ra-1ra-1tb-2Emile du Bois-ReymondLeonard Nelson    
 
EMILE MEYERSON
(1859-1933)
Identität und Wirklichkeit
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"Eine brauchbare mechanistische Theorie gibt es in der Physik eigentlich nur für die Erscheinungen des gasförmigen Zustandes, denen man aufgrund neuerer Arbeiten noch die Erscheinungen in gewissen Lösungen an die Seite stellen kann. Was die verschiedenen Formen der Energie betrifft, so hat ihre Vereinheitlichung durch die Arbeiten von Heinrich Hertz große Fortschritte gemacht, durch welche die weitschauenden Ideen von Maxwell über die Identität von Licht und Elektrizität bestätigt worden sind. Aber es fehlt noch sehr viel daran, daß die Zurückführung der verschiedenen Energieformen auf mechanische Bewegung vollendete Tatsache wäre."


Zweites Kapitel
Die Mechanistik

Liest man in einem populärwissenschaftlichen Werk oder in einem solchen des philosophischen Materialismus (als Beispiel kann man ERNST HÄCKELs  Welträtsel  nehmen), so könnte man auf den Gedanken kommen, daß die mechanistische Theorie eine abgeschlossene logische Konstruktion sei, die, wenn nicht auf die Gesamtheit, so doch auf die ganz überwiegende Mehrheit der Naturerscheinungen anwendbar ist. Man braucht aber nur ein wenig genauer hinzusehen, um sich zu überzeugen, daß dies eine Täuschung ist. Daß alle Erscheinungen der organischen Materie sich aus denen der anorganischen müßten erklären lassen, ist ein Postulat, das von jeher von vielen Denkern aufgestellt worden ist. "Ich setze voraus, sagt DESCARTES, daß der Leib (des Menschen) nichts anderes sei als eine Bildsäule oder eine Maschine aus Erde". (1) LEIBNIZ schreibt: "Alles, was im Körper des Menschen oder irgendeines Tieres geschieht, ist ebenso mechanisch wie das, was in einer Uhr geschieht". (2) Und im 19. Jahrhundert behauptet CLAUDE BERNARD gleichfalls, daß es "zwischen der Wissenschaft von den belebten und der von den toten Körpern keine Schranke geben könne." (3) Aber in Wirklichkeit sind das alles nur Postulate. WEn auch in dieser Richtung einige Fortschritte gemacht worden sind, besonders durch die Ideen, die sich an die Namen LAMARCK und DARWIN knüpfen und wenn wir auch dank solcher Arbeiten wie der von JAGADIS-CHUNDER BOSE, (4) von TRAUBE, von A. L. HERRERA und von S. LEDUC (5) vage Analogien zwischen der toten und der lebenden Materie zu ahnen beginnen, so ist doch das bisher auf diesem Gebiet Geleistete geringfügig im Vergleich zu dem, was noch zu leisten ist. In Wahrheit kann man einstweilen in den heutigen physiologischen Theorien die schwachen Spuren einer mechanischen Erklärung soeben  unterscheiden.  Man denke etwa an folgendes: wir haben zwei Keime vor uns, zwischen denen die mikroskopische Untersuchung nicht den geringsten Unterschied entdecken kann; und doch ist der eine der Keim eines Menschen, der andere der einer Katze! Nun  müssen  aber solche Unterschiede vorhanden sein. Ja sogar bei zwei Brüdern, die beide ihrem gemeinsamen Vater ähnlich sehen werden, müssen sämtliche Eigentümlichkeiten ihrer späteren Entwicklung, die unendlich feinen Unterschiede, die zwischen ihnen bestehen werden, sich aus den mechanischen Anordnungen der Teile in ihren Keimen erklären.

Diese Schwierigkeiten sind oft genug auseinandergesetzt worden und EDUARD von HARTMANN hat sie in einer seiner letzten Abhandlungen in ausgezeichneter Weise zusammengefaßt. (6) Aber wieviel Verstöße gegen die Logik gibt es nicht in der anorganischen Wissenschaft selbst! Zwar ist in fast jedem Kapitel von Atomen und Molekülen die Rede; aber man würde sich sehr täuschen, wenn man vermutete, daß mit diesen Bezeichnungen in den verschiedenen Kapiteln dieselben oder auch nur sehr ähnliche Begriffe gemeint seien. So scheint z. B. auf den ersten Blick die Chemie seit den Zeiten DALTONs und AVOGADROS der Tummelplatz der Atomtheorien zu sein. Unaufhörlich ist da von diesen Atomen und Molekülen die Rede und man stellt sogar "Konstitutionsformeln" auf, die ihre räumliche Anordnung wiedergeben sollen. Aber das alles ist bloßer Schein. Das chemische Atom mit seinen vielfältigen und geheimnisvollen Eigenschaften, die im Molekül auf nicht minder geheimnisvolle Weise deren andere erzeugen, hat außer dem Namen sehr wenig mit dem Atom der mechanistischen Theorie gemein, dessen Hauptkennzeichen darin besteht, daß es nur  eine  Eigenschaft, die Masse, besitzt und nur eine einzige Wirkungsart kennt. Allenfalls die allerneuesten Arbeiten, die an SVANTE ARRHENIUS' Ionentheorie anknüpfen, lassen die Möglichkeit eines Übergangs (wenn nicht sogar einer Aussöhnung) zwischen den beiden widerstreitenden Begriffen ahnen. (7) So anstoßerregend ist dieser Gegensatz, daß man erleben konnte, wie einer der Theoretiker und zwar einer der angesehensten, nach langen fruchtlosen Versuchen öffentlich zugab, daß er an der Möglichkeit eines Erfolges in dieser Richtung verzweifle und die Lösungen auf einem ganz anderen Weg suche. (8)

Eine brauchbare mechanistische Theorie gibt es in der Physik eigentlich nur für die Erscheinungen des gasförmigen Zustandes, (9) denen man aufgrund neuerer Arbeiten noch die Erscheinungen in gewissen Lösungen an die Seite stellen kann. Was die verschiedenen Formen der Energie betrifft, so hat ihre Vereinheitlichung durch die Arbeiten von HEINRICH HERTZ große Fortschritte gemacht, durch welche die weitschauenden Ideen von MAXWELL über die Identität von Licht und Elektrizität bestätigt worden sind. Aber es fehlt noch sehr viel daran, daß die Zurückführung der verschiedenen Energieformen auf mechanische Bewegung vollendete Tatsache wäre. Es ist sogar auf diesem Gebiet ein unbestreitbarer Rückschritt erfolgt. Die Theorie FRESNELs hatte nämlich das Licht auf Ätherschwingungen zurückgeführt, eine Bewegung, die freilich in gewisser Hinsicht unbestimmt war und die in einem noch weniger bestimmten Medium erfolgen sollte, aber es war doch eine Bewegung, deren rein mechanische Natur ausdrücklich postuliert wurde. Gegenwärtig jedoch gilt das Licht als eine elektrische Erscheinung. Nun ist es aber, solange die Wissenschaft die elektrischen Erscheinungen untersucht, noch nicht gelungen, eine Theorie aufzustellen, die auch nur entfernt den Anspruch erheben könnte, eine mechanische Theorie der elektrischen Erscheinungen zu sein. Nicht als ob man sie nicht gesucht hätte. Bekanntlich hat CLERK MAXWELL, einer der größten theoretischen Physiker aller Zeiten, sich unaufhörlich um die Lösung dieses Problems bemüht. Er hat sich unendliche Mühe gegeben, in jedem einzelnen Fall die  Möglichkeit  einer mechanischen Erklärung zu beweisen. Aber sehr oft hat er dabei halt machen müssen; wenn er dagegen versuchte seine Vorstellungen zu präzisieren, so gelangte er nur zu widerspruchsvollen Bildern. POINCARE, der unter unseren Zeitgenossen zu einem Urteil auf diesem Gebiet zweifellos am ehesten berechtigt ist, hat, ungeachtet seiner tiefen Bewunderung für MAXWELL, nicht die Abneigung verleugnet, die jeder logische Kopf seiner Meinung nach gegenüber diesem Teil des Werkes des großen Theoretikers empfinden muß. (10) Man braucht übrigens nur ein neueres Buch, wie etwa das von O. LODGE aufzuschlagen und sich die äußerst fein ausgedachten mechanischen Modelle anzusehen, die dieser ausgezeichnete Physiker konstruiert, (11) um sich davon zu überzeugen, daß die Frage seitdem noch nicht viel weiter gekommen ist. (12) Nur beiläufig wollen wir bemerken, daß gerade dieser offensichtliche Rückzug der mechanistischen Theorie zum großen Teil die Entstehung der entgegengesetzten Tendenz erklärt, welche die mechanischen Erscheinungen auf diejenigen der Elektrizität zurückführen will. (13)

Aber selbst wenn man von dieser neuesten Entwicklung absieht und sich auf die Betrachtung einer noch nicht weit zurückliegenden Vergangenheit beschränkt, so bemerkt man leicht, daß auch in der Blütezeit der FRESNELschen Theorie von einer vollständigen Zurückführung auf Mechanik nicht die Rede sein konnte. Denn wenn auch die Wellenbewegung dem Geist ein hinreichend klares Bild lieferte, so blieb doch das Substrat dieser Bewegung, der Äther, in die dichtesten Neben eingehüllt. Bald muß man sich dieses "Medium" als stetig, bald als aus diskreten Teilchen zusammengesetzt vorstellen; einerseits gleicht es einem aufs äußerste verdünnten Gase, andererseits einem festen Körper, der unendlich viel starrer ist als Stahl; alle diese Schwierigkeiten und Widersprüche, in die sich jeder verwickelt, der versucht, sich vom Äther eine einigermaßen genaue Vorstellung zu machen, sind so oft dargestellt worden, daß wir es für überflüssig halten, noch länger bei ihnen zu verweilen. (14) Eine besondere Schwierigkeit, die seit einer Reihe von Jahren die Physiker viel beschäftigt, ergibt sich aus dem Resultat der Versuche von MICHELSON und MORLEY, das man mit der Aberrationstheorie BRADLEYs nicht in Einklang zu bringen vermag, so daß man sagen darf, daß wir uns gegenwärtig den uns umgebenden Äther weder als ruhend noch als von der Erde in ihrer Bewegung mitgeführt vorstellen können oder vielmehr, daß wir abwechselnd die eine und die andere Voraussetzung machen müssen. - Betrachten wir diese seltsame Anomalie als eine definitiv feststehende Tatsache, so sind wir genötigt, auf ihr eine Theorie zu errichten, welche die Gesamtheit der Erscheinungen der Sinnenwelt umfaßt und die Grundlagen der Mechanistik, wie MAXWELL sie sich vorstellte, völlig zerstört.

Die Schwierigkeiten, die wir soeben auseinandergesetzt haben und deren Aufzählung man beinahe unbegrenzt fortsetzen könnte, sind, wie man sieht, sehr beträchtlich. Wir würden aber einen Fehler begehen, wenn wir ihre Tragweite übertreiben würden. Sind sie absolut unlösbar? Man hat das oft behauptet, allerdings ohne einen, wenn auch noch so schwachen Beweis dafür zu liefern; zweifellos hat man den "negativen Dogmatismus" in dieser Hinsicht häufig zu weit getrieben. So behauptet z. B. AFRIKAN SPIR, die mechanistischen Theorien seien niemals imstande, weder die organischen Erscheinungen noch auch die Verschiedenheit der chemischen Urstoffe zu umfassen. (15) HANNEQUIN hat erklärt, man brauche für jede Klasse von Erscheinungen einen spezifischen Äther und die Eigenschaften dieser verschiedenen Medien "ständen zueinander in tiefstem Gegensatz und seien schlechthin unvereinbar" (16) und er hat insbesondere die elektromagnetische Theorie des Lichts verworfen (17); seiner Ansicht nach schafft die Theorie einfach, indem sie zum Atom herabsteigt, "einen Mikrokosmos, in dem sich alle wesentlichen Züge vereinigt finden, die sie erklären soll"; "immer wieder ertappt man sie dabei, wie sie auf die eine oder andere Weise in das Atom oder das Individuum diejenigen Eigenschaften hineinträgt, die vom Ganzen, das jene zusammensetzen, verlangt werden. (18) Wir werden später sehen, daß in diesen Negationen ein Stück Wahrheit steckt, wenn man unter  Qualität  das  quid proprium  [das Wesentliche - wp] der Erscheinung als Empfindung versteht. Aber wenn man sie wörtlich nimmt, sind sie bestimmt unrichtig. Wären die wissenschaftlichen Theorien tatsächlich so unfruchtbar, so hätten sie nicht einmal den Wert einer Scheinerklärung und wären gleichzeitig unbrauchbar zur Verknüpfung der Gesetze; man verstände wahrhaftig nicht, wie sich die Menschheit so lange bei so eitlen Spielen aufhalten konnte und noch aufhalten kann und ihre Täuschung selbst wäre eigentlich unerklärlich.

In Wirklichkeit ist es vollständig unmöglich, der wissenschaftlichen Erklärung in dieser Richtung Schranken zu setzen. Viele Hindernisse, die in einem gegebenen Augenblick so gut wie unübersteigbar erscheinen, sind dennoch besiegt oder umgangen worden. Anstatt die Unterschiede, die zwischen den verschiedenen Klassen von Erscheinungen bestehen, als endgültig hinzunehmen, bemühten sich die Naturforscher im Gegenteil in geduldigen, von allen Seiten vorgeschobenen Untersuchungen sie nach und nach zu verringern. Es ist sicher, daß die elektromagnetische Lichttheorie in dieser Richtung einen ungeheuren Schritt vorwärts bedeutet hat; dasselbe gilt von der Ionentheorie, die den Weg zu weisen scheint, auf dem es schließlich gelingen wird, die Spezifität der chemischen Erscheinungen zum Verschwinden zu bringen; dasselbe gilt endlich auch von der elektrischen Theorie der Masse, die die mechanischen Erscheinungen an die elektrischen anknüpft. Und um noch einen besonderen Punkt zu erwähnen: die rein mechanische Theorie des Äthers wird seit einigen Jahren infolge der Vorherrschaft der elektrischen Theorien etwas vernachlässigt; aber aus einer Abhandlung, die LORD KELVIN dem internationalen Kongreß für Physik im Jahre 1900 vorgelegt hat, (19) kann man entnehmen, daß der Gegensatz zwischen den anscheinend so widersprechenden Eigenschaften dieses hypothetischen Mediums sich bereits stark vermindert hat. Sollte sich also eines Tages die Gunst der Physiker wieder den mechanistischen Theorien zuwenden - was immerhin möglich ist -, so ist nicht gesagt, daß man nicht Mittel und Wege finden würde, die fraglichen Unstimmigkeiten mehr oder weniger zu beseitigen. Auf jeden Fall ist diese Hoffnung uns nicht untersagt, denn, um es nochmals zu sagen, es ist niemals bewiesen worden, daß die Aufgabe unlösbar wäre.

Dringt man jedoch bis zum Grund der mechanischen Theorien vor, so zeigt sich ein Hindernis, das von ganz anderer Natur ist als die soeben behandelten.

Alle mechanischen Hypothesen haben das miteinander gemein, daß sie versuchen, die Naturerscheinungen mit Hilfe der Bewegung zu erklären: deswegen bezeichnet man zuweilen diese Hypothesen auch als  kinetische,  ein Ausdruck, der allerdings meistens nur auf eine besondere Theorie des gasförmigen Aggregatzustandes angewandt wird. Außer der Bewegung benutzen diese Theorien noch die Begriffe der Masse und der Kraft, zuweilen nur einen von beiden, zuweilen auch beide nebeneinander. Für unsere Analyse müssen wir diese drei Gattungen von Hypothesen trennen. Diejenigen, die nur Masse und Bewegung benutzen, wollen wir (mit einem von BOYLE (20) herrührenden Ausdruck, der sie ganz gut zu kennzeichnen scheint) als  Korpuskularhypothesen,  dagegen die, welche nur Kraft und Bewegung benutzen, als  dynamische  bezeichnen. Dieser Ausdruck ist allerdings zuweilen in einem ganz anderen Sinne gebraucht worden; (21) aber es genügt ja, wenn wir seine Bedeutung genau bestimmen. Für diejenigen Theorien endlich, die sowohl den Begriff der Masse als auch den der Kraft benutzen, kennen wir keine passende Bezeichnung.

Die Korpuskularhypothesen waren diejenigen, die vom theoretischen Standpunkt aus die Menschen von jeher am meisten befriedigt haben. Während einer gewissen Periode haben viele theoretischen Physiker fest an die Möglichkeit geglaubt, alle Erscheinungen allein auf Masse und Bewegung zurückzuführen. Einige hielten diese Zurückführung sogar für nahe bevorstehend. Die Versuche, die erst vor ziemlich kurzer Zeit die großen Physiker LORD KELVIN und HERTZ in dieser Richtung unternommen haben, beweisen, wieviel den Naturforschern daran liegt, sich vom Kraftbegriff zu befreien, der manchen unter ihnen ein Ärgernis ist.

Es ist nicht schwer, festzustellen, woher die Schwierigkeiten kommen. Wie man deutlich an der kinetischen Gastheorie, dem einzig wirklich vollendeten Teil des Systems sieht, setzen die Korpuskulartheorien die Existenz getrennter Partikel, Atome oder Moleküle, voraus. Mit Absicht bedienen wir uns des unbestimmten Ausdrucks  Partikel,  obwohl man sehr oft von  materiellen Teilchen  spricht. Die Materie ist nämlich ein zusammengesetzter Begriff; sie hat eine Temperatur, eine Farbe, zuweilen auch einen Geschmack. Die Korpuskeln aber sind aller dieser Eigenschaften entkleidet; sie haben von der Materie nur wenige Kennzeichen übrig behalten, deren wichtigstes die Masse ist. Diese aber ist für die Korpuskeln wesentlich. Es ist in der Tat unbedingt notwendig, daß sie aufeinander zu wirken imstande sind.

Offenbar kann diese Wirkung nur durch den Stoß erfolgen. Das sieht man deutlich in der kinetischen Gastheorie. Aber wenngleich DANIEL BERNOULLIs "Hydrodynamica", woselbst diese Theorie zum erstenmal in ihren Umrissen vorkommt, erst 1738 erschienen ist, so wird man sich doch nicht wundern, daß das Problem bereits lange vor dieser Zeit von LEIBNIZ und HUYGENS erörtert worden ist. Haben wir doch soeben gesehen, daß die Wirkung durch den Stoß den wesentlichen Bestandteil nicht nur der Gastheorie, sondern jeder Korpuskulartheorie überhaupt bildet. Durch das Studium der Schriften dieser beiden großen Denker kann man sich daher überzeugen, daß das Problem seit ihrer Zeit keine großen Fortschritte gemacht hat.

Bleiben wir jedoch für den Augenblick auf dem Gebiet der Gastheorie, die unseren Zeitgenossen geläufiger ist. Bekanntlich wird in ihr der Druck als Ergebnis der Stöße dargestellt, welche die zahlreichen Teilchen aufeinander und auf die Wände des sie einschließenden Gefäßes ausüben. Aus der Erfahrung wissen wir, daß der Druck eines Gases, das sich in einem gut verschlossenen Gefäß aus undurchdringlichem Stoff befindet, nicht mit der Zeit abnimmt (es sei denn, daß zwischen dem Gas und der Gefäßwand eine chemische Reaktion stattfindet). Daraus folgt, daß die lebendige Kraft der Moleküle bei den äußerst zahlreichen Zusammenstößen, die zwischen ihnen stattfinden, konstant geblieben sein muß.

Wir kennen Körper, die sich ungefähr so verhalten und nennen sie  elastisch.  Wir werden also sagen, daß die Gasmoleküle als vollkommen elastische Körper anzusehen sind. (22) Sie müssen sich ungefähr wie sehr vollkommene Billardkugeln verhalten; übrigens haben die Physiker die Gewohnheit, gerade an Billardkugeln zu denken, wenn sie vom Stoß der Atome sprechen. Worin äußert sich nun die Elastizität der Billardkugel? Sehen wir einmal zu, was passiert, wenn eine Billardkugel eine andere oder die Bande trifft! Zuerst gibt die Bande nach und die Kugel plattet sich ein wenig ab; darauf nehmen Bande und Kugel ihre ursprüngliche Gestalt wieder an und als Folge davon wird die Kugel zurückgeschleudert. Aber warum bleiben die einmal erzeugten Deformationen nicht bestehen?

Man hat zuweilen versucht der Notwendigkeit einer Erklärung dieses Punktes zu entgehen. Beim Stoß unvollkommen elastischer Körper verschwindet ein Teil der kinetischen Energie oder vielmehr er verwandelt sich und erscheint wieder in der Deformation der Körper und in einer Erhöung ihrer Temperatur. Nun sind aber die Moleküle auf Grund ihrer Definition undeformierbar und könen sich auch nicht erwärmen, weil ja gerade in ihrer Bewegung die Wärme besteht. Man schließt nun so: da die Energie erhalten bleiben muß und da sie im vorliegenden Fall sich auch nicht in eine andere Form verwandeln kann, so müssen wir sie notgedrungen nach dem Stoß als kinetische Energie, d. h. als lebendige Kraft wiederfinden. (23)

Das ist aber eine Umkehrung des Problems, die sehr unberechtigt ist. Die Erhaltung der Energie ist, wie wir sehen werden, kein Axiom, und niemand kann behaupten, daß ihr Verschwinden unvorstellbar wäre. Wenn der Druck das Ergebnis molekularer Stöße ist, so muß die lebendige Kraft erhalten bleiben; diese Behauptung ist nichts weiter als die Feststellung der Tatsache, daß der Gasdruck sich erhält; das ist also der Ausdruck für ein Gesetz und formuliert erst das Problem, das es zu lösen gilt, aber es enthält noch keine Lösung. Was wir brauchen, ist vielmehr eine Theorie, die uns erklärt,  wie  so etwas auf mechanische Weise stattfinden kann, ohne daß man genötigt wäre, den Molekülen eine besondere elastische Kraft zuzuschreiben.

Man kann dasselbe Problem noch von einer anderen Seite anfassen. Wir können uns elastische Körper vorstellen, die sich beim Stoß immer weniger deformieren. In der Grenze wird die Deformation Null sein, und der vollkommen elastische Körper wird beim Stoß seine ganze lebendige Kraft behalten. Da sich aber andererseits die betreffenden Körper gar nicht deformieren sollen, so können wir sie ebenso gut als vollkommen unelastisch ansehen; dann werden aber zwei Moleküle, die mit entgegengesetzt gleichen Geschwindigkeiten in zentralem Stoß aufeinander prallen, nach dem Stoß in Ruhe bleiben, weil die beiden Geschwindigkeiten einander aufheben. Das heißt eben, daß vom rein rationalen Standpunkt aus betrachtet bei jedem Zusammenstoß zweier Moleküle eine absolute Unbestimmtheit hinsichtlich der Folgen eintritt, was offensichtlich dem Determinismus, der Grundlage aller Wissenschaft, widerstreitet.

Es ist interessant, aus einer Stelle in NEWTONs  Optik  festzustellen, daß bereits zu seiner Zeit ähnliche Argumente geltend gemacht wurden wie diejenigen, die auf dem Energieprinzip beruhen. Darüber werden sich jedoch nur diejenigen wundern, die glauben, daß die Geschichte jenes Prinzips mit MAYER und JOULE beginnt. In Wirklichkeit diente seit HUYGENS und LEIBNIZ das Prinzip der Erhaltung der lebendigen Kraft in vielen Fällen denselben Zwecken. NEWTON sagt: "Begegnen zwei gleiche Körper einander im leeren Raum in derselben Geraden, so werden sie nach den Bewegungsgesetzen an der Stelle stehen bleiben, wo sie sich treffen und ihre ganze Bewegung verlieren, es sei denn, daß sie elastisch sind und durch ihre Elastizität eine neue Bewegung erhalten ... Sagt man, daß sie nur soviel an Bewegung verlieren können, wie sie an andere Körper abgeben, so wäre die Folge, daß sie im leeren Raum gar keine Bewegung verlieren könnten, sondern bei der Begegnung weiterfliegen und ineinander eindringen müßten." (24)

Wie man sieht, behandelt NEWTON die Forderung, die Erhaltung der lebendigen Kraft als Axiom zu betrachten, nicht sehr ernst; offenbar konnte dieses Prinzip damals nicht entfernt die Autorität beanspruchen, die heutzutage das Prinzip der Erhaltung der Energie genießt. Vor allem bemerkenswert ist aber an diesen wenigen Zeilen, daß NEWTON darin nicht nur die Elastizität, sondern auch die Härte der Körper als der Erklärung bedürftig hinstellt. Auf diesem Punkt werden wir gleich zurückkommen.

Solange es sich übrigens nur um Billardkugeln handelt, ist es nicht allzu schwer, die Schwierigkeit, wenn nicht zu beseitigen, so wenigstens zurückzuschieben. Wir können annehmen, daß die von der Kugel und der Bande zur Schau getragene Tendenz, zur ursprünglichen Gestalt zurückzukehren, bloßer Schein ist und auf molekularen Bewegungen beruth, die wir unbestimmt lassen. Wenn es sich aber um den Stoß der Moleküle selbst handelt, so steht uns dieser Ausweg nicht mehr offn. Würden wir annehmen, daß ihre Elastizität auf den Bewegungen eines feineren Mediums beruth, so müßten wir wiederum dessen Elastizität erklären und dazu ein neues noch feineres Medium erfinden, usw. in infinitum. Es ist dies eine Konsequenz, die LEIBNIZ klar erkannt hat und vor der er übrigens nicht zurückgeschreckt ist, wie man einer Stelle seines  Essai de dynamique  entnehmen kann. (25) Aber die modernen Physiker werden sich sicherlich weigern, ihm hierin zu folgen.

Könnte aber die Elastizität der Moleküle nicht auf Bewegungen der ponderablen Massen selbst beruhen? In dieser Richtung sind vielfache Versuche unternommen worden. So hat P. SECCHI geglaubt eine Erklärung auf einen Satz von POINSOT gründen zu können und diese Theorie, die in Wirklichkeit bloß auf einem einfachen Irrtum des italienischen Astronomen beruhte, (26) hat seitdem bei Philosophen einen ziemlich unverdienten Anklang gefunden. (27) Die Versuche von LORD KELVIN und von HERTZ sind sehr viel ernster zu nehmen. Aber sowie man dem Problem etwas näher auf den Leib rückt, stößt man stets, wie BOLTZMANN festgestellt hat, (28) auf enorme Schwierigkeiten; denn die Komplikation der Hilfshypothesen und der Konstruktionen wird sehr groß, ohne daß es übrigens gelungen wäre, auch nur die einfachste Erscheinung in befriedigender Weise darzustellen. Nun wird aber in diesem Falle die Theorie durch die Komplikation wertlos. Das Atom muß, das sagt uns ein deutliches Gefühl, wenn es wirklich etwas erklären soll, einfach sein. Schreibt man dem Atom eine Struktur und verwickelte Bewegungen zu, so muß man differenzierte Teile in ihm annehmen und muß die Festigkeit d. h. die Kohäsion der Teile postulieren. Wenn von Atomen die Rede ist, so stelle ich sie mir nicht deutlich vor und schreibe ihnen eine Art ganz idealer Einheit zu. Daher erregt ihre Starrheit weniger Anstoß bei mir, obgleich im Grunde die Schwierigkeit dieselbe ist. Hier aber empfinde ich sie auf den ersten Blick und bemerke, daß das harte Atom ebenso sehr der Erklärung bedarf wie das elastische.

Oben haben wir gesehen, daß das korpuskulare Atom mit den uns bekannten Körpern darin Ähnlichkeit hat, daß es wie sie Masse besitzt. Es gleicht ihnen oder vielmehr einer gewissen Klasse von ihnen, den sogenannten  festen  Körpern, außerdem darin, daß es eine bestimmte  Gestalt  besitzen muß. Sehr oft allerdings lassen die Physiker oder Chemiker, wenn sie vom Atom sprechen, diesen Punkt im Unklaren, indem sie höchstens in unbestimmter Weise eine Kugelgestalt voraussetzen. (29) Nur weil die Theorien noch nicht sehr weit entwickelt sind, macht sich der Mangel an Präzision nicht weiter unangenehm bemerkbar. Es ist aber nicht zweifelhaft, daß das Atom in den Korpuskulartheorien wirklich ein kleiner fester Körper ja sogar ein ultra-fester Körper ist; "diese festen Teilchen, sagt NEWTON, sind unvergleichlich viel härter als irgendeiner der aus ihnen zusammengesetzten Körper; sie sind sogar so hart, daß sie sich niemals abnutzen noch je zerbrechen". (30) Diese kleinen festen Körper müssen unbedingt eine Gestalt haben und einen streng begrenzten Teil des Raums erfüllen. Das veranlaßt LASSWITZ zu der Äußerung, daß das Atom vor allem "ein bewegter Teil des Raumes ist, dessen geometrische Teile zueinander in relativer Ruhe sind". (31) Betrachtet man die Sache von diesem Gesichtspunkt, so kann nicht mehr von der unbestimmten idealen Einheit die Rede sein, die wir vorhin gefordert hatten. Der Raum im Innern der Korpuskel hat Teile; woher kommt es, daß diese untereinander so solidarisch sind, warum trennen sie sich nicht beim Stoß, aus welchem Grund kann ein fremder Körper nicht zwischen diese Teile eindringen?

DESCARTES' Theorie war nicht im eigentlichen Sinne eine Korpuskulartheorie. Da jedoch für ihn bekanntlich das Wesen des Körpers in seiner räumlichen Ausdehnung bestand, so stellte sich ihm das Problem in ganz ähnlicher Weise. Er half sich mit der Annahme, diese Kohäsion der Teile sei eine einfache Folge davon, daß die Teile gegeneinander in Ruhe seien. (32) Das war eine wenig befriedigende Lösung und schon LEIBNIZ erkannte klar, daß das Atom, um mechanisch wirken zu können, eines besonderen Wirkungsprinzips bedürfe. (33) Ebenso hat NEWTON, wie wir weiter oben gesehen haben, verstanden, daß die Korpuskel ohne ein besonderes Wirkungsprinzip außerstande ist, im Stoß zu wirken. Immerhin sind einige Erklärungsversuche gemacht worden. Der bemerkenswerteste ist zweifellos der von DENIS PAPIN, der in einem Brief an HUYGENS die Hypothese ausspricht, daß "die Materie ansich keinerlei Verbindung ihrer Teile besitzt und daß die Härte, die gewisse Körper zeigen, nur von der Bewegung der umgebenden Flüssigkeiten herrührt, welche die am wenigsten bewegten Teile gegeneinander preßt". (34) Die damit angedeutete Theorie gleicht der von LEIBNIZ für die Elastizität, d. h. sie läuft gleichfalls auf eine unendliche Vervielfältigung der Medien hinaus. Offenbar hat sich keine dieser "Erklärungen" in der Wissenschaft halten können; denn wenn wir ein Handbuch der Physik aufschlagen, so finden wir darin das LEIBNIZsche Wirkungsprinzip unter dem Namen  Undurchdringlichkeit  eingeführt.

Wir würden also wenig dadurch gewinnen, daß wir an die Stelle der elastischen harte Körper setzen; denn letzten Endes könnten wir uns den Widerstand, den ein Körper dem Eindringen eines anderen entgegensetzt, nicht anders als in Gestalt eines geheimnisvollen "Wirkungsprinzips" vorstellen.

Schließlich gibt es noch ein Argument, das sich unmittelbar der Erfahrung entnehmen läßt. Die Korpuskulartheorie beruth auf der Wirkung bei der Berührung. Nun aber findet gar keine wirkliche Berührung zwischen zwei Körpern statt. Wenn der eine Körper den anderen gestoßen hat, so scheint er ihn dabei berührt zu haben; aber das ist nur Schein. In Wirklichkeit ist im Augenblick des Stoßes selbst zwischen den Partikeln, die einander am nächsten gekommen sind, ein Zwischenraum geblieben, der sich durchaus abschätzen läßt. Bekannt ist die Erscheinung, die eintritt, wenn man eine Linse gegen eine ebene Platte drückt; man bezeichnet sie mit dem Namen der "Newtonschen Ringe". Aus der Farbe dieser Ringe kann man die Dicke der Zwischenschicht berechnen. In der Mitte, wo diese Dicke am geringsten ist, entsteht ein schwarzer Fleck. Das ist der "optische Kontakt"; aber das ist noch keine wirkliche Berührung. Man kann die beiden Körper einander noch mehr nähern; aber dann findet Adhäsion statt. (35)

Diese Schwierigkeiten kamen, wie wir soeben gesehen haben, zum großen Teil seit der Zeit von LEIBNIZ und HUYGENS zur Geltung. Daher entstand, nachdem NEWTON das allgemeine Gravitationsgesetz aufgestellt hatte, eine ganz andere Theorie der Materie; diese Theorie gründet sich auf die Existenz von Fernkräften und hatte, wie H. POINCARÉ sehr richtig bemerkt hat, zuerst die Tendenz, aus den Körpern so etwas wie Sternsysteme zu machen, worin sich ihre Abstammung von der Himmelsmechanik deutlich verriet. Klar formuliert wurde diese Ansicht zum erstenmal vom englischen Physiker COTES in der Vorrede zur 2. Auflage von NEWTONs  Principia,  die 1713 erschien. NEWTON selbst hat sich über diese Frage niemals deutlich ausgesprochen, aber es ist wahrscheinlich, daß er in dieser Hinsicht mit seinen Schülern einig war. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts hat die Theorie ihre Weihe durch LAGRANGEs (36)  Analytische Mechanik  und die experimentellen Arbeit von COULOMB erhalten, durch welche die Gleichartigkeit anderer Fernkräfte, speziell der Elektrizität, mit der Gravitation endgültig festgestellt schien (37). Aber schon vorher hatte die Hypothese ihren Theoretiker gefunden, der sie bis zu vollen logischen Reife entwickelte. Das war der Jesuit BOSCOVICH, dessen Hauptwerk 1759 erschien. (38)

BOSCOVICH nimmt an, daß die Atome keine Korpuskeln, sondern vollkommen ausdehnungslose geometrische Punkte seien. Jeder dieser Punkte ist ein Zentrum für die Kraft, die in gleicher Entfernung um den Punkt herum überall dieselbe ist, aber mit der Entfernung variiert. In einer sehr kleinen Entfernung ist die Kraft eine abstoßende, und ihre Intensität nimmt unendlich zu, je mehr man sich dem Zentrum zu nähern versucht, so daß sie jedem noch so starken Impuls widerstehen kann und zwei Zentren niemals zusammenfallen können. Mit wachsender Entfernung nimmt die abstoßende Kraft ab und wird in einer gewissen Entfernung Null, so daß in dieser Entfernung wieder Anziehung noch Abstoßung stattfindet. Entfernt man sich noch weiter vom Zentrum, so wird die Kraft anziehend, wächst, durchläuft ein Maximum und nimmt wieder ab, so daß sie in einer gewissen Entfernung wieder Null wird. Danach wird sie wieder abstoßend, wächst, nimmt neuerdings ab und wird nochmals Null. Das wiederholt sich mehrmals, bis die Kraft schließlich in einer gewissen Entfernung endgültig zur Anziehungskraft wird und nunmehr proportional dem Quadrat der Entfernung abnimmt bis ins Unendliche oder "wenigstens bis in Entfernungen, die diejenigen sämtlicher Planeten und Kometen bei weitem übertreffen". (39) BOSCOVICH stellt die Änderungen dieser Kraft durch eine Kurve dar, deren äußerste Enden hyperbelartig sind. Ihre Asymptoten sind die Achse der Entfernungen einerseits und die der Kräfte andererseits; dagegen schneidet der mittlere Teil der Kurve die Achse der Entfernungen mehrmals.

Das System des BOSCOVICH ist von den Physikern nur selten in voller Strenge angewandt worden; von seiner einzigen Kraftkurve ist wenig die Rede. Im XIX. Jahrhundert hat SAINT VENANT (40) seine Hypothesen wieder aufgenommen und vereinfacht. Seine Kurve hat gleichfalls die beiden Achsen zu Asymptoten, aber sie schneidet die Achse der Entfernung nur einmal. Es ist mindestens zweifelhaft, ob eine einzige solche Kurve genügt, um die verschiedenen Wirkungen der Atome und Moleküle darzustellen, die man zur Erklärung der beobachteten Erscheinungen wird voraussetzen müssen. Wie dem auch sei, jedenfalls hat die "einzige Kraft" SAINT VENANTs nicht viel mehr Erfolg gehabt als die seines Vorgängers. Nichtsdestoweniger haben die Ideen BOSCOVICHs dadurch einen beträchtlichen Einfluß auf die Wissenschaft ausgeübt, daß er sich als Erster entschlossen hat, das Atom jeder Ausdehnung zu entkleiden; in diesem Sinne fußen auf ihm alle späteren Physiker, die punktförmige Atome angenommen haben. BOSCOVICH hat übrigens nicht verfehlt, sein System durch eine Kritik an der Korpuskulartheorie zu stützen; diese Kritik beruth auf Überlegungen über die Übertragung der Bewegung.  Quid autem est impenetrabilitas ista? Unde fit ut idem spatium bina corpora occupare non possint?  (41) Diese Undurchdringlichkeit kann nur eine Kraft sein und jede Übertragung einer Bewegung muß durch eine Kraft vermittelt werden:  "nullam mutationem motus fieri per impulsionem sed semper per vires agentes in aliqua distantia";  und in diesem System macht selbstverständlich die absolute Elastizität der Atome und Moleküle gar keine Schwierigkeiten mehr.

Warum trotzdem BOSCOVICHs "einzige Kraft" so wenig Erfolg hatte, ist leicht zu verstehen: unser Vorstellungsvermögen sträubt sich wahrhaftig allzusehr gegen sie. Warum ändert sie sich in einer bestimmten Entfernung, und wie kann sie sich in der rechten Entfernung aus einer abstoßenden in eine anziehende und umgekehrt verwandeln? Soll diese einzige Kraft des Zentrums als von diesem emanierend aufgefaßt werden, so stellen wir uns notwendigerweise vor, daß sie nahe ihrem Ursprung, in kurzer Entfernung vom Zentrum, denselben Charakter haben müßte wie in einer größeren Entfernung, d. h. sie müßte entweder immer anziehend oder immer abstoßend sein. Nun ist es aber offenbar absolut unmöglich, die Welt mit Hilfe einer dieser beiden Annahmen zu konstruieren. BOSCOVICHs Kraft ist zwar ohne Zweifel immer, sei es als anziehende, sei es als abstoßende Kraft, nach dem Zentrum  gerichtet;  aber sie scheint nicht von ihm  auszugehen.  (42)

Man könnte allerdings geltend machen, daß diese Veränderung der Kraft die Folge eines Gesetzes sei. Aber dieses Argument, das übrigens, wie der Titel seines Hauptwerkes (Theoria ... redacta ad unicam legem) zeigt, von BOSCOVICH selbst in gewisser Weise vorbereitet worden ist, kann ebensowenig angenommen werden wie der Versuh, den elastischen Stoß der Korpuskeln durch die Erhaltung der Energie zu erklären. Denn ohne Frage handelt es sich hier um eine Hypothese über die Erzeugungsweise und nicht um einen einfachen Rechenkunstgriff wie bei der Einführung des Sinus in die Formulierung des Brechungsgesetzes. Die Art, in der BOSCOVICH seine Theorie darstellt, läßt keinen Zweifel in dieser Hinsicht aufkommen und seine Polemik gegen die Undurchdringlichkeit hätte gar keinen Sinn, wenn es sich anders verhielte. Wir können also mit einem Gesetz nichts anfangen.

Es nimmt daher auch nicht wunder, daß die Dynamisten es stets vorgezogen haben, ihr Punkt-Atom mit mehreren Kräften auszustatten, die nach verschiedenen Gesetzen wechseln. Das war u. a. KANTs Ansicht (43). Durch diese Modifikation wird die Theorie weniger logisch; sie verliert die schöne Einheitlichkeit, die ihr durch BOSCOVICH verliehen worden war, ohne daß sie dadurch annehmbarer geworden wäre. Wie kann man zugeben, daß dasselbe Punkt-Atom zugleich anziehende und abstoßende Kraftstrahlen aussendet?

Es gibt aber Einwände, die sich gegen alle rein dynamischen Systeme erheben lassen. Es ist keineswegs sicher, daß alle Kräfte, die man anzunehmen genötigt sein wird, sich als Zentralkräfte ansehen lassen. Mindestens ist das für die molekularen Kräfte zweifelhaft. Es scheint durchaus, als ob zwischen den verschiedenen Formen des Widerstands der Körper bestimmte Beziehungen bestehen müßten, wenn ausschließlich Zentralkräfte ins Spiel kämen; aber die Erfahrung lehrt, daß diese Beziehungen nicht gelten. Ebensowenig kann man eine dauernde Deformation erklären, wenn man nur Zentralkräfte annimmt. Auch die Erscheinungen der Kristallisation scheinen zu erfordern, daß die Wechselwirkung der Moleküle sich nicht allein in der Richtung der Geraden vollzieht, die ihre Schwerpunkte verbindet; sie müssen auch eine drehende Wirkung aufeinander ausüben können.

Noch fundamentaler ist der folgende Einwand, weil er den Begriff des rein dynamischen Atoms selbst betrifft. Dringen wir durch die das Atom umgebenden Kräfte hindurch! Das Zentrum dieser Kräfte ist ein Punkt, d. h. eigentlich (da ja der Punkt ein geometrische Abstraktion ist) leer. Alle Gegenstände unserer Erkenntnis, die wir in die Außenwelt verlegen, haben eine Ausdehnung. Können wir uns das Dasein von etwas Unausgedehntem im Raum vorstellen? Wir lassen allenfalls die vom Zentrum ausstrahlende Kraft zu; wir stellen sie uns als Gerade vor. Worauf wirkt sie aber, wenn sie ein anderes Atom erreicht, da sie es doch leer vorfindet? Wie kann dieses Nichts der Bewegung widerstehen, wie kann es, einmal in Bewegung gesetzt, diese Bewegung beibehalten, kurz, wie kann es Masse besitzen und Trägheit zeigen? "Keine Anordnung von Kraftzentren, wie kompliziert sie auch sein mag, kann diese Tatsache erklären", sagt MAXWELL und er fügt hinzu: "Kein Teil dieser Masse kann, das leuchtet ein, auf der Existenz der angenommenen Kraftzentren beruhen". (44) Man beachte wohl, es handelt sich nicht einfach um das, was man übereingekommen ist, eine  qualitas occulta  zu nennen, d. h. eine Eigenschaft, die sich nicht aus denen erklärt, welche die Kraftzentren definieren. Nein, es ist eine Eigenschaft, die mit dem geistigen Bild, das wir uns machen, nicht zu vereinigen ist. Kurz, die Schwierigkeit ist hier ähnlich derjenigen, der wir beim korpuskularen Atom begegnet sind: wenn dieses nicht selbst wirken kann, so können wir uns ebensowenig vorstellen, wie auf das dynamische Atom eine Wirkung ausgeübt werden soll. Es stellt sich also heraus, daß das eine dieser beiden System nur die passive, das andere nur die aktive Seite einer Erscheinung wiedergibt, die man sich natürlich nicht anders als zweiseitig vorstellen kann.

Es läßt sich sogar nicht bestreiten, daß für unser Vorstellungsvermögen die dynamische Auffassung der korpuskularen unterlegen ist. Um uns davon zu überzeugen, brauchen wir nur an die Bewegung zu denken, die doch schließlich die wesentlichste Funktion des Atoms ist, die einzige Veränderung, deren es fähig ist. Beim dynamischen Atom haben wir ebensoviel Mühe, uns eine Ortsveränderung dieses  Nichts  vorzustellen, das seinen Kern bildet, wie eine solche der es umgebenden Kräfte, die wir uns ja tatsächlich wie eine Art riesenhaftes Spinnennezt vorstellen, das für jedes einzelne Atom das ganze Weltall umfaßt. "Kann eine Kraft gestoßen und von einem Ort an einen anderen geschoben werden?" fragt SPIR sehr richtig. (45) So natülich die Ortsveränderung erscheint, wenn man sie auf die in ihrer Ausdehnung begrenzte Korpuskel anwendet, so paradox erscheint sie für das dynamische Atom. Man kommt also folgerichtig dahin, die einfachere und logischere Vorstellng einer direkten Invariation der Kraft als Funktion der Zeit zu bilden. Das aber ist, wie wir später sehen werden, ein sicheres Zeichen dafür, daß die Theorie gescheitert ist.

Daher ist es auch nicht weiter zu verwundern, daß die Physiker im allgemeinen vermittelnde Lösungen bevorzugt haben, die sich zwar von der strengen Logik noch weiter entfernen, dafür aber unserem Vorstellungsvermögen mehr Anhaltspunkte bieten. Man behält das korpuskulare Atom bei, umgibt es aber mit Fernkräften. Offenbar ist dieses kombinierte System einer Reihe von Einwänden ausgesetzt, die bereits gegen jede der beiden extremen Vorstellungen erhoben worden sind. Es stößt aber außerdem auf Schwierigkeiten, die ihm eigentümlich sind. Wie kann dieses angeblich einfache Wesen, das das Atom darstellen soll, zwei so heterogene Bestandteile in sich vereinigen wie eine Korpuskel und Kräfte? Was kann die beiden miteinander verbinden? Und dann - was nur eine andere Seite desselben Problems ist - findet zwar die von einem Atom ausstrahlende Kraft einen "Kern" auf den sie wirken kann, wenn sie auf ein anderes Atom trifft; aber  wie  kann sie wirken? Das einzige Bild, das wir uns von einer Kraft machen können, ist das einer Geraden. Zwischen diesem Bild und dem einer Korpuskel, auf welche die Kraft wirken soll, finden wir keine Verbindung. Ebensowenig entdecken wir eine solche Verbindung zwischen dem Begriff der Kraft und dem der Bewegung. Sehe ich einen Körper durch einen Stoß in Bewegung versetzt werden, so habe ich die Jllusion des Begreifens; denn anscheinend entsteht die eine Bewegung aus der anderen; aber hier soll die Bewegung aus einer Kraft entstehen, die zu ihr völlig heterogen ist.

Aber ist nicht schon die Vorstellung einer Fernkraft, die ja allen von der streng korpuskularen Hypothese abweichenden Systemen gemeinsam ist, ganz und gar paradox? Ohne Zweifel hatte man auch schon vor NEWTON oft eine "Tendenz" der Körper zu einer bestimmten Bewegung, ja sogar ein "Hinstreben" der Körper zueinander angenommen. So nahm z. B. ARISTOTELES an, daß zwei von den vier Elementen, nämlich Erde und Wasser, ein natürliches Streben nach unten, die beiden anderen dagegen ein Streben nach oben besäßen. GALILEI (46) und KEPLER (47) nahmen an, daß alle irdischen Gegenstände ein Streben nach der Erde besäßen. Aber das waren mehr "substanzielle Formen", d. h. mehr oder weniger okkulte Qualitäten, in deren Erzeugung die Scholastik so verschwenderisch war. Man sieht durchaus nicht, daß von NEWTON in klarer Weise von etwas die Rede gewesen wäre, das sich momentan durch den Raum überträgt, wie die NEWTONsche Anziehung. DESCARTES wendet sich sehr lebhaft gegen jede Annahme einer Fernwirkung; sie schien ihm darauf hinauszulaufen, daß die materiellen Teilchen mit Erkenntnis ausgestattet würden; sie müßten "wahrhaft göttliche Fähigkeiten haben, um ohne irgendeine Vermittlung wissen zu können, was an Orten vor sich geht, die sehr weit von ihnen entfernt sind und dort ihre Wirkung ausüben zu können." (48)
LITERATUR - Emile Meyerson, Identität und Wirklichkeit, Leipzig 1930
    Anmerkungen
    1) DESCARTES, L'homme, Ausg. ADAM und TANNERA, Paris 1909, Bd. XI, Seite 120
    2) LEIBNIZ, Opera, Ausg. ERDMANN, Seite 777
    3) CLAUDE BERNARD, Lecons sur les phénoménes de la vie. Paris 1879, Bd. II, Seite 401
    4) JAGADIS-CHUNDER BOSE, De la généralité des phénoménes moléculaires, etc. Congrés international de physique, Paris, 1900, Bd. III, Seite 584f.
    5) STÉPHANE LEDUC, Les lois de la biogenése. Revue Scientifique, 24. Febr. und 3. März 1906.
    6) EDUARD von HARTMANN, Mechanismus und Vitalismus in der modernen Biologie, Archiv für systematische Philosophie IX, 1903.
    7) Durch Theorien, die nach den im Text behandelten aufgestellt worden sind, besonders durch die Atomtheorie von Sir ERNEST RUTHERFORD, BOHR und SOMMERFELD scheint sich der Abgrund auszufüllen, der zwischen den Begriffen von Elementarteilchen in den beiden Wissenschaften klaffte. Aber der Leser braucht nur eine Darstellung durchzulesen, die wir diesem Gegenstand gewidmet haben (La déduction relativiste, § 127f), um sich zu überzeugen, welche Schwierigkeiten man in diesem Fall auf sich nehmen muß (Zusatz zur 3. Auflage). [Über den augenblicklichen Stand der hier berührten Theorien berichtet F. LONDON in dem interessanten Aufsatz "Die Bedeutung der Quantentheorie für die Chemie", Die Naturwissenschaften, Bd. 17, 1929, Seite 516-529. Ltn.]
    8) WILHELM OSTWALD, Lettre sur l'énergétique, Revue générale des Sciences, 30. Dez. 1895.
    9) Erst kürzlich hat PLANCK erklärt: "wen wir ganz aufrichtig sein wollen, so müssen wir sagen, daß eine befriedigenden mechanische Theorie mehratomiger Gase auch heute noch nicht gefunden ist, so daß wir zur Zeit noch gar nicht wissen, welchen Platz wir den Vorgängen innerhalb eines Moleküls, den intramolekularen Vorgängen, im System der theoretischen Physik anweisen sollen" (Acht Vorlesungen über theoretische Physik, Leipzig 1910, Seite 66).
    10) HENRY POINCARÉ, Électricité et Optique, Paris 1901, Seite IIIf.
    11) O. LODGE, Les théories modernes de l'électricité, Paris 1891
    12) In zwei kürzlich erschienenen Arbeiten ("Über den gegenwärtigen Stand der Frage nach einer mechanischen Erklärung der elektrischen Erscheinungen", Berlin 1906 und "Weitere Untersuchungen usw.", Annalen der Physik, 4. Reihe, Bd. 26, 1908) hat HANS WITTE den Versuch unternommen, die Frage der Möglichkeit einer mechanischen Erklärung der elektrischen Erscheinungen systematisch zu untersuchen. Er stellt fest, daß es im ganzen neun Gattungen solcher Erklärungen gibt. Er beweist zuerst die Unmöglichkeit der Fernwirkung (Gattung 1 und 2), sowie der Emissionstheore (Gattung 3). Bleiben die sechs Gattungen, die die Existenz eines Äthers voraussetzen. Der Verfasser stellt fest, daß, wenn man den Äther als kontinuierlich annimmt, jedes dieser sechs Systeme zu Widersprüchen führt, die es unannehmbar machen. Nimmt man einen atomistischen Äther an, so ist ein solcher Beweis nicht möglich; man kann aber dann zeigen, daß alle solchen Systeme äußerst kompliziert werden. Nach WITTE hätten die Physiker nur dann das Recht, solche Theorien in Betracht zu ziehen, wenn Erscheinungen, von denen man zur Zeit noch keine Ahnung hat, sie zwängen, din dem von Materie und Elektronen freien Raum Unstetigkeiten anzunehmen.
    13) Auf diesen Gegenstand ist der Verfasser seitdem mehrfach zurückgekommen, so namentlich in seinem Werk "La déduction relativiste", Paris 1925. Ltn.
    14) Eine Darstellung dieser Schwierigkeiten findet man bei STALLO, a. a. O., besonders Seite 71f, sowie bei HANNEQUIN, a. a. O. Seite 178 - 224. Vgl. auch über diesen Gegenstand STEWART und TAIT, L'univers invisible, Paris 1883, Seite 194f, sowie BOUASSE, De la nature des explications, etc., Revue de métaphysique, Bd. II, 1894, Seite 312f. Übrigens haben die Meister der exakten Wissenschaft selbst den widerspruchsvollen Charakter dieser Annahme erkannt. Vgl. MAXWELL, On the Dynamical Evidence etc., Scientific Papers, Campbridge 1890, Bd. II, Seite 433f., sowie POINCARÉ, Électricité et Optique, Paris 1890, Bd. I, Seite 88f, La science et l'hypothése, Seite 198f.
    15) AFRIKAN SPIR, Denken und Wirklichkeit, Seite 401
    16) HANNEQUIN, a. a. O. Seite 227
    17) HANNEQUIN, a. a. O. Seite 217, 222, 223.
    18) HANNEQUIN, a. a. O. Seite 231, 237
    19) LORD KELVIN, Sur le mouvement d'un solide élastique, etc. Congrés international de physique de 1900, Bd. II, besonders Seite 21 - 22.
    20) BOYLE, Works, London 1772, Bd. III, Seite 5. - Im Interesse der Eindeutigkeit der Bezeichnungsweise ist es sicher bedauerlich, daß die Schöpfer der elektrischen Theorie der Materie den Ausdruck  Korpuskel  für das von ihnen postulierte Urelement glaubten wählen zu sollen. Aber man glaubt den - höchst wahrscheinlich unbewußten - Beweggrund zu erraten, der sie dabei geleitet hat. Da nämlich dieses Element rein elektrischer Natur ist und infolgedessen nichts eigentlich Materielles mehr an sich hat, so hängt es gar nicht mehr mit unserer Empfindung zusammen (vgl. weiter unten Seite 102 - 103 und 321 - 322). Da soll nun wenigstens der Name, den man ihm gibt, ein, wenn auch nur scheinbares, Band herstellen, wo jede andere Anknüpfung offensichtlich versagt.
    21) Vgl. HERTZ, Gesammelte Werke, Bd. III, Seite 31
    22) LEIBNIZ (Essay de Dynamique, Mathematische Schriften, Ausgabe GERHARDT, Halle 1860, Bd. IV, Seite 228) hat in klarer Weise dieses Postulat der vollkommenen Elastizität ausgesprochen. "Nun braucht aber die Natur diese Elastizität der Körper zur Ausführung der großen und schönene Gesetze, die ihr unendlich weiser Schöpfer sich vorgeschrieben hat ..." - Bei STALLO a. a. O. Seite 24, findet man eine ganze Auswahl von Stellen aus KROENIG, CLAUSIUS, CLERK MAXWELL und LORD KELVIN, die zeigen, daß auch diese Schöpfer der Gastheorie auf demselben Postulat bestehen mußten.
    23) Eine solche Theorie ist u. a. von KURD LASSWITZ aufgestellt worden (Geschichte der Atomistik, Hamburg 1890, Bd. 2, Seite 368f). KOZLOWSKI scheint ihm beizupflichten (ZASADY, Seite 188). KROMAN (Unsere Naturerkenntnis, Kopenhagen 1883, Seite 310f) und HANNEQUIN (a. a. O. Seite 133-134) haben sie sehr mit Recht zurückgewiesen.
    24) NEWTON, Opticks, 3. Auflage, London 1721, Seite 373. "If two equal Bodies meet directly in vacuo, they will by the laws of Motion, stop where they meet and loose all their Motion und remain in rest, unless they be elastick und receive new Motion from their Spring ... If it be said, that they can loose no Motion but what they communivat to other Bodies, the consequence is, that, in vacuo they can loose no Motion, but when they meet must go on and penetrate one another Dimensions".
    25) LEIBNIZ, Mathematische Schriften, Ausgabe GERHARDT, Bd. IV, Seite 228. "Je n'adjouteray qu'une Remarque qui est que plusiers dinstiguent entre les corps durs et mols, et les durs même en élastiques ou non et bâtissent là-dessus les différentes régles. Mais on peut prendre les corps naturellement pour Durs-Élastiques, sons nier pourtant que l'Élasticité doit toujours venir d'un fluid plus subtile et pénétrant ont le mouvement est troublé par la tension ou par le changement de l'Élastique. Et, comme ce fluide doit estre composé luy-même á son tour des petits corps solides élastiques entre eux, on voit bien que cette Réplication des Solides et des Fluides va á l'infini."
    26) Vgl. hierüber STALLO, a. a. O. Seite 29.
    27) Vgl. ALFRED FOULLIÉE, Le mouvement idéaliste, Paris 1896, Seite 118; Le mouvement positiviste, Paris 1896, Seite 136
    28) BOLTZMANN, "Anfrage, die Hertzsche Mechanik betreffend". WIEDEMANNs Annalen, Suppl. 1889; ders., "Die Druckkräfte in der Hydrodynamik, daselbst 1900; ders. "Vorlesungen über Gastheorie", 3. Auflage 1923, Bd. 1, Seite 3f. Bekanntlich ist überigens die HERTZsche "Mechanik", so bemerkenswert sie auch durch ihre Genialität ist, bis auf den heutigen Tag so gut wie unfruchtbar gebliben, trotz des großen Ansehens, das sich an den Namen ihres Verfassers knüpft. - Über den Versuch LORD KELVINs vgl. seine Mitteilung in den Comptes rendus de l'Académie des sciences, Bd. CIX, Seite 454, Sur une constitution gyrostatique adynamique pour l'éther.
    29) Freilich haben sich die Physiker und Chemiker auch zuweilen etwas präziser über diese Frage ausgesprochen, wenn auch ein wenig widerwillig, weil sie ihnen zu schwierig erscheint. Es ist kaum nötig, hier an die Spekulationen über das Kohlenstofftetraeder zu erinnern.
    30) NEWTON, Opticks. Vgl. das vollständigere Zitat weiter unten.
    31) LASSWITZ, Zur Rechtfertigung der kinetischen Atomistik. Vierteljahrsschrift für wissenschaftliche Philosophie, Bd. IX, 1885, Seite 151.
    32) DESCARTES, Principes; Ouvres, Ausg. ADAM und TANNERY, Bd. IX, Paris 1904, II, Kap. LV. Titel: "Qu' il n'y a rien qui joigne les parties des corps durs, sinon qu'elles sonst en repos en regard l'une de l'autre."
    33) Vgl. Anhang I weiter unten
    34) HUYGENS, Oeuvres complétes, Bd. IX, Haag, 1901, Seite 429.
    35) MAXWELL, On action at a Distance. Scientific Papers, Cambridge 1890, Bd. II, Seite 314
    36) LAGRANGEs Ansichten sind in vorzüglicher Weise zusammengefaßt von DUHEM, L'evolution de la Mécanique, Paris 1903, Seite 43-45 und 71-72.
    37) Über den Einfluß COULOMBs vgl. ROSENBERGER, a. a. O. Seite 371
    38) P. ROGERIUS JOSEPHUS BOSCOVICH, Philosophiae naturalis theoria redacta ad unicam legem virium in natura existentium, Wien 1759. In der Einleitung zu diesem Werk findet man (Seite 3) ein Verzeichnis der früheren Arbeiten von BOSCOVICH über denselben Gegenstand. - PRIESTLEY, ein überzeugter Anhänger des Dynamismus, behauptet ("Disquisitions relating to Matter and Spirit, London 1777, Seite 19), der Astronom JOHN MICHELL habe eine ähnliche Theorie wie die von BOSCOVICH gleichzeitig und unabhängig von diesem veröffentlicht.
    39) BOSCOVICH, a. a. O. Seite 6
    40) de SAINT-VENANT, Mémoire sur la question de savoir s'il existe des masses continues etc., Paris 1844, Seite 9. - SAINT-VENANT hat seine Ansicht später geändert und versucht, den Begriff der Kraft gänzlich auszuschalten. Vgl. PADÉ, Revue générale des sciences, 1905, Seite 765
    41) BOSCOVICH, De viribus vivis dissertatio, Rom 1745, Seite 33
    42) Der Verfasser will damit sagen, daß die Richtung der Kraft zwar wohl durch das Zentrum hindurchgeht, dieses Zentrum jedoch nicht als der  Sitz  der Kraft erscheint. Ltn.
    43) KANT war ein Gegner der Atomhypothese (siehe sein nachgelassenes Werk  Vom Übergange usw.,  herausgegeben von KRAUSE, Frankfurt 1888, Seite 96-97, 111-112, 164). Nichtsdestoweniger sind seine wissenschaftlichen Erklärungen in den  Metaphysischen Anfangsgründe  völlig dynamistisch in dem Sinn, den wir diesem Ausdruck geben. Später, in seinem nachgelassenen Werk, neigt er etwas mehr zu den Erklärungen durch Bewegung.
    44) MAXWELL, Theory of Heat, 10. Auflage, London 1891, Seite 86
    45) AFRIKAN SPIR, a. a. O., Seite 392
    46) GALILEI, Dialoghi sui massimi sistemi, Werke I, Florenz 1842, Giornata Ia, Seite 40. Eine ausgezeichnete Geschichte des Begriffs der Gravitation findet man bei *DUHEM, La Théorie physique, Paris 1906, Seite 367f.
    47) KEPLER, Opera omnia III, ed. FRISCH, Frankfurt 1870, Seite 151. Bei KEPLER war diese Anziehung übrigens wie bei NEWTON eine gegenseitige: "Gravitas est affectio corporea mutua inter cognata corpora ad unionem sev conjunctionem ..."
    48) DESCARTES, Ausgabe ADAM und TANNERY, Bd. IV, Seite 396. Vgl. DUHEM, a. a. O. Seite 19