cr-4Ferdinand TönniesLeviathanDer Nominalist HobbesFritz Mauthner    
 
THOMAS HOBBES
(1588 - 1676)

Von der Sprache

Vernunft und Wissenschaft
"Nominalistisches Denken liegt nämlich im Keim schon in der vorsokratischen Philosophie beschlossen, vor allem im Sensualismus Protagoras und in dem von Leukipp und Demokrit begründeten Atomismus."

Daß DIDEROT als Nominalist anzusprechen ist, wird aus der bisherigen Darstellung seiner Sprachkritik deutlich geworden sein. Hier soll nun etwas näher auf die geistesgeschichtliche Erscheinung des Nominalismus eingegangen werden. Dies allerdings weniger, um noch einmal die geschichtliche Bedingtheit von DIDEROTs sprachkritischem Denken besonders zu unterstreichen - in der Hauptsache ist dieses Denken, wie schon mehrfach betont, doch in DIDEROTs Persönlichkeit selbst begründet und hat im Nominalismus lediglich eine historische Stütze gefunden - als vielmehr, im in großen Linien die Entwicklung des Nominalismus zu verfolgen und jene geistigen Strömungen aufzuzeigen, die sich besonders seit dem Spätmittelalter in seinem Gefolge ausbreiteten.

Zunächst jedoch sei noch einmal eine kurze Begriffserklärung gegeben, und zwar anhand der Antithese Realismus - Nominalismus. Der Realismus läßt die Begriffe vor den Dingen bestehen (universalia ante res), das heißt er fasst sie in ihrer Abgezogenheit von den Individuen, an denen sie zur Erscheinung kommen, als reale, außerhalb des Intellekts existierende Wesenheiten auf (universalia sunt res extra intellectum). Der Nominalismus hingegen erklärt diese Begriffe für rein subjektive Gebilde, für bloße Namen (nomina oder flatus vocis), die der Verstand nur von den individuellen Gegenständen abstrahiert.

Verlegt man gemeinhin die Anfänge des Nominalismus in die Zeit der Frühscholastik, sofern er sich besonders in dieser Periode durch den langwierigen Streit mit dem Realismus (Universalienstreit) in den Vordergrund schob und auch damals erst seine Benennung erhielt, so muß man doch seine eigentliche Entstehung anderthalb Jahrtausende früher in der Antike suchen. Nominalistisches Denken liegt nämlich im Keim schon in der vorsokratischen Philosophie beschlossen, vor allem im Sensualismus PROTAGORAS und in dem von LEUKIPP und DEMOKRIT begründeten Atomismus.

Besonders deutlich wird dies, wenn man im Gegensatz dazu wiederum die realistische Vorstellungsweise betrachtet, die ja bekanntlich ihre wohl reinste Ausprägung in der platonischen Ideenlehre gefunden hat. PLATON sieht in den "Ideen", den Gattungsbegriffen (Universalien) reale Wesenheiten, die ganz unabhängig von den individuellen Erscheinungsformen der Dinge existieren. Er verleiht ihnen eine metaphysische Wirklichkeit.

Das Sein der Wahrnehmungsdinge führt er auf ein Teilhaben an diesen "Ideen" zurück, das heißt die Dinge werden nur insofern erkannt, ja überhaupt erst wahrgenommen, als man sich bei ihrem Anblick der Ideen erinnert. Sie müssen deshalb notgedrungen auch nach diesen Ideen benannt werden. So kommt es, daß der Realismus an eine weitgehende Übereinstimmung von Sache und Wort glaubt, kommt doch die Benennung der Dinge von den ewigen, unveränderlichen Realitäten, den Ideen her. Für PLATON sagen also die Wörter etwas über das wahre Wesen der Dinge aus.

Der Unterschied zu der Lehre des PROTAGORAS liegt auf der Hand. PROTAGORAS erhebt den Menschen zum Maß aller Dinge; er vertritt den reinen Subjektivismus. Auf die Sprache angewandt, besagt dies nichts anderes, als daß Worte genauso wie alles Erkennen, Bewerten und Handeln vom Subjekt her bedingt sind und deshalb auch nur für dieses Bedeutung besitzen. Eine Sachnotwendigkeit der Wörter wird ausgeschlossen.

Auch die Begründer des Atomismus vertreten die Auffassung von der Subjektivität der Sinneswahrnehmung: Die an den Gegenständen wahrgenommenen Eigenschaften entspringen den individuellen und wandelbaren Empfindungsvermögen des wahrnehmenden Subjekts. Das objektiv wahrhaft Seiende bleibt unerkennbar. Wörter können daher auch nichts Verläßliches darüber aussagen; es sind subjektive, nicht sachnotwendige (physei) Setzungen und haben ihre Gültigkeit und ihren Aussagewert nur nach der allgemeinen Ansicht (nomo).

Man sieht, schon philosophische Lehrsysteme der griechischen Frühzeit führen mit aller Deutlichkeit die nominalistische Trennung von Sein und Denken durch: die Welt des Bewußtseins ist eine andere als die Welt der Dinge; die Erscheinungen sind anders als unsere Vorstellungen (ideae) davon. Solche Gedanken findet man dann verständlicherweise auch bei EPIKUR, dem Fortsetzer des Atomismus von DEMOKRIT und LEUKIPP, wieder. Ebenso beim Skeptiker PYRRHON und in der Stoa (CHRYSIPP) und später dann vor allem in den "Pyrrhonischen Hypotyposen" des SEXTUS EMPIRICUS.

Nicht zuletzt erwächst der Nominalismus mit seinem auf die Tatsachenwelt gerichteten Blick aus den Bruchstücken der aristotelischen Logik, insbesondere aus der Schrift "De categoriis". Dort werden nämlich die Einzeldinge der Erfahrung als die wahren "ersten" Substanzen bezeichnet. ARISTOTELES wendet sich damit gegen den Begriffsrealismus des PLATONs. Freilich, was er an PLATON in erster Linie bekämpft, ist nicht so sehr dessen Begriffsrealismus selbst, als vielmehr die Beziehungslosigkeit, die PLATON zwischen dem Allgemeinen und dem Besonderen, zwischen Ideen und Erscheinungen, zwischen Begriffen und Wahrnehmungen angenommen hatte. Soviel über die antiken Vorstufen nominalistischer Gesinnung.

Der Universalienstreit des Mittelalters, der vornehmlich im Zusammenhang mit theologischen Fragen ausgefochten wurde, muß hier im einzelnen übergangen werden. Er kennt hauptsächlich drei Richtungen. Diese und ihre Vertreter seien kurz angeführt:
    An den Realismus, der die selbständige Existenz der Gattungsbegriffe behauptet, knüpfen sich vor allem die Namen ANSELM von CANTERBURY, der als erster den ontologischen Gottesbeweis führt, dann WILHELM VON CHAMPEAUX und BERNHARD von CHARTRES.

    Der Nominalismus, der nur die individuellen Einzeldinge als das wahrhaft Wirkliche zuläßt und in den Universalien lediglich von Menschen geschaffene Sammelnamen sieht, wird am schärfsten von ROSCELLIN verfochten.

    Den Konzeptualismus (auch Sermonismus) schließlich, eine Synthese von Realismus und Nominalismus (universalia in rebus), vertritt PETRUS ABAELARD.
Der Streit endete mit einem Sieg des Nominalismus, und der wichtige Satz, den er aufgestellt hatte, daß nicht das Allgemeine, sondern nur das einzelne kontingente Ding eine reale Existenz habe, blieb für die Folgezeit anerkannt.

Zu seiner vollen, auch für die Zukunft bedeutsamen Entfaltung kommt der Nominalismus dann allerdings erst in der Erneuerung, die er durch WILHELM von OCKHAM im beginnenden Spätmittelalter erfahren hat. Diese Erneuerung stellt ihn an den Eingang des modernen Denkens überhaupt. Man stößt dabei auf die merkwürdige Tatsache, daß der Nominalismus trotz seiner weittragenden erkenntnistheoretischen Einschränkung, die das wahre Wesen der Dinge für nicht erkennbar erklärt hatte, - die Relativität aller menschlichen Erkenntnis, im Grund das Wissen des Nicht-Wissens war mit dieser Erkenntnis ausgesprochen - jetzt seine eigentliche Lebenskraft gerade auf die Entwicklung der realen Wissenschaft richtet.

Zwar blieben deren Erfolge im 14. und 15. Jahrhundert noch sehr beschränkt, was auf den mächtigen Einfluß der scholastischen Denkmethode zurückzuführen ist. Immerhin geht von OCKHAM der hauptsächliche Anstoß dazu aus, daß sich die Philosophie neben der bis dahin im wesentlichen religiös orientierten Metaphysik allmählich als eine weltlich Wissenschaft des Tatsächlich-Wirklichen konstituiert. Mit immer stärker ausgeprägtem Bewußtsein stellt sie sich nun auf den Boden des Empirismus.

Ein neues erfahrungskräftiges Forschen setzt ein; ein bewußtes Durchbrechen der scholastischen Denkform bahnt sich an. Das systematisch- scholastische Denken hatte jedes einzelne Faktum in einen spekulativ durchdachten Zusammenhang gestellt. Bei dem nominalistischen "doctor singularis" WILHELM von OCKHAM, einem Schüler des DUNS SCOTUS, zeigt sich deutlich das Bestreben, das einzelne kontingente Ding als das Reale anzusehen, im Gegensatz zu der früheren Lehre von der Wesenheit der Begriffe.

Die induktive Forschung der Natur und ihrer Vorgänge tritt an die Stelle der Abstraktionen. Das Ernstnehmen des Begriffs der Contingentia im Zusammenhang mit dem Nachlassen des Systemzwangs und dem Abbau des scholastischen Denkens bildet den gemeinsamen Quellpunkt für zwei entgegengesetzte Richtungen: das moralistische und das naturwissenschaftliche Denken. Während die Moralistik das Kontingente als solches bestehen läßt, gibt ihm die Naturwissenschaft neue Gesetze.

Moderne Moralistik und moderen Naturwissenschaft treten dann etwa gleichzeitig im 16. Jahrhundert in Erscheinung und bestehen nebeneinander weiter als "ideographische" und "nomothetische" Möglichkeit der Erkenntnis. Das Wissen von der bloßen Faktizität der Dinge, wie es damit sowohl der Moralistik als auch zunächst der Naturwissenschaft zugrunde liegt, ist für das ganze moderne Denken von ausserordentlicher Bedeutung. Daß letztlich der Nominalismus für dieses Denken die geistige Voraussetzung geschaffen hat, wird vollends klar, wenn man noch kurz an den gewaltigen geistigen Umbruch erinnert, der sich in seinem Gefolge seit dem 14. Jahrhundert vollzieht: das Verlassen der Stufungsidee.

Die spätantike und mittelalterliche Welt gliederte den Kosmos nach der Idee der Stufenordnung, wobei alle einzelnen Stufen ihren festen Zusammenhang mit dem Ganzen des hierarchischen Gefüges behielten. Seit dem 14. Jahrhundert nun bricht dieses große Ordnungsgefüge immer mehr auseinander. Anstelle einer einheitlich verbindenden Idee tritt eine fortschreitende Isolierung der ehemaligen Stufenwerte zu empirischen Einzelbezirken. Eine Dezentralisation auf allen Lebensgebieten setzt ein.

So treten beispielsweise - um nur die wichtigsten Vorgänge zu erwähnen - Staat und Recht jetzt nicht mehr nur in der Praxis, sondern auch in der Theorie als vollkommen eigenwertige Gebilde auf. Die Idee der Staatsraison bildet sich heraus; sie erreicht ihren Höhepunkt bei MACCHIAVELLI, der im Idealfall die Übereinstimmung von politischem und ethischem Handeln wünscht, im Konfliktsfalle aber das Staatsinteresse in den Vordergrund rückt. Diese Spaltung von Sittlichkeit und Wirklichkeit bildet eine der großen Grundbedingungen moralistischen Denkens.

War früher das jus divinum der Quellpunkt allen Rechts, so tritt nun die Lehre vom Naturrecht und vom positiven Recht mit eigenem Anspruch hervor. Naturrecht und positives Recht werden als getrennte Bezirke erkannt. Die Einebnung der hierarchischen Stufenleiter vollzieht sich nicht zuletzt auch im Verhältnis von Philosophie und Theologie. Vordem war die Philosophie die Wegbereiterin des theologischen Wissens. An die Stelle dieses gestuften Ordnungsverhältnisses schiebt sich jetzt die averroistische Lehre von der doppelten Wahrheit. Wissen und Glauben werden völlig heterogen. Besonders stark wird dieses zweigleisige Denken im 16. Jahrhundert bei den spanischen Kasuisten zur Ausbildung gelangen.

Hand in Hand mit diesem Verlassen der Stufenordnung geht nun, wie schon erwähnt, die Auflösung des scholastischen Systembegriffs, ein geistesgeschichtlicher Prozess, der einen gewissen Abschluß und zugleich Höhepunkt in den "Essais" von MONTAIGNE gefunden hat. Dessen Skepsis gilt denn auch als ein Symptom jener Zeit für die Erschöpfung der spekulativen Kräfte in Philosophie und Theologie.

MONTAIGNEs Tatsachenliebe allerdings verbleibt im moralistisch- menschenkundlichen Bereich, und seine "moralistische Phänomenologie" bildet das Gegenstück zu der sich ebenfalls in dieser Zeit anbahnenden modernen Naturwissenschaft. Wichtig jedoch ist es zu sehen, - die wenigen Andeutungen haben das wohl zur Genüge erkennen lassen - dass beiden Richtungen, der Moralistik sowohl wie auch dem naturwissenschaftlichen Denken im letzten der Nominalismus zugrunde liegt.

Daß dann endlich der Nominalismus in neuerer Zeit die Grundlage des englischen Empirismus (BACON, LOCKE, BERKELEY, HUME) als auch des französischen Sensualismus (CONDILLAC) bildet, dürfte aus dem Verlauf vorliegender Untersuchung hinreichend deutlich werden. Erwähnt darf vielleicht noch sein, daß der Nominalismus hier, obwohl ursprünglich systemzerstörend und -auflösend wirkend, selbst wieder in philosophischen Systembildungen zutage tritt, was aber wohl auf den inzwischen mächtig gewordenen Einfluß DESCARTES und dessen neue methodologische Denkweise zurückzuführen ist.
LITERATUR - Thomas Hobbes, Von der Sprache, in Leviathan oder Stoff, Form und Gewalt eines bürgerlichen und kirchlichen Staates, Frankfurt/Berlin/Wien 1966