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ARNOLD KOWALEWSKI
Studien zur
Psychologie des Pessimismus


"Wer die Wahrheit redet, findet keine Herberge - heißt es im deutschen Sprichwort. Wahrheit gebiert Neid und Haß; Das Wahre will niemand anerkennen; Die Wahrheit ist schwer zu hören; Der Wahrheit Worte sind bitterer Pfeffer - so stimmen unter anderem der Schweizer, der Norweger, der Schwede und der Isländer mit in die Klage ein. Ja noch mehr: Wahrheit bringt Gefahr, und wer die Wahrheit geigt, dem schlägt man die Fiedel an den Kopf. Unter den seegewohnten Dänen Nordschleswigs findet man als charakteristische Parallele hierzu: Die Wahrheit kann nirgends landen. Der Engländer sagt: Wer der Wahrheit zu dicht auf den Fersen folgt, dem wird Schmutz ins Gesicht fliegen oder in einem anmutigeren Bild: Wahrheiten und Rosen haben Dornen um sich. Schweizer und Italiener drohen sogar mit der Todesstrafe: Die Wahrheit bringt dich an den Galgen."

"Selbst bei Kindern kommt der Selbstmord mit immer wachsender Häufigkeit vor. Vom Jahr 1876 bis zum Jahr 1896, also im Verlauf von zwei Dezennien, hat sich die Zahl der Selbstmörder unter 20 Jahren, die auf 100 Lebende kommt, fast genau verdoppelt. Die unheimlichste Erscheinung sind die sogenannten  Gesellschaften der Freunde des Selbstmordes,  welche zu Anfang des 19. Jahrhunderts existierten."


Vorwort

Die vorliegenden Untersuchungen nehmen eine eigentümliche Mittelstellung zwischen empirischer Psychologie und reiner Philosophie ein.

Vorderhand bestehen zwischen diesen beiden Gebieten noch wenig freundliche Beziehungen.

Viele reine Philosophen blicken geringschätzig auf die Resultate der empirischen Psychologie herab. Sie meinen auch ohne den komplizierten Apparat experimenteller und statistischer Methodenn eine genügende Einsicht in das Seelenleben gewinnen zu können.

Umgekehrt hegen die empirischen Psychologen ein gewisses Mißtrauen gegen philosophische Reflexionen und lehnen es oft ab, ihre Forschungsresultate irgendwie philosophisch auszunutzen.

Bei dieser Sachlage ist es ausgeschlossen, daß ich mit allen Einzelheiten meiner Arbeit Anklang finde. Möchte es mir wenigstens gelingen, an meinem bescheidenen Teil die Überzeugung wecken zu helfen, daß ein Zusammenarbeiten der empirischen Psychologie und der reinen Philosophie für beide anregend und nutzbringend sein kann!

Daß meine experimentellen Ermittlungen zum Teil keine Präzisionsuntersuchungen sind, liegt daran, daß ich zunächst nur eine rohe Orientierung auf einem noch wenig erforschten Terrain (Symmetrieprüfung der Lust- und der Unlustfunktion) im Auge hatte. Für die Darstellung ergab sich daraus der Vorteil einer größeren Allgemeinverständlichkeit. Freilich werden Leser, die mit den wichtigsten Grundbegriffen der experimentellen Psychologie unbekannt sind, manche Partien dunkel finden. Ich konnte mich auf die umständliche Erklärung solcher Begriffe wie Schwelle, Unterschiedsschwelle, Methode der Minimaländerung, Methode der richtigen und falschen Fälle und dgl. hier nicht einlassen. Aufschluß über dise Dinge findet man in jedem Handbuch der physiologischen oder experimentellen Psychologie.

Ich widme diese Schrift Herrn Dr. RUDOLF KAFEMANN, dem ich in doppelter Beziehung zu innigstem Dank verpflichtet bin. Einmal hat er mich durch seine ärztliche Kunst von einem schweren Ohrenübel befreit, welches lange Jahre hindurch meine Stimmung trübte. Sodann hat er mich durch seine freundliche und verständnisvolle Teilnahme in meinen psychologischen Studien vielfach gefördert.



Einleitung

Unter Pessimismus versteht man im allgemeinen die Anschauung, daß Leiden und Übel den Hauptinhalt des ganzen Lebens ausmachen oder, wie eine verbreitete Formel lautet, daß die Lustsumme in unserer Welt von der Unlustsumme überwogen wird. Das Wort "Pessimismus" scheint im Gegensatz zu dem Ausdruck "Optimismus" geprägt worden zu sein. Als Optimismus bezeichnete man die von LEIBNIZ vertretene Lehre, daß unsere Welt die beste unter allen möglichen ist. Die Superlativform in ihrer strengen Bedeutung paßt weder für alle Schattierungen des Optimismus noch für die des Pessimismus. Während manche Optimisten die Welt trotz ihrer überwiegenden Güte noch für verbesserungsbedürftig halten, fehlte es andererseits nicht an Pessimisten, die zugeben, daß die Welt auch noch schlechter sein könnte, als sie ist. Man hat für die abgeschwächten Formen des Optimismus und Pessimismus die Bezeichnungen "Meliorismus" bzw. "Pejorismus" vorgeschlagen, insofern die Welt hier als das  Melius  [Bonus -wp] bzw.  Pejus  [Malus - wp] gilt "im Vergleich zum Nullpunkt des Wertes". (Vgl. EDUARD von HARTMANN, Zur Geschichte und Begründung des Pessimismus, Seite 8). Da aber die lateinische Superlativform bekanntermaßen auch im laxen Sinn eines rhetorisch gesteigerten Positivs vorkommt, so stehen einer entsprechenden Ausdehnung der superlativischen Bezeichnungen "Optimismus" und "Pessimismus" keine sprachlichen Bedenken im Weg.

Die Anschauung des Pessimismus ist nicht ein bloßes Erzeugnis philosophischer Reflexion. Sie regte sich zum Teil bereits zu Zeiten, wo es noch keine eigentlichen Philosophen gab, in der Religion, in der Poesie, in der Volksweisheit, im Volksaberglauben und in der Volkssitte. Sie ist von hier aus bis zu den untersten sozialen Schichten gedrungen, die naturgemäß von einem direkten Einfluß philosophischer Spekulation überhaupt unberührt bleiben.


1. Der Pessimismus in der Religion

Daß der jüdischen und christlichen Religion das pessimistische Element nicht fremd ist, lehrt schon ein flüchtiger Blick in die Schriften des alten und neuen Testaments.

Da tritt uns vor allem der Prediger SALOMO entgegen mit seinen berühmten Variationen der Klage: "Es ist alles ganz eitel". Bis zum Lebensüberdruß steigert sich bei ihm die Enttäuschung, die er mit den verschiedenen materiellen und idealen Genüssen dieser Welt erfahren hat und warnend schildert. Das Streben nach Weisheit z. B. stellt sich als wertlos heraus: denn dem Weisen ergeht es nicht besser als dem Narren. Überhaupt werden die Guten unterdrückt, sie müssen Unrecht leiden, und niemand tröstet sie. "Da lobte ich", sagt der Prediger unter dem Eindruck dieser traurigen Beobachtung, "die Toten, die schon gestorben waren, mehr denn die Lebendigen, die noch das Leben hatten; und besser als alle beide ist, der noch nicht ist und des Bösen nicht inne wird, das unter der Sonne geschieht". (Prediger 4, 2-3) Und ähnlich erklärt er anderwärts: "Darum verdroß mich zu leben; denn es gefiel mir übel, was unter der Sonne geschieht, daß alles eitel ist und Haschen nach Wind". (Prediger 2, 17)

Da haben wir den echten pessimistischen Lebensekel in einem unzweideutigen Ausdruck vor uns.

Allerdings ist das mehr eine vorübergehende extreme Stimmung, und der Prediger läßt sich schließlich doch nicht in dem Glauben irre machen, "daß es wohl gehen wird denen, die Gott fürchten", und er erkennt auch wieder den Wert des Lebens überhaupt an, sagt, daß ein lebendiger Hund besser sei, als ein toter Löwe. Selbst die gewöhnlichen Lebensgüter will er doch nicht verachten und empfiehlt geradezu den heiteren sinnlichen Genuß. "So geh' hin und iß dein Brot mit Freuden, trink deinen Wein mit gutem Mut; denn dein Werk gefällt Gott. Brauche des Lebens mit deinem Weib, das du lieb hast, solange dein eitel Leben währt; denn das ist dein Teil im Leben und in deiner Arbeit, die du tust unter der Sonne." (Prediger 9, 7-9)

Wir sehen, die pessimistische Reflexion hat hier noch nicht die Kraft, ihren praktischen Konsequenzen volle Geltung zu verschaffen. Die Freude am Leben läßt sich nicht so leicht austilgen. Immerhin ist bemerkenswert, wie deutlich die pessimistische Stimmung bereits im Gemüt jenes alttestamentlichen Gläubigen anklingt.

Auch sonst begegnen uns im alten Testament viele Stellen, die dieselbe Stimmung kundgeben, so z. B. im Buch JESUS SIRACH, wo es einmal heißt: "Es ist ein elend jämmerlich Ding um aller Menschen Leben vom Mutterleib an bis sie in die Erde begraben werden, die unser aller Mutter ist. Das ist immer Sorge, Furcht, Hoffnung und zuletzt der Tod, sowohl bei dem, der in hohen Ehren sitzt, als beim Geringsten auf Erden, sowohl bei dem, der Purpur und Krone trägt, als bei dem, der einen groben Kittel an hat. Da ist immer Zorn, Eifer, Widerwärtigkeit, Unfriede und Todesgefahr, Neid und Zank." (Sirach 30, 1f) Freilich wird den Gläubigen zum Trost gesagt, daß alle diese Leiden des Lebens die Gottlosen "siebenmal mehr" bedrücken (Sirach 40, 8) und unmittelbar vor der oben zitierten pessimistischen Klage lesen wir das zufriedene Bekenntnis, "daß alle Werke des Herrn gut sind, und ein jegliches zu seiner Zeit nützlich ist, daß man nicht sagen darf: es ist nicht alles gut; denn es ist ein jegliches zu seiner Zeit köstlich". (Sirach 39, 39f)

Im neuen Testament ist das Wort "Welt" geradezu gleichbedeutend mit Übel und Bosheit. Natürlich ist damit nur diese unsere irdische Welt gemeint, deren Verderbnis dem christlichen Bewußtsein so furchtbar erscheint. Die Gläubigen werden dringend gewarnt sich mit der bösen Welt einzulassen und an ihren eitlen Freuden teilzunehmen. "Habt nicht lieb die Welt noch was in der Welt ist. So jemand die Welt lieb hat, in dem ist nicht die Liebe des Vaters. Denn alles, was in der Welt ist, des Fleisches Lust und der Augen Lust und hoffärtiges Leben, ist nicht vom Vater, sondern von der Welt. Und die Welt vergeht mit ihrer Lust; wer aber den Willen Gottes tut, der bleibt in Ewigkeit." (1. John. 2, 15 - 7) "Ihr sollt euch nicht Schätze sammeln auf Erden, da sie die Motten und der Rost fessen und da die Diebe danach graben und stehlen", sagt CHRISTUS in der Bergpredigt (Matth. 6, 19) und fordert anderwärts geradezu den Verzicht auf jeden irdischen Besitz. Diese Forderung soll nicht nur für den "reichen Jüngling" eine Kraftprobe sein, sondern sie richtet sich auch allgemein an alle Jünger: "Verkauft, was ihr habt, und gebt Almosen". (Lukas 12, 33) Ferner darf die Liebe zu den Blutsverwandten nicht als ausgezeichneter Wert gelten. Die dem Meister nachfolgen wollen, wernden sich von diesen Banden überhaupt freimachen müssen. Die radikale Aufhebung des Geschlechtstriebs scheint nach der bekannten Stelle bei MATTHÄUS 19, 11-12 geradezu die Signatur höchster Vollkommenheit zu sein, und auch sonst wird die Ehelosigkeit als verdienstvoll hingestellt. (1 Kor. 7) Das ganze Leben eines echten Christen steht unter dem Zeichen des Leidens. "In der Welt habt ihr Angst", wird den Jüngern vom Meister ausdrücklich eröffnet. Das ist gewissermaßen der Gesamtniederschlag jener Düsterkeiten, die das christliche Weltbild durchziehen und entschieden als pessmistische Elemente anzusprechen sind. Dabei muß beachtet werden, daß die pessimistische Reflexion nicht bloß theoretisch die Nichtigkeit oder Minderwertigkeit der gewöhnlichen Lebensgüter darstellt, sondern auch die entsprechenden praktischen Konsequenzen zu vertreten sucht. Der Pessimismus des neuen Testaments ist zweifellos energischer, als der des alten Testaments.

Freilich dürfen wir nicht vergessen, daß mit dem Pessimismus des neuen Testaments auch wieder entgegengesetzte Elemente gepaart sind. Die Hoffnung auf ein seliges Leben im Jenseits, das Bewußtsein der Gotteskindschaft und der treue Wandel nach dem Gebot der Liebe sind für den Christen Quellen reinster Freude. Diese Freude, die alle Leiden wohl aufzuwiegen vermag, wirft überhaupt zum Teil einen hellen versöhnenden Schimmer auf das ganze Erdenleben. Daher so mancher entschieden weltfreudige Zug im neuen Testament, der zu einer strengen pessimistischen Weltverachtung gar nicht paßt. CHRISTUS selbst ging dabei mit seinem Beispiel voran. Er war kein weltflüchtiger Asket, er aß und trank, wohnte dem frohen Familienfest einer Hochzeit bei, zeigte Freude an Kindern und tat sich auch sonst in seiner natürlichen Teilnahme an den gewöhnlichen Lebensverhältnissen keinen Zwang an. Bekannt ist das Wort: "Freuet euch mit den Fröhlichen und weint mit den Weinenden".

Soll man deswegenn den Pessimismus des Christentums für unaufrichtig halten? Wird vielleicht die Erde nur deswegen als Jammertal hingestellt, um in den Menschen das religiöse Jenseitsbedürfnis anzuregen? Allerdings scheint es fast so als ob man, nachdem die Abkehr vom Diesseits durch die pessimistische Kunst gelungen war, nichts dagegen hat, daß die Düsterkeiten des Erdenlebens sich wieder aufhellen und die Menschen an ihm doch noch einige Freude finden. Ist das nicht eine blanke Inkonsequenz? Vom Standpunkt des reinen Pessimismus ohne Zweifel. Ähnliche Inkonsequenzen erlauben sich aber auch philosophische Systeme des Pessimismus. Und sodann ist zu beachten, daß der christliche Pessimismus tatsächlich auch eine streng asketische Ausprägung gefunden hat, in der wirklich jede Rückkehr zu den Weltfreuden vermieden wird. Man denke an das Mönchstum und, wenn man einen einzelnen ernsten Repräsentanten dieser Art haben will, der auch zugleich intellektuell auf einer bedeutenden Höhe stand, so nenne ich BLAISE PASCAL. Ich will mich hier nicht auf die Frage einlassen, ob so eine peinliche Durchführung des pessimistischen Motivs, wie sie uns in der Askese entgegentritt, dem echten Geist des Christentums entspricht. Daß historisch das Christentum eine asketische Richtung gezeitigt hat, spricht jedenfalls für die Kraft und Tiefe seines Pessimismus.

Die pessimistische Religion  kat exochen  [ansich - wp] tritt uns aber im Buddhismus entgegen.

Berühmt sind die vier Wahrheiten, in denen BUDDHA die Stufen der pessimistischen Einsicht und ihrer praktischen Anwendung zu prägnantem Ausdruck gebracht hat. Ich führe sie hier in der überlieferten Fassung an. "Dies, ihr Mönche", sagt BUDDHA, "ist die heilige Wahrheit vom Leiden: Geburt ist Leiden, mit Unliebem vereint sein ist Leiden, von Liebem getrennt sein ist Leiden, nicht erlangen was man begehrt ist Leiden, kurz das fünffache Haften am Irdischen ist Leiden. Dies, ihr Mönche, ist die heilige Wahrheit von der Entstehung des Leidens: es ist der Durst (nach Sein), der von Wiedergeburt zu Wiedergeburt führt, samt Lust und Begier, der hier und dort seine Lust findet: der Durst nach Lüsten, der Durst nach Werden, der Durst nach Macht. Dies, ihr Mönche, ist die heilige Wahrheit von der Aufhebung des Leidens: die Aufhebung dieses Durstes durch die gänzliche Vernichtung des Begehrens, ihn fahren lassen, sich seiner entäußern, sich von ihm lösen, ihm keine Stätte gewähren. Dies, ihr Mönche, ist die heilige Wahrheit vom Weg zur Aufhebung des Leidens: es ist dieser heilige, achtteilige Pfad, der da heißt: rechtes Glauben, rechtes Entschließen, rechtes Wort, rechte Tat, rechtes Leben, rechtes Streben, rechtes Gedenken, rechtes Sichversenken." (Vgl. OLDENBERG, Buddha)

Bezeichnend ist nun, daß der buddhistische Gläubige, der nach diesen Wahrheiten denkt und lebt, so sehr er auch von der Vergänglichkeit und dem Leiden alles Irdischen überzeugt ist, doch nicht eigentlich in Schwermut und trübe Resignation verfällt. In der Erlösung, die ihm das sogenannte Nirvana verheißt, wird eben ein Moment eingeführt, das alle Depression nicht nur zu kompensieren, sondern sogar zu überkompensieren scheint. "Der rechte Buddhist", sagt OLDENBERG sehr treffend, "der sich über die Welt des Leidens zu erheben sucht, bemitleidet eigentlich nur die, die noch an dieser Welt hängen, für sich selbst fühlt er nicht Trauer und Mitleid. Er strebt seinem Nirvana mit demselben sieghaften Frohgefühl zu, mit dem der Christ auf sein Ziel hinschaut, auf das ewige Leben": Es fehlt also nicht ein versöhnender Abschluß.

Trotzdem muß man sagen, daß in der buddhistischen Religion das pessimistische Motiv sowohl inhaltlich als auch formal die vollkommenste Ausprägung gefunden hat. Es ist hier entschieden zum Zentrum des Glaubenssystems erhoben und mit fast philosophischer Präzision lehrhaft entwickelt.


2. Der Pessimismus in der Poesie

Die Poesie aller Zeiten ist nicht minder mit der pessimistischen Anschauung vertraut. Es gibt wohl kaum einen bedeutenden Dichter, der nicht über die Vergänglichkeit und Mühseligkeit des Lebens einmal bitter geklagt hätte. Bereits bei HOMER und HESIOD begegnen uns solche Klagen, zum Teil in so scharfer Formulierung, wie man sie nicht besser von den radikalsten pessimistischen Philosophen zu hören bekommt. Auch sonst sind pessimistische Äußerungen bei den altgriechischen Dichtern, insbesondere dem Lyriker THEOGNIS und den großen Tragikern, zahlreich vertreten. Ich erinnere beispielsweise an die berühmte Stelle aus THEOGNIS: "Es wäre das Beste für die Erdenkinder überhaupt nicht geboren zu werden. Und das Nächstbeste für sie wäre es, wenn sie geboren werden, sobald wie möglich die Tore des Hades passieren". Eine ähnlich trübe Reflexion findet sich bei SOPHOKLES.

In der römischen Dichtung scheint der Pessimismus noch verbreiteter zu sein. Ich verzichte darauf, einschlägige Details anzuführen, und beschränke mich für die ganze folgende Zeit auf die allgemeine Bemerkung, daß man später zum Teil unter dem Einfluß der pessimistischen Philosophie in dieser Richtung noch viel weiter gegangen ist. Es hat sich schließlich eine sogenannte Weltschmerzpoesie als spezifischer Literaturzweig entwickelt, an dem alle bedeutenden Kulturvölker beteiligt sind. Es genügt, die Namen LEOPARDI, BYRON, LENAU und aus letzter Zeit LORM (Pseudonym für HEINRICH LANDESMANN ) zu nennen.


3. Der Pessimismus in der Volksweisheit

Aber auch wer vom Pessimismus der religiösen Traditionen und der Poesie weniger berührt wird, der kann in diese Anschauung durch die Weisheit auf der Gasse, durch das Sprichwort, sehr sicher und gründlich eingeweiht werden.

Die glänzenden Ideale und Güter, die das Lebensglück des Menschen bilden sollen, zeigt und das Sprichwort von einer ganz düsteren Seite.

Die Wahrheit, die man so laut preist und empfiehlt, "ist der Welt leid", wie der deutsche Volksmund sagt. "Wahrheit gebiert Neid und Haß"; "Das Wahre will niemand anerkennen"; "Die Wahrheit ist schwer zu hören"; "Der Wahrheit Worte sind bitterer Pfeffer" - so stimmen unter anderem der Schweizer, der Norweger, der Schwede und der Isländer mit in die Klage ein. Ja noch mehr: "Wahrheit bringt Gefahr", und "Wer die Wahrheit geigt, dem schlägt man die Fiedel an den Kopf", "Wer die Wahrheit redet, findet keine Herberge" - heißt es im deutschen Sprichwort. Unter den seegewohnten Dänen Nordschleswigs findet man als charakteristische Parallele hierzu: "Die Wahrheit kann nirgends landen". Der Engländer sagt: "Wer der Wahrheit zu dicht auf den Fersen folgt, dem wird Schmutz ins Gesicht fliegen" oder in einem anmutigeren Bild: "Wahrheiten und Rosen haben Dornen um sich". Schweizer und Italiener drohen sogar mit der Todesstrafe: "Die Wahrheit bringt dich an den Galgen", "Wer die Wahrheit sagt, wird gehängt."

Wenn aber auch die strenge Wahrheit in dieser Welt keine Stätte haben kann, so sollten doch die Menschen wenigstens stets teilnehmend und rücksichtsvoll gegeneinander sein, indem sie ihrer eigenen Schwäche gedenken. Da tönen uns schon die bitteren Worte entgegen: "Es hinkt keiner an des anderen Fuß" (deutsch); "Leicht ist die Bürde, die ein anderer trägt" (dänisch); "Die Tränen um eines andern Unglück trocknen rasch" (schwedisch); "Anderer Übel wiegt wie ein Haar" (portugiesisch). Unter solchen Umständen ist also wenig auf Mitleid seitens anderer Menschen zu hoffen.

Eine noch traurigere Perspektive enthüllen uns folgende Äußerungen des Volksmundes: "Wer da fällt, über den läuft alle Welt" (deutsch); "Wenn der Stier am Boden liegt, schreit jeder: schlag tot, schlag tot!" (italienisch); "Wehe dem, der dem Schlachthaus verfällt, alle laufen mit dem Messer herbei" (sizilianisch).

Im Allgemeinen mag man wohl so lieblos mit Unglücklichen verfahren. Ihre Freunde werden ihnen aber doch jedenfalls helfen, sollte man meinen. Ja, die Freunde! - erwidert sarkastisch die Volksweisheit. Man höre doch meine Lehren! "Freunde und Maultiere lassen uns im Stich, wo's schwer geht" (portugiesisch); "Freunde mit dem Mund findet man viele, die immer ihre Börse offen halten; wenn es auf die Probe ankommt, zu die Börse und keine Freunde" (italienisch). "Arme Leute kennt niemand", fügt ein deutsches Sprichwort kommentierend hinzu. "Es gibt nicht Freund noch Bruder, wenn's nicht Geld in der Hand gibt", bemerkt der Spanier im gleichen Sinn.

Weil alle Freundschaft unsicher ist, darum werden wir in dieser Beziehung zur Vorsicht gemahnt. "Den Freund zu erkennen, mußt du erst einen Scheffel Salz mit ihm gegessen haben", sagt der deutsche Volksmund und in vielfachem Echo schallt dasselbe bei anderer Völkern wider.

Überhaupt ist nach den Lehren der Volksweisheit das Mißtrauen - jene spezifisch pessimistische Haltung - fremden Menschen gegenüber angemessen. "Halte jeden für einen Engel und schließe die Sachen vor ihm wie vor einem Dieb", bemerkt ein deutsches Sprichwort. Ihm sekundiert u. a. ein nordfranzösischer Dialekt mit dem Satz: "Man muß alle Welt für brav halten und aller Welt mißtrauen", und italienische Dialekte geben der gleichen Wahrheit einen möglichst unverblümten Ausdruck, indem sie erklären: "Trauen ist gut, aber nicht trauen ist besser."

Nicht einmal durch Liebesdienste und Wohltaten läßt sich dauerhafte Gunst bei den Menschen erwerben. "Gegessen Brot ist bald vergessen" (deutsch) oder "Gut Gericht ist vergessen, sobald es verschluckt ist" (norwegisch). Direkter spricht es der spanische Volksmund aus: "Gegessener Bissen gewinnt keinen Freund." "Böses schreibt man in Stein, Gutes in Sand", fügt der Deutsche explizierend hinzu, und der Franzose gibt demselben Gedanken die unserem psychologischen Erklärungsbedürfnis entgegenkommende abstrakte Fassung: "Die Erinnerung an Unrecht und Schimpf dauert viel länger, als die an Wohltaten." "Undank ist der Welt Lohn", tönt es uns mit den verschiedensten Zungen entgegen. Ja, ein venetianisches Sprichwort sagt sogar: "Durch Gutestun macht man sich Feinde."

Selbst die engeren glückverheißenden Bande zwischen Ehegatten sind wenig zuverlässig. "Wer aus Liebe heiratet, lebt immer in Kummer", sagt der Portugiese, und noch ärger ist die Aussicht nach einem italienischen Sprichwort, das in mehreren Dialekten wiederkehrt: "Wer sich aus Liebe nimmt, verläßt sich aus Wut" oder auch "zerzaust sich aus Wut". Daß die materiellen Sorgen das Liebesglück zerstören, wird besonders betont. "Wenn die Armut zur Tür eingeht, so fliegt die Liebe zum Fenster hinaus", ist ein deutsches Sprichwort, dem ähnliche Sentenzen bei anderen Nationen zur Seite stehen. Im Deutschen kommt dafür auch noch die durch Originalität und Kürze ausgezeichnete Formel vor: "Liebe trinkt nicht Notwein." Allgemein sagt der Deutsche pessimistisc: "Ehestand, Wehestand", und der Mailänder erklärt noch ernster: "Die Ehe ist wie der Tod: wenige kommen gut vorbereitet und stark dazu." Der Niederländer denkt charakteristischerweise mehr an den weiblichen Teil der unter dem Ehejoch Leidenden, indem er meint: "Der Ehestand ist der größte Orden, wo so manche betrübte Schwester drin ist." Sonst scheint die Volksweisheit mehr für die Männer Partei zu ergreifen und über die Frauen ihren Zorn auszulassen und vor ihnen eindringlich zu warnen. "Von Vögeln, von Hunden und von Frauen für  eine  Freude  sieben  Schmerzen", lautet ein niederländisch-altflämisches Sprichwort. Ergänzend und verschärfend bemerkt der Franzose: "Von Hunden, Vögeln, Waffen und Liebschaften für  ein  Vergnügen  tausend  Schmerzen." Zur weiteren Warnung vor dem vermeintlichen Glück der Frauenliebe sagt ein altfranzösisches Sprichwort: "Die Frau weiß eine Kunst mehr, als der Teufel." Steigernd heißt es im Wallonischen: "Die Frauen haben sieben (oder sogar hundert) ärgere Schliche als der Teufel", und in einem italienischen Dialekt (Lombardei, Mailand) sagt man: "Die Frau, so klein sie auch sei, sie übertrifft den größten Teufel an Verschlagenheit."

In ähnlicher Weise wird die Nichtigkeit aller bedeutenden Lebensgüter betont.

Aber auch zu umfassenderen Werturteilen über das Leben überhaupt erhebt sich die Volksweisheit. "Jeder Mensch hat sein Kreuz zu tragen", klingt es in den verschiedensten Sprachen wider. "Die Welt ist voll Pein, und jeder fühlt die seine", so sagen mit markanterem Pessimismus einige plattdeutsche Dialekte in Übereinstimmung mit den Dänen Nordschleswigs. Bemerkenswert ist der Zusatz, der in der niederrheinischen Mundart von Gladbach vorkommt: "Jeder hat sein Bündel Sorg und Leid, und  wer es nicht hat, der macht es sich."  Da haben wir den volkstümlichen Ausdruck einer Ansicht, die beim philosophischen Pessimismus seit SCHOPENHAUER in großem Ansehen stand, daß nämlich jede Seele ihr bestimmtes Maß an Schmerzen stets erfüllen muß.

So tritt uns hier ein sehr bitterer Pessimismus, besonders in ethischer Richtung, entgegen, der umso gefährlicher ist, als das Sprichwort als geistiges Kommunikationsmittel den weitesten Wirkungskreis hat. Allerdings dürfen wir nicht vergessen, daß diese herbe Kost zum Teil auch wieder durch optimistische Zusätze gemildert wird. Es felt nicht an ermunternden, tröstenden Worten, die doch for den Glauben an das Glück sprechen.


4. Der Pessimismus in der Volkssitte
und im Aberglauben

Gewisse Sitten und abergläubische Bräuche bekunden, daß die pessimistische Reflexion im Volk nicht bloß Verstandes- und Geschmackssache ist, sondern sich zu einer praktischen Lebensmaxime gestaltet.

So ist z. B. von HERODOT und anderen Autoren überliefert, daß bei den alten Thrakern folgende merkwürdige Sitte bestand. Wurde ein Kind geboren, so herrschte Trauer und Wehklagen im Hinblick auf die Leiden, die das Kind im Leben zu ertragen haben würde. Einen Todesfall dagegen begrüßte man mit Jubel und Frohlocken. Der Lokrer klagten ebenfalls gar nicht um einen Verstorbenen, sondern beschlossen jedes Begräbnis mit einem Schmaus. Bei den Keern, die zudem die Asche ihrer Toten in das Meer zu schütten pflegten, "vermieden zumindest die Männer nach den Hinscheiden von Anverwandten jedes Trauerzeichen". (Vgl. LEOPOLD SCHMIDT, Die Ethik der alten Griechen, Bd. 2, Berlin 1881/82, Seite 114). Auch war es in diesem Volk sogar "eine durch die Sitte sanktionierte Gewohnheit, den Beschwerden des Alters zuvorzukommen, indem man sich durch Mohn oder Schierling das Leben nahm". (Vgl. SCHMIDT, ebd.) Bis in die neueste Zeit hat sich der Selbstmord als Ausdruck absoluter Verzweiflung am Leben erhalten, allerdings nicht in Form einer allgemeinen Volkssitte, sondern in engeren Kreisen, wo es unter gewissen Umständen für eine Ehrenpflicht gilt, Hand an sich zu legen.

Selbst bei Kindern kommt der Selbstmord mit immer wachsender Häufigkeit vor. Vom Jahr 1876 bis zum Jahr 1896, also im Verlauf von zwei Dezennien, hat sich die Zahl der Selbstmörder unter 20 Jahren, die auf 100 Lebende kommt, fast genau verdoppelt.

Die unheimlichste Erscheinung sind die sogenannten "Gesellschaften der Freunde des Selbstmordes", welche zu Anfang des 19. Jahrhunderts existierten. Sie bestanden aus einer kleinen Gruppe von Mitgliedern. In einer Pariser Gesellschaft dieser Art hatten sich z. B. 12 Mitglieder zusammengefunden. "Alljährlich wurden nach ihren Gesetzen die Namen der Mitglieder in eine Urne gemischt und durch das Los derjenige bestimmt, der sich in der Gegenwart der übrigen das Leben zu nehmen hatte." (Vgl. eine Mitteilung von DIEUDONNÉ im Archiv für Kulturgeschichte, hg. von G. STEINHAUSEN, Bd. 1, 3. Heft, Seite 357f). Die Statuten der Pariser Gesellschaft enthielten folgende Bestimmungen: "Jedes Mitglied soll erstens ein Mann von Ehre sein, zweitens soll er Erfahrung haben von der Ungerechtigkeit der Menschen, der Undankbarkeit eines Freundes, der Falschheit einer Gattin oder Geliebten, und drittens muß er seit Jahren eine gewisse unbezwingliche Leere in der Seele, ein Mißbehagen haben an allem, was die irdische Welt bietet." (a. a. O. Seite 359) Man sieht, daß die Selbstmordgesellschaften in  bewußter  Beziehung zur pessimistischen Lebensanschauung standen.

Weit verbreitet und in zahlreichen speziellen Vorschriften differenziert ist die abergläubische Angst vor dem "Berufen" des Glücks. Das Berufen besteht darin, daß man durch Lob guter Eigenschaften an Menschen oder Tieren das Gegenteil bewirkt. Lobt z. B. jemand die Schönheit oder Kräftigkeit eines Kindes in dessen Gegenwart, so ist es "berufen" und gedeiht nicht. Ein Jäger, dem beim Gang zur Jagd Glück gewünscht wird, kehrt ohne Beute heim. Das "Berufen" hat dem Volksglauben nach auch dann seine Wirkung, wenn man ganz arglos und aufrichtig gratuliert. Daher haben selbst Gebildete noch häufig eine große Scheu vor dem Loben ihrer und der Angehörigen Gesundheit. Die Wurzel dieses Aberglaubens ist wohl die pessimistische Vorstellung vom Neid der Götter gegen die Menschen. "Die göttlichen Schicksalsmächte oder die Geister", sagt WUTTKE sehr hübsch, "gönnen dem Menschen nicht ein ungetrübtes Glück; ein laut gesprochenes Lob des Wohlseins ruft sie zur mißgünstigen Beeinträchtigung derselben auf; und solches Lob ist darum ein verräterischer JUDAS-Kuss, den neidischen Mächten ein Zeichen: Den greifet!" (Vgl. WUTTKE, Der deutsche Volksaberglaube der Gegenwart)

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Diese Andeutungen wollten zeigen, wie der Pessimismus in den verschiedensten Regionen des Geisteslebens zum Teil ganz unabhängig von jeder Philosophie wirksam ist. Sind ihm auch meist entgegengesetzte Elemente beigemengt, so hat er doch jedenfalls ein großes Gewicht, das sich gegenüber allen Kompensationen deutlich bemerkbar macht. Daraus dürfen wir wohl schließen, daß diese Anschauung gewisse natürliche Entstehungsbedingungen haben muß, die in der Menschenseele überhaupt und ihrer typischen Umgebung liegen werden. Wie wäre es auch sonst zu verstehen, daß der Pessimismus in der Form eines philosophischen Systems sich in so weiten Kreisen Popularität verschaffen konnte! Er fand eben einen ausgezeichneten Resonanzboden in einem natürlichen Pessimismus, aus dem auch schließlich Religion, Poesie, Sprichwort und Volkssitte ihre Düsterkeiten geschöpft haben.

Nun hat sich freilich neuerdings in dieser Hinsicht allem Anschein nach ein merkwürdiger Umschwung vollzogen. Während vor wenigen Jahrzehnten noch sehr eifrig über den Pessimismus geredet und geschrieben wurde, ist dieses Problem heutzutage mehr in den Hintergrund getreten. Das hat vornehmlich seine Ursache in der Schärfung des erkenntnistheoretischen Sinns. Wir sind überhaupt viel mißtrauischer gegen philosophische Spekulation geworden. Dies dürfte wenigstens die Grundstimmung unter den wissenschaftlichen Philosophen sein. Kein Wunder, daß unter diesen Umständen der Pessimismus in Mißkredit gekommen ist.

Man nimmt schon ander ganzen Problemstellung Anstoß. Was hat es für einen Sinn, von einer Lust- und Unlustsumme in der Welt zu sprechen? Erfüllen denn die einzelnen Lusterlebnisse bzw. Unlusterlebnisse die Forderung, die man an summierbare Größen stellen muß? Sind wirklich die einzelnen Lust- bzw. Unlusterlebnisse untereinander gleichartig? Noch schwieriger ist es, sich eine Kompensation der Lust durch die Unlust zu denken. Darf man die Lustwerte einfach als Pluswerte den Unlustwerten als Minuswerten entgegensetzen? Wo soll ein gemeinsamer Maßstab hergenommen werden?

Wenn man aber auch an der allgemeinen Möglichkeit eines schätzenden Zusammenfassens der einzelnen Lustwerte und Unlustwerte nicht Anstooß nehmen wollte, so blieben noch weitere gewichtige Bedenken stehen.

Der Gesamteffekt der einzelnen Lustwerte  a, b  und  c  braucht nicht notwendig den Betrag  a + b + c  zu haben, er kann auch entweder kleiner oder größer ausfallen. Analoges gilt von den Unlustwerten. Bezüglich des Zusammenwirkens von Lustwerten und Unlustwerten mögen die Verhältnisse noch komplizierter liegen. Darum ist es ein ganz unexaktes Verfahren, wenn die Pessimisten bei ihren Summierungen sich kritiklos von einem einfachen arithmetischen Schema leiten lassen.

Ferner haben wir zu beachten, daß jede Abwägung und schätzende Zusammenfassung der Lust- und Unlusteindrücke eigentlich nur für den Augenblick dieser einen Schätzung Gültigkeit hat. Die einzelnen Lust- oder Unlustposten sind nämlich nicht starre, unveränderliche Größen, sondern sie variieren fortwährend. Eine frühere Lust oder Unlust kann sich in der Erinnerung bald steigern, bald abschwächen, ja sogr eine völlige Umwertung erleiden. Selbst die für den Augenblick angenommene Starrheit ist ja im Grunde auch nur eine Fiktion. Denn während der Schätzung findet ein Wandern der Aufmerksamkeit statt, und dabei werden auch die einzelnen Werte Schwankungen erfahren müssen. Das pessimistische Rechenexempel läuft demnach auf die komplizierte Aufgabe hinaus, eine Menge von beständig fluktuierenden Werten abzuwägen und schätzend zusammenzufassen.

Endlich, um noch einen wesentlichen Punkt zu berühren, müssen wir doch verlangen, daß bei der Bildung von Lust- und Unlustsummen in der Welt ein einheitliches Bewußtsseinssubjekt angenommen wird, auf das sich alle einzelnen Lust- und Unlusterlebnisse letztlich konzentriert denken lassen. Dieses Subjekt könnte nur Gott sein. Wie vermessen wäre es da wohl, von unserem menschlichen Standpunkt aus darüber Aussagen zu machen, wie sich alle Lust und Unlust der Welt für Gott ausnimmt!

Diese und ähnliche prinzipielle Einwände sind es, die die nüchterne Kritik gegen die übliche philosophische Theorie des Pessimismus von vornherein machen muß. Meines Erachtens ließe sich mancher Einwand ganz gut abwehren. Tatsache aber ist, daß die einschlägigen Abwehrversuche aus dem pessimistischen Lager keinen durchschlagenden Erfolg in wissenschaftlichen Kreisen erzielt haben. Das Ansehen des philosophischen Pessimismus ist erschüttert geblieben. Die wissenschaftlich allein zulässige Antwort auf sein Problem glaubt man in einem diplomatischen "non liquet" [Es ist nicht klar. - wp] erblicken zu dürfen. Daneben finden sich auch zahlreiche Stimmen, die noch weiter gehen, die erklären, die pessimistische Anschauung beruhe lediglich auf einer krankhaften Entwicklung, die Pessimisten seien psychisch abnorm veranlagte Individuen. Das mag für zahlreiche Fälle zutreffen, kann aber nicht Allgemeingültigkeit beanspruchen. Ich glaube, daß hier in der Diskreditierung des Pessimismus das zulässige Maß überschritten ist. Wenn der Pessimismus wirklich nur eine Abnormität ist, wie erklärt sich dann, daß er so große Popularität genießen konnte und zum Teil noch genießt? Dürfen wir eine Massenansteckung des Volkes durch die wenigen pessimistischen Schriftsteller annehmen? Wohl schwerlich, wenn man vom engeren Kreis der Gebildeten absieht. Wir sahen ja doch, daß es pessimistische Regungen jedenfalls auch in den nichtphilosophischen Sphären des Geisteslebens von Alters her gab.

Ich habe nun hier nicht die Absicht, den Pessimismus vollständig zu rehabilitieren. Ich bin auch der Überzeugung, daß der Pessimismus in konsequenter Ausgestaltung als System unhaltbar und auch praktisch verwerflich ist. Trotzdem steckt in ihm ein Wahrheitskern.

Gerade die Psychologie vermag am besten diesen Wahrheitskern aus dem Wust von Irrtümern und Überspanntheiten herauszuschälen.

Bei allen Schätzungen handelt es sich doch um seelische Prozesse, um Lust- und Unlustregungen, die im Anschluß an gewisse Reize auftreten und ihrerseits Willensreaktionen und intellektuelle Auffassungsakte ins Spiel setzen. Eine sorgfältige Analyse dieser Prozesse, ihrer typischen Bedingungen und Folgen wird auch über die tatsächlichen Grundlagen des weittragenden pessimistischen Werturteils Auskunft geben.

Die Psychologie stellt uns gegenüber allen schwankenden metaphysischen Deduktionen auf einen festen neutralen Boden. Die Realität der Bewußtseinserlebnisse darf niemand bezweifeln. Über den Befund der Bewußtseinserlebnisse muß bis zu einem gewissen Grad immer eine Verständigung möglich sein, selbst zwischen Anhängern entgegengesetzter Denkrichtungen. Gewiß kann man nicht erwarten, daß die psychischen Vorgänge bloß als Fakta durch innere Beobachtung aufzufassen sind und daß damit die Erkenntnisarbeit zu Ende ist. Wie anderwärts, so bedürfen auch hier die erfahrungsmäßig konstatierten Tatsachen einer ergänzenden Deutung. Alle Verfeinerung der empirischen Methodik durch das Experiment dient nur zu einer saubereren Festlegung dieses Tatsachenfundaments, ohne uns seine Deutung ersparen zu können. Bei der Deutung werden natürlich die Ansichten zum Teil auseinandergehen. Von den psychischen Tatsachen aber darf man verlangen, daß über sie Einigkeit erreicht wird. Voraussetzung dabei ist allerdings, daß jeder, der von Tatsachen spricht, sich auf wirkliche Beobachtungen stützt. Er muß ferner die besonderen Bedingungen und Umstände so genau und vollständig angeben, daß auch andere Personen die nämlichen Beobachtungen eventuell wiederholen und auf solche Weise kontrollieren können. So kann ein gemeinsamer Tatsachenschatz gewonnen werden, über den alle einig sind.

Die pessimistischen Philosophen sind selbst schon zum Teil auf die psychologische Grundlage ihrer Lehre eingegangen. Sie haben den Versuch gemacht, daraus Argumente für den Pessimismus abzuleiten.

So hat z. B. SCHOPENHAUER die Ansicht ausgesprochen, daß alle Lust psychologisch nur in der Aufhebung oder Minderung von Unlust bestehe, daß also alle Lust eine Privation sei und die Unlust das einzig Positive. Diese Ansicht würde natürlich, wenn sie wahr wäre, eine mächtige Stütze für den Pessimismus bilden. Entspringt nämlich die Lust wirklich nur aus sekundärer Quelle, so ist nicht daran zu denken, daß sie je in ihrem Gesamtbetrag die Unlust überwiegen oder auch nur kompensieren sollte. Dieses psychologische Argument ist von den späteren pessimistischen Philosophen zum Teil selbst als haltlos aufgegeben worden. Es beruth auf einer ungerechtfertigten Verallgemeinerung einer vagen Beobachtung und steht wissenschaftlich ganz auf derselben Stufe wie sein optimistisches Analogon bei LEIBNIZ, demzufolge alle Unlust eine Aufhebung von Lust sein soll.

Was sonst an psychologischen Argumenten von den Pessimisten vorgebracht wird, stützt sich mitunter auf bessere Tatsachen. Aber auch da vermißt man in der Regel die scharfe Abgrenzung von Tatsachen und Deutungen. Den Tatsachen wird durch Konstruktion eine eindeutige Zuspitzung gegeben. Die reelle Beobachtung ist nicht als maßgebendes Kriterium der Tatsachen anerkannt. Kein Wunder, daß die Pessimisten auch bei ihren psychologischen Argumentationen das Mißtrauen des unbefangenen Beurteilers erregen und lediglich pro domo zu sprechen scheinen.

Trotzdem liegt diesen Bemühungen und selbst SCHOPENHAUERs halb dialektischem Versuch, einen wesentlichen Rangunterschied zwischen Lust und Unlust in psychologischer Hinsicht zu ermitteln, eine sehr beachtenswerte Tendenz zugrunde. Ohne Zweifel ist es wichtig, zu prüfen, ob die Lust- und die Unlustfunktion wirklich gleichgeordnete Funktion sind, ob  Symmetrie  zwischen ihnen besteht oder nicht.

In anderen Partien unseres Seelenlebens kommen nämlich nicht selten  Asymmetrien  vor, d. h. Funktionen, von denen man ihrem äußeren Charakter nach eine gleichmäßige Entwicklung in korrespondierenden Richtungen erwarten sollte, sind faktisch nicht gleichmäßig ausgebildet. Die neuere physiologisch-psychologische Forschung hat uns bereits mit mehreren funktionalen Asymmetrien genauer bekannt gemacht.

Wärme- und Kälteempfindung z. B. sind doch sicher Funktionen, zwischen denen eine Art von Symmetrie vermutet werden könnte.

Bei annähernd punktueller Reizung der Haut hat man nun gefunden, daß gewisse Punkte eine spezifische maximale Erregbarkeit für Kälte und andere Punkte eine solche für Wärme besitzen. Diese Punkte werden deshalb Kälte- bzw. Wärmepunkt genannt. Beide Punktearten sind durchaus nicht gleichmäßig auf der Haut verteilt. Im allgemeinen sind die Kältepunkte dichter aneinandergelagert, als die Wärmepunkte. Nach SOMMER befinden sich auf  einem  Quadratzentimeter der Handrückenhaut 13 Kältepunkte, dagegen nur 2 Wärmepunkte. Schon hierin macht sich eine Asymmetrie bemerkbar.

In demselben Sinn kann man folgende Tatsachen auffassen.

Läßt man auf einen Kältepunkt Temperaturreize von wachsendem Wärmegrad einwirken, so nimmt die Empfindung der Reihe nach den Charakter des Eisigen, Kalten und Kühlen an. Dann tritt bei einer Stelle eine unbestimmte Empfindung oder eine Wärmeempfindung auf. Noch weitere Erhöhungen des Temperaturreizes (von 40° Celsius bis 70°) bewirken aber wieder eine ausgesprochene Kälteempfindung. Von FREY hat diese durch starke Wärmereize erzeugbare Kälteempfindung als "paradoxe Kälteempfindung" bezeichnet. Eine dieser paradoxen Kälteempfindung korrespondierende paradoxe Wärmeempfindung gibt es nun merkwürdigerweise nicht. Man kann durch Reizung eines Wärmepunktes mit stärkerer Kälte keine Wärmeempfindung hervorrufen. Nur läßt sich - analog wie bei einem Kältepunkt durch schwächere Wärmereize eine Wärmeempfindung - hier mittels geringerer Kältegrade ( - 5° bis -13°) eine Kühlempfindung auslösen.

Ferner ist zu bemerken, daß ein Wärmepunkt nicht mit derselben Sicherheit ermittelt werden kann wie ein Kältepunkt. Das scheint zum Teil mit dem verschiedenen Grad ihrer Ermüdbarkeit zusammenzuhängen, "indem sehr häufig ein Punkt, der noch eben deutlich mit Wärme reagiert hat, bei der Wiederholung des Reizes versagt". (Vgl. WUNDT, Grundzüge der physiologischen Psychologie, Bd. 2, Seite 9). "Auch ist die Empfindung wie die Reizbarkeit der Wärmepunkte eine etwas diffusere: die Stellen der maximalen Reizbarkeit erscheinen weniger als Punkte denn als kleine Kreise." (Vgl. WUNDT, ebd.)

Gegenüber inadäquaten Reizen, elektrischen und besonders mechanischen, zeigt sich gleichfalls ein Kältepunkt viel mehr erregbar, als ein Wärmepunkt.

Das nämliche Verhältnis tritt in den Reaktionszeiten zutage. Bei einem Kältepunkt ist die Empfindung rascher auslösbar, wie bei einem Wärmepunkt. Eine physiologische Parallele hierzu liefert die Beobachtung von ZIEHEN (Leitfaden der physiologischen Psychologie, Seite 235), wonach "der Lidschlußreflex bei Berührung der Cornea [Hornhaut - wp] oder Conjunktiva [Bindehaut - wp] mit einem warmen Objekt schwächer ausfällt als bei der Berührung mit einem kalten Objekt."

Diese und ähnliche Tatsachen legen es nahe, auch auf dem Gebiet des Gefühlslebens Asymmetrien aufzusuchen. Es wird sich in der Tat herausstellen,  daß die Lust- und die Unlustfunktion schon bei einem normalen Menschen keineswegs gleichmäßig entwickelt sind und daß hier natürliche Ansatzpunkte für die Genesis einer pessimistischen Seelenverfassung liegen. 

LITERATUR - Arnold Kowalewski, Studien zur Psychologie des Pessimismus, Wiesbaden 1904