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WERNER |G| PETSCHKO
Josef Mitterers Nondualismus

Seit ein paar Jahren wird unter einigen Vertretern der Abteilung Philosophie ein angeblich großer Wurf gehandelt, der es nach langjährigen Geburtswehen schließlich doch noch in eine breitere Öffentlichkeit geschafft hat. Die Rede ist von Josef Mitterers Nondualismus. Selbiger hat an den beiden maßgeblichen Strömungen weltanschaulichen Geschehens, dem Realismus und dem Konstruktivismus, 3 dualistische Gemeinsamkeiten entdeckt, die nicht hinterfragt werden, aber die Voraussetzung dafür sind, daß es überhaupt zu erkenntnistheoretischen Meinungsverschiedenheiten kommen kann.

Da ist einmal die Dichotomie zwischen Wirklichkeit und Sprache, d. h. zwischen Objekt und Beschreibung, zum anderen die Wahrheitszuschreibung und drittens die Richtung des Denken auf Gegenstände [ELFB 10]. (1) In diesen dualistischen Erkenntnisprinzipien wird behauptet, daß einen Unterschied gibt zwischern der Welt und unserem Wissen von der Welt, zwischen den Objekten und dem, was wir über sie aussagen, zwischen den Zeichen und den Gegenständen, die von ihnen bezeichnet werden und zwischen dem worüber wir sprechen und der Sprache, mit der wir darüber sprechen [ELJP 1]. "Aus diesen Voraussetzungen beziehen die Philosophen ihre Probleme, indem sie diese Unterscheidungen als conditio sine qua non des Philosophierens, ja des rationalen Diskurses überhaupt begreifen" [ELFB 10].

Die Tragweite dieses Erkenntnisprinzips läßt sich laut Mitterer kaum unterschätzen [JP 89]. Ohne die dualisierende Redeweise könnten Realisten wie Konstruktivisten überhaupt nicht "propagandistisch" [ELJP 9] nach Wahrheit und Erkenntnis streben, weil ihnen dann die Bezugsbasis für ihre Überlegungen fehlt. Die Aufstellung dieser Bezugsbasis aber geschieht, indem das Objekt einer in Frage stehenden Beschreibung in ein Jenseits des Diskurses [JP 89] verfrachtet wird. Problematisiert wird zwar,  w i e  Sprache und Wirklichkeit miteinander in Beziehung stehen, aber nicht,  o b  ein solcher Dualismus überhaupt sein muß. Erst dieses Jenseits macht die Behauptung möglich, daß rational über die Welt geredet wird [FB 9]. Darüber hinaus erlaubt die Vorspiegelung der Möglichkeit einer erfolgreichen Suche nach absoluter Wahrheit und Erkenntnis die Forderung nach Gehorsam und Unterwerfung [M 1] und in diesem Sinne sind die Wahrheitstheorien nichts anderes, als eine erkenntnistheoretische Verschleierung des Faustrechts [JP 96].

Mitterer behauptet, daß die Entscheidung für diesen Dualismus, der es ermöglicht, daß die Verantwortung für das Vertreten einer eigenen Auffassung an eine diskursjenseitige Instanz abgeschoben werden kann [M 4], bereits am Anfang der geistigen Erziehung fällt und danach nicht mehr in Frage gestellt wird [FB 2]. "Die dualistische Option ist uns durch die Sozialisation in die Denkgewohnheiten der philosophischen Tradition derart vertraut geworden, daß eine Alternative kaum vorstellbar ist" [FB 2]. Die Verpflichtung zur Wahrheit und das Gebot der Irrtumsvermeidung wird zum wichtigsten Unterscheidungskriterium im Alltag, in Wissenschaft und Politik und der Religion sowieso [FB 77]. Wer erwachsen sein will, muß zwischen "wahr" und "falsch" differenzieren können. Die damit verbundene Unterscheidung von "gut" und "böse" ist darüber hinaus maßgeblich für die Strafmündigkeit einer Person.

Nun wird aber, laut Mitterer, nirgends die Wahrheit von Aussagen bestätigt, sondern immer nur Aussagen  d u r c h  Wahrheit gesichert [VW11FB 9]. Die Sicherheiten in Bezug auf die Welt und ihre Objekte sind selbstfabriziert und auch das, worüber diese Sicherheit angestrebt wird, die Objekt der Erkenntnis, sind hausgemacht [JP 100], wie eben alle erkenntnistheoretischen Probleme überhaupt.

Wie ist es nun den Dualisten im einzelnen gelungen, ihre absurden Thesen beim großen Publikum als glaubwürdig erscheinen zu lassen? Dafür hat Mitterer folgende Erklärung: Nach dualistischem Verständnis ist das Etwas, das beschrieben wird, keine Beschreibung [FB 13]. Einer solchen erkentnistheoretischen Auffassung liegt das Streben zugrunde, Interpretationen, Wahrnehmungen und Beschreibungen von etwas zu erhalten, das selbst keine Interpretation, Wahrnehmung und Beschreibung ist [ELJP 6]. Das Objekt wird so hinter die Beschreibungen  apriorisiert  [JP 88]. "Was die Beschreibungen des Objekts erst erreichen sollen: Die Übereinstimmung mit dem Objekt, das ist für die Angabe des Objekts schon gelungen: Die Übereinstimmung, die Entsprechung mit dem Jenseits des Diskurses." [FB 24] Das ist für Mitterer aber ein Ding der Unmöglichkeit, nämlich das Objekt einer in Frage stehenden Beschreibung anzugeben, ohne dadurch nicht wenigstens eine rudimentäre Beschreibung zu liefern [JP 53].
    "Wenn ich eine sprachverschiedene Welt voraussetze, ist die Welt immer so, wie ich sie beschreibe: Ich kann sie ja nur mit Hilfe der Beschreibungen angeben, die ich mache. Oder? Kann ich sagen, daß die Welt nicht so ist, wie ich sie beschreibe? Dann habe ich vielleicht eine andere Beschreibung im Hinterkopf. Aber damit komme ich in eine paradoxe Situation derart: daß ich die Welt zugleich so und anders beschreibe. Ich kann nur sagen, daß die Welt anders ist, als ich sie beschrieben habe, aber ich kann nicht sagen, daß die Welt anders ist, als ich sie beschreibe." [FB 141]
Bei Wittgenstein wird etwas, ein Dreieck, als etwas anderes, z. B. als ein Pfeil gedeutet. Für Mitterer ist schon das Dreieck selbst eine Deutung. Wittgenstein sieht ein Ding seiner Deutung gemäß, aber für Mitterer ist das Ding selbst bereits eine Deutung [ELJP 6]. Dabei sieht er auch die große Versuchung, anzunehmen, daß da etwas Ungedeutetes ist, das gedeutet wird (und dann dieser Deutung gemäß gesehen wird).  Aber da ist nichts!  Und deshalb muß darauf verzichtet werden, als Ausgangspunkt für die "Aspekte" etwas anzunehmen, das nicht selbst ein Aspekt ist [ELJP 6]. "Der Annahme eines unbeschriebenen Objekts liegt ein Widerspruch zugrunde." [JP 24] und deshalb entwickelt Mitterer eine Vorgangsweise, bei der das Objekt der Beschreibung und die Beschreibung des Objekts eine Einheit bilden. "Das Objekt der Beschreibung ist nicht beschreibungs- oder sprachverschieden." [JP 13] Das Ergebnis ist ein Verzicht auf theorie- und sprachverschiedene Interpretations- und Bezugsbasen und damit auf Referenzbeziehungen überhaupt. Die Unterscheidung zwischen Theorie und Sprache verliert ihren Sinn [ELJP 10].
    "Während  ich den Tisch beschreibe, während ich über ihn reflektiere, kann ich zwischen dem Beschreiben des Tisches und dem Tisch nicht unterscheiden. - - - Kann ich  nach  der Beschreibung des Tisches zwischen der Beschreibung des Tisches und dem Tisch unterscheiden, etwa so: "Der Tisch ist aus Holz, hingegen ist die Beschreibung kurz und bündig, wahr und adäquat" oder so: "Der Tisch ist aus Holz, aber die Beschreibung des Tisches ist nicht aus Holz." - - - Aus dieser Unterscheidung lässt sich keine Unterscheidung zwischen einer diskursexternen Realität und einer diskursinternen Beschreibung gewinnen: Ich kann zwar den Tisch von der Beschreibung des Tisches unterscheiden, indem ich den Tisch (erneut) beschreibe und die Beschreibung des Tisches beschreibe. - - - Aber das Objekt  dieser  Beschreibung(en) ist nicht der Tisch, sondern der Tisch  u n d  die Beschreibung des Tisches. Wir sind also wieder in einer Situation, in der wir das Objekt der Beschreibung von der Beschreibung des Objekts nicht unterscheiden können; wir sind wieder in einem  während  der Beschreibung." [FB 140]
Für Mitterer gibt es also nur einen Sprachbezug, aber keinen Bezug zum Objekt selbst. Was aber wiederum nicht bedeutet, daß das Objekt der Beschreibung kein Objekt, sondern bloß Beschreibung ist, denn damit würde eine Leugnung der Unterscheidung zwischen Beschreibung und Objekt unterstellt [JP 50]. Die jeweils geleistete Beschreibung wird nun zum Objekt einer Beschreibung [JP 18]. Eine Nichtentsprechung zwischen Objekt und der Angabe desselben kommt jetzt nur noch in Frage, wenn ein anderes, als das angegeben Objekt angegeben wird [JP 86]. Eine solche Angabebeschreibung darf auch jederzeit in Zweifel gezogen werden, aber dann erfolgt ein Diskurswechsel zu einem anderen Objekt [FB 25]. Wenn nun aber das Objekt der Beschreibung nichts weiter als eine Beschreibung ist [JP 23], so meint Mitterer weiter, dann ist der Apfel, der auf dem Tisch liegt auch bloß eine Beschreibung und das wäre Unsinn. Auf dem Tisch liegt keine Beschreibung des Apfels, sondern der Apfel [JP 25]. Mitterer bestreitet auch gar nicht, daß der Apfel schon vor seiner Beschreibung auf dem Tisch liegt [JP 69], was aber für ihn nicht bedeutet, daß ein unbeschriebener Apfel auf dem Tisch liegt, denn eine solche These führt sich selbst ad absurdum. Sie könnte nur dann zutreffen, wenn sie nicht vertreten wird [JP 68]. Diese logische Holprigkeit, die von grundsätzlicher Bedeutung ist, möchte Mitterer nun dadurch begradigen, daß er einfach behauptet, daß es sich beim Objekt dieser Beschreibung eben nicht bloß um den Apfel, sondern um den Apfel  u n d  die Beschreibung des Apfels handelt [siehe oben FB 140]. Die Angabe- bzw. Rudimentärbeschreibung ist der Dreh- und Angelpunkt in Mitterers Konzeption. Sie ist der Basiskonsens, von dem alles ausgeht und der nicht in Frage gestellt werden darf.
    "Damit die Beschreibungen des Objekts in Frage stehen können, muß die Angabebeschreibung /Objekt/ außer Frage stehen." [FB 25] "Die Angabebeschreibung, mit der ich angebe, worüber ich rede, ist ein  D a ß  - Voraussetzung des Objekts, die außer Frage gestellt wird und werden muß, damit ich überhaupt über das Objekt reden kann." [FB 35]
Dabei erklärt Mitterer Aussagen wie "Der Schnee ist weiß" oder "Die Katze ist auf der Matte" für Beschreibungen, an deren Wahrheit kein halbwegs gebildeter Mensch zweifelt [FB 27]. Über ein Objekt reden ist die Rede /ein Objekt/ fortsetzen. "Über Afrika reden heißt die Rede /Afrika/ fortsetzen." [JP 15] Ein Gegenstand wird beschrieben, indem über die schon gegebene Beschreibung /ein Gegenstand/ hinausgegangen wird. "Die Rudimentärbeschreibung bildet im Verein (2) mit dem Objekt, das sie beschreibt, das Objekt der weiteren Beschreibungen." [JP 72]

Nun ist das Ding/Objekt einmal eine Deutung [ELJP 6], dann eine Beschreibung [JP 24] und ein anderes Mal sogar eine Erkenntnis, wie in JP 19: "Der Erkenntnis von etwas geht die Erkenntnis /Etwas/ voraus. Die Erkenntnis von etwas ist die schon geleistete Erkenntnis." Eine derart vielgestaltige Rudimentärangabe bildet nun keineswegs für sich allein, sondern  im Verein  mit dem Objekt, das sie beschreibt, das Objekt der weiteren Beschreibungen [JP 72].  Im Verein  deshalb, weil es sich beim Apfel, der auf dem Tisch liegt, nicht bloß um eine Beschreibung handelt (die man nicht essen kann), sondern um den "echten" Apfel  u n d  die Beschreibung, weil der unbeschriebene Apfel und die Beschreibung allein logisch absurd oder Unsinn wäre. Womit wir es aber bei diesem  "Verein"  und diesem  "u n d"  zu tun haben, das ist ein ausgewachsenes Jenseits, das Mitterer da sozusagen im Rucksack mitschleppt - der "gute alte" hiatus irrationalis, der allen Rationalisten und Logikern so schwer zu schaffen macht.

Damit nicht genug! So eine Beschreibung im Verein mit dem Objekt ist nun sogar in der Lage, das Objekt zu  ändern  und ein  neues  Objekt weiterer Beschreibungen zu bilden [JP 71]. "Die nicht-dualisierende Redeweise vertritt die These, daß die Beschreibung das Objekt  ändert,  genauer: daß die Beschreibung  im Verein mit dem Objekt,  (3) das sie beschreibt, ein  neues  Objekt weiterer Beschreibungen bildet." [JP 71] Im Dualismus sind nämlich die Objekte sprachverschieden gesetzt, wodurch sie dem Einfluß von Beschreibungen entzogen sind und die Beschreibungen der Objekte können diese nicht verändern [JP 29]. Mitterers nondualistische Redeweise erlaubt nun als "Philosophie des Wandels" divergierende Beschreibungen  from-now-on,  ohne andere Beschreibungen dabei zu diskriminieren. "Sie ermöglicht die verschiedenen Beschreibungen, aber sie selektiert sie nicht nach zutreffenden, adäquaten und anderen Beschreibungen." [JP 37] Die für wahr gehaltene Auffassung wird vertreten und sobald eine wahrere in Frage kommt, wird diese vertreten [JP 42]. Was zählt ist immer das letzte Urteil [FB 67]. "Worin die Wirklichkeit besteht wird durch den Verlauf der Beschreibungen bestimmt [JP 98]. Auffassungen sind  wahr,  solange sie vertreten werden und  falsch  weil und solange sie nicht vertreten werden [FB 152]. Wahr und falsch bringen nur noch die Zustimmung oder Ablehnung anderen Auffassungen gegenüber zum Ausdruck, ohne daß sich diese Zustimmung oder Ablehnung durch eine Berufung auf ein Jenseits legitimieren kann [FB 151].

Mitterer legt dabei Wert auf die Feststellung, daß die in Frage stehenden Beschreibungen nicht einfach aus der Luft gegriffen, sondern durch eine Untersuchung des Apfels oder Tisches zustande kommen [JP 49]. Mitterer ist auch klar, daß es zur Beurteilung der verschiedenen Auffassungen Kriterien, Instanzen und Arbiter braucht, ohne die niemand  für  oder  gegen  eine andere Auffassung beziehen könnte und täte es jemand, so wären diese Stellungnahmen nicht rational gerechtfertigt, sondern beliebig [FB 108]. Er ist sich auch bewußt, daß sich in einem Diskurs immer wieder die Frage stellt, ob gleiche oder verschiedene Objekte verschieden interpretiert werden und welche Interpretationen  funktionieren  (viabel sind] und welche nicht [RK 14] und er stellt sich die Frage, wie verhindert werden kann, daß nicht jeder mit gleichem Recht allen möglichen Unsinn behaupten kann, der ihm gerade einfällt [FB 150], so daß Diskurse reguliert werden und nicht chaotisch, unbestimmt und richtungslos verlaufen [FB 79]. Wie kann sichergestellt werden, daß z. B. der Ausdruck "Schnee" in der Objektebene an Schnee andockt und nicht an Wasser? wenn erst nach einem solchen Andocken, nach einer solchen Verankerung, die Beschreibung eines Objekts erfolgen kann? [FB 16]

In der Tat: Woher diese Kriterien nehmen, wenn nicht stehlen, bzw. erschleichen? Woher den Grund dafür beziehen, daß etwas als Gegenstand gesehen wird und etwas anderes nicht? (was, wie Mitterer feststellt, von Quine nicht als Problem verstanden wird [siehe ELJP 7]). Mitterer spricht in JP 46 von einer "Entscheidung gegen die Beschreibung" was wohl heißen soll, daß man sich für Beschreibungen  entscheiden  muß und zwar in dem Sinne, wie sich jemand für  diese  und nicht  jene  Deutung entscheidet. An so einer Entscheidung kommt also niemand vorbei. Die Konsenstheorie der Wahrheit greift nun auf ein konsenstheoretisches Prinzip zurück und ich fürchte auch in Mitterers Nondualismus muß immer wieder auf einen mehr oder weniger willkürlichen Konsens zurückgegangen werden.

Mitterer sieht die Lage nun aber überhaupt nicht so tragisch, wie man meine könnte und ist der Meinung, daß das Gemenge der Meinungen in "unseren" (4) Diskursen im Grunde ganz gut klappt. Der Ablauf an der Börse ist für ihn dafür das beste Beispiel. Solange dort ein tendenzielles Gleichgewicht im Dissens erhaten bleibt, funktioniert der Handel [FB 110]. So verlaufen die meisten menschlichen Diskurse konfliktfrei nach dem Motto: "Wo kein Kläger, da kein Richter." [FB 110] In diesem Sinne ist es dann auch möglich, viele Basiskonsense mit vielen Diskursteilnehmern zu teilen, aber ebenso in vielen Meinungen konträrer Auffassung zu sein [FB 13]. Zur Bewältigung und Vermeidung von Konflikten schlägt Mitterer den Beteiligten, die daran interessiert sind, vor, die Beschreibungen from-now-on, die den Konflikt ausgelöst haben, einfach zurückzunehmen und einen neuen Basiskonsens zu versuchen [FB 156].

Was aber nun, wenn ein solcher Basiskonsens prinzipiell nicht möglich ist, weil zum Beispiel jemand  nicht  der Meinung ist, daß der Annahme eines unbeschriebenen Objekts ein Widerspruch zugrunde liegt, also unbeschriebene Objekte möglich sind und nicht absurd? Was ist, wenn jemand  schaut,  ohne zu  sehen?  Wenn ich nur schaue (also  leer  schaue oder wie manche sagen  blöd  schaue), dann "sehe" ich nicht eigentlich, denn ein "Sehen" wäre schon Wahrnehmung und damit Kategorisierung, d. h. Verdinglichung und mögliche Beschreibung und damit eine willensmächtige  Aneignung  aufgrund einer gerichteten Aufmerksamkeit, einer Intention, eines Interesses, eines Zwecks.

Was ist also, wenn dieses unbeschriebene Etwas als grundsätzlich sprach- und beschreibungsverschieden angesehen wird, wie das die Mystiker aller Zeiten für sich in Anspruch genommen haben? (5), dann haben wir es mit einem "echten" Jenseits des Diskurses zu tun, einem Jenseits der Vernunft, wer so will, oder eben mit einer göttlichen Theoria. Ich selbst tendiere auch eher dazu, daß eine "Wirklichkeit" (wenn es schon unbedingt eine sein muß) eher  geschaut,  als gesehen wird und man es mit einem Jenseits zu tun hat, dem durchaus ein logisches, bzw. vernünftiges Recht zukommt, was aber noch lange nicht heißt, daß ein solches Jenseits auch als Rechtfertigungsinstanz zur Verfügung steht.

Ich halte es nicht für ausgeschlossen, daß ein Schauer (oder ein Hörer oder Fühler im selben Sinn) mit einem klassischen "Seher" (6) zu einem Basiskonsens kommt, allerdings nur einem solchen, der etwas "oberflächlicher" angesiedelt ist und den grundsätzlichen Dissens in der Weltanschauung nicht berührt, also auf andere Gemeinsamkeiten zurückgegriffen wird. Ein solcher, auf Teilziele beschränkter Konsens, dürfte dann aber auch wieder alle Nachteile einer pragmatischen Vorgehensweise beinhalten und kann einen übergeordneten (gesellschaftlichen) Konsens, der wiederum auch alle Dissense miteinbegreift, wohl kaum entbehren. So daß sich schließlich Konsens und Dissens im Ganzen gesehen wieder die Waage halten nach dem Motto: Wenn es schon zu keinem echten übergreifenden Konsens kommen kann, dann sollen sich wenigstens die verschiedenen Dissense untereinander in Schach halten (was ja im Grunde auch der Praxis des politischen Prinzips der Gewaltenteilung entspricht). Um einen halbwegs rationalen Diskurs, in dem "wir" in der Lage sind, "unsere" Behauptungen zu begründen [FB 138] ist es dann allerdings geschehen. Die Chancen auf eine argumentative Lösung von Konflikten stehen dann schlecht und die Philosophie hat der Beliebigkeit nichts entgegenzusetzen [FB 97]. Die Flucht aus der Beliebigkeit ist dann, wie auch Mitterer meint [FB 4] tatsächlich vergeblich und er ist sich dabei auch durchaus im Klaren, daß überall, wo kein argumentativer Konsens zustande kommt, eine anderweitig gerechtfertigte Macht auf den Plan tritt und die erforderliche Entscheidung trifft [VRU 25].(7)

Das Problem ist und bleibt also die nicht problematisierte Voraussetzung [VWJP 5] und die wäre bei Mitterers Nondualismus die Wunderwaffe einer Beschreibung mit der Lizenz zum Verändern. Dabei wird stillschweigend vorausgesetzt, daß eine allgemeingültige Erkenntnis und damit eine übergreifende Rationalität möglich ist. Mitterer denkt nicht daran, den Begriff der Wahrheit oder Wirklichkeit völlig abzuschaffen, denn wenn es prinzipiell keine  sachliche  Übereinstimmung mehr gibt, dann ist auch keine allgemeingültige Wissenschaft, Logik oder Rationalität möglich, die nicht mehr oder weniger auf irrationalen, interessenbedingten Zwecken beruth. Man landet am Ende beim nackten Überlebenswillen als dem höchstwahrscheinlichen gemeinsamen Nenner, wobei Selbstmordattentäter als Ausnahmen die Regel bestätigen. Mit einem Humanismus [in was für einem Sinn auch immer] ist es dann freilich auch vorbei.

Mitterer macht aus der Dichotomie von Sprache und Wirklichkeit einen Monismus, aber einen "im Verein" mit dem Jenseits, das er nicht wirklich los wird, so daß sich die Lichtung, die er glaubt, in den Dschungel gerodet zu haben, sich wieder hinter ihm schließt [vgl. FB 104]. Die Objektebene bleibt weiter ein Jenseits, das findige Schlaumeier als Wahrheit für ihre Machtinteressen ausbeuten können. Diese Leute vertreten dann ihre Meinungen aus purem Eigeninteresse [vgl. FB 98] und der eigentliche Grund ihres Strebens besteht aus "Macht, ökonomischen Interessen, allen möglichen Werten wie Freiheit, Recht, Moral, Friede oder ganz banal: ein Gefühl der Genugtuung" [FB 89], wobei sich alle diese Gründe ohne weiteres auch auf einen einzigen zurückführen lassen, nämlich den der Macht.

Auch in Mitterers Nondualismus gibt es einen "Wahrheitsfall" [FB 32, 148; VRU 6; JP 41], bzw. die Chance auf eine größere oder geringere Wahrheit [FB 42]. Und in diesem Sinne handelt es sich bei der Wirklichkeit, die sich bei Mitterer im Verlauf der Beschreibungen ergibt [JP 98], ebenso um ein Machtinstrument, mit dem legitimiert wird. Auch im Nondualismus findet eine  Beziehung  auf ein Objekt statt und dabei spielt es keine Rolle, ob es sich um ein Beschreibungsobjekt oder um das "echte" handelt. Sobald von einem "Bezug" und einer "Richtung" die Rede ist, hat "man" es mit einem Dualismus zu tun und genau daran knüpfen sich für mich die  machtrelevanten Probleme. Ich bin auch nicht der Meinung, daß, wie Mitterer behauptet, die "Frage der Beziehung auf das Objekt" nur selten explizit gemacht wird [NWJP11]. Das mag vielleicht für die Logiker und Rationalisten zutreffen, aber die Entwicklung der Psychologie seit Leibniz spricht meines Erachtens eine andere Sprache (8). Wo immer seitdem von Apperzeption die Rede ist, geht es um eine mehr oder weniger irrationale Zutat, ohne die keine Wahrnehmung auskommt und genau diese Zutat ist es, mit der dann ein Wolff, ein Kant, ein Brentano, ein Wundt oder Husserl die logische Lücke in ihrem System gefüllt haben. Dabei sind sie den "hiatus irrationalis" aber nie wirklich los geworden, aber das war auch gar nicht so wichtig, denn die Hauptsache war, daß wieder einmal etwas als Antwort für die immer unbefriedigte Frage nach einer Verbindung von Individuum und Allgemeinheit herhalten konnte.

Wo man es mit Deutung und Bedeutung zu tun hat ist immer ein ganz bestimmter Bewußtseinsbegriff mit im Spiel und damit ein spezifisches Menschenbild, damit einer logischen vor einer gewollten oder gefühlten (oder umgekehrt)  Beziehung  auf das Objekt ein Vorrang eingeräumt werden kann. Wenn ich davon ausgehe, daß die Entscheidung darüber nicht vom Himmel fällt, brauche ich eine Regel darüber, wie sich Geltung und Verbindlichkeit und damit Verantwortung rechtfertigen lassen. Mit einem logischen Beweis, bzw. Erkenntnis allein, ist da gar nichts geholfen. Es müssen Grundsätze, d. h. Werte  anerkannt  (nicht  e r kannt) werden (9).

Beziehungen verlaufen mindestens zwischen zwei "Dingen", sind also dualistisch. Um eine Beziehung zu rechtfertigen, braucht es eine Entscheidungsinstanz, für diese wiederum bedarf es Beurteilungskriterien dafür, ob etwas so oder so gedeutet wird. Ohne irgendein Interesse ist das nicht möglich. Es muß etwas beabsichtigt werden und wäre es das, nichts zu beabsichtigen (was aber wiederum ein Widerspruch in sich wäre). Ob ein Etwas zutrifft oder nicht kann nicht  erkannt,  sondern muß  anerkannt  werden. Wo aber ein Wille im Spiel ist, bedarf es der Regelung eines solchen, wenn nicht das Recht des Stärkeren herrschen soll, womit dann ein ethischer und schließlich rechtspolitischer Diskurs eröffnet ist.

Die Einheit, die Mitterer da zwischen dem Objekt der Beschreibung und der Beschreibung des Objekts behauptet, fällt nicht vom Himmel und ist auch nicht das Resultat einer Erkenntnis, sondern eines Willens und wenn da versprochen wird nicht  nach  der Erkenntnis der Welt zu streben, sondern  von  der Erkenntnis /die Welt/ (als Basiskonsens) auszugehen, dann ist die letztere Erkenntnis keine. Der Meinungsdschungel lichtet sich vielleicht durch Mitterers Analyse etwas was die Dualisten betrifft, aber was das gleiche Recht aller möglichen Interessen angeht, herrscht weiter Finsternis, solange die Regeln der Logik von denen der Ethik kategorisch getrennt werden. Ist eine Deutung willkürlich und interessenbedingt, dann darf niemand erwarten, daß sich aus so etwas irgendwann einmal von selbst eine Regel ergibt. Für einen faulen Basiskonsens mag alles Mögliche beschrieben und fortgesetzt werden - es bleibt doch auf Sand gebaut.

Und so sehe ich nicht, welcher Fortschritt in einem Nondualismus liegen soll, der das Jenseits doch nicht ignorieren kann und seinen Objekten der Beschreibung ein "Original-Objekt"  im Verein  mitgeben muß. Wenn ich davon ausgehe, daß Wahrheit und Wirklichkeit in Bezug auf eine logische Allgemeinheit irrelevant sind, muß Allgemeinheit anderweitig gerechtfertigt werden, wenn noch ein Interesse an irgendeiner übergeordneten Instanz und Ordnung bestehen soll. Soll diese allgemeine Geltung nicht durch geistige, seelische oder physische Gewalt erzielt werden, dann bleibt nur noch die einsichtige Anerkennung als Option übrig und damit die Frage: "Was soll vernünftig sein?" In einem solchen Diskurs spielen Werturteile und Interessen und damit (der Wille zur) Macht die entscheidende Rolle. Wird in einem Diskurs der Wille unterschlagen, der im Grunde die Auffassung, die jemand vertritt, ausmacht, dann wird dabei das  Macht problem ignoriert, bzw. die Frage der Rechtfertigung von Zurücksetzung und Bevorzugung. In diesem Fall befindet sich die Ethik in einem Jenseits von Logik und Rationalität. Daß das Interesse bei einer Bezugnahme nicht außer Acht gelassen werden darf, bedeutet, daß der eigentliche Grund für eine Entscheidung im Subjekt, in der Person, im Charakter, im Menschen selbst gesucht werden muß, der  für sich  eine Verpflichtung als bindend anerkennt. "Voraussetzungen sind nur gültig, wenn wir sie machen", sieht auch Mitterer so [RK 15]. Und so ist es dann nicht die  Theorie,  die an der Realität scheitert, sondern der  Wille,  das heißt: da ist nur ein Wille, der in eine bestimmte Richtung geht und ein  /Etwas/  - was immer das auch sein soll - das diesem Willen entgegensteht oder ihm dienlich ist.

Die eine Seite eines Bezugsverhältnisses ist immer ein Subjekt und dementsprechend lassen sich Widersprüche immer nur hinsichtlich der von diesem Subjekt gemachten und auch anerkannten Voraussetzungen geltend machen. Dabei muß es sich nicht notwendigerweise um eine Selbstreferenz, bzw. Selbstvalidierung handeln, die laut Mitterer nichts weiter als die eigene Selbstkritik zu fürchten hat [vgl. M 7]. Letztlich muß jeder Mensch und niemand anderer für sich selbst wissen, ob bei einer Entscheidung das richtige Maß an Sorgfalt und Umsicht vorhanden ist oder nicht. Wozu hat man schließlich ein Gewissen? ;-)

Ansich,  also objektiv-allgemeingültig bleiben Probleme immer ungelöst. Und auch wenn es möglich sein sollte, Erschleichungen und Verschleierungen, mit denen ein anderer Zweck als der vorgegebene verfolgt wird, weitgehend zu verhindern, so hebt sich damit bestenfalls das Niveau der Probleme, nichts weiter. Wirklich  gelöst  werden Probleme letztlich nur auf der Basis einer persönlichen Entscheidung, bzw. Haltung, indem jemand für sich feststellt, daß jetzt etwas einmal "gut" ist und etwas  gut  sein läßt oder eben nicht.

Das grundsätzliche Problem, wie aus einem  Individuum  (Etwas-Ding) ein  Allgemeines  (Sprache, Beschreibung, Regel, Gesetz) werden kann, wird  logisch  auf ewig ungelöst bleiben, weil es zwischen diesen beiden "Größen" (das gilt auch für die "Elemente" und "Verbindungen" in der Hirnforschung) keine  logische  Beziehung gibt, die lediglich erkannt werden muß, um gültig zu sein. Da ist im ganzen Universum keine Beziehung, die nicht von einem menschlichen Bewußtsein als Beziehung  aufgefaßt  werden muß. Und das gilt auch für Milliarden von Jahren alte interstellare Abläufe. Der Tisch "hat" keine vier Beine, so wie Zucker nicht süß "ist". Was der Tisch alles  ist  oder  hat  ist immer Deutung und im Grunde Anthropomorphismus oder schlicht und ergreifend Pragmatismus. Daß die vier Beine eines Tisches den meisten Menschen so offensichtlich vorkommen, ist nur Gewohnheit, wie Kausalität nur Gewohnheit ist. Immer wird ein Maß angelegt, das Maß selber aber ist willkürlich gewählt, wie die Anwendung der Zahlen auf die Objekte willkürlich ist und eben auch die Worte. Es bedarf immer erst eines  Urteils  und das mag im Falle Tisch und Beine nicht schwerfallen, aber von diesen einfachen Fällen darf nicht geschlossen werden, daß es sich in anderen Urteilen um dieselbe logische Methode handelt. Es kommt ganz auf die Art des Bezugs an, der vorgenommen wird um die möglichen Zusammenhänge und das Ganze zu komplizieren [vgl. JP 27]. Auch in einem Nondualismus werden zur Prüfung von Thesen Objekte in Zeit und Raum gemessen [JP 49], aber es gibt keine rationale Erklärung für die Verbindung von Maßeinheiten mit den Objekten im Sinne von Neurath, den Mitterer als Motto mit den Worten anführt: "Niemand ... kann angeben, wie sich ein Vergleich zwischen Aussagen und Tatsachen überhaupt durchführen lassen soll".

Mitterer tut zwar so, als könnte sich jeder zwischen der Option eines Realismus, Konstruktivismus oder Nondualismus entscheiden [vgl. ELFB 11], aber ob das eine echte Wahl ist, wage ich zu bezweifeln, es sei denn, es bliebe jemandem überlassen ernsthaft für ein Faustrecht zu votieren, womit dann schnell auch alle Wahlen abgeschafft werden könnten. Und wenn er behauptet, daß es ihm nicht darum geht, Fragen wie "Was gibt es?" oder "Wie oder was können wir erkennen?" zu beantworten, so akzeptiere ich eine solche Ablehnung lediglich in Bezug auf eine objektive Wir-Erkenntnis oder allgemeingültige Wirklichkeit  ansich. Für ihn  persönlich aber dürften sich diese Fragen weiter stellen und zwar jeden Tag neu und genau darum geht es.
LITERATUR - Josef Mitterer, "Jenseits der Philosophie" und "Flucht aus der Beliebigkeit", Weilerswist 2011
    Anmerkungen
    1) [JP] Jenseits der Philosophie; [VWJP] = Vorwort J. d. Ph.; [ELJP] = Einleitung J. d. Ph.; [M] = Wie radikal ist der radikale Konstruktivismus; [NWJP] = Nachwort "Jenseits der Philosophie" 2011; [FB] Flucht aus der Beliebigkeit; [VW11FB] Vorwort 2011 zu FB; [ELFB] Einleitung zu FB; [VRU] "Vom Reden über" Anhang 1 FB; [RK] "Der radikale Konstruktivismus" Anhang 2 FB. - - - Die jeweiligen Zahlen bezeichnen den entsprechenden Paragraphen. Bei VWJP handelt es sich um die Seitenzahl.
    2) Sperrung von mir.
    3) Sperrung von mir.
    4) In FB 112 spricht Mitterer von Wahrheitstheorien als Übereinstimmungstheorien mit einem möglichst großen Anwendungsbereich von "wir".
    5) Und man komme mir nicht damit, daß auch / E t w a s /, bzw. 'Irgendewtwas' schon eine Beschreibung ist, denn dann höre ich sofort zu schreiben auf und hole meinen Rohrstock hervor und werde "leibhaftig".
    6) Nicht zu verwechseln mit dem archaischen Seher, der im Prinzip ein Schauer war.
    7) Wer der parlamentarischen Debatten der Gegenwart verfolgt kann dabei leicht den Eindruck gewinnen, daß es in den Reden nur noch darum geht, die faktischen Mehrheitsverhältnisse rational etwas aufzuhübschen, um den Anschein einer Gewissensfreiheit der Abgeordneten gegen den Fraktionszwang zu bestätigen.
    8) Man könnte auch bis zu den Scholastikern oder noch weiter bis zu den Erkenntnisnihilisten unter den griechischen Skeptikern zurückgehen.
    9) Dabei darf es sich dann selbstverständlich bei einer Rechtsprechung nicht auch bloß wieder um eine Verschleierung des Faustrechts handeln.