p-4Kritik der wissenschaftlichen GrundbegriffeDer Relationsbegriff    
 
HARALD HÖFFDING
(1843-1931)
Der Totalitätsbegriff
[ 1 / 10 ]

I. Die Stellung der Kategorienlehre
II. Fundamentale Kategorien
III. Formale Kategorien
IV. Reale Kategorien
V. Totalität und Wert
VI. Totalität als Grenzbegriff
Anhang: Kategorientafel

"Der sogenannte gesunde Menschenverstand operiert durchgehend mit konkreten und praktischen Intuitionen. Dadurch kann er, einen ersten, sehr plumpen Entwurf eines wissenschaftlichen und metaphysischen Systems geben. In der Sprache, in den von der Sprache gebildeten Worten und in den von ihr geformten Wortverbindungen ist ein solches System schon enthalten, das immer wieder seinen Einfluß auf die wissenschaftliche Gedankenform übt."

"Warum werden aber überhaupt Urteile gebildet? Warum bleiben wir nicht beim Anschauen? - Es ist gewiß nicht, wie einige meinen, eine Art Sündenfall, der hier geschehen ist. Es sind der Reichtum und die Mannigfaltigkeit der Wahrnehmungen und der Versuch der Erinnerung und der Phantasie, diesen Reichtum zu umspannen, die eine andere Art von Totalitätsbildung als das unmittelbare Anschauen notwendig machen."


I.
Die Stellung der Kategorienlehre
innerhalb der Philosophie

1. Kategorien sind Grundbegriffe, die in den Voraussetzungen, auf welchen alle wissenschaftliche Forschung beruth, enthalten sind und die durch Analyse dieser Voraussetzungen gefunden werden können. Zu voller Beleuchtung ihrer Natur ist es aber nicht hinlänglich, von der zu einer gewissen Zeit bestehenden Wissenschaft auszugehen. Es muß auch erwiesen werden, wie sie sich in der Geschichte der Wissenschaft auszugehen. Es muß auch erwiesen werden, wie sie sich in der Geschichte der Wissenschaft hervorgearbeitet haben, - wie sie als Formen der Gedankenarbeit auftreten, - und wie sie wieder verschwinden können, wenn sie nicht mehr Ausdrücke des arbeitenden Gedankens sind. Und von einer solchen historischen Betrachtung muß wieder zu einer psychologischen Untersuchung der Entwicklung des Denkens innerhalb des gewöhnlichen menschlichen Bewußtseinslebens, von welchem das wissenschaftliche Denken eine durch bestimmte Aufgaben bedingte besondere Ausformung ist, zurückgegangen werden. Die Grundbegriffe, mit welchem die Wissenschaft arbeitet, müssen psychologisch möglich sein und ihr erster Aussprung muß im unwillkürlichen Gedankenleben gefunden werden können. Der Unterschied zwischen psychologischen und der erkenntnistheoretischen Betrachtung der Kategorien besteht darin, daß jene Möglichkeit sowohl des unwissenschaftlichen oder vorwissenschaftlichen als des wissenschaftlichen Denkens sucht, während diese zeigt, daß es unter gewissen gegebenen Verhältnissen nur einen engen Weg zum Verständnis gibt. Es gilt von unseren Gedanken, daß viele berufen, aber wenige erwählt, sehr viele auch unberufen sind.

In erkenntnistheoretischen Arbeiten wird auf Grundbegriffen und Grundsätzen verschiedenes Gewicht gelegt. Einige Erkenntnistheoretiker beschäftigen sich nur mit den Grundsätzen, den Sätzen, auf welchen wissenschaftliche Begründung ruht. Und weil Sätze, die Voraussetzungen aller Begründung sind, selbst natürlich nicht begründet werden können, werden die Grundsätze oft als auf einer Wahl, einem Sprung beruhend dargestellt; sie setzen, meint man, einen Akt voraus, der an und für sich ebensogut in ganz anderer Richtung gehen könnte. Die ersten Prinzipien der Wissenschaft sind nach dieser Auffassung nicht selbst Gegenstände einer Wissenschaft. Doch wird meistens eingeräumt, daß die Wahl innerhalb eines gewissen Kreises von Möglichkeiten gebunden ist und daß dieser Kreis mit der Natur des menschlichen Denkens, wie diese nun einmal beschaffen ist, gegeben ist. Diese faktische Beschaffenheit zu untersuchen, ist die Aufgabe der Psychologie und es entsteht dann die Frage, wie sich die verschiedenen Gesichtspunkte, aus welchen Erkenntnistheorie und Psychologie menschliches Erkennen untersuchen, zueinander verhalten. Aber schon ehe wir uns an diese Frage wenden, leuchtet es ein, daß zwischen Grundbegriffen und Grundsätzen, wie überhaupt zwischen Begriffen und Urteilen, ein solches Wechselverhältnis besteht, daß die Untersuchung der einzelnen in den Grundsätzen enthaltenen Begriffe die Grundsätze selbst beleuchten wird. Fortschreitenden Klarheit wird überhaupt nur dadurch ermöglicht, daß wir mit ausdrücklichem Bewußtsein die in unseren Urteilen enthaltenen Begriffe untersuchen und bestimmen, wie wir auf der anderen Seite die Art der Verbindung, die in den Urteilen zwischen den Begriffen festgestellt wird, kennzeichnen. Die zwei Untersuchungen supplieren [ergänzen, wp] einander. Fortschreitende Klarheit der Begriffsbestimmung ist die Bedingung fortschreitender Klarheit über die Urteile, in welche die Begriffe eingehen und umgekehrt. Es hängt von der speziellen Aufgabe, ob man auf die eine oder auf die andere Untersuchung das größte Gewicht legt. Aber zu einem vollkommenen Aufschluß müssen beide Gesichtspunkt angelegt werden. Dazu kommt noch, daß der Gedankentypus in den Begriffen derselbe wie in den Urteilen ist. Das Urteil ist eine Verbindung von Begriffen und der Begriff ist eine Verbindung von Kennzeichen. In beiden Verbindungen drückt sich dieselbe Grundeigenschaft unseres Denkens aus, - im Begriff mehr als Struktur, im Urteil mehr als Funktion.

Wenn man sich nur an die ersten Voraussetzungen der Wissenschaft hält, kommt man zu einer schroffen Postulattheorie, die alle wissenschaftliche Gedankenarbeit in ein fremdes Verhältnis oder gar in einen scharfen Gegensatz zu aller anderen geistigen Arbeit stellt. Wenn man dagegen zugleich die Grundbegriffe untersucht, kann man ein Verständnis des Zusammenhangs der wissenschaftlichen Gedankenarbeit mit dem ganzen Geistesleben gewinnen. Und weil es nun eben eine der Aufgaben der Philosophie ist, diesen Zusammenhang zu untersuchen, wird es von Bedeutung sein, eine Bestimmung der Stellung der Kategorienlehre innerhalb der Philosophie zu versuchen.

2. Wann begint die Wissenschaft? Und wie verhält sich das wissenschaftliche Bewußtsein zum Gedankenleben, das sich früher als oder gleichzeitig mit dem wissenschaftlichen in größerer oder kleinerer Unabhängigkeit von diesem entfaltet?

Zuerst muß behauptet werden, daß sich in allem menschlichen Gedankenleben, dem wissenschaftlichen, dem unwissenschaftlichen und dem vorwissenschaftlichen, ein gemeinsamer Typus geltend macht.

Schon das praktische Leben, seine Bedürfnisse und seine Aufgaben, führt zum Denken. Um seine Zwecke zu erreichen, muß sich der Mensch gewisse bestimmte Mittel verschaffen. Hier lernt er faktisch und praktisch, was Notwendigkeit ist, d. h. er erkenntn das unerbittliche Verhältnis von Grund und Folge. Solange er den Zweck festhält, solange muß er auch die Notwendigkeit der Mittel, zuletzt gewisser bestimmter Mittel, einräumen und umgekehrt lernt er, daß die Erreichung seines Zweckes eine Folge der Anwendung gewisser Mittel ist. Zugleich lernt er, daß, wenn sich dieselben Bedürfnisse und dieselbe äußeren Umstände wiederholen, man zu denselben Mitteln greifen muß. Ein Zentralaustralier sammelt z. B. Pflanzen, drescht sie mit einem Stock, sichtet die Samen, backt sie, quetscht sie auf Steinen und ißt sie: eine Reihe von Handlungen, die, so oft er hungrig ist, in gleicher Weise und in gleicher Reihenfolge ausgeführt werden müssen. Eigentlich kann man sagen, daß die ersten Voraussetzung der Wissenschaft schon in dieser Reihe zugegen sind.

Man hat in der neuesten Zeit auf den Einfluß des sozialen Lebens auf die erste Entwicklung des Denkens besonderes Gewicht gelegt. In der Einteilung des Clans in verschiedene Gruppen und Klassen war ein Vorbild aller Klassifikation und damit aller Logik gegeben. Man spricht ja noch immer von Geschlechtern und Familien bei der Einteilung von Naturdingen, obgleich eifrige Erblichkeitstheoretiker hier falsche Analogien finden. Die Zeitvorstellung und die Zeiteinteilung entwickelt sich mittels des rhythmischen Verlaufs und der regelmäßigen Wiederkunft religiöser Feste und Zeremonien. Noch gibt ja unser Almanach das Schema des Kirchenjahres an. Und der religiöse Kultur verlangte, daß liturgische Handlungen in einer bestimmten, in allen einzelnen Fällen gleichen Weise ausgübt werden müßten, wenn das Resultat erreicht werden sollte. Hier wurde dann der Satz eingeschärft, daß das Gleiche durch das Gleiche hervorgebracht werden muß. Die Einteilung des Raumes wurde durch die religiöse Bedeutung der verschiedenen Richtungen und der verschiedenen Stellen eingeschärft. (1)

Daß die sozialen Verhältnisse, unter welchen sich Menschen entwickeln, einen sehr großen Einfluß auf ihren Gedankengang und ihre Gedankenformen üben, ist unzweifelhaft, obgleich alles auf diesem Weg nicht erklärt werden kann. Der soziale Einfluß muß immer wieder mit den praktischen Erfahrungen kämpfen, die die einzelnen auf eigene Hand, von Angesicht zu Angesicht mit den Lebensverhältnissen, die auch die ganze Lebensweise der Gemeinschaft beeinflussen, machen können.

Ob man nun auf die praktischen Erfahrungen der einzelnen Individuen oder auf den Einfluß sozialer Institutionen das größte Gewicht legen will, eine Tatsache ist es, daß sich zu jeder Zeit und bei jedem Volk eine gewisse, unwillkürlich und zum Teil unbewußt entwickelte Weltanschauung hervortritt, die schon nach den Hauptformen, die in mehr stringenter und spezieller Weise in wissenschaftlichem Denken hervortritt, aufgebaut ist. Sie zeugt von einem Drang und einem Vermögen, Wahrnehmungen und Überlieferungen zu ordnen und zu deuten und sie dadurch in einen gewissen Zusammenhang zu bringen. Die Gedankenarbeit, die hier geübt wird, wird ohne klares Bewußtsein unternommen. Auf die einzelnen Gedankenübergänge und auf die Berechtigung, die einzelnen Elemente der Wahrnehmungen und der Traditionen in einer gewissen bestimmten Weise zu verbinden, wird keine Aufmerksamkeit gerichtet. Um die Terminologie, die ich an einem anderen Ort (2) vorgeschlagen habe, anzuwenden: hier wirken nicht analytische und synthetische Intuition, sondern konkrete und praktische Intuition. Der sogenannte gesunde Menschenverstand operiert durchgehend mit konkreten und praktischen Intuitionen. Dadurch kann er, um den Ausdruck MEYERSONs zu gebrauchen, "einen ersten, sehr plumpen Entwurf eines wissenschaftlichen und metaphysischen Systems" geben. (3) - In der Sprache, in den von der Sprache gebildeten Worten und in den von ihr geformten Wortverbindungen ist ein solches System schon enthalten, das immer wieder seinen Einfluß auf die wissenschaftliche Gedankenform übt.

Die Frage nach dem ersten Anfang der Wissenschaft fällt weg, weil ihr erster Keim schon gegeben ist, sobald Menschen zu denken anfangen. Auf allen Stufen und unter allen Umständen macht sich ein gewisser Gegensatz zwischen einem Gegebenen und seiner Deutung, zwischen dem einzelnen Erlebnis und dem Zusammenhang geltend, in welchen es eingefügt wird. Der Fortschritt besteht darin, daß ein genaueres und strengeres Verhältnis zwischen Wahrnehmung und Deutung festgehalten wird. Mehr und mehr wird man sich bewußt, daß alle Deutung zuletzt selbst aus den Wahrnehmungen geholt werden muß und daß die Einfügung des einzelnen Erlebnisses als Glied eines ganzen Zusammenhangs auf einer genauen Prüfung sowohl der einzelnen Wahrnehmung selbst als der anderen Wahrnehmungen, mit welchen sie verbunden wir, gebaut werden muß. Wie es sich im folgenden zeigen wird, muß man hier besonders auf den Unterschied zwischen Identität und Analogie und auf die Grenze der Berechtigung der Analogie aufmerksam sein.

3. Es ist die Aufgabe der Psychologie, den gemeinsamen Typus alles Gedankenlebens, des wissenschaftlichen wie des un- und vorwissenschaftlichen, zu finden.

Dieser Typus kann allgemein als eine Totalitätsbildung bezeichnet werden. Schon die einfachsten Sinnesempfindungen stehen miteinander in Verbindung, so daß die einzelne, weder was Intensität, noch was Qualität betrifft, verstanden werden kann, wenn sie nicht als Glied einer ganzen Reihe oder Gruppe von Empfindungen gesehen wird. Schon das zeitliche Verhältnis zwischen den verschiedenen Empfindungen entscheidet den Grad von Selbständigkeit, mit welchem sie auftreten. Dazu kommt, daß sich mit den neu auftauchenden Empfindungen, oft gleich von ihrer Geburt an, Reproduktioinen früherer Empfindungen mehr oder minder genau verbinden. Dadurch werden Wiedererkennen, partielle Rezeption und Sinnesillusion möglich. Wo die reproduzierten Elemente entschieden das Übergewicht haben, treten Erinnerung und Phantasie als Totalitäsbildungen höherer Ordnung auf. Durch Assoziatioin, Verschiebung und Vergleichung können Sinnes-, Erinnerungs- und Phantasiebilder  Änderungen,  Artikulationen unterliegen, ohne daß der Charakter der Anschaulichkeit wegfällt. Bei allen diesen Totalitätsbildungen wirken von Anfang bis Ende praktische Motive, Drang und Trieb, Lust und Unlust, mit.

Charakteristisch für die hier erwähnten Totalitätsbildungen (die zu "konkreten und praktischen Intuitionen" führen) ist die Unwillkürlichkeit ihres Entstehens. Daher kommt die Selbstverständlichkeit und die Ursprünglichkeit, die sie scheinbar besitzen. Die Elemente, aus welchen sie aufgebaut wurden, sind uns nicht selbst zugänglich in der Weise wie die Elemente, aus welchen wir mit vollem Bewußtsein Begriffe, Urteile und Schlüsse bilden, wenn die Kennzeichen der Begriffe, die Glieder des Urteils und die Prämissen des Schlusses vor den neuen Totalitätsbildungen, in welche sie eingehen, voraus gegeben sind. Dadurch tritt, was ich analytische und synthetische Intuition genannt habe, im Gegensatz zu konkreter und praktischer Intuition. Faktisch bilden wir nicht alle Begriffe, Urteile oder Schlüsse mit vollem Bewußtsein; sie können auch durch unwillkürliche Totalitäsbildung entstehen. Sollen aber Begriffe, Urteile und Schlüsse wissenschaftliche Bedeutung haben, müssen sie neu gebildet werden, so daß jeder Übergang von Gedanken zu Gedanken mit vollem Bewußtsein getan wird (analytische Intuition) und auch jede Verbindung von Gedanken in dieser Weise zustandegebracht wird (synthetische Intuition). Aber schon bei unwillkürlicher Bildung von Begriffen, Urteilen und Schlüssen tritt doch das Nachdenken als etwas vom unmittelbaren Anschauen (in Sinnesempfindung, Erinnerung und Phantasie) Verschiedenes hervor, indem ein mehr oder mindert deutlicher Übergang und Vergleich zwischen den Elementen stattfindet, während die Elemente, aus welchen unmittelbares Anschauen gebildet wird, nur indirekt und zum Teil nur auf dem Weg der Analogie nachgespürt werden können.

Weil Begriffsbildung durch Urteile zustande kommt und weil das Schließen die Bildung eines Urteils aus anderen Urteilen ist, können wir uns in diesem Zusammenhang an die Urteile halten.

Urteile werden zuerst auf der Grundlage unmittelbaren Anschauens gebildet. Sie geben ein bestimmtes Verhältnis zwischen den Elementen des Inhalts der Anschauung an, - Elementen, die in der Anschauung selbst in kontinuierlicher Verbindung miteinander, vielleicht sogar miteinander verschmolzen sind. Das Urteil "der Tisch ist viereckig" wird auf der Grundlage einer Anschauung gebildet, in welcher die Eigenschaft "viereckig" schon enthalten war ("lag darin"), ohne doch besonders hervorgehoben und ohne im Verhältnis zum Tisch als Ganzen (d. h. als Inbegriff aller "Eigenschaften") gestetllt zu werden.

Warum werden aber überhaupt Urteile gebildet? Warum bleiben wir nicht beim Anschauen? - Es ist gewiß nicht, wie einige meinen, eine Art Sündenfall, der hier geschehen ist. Es sind der Reichtum und die Mannigfaltigkeit der Wahrnehmungen und der Versuch der Erinnerung und der Phantasie, diesen Reichtum zu umspannen, die eine andere Art von Totalitätsbildung als das unmittelbare Anschauen notwendig machen. Die primäre Totalitätsform wird gesprengt und eine neue wird gesucht.

Es kann schwierig sein, zwischen Anschauen und Urteil eine scharfe Grenze zu ziehen. Wie schon angedeutet, kann eine Anschauung geändert, artikuliert werden, indem sich einzelne Teile in den Vordergrund drängen, während andere zurücktreten. Bei einem Tisch kann sich z. B. die Farbe besonders geltend machen, während die Figur zurücktritt und bei der Figur selbst kann sie die Kontur besonders geltend machen, während die Form der Fläche zurücktritt (4). Solche Verschiebungen gehen ununterbrochen mit unseren Sinnesbildern, Erinnerungen und Phantasien vor sich. Ein Urteil wird aber erst gebildet, wenn wir uns dieser Übergänge bewußt werden und nicht mehr in die einander ablösenden und die einzelnen Augenblicke erfüllenden Anschauungen ganz  aufgehen.  Nun gibt es zwar auch, was dieses Bewußtsein der Übergänge betrifft, sehr viele Grade; aber immer stehen doch die Endpunkte in charakteristischem Gegensatz zueinander, und es wäre unberechtigt, alles, was vom Urteil gilt, auf das Anschauuen anzuwenden. So besteht zwischen ihnen nur ein Verhältnis der Analogie,einer Analogie, die sich darauf gründet, daß sie zwei verschiedene Weisen sind, in welchen sich die psychische Energie, d. h. der Drang und das Vermögen zur Totalitätsbildung äußern kann.

Die Grundleger der Kategorienlehre, ARISTOTELES und KANT, haben richtig gesehen, daß die wissenschaftlichen Grundformen der Erkenntnis durch Analyse der Urteile, die gebildet werden, gefunden werden müssen. Was sie nicht klar genug gesehen haben, ist aber, daß die psychische Energie, die in der Urteilsbildung wirkt, unter anderen Bedingungen auch in anderen Totalitätsbildungen wirksam ist. Nur mittels der Kontinuität und Analogie, die zwischen der primären Totalitätsbildung und dem Urteil besteht, ist es verständlich, daß das wissenschaftliche Bewußtsein in genauem Zusammenhang mit dem Bewußtseinsleben überhaupt steht und eine spezielle Ausformung dieses ist. Es ist aber eben nur ein Verhältnis der Analogie, das hier vorliegt, wie zwischen zwei Beispielen desselben Begriffs. Weil Urteile aus Anschauungen abgeleitet oder auf solchen gebaut werden können, kann man freilich sagen, daß sie in diesen "liegen" oder "enthalten sind". Dies ist aber bildliche Rede. Weil ein Urteil logisch möglich ist, ist es nicht immer psychologisch möglich; jedenfalls geschieht eine Umsetzung in eine andere Form, wenn von der Anschauung zum Urteil übergegangen wird und dieser Übergang setzt gewisse bestimmte Bedingungen voraus. Man darf das unmittelbare und unwillkürliche Vertrauen, mit welchem das Gemüt in Sinnes- und Erinnerungsbildern ruht, mit der Gewißheit, die nur das Werk des Nachdenkens ist, nicht verwechseln. Eine solche Verwechslung findet sich bei HEINRICH MAIER (5), wenn er sagt: "Elementare Urteile liegen in jeder Wahrnehmung, in jedem Erinnerungsbild, in jeder kognitiven Phantasievorstellun, so gewiß alle diese Vorstellungen wirkliche Objekte, wirkliche Vorgänge, Zustände, Dinge usw. zum Gegenstand haben." Und wenn er fortsetzt: "Die angeblichen Bilder der Wahrnehmung der Erinnerung, der erkennenden Phantasie, die gegen den Gegensatz von Wahr und Falsch, von Gültig und Ungültig indifferent sein sollen, sind Fiktionen, die nie und nirgends wirklich sind", - dann kann ihm nur insoweit recht gegeben werden, als das unmittelbare Vertrauen nicht Gleichgültigkeit genannt werden kann. Von Gleichgültigkeit kann man nur sprechen, wenn beide Glieder eines Gegensatzes erkannt sind und als gleich gültig dastehen. Diese Erkenntnis ist aber nicht von Anfang an da. Es ist noch nicht vom Baum der Erkenntnis gegessen worden. Kein Zweifel hat sich erhoben; der Zustand ist durch und durch positiv. Erst wenn wie unmittelbare Zuversicht durch Widerspruch oder durch die von neuen Wahrnehmungen veranlaßte Notwendigkeit genauerer Bestimmung gebrochen ist, fängt das Nachdenken an, neue Totalitätsbildungen zu versuchen und dann kann das Urteil das Anschauen ablösen. Erst jetzt ist die Anwendung der Begriffe Wahr und Falsch als Gegensätze möglich.
LITERATUR - Harald Höffding, Der Totalitätsbegriff - Eine erkenntnistheoretische Untersuchung, Leipzig 1917
    Anmerkungen
    1) Diese Auffassung ist besonders von ÉMILE DURKHEIM in seinem Werk "Les formes elementaires de la vie religieuse" (1912) geltend gemacht und zu der Behauptung geschärft, daß alle Kategorien einen religiös-sozialen Ursprung haben. Vgl. meine Anzeige dieses Werkes in der "Revue de Métaphysik et de Morale." Nov. 1914
    2) In einer Abhandlung über den Begriff der Intuition in den Übersichten der dänischen Gesellschaft der Wissenschaften (1914), vgl. auch meine Schrift über die Philosophie HENRY BERGSONs (französische Übersetzung 1916).  Konkrete Intuition  ist Überzeugung als Frucht von Erlebnissen und Erfahrungen.  Analytische Intuition  (beschrieben von DESCARTES und neulich von POINCARÉ) ist ein einfacher Gedankenakt, durch welchen eine Verschiedenheit oder eine Identität konstatiert wird; ein solcher Akt findet bei jedem Übergang von einem Glied eines Beweises zu einem anderen statt.  Synthetische Intuition  (in interessanter Weise von SPINOZA beschrieben) besteht in einem zusammenfassenden Überblick über ein inhaltreiches Ganzes, dessen Elemente vorher durch analytische Intuitionen in ihren gegenseitigen Verhältnissen bestimmt sind.
    3) EMILE MEYERSON hat den Begriff des  sens commun  in seinem Buch "Identité et Réalité (Paris 1908), Kap. IX, vortrefflich erläutert.
    4) Vgl. Edgar Rubin, Sinneswahrnehmung von Figuren.
    5) HEINRICH MAIER,  Psychologie des emotionalen Denkens  (1908), Seite 1 - Vgl. über diese ganze Frage: Der menschliche Gedanke, Seite 57 - 63, 80, 107 - 111.