ra-2 Taubertvon HartmannC. BraigA. HorwiczA. Kowalewski    
 
CARL BRAIG
Der Pessimismus
in seinen ethischen Grundlagen


"Noch viel unwahrer als die behauptete kahle Gleichartigkeit von Lust und Unlust, näherhin von der durch diese Abstraktionsetiketten gezeichneten Empfindungswelt, ist die andere Behauptung  Hartmanns,  der Größenwert einer Empfindung sei lediglich von deren Empfindbarkeit und Dauer, Intensität und Extensität abhängig. Das wäre dann nicht einmal richtig, wenn die Meinung von der Gleichartigkeit der Gefühle zuträfe. Denn zur Gleichartigkeit müßte nun auch noch die beliebige Vertauschbarkeit der einzelnen Posten in der Summe  n  aller möglichen Empfindungen hinzukommen. Es müßten die Gefühle des Ekels und der Furcht z. B. beliebig miteinander vertauscht werden können als indifferente (negative) Einheiten derselben Summe."

"Die erste Äußerungsform und das Gebot des sittlichen  Geschmacks  ist die Einhaltung der rechten Mitte und des rechten Maßes. Alle Maßlosigkeit in Gesinnung und Handeln erscheint unsittlich. Wie unzulänglich aber das Geschmacksprinzip für sich allein ist, lehrt uns China, wo das ganze Leben in ein maniriertes Zeremoniell veräußerlicht und die Höflichkeit zur Kardinaltugend erhoben ist, wo die Gesellschaft in ihrer geist- und charakterlosen Nivellierung einem  lackierten Teebrett  ähnlich geworden ist."

"Der Geschmack  möchte  es harmonisch, vollkommen usw. haben, und wenn er es nicht so hat, so muß er sich damit begnügen, den Gegensatz und die Negation seiner Prinzipien geschmacklos zu schelten; das Gemüt sehnt sich und  wünscht  den Gefühlen der Pflicht, Treue, Liebe usw. zu begegnen und es zieht sich erschreckt zurück, wo es auf Gefühllosigkeit stößt. Beide aber können nicht sagen: so  soll  es sein, und was nicht so ist, soll schlechterdings nicht so sein. Erst wo dieses  gebieterische Soll  im eigenen Geist eintritt, wird der Begriff der Autonomie als Selbstgesetzgebung im strengsten Sinn erfüllt."

"Was ist die Ethik des Pessimismus? Inhaltlich ist sie die spekulativ autorisierte Heuchelei: die Lust ist Jllusion, darum sollst du dir das relativ größtmögliche Lustquantum sichern durch eine stete Förderung und Losbindung der  absoluten  Zwecke."

1. Das Dasein des Übels in der Welt ist mit Recht der Sporn zum Nachdenken über die Welt genannt worden. Die Zeichnungen, welche die theoretische Philosophie von den Wesensformen und den Grundgesetzen des Seins zu geben sich bemüht, wollen sich deshalb nicht in ein harmonisches Weltbild abrunden, weil die Disharmonie des Übels, dem Zwang jeder, auch der allgemeinsten und weitesten Regel spottend, sich als Instanz gegen die reine Gesetzmäßigkeit des Seins und Geschehens behauptet. Jene Vorstellungen, welche das Übel einem allgemeinen Weltbegriff einfügt, dasselbe als "notwendig", wenn nicht gerade als selbständige Seinsform im Sinne des Dualismus, so doch als unerläßliche Durchgangsform des Seienden erfaßt zu haben glauben, stellen sich nachträglich immer als Täuschungen heraus. Es ist in jenen Begriffen stets das Wichtigste nicht enthalten, nämlich eine letzte und zwingende Antwort auf die Frage nach dem eigentlichen Woher des Übels. Dasselbe geht auch in den hegelschen Systemen als ein unheimlicher Schatten, als ein wesenloser Geist um, die Zirkel zu stören, in welchen der nach Maß und Gewicht formulierende Denkgeist die Momente des Seins bis auf die kleinsten verfolgbaren Einzelheiten hinaus einträgt, um ein nach außen geschlossenes und nach innen gegliedertes Gedankenabbild des Kosmos zu gewinnen. Und doch wäre es die Aufgabe der Richtungen, welche  absolutes  Wissen versprechen, nachzuweisen, wie aus den willkürlichen Oszillationen der kleinsten Seinselemente die gesetzmäßigen Bewegungsformen des Seienden herauswachsen, und es ist namentlich von diesen Richtungen darzulegen, wie die Willkürlichkeit jener Oszillationen selber zu spielen begonnen hat. Ist der Maßstab gefunden, welcher die Regellosigkeit der verdrießlich durcheinander klingenden Menge in die Ebenmäßigkeit einer rhytmisch sich regenden Reihe zwingt, und ist dieser Maßstab zugleich als der Grund aufgedeckt, in welchem die unharmonische Menge der Wesen am Beginn ruht: dann mag das Übel vorläufig als die Nachwirkung von den willkürlichen Anfangsschwankungen des Seins, als die Durchgangsform zu einem gesetzmäßigen Gleichgewicht bezeichnet werden. Freilich ist die  Notwendigkeit  gerade der gegebenen Entwicklungsform, welche nebenher zahllose Bildungen verhindert und zahllose Keime vernichtet, damit noch immer nicht eingesehen. Diese Notwendigkeit mit HEGEL und den Seinen an die "absolute Idee" bannen, heißt ein Wort statt eines Begriffes setzen, Glauben verlangen, wo Wissen versprochen wurde. Zwar kann man auf diesem Standpunkt eine anschauliche Beschreibung des Übels geben, wie es mit dramatischer Notwendigkeit die Knoten zu schlingen hat in der Tragik des Seins und seiner Geschichte. Allein hierbei kann sich das philosophische Denken mitnichten beruhigen, und wenn es die Täuschung aufgedeckt hat, welche, bewußt oder unbewußt, eine deskriptive Schilderung mit einer genetischen Erklärung verwechselt, dann verfliegen die "absoluten" Begriffe des Übels wie Seifenblasen. Vollends zu sagen (wie EDUARD von HARTMANN es tut): der willkürliche, üble Anfang müsse als das nicht weiter analysierbare Prius der in Raum und Zeit geordneten Seinsentwicklung angesetzt werden, das ist widriges und wertloses Gerede. Durch eine solche Verschiebung der Fragen auf die lange Bank ist nicht einmal die Denkmöglichkeit, geschweige denn die Denknotwendigkeit einer Lösung ins Licht gestellt. Die Lücke in oder der dunkle Schatten über der theoretischen Welterklärung, das gebieterische "pothen to kakon" [Wo kommt das Übel her? - wp] muß zu immer erneuten Lösungsversuchen auffordern.

Mehr noch als die Tatsache des Übels in der Welt des Seienden ist jene des Bösen in der Welt des Seinsollenden ein Sporn des philosophischen Nachdenkens. Das Mißverhältnis zwischen Arbeit und Erfolg, die Erfahrung des Übels ansich, legt dem Menschen zunächst die Frage vor, ob der Grund des Mißlingens außerhalb des Handelnden zu suchen oder ob das Handeln selber ein übles, unrechtes, böses ist. Mag von allen metaphysischen Voraussetzungen, von welchen tatsächlich kein Mensch frei ist, abgesehen werden, die Untersuchung bleibt unabweislich: wie sollen wir handeln, auf daß Absicht und Erfolg zusammenstimmen? Wie ist das Handeln einzurichten, auf daß es entweder an den mißlichen Umständen vorbeikommt oder seine eigene schlimme Verfassung bessert? Mag weiterhin von den Schätzungswerten der Erfahrung in den Empfindungen abgesehen werden, die üblen Wahrnehmungen und die bösen Fehlgriffe lassen, selbst wenn deren Nichtempfinden eine mögliche Sache wäre, das Problem immer wieder auftauchen: wie ordnen wir unser Leben, damit es sich den Störung gegenüber erhält? Und sogar, wenn die Selbsterhaltung nicht Daseinszweck, wenn der Standpunkt stoischer Abstraktion, welche das Leben wie ein seinem Träger fremdes Naturschauspiel zu betrachten vorschreibt, eine schicksalverhängte Pflicht wäre: der bemerkbare Unterschied zwischen der Lebensführung des "Weisen" und jener des Nichtwissenden, die Frage nach den natürliche Bedingungen für die Harmonie von Absicht und Erfolg, das "naturae convienter vivere" [Man soll im Einklang mit der Natur leben. - wp] bliebe auch für das müßige und ziellose Wissenwollen immerhin ein Denkproblem. In Tat und Wahrheit aber hat des Lebens harte Wirklichkeit die über- und unphilosophischen Ansichten bald weggefegt und allem fühllosen Abstrahieren gegenüber die Grundfrage der praktischen Philosophie: wie soll der Mensch handeln zu seinem  eigenen Wohl?  in ihrem ungeschmälerten Recht bestätigt - unter dem Zwang des Übels und des Bösen.

Ein Punkt ist hier noch besonders hervorzuheben. Nicht bloß das Bedürfnis des Handelns, kaum weniger ist es das Bedürfnis des rein spekulativen Wissens, welches zur Untersuchung der ethischen Probleme, zur Aufsuchung der ethischen Prinzipien reizt. Nicht erst in neuerer Zeit, sondern überhaupt hofft der menschliche Geist von der Lösung der Moralfragen, daß ihr Licht auf die Schwierigkeiten der theoretischen Philosophie zurückstrahlt und vor allem in die Nacht des Übels hineinleuchtet. Die reine Vernunft verspricht sich zu gern, daß die Ergebnisse der Untersuchung über die praktische Vernunft zu Fingerzeigen werden, wie die früher fallen gelassenen Fäden wieder anzuknüpfen und das metaphysische Gewebe zu vollenden sein möchte. Dieses Vertrauen auf einen ethischen Abschluß der philosopischen Weltanschauung ist kein "kantisches Vorurteil", sondern psychologisch vollkommen berechtigt, wenn nur nicht die Postulate der praktischen Vernunft als bloße Surrogate der Theore dargereicht werden. Es liegt ja ganz im Sinne der strengsten, der mathematischen Beweisführung, von der Argumentation für einen beliebigen Teil zum Ganzen fortzuschreiten und die Möglichkeit dessen, was vom Teil wirklich gilt, vom Ganzen auszusagen, also von der Wahrscheinlichkeit aus der Wahrheit stetig näher zu rücken. Gegen das Bestreben, aus einer wirklichen Erkenntnis des menschlichen Seinsollens, des durch das Handeln zu verwirklichenden Seinszwecks, einen Schluß zu ziehen, wodurch der Sinn und von hier aus das Wesen und von hier aus der Grund des Seienden überhaupt näher bestimmt werden will, kann eine stichhaltige Einrede nicht erhoben werden. So unwissenschaftlich das Verfahren jener ist, welche durch ein seichtes Moralisieren über die Schwierigkeiten der Metaphysik hinwegtäuschen wollen, so unwissenschaftlich ist das andere Gebahren, welches Metaphysik und Ethik hermetisch gegeneinander abzusperren gebietet.

Sonach ist von den beiden Hauptteilen des menschlichen Wissens, von der theoretischen und der praktischen Philosophie, zu sagen, daß die Spekulation über das Übel die treibende Frage der Erkenntnis ist.

2. Einen nicht neuen, aber in der neuesten Zeit sehr energischen Versucht, das Übel und das Böse aus seinem letzten Grund zu begreifen, nach diesem Begriff das menschliche Handeln zu bestimmen und unter einer Zugrundelegung des "autonomen" Handelns das "absolute Wissen" herzustellen, hat der moderne Pessimismus gemacht. EDUARD von HARTMANN will zwar eine Unterscheidung angebracht wissen zwischen seiner Metaphysik und dem Pessimismus, indem er betont, daß die Mangelhaftigkeit der ersteren die tatsächliche Richtigkeit der letzteren nicht beeinträchtigen kann. Wir müssen aber ein hierin verstecktes Zugeständenis, daß die Metaphysik nicht absolut werden kann, unaufrichtig und unphilosophisch nennen. Denn in Wahrheit konstruiert HARTMANN seine Metaphysik mit pessimistischen Hilfslinien und induziert er seinen Pessimismus unter den metaphysischen Voraussetzungen des konkreten Monismus. Der eine will von ihm durch den anderen gestützt werden, und des ist ein unaufrichtiges Spiel, wenn HARTMANN glaubt, unter steter Berufung auf die Empirie, der Welt vorspiegeln zu können, daß "Unbewußte" sei seinem Vater weniger teuer als das "Elend des Daseins". HARTMANN mag sich einen solchen Anschein geben; insgeheim aber lebt er doch der Hoffnung, daß die "Negativität der Lustbilanz" in der Welt wie von selber zu  seiner  Auffassung eines absoluten Weltgrundes führen wird. Und wer möchte sich auch sonderlich gegen die Annahme sträuben, daß, wenn das Nichtsein der Welt der vernünftigere Teil wäre, das Sein derselben in der blinden Tätigkeit eines unvernünftigen Wollens gründen müsse? Hiermit ist das Unwissenschaftliche an HARTMANNs Konzession angedeutet, welche die monistische Metaphysik an ihren Ort gestellt sein läßt, gewissermaßen um desto nachdrücklicher die pessimistische Ethik vertreten zu können. Oder wie sollte ein philosophisch zusammenhängendes Denken Aussagen über Wert und Unwert des Lebens, des phänomenalen Seins, machen können ohne Rücksichtnahme auf das transzendente und absolute Sein? Ist HARTMANNs Metaphysik unhaltbar, dann ist die Ethik des Pessimismus verloren, und es bleibt nur die nicht schwierige Aufgabe, zu zeigen, durch welche unlogischen und unpsychologischen Mittel die empirische Selbsttäuschung des Pessimismus möglich wurde.

Wie es mit der Philosophie des Unbewußten im prinzipiellsten Punkt nicht richtig, wie HARTMANNs Denken der Prinzipien ein verworrenes ist, leuchtet auch daraus hervor, daß der richtige Gedanke von der unauflöslichen Zusammengehörigkeit der Ethik und Metaphysik sonst scharf durch ihn selber betont wird. Woher kommt es, daß ein Mann fast in  einem  Atem Richtiges und Unrichtiges zugleich aussprechen kann? Wir glauben, von der darwinistischen Gedankenbiegsamkeit, welche, unbekümmert um die formalen Erfordernisse einer logischen Gedankenentwicklung, um jeden Preis, gelegentlich also auch mit der Preisgabe wesentlichster Stücke, ihren verlorenen Posten zu halten bestrebt ist. Zu welch hohlem Dogmatisieren es in so einer desparaten Lage kommen muß, dafür gab HARTMANN in jüngster Zeit einen glänzenden Beweis. Die "Philosophischen Monatshefte" (1883) enhalten einen seichte Skizee "Zur Pessimismusfrage", woselbst der Meister des pessimistischen Denkens die Möglichkeit der "eudämonologischen Bilanz", der Entscheidung über das Vorwiegen (des Lust- oder) des Unlustquantums in der Welt, dartun will wie folgt. Um jene Möglichkeit einzusehen, führt HARTMANN aus, sei nur erforderlich: erstens die Einstellung der Gefühle in die Bilanz nach ihrem wirklichen, nicht willkürlichen Größenwert, sodann die Annahme von Lust und Unlust als gleichartigen Größen mit entgegengesetzten Vorzeichen und schließlich die Annahme, daß die mathematische Größe einer Empfindung lediglich von deren Intensität und Dauer, keineswegs aber von der Qualität abhängig ist. Um dieses dreigliedrige Dogma umso annehmlicher zu machen, wird der nicht unrichtige Satz angehängt, "jedes Kalkül ohne Ausnahme hat es nicht mit den realen Dingen, sondern nur mit den Vorstellungen von denselben zu tun" (a. a. O., Seite 76). Damit ist aber jedes Kalkül ohne Ausnahme auf einen bloß hypothetischen Wert herabgedrückt und gesagt: das mathematische Beweisverfahren hat nur eine formale Geltung und hätte bloß dann eine apodiktische Richtigkeit in materialen Dingen zu beanspruchen,  wenn  die Übereinstimmung der Vorstellungen mit den realen Dingen unwidersprechlich aufgezeigt wäre. So aber kann sich Vorstellungsreihe leicht in einer parabolischen oder hyperbolischen Linie von der Ordnung der Dinge ins Unendliche entfernen und die Wahrscheinlichkeit des richtigen Erkennens zuletzt gleich Null werden. Der Verweis auf die Fehlerquellen, welche nach HARTMANN die mathematische Wahrscheinlichkeit nicht wesentlich beeinträchtigen können, ist wertloses Gerede. Durch diesen Umstand wird ja gerade die Grenze des mathematischen, des formalen Wissens ins Licht gesetzt, und werden mithin direkte Schlüsse von hier aus auf die materialen, philosophischen Gegenstände verboten. Oder wäre es nicht die unwissenschaftliche Willkür, aus dem bis zur höchtmöglichen Wahrscheinlichkeit berechneten Verhältnis der Kreisperipherie zum Radius Bestimmungen ableiten zu wollen über irgendeine qualitativ ausgezeichnete Kreisfigur, z. B. ästhetische Aussagen über ein Kreisbild mit roter Peripherie und einem blauen Radienbündel? Etwas Ähnliches ist die Absicht HARTMANNs, mittels des mathematischen Kalküls eine Brücke zu schlagen zum inhaltlich Bestimmten. Ein solches Beginnen hätte nur Sinn auf dem Boden des darwinistischen Sensualismus, welcher - aber um den Preis einer Beweiserschleichung - die Einheit von Vorstellung und realem Ding, oder seien wir genau, die Einströmigkeit von idealem Vorstellungs- und realem Werdefluß voraussetzt.

Eine unbewußte Folge dieses unkritischen Dogmas ist HARTMANNs Forderung, man solle Lust und Unlust als "gleichartige" Größen mit je positivem und negativem Vorzeichen betrachten. Also wäre die Skala der Gefühle nicht zu vergleichen mit der unendlichen, qualitativ gegliederten Mannigfaltigkeit, welche durch die Leiter der Töne  und  durch das Spektrum der Farben  und  durch die Welt der Gerüche und überhaupt durch den Reichtum des Lebendigen dargestellt wird? Die Regungen sämtlicher Gefühle sollen sich in einer identischen Richtung zueinander verhalten wie Weiß und Schwarz, Ja und Nein, Plus und Minus. Ein solcher Abstraktionismus ist unpsychologisch und unwahr. Lust und Leid mit der unendlichen Vielheit ihrer Verzweigungen verhalten sich nicht wie  a  und  - a,  sondern wie  a  und  b  oder besser noch wie  + a  und  - b,  wobei aber auch unter  - b  eine durchaus positive, nur zu  + a  entgegengesetzt gelegene Größe gemeint ist. Überhaupt, wollen wir völlig genau sein, sind die Empfindungskoeffizienten "Lust" und "Unlust" für sich gar keine faßbaren Größen, sondern sie sind Mittel, wirkliche Zustände der Seele dieser zum Bewußtsein zu bringen zum Zweck der Regelung ihres praktischen Verhaltens. Wir möchten Lust und Unlust den scholastischen "Begriffen" vergleichen, welche nicht  media quae,  sondern  media sub quibus  des seelischen Bewußtseins heißen. Nicht Lust und Leid, sondern die durch ganz andere Momente (theoretische, ethische etc.) mitbedingten und durch die Empfindung kundgegebenen Determinationen des Ich sind als die realen Größen in Rechnung zu bringen, wenn eine "eudämonologische Bilanz" versucht werden will.

Noch viel unwahrer als die behauptete kahle Gleichartigkeit von Lust und Unlust, näherhin von der durch diese Abstraktionsetiketten gezeichneten Empfindungswelt, ist die andere Behauptung HARTMANNs, der Größenwert einer Empfindung sei lediglich von deren Empfindbarkeit und Dauer, Intensität und Extensität abhängig. Das wäre dann nicht einmal richtig, wenn die Meinung von der Gleichartigkeit der Gefühle zuträfe. Denn zur Gleichartigkeit müßte nun auch noch die beliebige Vertauschbarkeit der einzelnen Posten in der Summe  n  aller möglichen Empfindungen hinzukommen. Es müßten die Gefühle des Ekels und der Furcht z. B. beliebig miteinander vertauscht werden können als indifferente (negative) Einheiten derselben Summe. Oder wenn HARTMANN sich diese Gefühle als die einer höheren Summe einzuordnenden Posten einbildet, Furcht etwa als das dreifache von Ekel (- 9 und - 3), dann müßte eine beliebige Zerlegbarkeit der Posten angenommen werden; drei Teile Ekel müßten als ein Teil Furcht reagieren, unter der Voraussetzung der gleichen Dauer und der gleichen Intensität der psychischen Einheiten. Zu welchen Sinnlosigkeiten das Spiel des angedeuteten Schablonierens führt, ist offensichtlich. Wir können den Versuch, bloß quantitative, graduelle Unterschiede auf der Empfindungsskala anzubringen, abgesehen von seiner pessimistisch-domatischen Tendenz, nur einigermaßen begreiflich finden im Licht der Gefühlsassoziation, wonach sich zum hochgradigen Gefühl des Ekels z. B. das der Bangigkeit und Furcht hinzugesellen kann. Daß aber schon im Bereich der sinnlichen Gefühle ein qualitativer Unterschied angedeutet ist, kann nicht bezweifelt werden; unwidersprechlich tritt ein solcher in der Welt der höheren, der ästhetischen, sittlichen, religiösen Gefühle hervor. Oder wer möchte es im Ernst leugnen, daß schon die Qualitäten dieser höheren Gefühle, abzusehen von deren Dauer und Intensität, ganz andere Werte im unmittelbaren und im reflexiven Bewußtsein repräsentieren, als die sinnlichen Empfindungen tun? Allerdings wer genau  dasselbe  Behagen empfinden  will,  wenn er vor einem leckeren Gericht sitzt und wenn er an der Lösung einer mathematischen Aufgabe mit Glück arbeitet, wenn hier nur ein Mehr oder Weniger  desselben  Größenwertes über die Schwelle des Bewußtseins tritt, dem können qualitative Verschiedenheiten der Lustgefühle unter sich, der Unlustgefühle unter sich und beider im Wechselverhältnis nicht andemonstriert werden. Mathematische Beweisbarkeit und "Bilanzen" gibt es überhaupt nicht in der Welt der Empfindungen. Man muß es als blasierte Anmaßung zurückweisen, wenn die eudämonologische Bilanz einer nicht normalen psychologischen Beobachtung als die alleinige und allgemeine der Menschheit, ja dem Universum aufgezwungen werden will.

Die Besprechung der eudämonologischen Bilanz wollte beispielsweise auf die verkehrten Mittel hinweisen, deren sich HARTMANN zur Erbringung des "empirischen" Arguments für den Pessimismus bedient. Das mathematische Kalkül in einer solchen Anwendung geht von unpsychologischen Annahmen aus und führt zu psychologischen Ungeheuerlichkeiten. Der Wert der reinen Mathematik für die philosophische Untersuchung überhaupt ist hinlänglich gewürdigt, wenn man sagt: es darf niemals etwas in der Philosophie vorkommen, was bewiesenen Sätzen der Mathematik widerstreitet; denn die philosophische Wahrheit muß logisch richtig sein. Aber es gibt einen unendlichen Reichtum in der Philosophie (Psychologie, Ästhetik, Ethik, Metaphysik), an welchen die mathematischen Hilfsmittel der formalen "Schulweisheit" gar nicht heranreichen, sowenig wie Leitern an die Sonne.

3. Die Beweisführung für den Pessimismus, wie sie bei HARTMANN vorliegt, erscheint in ihrer wissenschaftlichen Haltlosigkeit, wenn die formalen Beweismittel geprüft wreden. Bis zu den prinzipiellen Erkenntnismitteln steigt diese Philosophie jedoch seltener herab. Soviel in ihr von Logik geredet wird, so sehr hat diese Denkrichtung eine unbewußte Scheu vor der grauen Theorie. Lieber greift sie ins volle Menschenleben, um durch die  argumenta ad hominem  [persönliche Vorwürfe - wp] die Einsprüche der Gegner zu erdrücken. Die drei Hauptseiten des Lebens, die Gebiete des natürliche, des moralischen und des religiösen Bewußtseins, bieten drei "unabhängige" Glieder des Induktionsbeweises für den Pessimismus. Das psychologische Argument, welches den Überschuß des Unlustquantums im Dasein aus den Gesetzen des Willens, und das metaphysische, welches ihn aus dem Begriff des Absoluten deduziert, beide haben zusammen nur eine "verstärkende Motivationskraft" für die empirisch in ihrem Bestand gesicherte Theorie. So HARTMANN im Eingang des oben erwähnten Aufsatzes. Den moralischen Beweis, welchen wir hier vorführen, will HARTMANN in seinen  Prolegomena  zu jeder künftigen Ethik, in der "Phänomenologie des sittlichen Bewußtseins" gegeben haben. Er sagt, und damit redet er  nicht  die Wahrheit, in jenem Buch seien die sämtlichen Erscheinungsformen des sittlichen Bewußtseins, genau wie sie im Laufe der Geschichte aufgetreten sind, porträtiert, und auch der in philosophischen Dingen sonst ungeübte Blick wird von selber die Unzulänglichkeit jeder Einzelform und aller zusammen gewahren. Nun wird, vertraut HARTMANN, wird sich selbst der Laie nicht verschließen können, daß nur jene Ethik die richtige ist, welche ihre sämtlichen Vorstufen in deren Unvollkommenheiten verneint, das Brauchbare aber aus ihnen in sich aufnimmt und das Ganze unter einem überragenden Gesichtspunkt zum Abschluß bringt. Das ist die Ethik des Pessimismus. Derselbe ist mithin, nachdem  alle  anderen Weltanschauungen keine echte Sittlichkeit erzeugt haben, als ethisches Postulat bewiesen. Eine seiner empirischen Grundlagen bildet die Grundlosigkeit aller bisherigen Moralsysteme.

Die Hauptgedanken, in welchen HARTMANN sein Thema abhandelt, lassen sich aus seiner oft über Gebührt breiten Darstellung knapp zusammendrängen. Vorauszuschicken ist, daß positiv ethische Grundlagen des Pessimismus nicht angeführt werden können, weil eine positive sittliche Betätigung erst auf dem Boden der pessimistischen Weltanschauung möglich sein soll. Der moralisch-empirische Beweis der neuen Ethik erwächst also nicht aus der Darlegung und Zusammenordnung neuer, sondern aus der Kritik der alten Prinzipien. So wird die kritische Würdigung der Erscheinungsformen des sittlichen Bewußtseins zur ethischen Prinzipienlehre.

In großen Zügen lassen sich die Perioden der Sittlichkeit dahin angeben, daß das klassische Altertum das Phänomen des  egoistischen,  das christliche Zeitalter jenes des  heteronomen  Sittlichkeitsbewußtseins darstellt, und daß gegenwärtig eine neue Kulturperiode inauguriert wird. Ihre Signatur läßt sich nicht mit  einem  Wort angeben; doch wird sie die Periode des  autonomen  sittlichen Bewußtseins auf metaphysischer Basis werden. Das metaphysische Moralprinzip wird die Synthese sein aus Brahmanismus und Buddhismus einer- und aus dem Christianismus andererseits (Phänomenologie, Seite 782, 792). Danach zerfällt das gesamte sittliche Bewußtsein der Menschheit in ein falsch- und in ein echmoralisches. Dies ist jedoch nicht so zu verstehen, als ob die beiden Formen rein geschieden neben- oder nacheinander aufgetreten wären; vielmehr haben die Triebfedern der echten Sittlichkeit, der Autonomie, überall unbewußt durchgewirkt, bis sie in der jüngsten Fülle der Zeit sich samt den echtsittlichen Zielen und Zwecken dem Bewußtsein vollkommen enthüllt haben.

Der unsittlichste Grundsatz der "Pseudomoral" ist der des  Egoismus mag das Ziel seines Verlangens nach einem ausschließlichen und rücksichtslosen Wohlsein des Individuums nun in das Diesseits oder in die Welt nach dem Tod verlegt werden, mag der Inhalt dieses Zieles als positive Glückseligkeit oder negativ als reine Leidlosigkeit verstanden werden. Daß der sinnliche Eudämonismus, sowohl das rohe Lustprinzip der Hedoniker als auch das raffiniert rechnende der Epikuräer, gegen fundamentale sittliche Forderungen verstößt, deren Inbegriff die sittliche Idee des Opfers ausmacht, wird zugestanden. Aber auch der ethische Intellektualismus SPINOZAs:
    "Absolut tugendhaft handeln ist nichts anderes in uns als nach der Leitung der Vernunft handeln, leben, sein Sein erhalten, aus dem Grund, daß man  seinen  Nutzen sucht ... und nur das ist für den praktisch Vernünftigen nützlich, was zum Erkennen führt." (Ethik IV, 24. 26) -
ist in seiner egoistischen Isoliertheit pseudomoralisch. Nicht wesentlich höher zu stellen ist der transzendente Eudämonismus, welcher, wie in den alten Mythen von Totengerichten, vom Elysium, vom mohammedanischen Paradies und vom christlichen Himmel, dem Individuum ein positives Lustleben verheißt; denn das sinnliche Moment, welches hier für das Diesseits teilweise zurückgedrängt wird, tritt für die Ewigkeit umso stärker hervor. Nur einigen propädeutischen Wert muß man dem Egoismus zuerkennen, sofern er durch eine Anbahnung und Einführung der berechnenden "Klugheitsmoral" dem blinden und wilden Ausbruch der Leidenschaften wehrt, also über seine eigene natürliche Indifferenz in ethischer Richtung hinausweist. Rein unzulänglich aber sind die auf einen bloßen Egoismus gebauten Systeme insofern, als sie die Bildung einer sittlichen Gemeinschaft unmöglich machen. Beim positiv eudämonistischen Egoismus müßte die Gemeinschaft durch einen gegenseitigen Vertilgungskampf der Individuen vernichtet werden; der negativ eudämonistische Egoismus, welcher hiernieden die reine Freiheit von Leid (Kyniker, Stoiker), und drüben ein leidloses Erlöschen für das einzelne Subjekt verlangt (Buddhismus,  Schopenhauer),  würde über das Ganze eine tödliche Erschlaffung bringen. Zudem ist das Handeln aus Egoismus nicht bloß unsittlich, sondern zwecklos, weil notwendig resultatlos: das Glück läßt sich vom Einzelnen nicht erjagen und nicht erschleichen, und wenn auch, so müßte das Wollen in Kraft seines Bewegungsgesetzes nach Weiterem verlangen, wäre als "Unlust" das Ende. An die Stelle der egoistischen Forderungen ist also das Prinzip der Selbstverleugnung zu setzen, und erst nachdem die ethische Unzulänglichkeit des subjektiv-vereinzelten Glückseligkeitsstrebens aus dessen Zwecklosigkeit eingesehen ist, kann von einem sittlichen Tun im eigentlich positiven Sinn die Rede sein.

Ein kaum weniger schlimmer Grundsatz als der egoistische ist jener der Heteronomie. Die "heteronome Pseudomoral" erstrebt Sittlichkeit, indem sie das Handeln zum Befolgen des Willens einer dem Handelnden gegenübergestellten Autorität macht: sittlich ist, was dem Gesetz des "anderen", autoritären Willen entspricht. Geltend macht sich, weil und nachdem der Individual-Eudämonismus rat- und resultatlos, die Autorität der Familie, des staatlichen Gesetzes, der herkömmlichen Sitte, der religiösen Gemeinschaft, der Gottheit. Die Zwecklosigkeit all dieser Forme erhellt sich aber daraus, daß ein Sittlichwerden durch die Befolgung eines fremden Willens ebenso unmöglich ist wie ein Fettwerden durch fremdes Essen. Die Widersittlichkeit der Heteronomie tritt am meisten zutage in der kulturgefährlichen Erstarrung des Konservatismus. Hat der Zwang des "fremden Gesetzes" aber seine ethische Mission erfüllt - denn eine solche kam und kommt zeitweilig in jeder Form von Autorität zu -; hat er die Erziehung des Einzelnen, der Einzelgruppen, der Menschheit von dort weiter geführt, wo die Klugheitsmoral des Egoismus abgebrochen ist; sind die Gesetze als der objektive Ausdruck der inneren ethischen Gesetzmäßigkeit in der Menschenbrust erkannt - und eine solche Ausprägung der inneren Gesetzmäßigkeit des Menschenwesens und des menschlichen Handelns vollzieht sich unbewußt, wie ein Kristallisationsprozeß, trotz aller Hindernisse und zahlloser Fehlversuche -: dann hat die Eigengesetzmäßigkeit selber, die ethische  Autonomie,  in ihr alleiniges Recht einzutreten. Der Ertrag aus der Kritik der Pseudomoral ist demnach die Einsicht, daß Sittlichkeit nur möglich ist als "die positive Unterordnung des Eigenwillens zum Dienst eines sittlichen Willens". Die echte Moral hat nun die Aufgabe, diesen sittlichen Willen aufzuweisen als die "Selbstbestimmung des Willens nach den eigenen inneren Gesetzen in der dunklen Werkstatt der Seele" (Phänomenologie, Seite 102 und 92). Auch diese Aufgabe kann, wie die bisherige Kritik des pseudo-moralischen Bewußtseins, nur in einer Stufenfolge von Untersuchungen gelöst werden; und jedesmal hat wieder die Kritik einzugreifen, sobald eine Einzelstufe des echtsittlichen Bewußtseins als die alleinige sich ausschließlich geltend machen, also durch Überspannung unsittlich werden will.
    "Gibt es im menschlichen Bewußtsein eine unmittelbare und unwillkürliche Wertbestimmung über menschliche Handlungen und Gesinnungen, welche weder das egoistische Interesse noch die bloße Konformität mit äußeren autoritären Geboten zum Maßstab haben, oder fehlt es an einem solchen unmittelbaren ethischen Wertmesser?"
Die Frage nach dem Ethos im Menschen (Phänomenologie, Seite 105) ist maßgebend für die ganze weitere Untersuchung. Wird sie bejaht - und man kann nicht anders, wenn man die gesamte Geschichte des bisher so geheißenen sittlichen Bewußtseins als Phänomen eines Realen auffassen will -, so stellen sich die Offenbarungen des Ethos im einzelnen Subjekt als die Triebfedern der subjektiven Sittlichkeit, seine Offenbarungen in der Gesamtheit als die Ziele der Sittlichkeit, und dieselben Offenbarungen, gefaßt als die Aktionen des absoluten Wesensgrundes und Wesensinhaltes im Daseienden, als der Urgrund der Sittlichkeit dar. Die Regungen und Strebungen des Ethos im einzelnen Menschen werden im Bewußtsein aufgefaßt als Reflex des Gefühls und der Vernunft. Sonach sind die ästhetische oder die Geschmacksmoral, die Gefühlsmoral im engeren Sinn und die Vernunftmoral zu unterscheiden.

Der Geschmack ist jene Fähigkeit der Seele, unmittelbar und unwillkürlich Urteile über Wahrgenommenes abzugeben. Um reine Geschmacksurteile über sittliche Dinge fällen zu können, sind die ethischen Tatsachen an einem Dritten in ihrer empirischen Reinheit zu konstatieren: die Reaktion des auf dieselben angewandten Geschmacks ist dann, formuliert, das ethische Urteil. Die Selbstbeobachtung ist hier nicht dienlich, da die Selbstliebe unsere Geschmacksurteile nur zu leicht und mit einer gewissen Unwillkürlichkeit fälscht. (1) Die erste Äußerungsform und das Gebot des sittlichen Geschmacks ist die Einhaltung der rechten Mitte und des rechten Maßes. Alle Maßlosigkeit in Gesinnung und Handeln erscheint unsittlich. Wie unzulänglich aber das Geschmacksprinzip für sich allein ist, lehrt uns China, wo das ganze Leben in ein maniriertes Zeremoniell veräußerlicht und die Höflichkeit zur Kardinaltugend erhoben ist, wo die Gesellschaft in ihrer geist- und charakterlosen Nivellierung einem "lackierten Teebrett" ähnlich geworden ist. Das Beispiel der Philistermoral im ebenmäßigen mittleren Durchschnitt soll als Beleg stehen für die Verirrung eines echtsittlichen Prinzips in die Ausschließlichkeit;  de ceteris idem mutatis mutandis  [unter vergleichbaren Umständen ist alles dasselbe - wp]. Eine erster Ergänzung des sittlichen Geschmacks ist das Moralprinzip der Harmonie, welches das tugendhafte Handeln gebietet und verstehen lehrt als das Handeln im Gleichgewicht der Geisteskräfte sowohl von Seiten des Individuums als auch der menschlichen Gattung. Zu bemerken aber ist ein Dreifaches: daß das Wesen der inneren Harmonie der Seele undefinierbar ist, daß die Disharmonie im Einzelnen eine  conditio sine qua non  [Grundvoraussetzung - wp] für die Entstehung und Erhöhung der Harmonie im Ganzen bildet, daß das unbewußte Verständnis der Universalharmonie, welches dem Bewußtsein die Schönheit aufblitzen läßt, die alldurchdringende "unbewußte Weltvernunft" offenbart. Der Trieb, das harmonische Gleichgewicht aus allen Störungen herauszuarbeiten, ist das Prinzip der Vervollkommnung, und hier mag sofort deren Ziel genannt werden: die Auslöschung der Möglichkeit ethischer Arbeit und ethischer Aufgaben (Phänomenologie, Seite 134). In dieser Negation liegt ein direkter Hinweis auf den Pessimismus und seine monistische Metaphysik.

Schaffen an ethischer Vervollkommnung setzt ein ethisches Ideal voraus, von welchem die Triebkraft hergeliehen wird. Das Ideal ist ein "verklärtes, von den Schlacken der Zufälligkeit gereinigtes Vorbild der Wirklichkeit; es ist ein Produkt des Geistes, aber freilich kein willkürliches, sondern ein notwendiges Produkt desselben; es ist nicht Wahrheit, welche bloß ein gedankliches Abbild der Wirklichkeit ist, aber mehr als Wahrheit, weil es besser als die Wirklichkeit ist; es ist aber auch keine Chimäre, denn es wird ja täglich verwirklicht, es wird nur nicht als Ideal verwirklicht, weil es bei der Verwirklichung von tausend Hindernissen gestoßen und mit dem Schmutz der Realität bespritzt wird" (Phänomenologie, Seite 146f). Ein beständiges Handeln nach dem Sonnenbild des Ideals  wäre  die Realisierung des Moralprinzips künstlerischer Lebensgestaltung. Auf diesem Gebiet aber kommt so recht die Unzulänglichkeit der bloßen Geschmacksmoral zur Erscheinung: sie erweist sich als eine lediglich subjektive, bei welcher von einer notwendigen Allgemeingültigkeit des Sittlichen nicht die Rede sein kann. Sofern jedoch dem sittlichen Takt die unbewußte Vernünftigkeit zugrunde liegt, weist die ästhetische auf die rationale Sittenlehre hin. Vorerst sind aber noch die unbewußten Vermittlungen zu untersuchen, welche die "unmittelbaren" Werturteile des sittlichen Geschmacks bedingen. Dies sind die sittlichen Empfindungen.
    "Das Gefühl ist die letzte dem Bewußtsein direkt erreichbare Tiefe der Seele; soll die Sittlichkeit auf dem tiefsten psychischen Grund ruhen, so muß das Gefühl als ihre Quelle nachgewiesen werden." (2)
Die Prinzipien der Gefühlsmoral im engeren Sinn, welche sowohl unter sich als an den ästhetischen Triebfedern des Handelns eine wechselseitige Selbstkorrektur üben, sind: das Selbstgefühl, welches in seiner unvermittelten Antizipation der "unbewußten Vernunft", in seiner höchsten Steigerung zum sittlichen Enthusiasmus wird, sich in seiner Beschränkung auf das selbst als sittlicher Stolz und Ehrgefühl kundgibt; das Nachgefühl, welches aber nur als instinktive Depression oder Erhebung des Selbstgefühls verstanden werden darf, im Gegensatz zum Angelpunkt der theologischen Ethik, zu einer durchaus "unsittlichen", nutz- und sinnlosen, egoistischen, gefährlichen Reue; das Gegenseitigkeitsgefühl, der Vergeltungstrieb als sittlicher Unwille, Notwehr, Haß und Rache, wobei aber die Dankbarkeit, trotz einigen sittlichen Wertes, auszuscheiden, und überhaupt der Vergeltungstrieb zur unegoistischen Vergebungsfreude zu veredeln ist; Trieb und Gefühl der Geselligkeit, worin schon das Stichwort der wahren objektiven, der "sozialen" Ethik enthalten ist; das Mitgefühl, welches sich als Mitfreude und Mitleid erhebt über das vorige, welches, im Unterschied von der Theorie SCHOPENHAUERs, zwar unschätzbar ist als subsidiäre [unterstützende - wp] Triebfeder, jedoch unzulänglich als allein bestimmendes Prinzip; das Gefühl der Pietät, d. h. die Reaktion, mit welcher das Empfinden auf die unwillkürliche Anerkennung eines sittlichen Charakters in anderen antwortet, ein Gefühl, welches auf der unbewußt wirkenden autonomen Moral beruth, in seiner Veräußerlichung aber zum römischen  honor  [Ehre - wp] und zur  pietas  [Frömmigkeit - wp], als abergläubische Ehrfurcht auch vor der Unsitte, völlig unsittlich werden kann (Hauptstütze der Heteronomie); Treue und Liebe, d. h. die Stetigkeit der Willensrichtung in persönlicher und sachlicher Hinsicht (Beständigkeit und Anhänglichkeit), und die Dauerhaftigkeit des Gemüts, welche beständig dezidierte Willensrichtung auf und für das Geliebte ein Ethos bedingt, das sich unter Umständen zum überwältigenden Pathos steigert. Die Liebe ist die Krone aller Gefühle; der Liebende empfindet den Pulsschlag der ganzen Natur in seinen Adern: er umspannt das All mit seiner Empfindung, weil er sich als Phänomenalteil des Alls und zugleich, in metaphysischer Hinsicht, als wesenseins mit demselben, weil er sein fühlendes Subjekt als den Kern des Alls weiß. So ist durch die Liebe der Egoismus gebrochen, und im Allgemfühl tritt der "mystische Charakter" der Ethik am unverhülltesten zutage, da nichts mehr vorhanden ist, was des Menschenherzen "namenloses Wunder" verhüllt, das "praktische Überspringen der intellektuellen und physischen Schranken der Individuation" (Phänomenologie , Seite 291f).

Noch ein Prinzip der Gefühlsmoral ist zu erwähnen. Es ist das Pflichtgefühl, welches, im Gegensatz zu KANTs unausgleichbarem Dualismus von Neigung und Pflicht, selbst als Neigung aufgefaßt werden muß. Das Pflichtgefühl ist das instinktive Innewerden des Verhaftetseins der Seele an das moralische Gesetz, ihre Entgegengeneigtheit für dasselbe. Wo noch keine Spannung ist zwischen Neigung und Pflicht, da ist der Stand der Unschuld; wo ein solche vorhanden, da ist das Stadium der Pflichtmäßigkeit; wo sich keine Spannung mehr zeigt, da waltet reine Tugend. Eine volle Harmonie des Systems der Neigungen und der Pflichten bleibt jedoch Ideal. In dieser Hinsicht und weil das ethische Gesetz weder in seinem Ursprung noch in seinem Inhalt erkannt ist, bekundet sich die Geschmacks- und Gefühlsmoral als unvollkommen. Der Geschmack "möchte" es harmonisch, vollkommen usw. haben, und wenn er es nicht so hat, so muß er sich damit begnügen, den Gegensatz und die Negation seiner Prinzipien geschmacklos zu schelten; das Gemüt sehnt sich und "wünscht" den Gefühlen der Pflicht, Treue, Liebe usw. zu begegnen und es zieht sich erschreckt zurück, wo es auf Gefühllosigkeit stößt. Beide aber können nicht sagen: so "soll" es sein, und was nicht so ist, soll schlechterdings nicht so sein. Erst wo dieses "gebieterische Soll" im eigenen Geist eintritt, wird der Begriff der Autonomie als Selbstgesetzgebung im strengsten Sinn erfüllt; erst da entspringt der Begriff der Pflicht, ohne den es keine bewußte Moralität und überhaupt keine Ethik gibt (Phänomenologie Seite 317f. Autonome Gesetzgeberin an den Willen, welche diesem sagt, was er soll, ist die Vernunft.
    "Die dem Menschengeist innewohnende Vernunft wird zur autonomen sittlichen Gesetzgeberin, indem sie aus des Menschen eigenstem Wesen heraus den kategorischen Anspruch erhebt, daß auch im menschlichen Handeln alles vernünftig zugeht und das Vernunftwidrige ausgeschlossen bleibt." (Phänomenologie , Seite 327)
Welches ist nun der Inhalt des Vernunftgebotes, welches als absoluter Maßstab und "Vernunfttrieb" die gesamte Wirklichkeit ethisch gestaltet?

Zunächst ist es die Forderung der Wahrhaftigkeit; denn nur die feste Überzeugung der Wahrhaftigkeit kann die schwierigste aller Forderungen des Wahrheitssinnes erfüllen, die Wahrhaftigkeit gegen sich selbst, welche den unerläßlichen Ausgangspunkt der sittlichen Selbstzucht bildet. Alleiniges Moralprinzip ist aber die Wahrhaftigkeit nicht, ihrer Subjektivität wegen, weil der angeborene Wahrheitstrieb und Wahrheitssinn durch den Hang zur Lüge vergiftet werden kann. Noch weniger kann die Forderung allgemeiner Gleichberechtigung, der Freiheit und Gleichheit, ausreichen; denn sie ist meist eine einhaltslose Phrase und nur berechtigt gegenüber dem heteronomen Geisteszwang. Nicht auf Freiheit vom Gesetz, sondern auf eine willige Unterwerfung unter das "autonome" - Gesetz kommt es an. Daraus erwächst die sittliche Freiheit, die Herrschaft der autonomen praktischen Vernünftigkeit. Diese ist aber nicht indeterministisch zu verstehen, als  liberum arbitrium indifferentiae  [absolute Wahlfreiheit und Willkür - wp], sondern ist die reine Determination des Willens durch die Vernunftzwecke. Auch auf dem Gebiet der Transzendenz kann von einer indeterministischen Freiheit nicht geredet werden; denn jeder Akt des Absoluten ist logisch motiviert, und das All-Eine als funktionierendes absolutes Subjekt determiniert jeden Individualcharakter, teils unmittelbar, teils durch organische Zwischenglieder. Die Unkenntnis dieses in der "Nacht des Unbewußten" vorgehenden Determinations- und Motivationsprozesses erweckt den Schein der "Freiheit", deren Bedeutung nichts anderes ist als das Gefühl der Selbstmittätigkeit, durch welche das autonome Gesetz im Individuum, einem phänomenalen Teil des Absoluten, verwirklicht wird. Kristallisationsformen der Vernunftmoral sind die Ideen und Postulate der Ordnung, der Rechtlichkeit und Gerechtigkeit. Mit dem Rechtssinn, welcher das Bestehende wahrt, weil und soweit es der Niederschlag der autonomen Vernunft ist, muß sich aber der Billigkeitssinn verbinden, welcher als subjektive Vernunftbetätigung im Gegensatz zum historischen Recht Original- und Genialerscheinungen beurteilt.

Das höchste Prinzip der Vernunftmoral ist, wie schon versteckt angedeutet, das des Zwecks. Zweck ist die Anwendung des Logischen auf das Unlogische, und Teleologie ist die allgemeinste Form für das Praktischwerden der Vernunft. Sittlichsein heißt: die Zwecke der absoluten Vernunft in das Bewußtsein aufnehmen, und sittlich handeln bedeutet: "die Zwecke des Unbewußten zu Zwecken des Bewußtseins zu machen", das absolut gesetzte System von Zwecken ein zweites Mal mit individuellem Bewußtsein setzen und so an der Harmonie von niederen und höheren, Mittel- und Endzwecken mitarbeiten. Welches ist aber der Inhalt des absoluten Zwecks, auf das die unbewußte Seinsentwicklung zusteuert, und dessen bewußte Förderung die Sittlichkeit des Individuums ausmacht? Welches sind die  Ziele der Ethik? 

Als erstes Ziel wurde genannt und ist zu nennen, nachdem der "Bankrott des Egoismus" eingesehen ist, der Sozialeudämonismus, die Förderung des Gesamtwohles in der Menschheit. Soll aber dieses Streben nicht zu einer wechselseitigen "Narrung" der Individuen werden, so darf sein Ziel nicht als positiver Glückseligkeitszustand, sondern nur als die relative Erträglichkeit eines vom "Selbsterhaltungsinstinkt" gebotenen Daseins aufgefaßt werden. Zur Erreichung dieses "negativ eudämonologischen" Ziels haben nun alle die obengenannten Triebfedern der echten Sittlichkeit mitzuwirken, und kaum wirksamer läßt sich das Wohl aller fördern, als wenn man die Sittlichkeit aller befördert. Anders aber als auf dem Boden des Pessimismus, welcher die Selbstverleugnung des Einzelnen zugunsten der Gesamtheit gebietet, kann eine Möglichkeit dieses "positiven" sittlichen Verhaltens nicht eingesehen werden. Der (negative) Sozialeudämonismus erweist mithin den Pessimismus als "Grundpfeiler der Sittlichkeit". Freilich ist das Prinzip hier noch unfertig, weil es, platt ausgelegt, direkt zur Sozialdemokratie führt. Das Ziel der Sittlichkeit ist also noch genauer zu präzisieren als Prinzip der "Kulturentwicklung", und diese will die Vernunftidee derart realisieren, daß ihr "Bewußtseinsreflex Willensinhalt wird" in der Gesamtheit. Damit ist das letzte Ziel des Evolutionismus genannt: die fortschreitende Förderung des Gesamtwohls konzentriert sich in der Entfaltung der "sittlichen Weltordnung", im Auswachsen und dem Sichauswirken der teleologischen Organisation der Menschheit. Zur Gewinnung dieses letzten Zieles der Sittlichkeit werden von der "unbewußten Teleologie" benützt als Lockmittel die im Individuum erweckten Jllusionen positiver Glückseligkeit ("List der unbewußten Idee"), und als Aufstachelungsmittel das Leid und das Böse ("Kakodizee" [Rechtfertigung des Bösen - wp], Unterscheidung des "normalen" und "abnormen" Bösen).

Um die Ethik zum endgültigen Abschluß zu bringen, um Übel und Leid "spekulativ zu rechtfertigen", um den Egoismus aus seinem letzten Schlupfwinkel zu vertreiben, muß nun das absolute Telos der unbewußten Teleologie mit ihrer "planvoll ordnenden und leitenden Hand" näher bestimmt werden. Hierzu müssen wir über die Sphäre der Individuation hinausgehen und den Urgrund der Moral tiefer als in der objektiven Erscheinungswelt suchen, nämlich im Verhältnis des Individuums zum All-Einen, des Eigenwillens zum absoluten Willen, des Ich zum Unbewußten. Denn die Totalität des Begriffs der sittlichen Weltordnung erschöpft sich nur als "Einheit der absoluten, subjektiven und objektiven" (Phänomenologie, Seite 770 und 729). Die subjektive sittliche Weltordnung, welche durch die genannten Triebfedern und gemäß den Zielen des echtsittlichen Bewußtseins vom Individuum verwirklicht werden soll, ist das Prius der objektiven, sofern letztere aus den Einzelbetätigungen der ersteren zusammengerinnt; die genannten subjektiven Ziele und Triebfedern aber sind, wenn und soweit sie echtsittlich sind, die treibenden Zwecke des Absoluten selber.

4. Hier muß unsere Untersuchung abbrechen. Wir wollten den  moralischen  Beweis für den Pessimismus prüfen, welchen HARTMANN mit Emphase für eines der drei "unabhängigen" Glieder seines Induktionsbeweises ausgegeben hat. Wir sind nicht überrascht vom Resultat, scheuen uns aber auch nicht vor dem schärfsten Wort, in welches wir das Ergebnis unserer Prüfung zusammenfassen: HARTMANNs moralischer Beweis für den Pessimismus ist ein großartiger literarischer Humbug. Denn es ist nicht wahr, daß die Kritik des sogenannten pseudo-moralischen Bewußtseins und die Entwicklung der echtmoralischen Prinzipien den Pessimismus als ethisches Postulat darzulegen vermag; HARTMANN muß ja selber zuguterletzt die Geschütze der Metaphysik und  seiner  Metaphysik auffahren, um den Egoismus, den Todfeind der Ethik und des Pessimismus, zu demaskieren. Und hat er den Egoismus überwunden? HARTMANN nennt als absolute Moralprinzipien, als Ideen, welche in absoluter Weise zu sittlichem Handeln verpflichten sollen, die Wesenseinheit der Individuen unter sich und deren Wesenseinheit mit dem Absoluten selber, und das Prinzip von dessen Wirken ist die Teleologie seiner Seinsentfaltung, und deren Telos ist der "negative Eudämonismus", die Erlösung des Seienden von der Qual des Daseins, seine Auslöschung in das Nichtsein, das Nirvana. Die "Einsicht" in  diese  metaphysischen Verhältnisse und darein, welchem Ende sie zutreiben, soll den Egoismus besiegen, soll das Individuum vermögen zur Hingebung seines Eigenwillens in den Dienst des absoluten Prozesses als der absoluten Teleologie, dazu, daß es die unbewußten Zwecke des Absoluten zu Zwecken seines individuellen Bewußtseins annimmt (Phänomenologie, Seite 836). Für eine solche Sittlichkeit, für die opferwillige Hingabe seiner Persönlichkeit verheißt der Pessimismus dem Ich eine "selbstlos resignierte und ethisch tatenfreudige Stimmung", "Gewissensruhe" und "religiösen Herzensfrieden", kurz, mitten im Elend des Daseins unter allen möglichen Lebenslagen die relativ erträglichste (vgl. "Zur Geschichte und Begründung des Pessimismus", 1880, Seite 99f und 128). Man braucht es nicht zu nennen, daß hier der Teufel des positiv eudämonistischen Egoismus ausgetrieben werden will. Das Ich soll sich entsagen, auf daß ihm wohl sei - daß im "vorläufig", in der Zeit seines irdischen Phänomenalseins wohl sei; so steht es schon in der "Philosophie des Unbewußten". Das ist eine alte Geschichte. Schon im Buddhismus haben sie angefangen, das Nirvana in ein Paradies umzudeuten, wie HARTMANN sehr gut weiß. Ohne pessimistische Wortverschwendung hat es der Epikuräismus zu der ethischen Maxime gebracht: Halte Maß im Genießen, auf daß du alles genießen kannst. Und auch bei VOLTAIRE findet sich irgendwo der Gedanke: die Menschen lieben pessimistisch zu reden und optimistisch zu leben. Das liebe Ich soll entsagen, weil es nur so am ehesten mit dem Leid des Lebens fertig wird und am feinsten die höhere Lust des Lebens zu genießen vermag - so redet HARTMANN selber (Zur Geschichte des Pessimismus, Seite 128). Das Ich soll alles "sittlich" genießen, nachdem es eingesehen hat, daß alles nichts ist; es soll sittlich sein, weil es weiß, daß alle Sittlichkeit, wie auch alle Individualität selbst, etwas Relatives, eine ins Nichts hinschwindende Phänomenalität ist. Was ist die Ethik des Pessimismus? Inhaltlich ist sie die spekulativ autorisierte Heuchelei: die Lust ist Jllusion, darum sollst du dir das relativ größtmögliche Lustquantum sichern durch eine stete Förderung und Losbindung der "absoluten" Zwecke. Der Form nach ist die pessimistische Ethik die auf dem Weg der Beweiserschleichung wandelnde Abführung der "unbewußten Philosophie"  ad absurdum.  Die Vertröstung des Eigenwillens auf einen relativ höheren Genuß, wenn er sich verleugnend an sich hält, und die Motivierung dieses Trostes durch einen hohlen metaphysischen Intellektualismus des Unbewußten kann wahrlich kein weltbezwingendes, kulturerneuerndes "Du sollst" des sittlichen Pflichtbewußtseins erzeugen. Das philisterhafte Sollen des Pessimismus wird durch das nächstbeste philisterhafte "Ich mag nicht" in allen Nerven gelähmt. Wenn der Philister wir reden in HARTMANNs Sprache, wollen aber die sittliche Verruchtheit hier gar nicht als Beispiel nennen - wenn der Philister argumentiert: es ist für den schließlichen Enderfolg der teleologischen, "providentiellen" [der Vorhersehung nach - wp] Seinsentfaltung  vollkommen  gleichbedeutend, ob ich mag oder nicht mag, das frühere oder spätere Eintreten der "Erlösung" des in der Welt inkarnierten Gottes von der Qual seines Seinsprozesses ist mir  vollkommen  gleichgültig: - dann mag der Pessimismus eine solche Argumentation bedauern, widerlegen kann er sie nicht.

Das nennen wir die  philosophische  Bedeutung der pessimistischen Ethik (die wir oben nur von ihren vorteilhaften Seiten, in einem inneren Zusammenhang ihrer "Prinzipien", mit Unterdrückung ihrer sinn- und zahllosen Inkonsequenzen, darzulegen bemüht waren), daß von demjenigen, welcher dieselbe bis in ihre metaphyischen Ausläufer und Wurzeln durchschaut, jeder sittlichen Forderung gegenüber die bezügliche Unsittlichkeit gerechtfertigt werden kann. Generalabsolution für alles Vergangene und Künftige eines Menschenlebens ist in dem Gedanken enthalten, welchen HARTMANN im Vorwort zu einer seiner Schriften ausspricht: er überlasse seine Ideen getrost der "Vorsehung", ob sie dieselben nützen oder zunichte machen will; denn sie, die Teleologie des absoluten Subjekts, hat alles unterschiedslos veranlagt und ausgewirkt, mag es nun ihr Telos direkt fördern oder indirekt fördern, wie das von der "Naturheilkraft" des Absoluten abzustoßende Böse. Die Falschheit der pessimistischen Ethik ruht auf der Verkehrtheit der pessimistischen Metaphysik, und diese kann nur mit  logischen  Mitteln widerlegt werden (vgl. die Andeutungen "Der Pessimismus in seinen psychologischen und logischen Grundlagen", diese Zeitschrift, Bd. 82, Seite 249-263). - Mein Urteil soll die kritische Bedeutung von HARTMANNs "Phänomenologie des sittlichen Bewußtseins" nicht berühren, dieselbe auf ihre Form angesehen. Inhaltlich ist die Kritik in prinzipiellen Dingen unrichtig, und was in ihr richtig ist, die dogmatische Verurteilung des Egoismus, der perennierenden [immerwährenden - wp] Elendsquelle in Sein und Leben, das ist, zugleich mit der richtigen Begründung, schon längst erkannt und durch die christliche Philosophie zum Gemeingut auch der nichtphilosophischen Welt geworden.

5. Gegen die Ethik des Pessimismus sind in neuester Zeit zahlreiche Schriften erschienen. Empfehlend erwähne ich zum Schluß meiner Abhandlung die von SOMMER und BACMEISTER. (3) Der Letztere hält sich genau an den Gedankengang von HARTMANNs  Phänomenologie  und verteidigt gegen dieselbe die positive, christlich-theistische Ethik. Es ist eine zutreffenden Charakterisierung der Methode HARTMANNs, wenn BACMEISTER (Seite 141) ausführt: beim Suchen nach einem obersten und einheitlichen Moralprinzip wird man von einer Tür zur andern gewiesen, und schließlich langt man bei der Vernunft an; der Intellekt soll dem Willen den positiven sittlichen Inhalt verschaffen; woher aber der Intellekt selbst ihn hat, erfährt man nicht, oder - fügen wir bei - erfährt man höchstens aus dem pantheistischen Dogma, wonach der menschliche Intellekt eine Wesensteil (4) des absoluten Intellekts ist, und dieser, das "unbewußte Vorstellen", weiß von Ewigkeit her nicht, wie und woher ihm ein Inhalt zufließt und wie er weiterzugeben ist. Wir werden im Nebel herumgeführt; KANTs kategorischer Imperativ schwebt in der Luft, und doch ist dieser Versuch, dem Willen einen Inhalt zu geben, noch besser - weil er einigen Rückhalt hat an der Gottesidee bei KANT - als das beständige Hinausschieben der Frage, wie es der Pessimismus tut. Statt endlich einmal anzugeben, was denn das oberste und alle anderen umschließende Moralprinzip ist, wird auf einmal gesagt: man dürfe von einem normal organisierten Menschen unseres Jahrhunderts voraussetzen, daß sein Charakter ein hinlängliches Maß moralischer Anlagen in sich birgt. Inhalt und Einheit dieser Anlagen werden nicht genannt; die eigentlichen Moralprinzipien "zeigen eine große Mannigfaltigkeit von Geistesformen des Sittlichen" (Phänomenologie, Seite 435). Worauf sich das menschliche Ethos gründet, heißt dies, weiß der Pessimismus nicht; darum soll man beim absoluten Telos fragen, und dieses kann keine Antwort geben, weil ihm das "Bewußtsein" fehlt. - Ungenügend finde ich es an BACMEISTERs Buch, daß, statt einer ungemischten Entwicklung der gegnerischen Aufstellungen, des öfteren die theologischen Gegengründe zu bald kommen. Auch werden hin und wieder die Gedanken HARTMANNs in einer Form wiedergegeben, welche den Sinn derselben an ihrem Ort und im Zusammenhang nicht ganz trifft. Bedauerlich ist es aber, daß BACMEISTER in seinem theologischen Konfessionalismus nicht wenige historische und sachliche Verstöße verschuldet, welche seine Arbeit verunzieren (5).

Während BACMEISTER mehr eine theologische Apologetik [Rechtfertigung - wp] gegen den Pessimismus gibt, enthält SOMMERs Buch eine rein philosophische Widerlegung desselben. Ein Hauptargument besteht in dem vollkommen richtigen Gedanken: HARTMANN beobachtet nicht die lebendigen Formen der gegebenen Wirklichkeit, sondern setzt durch eine falsche Abstraktion inhaltlose Formeln an deren Stelle, welche er von psychologisch abnormen Modellen abgezogen hat. Einem solchen Verfahren stellt SOMMER den thematischen Grundgedanken entgegen: Die (realen) Voraussetzungen der Vernunft, des Gewissens und des religiösen Gefühls sind das höchste Wirkliche, welches wir kennen; sie sind das Maß aller Dinge, die obersten Kategorien allen Wertes und aller (empirischen) Wirklichkeit; sie bilden das unverrückbare Zentrum unseres Lebens und unseres Erkennens, welches allem Leben und allem Erkennen erst Bedeutung, Einheit und Zusammenhang gibt (Seite 170). Unter diesem Gesichtspunkt entwirft er einen kurzen Grundriß der Sittenlehre, dem man an einzelnen Punkten etwas mehr prinzipielle Geschlossenheit und Schärfe wünschen möchte. Alsdann werden die Hauptgedanken des Pessimismus und der Ethik des Pessimismus entwickelt. Auch hier könnten wohl manche Zitate aus HARTMANN gekürzt werden, unbeschadet der Objektivität und zum Gewinn für die schlagfertige Gedankenfolge. Ein hervorzuhebender Vorzug der Schrift von SOMMER ist es, daß eine, der HARTMANNschen glänzenden Schilderungskunst gegenüber sehr schwierige Aufgabe nicht umgangen ist, nämlich daß die Schlüsse, welche HARTMANN aus so vielen Karikaturen der psychologischen Beobachtung zieht, mit einem feineren psychologischen Sinn geprüft, modifiziert, widerlegt werden. Gerade auf dem Gebiet der psychologischen Beobachtung trifft es ja zu, daß Beweisen und Widerlegen leicht ist, hat man nur einmal einen "ersten Satz", daß aber dessen Herausarbeitung nicht Sache der bloßen Technik ist. Am wichtigsten ist die Verteidigung des  Gewissens,  welches HARTMANN unter der Bezeichnung "Kollektivausdruck für die jeweilig erreichte Entwicklungsstufe unseres gesamten sittlichen Lebens und Bewußtseins" wie andere Fundamentalbegriffe der Ethik, z. B. die sittliche Verantwortlichkeit, in nichts verflüchtigt hat. Darum findet in der Verfechtung des Daseinselends gerade der Übel größtes, die Qual des  bösen Gewissens,  auffallender- oder natürlichweise keine Stelle  (Sommer,  Seite 96f und 121f). Schließlich soll nicht verschwiegen werden, daß SOMMER durch einen zu dogmatischen Anschluß an LOTZE sich selbst nicht wenig beengt hat. LOTZEs hochideale, tiefsinnige Weltanschauung steht wie ein lichtes Engelbild neben den  Mephisto-Gesichtern des Pessimismus. Aber der "panpsychistische" Zug hat den Meister in der Verbindung des idealen und exakten Denkens dem unwahren Monismus nahe gebracht. Wird mit  Sommer  (Seite 142) die metaphysische Frage so gestellt: wie das Absolute es anfängt, neben und außer der Form seines zentralen, persönlichen Lebens noch in unzähligen Einzelwesen für sich zu sein - dann ist der unrichtigen Fragestellung wegen keine Antwort möglich. Nicht eine individuelle philosophische Weltauffassung, sondern die allgemeine, natürliche Logik ist gegen HARTMANN zunächst zu verteidigen; alsdann tritt die reale Metaphysik und weiterhin die reale Ethik des Theismus wie von selbst in ihr vernünftiges Recht ein.

LITERATUR - Carl Braig, Carl Braig, Der Pessimismus in seinen ethischen Grundlagen, Zeitschrift für Philosophie und philosophische Kritik, Neue Folge, Bd. 84, Halle/Saale 1884
    Anmerkungen
    1) Da wir auf diesen Punkt nicht mehr zurückkommen, sei die selbstverständliche Bemerkung gestattet, daß hier die ganze Verkehrtheit der Abstraktionsmethode HARTMANNs zutage tritt. Alle psychologische Beobachtung  muß  von Ich ausgehen trotz aller Schwierigkeiten. Und zumal die abschließenden Beurteilungen über die sittlichen Handlungen dritter Personen sind meist unmöglich, weil wir die ethische Seele derselben, das Walten der Gesinnung, nicht unmittelbar wahrnehmen können. HARTMANNs Methode aber  muß  zum unsittlichen Aburteilen über den Nebenmenschen führen.
    2) Dieser Satz aus "Phänomenologie etc.", Seite 163, beweist die Verkehrtheit von HARTMANNs Theorie über die "Seelenvermögen". Das Gefühl ist das tiefste "Vermögen" der Seele, aber weder eine inhaltliche "Quelle" des Erkennens, noch ein inhaltliches "Prinzip" für das Handeln. Wir möchten das Gefühl die Leitungsnorm oder, mit einem anderen Bild, den Spürsinn für eine Auffindung der theoretischen und praktischen Prinzipien heißen.
    3) HUGO SOMMER, Der Pessimismus und die Sittenlehre (gekrönte Preisschrift, 2. Auflage 1883) - ALBERT BACMEISTER, Der Pessimismus und die Sittenlehre, mit besonderer Berücksichtigung von Eduard von Hartmanns "Phänomenologie des sittlichen Bewußtseins". Ein Beitrag zur christlichen Apologetik. Gütersloh 1882.
    4) Phänomenologie, Seite 817: "Mein Geistesleben ist nur ein Tropfen im Kelch des ganzen Geisterreichs, aus dem  Ihm  die Unendlichkeit schäumt; aber freilich ist auch dieser winzige Tropfen Geist von seinem Geist und Leben von seinem Leben, mag er immerhin als Tropfen für sich gerundet und individuell geschlossen sein."
    5) vgl. Seite 35, 50, 82, 102, 130, 177. Seite 87 ist gesagt, daß mit dem Satz der doppelten Wahrheit "bekanntlich die Scholastik ihr Fiasko erklärt habe". Bekannt aber ist soviel, daß es ein Axiom der scholastischen Philosophie ist "Verum vero minime contradicit" [Wahr ist das was sich nicht widerspricht. - wp], und daß dieses Axiom den Ausstellungen des PETRUS POMPONATIUS auch autoritär gegenübergehalten wurde. Vgl. HARDUIN, Acta concil. tom. 9, Seite 1719f, Paris 1714.