cr-3Chandos-BriefHelmut ViebrockHofmannsthal - Mauthner    
 
RUDOLF HIRSCH
Nachwort zu
Hofmannsthals Chandos-Brief


"Worte sind der Seele Bild - Nicht ein Bild! sie sind ein Schatten! Sagen herbe, deuten mild, Was wir haben, was wir hatten."
"Sie ist das große Werkzeug der Erkenntnis, sie ist das große Werkzeug der Verkennung. In ihren schwebenden Bildern verbirgt der Geist sich vor sich selber. Sie scheint uns alle zu verbinden und doch reden wir jeder eine andere ... ihre Denkmäler sind die einzigen wirklichen; an ihnen scheint das Individuelle so unwichtig wie der Eindruck einer Vogelklaue auf ungeheuren Kreideklippen. Niemand darf sich rühmen ihr zu gebieten: aber wer sich ihr nur in großem Sinn hingibt, dem gibt sie schon ein überirdisch Licht. Sie ist so abgegriffen wie schlechte Münzen und doch so rein wie der frische Bruch eines Bergkristalls. Sie scheint mitten ins Denken hineinzuführen und führt in Wahrheit hinaus. Alles Weisheit der vergangenen Völker liegt in ihr, alle Gesichte der Verzückten, alle Verknüpfungen die die Tiefsinnigen gefunden haben, alle Regungen welche die Liebenden durchgefühlt haben: sie ist voll unerträglicher Weisheit und gibt sich jedem Kind und jedem Narren hin."
Mit solchen hymnisch aufrauschenden Worten feiert HOFMANNSTAHL Triumph und Geheimnis der Sprache, die auch als die Mutter der Lüge bezeichnet wird.

Viel nüchternen heißt es am Ende des Lebens, aber der Substanz nach dasselbe verkündend: Das Dichterische ist immer und jedem Gegenstand gegenüber ein Durchstoßen mit den Mitteln der Sprache zum letzten Lebendigen, zu dem worin die Gesetze des Kosmos rein erkennbar sind: zum Unterbewußtsein der Dinge. Und ganz früh heißt es einmal: die Worte an sich sind nichts, wie wir sie brauchen um das unsägliche zu verschleiern darin liegt alles, und HOFMANNSTAHL fügt hinzu: Sehr tief gefasste Symbole sind Realitäten.

Unverlierbar war ihm die Gewißheit, daß das Wort den Dichter und der Dichter das Wort nicht verläßt, das Empfangen der Welt vermöge des Wortes, welches das Zentrum der Dichtung ist.

"Es ist töricht zu denken, daß ein Dichter je seinen Beruf, Worte zu machen, verlassen könnte. Wenn er schweigt und ein Heiliger wird, so wird er auch Dichter-Heiliger sein und kontemplieren, ja selbst Askese wird er so fassen: sich selbst  sehen  oder das Feuer  sehen,  in welchem er verbrennt."
Aber HOFMANNSTAHL begnügt sich nicht mit der dogmatischen Verkündung des Poetischen, sondern er sagt, durch welche Magie (Rhythmus, Verbindung, Tonfall) es zur Erscheinung kommt. Diese Magie beruht auf dem Glauben an die Einheit des künstlerischen Grundtriebes, des Triebes, "dem Geschaffenen die letzte Deutlichkeit, den göttlichen Hauch des Lebens zu geben" und dem an den Dichter als "Erblicker der Wahrheit" - dies wird in den letzten Lebensjahrzehnten im sprachlichen Ausdruck, nicht aber im Wesen alteriert.

In einer frühen Aufzeichnung zur Technik des Symbolismus heißt es: Das Entstehen des metaphorischen Ausdrucks ist ein geheimnisvolles Ding: der Anschauung eines Vorgangs substituiert sich plötzlich unwillkürlich die Anschauung eines andern nur in der Idee verwandten  bildlicheren körperlichen.  Ein weiterer Kernsatz lautet: Poesie soll die dunkelsten Zustände durch Melodien lösen.

Es ist im Grunde das GOETHEsche, in den Geist einer neuen Zeit getragene "Worte sind der Seele Bild - Nicht ein Bild! sie sind ein Schatten! Sagen herbe, deuten mild, Was wir haben, was wir hatten." Fast ebenso häufig wie diesen Vers GOETHEs evoziert HOFMANNSTAHL immer wieder in vielen Stadien seines Lebens den Satz von NOVALIS:
Jedes Wort ist eine Beschwörung: ein welcher Geist ruft, ein solcher erscheint. Auf die  incantatio  kommt es ihm an. Die wahre Poesie ist das  arcanum,  das uns mit dem Leben vereinigt, uns vom Leben absondert.
Der Zustand des Absinkens von solcher Höhe in die Schwächezustände, die das Zeitalter der impressionistischen Kultur umlauern, ist ein Thema des CHANDOSbriefes, das furchtbare Erlebnis dessen, der den Zauberstab besitzt und dem die Dinge nun übermächtig werden. Einmal schon hatte HOFMANNSTAHL dies gestaltet im  Kleinen Welttheater,  in der Figur des Wahnsinnigen, der höchsten Steigerung des Dichters zu der triumphierenden souveränen Selbstbejahung des Ich, die schließlich jede Grenze überschreitend das Eigenleben der Welt durchstreicht. Nur in der Skizze zum zweiten Teil des Ofterdingen findet sich eine ähnlich radikale Konsequenz: Heinrich wird im Wahnsinn Blume - Tier - Stein - Stern.

Jetzt, im Brief der Lord CHANDOS, mündet die Labilität im "Äußersten vn Kleinmut und Kraftlosigkeit" als Verfassung des Inneren:

"Der HERKULES der in der Wiege lächelnd die Schlange erwürgte, mußte dahin kommen, daß er da liegt und zu schwach ist, mit dem Schatten einer Ameise zu turnieren."
HOFMANNSTAHL findet wiederholt verwandte Worte des Verzagens in seinen Briefen an GEORGE, der die Maske sogleich durchschauend, den fingierten Brief als an ihn gerichtet empfand. So heißt es am 13. Oktober 1896:
"...für welche Gedanken, für wessen Kunst- und Weltanschauung, für wessen Dichtungen vermöchte ich mit Zuversicht und Glauben einzutreten, solang ich, an mir selber irre, erst von jedem neuen Tag schwankend und ängstlich die Bestätigung erwarten muß, daß ich überhaupt die Worte, mit denen wir Werte bezeichnen, in den Mund zu nehmen nicht völlig unberechtigt bin, solange mir jeder schlimme Tag diese Bestätigung verweigern kann, jeder Beweis einer inneren oder äußeren Unzulänglichkeit im Stande ist, mir für Monate die Gefaßtheit, ja die Sprache zu rauben?"
Als GEORGE ihn im Mai 1903 auffordert, aus seinen Gedichten ein Buch zu machen, erwidert er:
"...dieser Preis ist mir zu hoch. Das Widersinnige, das Abstoßende: mit den wenigen gelungenen Gedichten, die ich selbst nicht minder hoch stelle, als Sie stellen, mit diesen ein gleiches Maß von Nichtigkeiten vermengen, ... die paar Tropfen edlen Weines ins Spülwasser gießen, statt zu warten und wären es Jahre und Jahre, bis eine Stunde wieder, und wäre es die Stunde der größten Schmerzen, noch ein paar Tropfen von gleicher Stärke dazuträufelt, und dann einmal das Buch daraus machen, meinethalben auf dem Totenbett es daraus machen, das rein ist, das mit einem Menschen, den das Vermischte ekelt, in den Garten darf."
In solchen Augenblicken, in denen die Sprache keine Realität mehr für CHANDOS besitzt - er vergißt, daß sie das Schicksal des Menschengeschlechtes - und ihm alles Ausgesprochene unwahr erscheint, erwacht in ihm die Andacht zum Kleinen, Unbedeutenden. Dies ist ein Stigma der Epoche. Der in der mystischen Tradition stehende Zweifel an der Bezeichnungskraft gegenüber Dingen, die aus einem wirren Netzwerk mit aller Intensität ins Grandiose herausgerissen werden wollen, begründet sich am ausführlichsten in der dem Chaos abgerungenen Rattenvision.

Der Brief des Lord CHANDOS an FRANCIS BACON, im August entstanden, wurde am 17. und 18.Oktober 1902 in einer Tageszeitung veröffentlicht. Im Oktober 1904 erschien er zum ersten Mal in einem Buch, das den Titel trägt  Das Märchen der 672. Nacht und andere Erzählungen  vereint mit  Erlebnis der Bassompierre  und  Reitergeschichte,  1907 im ersten Band der  Prosaischen Schriften 

Die Mehrzahl der Interpreten glaubt den imaginären Brief als autobiographisches Zeugnis einer Krise deuten zu sollen, nichtachtend, daß HOFMANNSTAHL gleichzeitig die schönsten spanischen Trochäen von  Das Leben ein Traum,  dreihundertfünfzig Verse der  Elektra  und Teile des  Geretteten Venedig  schrieb, was man wahrlich nicht als Versiegen der dichterischen Kraft oder als gänzlichen Verzicht auf literarische Tätigkeit bezeichnen dürfte.

Im Dezember 1902 berichtet er GEORGE von

"unvermittelt hereingebrochenen Tagen der inneren Fülle, nicht Tage sondern Wochen, nun beinahe Monate der anhaltenden Arbeitsfähigkeit, des gesteigerten schönen inneren Lebens. Wie freue ich mich, nun wieder zu Ihnen zu sprechen, wie froh denke ich nun daran, Ihnen wieder unter die Augen zu treten, nicht als ein Leichnam vor den Lebendigen mich hinzuschieben."
Vielleicht geben jene Zeilen an ANDRIAN die klarste Auskunft über den Zustand, in dem sich HOFMANNSTAHL befand, als er den Brief der Öffentlichkeit übergab.
"Von dem was Du tadelnd bemerkst will ich nur eines mit einem Einwand aufnehmen. Nämlich daß Du sagst, ich hätte mich zu diesen Geständnissen oder Reflexionen nicht einer historischen Maske bedienen, sondern sie direkt vorbringen sollen. Ich ging aber wirklich vom entgegengesetzten Punkt aus. Ich blätterte im August öfter in den Essays von BACON, fand die Intimität dieser Epoche reizvoll, träumte mich in die Art und Weise hinein wie  diese  Leute des achtzehnten Jahrhunderts die Antike empfanden, bekam Lust etwas in  diesem  Sprechton zu machen und der Gehalt, den ich um nicht kalt zu wirken, einem eigenen inneren Erlebnis, einer lebendigen Erfahrung entleihen mußte, kam dazu.

Ich dachte und denke an eine Kette ähnlicher Kleinigkeiten. Das Buch würde heißen  erfundene Gespräche und Briefe.  Ich denke darin kein einziges bloß formales, kostümiertes Totengespräch zu geben - der Gehalt soll überall für mich und mir nahestehende aktuell sein - aber wenn Du mich wieder heißen wolltest, diesen Gehalt  direkt  geben, so ginge für mich aller Anreiz zu dieser Arbeit verloren - der starke Reiz für mich ist, vergangene Zeiten nicht ganz tot sein zu lassen, oder fernes Fremdes als nah verwandt spüren zu machen."
1901 waren die ersten beiden Bände von MAUTHNERs  Beiträge zu einer Kritik der Sprache  erschienen, eines Werkes, das, nachdem NIETZSCHE die Sprache als Fälschung denunziert hatte und ERNST MACH dem Wort die Möglichkeit den Begriff zu decken bestritten, die radikalste Skepsis gegenüber der Abstraktion der begrifflichen Sprache zum Ausdruck brachte. Mit seiner Negation ist MAUTHNER zugleich der Wegbereiter für eine neue Mystik geworden.

markiert im ersten Band  Sprache und Psychologie  von MAUTHNER zitierte, auf seine Wortverachtung bezogene Sätze GOETHEs:

"Jedoch, wie schwer ist es, das Zeichen nicht an die Stelle der Sache zu setzen, das Wesen immer lebendig vor sich zu haben und es nicht durch das Wort zu töten" und "Alles kommt in der Wissenschaft auf das an, was man ein  Apercu  nennt, auf ein Gewahrwerden dessen, was eigentlich den Erscheinungen zu Grunde liegt."
Auch PHILIPP CHANDOS schreibt:
"...die abstrakten Worte, deren sich doch jede Zunge naturgemäß bedienen muß, um irgendwelches Urteil an den Tag zu geben, zerfielen mir im Munde wie modrige Pilze."
Es handelt sich nun um den von HOFMANNSTHAL leidenschaftlich geführten Kampf gegen die im neunzehnten Jahrhundert sich mehr und mehr emanzipierende Sprache der Wissenschaft. 1906 notiert er:
"Eine furchtbar gesteigerte Dialektik, gewohnt bauchrednerisch jeden Standpunkt im All einzunehmen, hat uns enteignet in uns selbst: in schwankendem Ungefähr verzittert unser Selbstgefühl ... Durch die Vergröberung der Worte entsteht Vergröberung des Weltbildes. Im Bereich des Gesagten herrscht unendlich Anarchie."
Als höchste Gegenbilder ruft HOFMANNSTHAL GOETHE sowie LEONARDO auf.
"Es handelt sich darum über dem Einzelnen, dem Gesonderten, dem Bewältigten, dem Beschriebenen das Allgemeine, das Unbeschreibliche, das Überwältigende nicht zu vergessen: die Gefahr der Wissenschaft liegt darin, daß sie ihren Resultaten den Wert von Offenbarungen zuschreibt ... Alle Formen überwältigen uns, Mächte unterjochen uns, unendliche Relativitäten unterhöhlen uns."
Dies alles nimmt HOFMANNSTHAL beklommen wahr. Der CHANDOSbrief aber ist weder ein verhülltes Bekenntnis HOFMANNSTHALs, noch bedeutet er eine Zäsur in seinem Leben oder Schaffen. HOFMANNSTHAL ist nie vom Tempel auf die Straße gegangen. Von gleicher Art, von gleichem Geist getragen sind Claudio und der Schwierige, der Kaufmannssohn und Andreas, Elis und Sigismund, der Kaiser von Byzanz und der Kaiser der Südöstlichen Inseln.
LITERATUR - Rudolf Hirsch, Nachwort zu Hugo von Hofmannsthals "Brief des Lord Chandos", Ffm 1951