tb-1Was ist Aufklärung?    
 
IMMANUEL KANT
(1724-1804)
Die Analytik der Begriffe
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"Diese vermeintlich transzendentalen Prädikate der  Dinge  sind nichts anderes als logische Erfordernisse und Kriterien aller  Erkenntnis der Dinge überhaupt  und legen ihr die Kategorien der Quantität, nämlich der  Einheit, Vielheit  und  Allheit  zum Grunde, nur daß sie diese, welche eigentlich material als zur Möglichkeit der Dinge selbst gehörig genommen werden müßten, in der Tat nur in formaler Bedeutung als zur logischen Forderung in Ansehung jeder Erkenntnis gehörig brauchten, und doch diese Kriterien des Denkens unbehutsamer Weise zu Eigenschaften der Dinge an sich selbst machten."

10.
Von den reinen Verstandesbegriffen oder Kategorien

Die allgemeine Logik abstrahiert, wie mehrmals schon gesagt worden, von allem Inhalt der Erkenntnis. und erwartet, daß ihr anderwärts, woher es auch sei, Vorstellungen gegeben werden, um diese zuerst in Begriffe zu verwandeln, welches analytisch zugeht. Dagegen hat die transzendentale Logik ein Mannigfaltiges der Sinnlichkeit  a priori  vor sich liegen, welches die transzendentale Ästhetik ihr darbietet, um zu den reinen Verstandesbegriffen einen Stoff zu geben, ohn den sie ohne alle Inhalt, mithin völlig leer sein würden. Raum und Zeit enthalten nun ein Mannigfaltiges der reinen Anschauung  a priori,  gehören aber gleichwohl zu den Bedingungen der Rezeptivität unseres Gemüts, unter denen es allein Vorstellungen von Gegenständen empfangen kann, die mithin auch den Begriff derselben jederzeit affizieren müssen. Allein die Spontaneität unseres Denkens erfordert es, daß dieses Mannigfaltige zuerst auf gewissen Weise durchgegangen, aufgenommen und verbunden werde, um daraus eine Erkenntnis zu machen. Diese Handlung nenne ich Synthesis.

Ich verstehe aber unter  Synthesis  in der allgemeinsten Bedeutung die Handlung, verschiedene Vorstellungen zu einander hinzuzutun und ihre Mannigfaltigkeit in einer Erkenntnis zu begreifen. Eine solche Synthesis ist  rein,  wenn das Mannigfaltige nicht empirisch, sondern  a priori  gegeben ist (wie das im Raum und der Zeit). Vor aller Analysis unserer Vorstellungen müssen diese zuvor gegeben sein und es können keine Begriffe  dem Inhalt nach  analytisch entspringen. Die Synthesis eines Mannigfaltigen aber (es sei empirisch oder  a priori  gegeben) bringt zuerst eine Erkenntnis hervor, die zwar anfänglich noch roh und verworren sein kann und also der Analysis bedarf, allein die Synthesis ist doch dasjenige, was eigentlich die Elemente zu Erkenntnissen sammelt und zu einem gewissen Inhalt vereinigt; sie ist also das erste, worauf wir Acht zu geben haben, wenn wir übder den ersten Ursprung unserer Erkenntnis urteilen wollen.

Die Synthesis überhaupt ist, wie wir künftig sehen werden, die bloße Wirkung der Einbildungskraft, einer blinden, obgleich unentbehrlichen Funktion der Seele, ohne die wir überall gar keine Erkenntnis haben würden, der wir uns aber nur selten bewußt sein. Allein diese Synthesis  auf Begriffe  zu bringen, das ist eine Funktion, die dem Verstand zukommt und wodurch er uns allererst die Erkenntnis in eigentlicher Bedeutung verschafft.

Die  reine Synthesis, allgemein vorgestellt,  gibt nun den reinen Verstandesbegriff. Ich verstehe aber unter dieser Synthesis diejenige, welche auf einem Grund der synthetischen Einheit  a priori  beruth; so ist unser Zählen (vornehmlich ist es in größeren Zahlen merklicher) eine  Synthesis nach Begriffen,  weil sie nach einem gemeinschaftlichen Grund der Einheit geschieht (z. B. der Dekadik). Unter diesem Begriff wird also die Einheit der Synthesis des Mannigfaltigen notwendig.

Analytisch werden verschiedene Vorstellungen unter einen Begriff gebracht (ein Geschäft, wovon die allgemeine Logik handelt). Aber nicht die Vorstellungen, sondern die  reine Synthesis  der Vorstellungen auf Begriffe zu bringen, lehrt die transzendentale Logik. Das erste, was uns zum Zweck der Erkenntnis aller Gegenstände  a priori  gegeben sein muß, ist das  Mannigfaltige  der reinen Anschauung; die  Synthesis  dieses Mannigfaltigen durch die Einbildungskraft ist das zweite, gibt aber noch keine Erkenntnis. Die Begriffe, welche dieser reinen Synthesis  Einheit  geben und lediglich in der Vorstellung dieser notwendigen synthetischen Einheit bestehen, tun das dritte zur Erkenntnis eines vorkommenden Gegenstandes und beruhen auf dem Verstand.

Dieselbe Funktion, welche den verschiedenen Vorstellungen  in einem Urteil  Einheit gibt, die gibt auch der bloßen Synthesis verschiedener Vorstellungen  in einer Anschauung  Einheit, welche, allgemein ausgedrückt, der reine Verstandesbegriff heißt. Derselbe Verstand also und zwar durch eben dieselben Handlungen, wodurch er in Begriffen vermittels der analytischen Einheit die logische Form eines Urteils zustande brachte, bringt auch mittels der synthetischen Einheit des Mannigfaltigen in der Anschauung überhaupt in seine Vorstellungen einen transzendentalen Inhalt, weswegen sie reine Verstandesbegriffe heißen, die  a priori  auf Objekte gehen, welches die allgemeine Logik nicht leisten kann.

Auf solche Weise entspringen gerade so viel reine Verstandesbegriff, welche  a priori  auf Gegenstände der Anschauung überhaupt gehen, als es in der vorigen Tafel logische Funktionen in allen möglichen Urteilen gab; denn der Verstand ist durch gedachte Funktionen völlig erschöpf und sein Vermögen dadurch gänzlich ausgemessen. Wir wollen diese Begriffe nach ARISTOTELES Kategorien nennen, indem unsere Absicht uranfänglich mit der seinigen zwar einerlei ist, ob sie sie gleich davon in der Ausführung gar sehr entfernt.

  Tafel der Kategorien

 
1.
 Der Quantität 
Einheit
Vielheit
Allheit
2.
 Der Qualität 
Realität
Negation
Limitation
3.
 Der Relation 
Inhärenz und Subsistenz
(substantia et accidens)
Kausalität und Dependenz
(Ursache und Wirkung)
Gemeinschaft
(Wechselwirkung zwischen dem
Handelnden und Leidenden)
4.
 Der Modalität 
Möglichkeit - Unmöglichkeit
Dasein - Nichtsein
Notwendigkeit - Zufälligkeit

Dieses ist nun die Verzeichnung aller ursprünglichen reinen Begriffe der Synthesis, die der Verstand  a priori  in sich enthält und um derentwillen er auch nur ein reiner Verstand ist, indem er durch sie allein etwas beim Mannigfaltigen der Anschauung verstehen, d. i. ein Objekt derselben denken kann. Diese Einteilung ist systematisch aus einem gemeinschaftlichen Prinzip, nämlich dem Vermögen zu urteilen (welches ebenso viel ist als das Vermögen zu denken) erzeugt und nicht rhapsodistisch aus einer auf gut Glück unternommenen Aufsuchung reiner Begriffe entstanden, deren Vollzähligkeit man niemals gewiß sein kann, da sie nur durch Induktion erschlossen wird, ohne zu gedenken, daß man noch auf die letztere Art niemals einsieht, warum denn gerade diese und nicht andere Begriffe dem reinen Verstand beiwohnen. Es war ein eines scharfsinnigen Mannes würdiger Anschlag des ARISTOTELES, diese Grundbegriffe aufzusuchen. Da er aber kein Prinzipium hatte, so raffte er sie auf, wie sie ihm aufstießen und trieb deren zuerst zehn auf, die er Kategorien (Prädikamente) nannte. In der Folge glaubte er noch ihrer fünf aufgefunden zu haben, die er unter dem Namen der Postprädikamente hinzufügte. Allein seine Tafel blieb noch immer mangelhaft. Außerdem finden sich auch einige  modi  der reinen Sinnlichkeit darunter  (quando, ubi, situs,  desgleichen  prius, simul),  auch ein empirischer  (motus),  die in dieses Stammregister des Verstandes gar nicht gehören; oder es sind auch die abgeleiteten Begriffe mit unter die Urbegriffe gezählt  (actio, passio),  und an einigen der letzteren fehlt es gänzlich.

Um der letzteren willen ist also noch zu bemerken, daß die Kategorien als die wahren  Stammbegriffe  des reinen Verstandes auch ihre ebenso reinen abgeleiteten  Begriffe  haben, die in einem vollständigen System der Transzendental-Philosophie keineswegs übergangen werden können, mit deren bloßer Erwähnung ich aber in einem bloß kritischen Versuch zufrieden sein kann.

Es sei mir erlaubt, diese reinen aber abgeleiteten Verstandesbegriff die  Prädikabilien  des reinen Verstandes (im Gegensatz der Prädikament) zu nennen. Wenn man die ursprünglichen und primitiven Begriffe hat, so lassen sich die abgeleiteten und subalternen leicht hinzufügen und der Stammbaum des reinen Verstandes völlig ausmalen. Da es mir hier nicht um die Vollständigkeit des Systems, sondern  nur  der Prinzipien zu einem System zu tun ist, so verspare ich diese Ergänzung auf eine andere Beschäftigung. Man kann aber diese Absicht ziemlich erreichen, wenn man die ontologischen Lehrbücher zur Hand nimmt und z. B. der Kategorie der Kausalität die Prädikabilien der Kraft, der Handlung, des Leidens, der der Gemeinschaft die der Gegenwart, des Widerstandes, den Prädikamenten der Modalität die des Entstehens, Vergehens, der Veränderung usw. unterordnet. Die Kategorien, mit den  modis  der reinen Sinnlichkeit oder auch untereinander verbunden, geben eine große Menge abgeleiteter Begriffe  a priori,  die zu bemerken und womöglich bis zur Vollständigkeit zu verzeichnen, eine nützliche und nicht unangenehme, hier aber entbehrliche Bemühung sein würde.

Der Definitionen dieser Kategorien überhebe ich mich in dieser Abhandlung geflissentlih, ob ich gleich im Besitz derselben sein möchte. Ich werde diese Begriffe in der Folge bis auf den Grad zergliedern, welcher in Beziehung auf die Methodenlehre, die ich bearbeite, hinreichend ist. In einem System der reinen Vernunft würde man sie mit Recht von mir fordern können, aber hier würden sie nur den Hauptpunkt der Untersuchung aus den Augen bringen, indem sie Zweifel und Angriffe erregten, die man, ohne der wesentlichen Absicht etwas zu entziehen, gar wohl auf eine andere Beschäftigung verweisen kann. Indessen leuchtet doch aus dem Wenigen, was ich hiervon angeführt habe, deutlich hervor, daß ein vollständiges Wörterbuch mit allen dazu erforderlichen Erklärungen nicht allein möglich, sondern auch leicht zustande zu bringen sei. Die Fächer sind einmal da; es ist nur nötig sie auszufüllen und eine systematische Topik, wie die gegenwärtige, läßt nicht leicht die Stelle verfehlen, dahin ein jeder Begriff eigentümlich gehört und zugleich diejenige leicht bemerken, die noch leer ist.


11.

Über die Tafel der Kategorien lassen sich artige Betrachtungen anstellen, die vielleicht erhebliche Folgen in Ansehung der wissenschaftlichen Form aller Vernunfterkenntnisse haben könnten. Denn daß diese Tafel im theoretischen Teil der Philosophie ungemein dienlich, ja unentbehrlich sei,  den Plan zum Ganzen einer Wissenschaft,  so fern sie auf Begriffen  a priori  beruth, vollständig zu entwerfen und sie mathematisch  nach bestimmten Prinzipien abzuteilen,  erhellt sich schon von selbst daraus, daß die gedachte Tafel alle Elementarbegrife des Verstandes vollständig, ja selbst die Form eines Systems derselben im menschlichen Verstand enthält, folglich auf  alle Momente  einer vorhabenden spekulativen Wissenschaft, ja sogar ihre Ordnung Anweisung gibt, wie ich enn auch davon anderwärts (1) eine Probe gegeben habe. Hier sind nun einige dieser Anmerkungen.

Die erste  ist, daß sich diese Tafel, welche vier Klassen von Verstandesbegriffen enthält, zuerst in zwei Abteilungen zerfällen lasse, deren erstere auf Gegenstände der Anschauung (der reinen sowohl als der empirischen), die zweite aber auf die Existenz dieser Gegenstände (entweder in Beziehung aufeinander oder auf den Verstand) gerichtet ist.

Die erste Klasse werde ich die der  mathematischen,  die zweite der  dynamischen  Kategorien nennen. Die erste Klasse hat, wie man sie, keine Korrelate, die allein in der zweiten Klasse angetroffen werden. Dieser Unterschied muß doch einen Grund in der Natur des Verstandes haben.

Zweite  Anmerkung, daß allerwärts eine gleiche Zahl der Kategorien jeder Klasse, nämlich drei sind, welches ebensowohl zum Nachdenken auffordert, da sonst alle Einteilung  a priori  durch Begriffe Dichotomie sein muß. Dazu kommt aber noch, daß die dritte Kategorie allenthalben aus der Verbindung der zweiten mit der ersten ihrer Klasse entspringt.

So ist die  Allheit  (Totalität) nichts anderes als die Vielheit als Einheit betrachtet, die  Einschränkung  nichts anderes als Realität mit Negation verbunden, die  Gemeinschaft  ist die Kausalität einer Substanz in Bestimmung der anderen wechselseitig, endlich die  Notwendigkeit  nichts anderes als die Existenz, die durch die Möglichkeit selbst gegeben ist. Man denke aber ja nicht, daß darum die dritte Kategorie ein bloß abgeleiteter und kein Stammbegriff es reinen Verstandes sei. Denn die Verbindung der ersten und zweiten, um den dritten Begriff hervorzubringen, erfordert einen besonderen Actus des Verstandes, der nicht mit dem einerlei ist, der beim ersten und zweiten ausgeübt wird. So ist der Begriff einer  Zahl  (die zur Kategorie der Allheit gehört) nicht immer möglich, wo die Begriffe der Menge und der Einheit sind (z. B. in der Vorstellung des Unendlichen), oder daraus, daß ich den Begriff einer  Ursache  und den einer  Substanz  beide verbinde, noch nicht sofort der  Einfluß,  d. i. wie eine Substanz Ursache von etwas in einer anderen Substanz werden könne, zu verstehen. Daraus erhellt sich, daß dazu ein besonderer Aktus des Verstandes erforderlich sei; uns so bei den übrigen.

Dritte  Anmerkung. Von einer einzigen Kategorie, nämlich der der  Gemeinschaft,  die unter dem dritten Titel befindlich ist, ist die Übereinstimmung mit der in der Tafel der logischen Funktionen ihm korrespondierenden Form eines disjunktiven Urteils nicht so in die Augen fallend als bei den übrigen.

Um sich dieser Übereinstimmung zu versichern, muß man bemerken, daß in allen disjunktiven Urteilen die Sphäre (die Menge alles dessen, was unter ihm enthalten ist) als ein Ganzes in Teile (die untergeordneten Begriffe) geteilt vorgestellt wird, und, weil einer nicht unter dem andern enthalten sein kann, sie als einander  koordiniert,  nicht  subordiniert,  so daß sie einander nicht  einseitig  wie in einer  Reihe,  sondern  wechselseitig  als in einem  Aggregat  bestimen (wenn ein Glieder der Einteilung gesetzt wird, alle übrigen ausgeschlossen werden, und so umgekehrt), gedacht werden.

Nun wird eine ähnliche Verknüpfung in einem  Ganzen der Dinge  gedacht, da nicht eines als Wirkung dem anderen als Ursache seines Daseins  untergeordnet,  sondern zugleich und wechselseitig als Ursache in Ansehung der Bestimmung der anderen  beigeordnet  wird (z. B. in einem Körper, dessen Teile einander wechselseitig ziehen und auch widerstehen), welches eine ganz andere Art der Verknüpfung ist als die, so im bloßen Verhältnis der Ursache zur Wirkung (des Grundes zur Folge) angetroffen wird, in welchem die Folge nicht wechselseitig wiederum den Grund bestimmt und darum mit diesem (wie der Weltschöpfer mit der Welt) nicht ein Ganzes ausmacht. Dasselbe Verfahren des Verstandes, wenn er sich die Sphäre eines eingeteilten Begriffs vorstellt, beobachtet er auch, wenn er ein Ding als teilbar denkt; und wie die Glieder der Einteilung im ersteren einanander ausschließen und doch in einer Sphäre verbunden sind, so stellt er sich die Teile des letzteren als solche, deren Existenz (als Substanzen) jedem auch ausschließlich von den übrigen zukommt, doch als in einem Ganzen verbunden vor.


12.

Es findet sich aber in der Transzendentalphilosophie der Alten noch ein Hauptstück vor, welches reine Verstandesbegriffe enthält, die, obgleich sie nicht unter die Kategorien gezählt werden, dennoch nach ihnen als Begriffe  a priori  von Gegenständen gelten sollten, in welchem Falle sie aber die Zahl der Kategorien vermehren würden, welches nicht sein kann. Diese trägt der unter den Scholastikern so berufene Satz vor:  quodlibet ens est unum, verum, bonum.  [Wo immer etwas seiend ist, ist es Eines, ein Wahres, ein Gutes. - wp] Ob nun zwar der Gebrauch dieses Prinzips in Absicht auf die Folgerungen (die lauter tautologische Sätze gaben) sehr kümmerlich ausfiel, so daß man es auch in neueren Zeiten beinahe nur ehrenhalber in der Metaphysik aufzustellen pflegt, so verdient doch ein Gedanke, der sich so lange Zeit erhalten hat, so leer er auch zu sein scheint, immer eine Untersuchung seines Ursprungs und berechtigt zur Vermutung, daß er in irgendeiner Verstandesregel seinen Grund habe, der nur, wie es oft geschieht, falsch gedolmetscht worden. Diese vermeintlich transzendentalen Prädikate der  Dinge  sind nichts anderes als logische Erfordernisse und Kriterien aller  Erkenntnis der Dinge überhaupt  und legen ihr die Kategorien der Quantität, nämlich der  Einheit, Vielheit  und  Allheit  zum Grunde, nur daß sie diese, welche eigentlich material als zur Möglichkeit der Dinge selbst gehörig genommen werden müßten, in der Tat nur in formaler Bedeutung als zur logischen Forderung in Ansehung jeder Erkenntnis gehörig brauchten, und doch diese Kriterien des Denkens unbehutsamer Weise zu Eigenschaften der Dinge an sich selbst machten. In jeder Erkenntnis eines Objekts ist nämlich  Einheit  des Begriffs, welche man  qualitative Einheit  nennen kann, so fern darunter nur die Einheit der Zusammenfassung des Mannigfaltigen der Erkenntnisse gedacht wird, wie etwa die Einheit des Thema in einem Schauspiel, einer Rede, einer Fabel. Zweitens  Wahrheit  in Ansehung der Folgen. Je mehr wahre Folgen aus einem gegebenen Begriff, desto mehr Kennzeichen seiner objektiven Realität. Dieses könnte man die  qualitative Vielheit  der Merkmale, die zu einem Begriff als einem gemeinschaftlichen Grund gehören (nicht in ihm als Größe gedacht werden), nennen. Endlich drittens  Vollkommenheit,  die darin besteht, daß umgekehrt diese Vielheit zusammen auf die Einheit des Begriffs zurückführt und zu diesem und keinem anderen völlig zusammenstimmt, welches man die  qualitative Vollständigkeit  (Totalität) nennen kann. Woraus sich erhellt, daß diese logischen Kriterien der Möglichkeit der Erkenntnis überhaupt die drei Kategorien der Größe, in denen die Einheit in der Erzeugung des Quantum durchgängig gleichartig angenommen werden muß, nier nur in Absicht auf die Verknüpfung auch  ungleichartiger  Erkenntnisstücke in einem Bewußtsein durch die Qualität einer Erkenntnis als Prinzip verwandeln. So ist das Kriterium der Möglichkeit eines Begriffs (nicht des Objekts desselben) die Definition, in der die  Einheit  des Begriffs, die  Wahrheit  alles dessen, was zunächst aus ihm abgeleitet werden mag, endlich die  Vollständigkeit  dessen was aus ihm gezogen worden, zur Herstellung des ganzen Begriffs das Erforderliche desselben ausmacht; oder so ist auch das  Kriterium  einer  Hypothese  die Verständlichkeit des angenommenen  Erklärungsgrundes  oder dessen  Einheit  (ohne Hilfshypothese), die  Wahrheit  (Übereinstimmung unter sich selbst und mit der Erfahrung) der daraus abzuleitenden Folgen, und endlich die  Vollständigkeit  des Erklärungsgrundes zu ihnen, die auf nichts mehr noch weniger zurückweisen, als in der Hypothese angenommen worden und das, was  a priori  synthetisch gedacht war,  a posteriori  analytisch wieder liefern und dazu zusammenstimmen. - Also wird durch die Begriffe von Einheit, Wahrheit und Vollkommenheit die transzendentale Tafel der Kategorien gar nicht, als wäre sie etwa mangelhaft, ergänzt, sondern nur, indem das Verhältnis dieser Begriffe auf Objekte gänzlich beiseite gesetzt wird, das Verfahren mit ihnen unter allgemeine logische Regeln der Übereinstimmung der Erkenntnis mit sich selbst gebracht.
LITERATUR - Immanuel Kant, Kritik der reinen Vernunft, Ausgabe Erdmann, Hamburg und Leipzig 1889
    Anmerkungen
    1) Metaphysische Anfangsgründe der Naturwissenschaft