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ROBERT ZIMMERMANN
Philosophische Propädeutik

"Vollendet gedacht würde die  Philosophie  das Ideal des Systems aller gültigen und richtigen Begriffe in richtiger und gültiger Verknüpfung d. h. das Ideal aller  Wissenschaft  darstellen, dessen Besitz für ein Subjekt zugleich das Ideal des vollkommenen  Wissens  wäre. Die Erreichung dieses Ziels steht in umso weiterer Ferne, je mehr außer Zweifel es ist, daß die aus Tatsachen gewonnenen Begriffe, deren Bearbeitung das Geschäft der Philosophie ausmacht, durch Vermehrung der Tatsachen, wie durch Entdeckungen neuer unaufhörliche Wandlungen erfahren und voraussichtlich noch immer erfahren werden. Versuche, die Philosophie als abgeschlossen erscheinen zu lassen, wohl gar eine bestimmte Gestalt derselben für die einzig mögliche zu erklären, werden daher jederzeit für verfrühte gelten müssen."

Prolegomena

§ 1. Alles menschliche Wissen kommt zustande entweder durch ein  Wahrnehmen  oder durch ein  Nachdenken  über das Wahrgenommene. Jenes begreift in sich nicht bloß das Sehen, Hören, Tasten usw., sondern auch das Aufsammeln, Zusammenstellen, Ordnen, Klassifizieren des Gesehenen, Gehörten usw., so lange sich nicht eine Frage nach dem Ob? Woher? Wohin? Warum? und Wozu? des Wahrgenommenen hinzugesellt. Das Letztere beginnt mit dem Eintritt der ersten Frage nach dem Ob? Woher? Grund, Herkunft, Absicht und Zwecke des Wahrgenommenen, die sich bei manchem sehr früh, bei manchem gar nicht einstellt und worin die erste Äußerung des Geistes als eines sich den Dingen gegenüber frei verhaltenden Wesens enthalten ist. Wenn der Hund den Mond anbellt, so unterliegt er lediglich dem Eindruck der Wahrnehmung; wenn das Kind dagegen frägt, warum es den Mond nicht vom Himmel herunter haben kann, so hat es sich über denselben schon erhoben, diesen sich selbst zum Gegenstand der Überlegung gemacht, gleichviel, welche  Antwort  auf diese Frage es sich zu geben versuchen mag. Hiermit stimmt es zusammen, wenn der alte Denker den Anfang des Philosophierens in die Verwunderung setzen, denn eben der Ausdruck dieser letzteren ist die Frage. Ohne  Antrieb  würde die Frage nicht entstehen, dieser selbst aber kann in nichts anderem liegen, als in einem Konflikt des Wahrgenommenen mit unserer bisherigen Überzeugung und der ihr gemäß gehegten  Erwartung.  Warum verstehe ich den nicht? frägt das Kind, wenn es zum erstenmal jemanden eine fremde Sprache reden hört, denn bisher hat es alle Sprechenden verstanden. Jede neue Wahrnehmung trifft auf einen schon vorhandenen Gedankenvorrat, mit dem sie entweder im Einklang oder im Widerspruch sich befindet. So regt eine Sprache, deren Formen von den bisher bekannten abweichen, eine Tatsache der Geschichte, die sich mit anderen uns geläufigen nicht vereinigen läßt, eine Naturerscheinung, für die wir keine ähnliche aufzuweisen haben, unser  Nachdenken  an, dessen treibende Unruhe  im Widerspruch  des Wahrgenommenen mit dem bereits Bekannten gelegen ist.

§ 2. Mehr oder weniger gelingt es uns, diesen Widerspruch wegzuschaffen. Entweder wir hegen mehr Vertrauen zu dem uns bisher Bekannten und Geläufigen, als zu der neugemachten Wahrnehmung und zwingen diese letztere, sich nach jenen uns liebgewordenen umzuformen oder die neue Erfahrung hat im Gegenteil so viel Überraschendes und Überzeugendes für uns, daß wir ihr zu Gefallen das uns Geläufige umändern. Im ersteren Fall muß die  Tatsache  sich unserer  Meinung  anbequemen, im letzteren schmiegt unsere Meinung umgekehrt sich der Tatsache an. Der erste Fall findet statt, wenn z. B. um unsere Meinung, daß die Emissionstheorie [Licht als Teilchen - wp] die richtige sei, festhalten zu können, gewisse Tatsachen der Optik, die nur mit der Undulationhypothese [Licht als Welle - wp] im Einklang stehen, verschwiegen oder gewaltsam umgedeutet werden, damit sie auch unter jene passen; der letztere Fall dagegen, wenn um angeblicher Tatsachen des Geistererscheinens, Geisterklopfens usf. willen unsere Überzeugung von der Nichtigkeit des Gespensterunwesens aufgeben sollten und dgl. mehr.

§ 3. Die angeführten Fälle sind die gewöhnlichen und das  Nachdenken  kommt, indem es seine bisherige Meinung nach den Tatsachen oder diese nach jenen korrigiert, dadurch bei sich selbst zur Ruhe. Wewnn aber, wie das in manchen Fällen sich ereignet, weder die Tatsache geleugnet, noch die eigene Meinung ohne den härtesten Zwang aufgegeben werden kann, so entspringt daraus ein weit schwieriger zu lösender Konflikt, der zugleich das Nachdenken auf eine Stufe emporhebt, auf welcher es das gesamte Gebiet des Wahrgenommenen und auf Wahrnehmung Beruhenden überschreitet.

§ 4. Es zeigt sich nämlich, daß es Fälle gibt, in welchen die Forderung, um einer gewissen Tatsache willen, gewisse Meinungen unsererseits aufzugeben, nichts Geringeres, als eine Unmöglichkeit für uns einschließen würde. So könnte uns z. B. keine Tatsache bewegen, zuzugeben, daß wir schwarz für weiß, warm für kalt nehmen oder zweimal zwei fünft statt vier gleichsetzen oder von nur zwei geraden Linien einen geometrischen ebenen Raum völlig eingeschlossen denken sollten. Betreffs anderer gleichfalls persönlicher Meinungen zeigt sich eine solche Unmöglichkeit nicht, wenigstens nicht bei jedem, wie denn die Geschichte aller Wissenschaften beweist, daß aufgrund der allmählich sich erweiternden Tatsachenerkenntnis die Meinungen über Grund, Wesen und Zweck gewisser Erscheinungen sich umgestaltet haben. So hat der Fortschritt der Geologie allmählich die Meinung über das Alter des Erdballs, jener der Chronologie und Archäologie die über das Alter des Menschengeschlechts berichtigt und die Erscheinungen der Polarisation des Lichts die Anhänger der Emissionstheorie zum Verstummen gebracht. So hat der Gegensatz zwischen Ansichten, die durch Tatsachen berichtigt oder verändert und solchen, die durch keine wie immer beschaffenen Tatsachen widerlegt werden können, allmählich Gültigkeit erlangt und einen Unterschied zwischen Wissenschaften begründet, die vorzugsweise auf den ersteren beruhend, Bereicherung und Veränderung fortwährend von der fortschreitenden Erkenntnis der Tatsachen zu erwarten haben und solchen, deren Inhalt durch keine wie immer beschaffenen Tatsachen widerlegt werden können, allmählich Gültigkeit erlangt und einen Unterschied zwischen Wissenschaften begründet, die vorzugsweise auf den ersteren beruhend, Bereicherung und Veränderung fortwährend von der fortschreitenden Erkenntnis der Tatsachen zu erwarten haben und solchen, deren Inhalt durch keine wie immer beschaffene Tatsachen umgestürzt werden kann, ohne dadurch zugleich alles Vertrauen zu unserem Denken überhaupt zu vernichten. Jene pflegt man vorwiegend  Erfahrungs-,  diese  spekulative,  auch wohl reine  Begriffswissenschaften  zu nennen.

§ 5. Mögen wir aber die eine Meinung, welche von den Tatsachen Berichtigung oder Bestätigung erfährt, wie die andere, deren Aufhebung durch eine Tatsache eine Unmöglichkeit für das Denken einschließt, betrachten, so viel steht fest, daß beide nur eine Folge und eine Verknüpfung gewisser bei uns herrschend gewordener Vorstellungen sind. Bei dem einen hat sich diese, bei dem andern jene Meinung betreffs eines gewissen Erscheinungskreises gebildet und festgesetzt, an deren Einklang oder Widerspruch sich mit gewissen neuen Wahrnehmungen sein Nachdenken anheftet. Sie alle sind nichts anderes, als "Geflechte unserer eigenen Begriffe," mit diesen Geflechten sich ändernd und je nachdem sie verändert sind, auch den Tatsachen andere Seiten darbietend. Bald wird dieses Gewebe so beschaffen sein, daß die Tatsachen ihm entsprechen, bald so, daß sie ihm widerstreiten, bald so, daß es durch diesen Widerstreit mit der Tatsache selbst für aufgehoben erklärt wird, bald wieder so, daß dessen Aufgehobenwerden durch irgendeine Tatsache das Aufgeben alles Vertrauens zu unserem Denken einschlösse. Ein Blick auf die Geschichte aller Wissenschaften lehrt die Wahrheit des Gesagten. Wie oft haben subjektive festgehaltene Meinungen die Tatsachen entstellt, verstümmelt, aus ihrem natürlichen Zusammenhang gerissen; wie dagegen andere sich trotz aller scheinbar widerstreitender Tatsachen oder solcher Erzählungen, die sich für Tatsachen ausgaben, stets siegreich behauptet und dadurch ihre nicht bloß subjektive Gültigkeit dargetan.

§ 6. Welche ist nun die  richtige?  Diese Frage liegt so nah, daß sie sich unvermeidlich einstellt, sobald nur die Entdeckung gemacht ist, daß nicht  jede  richtig sei. Kein Mensch, der nicht blödsinnig ist ,steht so niedrig, daß es ihm gleichgültig wäre, ob seiner Anschauungsweise der Dinge um ihn her Gültigkeit zukomme oder das Gegenteil. Beweis dafür ist der heftige Unmut, in den Menschen zu geraten pflegen, wenn ihre Meinung der Falschheit beschuldigt wird. Sie kommen sich  gedemütigt,  in ihrer Würde  herabgesetzt  vor, denn die natürliche Voraussetzung eines jeden ist, daß  seine  Ansicht die  wahre  sei. Dasselbe Gefühl entsteht aber auch, wenn jemand sich gestehen muß, daß er nicht volle Zuversicht zu seiner Meinung hegen könne, d. h., wenn er zu  zweifeln  anfängt. Dann ergreift ihn eine Unruhe ein inneren Zwiespalt, der sich nicht eher wieder legt, als bis der Zweifel durch andere Gemütsvorgänge  erstickt  oder durch Gegengründe  gehoben  ist. Im ersteren Fall kehrt derselbe zurück, sobald jene Gemütsvorgänge, die ihn bisher niedergehalten haben, schwinden; nur im letzteren Fall hört er gründlich und für alle Zeiten auf. Wem es um Beseitigung des Zweifels ernstlich zu tun ist, wird daher nicht eher ruhen, als bis er die  richtige Ansicht  gefunden hat.

§ 7. Keine gewissenhafte Forschung hat ein anderes Ziel. Die KEPLER, KOPERNIKUS und NEWTON suchten unter den vielen möglichen Ansichten von der Gesetzlichkeit der Bewegung der Himmelskörper diejenige, welche für die richtige gelten darf; die Historiker suchen die richtige Vorstellungsweise vom Verhalten und Verknüpftsein der Tatsachen der Geschichte, die Naturforscher von jenen der Natur zu gewinnen. Aber auch im gemeinen Leben liegt jedem vor allem daran, daß seine Meinung und Ansicht über gegebene Ereignisse richtig erfunden werde. Auf diese Voraussetzung ist sein gesamtes Tun und Lassen gebaut und er müßte sich bodenlos verlassen erscheinen, wenn es kein Mittel gäbe, sich der Wahrheit und Verlässigkeit seiner Ansicht zu  vergewissern. 

§ 8. Was ist nun dies, was jeder  seine  Ansicht von den Dingen nennt? Nichts anderes offenbar, als  seine  Art und Weise sich dieselben und ihre Verknüpfung untereinander vorzustellen. So dachten sich die Alten das Weltgebäude als eine große Kugel, an deren äußerster Hülle die leuchtenden Himmelskörper befestigt seien und in deren Mittelpunkt die Erde sich befinde; wir Neueren stellen dasselbe als einen unendlichen Weltraum vor, in welchem zahllose Sonnensysteme in großen und größten Gruppen vereinigt, einander das Gleichgewicht halten und die Erde selbst nur als geringfügiger Trabant eines der kleinsten unter diese Zentralsternen erscheint. Die eine wie die andere Ansicht ist offenbar nichts, als eine Verknüpfung von Vorstellungen, die die Alten und die wir mit den Worten: Sonne, Erde, Weltgebäude usw. verbinden. Sind diese Vorstellungen richtig und ist es die Verbindung, in welche wir sie setzen, so ist es auch unsere Ansicht. Im Gegenfall ist sie falsch.

§ 9. Daher läßt sich behaupten:  Die Richtigkeit jeder Ansicht, als einer Verknüpfung gewisser Vorstellungen untereinander hängt ab:
    a) von der Richtigkeit und Gültigkeit dieser Vorstellungen selbst und

    b) von der Richtigkeit und Gültigkeit ihrer Verknüpfung untereinander. 
Keines von beiden darf fehlen. Denn denken wir uns die richtige Vorstellung von der Erde, daß sie ein dunkler Körper sei, mit der gleichfalls richtigen Vorstellung von der Sonne, daß sie der Zentralkörper des Sonnensystems sei, unrichtigerweise so verbunden, daß der Satz entsteht: Der Zentralkörper des Sonnensystems ist ein dunkler Körper, so ist dieser letztere ebenso falsch, als derjenige, welcher entsteht, wenn wir im richtig verknüpften Satz: Die Erde ist ein Trabant, an die Stelle der Erde die Vorstellung der Sonne setzen wollten.

§ 10. Daraus erwächst eine Aufgabe. Wenn es dem gewöhnlichen Nachdenken schon genügt, eine neue Wahrnehmung mit seiner schon vorhandenen Ansicht in Übereinstimmung gebracht oder diese nach jener gebildet zu haben, so sehen wir uns jetzt veranlaßt, die Richtigkeit und Gültigkeit dieser  Ansicht  selbst zu prüfen, um deren innere Haltbarkeit zu beurteilen. Das Nachdenken kehrt sich, statt von der Ansicht auf die Wahrnehmung, auf die  Ansicht  selbst, frägt nach ihrer Zuverlässigkeit oder Nichtzulässigkeit, Möglichkeit, Unmöglichkeit oder gar Notwendigkeit, scheidet die unzulässigen aus, verwirft die unmöglichen und bestätigt die richtigen, kurz, sucht das  Gültige  vom  Ungültigen,  das  Wahre  vom Falschen, das  Wesen  vom  Schein  zu trennen.

§ 11. Dieses Verfahren ist  kritisch,  während das des gewöhnlichen Nachdenkens bloß  unterordnend  oder  fortbildend  ist. Das letztere begnügt sich wie z. B. der Physiker, eine gewisse Erscheinung aus seiner allgemeinen Ansicht von der Natur  begreiflich  zu machen.  Wenn  es einen Äther gibt, der den unendlichen Raum erfüllt, so ist die Tatsache, daß das Licht durch denselben sich wellenförmig fortpflanzt, wohl erklärlich.  Ob  es aber einen gibt oder geben  kann,  ob diese ganze Ansicht von einem äthererfüllten Weltraum innerlich haltbar, diese Vorstellung richtig, ob dieser Begriff eines Äthers ein  gültiger  Begriff sei, das kümmert ihn zunächst nicht, er überläßt es anderen zu entscheiden. Der Chemiker redet von Atomen, der Physiker von Molekülen, kleinsten Körperchen, aus welchen die Materie zusammengesetzt sei; er leitet aus deren Annahme eine Menge Erscheinungen ab, die unter der Voraussetzung der Gültigkeit dieser Ansicht begreiflich werden; ob der Begriff des Atomes selbst ein  gültiger  sei, sorgt ihn ebensowenig.

§ 12. Das Resultat des gewöhnlichen Nachdenkens sind  Begriffe  und  Verknüpfungen derselben;  das Resultat jenes kritischen Verfahrens sollen  richtige  und gültige Begriffe und eben solche Verknüpfungen derselben untereinander sein.' Jenes begreift daher die Tatsachen, Jenes begreift daher die Tatsachen, bringt sie unter Rubriken, Gesichtspunkte, Zusammenhänge; dieses soll die so gewonnenen Begriffe selbst begreifen,  verwerfen,  wenn sie unmöglich,  verbessern,  wenn sie mangelhaft,  ergänzen,  wenn sie unvollständig sind, mit einem Wort, es soll die  Begriffe bearbeiten,  im selben Sinn, wie man ein Konzept zu verändern, einen Haufen stilloser Gedanken und Redesätze zu stilisieren unternimmt, damit sie ein tadelloses Ganzes ausmachen. Ein Nachdenken dieser Art heißt  Philosophieren. 

§ 13. Daraus erhellt sich, daß nicht jedes Nachdenken schon ein Philosophieren sei, zugleich jedoch, daß in jeder Wissenschaft philosophiert werden könne. Um jenes zu sein, muß es sich auf die  Begriffe,  gleichviel woher sie stammen, als  Begriffe  richten, ihre Bedeutung und Gültigkeit, ihren bloß möglichen oder aber notwendigen Zusammenhang erforschen, während das gewöhnliche Nachdenken sich an die  Tatsachen  hält und aus ihnen Begriffe bildet. Alle Erfahrungswissenschaften, Geschichte, Philologie, jede Art tatsächlichen Wissens, auch die Wissenschaft von unserer eigenen Leibes- und Seelenbeschaffenheit (Anthropologie), soweit sie aus Tatsachen geschöpft wird, sind daher Vorschulen der Philosophie, aber nicht mit dieser selbst zu verwechseln, weil sie durch die Begriffe, zu deren Bildung sie Anlaß geben, ihr Anknüpfungspunkte für deren denkende Bearbeitung verschaffen. Philosophie selbst ist aber keine Erfahrungs-, sondern eine  Begriffswissenschaft,  weil sie nicht durch Vergleichung und Bearbeitung von  Tatsachen,  sondern durch solche von  Begriffen  zustande kommt und diese selbst zu ihrer unentbehrlichen Voraussetzung hat. Sie kann darum als die höchste, als die Vollenderin aller anderen Wissenschaften angesehen werden, weil sie durch die Reinigung und Vervollständigung der denselben angehörigen Begriffe ihnen selbst erst  Abschluß  und Vollendung gewährt. Ihr Ziel ist die alleinige Herrschaft richtiger und gültiger Begriffe in richtiger und gültiger Verknüpfung.

§ 14. Vollendet gedacht würde die  Philosophie  das Ideal des Systems aller gültigen und richtigen Begriffe in richtiger und gültiger Verknüpfung d. h. das Ideal aller  Wissenschaft  darstellen, dessen Besitz für ein Subjekt zugleich das Ideal des vollkommenen  Wissens  wäre. Die Erreichung dieses Ziels steht in umso weiterer Ferne, je mehr außer Zweifel es ist, daß die aus Tatsachen gewonnenen Begriffe, deren Bearbeitung das Geschäft der Philosophie ausmacht, durch Vermehrung der Tatsachen, wie durch Entdeckungen neuer unaufhörliche Wandlungen erfahren und voraussichtlich noch immer erfahren werden. Versuche, die Philosophie als abgeschlossen erscheinen zu lassen, wohl gar eine bestimmte Gestalt derselben für die einzig mögliche zu erklären, werden daher jederzeit für verfrühte gelten müssen.

§ 15. Hiermit hängt die Bedeutung der philosophischen Propädeutik als Vorschule zur Philosophie für das Gymnasialstudium eng zusammen. Die einzelnen Unterrichtszweige liefern für sich einen zahlreichen Begriffsvorrat, welcher der philosophischen Bearbeitung den  Stoff  hergibt. Ihre Aufgabe kann es nicht sein, das Resultat dieser Bearbeitung, den vollendeten Begriff vorwegzunehmen, weil sie sonst selbst fertige Philosophie sein würde, wohl aber zu der Vornahme solcher Bearbeitung  geschickt  zu machen. Dazu ist erforderlich:
    1. Daß man die Bedingungen, unter welchen Begriff mit Anspruch auf Richtigkeit und Gültigkeit gebildet und verknüpft werden, kenne;

    2. diejenige Art der Bildung und Verknüpfung der Begriffe, welche von deren  Inhalt  allein abhängt, von jeder anderen zufälligen, durch deren Auftreten in der Seele als Vorgänge in derselben herbeigeführten unterscheide und endlich:

    3. der in den vorhandenen Begriffen selbst liegenden Antrieb zur Bearbeitung, Verwerfung, Verbesserung und Ergänzung in einzelnen Fällen selbst inne werde.
Das Erste ist das Geschäft der Logik, das Zweite der Psychologie als Erfahrungswissenschaft von der Seele, ihren Vorgängen und notwendigen Bildungen, das Dritte der eigentlichen Einleitung in die Philosophie, die als solche die Andeutung einzelner Probleme zur weiteren Bearbeitung enthält, deren Lösung sodann dem Universitätsunterricht überlassen werden muß.

§ 16. Logik und Psychologie verhalten sich zueinander wie  Gesetzbuch  und  Naturgeschichte  unserer Gedanken. Jenes zeigt, wie sie gebildet und verknüpft werden  sollen,  wenn ihnen Anspruch auf Richtigkeit und Gültigkeit zugestanden werden soll; diese wie sie gebildet und verknüpft  werden,  es mag ihnen dieser Anspruch zukommen oder nicht. Jene sieht daher von der  Wirklichkeit dem  Vorkommen  der Gedanken in irgendeinem denkenden Wesen gänzlich ab, sagt zwar,  wenn  gedacht werde, um richtig und gültig zu denken, so dürfe nicht anders gedacht werden, als in ihren Formen, schreibt aber weder vor,  daß  man denke, noch behauptet sie, daß gedacht  werde.  Die Psychologie dagegen beschäftigt sich lediglich mit der Tatsache,  daß  gedacht wird und untersucht die Bedingungen, unter welchen Gedanken, richtige oder unrichtige, gültige oder ungültige gleichviel und im weiteren Sinne alle inneren Vorgänge, Gefühle und Begehrungen als Seelenerscheinungen zustande kommen. Jene erklärt den  Sachverband,  diese den  Tatbestand  unserer Gedanken.

§ 17. Die Einleitung in die Philosophie ist bestimmt zu zeigen, daß Bildung und Verknüpfung von Begriffen, die dem  Tatbestand  unseres Geistes angehören und deren Zustandekokmmen auf psychischem Weg ganz natürlich ist, dem  Sachverband  ihrem  Inhalt  nach ganz oder teilweise zuwider sind und zur Bearbeitung auffordern, die entweder eine gänzliche Ausscheidung oder teilweise Umänderung durch Hinweglassung oer Ergänzung bedingen kann. Ihr richtiger Platz kann daher erst nach jenen ersten beiden stattfinden.
LITERATUR - Robert Zimmermann, Philosophische Propädeutik, Wien 1860