ra-1ra-1E. Dubois-ReymondK. MarbeL. NelsonA. Berkowitz    
 
EMILE MEYERSON
(1859-1933)
Identität und Wirklichkeit
[1/6]

"Die Erfinder der atomistischen Lehre müssen entweder von vornherein den Schlüssel der Naturerscheinungen entdeckt haben, oder sie sind auf eine Vorstellung verfallen, die dem menschlichen Geist durch seine Natur unvermeidlich aufgenötigt wird." - Antoine August Cournot

"In voller Klarheit erkennen wir nur ein einziges Gesetz, das der Beharrung und der Gleichförmigkeit. Auf diesen einfachen Gedanken suchen wir alle anderen zurückzuführen und in dieser Zurückfürhung allein besteht für uns die Wissenschaft." - Louis Poinsot

"Je aufmerksamer ich die Erscheinungen studiert habe, desto gleichmäßiger und übereinstimmender hat sich überall die Einwirkung der psychischen Vorgänge gezeigt ..." - Hermann Helmholtz


Vorrede des Verfassers
zur deutschen Ausgabe

Mit dem Erscheinen von  Identität und Wirklichkeit  in deutschem Gewande geht im Greisenalter dem Verfasser ein lange gehegter Wunsch in Erfüllung. Völlig auf dem Boden der französischen  Philosophie des sciences  stehend und mir des engen Zusammenhangs mit der Gedankenwelt der Nachfolger von LEIBNIZ und d'ALEMBERT bis auf EMILE BOUTROUX und GASTON MILHAUD innig bewußt, empfinde ich doch tief, was ich meiner Ausbildung in Deutschland verdanke, wo ich von meinem 12. bis zum 23. Lebensjahr an Mittel- und Hochschule verweilte. In erster Reihe hat HERMANN KOPP, sowohl durch seine mündliche Lehre wie durch seine Schriften, den nachhaltigsten Eindruck auf mich ausgeübt. Ihm verdanke ich das Interesse für die Geschichte der Chemie, deren Studium ich mich während mehrerer Jahre hingegeben habe und das mich dann zur Philosophie hinüberleitete. Aber auch auf die Beschaffenheit dieser philosophischen Arbeit selbst ist, wie ich mir wohl bewußt bin, diese Einführung nicht ohne Einfluß geblieben. Und zwar nicht nur in dem Sinne, daß mir überhaupt das Historische als besonders geeignet erschien, als Hilfsmittel beim Erschließen des wahren Wesens der Naturwissenschaft zu dienen, sondern weil gerade das Studium der Entwicklung der Chemie in dieser Hinsicht spezielle Vorteile bietet. In der Physik steht nämlich die Auffassung, die man als die moderne zu bezeichnen pflegt, - der Atomismus - von Anfang an bei den Griechen, da die Wissenschaft ihre ersten Schritte tut, völlig gerüstet und sozusagen fix und fertig da. In der Chemie setzt sie sich demgegenüber erst langsam und gegen starken Widerstand allmählich durch. Man sieht da handgreiflicher - sit venia verbo [man verzeihe mir den Ausdruck - wp] -, worauf eigentlich ihr Vorzug beruth, und die Anschauungen der Vergangenheit, die uns sonst so fremdartig anmuten, werden uns zugänglicher, weil sie uns eben zeitlich so ungemein viel näher stehen. Nun ist aber bei einigem Eindringen in die Theorie der Wissenschaft offenbar, daß die  Form  des Gedankenganges, auf die es ja bei dieser Untersuchung ankommt, uns eigentlich nur dann wirklich offenbar wird, wenn wir mit dessen  Inhalt  nicht einverstanden sind. Sonst verfließen Form und Inhalt unwiderstehlich ineinander: was man aus den Tatsachen erschloß, scheint ein unmittelbarer Ausfluß dieser letzteren zu sein, ja direkt in ihnen schon bereit gelegen zu haben. Die zeitgenössische Wissenschaft ist eben etwas, was mit unserem Geist eins ist, sie ist ein Nessushemd, das wir meist vergeblich abzustreifen versuchen, das wahre Wirken unseres Geistes wird uns in diesem Fall nicht mehr bewußt als die Bewegung des Bootes dem, der sich auf ihm befindet und die Ufer nicht sieht. Bei der Betrachtung eines uns fremd gewordenen Wissens hingegen stehen wir gleichsam am Ufer und sehen das Schiff an uns vorbeiziehen, wobei wir die Bewegung nicht verkennen  können.  So wird man denn bei Betrachtung der verschiedenen Theorien der Chemie, von der Alchemie bis herab auf die Phlogistiker, unmittelbar gewahr, daß jede Erklärung eines chemischen Vorgangs letzten Endes auf der Annahme einer Präexistenz des im Laufe der Veränderung Erscheinenden gegründet war. Dies hat zwar, so viel mir wenigstens erinnerlich ist, KOPP nirgends förmlich ausgesprochen, aber das Ganze seiner Lehre ist von diesem Gedanken so durchdrungen, daß er sich mir aufs tiefste eingeprägt hatte und, als ich an eine Analyse des wissenschaftlichen Denkens überhaupt ging, unwiderstehlich auf Schritt und Tritt aufdrängte, wie das der Leser auch unschwer bei der Lektüre des vorliegenden Bandes bemerken wird. Es ist somit nur der Gerechtigkeit entsprechend, wenn ich in dieser Vorrede den Namen HERMANN KOPPs voranstelle und meiner Freude Ausdruck gebe, daß Gedanken, an deren Entstehung sein Werk einen so bedeutenden Anteil hat, in der Sprache wiedergegeben werden, in der ich sie empfangen habe.

Die erste Auflage des Buches ist Anfang 1908 erschienen, die zweite, erweiterte Ausgabe 1912. Seitdem habe ich an dem Buch nichts mehr geändert und der dritten Auflage, die dieser Übersetzung zugrunde liegt, nur eine Anzahl kurzer Anmerkungen hinzugefügt (sie sind jedesmal als solche besonders gekennzeichnet), in denen hauptsächlich auf spätere Veröffentlichungen von mir hingewiesen wird. Das lag nicht etwa daran, daß das Ganze mir als keiner Verbesserung mehr bedürftig erschien, geschah vielmehr deshalb, weil das Werk inzwischen einige Verbreitung gefunden hatte und auch in den Unterricht gedrungen war, so daß eine gründliche Umarbeitung in dieser Hinsicht eher störend wirken würde.

Das hat natürlich den Nachteil, daß die Problemstellung dem Leser gelegentlich als nicht ganz dem heutigen Stand der Wissenschaft angemessen erscheinen könnte. Ich erlaube mir diesbezüglich auf meine späteren Arbeiten hinzuweisen. Da übrigens hier nicht die Endergebnisse der Wissenschaft als solche in erster Linie in Frage kommen, so sind ja, mag ein Wissen als noch so abgetan gelten, die Folgerungen, die man aus seiner Zergliederung gewonnen hat und die unsere Denkprozesse betreffen, deshalb keineswegs zunichte geworden.

Dieses kurze Vorwort möchte ich nicht schließen, ohne Herrn Prof. LEON LICHTENSTEIN, dessen freundschaftlicher Vermittlung diese Ausgabe ihr Erscheinen verdankt und dessen schöne und tief durchdachte Vorrede dem Leser das Verständnis des hier Dargebrachten ungemein erleichtern wird, meinen Dank auszusprechen. Ich zolle auch schuldigen Tribut Herrn Dr. GRELLING, der seiner Aufgabe des Übersetzers in selten vollkommener Weise gerecht geworden ist. Ich kann aufrichtig bezeugen, daß ich manche Seiten mit wirklichem Vergnügen gelesen habe und das ist wohl bei einem Verfasser keine alltägliche Feststellung; hier wird also das traduttore-traditore [Übersetzer - Verräter. - wp] entschieden Lügen gestraft. (1)

Der Verlagbuchhandlung, welche die schwierige Aufgabe, ein philosophisches Werk herauszugeben, übernahm und allen meinen Wünschen mit größter Bereitwilligkeit entgegenkam, sei auch an dieser Stelle mein herzlichster Dank gesagt.

Paris, den 8. September 1929
Emile Meyerson



Vorrede

Das vorliegende Werk gehört seiner Methode nach in das Gebiet der  Wissenschaftslehre  oder  Epistemologie,  um uns dieser wohl angemessenen und heute immer mehr gebräuchlich werdenden Ausdrücke zu bedienen. Allerdings haben wir uns bei unseren Untersuchungen von gewissen vorgefaßten Auffassungen leiten lassen, die diesem Gebiet ansich fremd sind.

Die wichtigste von ihnen ist in dem Satz von HELMHOLTZ enthalten, den wir unserer Arbeit vorangestellt haben. Wenn diese Stelle auf den ersten Blick auch etwas allgemein und unbestimmt erscheint, so enthält sie doch durch den Zusammenhang, in dem sie sich findet, eine präzise Bedeutung. Der große Physiker wollte sagen, daß die unbewußten psychischen Vorgänge, die mit der Gesichtswahrnehmung unauflöslich verknüpft sind, mit den bewußten Denkvorgängen identisch sind. Jeder, der die  Physiologische Optik  auch nur durchgeblättert hat, weiß, daß das nicht eine gelegentlich hingeworfene Bemerkung, sondern einer der Grundgedanken dieses bewunderungswürdigen Werkes ist. Es schien uns, daß sich das Anwendungsgebiet dieses Grundsatzes beträchtlich erweitern ließe und daß nicht nur beim Sehen, sondern ganz allgemein bei der Wahrnehmung der Außenwelt Vorgänge eine Rolle spielen, deren Wesen sich, wenigstens teilweise, demjenigen enthüllen müßte, der das Verfahren erforscht, mittels dessen das bewußte Denken das von der Wahrnehmung entworfene Bild der Außenwelt umformt. Mit anderen Worten: Wir glauben, daß der beste Weg zur Lösung der den gemeinen Menschenverstand betreffenden Probleme in der Untersuchung der Methoden besteht, die von der Wissenschaft befolgt werden. Wer so handelt, verletzt anscheinend die Grundregel nach der man vom Einfachen zum Zusammengesetzten fortschreiten soll; aber das scheinbar Einfache ist es in diesem Fall nicht in Wirklichkeit. Schon BERKELEY hat lange vor HELMHOLTZ hervorgehoben, daß der Vorgang der visuellen Wahrnehmung, um beim einmal gewählten Beispiel zu bleiben, eine Menge abgekürzter Schlußfolgerungen enthält, die zu entwirren sehr schwer fällt. Angenommen also, der Vorgang sei wirklich derselbe, so haben wir mehr Aussicht, seinen Ablauf zu verstehen, wenn wir uns an eine Erscheinung halten, die zwar scheinbar komplizierter ist, bei der aber die einzelnen Stadien deutlich voneinander unterschieden sind.

Außerdem ist der eben angeführten Regel eine andere, wichtigere übergeordnet, nach der vom Bekannten zum Unbekannten fortgeschritten werden soll. Nun ist aber das Unbewußte auch immer unbekannt, ja sogar seinem Wesen nach überhaupt nicht unmittelbar erkennbar.

Es soll damit allerdings nicht behauptet werden, daß der Verstandesgebrauch, den wir uns als bewußt zu bezeichnen gewöhnt haben, sich unserem Geist mit aller wünschenswerten Klarheit darböte. Unsere Vernunft ist für die Erforschung aller Dinge sachverständig, sie selbst ausgenommen. Während ich nachdenke, bin ich in Wirklichkeit außerstande, diese Tätigkeit meines Verstandes zu beobachten. Bin ich wohl auf dem und dem Weg zu dem und dem Schluß gelangt? Sobald ich mir diese Frage vorlege, packt mich der Zweifel, den ich nicht anders beschwichtigen kann als dadurch, daß ich die fragliche Überlegung, so gut ich kann, methodisch wiederhole, so daß mir auch alle diejenigen unter ihren Phasen zu Bewußtsein kommen, die unterbewußt waren, als ich versuchte, so rasch wie möglich das Ziel zu erreichen. Man kann sich leicht darüber Rechenschaft geben, daß man so z. B. in der Logik verfährt. Dieses Verfahren ist nicht immer ohne Gefahr. Die planmäßig angestellte Reflexion zeigt uns  einen  Weg, auf dem man zum Schlußsatz gelangen kann; aber ist das auch  der  Weg, den wir eingeschlagen hatten? Sicher ist, daß wir ihn nicht unmittelbar wiedererkennen können, da uns ja die Zwischenstufen nicht zu Bewußtsein gekommen waren. Wir werden also indirekte Mittel versuchen, wir werden uns z. B. sagen, daß,  wenn  wir so und so geschlossen hätten, die und die andere Konsequenz daraus gefolgt wäre, die wir verifizieren können. Aber diese direkten oder indirekten Untersuchungen können uns leicht irreführen. Man darf ja nicht vergessen, daß unsere Nachforschungen immer von vorgefaßten Ideen, also von Hypothesen beherrscht werden; diese können wir nämlich, trotz BACON, als Führer auf unserem Weg nicht entbehren. Übrigens sind wir nie ganz frei von solchen; wenn wir es zu sein glauben, so beweist das nur, daß sie unbewußt geblieben sind. Angenommen selbst (was unmöglich ist), wir hätten beim Beginn unserer Untersuchungen über einen gewissen Gegenstand wirklich noch gar keine Ansicht über ihn, so wird sie von selbst aufkeimen, sobald wir die ersten Schritte auf diesem neuen Gebiet tun und zwar entsteht sie unter dem Einfluß uns selbst verborgener geistiger Neigungen und eines Wissens, das unserem Untersuchungsgebiet vielleicht scheinbar ganz fremd ist. Nun beeinflußt aber die einmal geborene Hypothese unsere ganze weitere Arbeit. Versuchen wir eine Überlegung zu  rekonstruieren,  so werden wir uns unbewußt bemühen, sie der Vorstellung anzupassen, die wir uns gebildet haben; aber bei der Mannigfaltigkeit von Mitteln, über die unser Verstand verfügt, ist es sehr wohl möglich, daß er sich plastisch erweist und dem Druck nachgibt, den wir, ohne es zu wollen, auf ihn ausüben. Daß dadurch unsere Ergebnisse gefälscht werden, ist einleuchtend. Wir werden diese Gefahr wenigstens teilweise vermeiden, wenn wir uns nicht an unsere eigenen, eigens zu diesem Zweck hervorgerufenen Gedanken halten, sondern an die von anderen, die, weil schriftlich niedergelegt, von jeder Plastizität frei sind. Die Wissenschaft bietet uns einen Extrakt aus diesen Gedanken. Aber die heutige Wissenschaft genügt uns nicht. Denn was wir suchen, ist weniger das Ergebnis als die Methode, der Weg, auf dem man dahin gelangt ist. Nun unterscheidet sich aber der Naturforscher in dieser Hinsicht nicht vom einfachen Mann. Er hat also keine direkte Kenntnis vom Weg, auf dem er zu der und der Schlußfolgerung gelangt ist; die Motive, die ihn geleitet haben, können ganz andere sein, als er selbst annimmt. Deshalb muß man seine Behauptungen dadurch kontrollieren, daß man sich nicht an das Denken des Einzelnen, sondern an das kollektive Denken hält und die Entstehung und die Entwicklung der Begriffe in der Geschichte erforscht. Letzten Endes also, mag das auch noch so sehr als Umweg erscheinen, suchen wir die Lösung der den gemeinen Menschenverstand betreffenden Probleme mit Hilfe der Geschichte der Wissenschaften. Es ist dies ein Verfahren, das eine gewisse Ähnlichkeit mit demjenigen hat, das AUGUSTE COMTE empfiehlt; wir denken zwar nicht daran, mit diesem jede Möglichkeit einer introspektiven Psychologie zu leugnen und die Ergebnisse, zu denen wir gelangen, sind, wie man sehen wird, sehr verschieden von denen, die der Begründer des Positivismus aufstellt; dennoch müssen wir das große Verdienst anerkennen, das er sich dadurch erworben hat, daß er die Fruchtbarkeit der aposteriorischen Methode für die Entdeckung der Gesetze des menschlichen Geistes verkündet hat.

Wohlverstanden, wir behaupten nicht die Unfehlbarkeit des Verfahrens. Das Prinzip, auf dem es beruth, nämlich die Identität ds Ablaufs beim bewußten und beim unbewußten Denken, ist keineswegs an sich evident und wir beanspruchen nicht, es  a priori  zu beweisen. Es ist nur ein  heuristisches  Prinzip, eine  Arbeitshypothese,  von der wir hoffen, daß die Ergebnisse dieses Buches sie in erheblichem Maß bestätigen werden. In einem gewissen Sinn kann man übrigens behaupten, daß dieses Verfahren das einzige und unvermeidliche ist. Wir wir uns auch drehen mögen, immer ist es unser Verstand, mit dem wir überlegen. Wir kennen keinen anderen Weg und können keine kennen, um Begriffe miteinander zu verknüpfen, als den, welchen unser Verstand einschlägt, wobei dieser Ausdruck hier nur eine  bewußte  Tätigkeit bedeuten kann. Selbst wenn wir uns am weitesten von ihm zu entfernen glauben, sind es doch immer Bruchstücke bewußter Reflexionen, mit deren Hilfe wir uns einen anderen Weg zu bahnen versuchen.

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Die Geschichte der Wissenschaften, auf die wir uns berufen, ist vor allem die der leitenden Ideen der Wissenschaft. Jeder, der dieses Gebiet ein wenig kennt, weiß, wieviel auf ihm noch zu tun bleibt. Nach Maßgabe unserer Mittel haben wir selbst versucht, gewisse allzu empfindliche Lücken auszufüllen, indem wir auf die Quellen selbst zurückgingen. Wir haben jedoch überall da davon Abstand genommen, wo es uns nicht nötig erschien, weil die Frage bereits ausreichend geklärt war. Übrigens geben wir uns keiner Täuschung darüber hin, wie unzureichend unsere Kenntnisse in bezug auf gewisse sehr wichtige Punkte sind. Da die historische Forschung für uns nur Mittel und nicht Zweck ist, so kommt es vor, daß die Entstehung der Begriffe nicht immer in der chronologischen Ordnung dargestellt wird und daß Betrachtungen über dieselbe Wissenschaft, ja über dieselbe Entwicklungsstufe einer besonderen Wissenschaft über verschiedene Kapitel verstreut sind: so wird die Entwicklung der Chemie im XVIII. Jahrhundert vor LAVOISIER und die Entstehung des modernen Begriffes des chemischen Elements im VII. Kapitel Seite 244f und X. Kapitel Seite 348f behandelt. Wir wußten nicht, wie wir diese Unzuträglichkeiten vermeiden sollten. Der Leser mag beurteilen, ob die Ergebnisse unserer Arbeit das Mehr an Anstrengung aufwiegen, das ihm dieses Verfahren zumutet. Um Entschuldigung bitten wir auch wegen der Vielzahl der Zitate und Hinweise. Auf die ersteren zu verzichten, wäre sehr schwer gewesen, da ja unsere Methode gerade darin besteht, das Denkverfahren der Naturforscher zu untersuchen und daraus unsere Schlüsse zu ziehen; da andererseits der Sinn eines Textes eigentlich nur aufgrund des Zusammenhangs einwandfrei feststellbar, so glaubten wir dem Leser die Kontrolle dadurch erleichtern zu sollen, daß wir es ihm ermöglichten, jedesmal auf das Buch zurückzugreifen, aus dem das betreffende Zitat entnommen. Besteht übrigens nicht das größte Verdienst einer Areit wie der vorliegenden in der Bereitung des Weges für künftige Untersuchungen? Wir haben unser Möglichstes getan, um unsere Vorgänger anzuführen. Sicherlich haben wir trotzdem einige übersehen; wir bitten im voraus deswegen um Verzeihung. Kein Forscher weiß genau, was er dem Denken anderer verdankt, am wenigsten in einer Zeit wie der heutigen, da die geistige Bewegung eine so starke ist und auf einem Gebiet wie dem unsrigen, das sich mit so vielen anderen berührt. Aber es liegt uns besonders daran, den Einfluß hervorzuheben, den unter den lebenden Meistern BOUTROUX und BERGSON, POINCARE und DUHEM auf uns ausgeübt haben. Dieser Einfluß beschränkt sich nicht auf die Stellen, an denen ihre Namen angeführt werden.

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Nun aber eine möglichst kurze Zusammenfassung des allgemeinen Gedankengangs unserer Arbeit: wir beginnen mit einer Untersuchung darüber, ob es zutrifft, daß die ganze Wissenschaft, wie COMTE und nach ihm MACH behaupten, nur zum Zweck des Handelns und der Voraussicht aufgebaut wird. Wir stellen fest, daß das hierbei in Anspruch genommene Prinzip der  Gesetzmäßigkeit  nicht ausreicht, daß vielmehr die Wissenschaft auch versucht, die Erscheinungen zu  erklären  und daß diese Erklärung in der Identifikation des Antezedens [das Vorhergehende - wp] mit dem Konsequens [das Nachfolgende - wp] besteht. (I. Kapitel). Aus diesem zweiten Prinzip, dem der  wissenschaftlichen Kausalität  entspringen die atomistischen Theorien (II. Kapitel). Es macht sich auch in demjenigen Teil der Wissenschaft geltend, der nur von Gesetzen handelt und schafft dort die Erhaltungsgesetze (III., IV. und V. Kapitel) und führt zur Elimination der Zeit (VI. Kapitel). Eine Erweiterung dieses selben Prinzips erzeugt die Vorstellung von der Einheit der Materie, eine Vorstellung, die zur Gleichsetzung der Materie und des Raumes und damit zur Vernichtung der Außenwelt führt (VII. Kapitel). Diese Schlußfolgerungen sind nicht Ergebnisse der Wissenschaft, sondern fließen aus den in ihr verborgenen apriorischen Elementen, die Wissenschaft reagiert darauf und diese Reaktion drückt sich im CARNOTschen Prinzip aus (VIII. Kapitel). Nachdem wir genauer die Grenzen der kausalen Erklärung abgesteckt haben, der das Irrationale entgegensteht (IX. Kapitel), zeigen wir, daß die nichtmechanischen Theorien gleichfalls auf dem Kausalitätsprinzip beruhen (X. Kapitel). Nunmehr stellen wir fest, daß die Welt des gemeinen Menschenverstandes durch ein Verfahren geschaffen wird, das demjenigen genau entspricht, durch welches die wissenschaftlichen Theorien hervorgebracht werden (XI. Kapitel). Wir schließen mit einigen Folgerungen über die Wissenschaftslehre. In ihrem Verlauf prüfen wir nochmals aufgrund der erhaltenen Resultate das Problem des Verhältnisses der beiden Prinzipien der Gesetzmäßigkeit und der Kausalität.
LITERATUR - Emile Meyerson, Identität und Wirklichkeit, Leipzig 1930
    Anmerkungen
    1) Es erschien mir als erwünscht, hier und da kleine Änderungen des Textes vorzuschlagen. Insofern trifft auch mich ein Teil der Verantwortung.