ra-1ra-2ra-2p-4J. BahnsenL. SteinH. Bergson    
 
HARALD HÖFFDING
(1843-1931)
Humor als Lebensgefühl

"Es gibt unzweifelhaft Zustände, in denen die Unterschiede zwischen diesen drei Arten des Gefühls verschwunden sind, indem unser reales oder zentrales Ich gerade darin bestehen kann, von einem lebendigen Mitgefühl mit wirklichen oder vorgestellten persönlichen Wesen erfüllt zu sein, und erst später zu seier isolierten Existenz zurückkehrt, so daß es doch eine Veränderung durch den Zustand der Selbstvergessenheit erlitten haben wird. Unser reales Ich kann zwischen Selbstvergessenheit und Selbstbewußtsein hin und her schwingen, und der Ausschlag in der Richtung der Selbstvergessenheit ist oft am fruchtbarsten."


I. Humor als Gesamtgefühl

§ 1. Einzelzustände

Kein seelischer Zustand ist ganz einfach. Soweit die Beobachtung reicht, wenn man von allem absieht, was dem Einfluß des Denkens zuzuschreiben ist, findet sie stets eine größere oder geringere Mannigfaltigkeit aus Drang oder Trieb, Empfindung, Lust und Unlust, Vorstellung, kurz gesagt: aus dem, was man mit einem Wort  psychische  Elemente nennen kann, und sie findet zugleich einen loseren oder festeren Zusammenhang unter diesen Elementen vor. Jeder seelische Zustand ist eine Gesamtheit (Totalität), innerhalb deren sich eine gewisse Kontinuität geltend macht, so daß eine scharfe Sonderung zwischen den verschiedenen Elementen immer etwas mehr oder weniger Künstliches an sich hat.

Auch unter den verschiedenen seelischen Zuständen macht sich wechselseitig eine Kontinuität geltend. Die Zustände gehen oft unmerklich ineinander über, und wo der Übergang plötzlich geschieht mit einem Ruck oder einem Schlag, bewirkt gerade diese Plötzlichkeit, daß der folgende Zustand seine Eigentümlichkeit durch den Gegensatz zum vorhergehenden bestimmt erhält, so daß er sich ohne diesen nicht verstehen läßt. Es liegt immer etwas Künstliches darin, die verschiedenen seelischen Zustände scharf voneinander getrennt zu halten.

Wenn ich trotzdem als Einleitung zu der Untersuchung, die hier vorgenommen werden soll, zwischen Einzelzuständen und Gesamtzuständen (Totalzuständen) unterscheide, so finde ich den Unterschied zwischen ihnen darin, daß jene durch ein einzelnes Erlebnis bestimmt werden, diese hingegen durch eine Reihe von Erlebnissen. So reich auch der Zustand eines Einzelzustandes sein kann, so ist dieser Inhalt - Empfindungen, Gedanken, Triebe, Gefühle - doch durch das gemeinsame Verhältnis zu einem einzelnen Erlebnis bedingt. Dagegen haben mehrere, vielleicht viele Erlebnisse am Zusandekommen der Gesamtzustände mitgewirkt. Es gibt natürlich viele Übergangsformen zwischen einem Einzelerlebnis und einer Reihe von Erlebnissen. Ganz einzeln ist nur das Erlebnis einer gleichzeitig gegebenen Mannigfaltigkeit, zum Beispiel der Anblick einer ruhenden Gruppe von Menschen oder Dingen. Wenn eine sukzessive Mannigfaltigkeit erlebt wird, wie wenn man eine Melodie hört oder die Umrisse einer Figur verfolgt, oder wenn sich eine historische Begebenheit während einer längeren Zeitdauer entfaltet, so besteht das Erlebnis aus einer Reihe einzelner Erlebnisse. Es kommt dann darauf an, ob die einzelnen Episoden in ihrem Verhältnis zu dem, der sie erlebt, in einen inneren Zusammenhang treten; nur dann wird ein wirklicher Gesamtzustand enstehen können. Bestände absolut kein Zusammenhang zwischen den Erlebnissen, so würde es, soweit wir sehen können, schließlich keinerlei seelische Zustände geben.

Schon das Entstehen des Einzelzustandes [phalen] bietet der psychologischen Forschung viele Schwierigkeiten; aber Gesamtzustände enthalten der Natur der Sache gemäß noch größere Probleme. Einfache Einzelzustände können vielleicht experimentell hervorgerufen werden, und dann braucht man jedenfalls die Betrachtung nicht über gewisse verhältnismäßig einfache und übersichtliche Verhältnisse auszudehnen. Man kann Analogien aus der Psychologie, ja vielleicht aus der Mechanik benutzen. Gesamtzustände sind hingegen schwieriger zu analysieren. Sie erfordern eine größere Kenntnis der ganzen Entwicklungsgeschichte des Seelenlebens beim betreffenden Menschen, vielleicht zugleich der Zeit und des Volkes, dem er angehört, ja auch der geistigen Entwicklung der Vergangenheit. Eine historische (vergleichende, soziologische) Methode muß neben der beobachtenden und analysierenden Methode angewandt werden. Kein Wunder, daß sich die Psychologen mit Vorliebe an die Einzelzustände gehalten und oft gemeint haben, Gesamtzustände könnten ohne weiteres aus ihnen verstanden werden, ebenso wie mechanische Gesamtheiten verstanden werden können, wenn man nur die Teile kennt.

Wir wollen, bevor wir weiter gehen, einige Beispiele von Einzelzuständen anführen.

Mitten in der Stimmung, die ein schöner Frühlingsmorgen geweckt hat, bekomme ich plötzlich eine traurige Nachricht. Alles sammelt sich jetzt für mich um die Botschaft; ihr Inhalt nimmt mein ganzes Denken in Beschlag; ihr Eingriff in Verhältnisse, die mir teuer sind, stellt sich in großen Zügen vor mir dar; meine lichte Stimmung wird von Niedergeschlagenheit und dumpfem Hinbrüten abgelöst; alles, was sonst dem Leben einen Wert gab, schwindet aus dem Bewußtsein, Versuche fortzudenken, was geschehen ist, oder Mittel zu finden, um seine Folgen abzuwehren, werden durch die Einsicht in das Unentrinnbare gehemmt. Das organische Lebensgefühl, mein ganzer Zustand bekommt das Gepräge der Hemmung, der Verstimmtheit. Kein Gedanke kann aufkommen, der nicht das Geschehene betrifft. Die Tagesarbeit wird zwangsmäßig ausgeübt, ohne innere Anteilnahme. Nach der Vergessenheit eines einzelnen Augenblicks steht die düstere Wirklichkeit in ihrem ganzen Umfang wieder vor mir. Und es rührt sich vielleicht sogar ein Streben in mir, mich recht in die düstere Wirklichkeit zu vertiefen und alles Licht auszuschließen, ja, man kann darüber Gewissenbisse fühlen, daß man überhaupt an andere Dinge hat denken können.

Ein anderes Beispiel. Eine neue Idee taucht in einem Denker auf. Er sieht die Möglichkeit einer ganze neuen Richtung in seiner Forschung. Mit der Stärke der Intuition, die umso größer ist, je mehr eine Periode des Zweifels, des Mißmutes und unglücklicher Versuche vorangegangen ist, öffnen sich ihm jetzt Ausblicke über neue Weiten, und zerstreute Wege treffen sich vor seinem Blick in einem gemeinsamen Ziel. Eine plötzliche Konzentration ist vor sich gegangen; eine synthetische Intuition (1) hat sich gebildet, nicht nur das Gedankenleben, das ganze seelische Leben gerät in starke Bewegung. Kein anderes Interesse als das intellektuelle kann sich geltend machen, kein anderes Streben; und doch ist die höchste Begeisterung vorhanden. Ein Erlebnis dieser Art hat RENE DESCARTES am 10. November 1619 gehabt, während er in Bayern im Winterquartier lag, als es nach langwierigem Suchen plötzlich klar vor ihm stand, welchen Weg er in seiner Forschung einschlagen muß, indem sich ihm die Grundzüge seiner philosophischen und mathematischen Zukunftsarbeit offenbarten (2). Als sich der Enthusiasmus, der plötzliche Einzelzustand, verteilt hatte, folgt die Arbeit langer Zeiten, ja erst 18 Jahre später kam sein grundlegendes Werk ans Tageslicht. - Die Kunstgeschichte bietet ähnliche Beispiele. So ist MOZARTs Beschreibung bekannt, wie sich Motive, die er oft unwillkürlich vor sich hingesuumt hatte, zu einem Tonganzen sammelten, das mit einem Mal vor ihm stand ("gleich alles zusammen"), so daß er es überschauen konnte, als wäre es ein Gemälde oder ein Werk der Skulptur. ROUSSEAUs Empfängnis des Kulturproblems weist ähnliche Züge auf.

Ein drittes Beispiel: Nach lange andauernder Überlegung habe ich in einer wichtigen Angelegenheit einen Entschluß gefaßt. Mein ganzes Wesen, das heißt alles Denken, Fühlen und Streben, sammelt sich in einem Punkt, in einem Wunsch, der doch mehr ist als ein Wunsch, indem ich schon sehe, wie ich im Begriff bin, die Handlung auszuführen, und indem ihre Wirkungen, zu denen ich mich bekenne, sich vor mir in mehr oder weniger klaren Umrissen abzeichnen. Ich glaube zu merken, daß etwas aus meinem Inneren, vielleicht aus meinem Innersten, in die vorgestellte Zukunft hinüberströt, in der die Handlung vorgehen soll. Mein ganzes Selbst, so wie es nun einmal ist, bekommt durch die Entscheidung Luft, kann wieder frei atmen. (3)

Ein letztes Beispiel hole ich aus der reichen Sammlung von Einzelzuständen, die LUDWIG FEILBERG angestellt hat. FEILBERGs Stärke und Schwäche besteht darin, daß er allzu sehr auf Einzelzustände bedacht ist; aber er beschreibt sie meisterhaft. Er neigt dazu, auf Gesamtzustände herabzublicken, als wären sie weniger echt. Sie lassen sich auch nicht so leicht im Flug greifen und können nicht so anschaulich beschrieben werden, wie zum Beispiel folgendes kleine Erlebnis:
    "Eine kleine, eben abgefallene, grüne Kastanie lag auf der Steinbrücke unter dem Baum  Holbergs  neben einigen abgefallenen Reisern, älteren abgefallenen Kastanien und halb verwelkten Kastanienblüten, die vom Wind zusammengefegt waren. Man war überrascht zu sehen, wie hübsch sie in dieser Umgebung war; sie war es nicht, solange sie am Baum saß. Vielmehr erregte damals das kleine, stachelige Ding ein fast unangenehmes Gefühl, indem es daran erinnere, daß die Zeit der Blüte vorüber ist. Jetzt aber machte sie einen ganz eigenartig gefälligen Eindruck. Man konnte es nicht lassen, man mußte sie beachten." (4)

§ 2. Gesamtzustände

Diese Beispiele von Einzelzuständen sind mit Absicht nicht unter den einfachsten ausgewählt. Sie haben das Kennzeichen, daß sich ein mannigfaltiger Inhalt in jedem von ihnen um ein verhältnismäßig einfaches äußeres oder inneres Erlebnis sammelt. Selbst wenn wir ganz einfache Einzelzustände gewählt hätten, so würde es sich doch gezeigt haben, daß stets Bedingungen vorausgesetzt werden, die von früheren Erfahrungen herrühren. Tausende haben grüne Kastanien in der Fiolsträde liegen sehen, ohne zu Erleben, was FEILBERG erlebte, und die Preisaufgabe, die in ROUSSEAU das Kulturproblem entstehen ließ, ist von vielen gesehen worden, ohne zu wirken, wie sie auf ihn wirkte. Auch Einzelzustände können also einen historischen Charakter haben. Ob die Individuen bei ihren Versuchen über die physiologische Zeit sensorisch oder motorisch reagieren, wird jedenfalls im Anfang auf ihren bisherigen Übungen und Gewohnheiten beruhen. Im Kleinen wie im Großen zeigt es sich, daß unsere Gegenwart nicht ohne unsere Vergangenheit verstanden werden kann. Aber in ganz besonderem Maße gilt das von Gesamtzuständen, die durch eine lange Reihe verschiedener Erlebnisse bestimmt werden. Jedes Dieser Erlebnisse hat seinen eigenen Einzelzustand erzeugt, und aus diesen Einzelzuständen kann ein Gesamtzustand entstehen. Voraussetzung ist, daß sie nicht spurlos verschwinden, sondern Dispositionen hinterlassen, die beim Entstehen späterer Zustände mitwirken können. Alles Wiedererkennen und alle Erinnerung wie auch alles Denken beruht hierauf. Nicht im geringsten macht sich diese Anhäufung auf dem Gebiet des Gefühlslebens geltend. Aus dem Wechsel von Freude und Schmerz, Hoffnung und Furcht, Begeisterung und Niedergeschlagenheit können sich neue, dauernde Grundstimmungen hervorarbeiten. Unter dem Bruch mit ererbten Dispositionen bildet sich durch die Reihe der Erlebnisse das heraus, was wir in einer mehr unwillkürlichen, naturgebundenen Form  Temperament  nennen, bei mehr oder weniger bewußtem Streben oder Handeln  Charakter Ich habe in meiner Psychologie (V B, 5) den Ausdruck "Reales Ich" eingeführt, um zu bezeichnen, was solchergestalt teils Voraussetzung für den Einfluß der Erlebnisse auf die seelischen Zustände ist, teils dessen Wirkung.

Um einem Mißverständnis vorzubeugen, das selbst bei vortrefflichen Psychologen allzu häufig ist, muß ausdrücklich hervorgehoben werden, daß dieses reale Ich nicht Gegenstand des Bewußtseins beim Individuum selbst zu sein braucht. Es braucht keine "Ich-Vorstellung" zu erzeugen. Daß das das Wort "Ich" verhältnismäßig frühzeitig gebraucht wird, bedeutet nichts; es ist zuerst nur ein bloßer Name, von dem das Kind später zu seiner großen Verwunderung entdeckt, daß alle Menschen mit gleichem Recht den Anspruch erheben, diesen Namen zu haben. Es kann ein herrschendes Interesse und Streben bestehen - und damit ein reales Ich -, ohne daß sich irgendeine Vorstellung davon bildet - ohne daß es zum Objekt wird. Das reale Ich kann auch sehr eingreifende Änderungen erleiden, ohne daß das Individuum sich dessen bewußt wird. Änderungen treten unmittelbar und unwillkürlich in seinem Verhalten an den Tag und werden vielleicht dadurch anderen offenbar, obwohl das Individuum selbst sie nicht entdeckt.

LUDWIG FEILBERG ging sogar so weit, daß er Worte wie "Selbst" oder "Persönlichkeit" ganz abschaffen wollte, außer wenn sie in einem tadelnden Sinn gebraucht werden, nämlich von dünkelhaftem Selbstbewußtsein, raffinierter Selbstsucht, die in anspruchsvoller Weise um ihre eigene kleine Welt kreist, anstatt sich selbst in hingebender Stimmung zu vergessen. Er war so von den Blüten erfüllt, die er bei seinem psychologischen Botanisieren fand, daß er nicht sah, wie in der Reihe der Einzelzustände und durch sie eine seelische Naturordnung an den Tag treten kann, die gerade die Grundlage dafür bildet, was man in der Psychologie unter Worten wie "Ich", "Selbst" oder "Persönlichkeit" versteht. - In seinen späteren Schriften war er sich jedoch über die Mißverständnisse klar geworden, zu denen seine Polemik gegen die "Persönlichkeit" Anlaß geben konnte.

Es ist zwar richtig, daß das ausdrückliche Bewußtsein von dem, was in uns vorgeht, bedenklich sein kann, insofern, als es über das Unmittelbare und Unwillkürliche hinausführt, das den fruchtbaren Naturgrund des geistigen Lebens bildet. Aber gleichwie der Instinkt dazu führen kann, daß das Tier in die Falle geht, so kann auch die unwillkürliche Entfaltung des Lebens sehr leicht von Übel werden, und es kann für die Selbsterhaltung notwendig sein, daß wir uns darauf besinnen, welcher Weg uns zum Ziel führen kann. Es wird da oft notwendig sein, den unwillkürlichen Trieb zur Seite zu schieben. Besonders an solchen Wendepunkten werden wir uns unseres realen Ichs bewußt, indem wir unsere Aufmerksamkeit auf unser inneres Wesen, auf unser zentrales Streben richten, und es kann dann einen großen Fortschritt bezeichnen, daß das Bewußtsein sich selbst zum Gegenstand macht.

Mit Rücksicht auf das reale Ich sind die Gesamtzustände entscheidender als die Einzelzustände. Diese letzteren können ohne eingreifende Wirkungen verschwinden, ohne weder in ihrem Entstehen noch durch ihren Einfluß in einem genauen Zusammenhang mit dem zu stehen, was das eigentlich Zentrale in uns ist. Die Psychologie nimmt wohl an, daß alle Zustände und Erlebnisse Wirkungen hinterlassen und Beiträge zu einer Entwicklung der inneren Naturordnung liefern und also direkt oder indirekt, positiv oder negativ zur Erzeugung von Gesamtzuständen beitragen (5). Aber durch diese Annahme wird eigentlich der psychologischen Forschung nur ein großes Ideal aufgestellt, ein Ideal, das man beständig vor Augen haben muß, aber dessen Verwirklichung stets unvollständig sein wird. Es wird außerdem nicht immer ein einziger Gesamtzustand sein, der zur Vorherrschaft gelangt. Mehrere Gesamtzustände können einander im Leben desselben Menschen ablösen, vielleicht sogar in dem Maße, daß selbst der Begriff  reales Ich  im einzelnen Fall problematisch werden kann. Bei stark ausgeprägten Persönlichkeiten wird es jedoch einen Gesamtzustand geben, der allem andern im Seelenleben seine Eigentümlichkeit verleiht. Er braucht nicht ununterbrochen da zu sein; aber er übt beständig seine Nachwirkung aus und spielt jedenfalls eine indirekte Rolle. Auch in den für die Persönlichkeit entscheidenden Augenblicken wird er es sein, der das Wort führt. Zu ihm kehrt die Persönlichkeit zurück, wenn es auf Sammlung, Konzentration ankommt. Er bringt den inneren Menschen zum Ausdruck, mag er nun für andere zugänglich sein oder nicht. Bei einigen Naturen, die man die "Einmal-Geborenen" (once born) genannt hat, wird das ganze Leben von demselben Gesamtzustand getragen, selbst wenn Stimmungen und Kräuselungen entstehen, die nicht ganz durch ihn bedingt werden, und selbst wenn in dem Fall, daß unter bestimmten Verhältnissen gehandelt werden muß, Gemütsbewegungen entstehen können, die nichts mit ihm gemein zu haben scheinen. Die Ziele, die ein Mensch sich stellt, werden durchgehend durch den bei ihm herrschenden Gesamtzustand, die herrschende Sinnesart, bestimmt. Aber wenn für diese Ziele gearbeitet und gekämpft werden soll, können aufgrund von Hindernissen, die sich in den Weg stellen, oder von Mitteln, die beschafft werden müssen, Gedanken und Gemütsbewegungen ausgelöst werden, die an uns für sich nicht zum Gesamtzustand gehören. Die Menschenliebe kann so dahin führen, Widerstand mit Mut und Ingrimm zu bekämpfen; Vaterlandsliebe kann kriegerische Stimmungen auslösen; intellektuelle oder künstlerische Begeisterung kann Bitterkeit gegenüber geistiger Schlaffheit und Brutalität erzeugen. Der berühmte Kriminalist ANSELM von FEUERBACH hat besonders diesen anscheinenden Gegensatz zwischen Sinnesart und Gemütsbewegung als notwendig für das Verständnis von Verbrechercharakteren betont (siehe "Psychologie" VI E 5).

Bei den "Zweimal-Geborenen" (twice born) wird der herrschende Gesamtzustand durch einen Bruch oder eine Krise erworben, wobei früher vorhandene Tendenzen zurückgedrängt werden. Die Kontinuität tritt hier nicht so deutlich hervor wie bei den Einmal-Geborenen, obwohl oft eine tiefer gehende Untersuchung nachweisen kann, daß die neue und die alte Sinnesart ein gemeinsames Gepräge haben, trotz der ganz verschiedenen Richtung, in welcher die Entwicklung des Seelenlebens innerhalb ihrer vor sich geht. Während die Entwicklung der Einmal-Geborenen in einer Entfaltung besteht, wird das Seelenleben der Zweimal-Geborenen durch eine Überwindung innerer Disharmonien bedingt. (6)

Schon im Vorhergehenden sind Beispiele von Gesamtzuständen angedeutet worden, und ich will nur einige wenige noch hinzufügen.  Ehrfurcht, Wehmut, Resignation, Treue, Erkenntnisfreude  sind Gesamtzustände, wenn sie eine Reihe von Lebenserfahrungen voraussetzen, Erlebnisse von mehr oder weniger zusammengesetzter und intensiver Art. Sie sind verschieden von einem momentanen Aufbrausen und von instinktivem Streben, von Entschlüssen, die durch vorübergehende Situationen veranlaßt werden, ebensowohl wie von Stimmungen und Antrieben, die so schnell verschwinden, wie sie gekommen sind. Aber sie können in ihrem Konflikt mit den praktischen Verhältnissen solche mehr elementaren psychischen Funktionen in ihren Dienst stellen. Überhaupt ist es der herrschende Gesamtzustand, der jedem Versuch einer Charakteristik von Persönlichkeiten, jeder Angabe von Eigenschaften, die als eigentümlich für einen Menschen betrachtet werden, zugrunde liegt.

Schon bei PLATO findet sich eine treffende Schilderung, wie der Gesamtzustand entsteht. Er vergleicht im 4. Buch des "Staates" (429 D, E) die verschiedenen Erlebnisse mit den verschiedenen Farbenschichten, die man auf einen Stoff legen muß, bevor die bestimmte Farbe, die man dem Stoff zu geben wünscht, aufgelegt werden kann. "Du weißt doch, daß die Färber, wenn sie Wolle purpurrot färben wollen, zuerst aus den vielen Farben eine Art auswählen, nämlich die weiße, und darauf bearbeiten sie sie mit mancherlei Vorkehrungen, damit sie auf die beste Weise die Purpurfarbe aufnehmen kann, und dann erst färben sie. was in solcher Weise gefärbt wird, ist echt, und keine Wäsche kann ihm seine Farbe nehmen." Die Eigenschaft oder der Gesamtzustand, dessen Bedingung PLATO angeben will, ist die Tapferkeit, nicht im Sinne eines unwillkürlichen Mutes, sondern im Sinne der Energie, unter allen Verhältnissen seine Überzeugung darüber festzuhalten, was mit Recht zu fürchten ist und was nicht. Das ist der Gesamtzustand der Charakterfestigkeit oder Treue, den er beschreiben will. Er will den Weg weisen, den die Erziehung gehen muß, um zu einem solchen Zustand hinzuführen. So systematisch, wie er vorgehen will bei der Vorbereitung von den Charaktereigenschaften, die er züchten will, geht das wirkliche Leben natürlich nicht vor. Als Entgelt kann der Lauf des Lebens eine reichere Mannigfaltigkeit von Charaktereigenschaften bei den verschiedenen Menschen erzeugen. Das Schicksal "grundiert" uns mit einer Reihe von Farbenstrichen, bevor der Gesamtzustand entsteht, der den eigentümlichen Farbenton unseres Charakters bedingt.


§ 3. Verschmelzung und Organisation

Auf verschiedene Weise können Erlebnisse miteinander in Berührung kommen, so daß sie Verbindungen eingehen und sich unter ihrem Einfluß neue Gesamtzustände im Seelenleben bilden.

Man pflegt drei Arten von Elementen, Seiten oder Eigenschaften zu unterscheiden, die das Denken in jedem seelischen Zustand aussondern kann, nämlich Erkenntnis (Empfindung und Vorstellung), Gefühl von Lust und Unlust, Streben oder Willen. Benutzen wir diese Dreiteilung, und es liegt kein Grund vor, sie aufzugeben (7), so werden vermutlich drei Gruppen von Gesetzen oder Tendenzen bei der Entstehung von Gesamtzuständen eine Rolle spielen. Ob sie sich auch bei der Entstehung der allereinfachsten Einzelzustände geltend machen, ist eine sehr schwierige Frage. Denn wir dürfen nicht ohne weiteres davon ausgehen, daß die Einteilungen oder Distinktionen, die das Denken vornehmen kann und muß, wenn es das Seelenleben zum Gegenstand der Untersuchung macht, auch für die primitiven Formen des Seelenlebens Geltung haben. Eine psychologische Analyse bildet keine vollständige Analogie zur chemischen Analyse. Ein zusammengesetzter Stoff kann in seine Teile aufgelöst werden, deren jeder für sich bestehen kann, unabhängig von der Zusammensetzung. Aber was wir bei den tatsächlich vorliegenden psychischen Zuständen unterscheiden können, sind nicht Teile, die ihre Existenz besitzen können unabhängig vom Ganzen, in dem wir sie zu entdecken glauben. Es existiert kein reines Erkennen, Fühlen oder Wollen, sondern stets nur Komplexe dieser psychischen Elemente. Und diese Komplexe erweisen sich umso inniger verbunden, je weiter wir in der Geschichte des Seelenlebens zurückgehen. Soweit wir sie kennen, in Bezug auf den einzelnen Menschen wie auch auf das menschliche Geschlecht, ist es ein Hauptcharakterzug, daß die späteren Stadien ausgeprägte Verschiedenheiten aufweisen, die in früheren Stadien nicht hervortreten und die wir da auch nicht vorauszusetzen berechtigt sind. Jene Dreiteilung gilt nur für die späteren Stadien des Seelenlebens, beim Erwachsenen im Gegensatz zum Kind, beim Menschen im Gegensatz zum Tier, bei zivilisierten Menschen im Gegensatz zu Barbaren und Wilden. Eine schematische und deduktive Behandlung des Psychologie, die sich von den Elementen aus, die innerhalb des höher entwickelten Seelenlebens unterscheiden lassen, die Zustände kombinieren will, die mit einem Gesamtheitscharakter hervortreten, führt daher zu illusorischen Resultaten (8).

Was die Erkenntniselemente betrifft, so ist die Assoziation der Vorstellungen das wichtigste Phänomen. Die meisten Psychologen nehmen an, daß aller Vorstellungsverknüpfung ein Drang oder eine Tendenz zugrunde liegt, Vorstellungen, die verhältnismäßig isoliert auftreten, zu ergänzen und in eine Gesamtheit einzugliedern. Was man früher im Zusammenhang erfahren hat, aber jetzt nur isoliert erfährt, sucht man bis zur früheren Gesamtheit zu ergänzen, und diese kann weiter ergänzt und erweitert werden, wenn neue Erfahrungen die Möglichkeit zu Gesamtheiten aufweisen, die noch umfassender sind. Man kann außerdem eine Tendenz bemerken, eine begonnene Vorstellungsreihe fortzusetzen nach der gleichen Regel, die bisher von Glied zu Glied geführt hat, selbst wenn keine unmittelbaren Erfahrungen über mehr Glieder als die bisher gegebenen vorliegen. Solche Übergänge von gegebenen Vorstellungen zu verwandten Vorstellungen werden besonders eintreten, wenn der Sinn lebhaft ist und wenn durch die gegebenen Vorstellungen mehr Energie ausgelöst wird, als durch ihr Festhalten verbraucht werden kann; dann bewegt sich das Denken im Kreis um sie herum.

Wenn dann wieder verschiedene Vorstellungsreihen verglichen werden, können neue Verbindungen oder Gesamtheitsbildungen dadurch entstehen, daß ein Glied in der einen Reihe anstelle eines Gliedes in der anderen Reihe eingesetzt werden kann (substituiert). Auch eine einzelne Reihe kann geändert werden, so daß sich eine neue Gesamtheit bildet, nämlich wenn Glieder innerhalb der Reihe so ausgeschieden werden können, daß das Gesetz der Reihe für die übrigbleibenden Glieder seine Gültigkeit behält. Auf diese Weise entstehen Schlüsse, und sie sind logische Gesamtheitsbildungen. (9)

Im Verlauf solcher Vorstellungsprozesse verhalten sich die Gefühlselemente in verschiedener Weise (10). Oft werden sie durch die Vorstellungsverbindungen von ihren ursprünglichen Ursachen oder Gegenständen zu anderen hinübergezogen. Dadurch ist eine Wertverschiebung möglich, da das, was zuerst nur als  Mittel  Wert hatte, Wert als  Ziel  bekommen kann, oder das, was als Ziel vor Augen stand, für die Zukunft zum Mittel für ein ferner liegendes Ziel werden kann. Aber es ist auch möglich, daß Gefühlselemente hindernd oder hemmend Vorstellungsverbindungen, die von einem rein objektiven oder intellektuellen Standpunkt nahe liegen würden, in den Weg treten können. Eine Vorstellung, die  einmal  an ein starkes Gefühl geknüpft ist, wird dadurch isoliert, und wenn überhaupt eine Assoziation möglich ist, werden sich nur solche Vorstellungen geltend machen können, die unmittelbar oder mittelbar das Festhalten an der gegebenen Vorstellung begünstigen. Außerdem kann unzweifelhaft ein unmittelbarer Einfluß von Gefühlselementen, die an einen Vorstellungskreis geknüpft sind, auf Gefühlselemente ausgeübt werden, die an einen anderen Vorstellungskreis geknüpft sind. Bei Gleichzeitigkeit oder unmittelbarer Reihenfolge von zwei Vorstellungskreisen können nicht nur die Vorstellungen selbst, sondern auch die an sie geknüpften Gefühlselemente in eine unmittelbare Berührung geraten. Und hier bieten sich mehrere Möglichkeiten an. Es kann sein, daß der Gegensatz so stark ist, daß eine Spannung entsteht und vielleicht sogar die Einheit des Bewußtseins mit einer Auflösung bedroht wird. Aber es kann auch sein, daß die eine Stimmung der anderen gerade dadurch den Weg bahnt, daß sie die Kraft erschöpft, die in einer gewissen Richtung zur Verfügung steht, so daß die entgegengesetzte Richtung begünstigt wird, solange überhaupt Kraft übrig ist. In einem solchen Fall begünstigt die eine Stimmung die anderen durch eine Kontrastwirkung. Es kann ferner sein, daß das Gefühl so tief im Gemüt Wurzel faßt, daß es nicht aufhört, selbst wenn der Anlaß, der es hervorgerufen hat, aufhört, sondern sich über den ganzen Zustand ausbreitet und die an andere Erlebnisse geknüpften Gefühle verdrängt, falls sich solche überhaupt geltend machen konnten.

Aber außer diesen Möglichkeiten gibt es noch eine Möglichkeit, die von besonderem Interesse für die folgende Untersuchung ist. Gefühlselemente, die an verschiedene Ursachen geknüpft sind, können Verbindungen mit anderen eingehen, so daß Gefühlskomplexe entstehen. Die Erfahrung zeigt, was später in einem besonderen Zusammenhang näher entwickelt werden soll, daß es zwei Hauptformen für solche Gefühlstotalitäten oder Totalgefühle (Gesamtgefühle) gibt. Die Verbindung der verschiedenen Gefühlselemente kann den Charakter einer Verschmelzung haben, indem mittels der Verbindung ein neues Gefühl entsteht mit einer Qualität, die von den vorausgehenden Gefühlen verschieden ist. Nur wenn man die Entwicklungsgeschichte des Gefühls erforscht, kann man entdecken, welche Elemente bei seiner Bildung mitgewirkt haben; für die unmittelbare Beobachtung erscheint es einfach und ungeteilt. Eine andere Art von Gesamtgefühl hat den Charakter der Organisation, indem die Selbständigkeit der verschiedenen Gefühlselemente nicht aufgehoben wird, sondern sich wechselseitig einordnen nach ihrem Verhältnis zu einem herrschenden Interesse und nach ihrer Bedeutung für dasselbe, für den Grundwert, der in einem leitenden Gedanken seinen Ausdruck finden kann.

Es gibt analoge Gesamtheitsformen auf den anderen Gebieten des Seelenlebens. Eine Analogie zur Verschmelzung bietet in der Psychologie der Erkenntnis zum Beispiel die Art, wie einer Reihe sehr schnell aufeinanderfolgender Sinneseindrücke nur eine einzige Empfindung entspricht, während bei langsamerer Aufeinanderfolge eine Reihe besonderer Sinnesempfindungen entstehen würde. Beim unmittelbaren Wiedererkennen vollzieht sich eine Verschmelzung der augenblicklichen Empfindung mit der Nachwirkung früherer Empfindungen der gleichen Art. Vorstellungen, die häufig in einen unmittelbaren Zusammenhang getreten sind, können sich zu einer einzigen Vorstellung zusammenschließen; so beim Übergang von diskursiver Untersuchung zu intuitivem Wissen. Eine Analogie zur Organisation einer Gruppe von Gefühlen bildet die sinnliche Anschauung, in welcher eine Mannigfaltigkeit von Empfindungsinhalten in Zeit und Raum eingeordnet ist, und das gleiche gilt von Erinnerungs- und Phantasiebildern. Auf dem Gebiet des Willenslebens haben wir eine Analogie zur Verschmelzung im Instinkt und Trieb mit seiner unmittelbaren Konzentration, und eine Analogie zur Organisation in der Art, wie der Gedanke an ein Ziel, das verwirklicht werden soll, die Rangordnung bestimmt unter den Mitteln, die angewandt werden, oder den Handlungen, die ausgeführt werden müssen; sie gehören alle mit zum Entschluß, werden von ihm umfaßt und machen ein gegliedertes Ganzes in ihm aus.

Alle Gesamtheitsformen auf dem Gebiet der Erkenntnis und des Gefühls werden zuletzt bedingt und bestimmt sein durch das Streben nach Erhaltung und Entwicklung, das sich bei jedem lebenden Wesen geltend macht, also in einem Willen in der weitesten Bedeutung des Wortes. Was leben will, muß als eine mehr oder weniger geschlossene Gesamtheit auftreten. Lust und Unlust sind zuletzt nur Symptome dafür, ob dieses Streben begünstigt oder gehemmt wird; Sinnesempfindungen dienen zur Auslösung von Reaktionen gegen die Umwelt; und Vorstellungen und Vorstellungsverbindungen dienen dazu, Ziel und Mittel festzuhalten und auszubilden, wo unwillkürlicher Drang und das unmittelbare Vermögen nicht ausreichen. SPINOZA behält mit seiner Behauptung recht, daß wir nicht etwas erstreben, wollen oder wünschen, weil wir es für gut ansehen, sondern wir sehen etwas für gut an, weil wir es erstreben, wollen und wünschen.

Es ist kein Zufall, daß sich Gesamtzustände bilden. Wie weit die Gesamtbildung beim einzelnen Menschen fortschreitet und beim einzelnen Menschen innerhalb einer einzelnen Lebensperiode, wird auf besonderen inneren oder äußeren Verhältnissen beruhen. Ganz vereinheitlicht (totalisiert) wird das Seelenleben kaum jemals werden. Teils wird es Einzelzustände geben, die verhältnismäßig isoliert dastehen, teils werden verschiedene Gesamtzustände miteinander im Kampf liegen. Darum ist psychische Arbeit zu leisten, solange das Leben dauert.


§ 4. Der historische Charakter
des Seelenlebens

Wohl zu allen Zeiten haben sich Gesamtzustände im menschlichen Bewußtsein bilden können. Aber sie werden leichter auftreten, wenn die Erlebnisse reicher und mannigfaltiger werden. Darum werden sie in der neueren Zeit mehr hervortreten als in älteren Zeiten, und sie werden ausgeprägter sein, mehr Nuancen und mehr individuelle Verschiedenheiten aufweisen als in früheren Zeiten, wo das Leben einen engeren Horizont hatte, wo das Weltbild selbst begrenzt und übersichtlich war und wo auch die historische Erfahrung dem Blick keine größeren Weiten und zahlreiche Möglichkeiten eröffnete. Indessen muß man sich wohl hüten, den Gegensatz in diesem Punkt größer zu machen, als berechtigt ist. Was sich in voller Deutlichkeit geltend macht, wenn die Verhältnisse Gegensätze und Verschiedenheiten mit sich bringen, kann in einer mehr undifferenzierten Form auf früheren Stufen dagewesen sein, ebenso wie man im Embryo Andeutungen der späteren vollentwickelten Organe bemerkt. Wenn die Tendenz zur Bildung von Gesamtzuständen in der Natur und Beschaffenheit des Seelenlebens selbst ihren Grund hat, muß man sie auch in allen Entwicklungsstufen des Seelenlebens voraussetzen. Es wäre eine wichtige Aufgabe der vergleichenden psychologischen Forschung, dies näher zu untersuchen.

Hierbei darf nicht übersehen werden, daß das Auftreten der Gesamtzustände nicht notwendig von der Fähigkeit begleitet wird, sie zu beschreiben und zu analysieren. Komplexe Zustände werden von einer unbeholfenen Psychologie oft durch einen einzelnen Zug charakterisiert, der das Ganze in sich fassen soll. Und da nun die intellektuelle Seite des Seelenlebens am deutlichsten zutage tritt, wird die primitive Psychologie meist als Denken, Vernunft und Wissen ansprechen, was für sie nicht bloß eine einzelne Seite des Seelenlebens bedeutet, sondern alles umfaßt, auch was einer tiefer eindringenden Analyse als besondere Seiten des Seelenlebens erkennbar wird. Die Persönlichkeit und das Wirken des SOKRATES wird zum Beispiel unverständlich, wenn man nicht daran festhält, daß er unter einem  Wissen,  in dem er die Grundlage des rechten Handelns sah, "etwas Starkes, Führendes und Beherrschendes" verstand, "stark genug, um dem Menschen durch das Leben zu helfen" (PLATOs  Protagoras,  Seite 357, B C). Eine Sonderung zwischen Wissen und Willen, zwischen Kopf und Herz machte sich erst später geltend; jedenfalls fehlte die Fähigkeit, Spaltungs- und Brechungsverhältnisse aufzufassen und zu charakterisieren. Von Gesamtzuständen werden wiederum die, die durch Verschmelzung entstanden sind, besonders schwer zu beschreiben sein, während die Organisationsform sich leichter analysieren läßt.

Gesamtzustände werden in der Regel nicht den festen und stabilen Charakter haben wie Einzelzustände. Die Gegensätze, die in ihnen überwunden und verbunden sind, können von neuem hervorbrechen. Sie entsprechen ja mehreren Erlebnissen, nicht einem einzelnen; die Konzentration wird darum nicht leicht vollständig. Es besteht oft ein Spannungsverhältnis zwischen den verschiedenen Elementen, das zur Auflösung führen kann oder doch zur Heranbildung neuer Formen, vielleicht durch die Ausscheidung von Elementen, die sich mit den andern nicht vertrugen. Ein Mensch kann vielleicht nur dadurch seinen inneren Zusammenhang bewahren, daß er soviel wie möglich ein einzelnes bestimmtes Erlebnis vergißt, es ins Unbewußte zurückdrängt.  King Lear  dränge die Erinnerung an die Undankbarkeit seiner Töchter gewaltsam fort, damit sie ihn nicht wahnsinnig macht. (III, 4, 21). Nicht nur wirkliche Erlebnisse können Spaltung oder Auflösung herbeiführen. Auch die Möglichkeiten spielen, je mannigfaltiger die Vorstellungen sind, eine große Rolle, bald lockend, bald ängstigend, bald beides. "Nur der", sagte KIERKEGAARD (11), "der durch Möglichkeiten gebildet wurde, wird nach seiner Unendlichkeit gebildet." Solange das Leben dauer, gehören die Möglichkeiten, die sich ernsthaft vor uns hinstellen, auch mit zu den Erlebnissen, und es kann schwieriger sein, mit ihnen fertig zu werden, als mit den festen und begrenzten Erlebnissen, die wir die wirklichen nennen. Aus solchen Möglichkeiten schaffen die großen Dichter ihre Dramen. Aber in uns allen können sich innere Dramen abspielen mit Verwicklungen und Lösungen, mit Zusammenstößen und Entscheidungen, Dramen, die vielleicht von unserer Umgebung gar nicht geahnt werden, aber die doch ihre tiefen Spuren in der weiteren Entwicklung unseres Charakters hinterlassen können.

Die Gestalten und Schicksale, die die Dichter vor uns darstellen, gehören auch zu unseren Erlebnissen. Schon, daß ich einräumen muß, daß das Leben so etwas wie das, was geschildert wird, enthält, mag es nun groß oder klein, gut oder böse sein, kann von entscheidender Bedeutung für mich werden. Es ist nicht notwendig, daß ich selbst etwas Ähnliches erlebt habe, wenn es nur als etwas dasteht, was in der Wirklichkeit stattfinden kann. Man hat gemeint, daß das Bewußtsein, selbst nicht bei dem, was wir lesen oder sehen, dabeizusein, sondern in voller Sicherheit als Leser oder Zuschauer dazusitzen, ein wesentliches Element im ästhetischen Gefühl sein muß. Aber jedenfalls haben nicht alle das ruhige Bewußtsein von sich selbst als Lesern oder Zuschauern neben der Auffassung des Dichterwerkes. Nach meiner persönlichen Erfahrung muß ein solches Bewußtsein das volle Hingenommen- und Ergriffensein unmöglich machen. Und da wir uns selbst kennenlernen nicht nur durch die Art, wie die wirklichen Begebenheiten des Lebens auf uns einwirken, sondern auch durch die Art, wie wir uns durch die Möglichkeiten stimmen lassen, die unsere eigene Phantasie oder die Darstellungen der Dichter vor uns hinstellen, so sprechen wir hier mit vollem Recht von Erlebnissen. Darum kann es natürlich trotzdem seine Bedeutung haben, den Unterschied zwischen den Erlebnissen festzuhalten, die von Möglichkeiten herrühren, und denen, die von Wirklichkeiten herrühren. Jene enthalten unleugbar mehrere Versuchungen zum Selbstbetrug: sich als Held anzusehen, ohne es zu sein, oder ängstlich von sich selbst zu gering zu denken, vielleicht sich selbst ganz wegzuwerfen.

Aufgrund dieser Betrachtung kann ich nicht so scharf wie ALFRED LEHMANN (12) zwischen autopathischen, sympathischen und ästhetischen Gefühlen unterscheiden, so daß die letzteren durch das ruhige Bewußtsein charakterisiert wären, ganz außen vor von dem zu stehen, was die Phantasie oder die Kunst vor uns hinstellen. Es gibt unzweifelhaft Zustände, in denen die Unterschiede zwischen diesen drei Arten des Gefühls verschwunden sind, indem unser reales oder zentrales Ich gerade darin bestehen kann, von einem lebendigen Mitgefühl mit wirklichen oder vorgestellten persönlichen Wesen erfüllt zu sein, und erst später zu seier isolierten Existenz zurückkehrt, so daß es doch eine Veränderung durch den Zustand der Selbstvergessenheit erlitten haben wird. Unser reales Ich kann zwischen Selbstvergessenheit und Selbstbewußtsein hin und her schwingen, und der Ausschlag in der Richtung der Selbstvergessenheit ist oft am fruchtbarsten. Lehmann erkannt ganz gewiß Übergänge zwischen den drei Arten der Gefühle an, aber diese Anerkennung ist nicht ausreichend. Die Hauptsache ist die, ob er darin recht hat, daß die Vorstellung von mir selbst als verschieden von allem andern und allen andern, also die Ich-Vorstellung, die Bedeutung und die Allgegenwart hat, die er ihr zuschreibt. Wie schon oben bemerkt, kann es ein reales Ich ohne Ich-Vorstellung geben. Etwas anderes ist es, daß wir in der Psychologie, wenn man danach fragt, worauf wir die Berechtigung gründen, überhaupt von einem Ich zu reden, unter anderem auf das reale Ich in der Bedeutung hinweisen, in der wir dieses Wort oben gefaßt haben.

Die Frage, ob es ein Gut ist, daß die Verhältnisse auf dem Gebiet des Seelenlebens bei fortschreitender Entwicklung immer unbeständiger werden, soll hier nicht erörtert werden. Große Gefahren und große Güter begleiten einander oft. Je größer die Fülle ist, die man zusammenzuhalten hat, desto mehr Energie braucht man, um eine Konzentration zu ermöglichen. Die Möglichkeit der Konzentration kann zu einer Frage werden, die Sein oder Nichtsein bedeutet.

In dieser Hinsicht stehen die beiden Arten der Gesamtheitsbildung, die im vorhergehenden angedeutet sind, und zu denen ich im Folgenden zurückkehren werde, nicht auf gleicher Stufe. Bei der Verschmelzung gehen die Elemente eine genauere Verbindung ein als bei der Organisation. Es entsteht bei der Verschmelzung eine neue Eigenschaft, eine neue Unmittelbarkeit; die mitwirkenden Elemente haben ihre Selbständigkeit verloren und damit die Fähigkeit, sich aufzulösen. Der dramatische Charakter, den das innere Leben infolge des wechselseitigen Gegensatzes der Elemente annehmen kann, setzt voraus, daß eine Verschmelzung nicht stattgefunden hat.

In der Untersuchung der Gesamtzustände hat die Psychologie ihre höchsten und unabweisbaren Aufgaben. Mit Vorliebe beschäftigen sich die Psychologen gern mit Einzelzuständen und noch lieber mit den Elementen, die aus ihnen ausgesondert werden können. Es entsteht da die Frage, ob Gesamtzustände, komplexe psychische Phänomene, ohne weiteres hergeleitet werden können von den elementaren Gesichtspunkten oder Gesetzen, die sich bei der Analyse oder einem Experiment finden lassen. Wenn sich dies nicht tun läßt, verliert man oft das Interesse für die Gesamtzustände und tut so, als ob sie nicht existierten, oder überläßt es Poeten und Prädikanten, sich mit ihnen zu beschäftigen. Es scheint doch klar, daß wir hier wie überall auf zwei Wegen vorwärtsgehen müssen, wenn wir Erkenntnis gewinnen wollen, nämlich nicht nur versuchen, vom Einfachen zum Komplexen vorzudringen, sondern auch umgekehrt die komplexen Phänomene in ihrer Eigentümlichkeit und in ihrem historischen Zusammenhang beobachten, sie durch Beschreibung festlegen und möglicherweise durch eine Analyse zu Gesichtspunkten zurückgelangen, die bei einer Untersuchung der mehr elementaren Phänomene des Seelenlebens gewonnen sind. Vielleicht wird es sich dann zeigen, daß das Elementare doch nicht so einfach ist. Es ist ein Vorurteil, das auf vielen Gebieten immer wieder seinen Kopf hervorsteckt, daß "im Anfang" die Elemente waren und daß sie außerdem "das Eigentliche" sind. Aber bei all den Anfängen, die wir beobachten können, sind es Zustände, nicht Elemente, die vorliegen, und zwar Zustände mit einem mehr oder weniger entschiedenen Gesamtheitsgepräge. Die Prozesse, durch welche Gesamtzustände entstehen, können am besten an Entwicklungsstufen studiert werden, die weiter fortgeschritten sind, wo die Bedingungen besser gekannt werden und wo das Bewußtsein wacher ist. Und nicht nur die Gesamtzustände können durch Analogie von den Einzelzuständen her beleuchtet werden, sondern auch umgekehrt. Ebensowenig wie ein Gesamtzustand als eine Summe von Einzelzuständen aufgefaßt werden kann, ebensowenig kann ein Einzelzustand als eine Summe von Elementen aufgefaßt werden. Der historische Charakter des Seelenlebens, seine Abhängigkeit von bestimmten Zeitverhältnissen tritt der Natur der Sache nach am meisten bei den Gesamtzuständen hervor. Die historische Methode muß daher, wie schon bemerkt, die anderen psychologischen Methoden ergänzen, und die Psychologie muß benutzen, was Kultur- und Literaturgeschichte uns lehren können.

Eine Untersuchung dieser Art ist der Zweck dieser Abhandlung. Aber da der Gesamtzustand, der untersucht werden soll, seine Haupteigentümlichkeit durch die Gefühlselemente bekommt, die er enthält, müssen wir erst ein wenig beim Gefühlsleben verweilen und zusehen, wie das bisher Entwickelte da seine Anwendung findet.
LITERATUR - Harald Höffding, Humor als Lebensgefühl, Leipzig und Berlin 1918
    Anmerkungen
    1) Siehe meine Abhandlung über den  Begriff Intuition (1914, Seite 81). Auch HENRY BERGSONs Philosophie.
    2) HARALD HÖFFDING, Geschichte der neueren Philosophie, Bd. I, 1895, Seite 232.
    3) Vgl. über die Psychologie des Entschlusses meine "Psychologie in Umrissen auf Grundlage der Erfahrung", VII, B, 2 (Rückwirkung des Willens auf Erkenntnis und Gefühl), Seite 419f.
    4) LUDWIG FEILBERG, Samlede Skrifter, Bd. I, Seite 172.
    5) Die sogenannte psychoanalytische Schule in der Wissenschaft der Geisteskrankheiten (FREUD und seine Schüler) legt in der neuesten Zeit großes Gewicht darauf, daß Erlebnisse von eingreifender Bedeutung andauernd ihren Einfluß auf das Gemüt ausüben und dadurch die Ursache von Geisteskrankheiten werden können. Unter Hypnose oder im Traum kann der Patient solche Erlebnisse verraten, während er sie vielleicht sonst unwillkürlich oder willkürlich zurückzudrängen sucht. Besonders eine gewisse Gruppe von Geisteskrankheiten (die "hysterischen") werden als Wirkung seelischer Wunden erklärt (als traumatische Neurosen), und es ist die Aufgabe des Arztes, diese Wunden zu entdecken und sie dadurch zu heilen, daß er sie ins klare Bewußtsein hervorzieht und sie zum Gegenstand des Verständnisses macht.
    6) Die beiden Benennungen rühren von FRANCIS NEWMAN her (dem humanistischen Bruder des Kardinals). Die beiden Typen werden unter verschiedenen Namen oft in der neueren Religionspsychologie besprochen. Vgl. HÖFFDING, Religionsphilosophie, Leipzig 1901, Seite 254f und "Mindre Arbeider, Anden Roekke", Seite 124f und 134f.
    7) Vgl. HÖFFDING, "Begrebet Villie" (Mindre Arbeider, Tredie Roekke). (Auch in "Revue de Métaphysique et de Morale", 1907: Le concept de volonté.)
    8) Näheres hierüber in meiner "Psychologie", Kapitel 4 und "Der menschliche Gedanke", Leipzig 1911, Seite 9-21. - Auf der Grundlage der vergleichenden Psychologie hat EDWARD THORNDIKE energisch diese Wahrheit eingeschärft. "Die alte Auffassung des menschlichen Bewußtseinslebens" sagt er ("Animal intelligence", New York 1911, Seite 154), "ist die, daß es auf elementaren Empfindungen aufgebaut ist, - daß zuerst sehr kleine Bewußtseinsfragmente (bits of consciousness) entstehen und daß diese sich dann stufenweise zu komplexen Geweben aufbauen." Im Gegensatz hierzu behauptet er, daß "die Entwicklung nicht vom Kleinen und Einfachen zum Großen und Komplexen verläuft, sondern von der unmittelbaren zur mittelbaren Verbindung, innerhalb deren ein Haufen isolierter Elemente auftritt, - von reiner Erfahrung und undifferenzierten Zuständen zum Entstehen von Verschiedenheiten auf der einen Seite, Generalsierungen und Abstraktionen auf der anderen Seite."
    9) näheres in "Der menschliche Gedanke", Seite 183-188.
    10) vgl. für das Folgende meine "Psychologie", Kap. VI (Die Psychologie des Gefühls).
    11) KIERKEGAARD, Samlede Skrifter IV, Seite 422. - In  "Begrebet Angst" (wo der angeführte Ausspruch steht) und in seinen hinterlassenen Papieren hat KIERKEGAARD auf die lockende Macht ängstigender Möglichkeiten das größte Gewicht gelegt. Sie erzeugen Schwindel, wirken durch das bloße Bewußtsein, daß sie da sind.
    12) ALFRED LEHMANN, Die Hauptgesetze des menschlichen Gefühlslebens, Leipzig 1914, Seite 312 - 316.