis eines ganzen Lebens wagen? und nun nicht eines einzigen Lebens, sondern aller Menschenleben? Ich finde, es gehört ein maßloser Leichtsinn dazu, auch nur für ein einziges Leben zu entscheiden, ob es mehr Lust oder Schmerz empfunden habe.

MELCHIOR MEYR erzählt in seinem Roman "Vier Deutsche" die Geschichte von zwei jungen Leuten, welche miteinander unter ähnlichen Verhältnissen, mit ähnlichen Aussichten und Ansprüchen auchwachsen. Sie studieren zusammen, sie sind Freunde und leben wesentlich in denselben Anschauungen. Mit dem Ende der Studien beginnt sich die Verschiedenheit der Naturen geltend zu machen: der Eine tritt in den Staatsdienst, er wird ein liebenswürdiger und korrekter Beamter, er entledigt sich bald der Ansichten, welche in hohen Kreisen für anstößig gehalten werden; er beginnt schneller aufzusteigen; er wird ins Ministerium gezogen, bald Schwiegersohn des Ministers und endlich selbst Minister. Sein Freund, der mehr geneigt ist, seinen Gedanken nachzugehen, betritt die Gelehrtenlaufbahn, er wird Privatdozent und Schriftsteller. Nur darauf bedacht, seine Überzeugungen auszubilden, versäumt er es, nach dem Geltenden zu fragen; er wird, ehe er es weiß, mißliebig; die korrekt Denkenden schütteln die Köpfe; seine Wirksamkeit wird gehemmt, seine Bücher werden nicht gelesen, wie billig: hat er doch für sich selbst geschrieben; er wird dreißig, fünfunddreißig Jahre alt und lebt immer noch in kümmerlicher Dürftigkeit; sein Vater wird unruhig, seine Mutter grämt sich - da kommt das Jahr 1848 und stürzt beide in neue Verhältnisse. Lassen wir die. Wie steht es bis dahin mit der Lustbilanz in diesen beiden Lebensläufen? Ich denke, es sind auch nicht eben besonders schwierige Fälle; und doch, wer wollte zu entscheiden wagen, welches Leben mehr Glück empfunden? wie sich zueinander verhalten in jenem die Lust, welche durch die Befriedigung des Ehrgeizes gewonnen, zum Schmerz, der von  Furcht  und Hoffnung der Strebsammkeit, zur Enttäuschung, welche von der Erreichung eitler Güter unzertrennbar ist, und wie dagegen in diesem die stillen Freuden des Denkers zu den Schmerzen, welche Kränkung und äußeres Mißlingen verursachen? -

Also die eigentlich durch die Natur der Sache erforderliche Begründung ihrer Behauptung ist von den Pessimisten niemals auch nur versucht worden. Statt ihrer werden uns allgemeine Reden geboten. Hören wir die eine und die andere. Da begegnet uns zuerst eine alte Rede:  Lust  sei im Grunde nichts als  Befreiung von Schmerz;  sie entstehe überall nur, wo ein Bedürfnis befriedigt, eine Krankheit behoben, eine Furcht von uns genommen werde. Sie sei also ihrer Natur nach negativ, der Schmerz allein positiv. Die Kolumne Lust in jener imaginären Buchführung bleibe im Grunde ganz unbeschrieben; ein mehr oder minder von Schmerz sei alles, was die Eintragungen der einen Stunde von denen der anderen unterscheide. - Wenn es wirklich so wäre, daß uns als Lust vorkäme, was im Grunde bloß Befreiung von Schmerz ist, würde dadurch an der Sache etwas geändert, daß sich im Gefühl Lust und Schmerz ganz in demselben Sinn als positive Größe darstellen? Und hat nicht hier in Wahrheit das Gefühl doch das letzte und absolute Urteil und wäre es nicht im Grunde eine leere Behauptung: Lust ist nichts als Befreiung von Schmerz? Man könnte nur etwa sagen: sie  entsteht  nie, ohne daß vorher Schmerz da ist und vertrieben wird. Aber wäre das nicht augenscheinlich eine falsche Behauptung? Man sehe in das fröhliche Gesicht eines gesunden Kindes: es wacht lächelnd auf, mit Spiel und Scherz füllt es den Tag und am Abend fallen ihm die Augen zu in sanftem Schlaf. Wo ist da der Schmerz, von dem befreit zu werden seine Freude ausmacht? Etwa die Langeweile, welche käme, wenn es müßig bliebe? und die Übermüdung, welche einträte, wenn es nicht zur Ruhe ginge? Aber diese Gefühle wären ja doch noch nicht da; sie sind bloß in der Voraussicht der Psychologen.

SCHOPENHAUER begründet den Pessimismus durch den Hinweis auf die  Natur des Willens:  an und für sich intellektlos, sei derselbe zielloses Streben. Da er nicht ursprünglich durch die Vorstellung eines Zieles bewogen werde, sondern als absoluter und blinder Wille zum Leben ins Dasein trete, so könne es auch nicht irgendeinen Zustand, irgendein Gut geben, in welchem er definitive Befriedigung fände. Hiermit sei das Gefühlsleben eines solchen Wesens gegeben: Schmerz und Enttäuschung und Langeweile müßten seinen Inhalt ausmachen. Der Schmerz, welchen das Bedürfnis verursache, treibe zur Betätigung: erreiche dieselbe ihr Ziel nicht, so werde der Schmerz zu peinvoller und tödlicher Not. Erreiche dieselbe ihr Ziel, so werde einen Augenblick die Befreiung als Lust empfunden; aber bald sei diese dahin: der Besitz, der in der Ferne dauernde Befriedigung vorspiegelte, erweise sich bald als unfähig, Lustgefühle zu erregen, und so sei das Ende aller Lust die Enttäuschung. Versuche der Wille, diesem Umgetriebenwerden sich zu entziehen, so stachle ihn alsbald die Langeweile, lieber Not und Plage zu suchen, als in Ruhe zu bleiben. Das seien die Gefühle, zwischen denen der Wille hin- und herpendle. - Man könnte demnach den Lebensweg einem Fußsteig vergleichen, der zwischen zwei stacheligen Dornenhecken hinläuf, so schmal, daß der Wanderer, wenn er der einen Hecke auszuweciehen sich bemühte, allemal ander anderen sich blutig risse.

Das unbefangene Urteil wird diese Darstellung doch sehr einseitig finden. Es wird kein Leben geben, dem die beiden Gefühle der Not und der Langeweile fremd bleiben, aber manches mag sie manchen Tag so gut wie ganz vermeiden. Der Steig zwischen jenen Hecken ist nicht so schmal, daß nicht ein Mensch, der sich zum Leben nicht allzu ungeschickt anstellt, leidlich ungeschunden darauf einhergeben könnte. Ein gesundes Kind, das unter erträglichen Verhältnissen aufwächst, wird, wenn es ins Leben eintritt, von Not und Langeweile noch nicht viel zu sagen wissen; und wenn die Lebensbedingungen weiter leidliche bleiben, so mag noch manches Jahr vergehen, ehe es sie ernstlich kennen lernt. Der Bauer wartet die Not nicht ab, um sich durch dieselbe zur Arbeit treiben zu lassen, er freut sich am Tag seines Werkes und Abend der Ruhe; daß jenes Schmerz und diese Langeweile sei, würde man ihm vergeblich sich einzureden Mühe geben. Und so mögen lange Jahre Werktag und Festtag, Sommer und Winter wechseln, ohne große Not zu bringen und ohne für Langeweile viel Raum zu lassen. Es wird ohne Leid nicht abgehen, aber auch die Erfahrung wird gemacht, daß aus dem Leid Segen kommt. So mag dann am Ende von einem solchen Leben das Wort des Apostels mit etwas veränderter Wendung gelten: des Menschen Leben währt siebzig Jahre und wenn es hoch kommt achtzig, und wenn es Mühe und Arbeit gewesen ist, so ist es köstlich gewesen. Sind solche Leben verschwindende Ausnahmen? Da es eine Statistik der glücklichen und unglücklichen, der wohlgeratenen und verfehlten Leben noch nicht gibt, so bin ich einstweilen geneigt, dem Urteil eines einfachen Mannes ebensoviel, als der Beredsamkeit eines pessimistischen Philosophen zu glauben, und schwerlich wird dasselbe sich als Zeugnis für jene Ansicht deuten lassen.

Aber, erwidert SCHOPENHAUER, es mag sein, daß manches Leben einzelnen Anstößen mit leidlichem Glück ausweicht; wird dadurch etwas daran geändert, daß das Leben als Ganzes ein zielloses Streben ins Leere ist? Man könne, meint er, das Leben dem Ringen eines Schwimmers vergleichen, der mit Anstrengung aller Kräfte von einem Augenblick zum andern das Untersinken abwehre, um ihm schließlich gewiß zu verfallen. So sei Leben nichts als ein stetes Ringen, den Tod abzuwehren, dem uns doch jeder Tag näher führe. Und zur Trostlosigkeit dieses vergeblichen Geschäfts füge die Natur dann noch den grausamen Hohn der stets nachwachsenden Jllusion: morgen werde es besser gehen. Wenn ich nur erst groß wäre, denkt der Knabe, der in der Schule seufzt; wenn ich nur erst Prüfungen und Lehrlingszeit hinter mir hätte und im Besitz einer selbständigen Stellung und eines eigenen Vermögens wäre, denkt der Jüngling, den die Abhängigkeit drückt; wenn ich nur erst Millionär oder Geheimrat wäre, denkt der Mann, den das Leben plagt, dann wollte ich das Leben genießen. Und alle diese Dinge kommen mit der Zeit, nur die Befriedigung kommt nie: und dennoch schwinden die Jllusionen nicht, bis der Greis die letzten mit ins Grab nimmt; aber längst hat in Kindern und Enkeln der Kreislauf von vorne begonnen. Ist es nicht ein unwürdiges Spiel, das der Wille zum Leben mit uns treibt? Jene Plagen, von denen die griechische Mythologie weiß, der Stein, den SISYPHUS wälzt, das Faß der Danaiden, das Rad des IXION, sie bedeuten das Leben selbst , nicht das ausnahmsweis unglückliche, sondern das gewöhnliche Leben aller Sterblichen in seiner absoluten Erfolglosigkeit, die täglich erfahren wird und doch täglich neu ist. -

In der Tat, es ist wahr, daß der Wille zum Leben ziellos ist in dem Sinne, daß er nie einen Zustand erreicht, in welchem er eine definitive Befriedigung findet: es ist wahr, daß er an jedem Tag nach dem nächsten sich streckt, von diesem die Befriedigung erwartend, die im Heute nicht gefunden wird; es ist auch wahr, daß das Ende der Tod ist, und daß ein Leben nicht als Ertrag aller seiner Mühen ein absolut dauerhaftes Gut hervorbringt, das von ihm selbst nun zu beständigem Genuß besessen oder Andern hinterlassen würde. Ist damit das Urteil über den Wert des Lebens gesprochen? Mir scheint hierbei eine Täuschung mit zu unterlaufen. Das Leben wird hier vorgestellt als eine Tätigkeit, die ihren Zweck nicht in sich selbst, sondern außer sich hat. Es ist gewöhnlich, das Leben mit einer Reise zu vergleichen. Nun, eine solche nennen wir vergeblich, wenn das Geschäft, um dessen willen sie unternommen wurde, nicht zustande kam, und wir blicken mit Verdruß auf die erfolglose Bemühung zurück. Aber gleicht das Leben einer Geschäftsreise? Mir scheint nicht, denn es hat nicht, wie jene, einen Zweck außer sich selber, zu dem es sich als Mittel verhielte. Das Leben in seiner Gesamtheit ist Selbstzweck. Eher wäre es, wenigstens in dieser Hinsicht, einer Lustreise zu vergleichen. Auch von dieser kann man offenbar sagen, daß sie ziellos ist, daß sie kein Resultat als dauernden Gewinn hinterläßt. Auch von ihr kann man sagen, daß sie in keinem Punkt ihres Verlaufs in dem Sinne befriedigend ist, daß an diesem Punkt ein absolutes Beharren erwünscht wäre. Beständig eilt die Begierde dem Wanderer voraus und okkupiert irgendeinen in der Ferne vor ihm liegenden Punkt, um, sobald derselben erreicht ist, wieder vorauszueilen. Schon beim Aufbruch schwebt ihm der ferne Berggipfel vor und während er schweißtriefend und seufzend aufwärts klimmt, such der sehnsüchtige Blick, durch manchen vorliegenden Gipfel willig-unwillig getäuscht, das Ziel: und kaum ist dasselbe erreicht, so eilt die Begierde wieder neckend voraus zur Herberge, Ruhe und Erquickung und definitive Befriedigung dort zu finden vorgebend. Müde, erschöpft und wund kommt er endlich dort an und kaum genießt er wenige Augenblicke die ersehnte Ruhe, so beginnt er schon Pläne für morgen zu machen. So geht es einen Tag wie den andern, bis er endlich wieder in der Heimat anlangt und froh ist, sein Haupt auf das eigene Kissen zur Ruhe zu legen. War also die ganze Reise nicht eine einzige große Plage und wird der Reisende nicht schwören, daß er nie wieder zu einer solchen nichtsnutzigen Plackerei sich werde verleiten lassen? O nein, sondern ganz vortrefflich hat er sich unterhalten, mit Freude verweilt er in der Erinnerung an jedem Punkt des Weges, nicht am wenigsten gern bei den gefährlichsten oder anstrengendsten Partien, und mit Freude macht er Pläne für eine neue Reise im nächsten Jahr.

Nun, jene Bedenken gegen den Wert des Lebens beweisen nicht mehr, als dieselben Bedenken gegen den Wert einer Lustreise. Wie diese trotz ihrer Ziellosigkeit, trotz ihrer Jllusionen und Täuschungen, trotz ihrer Schmerzen und Mühen, trotz endlich der Tatsache, daß sie an keinen Punkt führt, wo dauerndes Verweilen auch nur erträglich wäre, dennoch im Ganzen höchst erfreulich sein kann, so kann es auch das Leben. Wenn es ihm nur nicht an reicher und mannigfaltiger Betätigung in Spiel und Arbeit, in Sorge für sich und Andere gefehlt hat, dann mag am Ende die Erinnerung mit Freude den ganzen Weg noch einmal durchlaufen, und nicht am wenigsten gern wird sie bei den gefährlichen und stürmischen, den mühevollen und kampfreichen Momenten der zurückgelegten Fahrt verweilen.

Alte Leute erzählen aus ihrem Leben, sei es mündlich im Kreis der Ihrigen, sei es der Welt in gedruckten Autobiographien. Würden sie dazu geneigt sein, wenn Sisyphusarbeit der Inhalt desselben wäre? Offenbar erblickten sie selbst etwas ganz anderes darin, ein bewegtes Drama etwa, das, stets zum Fortschritt drängend und Handelnde und Zuschauer mit spannendem Interesse erfüllend, durch manche Bedrängnisse und Kämpfe, durch manche glückliche und minder glückliche Wendungen endlich doch zu einem friedvollen Ausgang geführt hat: die Spannung hat nachgelassen, der Handelnde atmet auf, als Zuschauer läßt er nun nochmals den Inhalt des Stücks an sich vorüberziehen. - Ob er bereit wäre, die Rolle noch einmal zu spielen? SCHOPENHAUER meint, wenn man die Toten in den Gräbern fragen könnte, ob sie noch einmal zu leben wünschten, sie würden mit den Köpfen schütteln. Vielleicht hat er Recht: wer möchte, wenn er eben ein Drama bis zu Ende hätte aufführen sehen, gleich einer Wiederholung beiwohnen? Aber offenbar ist damit nichts gegen den Wert des Dramas bewiesen. Auch die schönste Reise möchte man nicht, eben zuhause angelangt, von vorn anfangen. - Übrigens, ist es so selten, von alten Leuten den Wunsch äußern zu hören, wieder jung zu sein? Der Mann wünscht sich nicht, wieder Jüngling, der Jüngling nicht Knabe, der Knabe nicht Kind zu sein: aber mancher Greis wünscht sich wieder jung zu sein; ist es, weil er schon die Ruhe geschmeckt hat und daraus den Mut schöpft, die Fahrt von Neuem amzutreten? -

Also ich kann mich nicht überzeugen, daß die These: das Leben bringe mehr Schmerz als Lust, mehr Enttäuschung als Befriedigung, es werde also gleichsam durch die subjektive Stimme des Gefühls für unwert erklärt, für eine erwiesene oder für eine wahre Behauptung angesehen werden kann.

Die moralistische Beweisführung.  Gegenstand derselben ist die Behauptung, daß das Leben ebenso nichtswürdig als unglücklich sei: es fehle ihm durchweg an einem Inhalt, der es, objektiv betrachtet, lebenswert machen könne. Tugend und Weisheit seien die Ausnahme, Schlechtigkeit und Torheit die Regel. SCHOPENHAUER wird nicht müde, in dieser Weise die Menschen zu beschimpfen: wie wertlose Fabrikware würden sie von der Natur massenhaft erzeugt und massenhaft weggeworfen, nach der Maxime der Massenproduktion: billig und schlecht. Bosheit und Dummheit seien die beiden charakteristischen Grundzüge des Durchschnittsmenschen. Bei der großen Masse tritt die letztere am meisten hervor; die Vielen seien armselige Hungerleider, ohne höheres geistiges Leben, allein darauf erpicht, ihr kümmerliches Dasein, dessen einziger Inhalt die Sorge um die Nahrung, solange als möglich fortzuschleppen, und etwa noch darauf, Nachkommen zu gleichem Glück ins Dasein zu rufen. Das Angesicht zur Erde gebeugt, lebten sie dahin und wenn sie stürben, sei auch die Spur ihres Daseins schon verweht. Eine Beimischung von Bosheit fehlt dazu nicht: mit Neid und Haß blickten sie auf diejenigen, welche durch geistige und leibliche Vorzüge oder durch Reichtum und Stellung etwas vor ihnen vorauszuhaben schienen. Nur mit Mühe würden sie durch die Polizeit abgehalten, gegenseitig sich anzufallen. Wie wilde Bestien durch Käfige auseinandergehalten werden, so müßten die Menschen durch Strafgesetze, als durch Käfige, deren Drahtgeflecht aus Furcht gewoben, gegeneinander geschützt werden. Biete sich einmal Gelegenheit, straflos einen Leidensgenossen zu prellen oder gar einem Beneideten ein Bein zu stellen, so seien sie alsbald dazu bereit. Was sie sich selbst als Tugenden anrechneten, sei bei Licht besehen von ähnlicher Art: sie seien gesellig aus Eitelkeit, mitleidig aus Eigenliebe, ehrlich aus Furcht, friedliebend aus Feigheit, wohltätig aus Aberglauben. - Bei einer Minderzahl habe die Bosheit das Übergewicht über die Dummheit, und da mit dem stärkeren Willen zugleich größere Intelligenz verbunden zu sein pflege, so seien die Gesetze regelmäßig unvermögend, sie davon abzuhalten, als Raubtiere sich auf die übrigen zu stürzen. Seien die Vielen wie Schafe voll Furcht, Eigensinn und Beschränktheit, so seien diese Wenigen wie Wölfe und Füchse voll Gewalttat und Lüge. - Weisheit und Tugend dagegen seien seltene Früchte. Ein Genie gelinge es der Natur kaum zwei- oder dreimal in einem Jahrhundert hervorzubringen, und die Heiligen seien nicht minder spärlich gesät.

So schildert SCHOPENHAUER, als ein Verächter und Ankläger der Menschheit, mit leidenschaftlicher Beredsamkeit ihre moralische und intellektuelle Nichtswürdigkeit. Er ist nicht der Einzige, der so denkt. Seitdem der alte griechische Weise sprach: "die Meisten taugen nichts," ist das Wort oft genug wiederholt worden; HOBBES dachte von den Menschen nicht viel anders und als LA ROCHEFOUCAULD hat in seinen "Maximen und Gedanken" eine Art Handbuch der philosophischen Medisance [Böszüngigkeit - wp] geliefert, das in immer neuen Wendungen die Selbstucht und Eitelkeit als die eigentlichen Triebkräfte der menschlichen Natur aufzeigt. Auch KANT hatte vom Menschen und seiner Natur nicht eben eine vorteilhafte Meinung.

Ist das Urteil begründet? - Ich frage auch hier: wie kann seine Wahrheit bewiesen werden? und finde wiederum: im Grunde nicht anders als durch Statistik. Die Behauptung, daß es mehr Böse als Gute, mehr Toren als Weise gibt, fordert als letztes eigentliches Beweismittel eine Auszählung. Man braucht diese Forderung nur auszusprechen, um ihrer Unmöglichkeit inne zu werden; die Kolumnen: gut und böse, klug und dumm werden, so großes Interesse eine Ermittlung des Bestandes nach dieser Seite hätte, weder auf den Zählkarten bei Volkszählungen, noch bei anderen statistischen Erhebungen jemals vorkommen; man kann Lebensalter, Körperlänge, Vermögensgröße messen, für moralische und intellektuelle Eigenschaften gibt es keine Methode der Messung. Jedes Urteil über den Durchschnittswert der Menschen in diesen Hinsichten ist daher zunächst ein rein individuelles und subjektives: es beruth auf den Erfahrungen, welche der Urteilende an Menschen gemacht, verglichen mit den Forderungen, welche er an dieselben stellt. Einen gewissen Anspruch auf Allgemeingültigkeit könnte das Urteil nur dadurch gewinnen, daß der Urteilende nachwiese, er habe einerseits normale Forderungen gestellt, andererseits einen so günstigen Standpunkt für die Beobachtung innegehabt, daß seinen persönlichen Erfahrungen ein Durchschnittswert beigelegt werden dürfe. Entsprechen diejenigen von denen die Behauptung des Unwerts der Masse der Menschen ausgeht, diesen Bedingungen?

Man kann die Ankläger der Menschennatur in zwei oder drei Gruppen teilen: es sind auf der einen Seite Hof- und Weltleute, auf der anderen Seite einsiedelnde Philosophen, denen man als eine dritte Gruppe bekehrungseifrige Priester hinzufügen kann.

Von Leuten, die am Hof leben, pflegt man zu sagen, daß sie Welt und Menschen kennen. Ist ein Hof wirklich ein günstiger Standpunkt, um allgemeingültige Erfahrungen über die menschliche Natur zu machen? Am Hof hat man Gelegenheit, die Menschen, welche bei Hof verkehren, kennen zu lernen. Sind die Menschen hier in normaler Lebenslage, so daß von ihnen ein normales Verhalten erwartet werden kann? Mir scheint es mehr als zweifelhaft. LA ROCHEFOUCAULD hat seine Beobachtungen am Hof LUDWIGs XIV. gemacht. Vielleicht hat es niemals Verhältnisse gegeben, welche für Eitelkeit und Selbstsucht günstigere Entwicklungsmöglichkeiten boten, als die des Versailler Hofes. Man lese HIPPOLYTE TAINEs Schilderung: der ganze Adel Frankreichs war hier versammelt, nicht um zu arbeiten, sondern um die Größe und den Glanz des Königtums durch seine bloße Gegenwart darzustellen; das ganze Leben müßige Repräsentation: keiner lebte bei und für sich, jeder beständig vor den Augen aller Andern; die Hauptsorge aller, vom überschüssigen Ertrag, welche die arbeitende Hälfte des französischen Volkes in die königlichen Kassen abführte, in Form von Pensionen und Geschenken so viel als möglich in die eigene Kasse überzuleiten; die tägliche Beschäftigung eine jeden sich mit Hilfe und auf Kosten der Andern zu amüsieren. Daß unter solchen Lebensbedingungen Eitelkeit und Bosheit von allen menschlichen Naturanlagen am besten gediehen, ist nicht auffallend. - Von FRIEDRICH dem Großen wird eine Äußerung gegen SULZER berichtet: er, SULZER, kenne nicht die verfluchte Rasse, zu der sie gehörten. Es war nicht ein vereinzelter Ausdruck einer Menschenverachtung, welche beim König in seinem höheren Alter habituell war. War FRIEDRICH ein Menschenkenner? Ohne Zweifel, aber welche Menschen hatte er Gelegenheit gehabt, kennen zu lernen? Nun, die sich um seinen Hof sammelten: Diplomaten, die dazu da waren, ihn und sich untereinander zu überlisten, Literaten und Gelehrte, die Gunst und Brot suchten und das empfangene sich gegenseitig beneideten, Streber, welche durch Unterwürfigkeit und Bettelhaftigkeit sich den besseren Platz streitig machten: eine Gesellschaft, deren Bestrebungen zu durchschauen dem geübten Auge nicht schwer fallen konnte. Es gab sicher auch bessere Leute in der Umgebung des Königs, brave Offiziere, ehrliche Beamte; aber jene waren es, welche sich am meisten Mühe gaben, seine Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. Die Vielen unter seinen Untertanen, welche friedlich und ohne Ehrgeiz den Acker bebauten oder Schuhe machten, die sah er nicht, die standen bloß als X-beliebige in den Listen seiner Volkszählung.

Auch die Philosophen galten für Kenner, wenn nicht der Menschen, so doch des Menschen. Hatte SCHOPENHAUER, hatten KANT oder HOBBES einen besonders günstigen Standpunkt, um über die menschliche Natur Beobachtungen zu machen? Auch das scheint mir bezweifelt werden zu müssen; auch ihre Stellung war in mehr als einer Hinsicht eine abnorme. Vor allem fehlte es ihnen in ihrem höheren Alter an der nächsten Umgebung, welche für die Masse der Menschen alle wichtigsten Beziehungen zur Menschheit einschließt: sie hatten keine Familie. Umgeben von Fremden, denen sie mißtrauten, sahen sie als Hagestolze das hilflose Alter einsam und trostlos herankommen. Fürwahr, Frau MARTHA SCHWERDTLEIN hat Recht: "es hat wohl noch keinem wohlgetan!" Man kann nicht ohne das tiefste Mitleid die Beschreibungen von KANTs Alter lesen, von den Sorgen um den Haushalt, von der Not mit seinem alten Diener oder von SCHOPENHAUERs Bemühungen, sein Geld vor diebischen Nachstellungen zu verstecken, von seiner immer wieder getäuschten Hoffnung, an der Wirtstafel einmal eine menschwürdige Unterhaltung zu finden. Und was ihnen noch mehr fehlte, als jemand, der für sie sorgte, war jemand, für den sie zu sorgen gehabt hätten. Der Mensch hängt noch mehr an denen, denen er Sorge und Liebe widmet, als an denen, von welchen er Sorge und Liebe empfängt. Was Wunder, daß jene kein Verhältnis zum Menschen überhaupt finden konnten, da ihr Verhältnis zu den einzelnen Menschen so wenig innig und erfreulich war! Das Vertrauen und die Liebe eines Menschen zur Menschheit steht auf gar wenig Augen. Jeder von uns, wenn ihm durch den Tod die fünf oder zehn nächsten Menschen genommen würden, stünde fremd in der Welt und er würde ein Menschenfeind, wenn sich jene fünf oder zehn in Untreue von ihm lösten. - Auch daran darf man erinnern, daß sie Schriftsteller und Gelehrte waren und in der Schriftsteller- und Gelehrtenwelt zumeist ihre Erfahrungen über die menschliche Natur machten; in welchen Kreisen aber wäre Eitelkeit und Rechthaberei, Schmeichelei und Unfähigkeit zur Anerkennung fremder Verdienst mehr als hier zuhause? Ich glaube auch nicht, daß SCHOPENHAUER vom Verstand der Menschen eine so schlechte Meinung sich gebildet hätte, wenn seine Aufmerksamkeit weniger auf die Bücher und Zeitungen schreibenden Menschen mit ihren verbohrten und verkehrten Doktrinen, mit ihrem oberflächlichen und unehrlichen Gerede, als auf die Betätigung des gesunden Menschenverstandes in Arbeit und Geschäft gerichtet gewesen wäre.

Was endlich die bei Theologen üblichen Diatriben [Volksreden - wp] über die absolute Verderbtheit der menschlichen Natur anlangt, so stammen sie wohl überhaupt nicht so sehr aus Beobachtung und eigenem Urteil, als aus der überlieferten Lehre und der hergebrachten Gewohnheit zu predigen. Allerdings weisen diese zurück auf das ursprüngliche Christentum und ihm war es freilch mit der Behauptung der Unzulänglichkeit der menschlichen Natur voller Ernst. Aber auch sein Standpunkt ist ein besonderer: es ist der einer supranaturalistischen Lebensanschauung, welche für die natürlichen Tugenden und Vollkommenheiten selbst keine Anerkennung hat. Sein Maß für den Wert der menschlichen Dinge ist ein völlig anderes, als das des natürlichen Menschen.

Hören wir nun dagegen das Urteil gesunder, nicht voreingenommener, mitten im Leben der breiten Volkskreise stehender Männer. Nehmen wir GOETHE: ein gesunde und reiche Natur, hat er durch unmittelbare, persönliche Berührung das Leben des deutschen Volkes in einem Umfang und einer Tiefe kennen gelernt, wie es Wenigen zuteil wird; kaum ein Kreis desselben möchte ihm ganz fremd geblieben sein. Dazu hatte er die Gabe, die Eindrücke, welche sich ihm boten, mit seltener Objektivität aufzufassen, und mit unvergleichlicher Kraft zu formen und darzustellen. In seinen Briefen und autobiografischen Schriften führt er uns in die Menschenwelt, mit der ihn das Leben zusammenbrachte; wir treten in das Elternhaus und die Umgebung seiner Jugend in Frankfurt, wir werden in den Leipziger, in den Straßburger, in des Seesenheim, in den Wetzlarer, endlich in den Weimarer Kreis eingeführt. Von welcher Art sind die Menschen, denen er begegnet? Wir finden da erfreulich und weniger erfreuliche Gestalten; um ihre Moralität machen sich die Meisten wenig Sorge; sie leben, wie Menschen zu tun pflegen, nach dem Drang ihrer Natur. Den Beschreibungen der moralischen Pessimisten gleichen doch nur sehr wenige; etwas Verkehrtheit und ein wenig Bosheit läuft wohl mit unter, aber viel häufiger begegnen wir doch natürlicher Liebenswürdigkeit und gesunder Einsicht. Treten wir in die Welt der GOETHEschen Dichtungen, worin sich seine Anschauung von der menschlichen Natur in typischen Gestalten objektiviert hat, so empfangen wir einen ähnlichen Eindruck: im  Götz,  im  Egmont,  in  Hermann und Dorothea,  wo er am meisten breite Schichten des deutschen Volkes poetisch darstellt, überall sind es kräftige, ruhig schaffende und fröhlich genießende Menschen, die im Vordergrund stehen; es fehlt nicht an dürftigen, weichlichen, hinterhältigen, gewalttätigen Naturen, aber sie bilden doch nur die Folie für jene.

Hatte GOETHE kein Auge für die Kehrseiten der menschlichen Natur? Entging ihm, was SCHOPENHAUERs Zorn und Verachtung beständig stachelte? Sicher war das nicht der Fall; wo GOETHE mit seinen literarischen Zeitgenossen abrechnet, in den "Xenien", in den "Sprüchen" in Versen und Prosa, fällt über Eitelkeit und Nichtigkeit, über Verbohrtheit und Niedertracht manch hartes Wort. Man könnte einen ganzen Katechismus des Pessimismus aus einzelnen Stellen GOETHEs zusammenbringen, man denke nur an den einzigen  Faust.  Aber das alles hinderte ihn nicht, sich immer wieder mit Glauben und  Liebe  der Menschheit anzuschließen.

Wenn es nach einem solchen Zeugen noch weiterer bedarf, so denke man an JEREMIAS GOTTHELF und seine herrlichen Erzählungen aus dem Schweizer Bauernleben, oder an FRITZ REUTERs unvergleichliche "Stromtid": da fehlt nicht der nichtswürdige Schurke, der leichtsinnige Taugenichts, der eitle Tor, der sich ruiniert, aber nicht minder begegnen wir der bescheidenen, stillen, fruchtbaren Arbeit, der soliden Tüchtigkeit, der gesunden natürlichen Einsicht, dem frischen, für alles Schöne empfänglichen Gefühl, der tätigen Hingebung für fremde Wohlfahrt, der ehrenfesten Rücksichtslosigkeit gegen Lüge und Schurkerei. Und wir haben nicht den Eindruck, daß dieselben in der Minderheit sind; sie geben keineswegs hoffnungslos den Kampf auf, sondern vereinigen sich zu tapferer und siegreicher Gegenwehr. Oder man blicke in die Welt der Menschen, welche LUDWIG RICHTERs Zeichenstift darstellt und versäume nicht, die Selbstbiografie des trefflichen Mannes, die liebenswürdigste aller Autobiographien, dazu zu lesen.

Ist das alles ein sich selbst und andere täuschender Optimismus? Ich glaube es nicht. Ich glaube, auch im wirklichen Leben sind die Tüchtigen und Gesunden nicht in der Minderheit. Von Außen und in Masse gesehen, machen die Menschen keinen guten Eindruck; wer sie bloß sieht, wie sie auf den Straßen der Großstadt und in der Eisenbahn, in Gesellschaften und im Theater, in öffentlichen Versammlungen und Sitzungen aller Art einander drängen und stoßen, schmeicheln und kratzen, sich blähen und neiden: der wird von diesem Geschlecht freilich nicht leicht eine gute Meinung fassen können. Folgt man dem Einzelnen in seinen engen Lebenskreis, wo er zuhause ist, in seine Familie, in seine Werkstatt, in seine Stammkneipe, in seine Studierstube, da wird man oft einen ganz anderen Menschen finden, einen verständigen Arbeiter, einen umsichtigen Hauswirt, einen fürsorglichen Familienvater; da wird selbst der laute und anspruchsvolle Parteimann aus der Sitzung ein ganz bescheidener Mitunterredner, die großen Phrasen aus der Versammlung kommen in seiner Rede kaum mehr vor, er kann hören, erwägen, zweifeln: lauter Dinge, welche ihm niemand, der ihn bloß aus seinem öffentlichen Auftreten kannte, zugetraut hätte. Ich glaube, je näher man dem wirklichen Leben des Einzelnen tritt, desto mehr wird man in der Regel finden, das man anerkennen oder wenigstens verstehen und entschuldigen kann. So macht es der Dichter. SCHOPENHAUER dagegen sah die Menschen nur von weitem und in Masse, dem WAGNER im  Faust  hierin ähnlich; er hörte von fern das Getöse des Jahrmarkts und der Gasse und wendete sich voll Widerwillen ab.

Freilich gibt es auch Dichter, welchen sich die Sache anders darstellt. BYRON und THACKERAY scheinen zu sagen: je näher man herzutrete und das Leben sehe, wie es wirklich und bei sich selber sei, desto mehr schwinde der schöne Schein, mit welchem es sich zu umgeben wisse: Glanz und Glück, Liebenswürdigkeit und Herzlichkeit seien nur der Theateranzug des Lebens, hinter den Kulissen werde das Elend und die Brutalität offenbar. - Wer wollte leugnen, daß auch diese Erfahrung gemacht wird? Aber ist es nicht doch so, daß sie eben in den Kreisen gemacht wird, für welche das Auftreten auf der Bühne der Öffentlichkeit, sie es im Kostüm des Politikers oder des Schauspielers, des Künstlers oder des Gesellschaftsmenschen, des Gründers oder des Schriftstellers, der wesentliche Lebensinhalt ist? Man hat gesagt, die Politik verderbe den Charakter; ich meine, man muß sagen: jedes öffentliche Auftreten hat die Tendenz, den Charakter zu verderben; Ostentation [Hochstaplerei - wp] und Scheinwesen sind vom öffentlichen Auftreten fast unzertrennlich. Aber diese Kreise, welche freilich im Mittelpunkt der öffentlichen Aufmerksamkeit stehen, machen doch nicht die Substanz eines Volkes aus; ein Volk, das wesentlich aus solchen Schauspielern bestünde, das vermöchte nicht mehr zu leben.

Ist dieses Schauspielertum in der Gegenwart besonders hoch entwickelt? Wem erschiene es nicht zu Zeiten so. Und doch, welche Zeit hätte nicht ihr Schauspielertum gehabt? Die Geschichte lehrt uns keine kennen. Auch hat es nie an solchen gefehlt, welche sich die Bühnenansicht durch die Ansicht vom Standort hinter den Kulissen zu korrigieren angelegen sein ließen. Ob es jemals mit so viel Behagen geschah, als gegenwärtig, möchte eher zweifelhaft sein; nicht minder auch, ob man hierin eine günstige Wendung der Literatur zu erblicken habe. Es ist doch wohl besser, den Menschen zu zeigen, was sie Gutes und Tüchtiges, als was sie Nichtiges und schlechtes tun können. In einem Wort des als alten AUGUST HERMANN FRANCKE scheint mir eine tiefe Wahrheit zu liegen: "Gottes Werk mag man herrlich preisen, aber von den Werken des Teufels muß man gar behutsam reden. Denn der Zunder dazu ist im menschlichen Herzen, da es leichtlich fänget."

Also mir scheint nicht, daß der Pessimismus den Anspruch erheben kann, eine begründete wissenschaftliche Theorie zu sein. Er ist im Grunde nie etwas anderes, als der in die Form eines allgemeingültigen Urteils gebrachte Ausdruck für die Summe aller Erfahrungen, welche der Einzelne mit dem Leben und den Menschen gemacht hat. Das Urteil: "das Leben taugt nichts", lautet, auf seinen eigentlichen Inhalt zurückgeführt: mir hat es nicht gebracht, was ich von ihm erwartete und verlange. Das Urteil: "die Menschen taugen nichts", bedeutet: mir ist von den Menschen schlecht mitgespielt worden. Der gesunde Menschenverstand hat überall die Neigung, seine individuellen Erfahrungen in der Form allgemeiner Sätze auszusprechen. Jemand ist in seinem ganzen Leben drei Engländern begegnet; sie gefielen ihm nicht; er wird unfehlbar sagen: die Engländer sind unschickliche oder verrückte Leute.

Im obigen Fall kommt noch ein Umstand hinzu, der die Verallgemeinerung des Urteils über die Schlechtigkeit des Lebens und der Menschen begünstigt: sie hat in gewissem Sinn etwas Beruhigendes und Tröstliches. Wenn ein Mann von seiner Frau betrogen worden ist, so sagt er: "die Frauen taugen nichts". Wenn ein Schriftsteller vom Publikum verschmäht wird, so sagt er: "die Masse hat nie das Gute und Schlechte unterscheiden können". Es verschärft den Schmerz, sich zu sagen: "was du erduldest, ist Ausnahme und gleichsam gegen das Schicksal"; er wird beschwichtigt durch die Betrachtung: "es ist das gemeine Los". SCHOPENHAUER hat aus seinen Schmerzen eine Theorie gemacht, auf die, welche er von den Weibern und Männern, von den Gassenjungen und Professoren erlitten hat; sein Pessimismus ist die Generaltheorie zu den einzelnen Theorien. Ohne Zweifel hat er sich dadurch seine Schmerzen erträglicher gemacht. Der Pessimismus war sein Hausmittel gegen die üble Laune, welche aus seinem Temperamentsfehler, der Dyskolie [Schwermütigkeit - wp], folgte. Das Mittel vermochte die Krankheit nicht zu heben, aber es wirkte, wie ein Opiat, schmerzstillend. Wer verwendete es nicht gelegentlich so? Denn es hat noch eine Eigenschaft: es stillt zugleich die Reue. Durch die Generalisation wird das eigene Ich entlastet: wenn es bloß mir schlecht ginge, wenn ich allein mit den Menschen kein gutes Verhältnis gewinnen könnte, dann wäre es schwer, die Vermutung ganz abzulehnen, daß die Sache nicht an den andern, sondern an mir liegt. Geht es allen Übrigen ebenso, nun dann liegt es eben in der Natur der Dinge, und mich trifft kein Vorwurf. GOETHE scheint freilich nicht geneigt, diese Entschuldigung gelten zu lassen, wenn er die "Grillenfänger" mit dem Vers bedenkt:
    Fürchtet hinter diesen Launen,
    Diesem ausstaffierten Schmerz,
    Diesen trüben Augenbrauen
    Leerheit oder schlechtes Herz.
Die geschichtsphilosophische Beweisführung.  Ich verstehe darunter Betrachtungen über die geschichtliche Entwicklung, durch welche dargetan werden soll, daß mit der Steigerung der Kultur die Menschen immer unglücklicher und immer schlechter werden. SCHOPENHAUER kann uns den geschichtsphilosophischen Pessimismus nach der hedonistischen, ROUSSEAU nach der moralistischen Seite repräsentieren: jener verweilt gern bei der Betrachtung, daß Kultur die Tendenz habe, den Schmerz zu steigern; dieser hebt die andere Seite hervor: daß Kultur die Tendenz habe, das moralische Verderben zu mehren.

Es ist bemerkenswert, daß die pessimistische Geschichtsbetrachtung in gewissem Maße auf die  gemeine Meinung  sich scheint berufen zu können. Die Anschauung über den Gesamtverlauf des geschichtlichen Lebens, welche mit dem Christentum bei den europäischen Völkern herrschend geworden ist, verlegt mit dem jüdischen Mythus die Vollkommenheit an den Anfang der Dinge: der Urstand des Menschengeschlechts war Glück und Unschuld des Paradieses. Die eigentliche Geschichte beginnt mit dem Sündenfall, und das Ende, dem sie entgegenrollt, ist das jüngste Gericht; immer breiter wird der Strom der Sünde, des Elends und des Verderbens, bis er im Reich des Antichrist seine größte Mächtigkeit erreicht und damit in den Weltuntergang einmündet. - Auch den Griechen ist diese Ansicht vom Verlauf der Menschengeschichte nicht ganz fremd: sie drückt sich aus in jener Hesiodischen Folge der Weltalter vom goldenen bis herab auf das eiserne, in welchen leben zu müssen der Dichter klagt. - Vielleicht läßt diese Anschauung eine psychologische Erklärung in folgender Weise zu. Der Lebensstimmung des höheren Alters entspricht ein rückwärts gewendeter Optimismus. das Greisenalter kann zur Gegenwart keine Beziehung gewinnen: kraftlos und unfähig zu wirken, sucht es die Ursache nicht bei sich, sondern in der Zeit, die immer schlechter werde. Dagegen leuchtet die Vergangenheit im Glanz der Jugenderinnerung. Das Alter istder Träger der geschichtlichen Erinnerung, von ihm empfängt die Jugend die Kunde von der Vorzeit und lernt also dieselbe in dieser Beleuchtung sehen. Die Neigung zu verehren, welche der Jugend eigen ist, kommt dem entgegen, nicht minder auch die Neigung, die eigene Abkunft groß und herrlich vorzustellen. Endlich weckt die Neigung, die Geschichte zur Moralpredigt zu benutzen, in demselben Sinn: wer immer mit der Gegenwart aus irgendeiner Ursache unzufrieden ist, liebt es, ihr zur Beschämung das Bild einer besseren Zeit vorzuhalten und dieses Bild als Bild einer vorgangenen Wirklichkeit darzustellen.

Mit dem Beginn der historischen Forschung verschwindet der Glanz, welchen die Sage um die Anfänge gewoben hat. Seitdem mit dem Beginn der modernen Zeit die wissenschaftliche Forschung die wirkliche Vergangenheit zu erhellen begann, vollzog sich, unter dem Einfluß der mächtig aufsteigenden modernen Kultur, ein vollständiger Umschwung der Geschichtsanschauung: schon die Führer des 17. Jahrhunderts verlegten das goldene Zeitalter aus der Vergangenheit in die Zukunft und das 18. Jahrhundert arbeitete die neue Ansicht zu jener systematischen Geschichtskonstruktion aus, welche den Gang der Geschichte als einen stetigen Fortschritt von dürftigen Anfängen zu glorreicher Vollkommenheit darstellt und den Anfang dieses Endes in der Aufklärung erblickt.

Gegen diese optimistische Geschichtsbetrachtung erfolgt dann die große Gegenbewegung, welche mit ROUSSEAU anhebt und in der Romantik ihren Höhepunkt erreicht: die Anschauung vom weisen und vollkommenen Urvolk, welche bei SCHELLING ihren Spuk treibt, gehört derselben an. Auch SCHOPENHAUER ist als Geschichtsphilosoph ein echter Sohn der Romantik. Einen Fortschritt zum Besseren vermag er in der Geschichte auf keine Weise zu erblicken, ja er ist geneigt zu leugnen, daß überhaupt in der Geschichte eine zusammenhängende Entwicklung stattfinde: Namen und Kostüme änderten sich wohl, aber der Inhalt des Stücks, das aufgeführt werde, bleibe ewig dasselbe. Nur in einer Hinsicht finde zweifellos eine kontinuierliche Entwicklung statt: der Schmerz steigere sich beständig. Am glücklichsten, oder also am wenigsten unglücklich sie das Tier; im Menschen dagegen entsprängen in dem Maße, als die Erkenntnis wachse, neue Quellen des Schmerzes:  qui auget scientiam, auget dolorem  [Mit der Bildung wächst auch das Unbehagen. - wp]

Seine Gründe für die Ansicht kann man etwa unter folgenden Gesichtspunkt bringen.
    1) Mit der steigenden Komplikation seiner Natur wird ein Wesen für den Schmerz immer angreifbarer. Aller Fortschritt der Kultur besteht nun in der Vermehrung der Bedürfnisse und der erforderlichen Befriedigungsmittel: also wächst in demselben Maße, als sich die Kultur steigert, Begierde, Not und Enttäuschung.

    2) Durch die Entwicklung der Intelligenz wird dem Menschen die Zukunft durchsichtig. Das Tier lebt in der Gegenwart, es fühlt nur den Schmerz des Augenblicks; werden die Lebensbedingungen allzu ungünstig, dann stirbt es, ohne den Tod, den es nicht voraussieht, eigentlich zu erleben. Der Mensch sieht die Übel kommen, er sieht Alter und Tod voraus; zum Schmerz kommt Furcht und Sorge, peinigender als der Schmerz selbst. Führt doch Furcht vor dem Tod zum Selbstmord.

    3) Im Menschen findet eine Verdopplung seines Wesens statt; zum wirklichen Selbst kommt ein Selbst in der Vorstellung, ein ideelles Selbst. Das Ich in der Vorstellung ist nicht weniger verletzlich, und nicht minder tiefer Schmerzen fähig, als das wirkliche; unbefriedigender Ehrgeiz, gekränkte Eitelkeit sind unerschöpfliche Quellen der Qual, Verleumdung und Ehrabschneidung treffen härter als Angriffe auf das leibliche Leben. Und auch diese Verwundbarkeit wird mit der steigenden Kultur beständig größer: je höher die Kultur, desto intensiver die Sozialisierung, desto mannigfaltiger und intensiver die Abhängigkeitsverhältnisse. Je höher jemand auf der Stufenleiter der gesellschaftlichen Rangordnung steht, desto mehr ist er dem Urteil anderer ausgesetzt: wie sicher und unbekümmert lebt in dieser Hinsicht der Bauer; wieviel Pein fließt aus dieser Quelle in das Leben des Politiker, des Schriftstellers!

    4) Noch in einer anderen Hinsicht findet eine Erweiterung des Lebens und damit eine Steigerung der Verwundbarkeit des Menschen statt: durch die Entwicklung der sympathischen Erregbarkeit wird er zu den eigenen auch der fremden Schmerzen teilhaftig. Das Tier bleibt gleichgültig bei Not und Tod des Nächsten. Der Mensch, und auch der rohe, leidet mit, was seiner Umgebung zustößt: indem er Krankheit und Tod derer, die er liebt, mit erleidet, erlebt er einen vielfältigen Tod. Und am meisten leiden die Besten, sie fühlen außer ihrer besonderen Not auch noch die allgemeine: große und gute Menschen können wir uns kaum ohne einen Zug von Melancholie denken. -
Diese Betrachtungen sind nicht unwahr; aber sie sind einseitig. Nicht eine einseitige Steigerung der Schmerzempfänglichkeit findet statt, sondern eine Steigerung der Sensibilität nach beiden Seiten: mit den Schmerzen werden auch die Freuden mannigfaltiger und intensiver. Es ist wohl nicht zweifelhaft, daß wir die Erscheinungen des körperlichen Lebens richtig deuten, wenn wir annehmen, daß Wirbeltiere viel heftigerer Schmerzen fähig sind als Wirbellose, die Zerreißung des Körpers eines Wurmes wird auch Schmerzen verursachen, doch schwerlich sind dieselben zu vergleichen mit denen, welche etwa ein Hund bei der Durchschneidung eines einzigen Nervenstranges erleidet. Ebensowenig dürfte es zweifelhaft sein, daß die Lustgefühle, welche die Jagd in einem Hund erregt, unvergleichlich intensiver sind, als diejenigen, welche der Regenwurm beim Aufsuchen seiner Nahrung empfinden mag.

Den obigen pessimistischen Betrachtungen wäre, um sie zur vollen Wahrheit zu ergänzen, überall eine zweite Betrachtung hinzuzufügen, welche die Steigerung der Gefühle nach der anderen Seite enthielte.

zu 1): Es wurde gesagt, daß mit der aufsteigenden Entwicklung des Lebens die Bedürfnisse, also die Schmerzen zunehmen. Gewiß, aber auch die Mittel, die Bedürfnisse zu befriedigen. Die Tätigkeit in dieser Absicht wird immer mannigfaltiger, immer größere und entwickeltere Kräfte und Fertigkeiten werden ins Spiel gebracht: damit werden auch die begleitenden Lustgefühle immer reicher. Man halte das Leben und die Tätigkeit jener ehemaligen Bewohner unserer Küsten, welche in den sogenannten "Kjökkenmöddingern" [jungsteinzeitliche Küchenabfälle aus Dänemark - wp] Spuren ihres Daseins zurückgelassen haben, neben das Leben und die Betätigung der Bauern und Handwerker, der Fischer und Seeleute, welche gegenwärtig Bewohner dieser Gegenden sind und man wird doch wohl annehmen dürfen, daß dem Mehr von Mühe, Sorge und Not in ihrem Leben auch ein Mehr von Freude an der Arbeit und ihrem Erfolg entspricht. Ich behaupte nicht, daß der Zuwachs an Freude den Zuwachs an Schmerz übersteigt, ich würde nicht nur an der Beweisbarkeit, sondern auch an der Wahrheit dieser Behauptung zweifeln; aber ebenso wenig scheint mir die umgekehret Behauptung begründet werden zu können oder wahr zu sein.

zu 2): Es wurde behauptet, daß die Vorausnahme künftiger Schmerzen in Furcht und Sorge den Schmerz vermehre. In der Tat, alle Schmerzen, wenn sie bloß in der Empfindung des Augenblicks beständen, wären leicht zu tragen: das erdrückende Gewicht erhalten Entbehrungen, Kränkungen und selbst physische Schmerzen erst dadurch, daß sie als Anfang einer langen Reihe angesehen werden. Aber erhalten nicht ebenso Freuden erst dadurch ihren eigentlich menschlichen Charakter und Wert, daß sie in Hoffnung vorausgenommen worden? Und kann man nicht sagen, so unglücklich ist das menschliche Gemüt doch nicht konstituiert, daß es der Furcht mehr als der Hoffnung zugänglich wäre? Die Naturanlage ist in dieser Hinsicht verschieden; vielleicht kann man aber doch sagen: öfter findet eine Fälschung der Zukunftsaussicht durch Hoffnung als durch Furcht statt. Noch gewöhnlicher als durch Hoffnung dürfte eine ähnliche Fälschung, wenn man denn so sagen will, zugunsten der heiteren Lebensansicht durch die Erinnerung stattfinden. Schöne und erfreuliche Tage, welche wir erlebten, bleiben auch in der Erinnerung eine Quelle der Freude, ja die Erinnerung verschönert sie, indem sie die kleinen Widrigkeiten und Störungen, welche in der Wirklichkeit nicht leicht fehlen, fallen läßt; sie retouchiert gleichfalls das Bild. Dagegen verlieren not- und kampfreiche, leid- und kummervolle Tage in der Erinnerung den Stachel: der Schmerz um den Verlust eines Gutes wird zur milden, peinlosen Wehmut, die Erinnerung an bestandene Not und Drangsal erfüllt mit Selbstgefühl: "olim meminisse iuvabit" [es wird uns einst erfreuen, sich daran zu erinnern - wp], wird dem Bedrängten vom römischen Dichter zugerufen. Sind nicht Autobiographien beinahe stets Biodiceen [Rechtfertigung des Lebens - wp]

zu 3): Was die Schmerzen anlangt, welche die Verwundung des ideellen Ich zur Folge hat, so wäre auch hier zu sagen, daß dieselben in der Freude, welche aus fremder Anerkennung und aus dem erfolgreichen Wettkampf um den Preis der Auszeichnung fließt, ihr Komplement haben. Und würden ohne die Empfänglichkeit für Auszeichnung und Ehre die höheren menschlichen Funktionen haben entwickelt werden können? Auch daran mag erinnert werden, daß die menschliche Natur ein Heilmittel gegen Verletzungen des ideellen Ich besitzt: Kränkung und Zurücksetzung macht stolz und der Stolz heilt den Schmerz. SCHOPENHAUER hatte Gelegenheit, hierüber an sich selber Beobachtungen zu machen.

zu 4): Dasselbe gilt endlich von den Schmerzen, welche durch Miterregung entstehen: auch ihnen stehen Freuden gegenüber, welche aus der Teilnahme an fremdem Wohlergehen entspringen. Wenn wir einem alten Spruch glauben, so hat die Teilnahme am Schicksal anderer für das Glück der Beteiligten einen sehr günstigen Erfolg: geteilter Schmerz ist halber Schmerz, geteilte Freude ist doppelte Freude; so daß hiernach der Gewinn vierfältig werde.

Also das wäre die Summe: mit der Steigerung der Kultur wächst die Mannigfaltigkeit und Intensität der Leiden, aber auch der Freuden. Ob in stärkerem Maße? das war die zuversichtliche Behauptung des historischen Optimismus: der Fortschritt der Geschichte mehr das Glück. Ihr tritt der Pessimismus mit der ebenso zuversichtlichen Behauptung gegenüber: er mehr die Leiden. Ich halte beide Behauptungen für gleich unerweislich; beiden läßt sich durch theoretische Ausführungen eine große Scheinbarkeit verschaffen; in Wahrheit kann es kein Verfahren geben, wodurch die entscheidenden Ermittlungen angestellt würden. Vielleicht käme der Wahrheit eine dritte Ansicht am nächsten: daß das Wachstum auf beiden Seiten stets gleich groß und daher, wenn Lust und Schmerz wie positive und negative Größen addiert würden, die Summe stets dieselbe bleibe, nämlich Null. Man könnte die Gefühle darstellen als Schwankungen um einen Nullpunkt, und nun sagen: mit der steigernden Kultur würden die Schwankungen häufiger und größer, aber die Summe der Abweichungen erfahre keine Veränderung. Ich gebe diese Ansicht als eine mögliche, sie scheint mir einen eigentlichen Beweis so wenig als die beiden anderen zuzulassen. Eine Messung der Gefühle ist unausführbar; ich möchte sogar behaupten, daß wenn jemand umherginge und die einzelnen Menschen zwecks statistischer Aufzeichnung fragte: ob sie in diesem Augenblick Schmerz oder Lust fühlten? er sehr häufig zur Antwort erhalten würde: darauf habe man gar nicht geachtet; und auf weitere Nachfrage: man könne es wirklich selbst nicht sagen - was denn übrigens eine sehr deutliche Erklärung der Natur wäre, daß in ihren Augen Lust und Schmerz nicht so wichtige Dinge seien, als in den Augen der hedonistischen und pessimistischen Philosophen. Aber wenn ich eine Behauptung wählen müßte, so würde ich diese in erster Linie verteidigen zu können glauben. Ich würde auf die relative Natur der Gefühle hinweisen, daß sie überall aufträten, wenn Abweichungen von einem Mittel stattfänden: ein Mehr oder Weniger, gemessen an einem Mittel, werde mit Lust und Schmerz empfunden. Das Mittel selbst aber scheint beweglich: bei dauerndem Mehr oder Weniger verschiebe es sich, so daß es wieder in die Mittellage kommt.

Doch statt solche Betrachtungen weiter auszuspinnen, will ich kurz noch auf den  moralistischen Geschichtspessimismus  eingehen, welchen ROUSSEAUs leidenschaftliche Beredsamkeit der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts so eindrucksvoll predigte. Der Urzustand des Menschen erschien ihm als ein Zustand der Unschuld und Tugend, von welchem die Kultur immer weiter abführe. So viel näher dem Urstand, so viel mehr Reinheit und Tugend: bei Hirten und Bauern meint ROUSSEAU sie noch zu finden, in der Pariser Gesellschaft, am Hof zu Versailles werd man sie vergebens suchen. In seiner berühmten Erstlingsschrift über die Frage: ob die Wiederherstellung der Wissenschaften und Künste dazu beigetragen habe, die Sitten reiner zu machen? ist er geneigt, in der Entwicklung der Wissenschaften und Künste selbst die Ursache des moralischen Verderbens zu suchen. Eine zweite Frage der Dijoner Akademie, nach dem Ursprung der Ungleichheit unter den Menschen, gab ROUSSEAU Gelegenheit, seine Behauptung dahin abzuändern, daß in der Entwicklung der gesellschaftlichen Unterschiede die nächste Ursache des moralischen Verfalls liege. Mit der Steigerung der Kultur, so können wir etwa seine Betrachtung summieren, entstehen die Unterschiede von reich und arm, vornehm und gering, Herren und Knechten; und von hier geht auf die ansich gute menschliche Natur ein depravierender [verderblicher - wp] Einfluß aus. Auf der einen Seite entstehen die Herrenlaster: Hochmut, Übermut und Mißhandlung; auf der anderen Seite die Knechtslaster: Feigheit, Niederträchtigkeit und Falschheit. Dazu kommt noch ein anderes: die soziale Differenzierung hat die Tendenz die natürliche Schätzung der Dinge zu zerstören. Der natürliche Wert der Dinge besteht darin, daß sie unmittelbare Bedürfnisse der menschlichen Natur befriedigen; in der Gesellschaft tritt an die Stelle des natürlichen Wertes der konventionelle: die Dinge werden geschätzt, soweit sie geeignet sind, eine ausgezeichnete Stellung in der Gesellschaft zu bezeichnen. Diamanten und Perlen haben gar keinen oder, als Zierrat, doch nur einen geringen natürlichen Wert; in der Gesellschaft dagegen erhalten sie sehr großen Wert als Zeichen von Reichtum und Vornehmheit; ihr Wert besteht nicht so sehr darin, daß man sie hat, als darin, daß andere sie nicht haben. Ähnlich geht es mit der menschlichen Bildung selbst. Kenntnisse z. B. erhalten in der Gesellschaft einen konventionellen Wert: unter dem Namen von Bildung und Gelehrsamkeit verleihen sie soziale Auszeichnung. Aber die Kenntnisse, die hierzu dienen, sind nicht eben dieselben, welche für das Leben wirklichen Wert haben; wirklichen Wert haben diejenigen Kenntnisse, die ihren Inhaber klüger oder weiser machen; Bildung und Gelehrsamkeit tun oft das Gegenteil von beidem: sie unterdrücken den gesunden Menschenverstand und das natürliche Urteil. Und auf ähnliche Weise erobert in der Gesellschaft das feine Benehmen und der gute Ton die Stellung, welche der Tugend allein zukommt. So zerfrißt die Lüge und der Schein das Leben der Gesellschaft. "Wir haben die Ehre ohne Tugend, Vernunft ohne Weisheit und Vergnügen ohne Glück", so faßt ROUSSEAU im "Contrat social" sein Urteil über diese letzten Zeiten der Bildung und Aufklärung in einen jener Sprüche, die sich unvergeßlich dem Gedächtnis einprägen. -

Auch diese Betrachtungen sind sicherlich nicht unwahr, aber auch sie sind einseitig. Ohne Zweifel bringt die Kultur und Besonderen die sie begleitende gesellschaftliche Differenzierung neue Verkehrtheiten und Laster hervor, aber auch neue Tugenden. Es gibt Herrschertugenden so gut als Laster: Tapferkeit, Großmut, Selbstbeherrschung, Würde, Umsicht, Fürsorge; und ebenso gibt es, wie Laster, so auch Tugenden der dienenden: Anhänglichkeit, Hingebung, Treue. Wenn die gesellschaftliche Stellung den natürlichen Anlagen entspricht, wenn jeder auf die Seite kommt, wohin er nach seiner Naturanlage gehört, dann kann es günstigere Bedingungen für die Entwicklung des Charakters nicht geben, dann wird das Verhältnis auch auf beiden Seiten des Glücks empfunden. Und ebenso wenig werden wir Ursache haben zu glauben, daß die Güter, welche die Kultur hervorbringt, lediglich Differenzwert haben: Wissenschaft und Kunst haben doch auch natürlichen und wirklichen Wert, wenn auch jene Verkümmerung in Gelehrsamkeit und Prunkbildung nicht selten ist; und auch die Güter, welche Gewerbe und Handel hervorbringen und zugänglich machen, haben nicht bloß Differenzwert. Doch ROUSSEAUs Traum von einem glückseligen und unschuldigen Naturzustand gehört ja wohl überhaupt einer vergangenen Zeit an: der paradiesische Naturzustand ist die Idealwelt, welche die vornehme Gesellschaft der Zeit LUDWIGs XV. hervorbrachte; in ihr spiegelt sich nicht irgendeine auf den Südseeinseln oder bei den Indianern Amerikas vorhandene Wirklichkeit, sondern das Leben eben jener Gesellschaft, welche sie träumte, doch mit vollständiger Umkehrung der Wirklichkeit. Die wirkliche Bekanntschaft mit den unkultivierten Völkern hat nirgendwo jene stolzen und aufrichtigen, jene tugendhaften und glücklichen Wilden entdecken lassen. JOHN STUART MILL meint (in einem Aufsatz über Natur), daß fast jede achtenswerte Eigenschaft der Menschheit nicht Ausstattung der Natur, sondern Ergebnis der Kultur sei: Tapferkeit, Wahrhaftigkeit, Reinlichkeit, Selbstbeherrschung, Gerechtigkeit, Wohlwollen seien alles erworbene Eigenschaften; Furcht, Lüge, Schmutz, Unmäßigkeit, Selbstsucht, das seien die Züge, welche unbefangenen Beobachtern in der Physiognomie des Wilden von jeher am meisten in die Augen gefallen seien.

Wächst also mit der Kultur die Moralität? Ich fürchte, der Geschichtspessimismus könnte doch eine fruchtbare Gegenrechnung zu dieser Betrachtung MILLs aufstellen. Es mag sein, daß die unkultivierten Menschen jene Tugenden nicht haben; dafür fehlen ihnen auch die Laster der Zivilisation. Man steige in die Gaunerwelt einer europäischen Großstadt herab, oder man blicke in die Welt der Geheimnisse, welche der Name der guten Gesellschaft bedeckt, und man wird gestehen müssen: gegenüber dem Raffinement widerwärtigen Genießens, verlogender Bosheit, nichtswürdiger Niedertracht sind die Laster der Wilden Kinderunarten. - Kann man sagen, das seien doch unglückliche Ausnahmefälle? Numerisch betrachtet, weise die Kultur doch ein stärkeres Wachstum auf Seiten der Tugend als auf der des Lasters auf? Wie hoffnungslos es wäre für eine solche Behauptung den Beweis anzutreten, wird vielleicht durch eine konkrete Fragestellung am ehesten klar: waren die Deutschen, deren Leben TACITUS beschreibt, bessere oder schlechtere Menschen, moralisch betrachtet, als die Deutschen, welche zur Zeit der Kreuzzüge, der Reformation, der Aufklärung lebten?

Wenn ich eine Ansicht in dieser Sache zu verteidigen genötigt wäre, dann würde ich mich wiederum am leichtesten entschließen, eben dieselbe, welche oben über das Verhältnis von Kultur und Glück angedeutet worden ist, auch hier anzunehmen: die moralischen Unterschiede zwischen den Individuen werden größer, aber sie wachsen auf beiden Seiten so, daß sie sich kompensieren. Oder, wie dort gesagt wurde: die Schwankungen um den Mittelpunkt werden größer, aber die Summe bleibt dieselbe. Die Tiere, so ließe sich diese Ansicht ausführen, stehen auf dem Nullpunkt: sie sind weder gut noch böse. Mit der Menschwerdung beginnt die moralische Differenzierung; auf den ersten Stufen sind die Unterschiede noch gering, die Einzelnen gleichen einander, sie sind Exemplare, die den Gattungstypus im Ganzen gleichartig darstellen. Mit der aufsteigenden Kultur findet eine fortschreitenden Individualisierung statt, das Gute und Böse tritt in schärferen Zügen hervor; die Masse bleibt freilich auch hier in einer unentschiedenen Mitte, den Regungen des Guten, wie des Bösen zugänglich; aber in einzelnen Persönlichkeiten tritt nunmehr das Gute und Böse mit voller Entschiedenheit hervor: auf der einen Seite heilige Liebe, aufopferungsfrohe Treue, leidenschaftliche Hingebung an Wahrheit und Recht, und auf der anderen Seite die volle und ganze Verworfenheit des Charakters.

Und was wird also die Zukunft bringen? Die immer schärfer und klarer durchgeführte Sonderung, die immer mehr fortschreitende moralische Differenzierung der trägen und stumpfen Masse? Vielleicht darf man so sagen. Wie, nach dem hebräischen Mythos, die natürliche Welt damit begann, daß Gott Licht und Finsternis schied, so begann, nach demselben tiefsinnigen Myhtos, die geschichtliche Welt mit der Unterscheidung des Guten und Bösen. Und nach der christlichen Anschauung, welche sich an jenen Mythos anschließt, ist der Inhalt der Geschichte die Durchführung jenes Scheidungsprozesses. Im Reich Gottes und im Reich des Teufels ist der Gegensatz des Guten und Bösen zu voller Reiheit und Klarheit entwickelt. Zwischen beide gestellt, trennt sich die Menschheit allmählich in zwei Hälften, indem vom Reich Gottes die einen, vom Reich des Teufels die andern angezogen und völlig angeeignet werden. Der Abschluß der Geschichte ist die absolute und definitive Trennung dieser beiden Hälften im großen Gericht am letzten Tag. Ist alle Religion Spiegelung des menschlichen Wesens, seiner tiefsten Wissensrichtung und seines tiefsten Selbstbewußtseins in einer transzendentalen Welt, so dürfen wir in dieser großartigsten aller Visionen eine Spiegelung des geschichtlichen Selbstbewußtseins der Menschheit erblicken. -

Also das wäre die Summe dieser Erwägungen: in der geschichtlichen Entwicklung wird der Inhalt des menschlichen Lebens mannigfaltiger und reicher, seine Kräfte und Betätigungen werden vielgestaltiger und komplizierter; damit wächst die Sensibilität: die Lust- und Schmerzgefühle werden häufiger und intensiver. Dagegen bleibt es fraglich, ob die Zunahme auf der einen Seite, sei es der des Glücks, oder der des Unglücks, größer ist als auf der andern. Ebenso nimmt die moralische Differenzierung zu: Tugenden und Laster wachsen miteinander, wie sich auch die Empfindlichkeit des moralischen Urteils steigert. Dagegen bleibt es fraglich, ob eine stärkere Zunahme auf der einen als auf der andern Seite stattfindet; die optimistische und die pessimistische Geschichtsansicht sind gleich unerweislich und vermutlich gleich unwahr.

Aber ist damit nicht dem Pessimismus im Grunde Recht gegeben? Wenn die Menschen im Verlauf der geschichtlichen Entwiclung nicht besser und glücklicher werden, gilt dann nicht jene Rede SCHOPENHAUERs von der absoluten Ziellosigkeit des Lebens sowohl der Einzelnen wie auch der Gesamtheit? Ist dann nicht alle Arbeit und Mühsal, aller Kampf und alle Aufopferung vergeblich? Und, so könnte man hinzufügen, wird nicht diese definitive Vergeblichkeit von der Wirklichkeit selbst in der deutlichsten Sprache, der sie fähig ist, ausgesprochen: wie die Einzelnen sterben, so sterben die Völker: die Schönheit der Griechen, die Tüchtigkeit der Römer ist dahin für immer; auch die heute lebenden Völker werden sterben; ja schließlich stirbt die Menschheit selbst. Die kosmische Physik rechnet uns vor: die Sonne wird erlöschen, sie gibt Wärme aus, ohne zu empfangen. Dann wird ewiges, starres Schweigen sein. Das Leben, wie es entstanden ist in der Zeit, wird vergehen; wie ein vorübergehendes Phophoreszieren, welches die ziellose und zufällige Bewegung der Atome verursacht, leuchtet es auf, vor ihm und hinter ihm das ewige Dunkel.

Was zunächst die letztere Betrachtung anlangt: wäre es wirklich ein Beweis für die Nichtigkeit allen Lebens, wenn es einmal auf Erden überhaupt ein Ende nähme ohne eine Fortsetzung zu finden? Mir scheint nicht: unendliche Fortdauer in der Zeit ist nicht Bedingung seines Wertes. Ja vielleicht könnte man sagen, eine grenzenlose Fortdauer sei nicht einmal wünschenswert oder auch nur denkbar. Jeder endliche Inhalt füllt nur endliche Zeit. Ein Drama ist seiner Natur nach ein begrenzter Verlauf. Niemand macht es ihm zum Vorwurf. Ein Menschenleben ist nicht minder ein seiner Natur nach begrenzter Verlauf: nicht bloß äußerlich und zufällig, sondern aus innerer Notwendigkeit geht es zu Ende; sein Inhalt wird erschöpft und es ist nicht ein Glück, sondern Pein und Verlegenheit, wenn der Tod zögert, den Vorhang fallen zu lassen, nachdem das Spiel zu Ende ist. Nicht um ein langes Leben, sondern um einen rechtzeitigen Tod betet der Weise. Nun, dasselbe gilt vom Leben eines Volkes; auch sein Inhalt ist nicht unerschöpflich; und so gilt es vom Leben der Menschheit: auch sie mag sich ausleben, und dereinst so willig und lebenssatt das Haupt zur Ruhe legen, wie es ein müder Greis nach wohlvollendetem Leben tut.

Für eine solche Betrachtungsart schwindet aber, wie mir scheint, auch jener andere Einwand gegen den Wert des menschheitlichen Lebens, daß nicht im Verlauf eine Steigerung des Glücks oder der Moralität stattfinde. In einem Drama sind die späteren Akte nicht besser als die früheren; der Wert desselben liegt nicht in der letzten Szene oder in dem, was darauf folgt, sondern jede Szene hat ihren eigenen Wert, freilich nicht als absolut isolierter Verlauf, sondern als Teil dieses Ganzen. So liegt der Wert eines Menschenlebens nicht in einem Schlußakt oder in einem Gut, welches als sein ihm äußerliches Resultat von ihm hervorgebracht und hinterlassen würde, sondern im ganzen Verlauf: jeder Abschnitt hat seinen eigenen Wert, die Kindes- und Knaben-, die Jünglings- und Mannesjahre, das Greisenalter und der Tod; und jeder wird dadurch bedeutender und wichtiger, daß er zu einem solchen Gesamtleben als Präludium und Vorbereitung, als Erfüllung und Abschluß gehört. Und nicht anders liegt die Sache, wenn es sich um das Leben eines Volkes oder der Menschheit handelt. Die Forderung, daß die späteren Geschlechter glücklicher oder tugendhafter seien als die früheren, ist durch nichts gerechtfertigt: wir mögen es ihnen von Herzen wünschen, aber es ist kein Vorwurf gegen die Geschichte, wenn es nicht so kommt. Die vorangehenden Geschlechter sind nicht bloß so viele Stufen, über welche das letzte zur Vollkommenheit und zum Glück steigt: sie haben ihr eigenes Leben gelebt und es hat seinen eigenen Wert. Die Griechen und Römer haben nicht gelebt, um uns einige Reste ihrer Kultur zu hinterlassen, sondern um ihrer selbst willen, und es ist nur ein Zuwachs zum Wert dieses Lebens, daß es sich in einer solchen Weise als Glied in das größere Leben der Menschheit einfügt - eine Betrachtung, welche auszuführen die Aufgabe einer Philosophie der Geschichte wäre, einer Wissenschaft freilich, von der jenes pythagoreische Wort gilt, daß nur Gott sie habe. Uns Menschen geht es mit der Geschichte, wie es nach GOETHEs Urteil den Meisten in einem Schauspiel geht: sie sehen das Einzelne und ergötzen sich am bunten Wechsel, aber den Sinn des Ganzen und daraus die Notwendigkeit des Einzelnen zu erkennen reicht ihr Fassungsvermögen nicht aus. Ich sagte oben, Autobiographien pflegten Biodizeen zu sein. Vielleicht dürfen wir sagen: wenn wir imstande wären, das Leben der Menschheit zu übersehen, wie wir das Leben eines Einzelnen übersehen, oder wenn einmal die Menschheit am Ende ihrer Tage ihre Autobiographie schreiben wird, dann wird auch diese, so viel sie immer von Arbeit und Kampf, von Not und Mißlingen zu berichten haben mag, doch im Ton einer Biodizee gehalten sein:
    Die Menschheit selbst in ihrem dunklen Drange
    War sich des rechten Weges wohl bewußt.

LITERATUR - Friedrich Paulsen, Gründe und Ursachen des Pessimismus, Deutsche Rundschau, Bd. 48, Berlin 1886
    Anmerkungen
    1) MATTHEW ARNOLD, Poems II, Seite 32; in "Empedocles on Etna". Die Verse LEOPARDIs aus der Übersetzung seiner Werke von PAUL HEYSE, 2 Bde., Berlin 1878; sie sind überschrieben: "An mich selbst" (I, Seite 178).