ra-2 Taubertvon HartmannWindelbandA. HorwiczA. KowalewskiC. Braig    
 
CARL BRAIG
Der Pessimismus in seinen
psychologischen und logischen Grundlagen


"Eduard von Hartmann  weiß bei der Ziehung seiner Lustbilanz nur Posten mit negativem Vorzeichen zu addieren und muß so natürlich eine negative Summe erhalten. Aber der erste Ansatz seiner ganzen Rechnung ist falsch, und der Fehler wächst im Verlauf monströs an. Die Gesamtinduktion wird durch dieses  proton pseudos  über die Empfindungsbewegung wissenschaftlich wertlos. Oder was hat der Schluß für eine Berechtigung, welcher von der Polarnacht aus den Überschuß des Schattens über das Licht von unserem Erdkörper und von hier aus die Negativität der Lichtbilanz im Kosmos darlegen möchte?"

SCHOPENHAUER, der philosophische Sonderling, wurde anfangs mißachtet. Seine genialen Sonderarbeiten konnten aber auf die Dauer nicht ermangenln, die Neugier zu wecken; das Ungewohnte einer Weltanschauung, welche die Schäden des Alten in Leben und Wissenschaft, überhaupt des ganzen veralteten wertlosen Daseins, brillant zu beleuchten verstand, mußte reizen und das Interesse fesseln. Man fragte sich kaum, ob der Mann mit seinen eigenen "Grillen" Recht hat oder nicht; man ergötzte sich zumeist an seinem höhnischen Grimm, an seinem meisterhaften Tadel. Da man zum voraus überzeugt war, daß SCHOPENHAUERs Philosophie kein "System", also dem Denken ungefährlich ist, so glaubte man vielfach in den gebildeten Kreisen, die "geistreiche Paradoxie" ästhetisch genießen, also dem Wohlergehen am schimmernden Gegensatz der Wahrheit, an einem nicht selten farbenprächtigen Nachtstück der Erkenntnis nachgeben zu dürfen. Die Sache änderte sich völlig, als ein junger Mann auftrat, der bereitwillig einräumte, daß SCHOPENHAUERs Gedankenblitze Paradoxa sind ohne streng philosophischen Zusammenhang und ohne historisch exakte Grundlage, der aber den Nachweis versprach, daß der  Pessimismus  nicht bloß in ein System gebracht werden kann, sondern das einzige induktiv und spekulativ haltbare Gedankensystem darstellt. Die Neugier wurde jetzt zum Nachdenken. Freund und Feind mußte die wissenschaftliche Basis des Pessimismus, welche HARTMANN bloßgelegt haben wollte, prüfen, und namentlich blieb und bleibt es auszumachen: wie wäre das Leben zu gestalten, wenn die Vorstellung des "Reformbuddhismus" sich vor dem Denken nicht bloß  secundum quid  als richtig ausweisen würde, sondern als notwendig  per se  Soviel ist unbestritten, daß sich eine Theorie der Ethik vollkommen neu und vor allem im lebhaften Widerspruch zur monotheistischen Sittenlehre aufbauen muß, wenn das Leben pessimistisch gewertet wird. Noch ein anderes ist einleuchtend. In SHAKESPEAREs  Hamlet  findet sich das Motto des Pessimismus: "Das Nichts ist mehr als Etwas"; wenn nun dieser "Sinnspruch im Wahnsinn" die wissenschaftliche Unterlage der Sittenlehre bilden muß, dann ist das Bild der praktischen Sittlichkeit überaus schwer zu zeichnen, und zwischen alle Forderungen, welche einen letzten Verpflichtungsgrund oder Rat des ethischen Verhaltens geltend machen, tritt die lähmende Frage: "La vie vaut-elle la peine de vivre? [Ist das Leben lebenswert? - wp] (1)

Die Streitfrage ließe sich kurz und bündig lösen durch eine gründliche Erörterung der "metaphysischen Vorstellungswelt" im Pessimismus, wenn es eine absolute Metaphysik gäbe. Das Ursein aber ist nicht das Ersterkannte; seine Gestaltung und sein Wesen, dessen Begriff den Keim aller Daseinsform aufschlösse, spiegelt sich nicht als das unmittelbare Objekt in irgendeiner apriorischen, intellektuellen Anschauungsform. Nur die Induktion, die äußere samt der inneren Erfahrung kann dem Wissen seinen Stoff vermitteln, und erst durch dessen Verarbeitung läßt sich das Recht und die Notwendigkeit begründen, die spekulativen Fragen aufzuwerfen. Die immanente Dialektik des absoluten Wissens bei HEGEL ist eine Selbsttäuschung. Auch HARTMANN, welcher den Pessimismus als metaphysische Wahrheit dargetan haben will, gesteht, daß er seine Metaphysik nach seiner pessimistischen, auf die empirische Beobachtung gestützten Überzeugung zugeschnitten hat. "Spekulative Resultate" sind nur möglich "nach induktiv naturwissenschaftlicher Beobachtung" (vgl. "Zur Geschichte und Begründung des Pessimismus, Seite 67 und "Philosophie des Unbewußten", Bd. 2, Seite 412f; Bd. 1, Seite 5f, siebte Auflage). Das Resultat ist bei HARTMANN eine gewöhnliche Beweiserschleichung; die Methode ist durchaus berechtigt. Nur nach uns selber, nach unserer inneren Erfahrung, können wir unsere Nebenmenschen verstehen, und überhaupt alles, was für uns wißbar sein soll, muß nach einer Analogie von uns selber vorstellbar sein. Der Denkschematismus unseres Geistes ist das Formalobjekt, das  medium sub quo  jeder realen Erkenntnis. Soweit hat der Idealismus Recht: die Gesetzmäßigkeit des objektiven Geschehens kann von uns nur als das Gegenbild zur Gesetzmäßigkeit des subjektiven Handelns sozusagen auf einer Selbstprojektion des Denkgeistes begrifflich erfaßt werden.  Simile simili cognoscitur  [Gleiches wird durch Gleiches erkannt - wp]. Die psychologischen und logischen Funktionen des Denksubjekts bilden das letzte rationale Kriterium über Wahrheit und Falschheit einer Metaphysik, d. h. einer universalen Weltanschauung, zu urteilen. Einzig die, wenn man sie so heißen will, "deduktive" Kenntnis der Induktions-Mittel und -Werkzeuge,  der formalen Denkrichtigkeit, kann uns die mögliche Sicherheit der Induktionen selber verbürgen, und nur von hier aus läßt sich die materiale Denknotwendigkeit diskutieren. Ist die aufzeigbare Gesetzmäßigkeit des Denkens nicht als die neutrale Beobachtungszone zwischen all den entgegengesetzten Weltanschauungen zuzulassen, dann ist deren Streit und Widerspruch nie beizulegen, (2) und der Skeptizismus bleibt die alleinige Philosophie.

Im Folgenden weisen wir am Beispiel des Pessimismus nach, daß sich der Irrtum des Erkennens auf einen  Denkfehler,  d. h. auf einen unkritischen Dogmatismus zurückführen läßt. Dabei setzen wir voraus, daß die Influenz des Wollens immer irgendwie die Seele des Meinens bildet. Zunächst aber scheint ein Skizzierung der historischen Grundlagen im Pessimismus notwendig.

1. JOHANNES REHMKE (3) gibt eine lichtvolle, nur zu wortreich Schilderung vom Verhältnis des Pessimismus zur wissenschaftlichen Sittenlehre und geht von dem richtigen Satz aus, daß der Standpunkt des "dankbaren Gegners" heute wohl die einzige ehrlich haltbare Stellungnahme zu den Vertretern der pessimistischen Anschauung ist. Inwieweit nun hat dieses philosophische Axiom von heute, das sich vorerst auf einen geringen Bruchteil der Gebildeten Europas beschränkt, einen gegründeten Rückfall an jener indischen Vorstellung, welche, gekleidet in das religiöse Gewand, nicht bloß die Priesterschaft, sondern das ganze Gemeinwesen einer zahlreichen, hochbegabten Völkergruppe durchtränkt? Der  Brahmanismus  erklärte, daß die Welt voll von Übeln, das Leben eine Kette von Leiden und die Erde nichts als ein Jammertal ist. Darum ist Asketik und Quietik die vom Ideal verlangte Sittenlehre. Deren Endzweck ist das Aufgehen des empirischen Ichs und sein Einswerden mit dem Absoluten. Mit der Vernichtung des besonderen Seins wird auch das Aufgaben des Sichempfindens, des Selbstbewußtseins im Ich gefordert, damit es in die  eine  Substanz  Brahman  einströmen kann. Die Zerbrechung des Körpers durch eine nimmer ruhende Selbstverleugnung und Zerstörung der Seele durch eine stete gegenstandlose Betrachtung ist den brahmanischen Indern das höchste sittliche Gebot, und dessen Endziel bleibt die selbstvernichtende Versenkung des eigenpersönlichen Naturells in eine seelenlose Weltseele (vgl. DUNCKER, Geschichte des Altertums III, Seite 419, vierte Auflage). Das Motiv aber dieses Gebotes, welches als Ausfluß des Gottes  Brahman  sanktioniert erscheint, ist das religiöse Dogma von der "Ureinheit" der sinnlichen, empirischen Welt und des "Seins in der Welt". Nicht weil in der Welt ein Leidübermaß, sondern weil sie unrein ist im Gegensatz zu dem rein geistigen Absoluten und zu einem "Sein in Gott", darum ist sie für die Gegenwart ein Jammertal, und darum droht jenem, welcher das Zeremoniell der ethischen Reinheitsvorschriften nicht befolgt, das künftige Leid der Seelenläuterung durch die Seelenwanderung. Die brahmanische Lebensverneinung hat also entfernt nicht das Dogma von der "Negativität der Lustbilanz in der Welt" zur Voraussetzung. Vielmehr ist diese Art von Pessimismus die Folge aus dem religiösen Dogma des indischen Pantheismus, und wurde dem früher pessimismusfreien Bewußtsein des Arjavolkes [Arier - wp] später eingeimpft. Zudem erstrebt der brahmanische Pessimismus als Ziel einer "Positivität der Lustbilanz", einen positiven Zustand des Individuums, sein In-Gott-Sein. - Die brahmanische Ethik schuf qualvolle Zustände. An dieselben knüpft der Buddhismus an: er setzt die empirische Tatsache des menschlichen Elends in den Mittelpunkt des sittlichen Bewußtseins und an die Stelle des dogmatischen, bedingten Pessimismus des Brahmantums den unbedingten. Der Grund des Leides ist nach BUDDHA die Seele selber mit ihrem unveräußerlichen Daseinstrieb (vgl. DUNCKER, a. a. O., Seite 265), die individuelle Existenz, während dem Brahmanismus zufolge das Leid die Folge des Unreinseins und des Getrenntseins der Seele vom Unendlichen ist. Darum bietet die buddhistische Sittenlehre, welche sich in den Forderungen der Enthaltsamkeit, Geduld und Barmherzigkeit erschöpft, keine positive Kehrseite zur Daseinsverneinung: die Erlösung vom Leid hat lediglich ein negatives Ziel, das "Verwehen" des Ichseins. Somit ist BUDDHAs Ethik allerdings pessimistisch, da sie als Motive, als Lohn und Strafe des Handelns nur die Annäherng an das Nirvane oder die Zurückhaltung von demselben kennt. Als eine Reaktion des gesunden Sinnes gegen den absoluten "Jllusionismus" kann man es ansehen, daß das Nirvana später in ein atheistisches Paradies umgedichtet wurde (vgl. Hartmann:  Das religiöse Bewußtsein, Seite 353f). Jedoch vermocht der Buddhismus seinen Pessimismus nicht als eine metaphysische, "notwendige" Wahrheit zu erweisen, weil er die "zufällige" Geschichtstatsache des Daseinselends nur aus einem physischen Seelengrund zu begreifen unternahm, und sich sein "Jllusionismus" überhaupt auf keine Metaphysik stützte.

Der mikroskopische Pessimismus Indiens, welcher sowohl als bedingter wie als unbedingter den letzten Grund des Leids in der menschlichen Individualität fand, wurde in Europa zum makrokosmischen, zur "kosmotragischen" Weltauffassung fortgebildet. Das Leid ist nach SCHOPENHAUER Willenshemmung, Nichtbefriedigung des Strebens. Alles Streben aber geht hervor aus Mangel, aus Unzufriedenheit mit dem jeweiligen Seinszustand, und die Befriedigung des Strebens ist nur der Anfangspunkt eines neuen Verlangens. Darum gibt es kein letztes Ziel des Strebens und darum auch kein Maß und Ziel des Leidens: wo Wille, da Leid. Nun aber ist die Welt in ihrem "Ansich" Wille; die Welt als "Vorstellung", die wir erkennen in Raum und Zeit und kausal geordnet, ist die ansich seiende "Objektivation" der Welt als "Wille". Sonach ist das Elendsein die Wesensenergie des Seinskerns, des Willens, und das physische Leid ist die notwendige Auswirkung der metaphysischen Seinsbeschaffenheit allüberall. Denn das den Kern und das Ansich jedes Dings ausmachende Streben, das in uns am Licht des vollsten Bewußtseins  Wille  heißt, ist mit diesem dasselbe und nämliche. Dessen Hemmung durch ein Hindernis, welches sich zwischen den Willen und sein einstweiliges Strebeziel stellt, nennen wir Leiden, hingegen das Erreichen des Ziels Befriedigung, Wohlsein, Glück. "Wir können diese Bezeichnungen auch auf jene dem Grad nach schwächeren, dem Wesen nach (mit uns) identischen Erscheinungen der erkenntnislosen Welt übertragen; (auch) diese sehen wir alsdann in einem steten Leiden begriffen und ohne bleibendes Glück" (vgl. Schopenhauer  "Welt als Wille und Vorstellung", Bd. II, Seite 365). SCHOPENHAUER, dessen Ethik in der Forderung, den Welt- und Seinswillen zu verneinen, das "Programm des Selbstmordes" aufstellt (4), versucht also den Pessimismus als spekulative Wahrheit zu begründen. Sein Versuch aber ist bis jetzt wohl die höchste Leistung metaphysischer "Seiltänzerei". Denn der Begriff des "Willens", dieses all-einen Dings-ansich, ist hergenommen von der Analogie des wollenden, d. h. mit Bewußtsein strebenden Ich, ist somit eine hohle Hypostasierung [einer Abstraktion gegenständliche Realität unterstellen - wp] eines leeren Tätigseins, bei welcher nachher an ein Tätigseiendes zu denken verboten wird. Der "Wille" als ein Ding-ansich ist wirklich nur ein Hirngespinst. Den Fehler des unmöglichen Hypostasierens will HARTMANN vermeiden. Nach ihm ist ein Träger des kosmischen Willens und Vorstellens anzunehmen, und dieser ist das "Unbewußte", das  eine  Transzendentalsubjekt des "Willens", des ontologischen Daseinstriebs, und der "Vorstellung", der logischen Daseinsform. Das Unbewußte ist das  eine  absolute Individuum, das Einzelwesen, welches alles ist; die Welt mit ihrer Herrlichkeit ist dessen Erscheinung. Sie ist nichts als eine stetige Reihe von Summen eigentümlich kombinierter Willensakte des Unbewußten. Das Wollen aber hat seiner Natur nach einen Überschuß von Unlust zur Folge. Das Wollen, welches das "Daß" der Welt setzt, verdammt also die Welt, wie auch immer sie beschaffen sein mag, zur Qual. Zur Erlösung von dieser Unstetigkeit des Wollens, welche die Allweisheit oder das Logische der unbewußten Vorstellung nicht direkt herbeiführen kann, weil es im metaphysischen Subjekt selber unfrei gegen den Willen ist, schafft es die Emanzipation der Vorstellung durch das empirische Bewußtsein, indem es in der Individuatioin den Willen so zersplittert, daß seine gesonderten Richtungen sich gegeneinander wenden (!) Das Logische leitet den Weltprozeß auf das Weiteste zum Ziel der möglichsten Bewußtseinsentwicklung; hier angelangt genügt das Bewußtsein, um das gesamte aktuelle Wollen in das Nichts zurückzuschleudern, womit der Prozeß und die Welt aufhört. Das Prinzip der Ethik aber ist nach HARTMANN: die Zwecke des Unbewußten zu Zwecken seines Bewußtseins zu machen, seine Persönlichkeit voll hingeben an den Weltprozeß um des Zieles willen, d. h. der allgemeinen Welterlösung von der Daseinsqual. So glaubt HARTMANN die ihm mit  Buddha  induktiv feststehende Tatsache von der Negativität der Lustbilanz in der Welt spekulativ begriffen, den innersten und notwendigen Zusammenhang der Ethik und Metaphysik aufgezeigt zu haben. Pessimismus muß sein, weil das All-Eine, das Unbewußte selber Pessimist ist, weil das Absolute die absolute Unseligkeit des "leeren Wollens" aussteht. Das empirische Leid in der Welt ist nichts anderes, als das Zucken des absoluten Leidens in dem  einen  Weltwesen, gleichwie alles Einzeldasein ein Phänomenalstrahl des Allwillens ist in seinem Inhalt, des unbewußten Vorstellens in seiner Form.

2. REHMKE kommt in seiner Schrift, nachdem er die vielen Willkürlichkeiten und illusorischen Konstruktionen bei SCHOPENHAUER und HARTMANN aufgezeigt hat, zu dem Resultat: der Pessimismus hat in HARTMANN nach einer metaphysischen Formel gesucht, ums seine "zufällige" Tatsächlichkeit als spekulative Notwendigkeit aufzuweisen; der Pessimismus selber aber ist unwahr und unfruchtbar.

Unfruchtbar ist diese Weltanschauung, weil die Theorie von der reinen Negativität das Daseinszwecks niemals die Grundlage einer positiven Sittlichkeit schaffen kann. Von allem anderen abgesehen, erhellt dies aus HARTMANNs Unterscheidung einer "vorläufigen", für die Dauer des Weltdaseins geforderten Positivität des sittlichen Handelns und einer endgültigen Negativität allen Strebens (vgl. "Philosophie des Unbewußten", Bd. 2, Seite 403). Eine solche Bestimmung des Sinnes der Sittlichkeit ist gerade so vernünftig, wie wenn ich behaupten würde: das Dasein des Erdballs hat den Endzweck, eine Ellipse um den Sonnenball als einen der Brennpunkte zu beschreiben, und der Zweck der Ellipse ist, wie ihr leeres Ansich, Nichts. Eine solche Daseinsverneinung negiert überhaupt die Erklärbarkeit des Seins (a. a. O., Bd. 2. Seite 458f), somit den Berehtigungsgrund  jedes  Erklärungsversuchs. HARTMANNs ganze "Philosophie" erweist sich, abgesehen von manchen interessanten Einzelbeobachtungen, in ihrer Prinzipienlehre als eine bizarre Hypothese des theoretischen Skeptizismus und praktischen Nihilismus. Wenn es dem Philosophen des Unbewußten scheinbar gelungen ist, positive Aufstellungen für eine "vorläufige" Sittlichkeit zu bieten, so liegt der Grund hierfür, hebt REHMKE mit Recht hervor, nicht im Pessimismus, sondern in der pantheistischen Gotteslehre. Die Falschheit dieses Dogmas bleibt vorerst auf sich beruhen und wird für die Erkenntnis dadurch verschleiert, daß HARTMANN eine geschickte Taschenspielerei treibt mit den Begriffen des tatsächlichen und des metaphysischen Pessimismus, des Beweissatzes und des Beweisgrundes, und daß er dieses Spiel selber wieder zu verdecken weiß durch den pikanten Hinweis auf die Falschheit des roh oder raffiniert egoistischen Optimismus. Denn der "Eigenlust-Pessimismus" ist eine vollkommene Wahrheit  (Hartmann,  "Phänomenologie des sittlichen Bewußtseins", Seite 850) und von der Sittenlehre als prophylaktisches Mittel gegen den Egoismus ausdrücklich in sich aufzunehmen.

Prinzipiell unwahr ist nach REHMKE der absolute Pessimismus, weil es ohne ethischen Optimismus keine Sittenlehre und ohne eine Glückseligkeitsbasis keine Sittlichkeit geben kann. Denn Glückseligkeit und Wollen sind unzertrennliche Genossen: im egoistischen Wollen ist die Glückseligkeit das Ziel, im sittlichen Wollen ist sie die Basis des Wollens. Dieser Gedanke steht im schroffsten Gegensatz zu HARTMANN, und REHMKE scheut sich nicht, es gerade herauszusagen: außer dem  Gottesbewußtsein  gibt es für den Menschen keine Quelle der Glückseligkeit; das Bewußtsein der  "Gotteskindschaft"  ist die Basis allen sittlichen Wollens.

Diese Gegenüberstellung der theistischen Weltanschauung gegen den pessimistischen Pantheismus kann man praktisch umso weniger beanstanden, als der Pessimismus in seiner heutigen Gestalt nichts anderes als eine pantheistische und der "konkrete" Pantheismus nichts anderes als eine pessimistische Behauptung ist. Die Sache aber prinzipiell betrachtet, ist die theologisch gefärbte Wendung ganz unzulänglich. Der Gegner kann sich angesichts derselben den Vorteil nicht entgehen lassen, auf den "Ring von unschätzbarem Wert" in LESSINGs  Nathan  hinzuweisen und einen solchen "Beweis" dem "Stein" gleichzusetzen -
    "Der hundert schöne Farben spielte
    Und die  geheime  Kraft besaß, vor Gott
    Und Menschen angenehm zu machen, wer
     In dieser Zuversicht ihn trug ..." 
Wir müssen einen ganz neutralen Boden und Kriterien aufsuchen, die uns ein Urteil ermöglichen, ob die induktive Beobachtung des Pessimismus richtig gemacht, ob die Negativität der Lustbilanz in der Welt Wirklichkeit oder Einbildung ist. Der Boden ist die psychologische Beobachtung, und die Anwendung der Kriterien auf die metaphysischen Substruktionen für die pessimistische Wertabschätzung des Lebens läßt dann leicht deren Haltlosigkeit erkennen. Die Kriterien selber aber sind die psychologischen und die logischen Grundgesetze des Geistes. Es kann hier jedoch nur die Formulierung des "Beweises" für den Pessimismus bei HARTMANN in Betracht kommen. Denn die indische und auch SCHOPENHAUERs Vorstellung ist zu unkritisch, im ersteren Fall vom religiösen Dogmatismus, im andern von der Misanthropie eingegeben, so daß, wenn die historisch-genetische Würdigung dieses Meinens vollzogen ist, für eine logisch-prinzipielle Prüfung kaum mehr etwas übrig bleibt.

Die theoretische Überzeugung des Pessimismus hat nach HARTMANN dieselbe Sicherheit, welche den Fundamentalsätzen der Physik zukommt. ("Zur Geschichte und Begründung des Pessimismus, Seite 82). Das erste und wichtigste Induktionsglied, welches den Schluß auf den Überschuß der Unlust über die Lust stützt, ist im Individualleben dargeboten. Hier ist, mag es sich um menschliche oder tierische Individualität handeln, zu sagen: der Wille ist der Kern der Individualität, und das Minus der Lustbilanz in jedem wollenden, empfindungsfähigen Lebewesen ist, wie schon SCHOPENHAUER gezeigt hat, die Lösung eines einfachen psychologischen Rechenexempels. Die Richtigkeit der Lösung kann durch sich einschleichende Rechenfehler umso weniger in Frage kommen, als uns eine genaue Kenntnis und Schätzung der Fehlerquellen möglich ist. Das Fälschende der bloßen Lusterinnerung z. B. läßt sich leicht vom Quantum der Lustempfindung abziehen. - Was hat HARTMANN hiermit zum ersten Induktionsglied seiner Schlüsse gemacht? Antwort: eine falsche Deutung der Empfindungsbewegung in der Seele. Der Philosoph des Unbewußten stellt sich vor, jene Bewegung gehe  notwendig  von der Unlust zur Lust über, und letztere sei nur eine relativ geminderte Unlust; die Seele sei zunächst eine rein, unterschiedslose Leere, dann empfinde sie zuerst diese Leere, das "leere Wollen" als Unlust und nachher deren Ausfüllung als Lust. Darum ist auch das "Gesundsein" kein empfindbares Gut, sondern der Nullpunkt der Empfindung, dem Lustgefühl gegenüber etwas Privatives ("Philosophie des Unbewußten", Bd. 2, Seite 305f). Diese ganze Konstruktion des Empfindungsverhältnisses ist ein illusorisches Phantasiestück, ein Abstraktum ohne Rückhalt in der Wirklichkeit. HARTMANN begeht den Fehler, welchen er an SCHOPENHAUER verbessern will, gleichsam um einen Schritt weiter zurückweichend. Hatte SCHOPENHAUER in seinem "Willen" eine Tätigkeit hypostasiert, so hypostasiert HARTMANN eine falsche Vorstellung von dieser Tätigkeit in ein Phantasiebild, und darauf hinblickend zeugt er seine Welt der Umlust als die Abschattung des Unbewußten - die pessimistische Traveste des idealistischen  Demiurgos  bei PLATO! Von Empfindung reden, ohne an ein Empfindendes zu denken, ist bloßes Gerede. Ein Empfindendes kann nun aber nicht empfinden, ohne daß es selber in seiner Empfindung ist - und die Selbstempfindung, beim Menschen der vorbewußte Reflex des Seinstriebes, des "leeren Wollens" im Bewußtsein, ist etwas Positives. Das normale Lebensgefühl, das Gesundsein ist nicht als Nullpunkt und noch weniger als Privation, sondern nur als positiver Ansatz einer Lustempfindung vorstellbar. HARTMANN weiß bei der Ziehung seiner Lustbilanz nur Posten mit negativem Vorzeichen zu addieren und muß so natürlich eine negative Summe erhalten. Aber der erste Ansatz seiner ganzen Rechnung ist falsch, und der Fehler wächst im Verlauf monströs an. Die Gesamtinduktion wird durch das  proton pseudos  [erster Irrtum - wp] über die Empfindungsbewegung wissenschaftlich wertlos. Oder was hat der Schluß für eine Berechtigung, welcher von der Polarnacht aus den Überschuß des Schattens über das Licht von unserem Erdkörper und von hier aus die Negativität der Lichtbilanz im Kosmos darlegen möchte? Hierzu kommt noch eins. Es ist natürlich, d. h. in der Teleologie der Naturheilkraft gelegen, daß jede Unlust intensiver empfunden wird als ihr konträres Gegenteil. Dieser Umstand macht ein unphilosophisches Gemüt unempfindlich für das dem Elend vorausliegende und wieder folgende "gute Geschick". Es ergeht bei einem solchen Philosophieren, wie wenn jemand einen brennenden Durst hat. Dieser wird, sagt MEISTER ECKHART, wohl auch etwas anderes tun und denken als trinken. Aber was er tut und bei wem er auch ist, und in welcher Meinung oder was auch immer er denkt und wirkt: ihm vergeht dabei doch nie die Vorstellung des Trankes, solange er Durst hat. Diese Vorstellung, abnorm krankhaft geworden, muß das Empfinden zum Pessimisten machen auch mitten in allem Empfindungsluxus. So hat HARTMANNs Philosophie an ihrem Empfindungsfehler ein stets schmerzendes Bein. -

Müssen wir bei der Konstruktion des psychischen Empfindungsverhältnisses jedermann zuletzt an seine Selbsterfahrung verweisen, so läßt sich dagegen der Kardinalfehler des pessimistischen Meinens verstandesmäßiger und greifbarer darlegen, wenn wir von der Empfindungs- zur reinen Denkbewegung fortschreiten. Auf die vorbewußten, dem denkenden Unterscheiden vorausliegenden Tätigkeiten unseres Geistes können wir, das ist unbestritten, nur von unseren bewußten Zuständen aus Schlüsse ziehen. Hätte nun HARTMANN Recht, dann müßte der erste Denkakt die Negation sein. Denn wenn ich anfangs nichts empfinde und später etwas Negatives, so kann der erste Anfang meines Denkens, welches mein Empfinden begleiten und ins Bewußtsein heraus unterscheiden muß, nur ein Nein sein. Ein solcher Anfang aber ist unfaßbar und unwirklich. Oder muß in diesem Neinsagen nicht der Neinsagende stecken? und kann der Neinsagende überhaupt Nein sagen, ohne sich selber zu setzen, sich und seine Tätigkeit zu bejahen? Es ist eine auf dem Kopf gehende Dialektik - vom vollbewußten Schlußverfahren, der  apodeixis  [Darlegung der Prämissen - wp], reden wir hier nicht - es ist eine Denkverrenkung, welche dem Denksubjekt zumutet, es soll von sich,  ohne sich selber zu haben,  alles andere unterscheiden und  nach  dieser Urnegation sich selber allem anderen als logische Urposition gegenüberstellen. Die unabweisliche Tatsache, daß das unterscheidende Denken nicht Ja sagen kann  secundum se,  ohne Nein mitzusagen  secundum quid,  beweist weder, daß das Ja durch das Nein gesagt werden muß, noch die logische Priorität des Nein.  Münchhausen  mußte sich  zuerst  verlieren, um sich  nachher  aus dem Sumpf ziehen zu können.

Die psychologisch wahre Konstruktion des Verhältnisses von Lust und Leid, sowie die logisch allein mögliche Explikation des Verhältnisses von Ja und Nein bietet uns die letzten unanfechtbaren Kriterien für die Beurteilung des pessimistischen Monismus, in dessen Negativität der Lustbilanz der "Nein-Überschuß" und der Vortritt des Nein im Denken enthalten ist. Entweder läßt sich nun diese Denkrichtung durch die Aufzeigung ihres Denkfehlers  ad absurdum  führen, oder, wenn jemand ein Urnein als den dialektischen Beginn allen Ur-Teilens (denkenden Unterscheidens) aufzuweisen vermag, dann ist das Absurdum selber der Anfang des Bewußtseins. Zur Anerkennung des Denkunmöglichen zwingt aber keine Denknötigung.

Zum Schluß sei nur noch angedeutet, daß die Metaphysik den Begriff des Absoluten fassen muß, je nachdem die Logik den Denkschematismus verstehen lehrt. Wird von der Theorie die induktive Beobachtung mit einem Denkfehler begonnen, dann wir sie "unbewußt" denselben ins Ursein hypostasieren. Das Verhältnis von Ja und Nein läßt sich veranschaulichen in den Ausdrücken:  1 - = | (+ 1) - (- 1) | ± 1;  Dem ersten, realen Ausdruck entspricht der Begriff des theistischen, den beiden anderen, imaginären jener des dualistischen und der des monistischen Absoluten. Bei HARTMANN schimmert nur zu deutlich der Nein  vor  oder  gleich  Ja setzende Denkfehler in der Wortbezeichnung des "Unbewußten" durch, und nicht minder klar liegt der Leid  vor  Lust setzende Empfindungsfehler in der "Unseligkeit" des Unbewußten. Charakteristisch ist hierbei für die Logik des Pessimismus, das sein "bodenlos wunderbares, schlechthin sinnloses" Ursein mit seiner alogischen und seiner logischen Wesensseite sich sowohl monistisch als auch dualistisch - nicht denken, sondern imaginieren läßt.

LITERATUR - Carl Braig, Der Pessimismus in seinen psychologischen und logischen Grundlagen, Zeitschrift für Philosophie und philosophische Kritik, Neue Folge, Bd. 82, Halle/Saale 1883
    Anmerkungen
    1) Titel der "Etudes sur la morale positiviste" von W. HURREL MALLOK; trad. de l'Anglais par JAMES FORBES, 1882. Was MALLOKs Rationalismus mit Kraft und Schärfe gegen die positivistische Moral vorbringt, das gilt, etwas anders gewendet, auch gegen die pessimistische Sittlichkeit.
    2) REHMKE bezeichnet in seinem Vortrag über "Physiologie und Kantianismus" eine dreifache heute vertretene Metaphysik: die Metaphysik des Katheders als Monismus, die Metaphysik der Kanzel als Spiritualismus und die Metaphysik der Gasse als Materialismus (Seite 8).
    3) JOHANNES REHMKE, Der Pessimismus und die Sittenlehre - eine Untersuchung, Leipzig und Wien 1862. - Ich flechte eine Besprechung dieser Schrift in meine Darstellung ein.
    4) SCHOPENHAUER erklärt zwar, daß im individuellen Selbstmord die Verneinung des Willens nicht erreicht wird; aber durch "freiwilliges Verhungern" soll sie im denkbar höchsten Maß erreicht sein. (siehe "Philosophie des Unbewußten", Bd. II, Seite 398)