p-3ra-2C. GüttlerE. TroeltschA. RichterLoewenthal    
 
ERNST von LASAULX
Über die theologische Grundlage
aller philosophischen Systeme


"Die Philosophie, die größte aller Musenkünste, ist darum keineswegs, wie die Sophisten meinen, ein bloßer Zeitvertreib für die Jugend; sie ist noch viel weniger jemals eine Sache für die Menge, sondern immer nur für Wenige, für den Adel der Menschheit, für die wahrhaft Freien, die nicht um ein Gewerbe daraus zu machen, sondern aus Lust und Liebe und um ihre edelsten Kräfte zu üben, den Künsten und Wissenschaften leben; sie ist wie das Edelweiß und die Alpenrose die nur auf den Höhen gedeihen, in reiner, sonniger Bergluft. Sie ist nur für die adlerartigen Naturen, denen nicht wohl ist in den Niederungen, die zur Sonne aufstreben, und deren Auge stark genug ist, das Sonnenlicht zu ertragen: sie ist, wie Platon sich ausdrückt eine Himmelfahrt der Seele, aus der Nacht des täglichen Lebens zum wahren Tag als Ewigseienden."

Die Nachrichten der Alten stimmen darin überein daß PYTHAGORAS sich zuerst des Wortes  Philosophie  bedient und sich selbst einen Philosophen genannt hat: er zuerst hat gesagt, er sei kein Weise,  sophos,  sondern ein liebender Freund der Weisheit,  philosophos,  den weise sei kein Mensch, sondern nur Gott. Ausführlich wird uns auch berichtet, wie er selbst das damals neue Wort einem Nichtphilosophen erklärt hat. LEON nämlich, Tyrann von Phlius, hat einst den Geist und die Beredtsamkeit des PYTHAGORAS bewundernd ihn gefragt: auf welche Kunst er sich am meisten stützt? Worauf jener erwiderte, eine Kunst wisse er nicht, sondern er sei ein Philosoph. LEON aber verwundert über die Neuheit dieses Namens hat weiter gefragt, welche denn Philosophen wären, und wodurch sich diese von den übrigen Menschen unterscheiden? Da hat PYTHAGORAS geantwortet: er vergleiche das Leben der Menschen den Olympischen Wettspielen; einige kämen dahin mit geübten Körpern um Ruhm und Kränze zu erwerben; andere um Gewin aus Kauf und Verkauf zu ziehen; eine dritte Klasse aber gibt es, und diese ist die edelste, von solchen, die weder Beifall noch Gewinn suchten, sondern die kämen um zu sehen  was  vollbracht würde und  wie?  so kämen auch wir Menschen gleichsam zu einem heiligen Wettkampf und zu einem Markt in dieses Leben aus einem anderen Leben, die einen dem Ruhm zu dienen, die andern dem Geld: einige wenige aber streben alles übrige für nichts erachtend die innere Wesenheit der Dinge zu erforschen und diese nennt er Philosophen; und wie es eines freien Mannes am würdigsten ist, zu  schauen,  ohne Erwerb zu suchen: so auch ist im menschlichen Leben überhaupt weit vor allen übrigen Bestrebungen die Betrachtung und die Erkenntnis der Dinge das vorzüglichste.

Die Philosophie war hiernach ursprünglich nichts anderes als die Betätigung der Freiheit des menschlichen Geistes und seiner ersten Liebe zur Erkenntnis, seiner reinen Freude am Wissen; der Ehrenname  philosophos  bezeichnete den wahren Gentleman, der mit freier liebender Seele die Welt und das Leben betrachtet und ihr inneres Wesen zu erforschen sucht. Vorausgesetzt aber wird bei diesem ursprünglichen Philosophieren vor allem: eine ideale Richtung des Geistes und ein angeborenes metaphysisches Bedürfnis; der Glaube an Gott und ein anderes Leben und daß das gegenwärtige ein heiliger Wettkampf sei; vorweg angenommen wird die Freiheit des menschlichen Geistes, sein natürlicher Durst nach Erkenntnis, und daß er, in ruhiger Betrachtung des Seienden und des Werdenden, auch das innere Wesen beider, das Bleibende im Vergänglichen, zu erkennen imstande sei. Vorausgesetzt also, als Vorbedingung zum echten Philosophieren, wird hier all das, was viele heutige Menschen erst von der Philosophie bewiesen haben wollen.

Und ganz in ähnlicher Weise philosophier  alle  großen Denker des Altertums, auf der Grundlage dessen was längst  vor  aller Philosophie durch die väterliche Religion, das heilige Erbe der Vorwelt an die Mitwelt und Nachwelt, bereits feststand, und was niemals von der Philosophie a priori bewiesen, sondern nur a posteriori nachgewiesen werden kann, und die Voraussetzung aller wahren Philosophie ist und bleibt.

Der geistvollste unter allen vorplatonischen Philosophen nach PYTHAGORAS ist mein seliger Freund, der einsame ionische Denker HERAKLIT von Ephesus, der  dunkle  genannt, obgleich wer ihm homogen in seine Zelle eintritt, sie heller finden wird als die Paläste anderer. Dieser sagte: die Aufgabe der Philosophie ist es, die allgemeine göttliche Vernunft zu erkennen welche das Weltall durchdringt. Es gibt nämlich, sagte er, eine allgemeine göttliche Vernunft, welche die Natur der Dinge durchdringt: diese zu erkennen ist Weisheit, alles übrige Vielwisserei. All unser Erkennen insofern es Wahrheit enthält, ist nicht unser, sondern Gottes in uns; nur dadurch daß wir die allgemeine göttliche Vernunft einatmen, werden wir vernünftig. Wie die umgebende Luft das allgemeine Element ist worin wir physisch atmen, ebenso umgibt uns die allgemeine göttliche Vernunft als die geistige Substanz, worin unsere individuelle Vernunft atmet, und durch die Teilnahme an derselben vernünftig ist. Aller Irrtum besteht demnach in der Vereinzelung des Denkens, darin, daß es sich vom allgemeinen  objektiven  Denken lossagt. Nur insofern wir mit der Kraft der allgemeinen göttlichen Vernunft erkennen, enthält unser Denken Wahrheit; getrennt davon ist alles Täuschung, was wir zu denken versuchen.

Die höchste und die Hauptaufgabe der Philosophie ist somit auch hiernach: die Erkenntnis Gottes und dessen was in der Natur und im Leben des Menschen göttlich ist: Gott, die Natur, und der Mensch; die Voraussetzung aber auch dieser Philosophie ist im Wesentlichen dieselbe wie bei PYTHAGORAS: daß es einen objektiven Verstand in der Welt gibt, und daß der subjektive Verstand des Menschen berufen und fähig ist ihn zu erkennen.

PLATONs Lehre, die vollkommenste Gestalt der hellenischen Philosophie, ist, soweit sie hier in Betracht kommt, wörtlich folgende:

Den Schöpfer und Vater des Weltalls zu finden ist schwer, und wenn man ihn gefunden hat, mit  allen  darüber zu sprechen, unmöglich: alte heilige Überlieferungen bezeichnen ihn als den Gott der Götter der nach Gesetzen regiert, als den Anfang die Mitte und das Ende aller Dinge. In der Natur dieses Gottes wohnt eine königliche Seele, und in dieser ein königlicher Verstand, welcher die oberste Ursache alles Guten, Wahren und Schönen ist. Alle Weisen stimmen darin überein, daß dieser bewunderungswürdige Verstand der König des Himmels und der Erde ist; daß nicht wie die Menge wähnt, eine blind wirkende Natur und Notwendigkeit, sondern der göttliche seiner selbst bewußte Verstand, um eines guten Endzwecks willen, das Weltall geordnet hat, und daß ohne Gott diese Weltordnung ganz unmöglich wäre.

Wie nun ein Künstler bevor er sein Kunstwerk sinnlich ausführt, sich zuvor eine Idee desselben bildet, nach welcher er das Werk ausführt: so hat auch Gott, der größte und beste aller Künstler, ehe er diese sichtbare Welt und in ihr die einzelnen Dinge gebildet, zuvor die Ideen derselben konzipiert, und diese göttlichen Ideen und geistigen Urbilder seien das der Erscheinungswelt vorangehende, wahre, ewige, allein reale Wesen der Dinge; die einzelnen  sogenannten  wirklichen Dinge, die wir durch die Sinne wahrnehmen, sind nur Abbilder, vorübergehende vergängliche Erscheinungen jener göttlichen Ideen. Es gibt also  zwei  Welten, eine göttliche Ideenwelt, die Welt der ewigen substanziellen Gedanken Gottes, und eine irdische Erscheinungswelt, die Welt der wandelbaren Formen; die Welt des ewig Seienden und ewig sich Gleichbleibenden, und die Welt des zeitlichen Werdens, des Entstehenden und Vergehenden, der Zeugung und des Todes. Die erscheinenden Dinge in  dieser  Welt seien nur die Wirkungen der wahren Existenzen in  jener  Welt; jedes Ding habe seine Idee in Gott, diese göttlichen Ideen seien das Original, die irdischen Phänomene die Kopien. In der Ideenwelt aber sei die oberste nur eine mit Mühe erkennbare Ursache alles Wahren und Schönen die Idee des Guten, der Urheber des Guten aber ist Gott, der sich selbst immerdar gleich und mit sich identisch ist, und der allein auch die vollkommenste Erkenntnis besitzt.

Wäre dieser Gott neidisch, so hätte er an sich selbst genügen lassen und nichts außer sich selbst ins Leben gerufen; da er aber nicht neidisch, sondern neidlos gütig ist, so hat er auch das Nichtsein am Reichtum seines Seins teilnehmen, und das Einzelne, Unvollkommene um der Vollkommenheit und Glückseligkeit des Ganzen willen entstehen lassen: er hat gleichsam wie ein reicher Mann ein armes Mädchen, das Nichtseiende sich zur Braut erwählt und mit ihr, aus Liebe, die Welt erzeugt. Die Unvollkommenheit aller irdischen Dinge hat daher ihren Grund darin, daß in ihnen zwar etwas Göttliches, Ewiges, Wirkliches, aber auch etwas Ungöttliches, Vergängliches, Nichtiges; daß in ihnen Sein und Nichtsein, Freiheit und Notwendigkeit gemischt ist. Das Nichtsein aus dem die Dinge hervorgerufen sind, klebt noch an ihnen, ja es ist ganz unmöglich, daß sie absolut vollkommen sind; denn nur Gott ist dies, nichts Geschaffenes. Man muß demnach zwei Arten von Ursachen unterscheiden, eine naturnotwendige, leibliche, und eine göttliche, seelische: die göttliche muß man in allen Dingen aufsuchen, um, soviel die menschliche Natur es zuläßt, ein glückseliges Leben zu erlangen; die naturnotwendige aber nur um jener willen. Die göttliche ist die eigentliche Ursache, die naturnotwendige die Hilfsursache zur irdischen Geburt. Die stofflichen Entstehungsgründe oder Urelemente der Dinge, des Menschen wie alle übrigen Wesen, lassen eine logische Erklärung nicht zu, es ist unmöglich diese Urstoffe durch Worte zu definieren, sie sind ihrer Natur nach unerklärlich, unsere Sprache hat für sie kein adäquates Wort.

Der Mensch nun, so lehrt PLATON weiter, das am meisten zur Gottesverehrung befähigte unter allen Geschöpfen, ist ursprünglich nicht eine irdische, sondern eine himmlische Pflanze; unter allen Besitztümern die er hat, ist nächst den Göttern seine Seele sein wertvollstes göttliches Eigentum, ja das eigentliche Wesen des Menschen: ihre Ausbildung ist daher Menschen und Göttern das theuerste; denn ihr allein kommt, wie die Priester und alte göttliche Dichter lehren, wahres unsterbliches Sein zu: sie gehört zu den ersten Existenzen, und ist älter und früher als alle Körper, und hat vor ihrem gegenwärtigen Leben in einer höheren Region gelebt und die Wahrheit geschaut: so daß, daß die ganze Natur unter sich verwandt ist, was sie im irdischen Leben lernt, eigentlich nur eine Wiedererinnerung dessen ist, was sie in einem vorirdischen Leben schon einmal gewußt hat. In der Seele aber, als die oberste Seelenkraft, wohnt der reine denkende Geist, der wie er vom Himmel in den Menschen herabgekommen ist, den Menschen auch wieder von der Erde in den Himmel emporhebt, als der einem jeden von Gott geschenkte Schutzgeist. Dieser spezifisch geistigste Teil der menschlichen Seele, der göttliche  nous  in uns, läßt sich nicht genügen am Einzelnen, Vielen, Veränderlichen, Sinnlichen, sondern fühlt sich erst dann befriedigt und gesättigt, wenn er vorgedrungen ist bis zu dem Urgrund, der ewigen Wesenheit der Dinge und der ewigen Wahrheit, welchen beiden er selbst verwandt und homogen ist. Liebe zum ewig Seienden, zur ewigen Weisheit und der ewigen Wahrheit, sind dem Menschen von Natur aus eingeboren: sein denkender Geist strebt ebenso natürlich nach der Erkenntnis der Wahrheit, wie das sonnenartige Auge des Menschen nach Licht; und wie diesem die Finsternis, so ist jenem die Unwissenheit zuwider. Die echt philosophischen Naturen haben darum ihr Denken nicht auf die Welt des Werdens, sondern auf das ewig und unveränderlich Seiende gerichtet: sie sind vor allem bestrebt die ewige Wesenheit der Dinge zu erkennen, die obersten Ursachen in der göttlichen Ideenwelt; nicht dasjenige was zwischen Entstehen und Vergehen hin und her schwankt, die vorübergehende Erscheinungswelt.

Dies, lehrt PLATON sei das ursprüngliche Verhältnis der menschlichen Seele und in dieser des menschlichen Geistes zu Gott und dem Weltall. Ursprünglich, in Kraft und Fortwirkung ihres göttlichen Ursprungs, sind die Menschen viel wahrhaftiger, großherziger, vollkommener gewesen als später, wo der Anteil Gottes in ihnen, durch die fortgesetzte Vermischung mit der sterblichen Natur, immer schwächre geworden und der  menschliche  Charakter immer stärker hervorgetreten ist. So daß  jetzt  allerdings, wie der Meerdämon GLAUKOS vom Seewasser angefressen und durch den Seetang und das Muschelwerk, das sich an ihm angesetzt hat, fast unkenntlich geworden ist, auch die menschliche Seele im gegenwärtigen leben, im Meer der Todeswelt, durch vielfache Übel ihre ursprüngliche Reinheit und Schönheit fast ganz verloren hat, und wenn sie diese wiedergewinnen will, zuerst aus dem Meer in welchem sie versunken ist, sich erheben und alles ihr fremdartige Anhängsel abwerfen muß. Die Reinigung der Seele von den Leidenschaften, die Loslösung von den Banden des Leibes und allem Irdischen, ist darum die notwendige Vorbedingung jedes echten Philosophierens. Denn nur mit reiner Seele können wir das Reine Wahre Ewige berühren, nur dann mit der Seele selbst das wahre ewige Wesen der Dinge schauen und erkennen. Wer darum wahrhaft philosophisch gesinnt und wirklich in Freiheit und Muße aufgezogen wurde, der trachtet so schnell wie möglich aus dem Irdischen in das Überirdische zu flüchten. Diese Flucht bringt ihn dann zur möglichst größten Verähnlichung mit Gott, diese Verähnlichung aber besteht darin, daß er mit Wissen und Willen gerecht und fromm ist. Dies zu erkennen ist die wahre Weisheit und Tugend; darin unwissend zu sein, offenbarer Unverstand und Schlechtigkeit.

Was dann die subjektive Entstehung der Philosophie, ihre Vorbedingungen, und ihre Wirkungen betrifft im Leben der Menschen, so hebt auch PLATON wiederholt hervor; weise sei kein Mensch, sondern nur Gott; dem Menschen aber geziemt es ein Freund der Weisheit zu sein. Der Anfang aber dieser Liebe zur Weisheit sei  der:  wenn uns etwas Großes, Ungewöhnliches, Außerordentliches begegnet, so werden wir dem gegenüber mit Staunen und Bewunderung erfüllt, wir denken nach über die Begegnung, fangen an zu forschen; dies spannt die Seele und hebt sie empor über das Gemeine, Alltägliche, und diese Erhebung des Besten (der denkenden Kraft) in der Seele ist der Anfang des Philosophierens. Zu diesem subjektiven psychologischen Anfang kommt hinzu der alte priesterliche Spruch, mit welchem der Gott in Delphi jeden Eintretenden begrüßt:  gnothi seauton, meden agan,  Mensch erkenne dich selbst und halte Maß in allem: wodurch die Forderung der Selbsterkenntnis zur Grundlage jeder anderen Erkenntnis, und zu einem religiösen Fundamentalgebot des hellenischen Lebens erhoben wird; denn ein Leben ohne Selbsterforschung (ohne Erforschung des besten Teils unserer selbst, unserer eigenen Seele nämlich), verdient gar nicht gelebt zu werden; da von sich selbst betrogen zu werden, wo also der Betrüger sich nie von uns entfernt, das allerunerträglichste ist. Keiner aber, so heißt es dann weiter, keiner ist zum Studium der Weisheit geboren, der von Natur aus eine unfreie, kleinliche, feige, vergeßliche Seele hat; sondern nur derjenige hat Beruf zur Philosophie der sich von Natur aus leicht erinnert, und lernbegierig, hochherzig und den Chariten [Göttinnen der Anmut - wp] befreundet ist, und dessen Seele eine natürliche Verwandtschaft hat mit den Tugenden der Wahrheit, Gerechtigkeit, Tapferkeit und Mäßigkeit; denn all dies ist nicht sowohl eine Frucht der Philosophie als vielmehr die Vorbedingung ihres gedeihlichen Betriebes. Die Philosophie, die größte aller Musenkünste, ist darum keineswegs, wie die Sophisten meinen, ein bloßer Zeitvertreib für die Jugend; (1) sie ist noch viel weniger jemals eine Sache für die Menge, sondern immer nur für Wenige, für den Adel der Menschheit, für die wahrhaft Freien, die nicht um ein Gewerbe daraus zu machen, sondern aus Lust und Liebe und um ihre edelsten Kräfte zu üben, den Künsten und Wissenschaften leben; sie ist wie das Edelweiß und die Alpenrose die nur auf den Höhen gedeihen, in reiner, sonniger Bergluft. Sie ist nur für die adlerartigen Naturen, denen nicht wohl ist in den Niederungen, die zur Sonne aufstreben, und deren Auge stark genug ist, das Sonnenlicht zu ertragen: sie ist, wie PLATON sich ausdrückt eine Himmelfahrt der Seele, aus der Nacht des täglichen Lebens zum wahren Tag als Ewigseienden. Und diese Naturen behaupten darum auch, daß ein größeres Gut als die Philosophie den Menschen von den Göttern weder jemals geschenkt worden ist, noch geschenkt werden wird. Eben darum ist aber auch auf Gott und das Göttliche im Weltall alles Dichten und Trachten des echten Philosophen gerichtet.

Jeder der eine gesunde Seele hat, so spricht PLATON überall, ruft beim Beginn eines jeden neuen Unternehmens, des kleinen wie des großen, den Beistand Gottes an, von dem uns alles Gute kommt und ohne den wir nichts Gutes haben, da selbst auch die Tugend nur durch eine göttliche Fügung uns zuteil wird. Frömmigkeit ist die größte der Tugenden: das Schönste und Beste und zu jeglichem Lebensglück Förderlichste ist, durch Gebete und Opfer eine beständige Gemeinschaft mit den Göttern zu unterhalten; denn niemals wird von ihnen verlassen, wer sich ihnen zuwendet, weder im Leben noch im Tod. Ja, wenn es wahr ist, daß jeder dem nachahmt und ähnlich zu werden sucht, was er studiert, bewundert, liebt, und durch die Liebe sich aneignet: so ist es gar nicht anders möglich als daß der  wahre  Philosoph, der sich ganz in die Betrachtung Gottes und der göttlichen Weltordnung versenkt, ebendarum auch soweit es dem Menschen möglich ist, kosmisch und göttlich werden muß. Ein solcher aber, der echt Dorisch, im Einklang gelebt hat mit sich selbst in Wort und Tat, der heilig und wahrhaftig das Seinige getan hat, fern von aller unnützen Vielgeschäftigkeit, und der mit reiner Seele von hinnen gegangen ist: der gelangt in Wahrheit, wenn er gestorben ist, auf die Insel der Seligen, zum Geschlecht der Götter.

Daß nun auch diese ganze platonische Philosophie von Anfang bis Ende durchweg einen idealistischen Charakter trägt und auf theologischer Grundlage ruht, ist, wie mir scheint, so evident, daß kein Unbefangener es verkennen wird. PLATON selbst bezeichnet seine Lehren von Gott und von der menschlichen Seele und ihrer Unsterblichkeit, d. h. von ihrem ewigen, vorirdischen und nachirdischen Leben, ausdrücklich als eine alte heilige Priesterlehre, die letzte Gestalt der hellenischen Philosophie, der Neuplatonismus, hat diese theologischen Elemente nur weiter ausgebildet, nicht erst hinzugefügt; und die christlichen Kirchenväter haben die innere Verwandtschaft dieses Platonismus mit dem Christianismus so unumwunden anerkannt, und die besten Elemente desselben so offen in ihre eigene theologische Spekulation aufgenommen; daß es im ganzen Umfang der uns bekannten asiatisch-europäischen Geistesbildung kaum zwei andere Systeme gibt, die einander so befreundet und ähnlich sind wie die platonische Philosophie und die christliche Theologie. (2)

Aber nicht nur bei PLATON, auch bei ARISTOTELES, dem nüchternsten und gelehrtesten aller Philosophen des Altertums, tritt diese ursprüngliche idealistische Richtung noch sehr stark hervor.

Es sei, so lehrt er, eine allgemeine Annahme, daß die Philosophie, die göttlichste und ehrwürdigste aller Wissenschaft, es mit den ersten Ursachen und Prinzipien der Dinge zu tun hat; ihre eigentliche Aufgabe ist, die unsichtbaren Ursachen der sichtbaren Dinge, (3) den innersten Wesensgrund nicht dieses oder jenes, sondern  alles  Seienden überhaupt, kurz die der gesamten Erscheinungswelt vorangehenden und zugrundeligenden substanziellen Ursachen zu erforschen. Die Tiere, bemerkt er, leben in Phantasien und Erinnerungen und haben an der Erfahrung nur wenig Anteil; die Menschen aber, und gerade die edleren, großherzigen am meisten, haben auch einen angeborenen Wissenstrieb, Kunstsinn und vernünftiges Denken, und eine Freue am verstehen und wissen, nicht um irgendeines gemeinen Nutzens, sondern um seiner selbst willen. (4) Wirklich zu wissen aber glauben wir erst dann, wenn wir auf die ersten Urgründe gekommen sind, von denen alles übrige abhängt. Mögen daher alle anderen Wissenschaften notwendiger sein als die Philosophie, besser als sie ist keine. Die diesseitige sinnliche Welt, die uns umgibt, ist in einem beständigen Werden, Entstehen und Vergehen begriffen; aber  diese  Welt ist nur ein  sehr  kleiner Teil des Weltalls;  sie  zu erforschen kann dem Geist des Menschen  nicht  genügen: der Mensch, der entweder allein unter allen uns bekannten lebendigen Wesen, oder doch jedenfalls am meisten unter allen am Göttlichen teilhat, will über diese veränderliche Welt hinaus, auch das Ewigseiende erkennen. Es ist ganz unstatthaft, sagt er wiederholt, von der Natur des Diesseits aus, welches immer veränderlich, nie sich gleichbleibende ist, ein entscheidendes Urteil über die Wahrheit fällen zu wollen; nur aus dem ewig sich Gleichbleibenden und keinem Wechsel Unterworfenen muß man das Wahre zu erforschen suchen. Freilich wie die Augen der Nachtvögel sich verhalten gegen das Tageslicht, so verhält sich die Vernunft unserer Seele gegen dasjenige, was von Natur aus das Hellste ist. Dem Philosophen aber kommt es zu,  alles  in den Bereich seiner Forschung ziehen zu können: nicht insofern etwas Menschliches, sondern als etwas Göttliches in ihm ist. Denn wir müssen nicht, wie man zu sagen pflegt, als Menschen menschlich, als Sterbliche sterblich denken, sondern so viel wir auch immer vermögen nach dem Unsterblichen ringen, und alles tun, um dem gemäß zu leben, was das Beste, das Göttliche in uns ist.

Weiterhin lehrt er: es gibt drei betrachtende Philosophien, die Mathematik, die Physik oder Naturphilosophie, und die Theologie; diese drei theoretischen Wissenschaften sind an und für sich vorzüglicher als alle anderen, unter ihnen aber ist die Theologie die vorzüglichste, denn sie hat es mit dem Ehrwürdigsten von allem zu tun. Denn alles Ewige ist seinem Wesen nach früher als das Vergängliche. WSie könnte auch sonst Ordnung stattfinden, gäbe es nicht ein Ewiges, Fürsichtbestehendes, Bleibendes? und von  dieser ewigen  Beschaffenheit müssen darum auch die ersten Prinzipien aller Dinge sein, die wir suchen. Die Wissenschaft des Philosophen hat es also mit dem Ganzen, mit dem ewig Seienden als Seienden überhaupt, nicht mit einem bloßen Teil desselben zu tun. Die Philosophie macht überall nicht das geteilte Sein und dessen akzidentielle Bestimmungen, sondern das Seiende als solches zu Gegenstand ihrer Betrachtung.

Wenn nun für uns Menschen schon, so argumentiert er weiter, die denkende Betrachtung das süßeste und beste ist, so müssen wir annehmen, daß in ihr auch Gott immerdar lebt, das lebendige, ewige, beste Wesen, die höchste Intelligenz (nous), in reiner Denktätigkeit sich selbst denkend, so daß sein Denken und das von ihm Gedachte identisch sind, die ganze Ewigkeit hindurch. Da ferner das erste Bewegende an und für sich unbeweglich sein, und die ewige Bewegung von einem Ewigen, die einige von einem Einigen ausgehen muß, so kann in Wahrheit auch das erste Bewegende dem Begriff und der zahl nach nur ein einiges, d. h. der erste Beweger, Gott sein. Wie ja auch diese Lehre, daß die Götter die ersten Substanzen und die Urgründe aller Dinge sind, und daß die Gottheit das ganze Weltall umfaßt, eine uralte in das Gewand des Mythos eingehüllte Überlieferung ist, aus der Urzeit zu den Spätergeborenen herübergekommen, gleichsam ein Rest einer uralten untergegangenen Weisheit, die man mit Recht für eine göttliche Offenbarung halten.

Und nun frage ich, ruht nicht auch diese ganze Argumentation, wortgetreu aus der Metaphysik des ARISTOTELES übersetzt, zum größten Teil auf theologischen Voraussetzungen die nicht weiter bewiesen werden? Ist nicht auch hier dasjenige, was er zuletzt ausspricht, schon von Anfang an die Grundlage? Sagt doch ARISTOTELES selbst: alle, die Redegemeinschaft miteinander haben wollen, müssen einander in etwas verstehen; denn wie sollte sonst überhaupt Redegemeinschaft stattfinden können? und anderswo: es ist ein Mangel an philosophischer Bildung, nicht zu wissen, für was man einen Beweis suchen muß und für was nicht. Denn daß von  allem  ein Beweis sein soll ist unmöglich, das würde ins Unendliche führen, so daß, wenn man diesen Weg einschlagen wollte, überhaupt gar kein Beweis zustande kommen könnte. Die Grundlage aber dieser ganzen Redegemeinschaft ist hier nicht bloß die Sprache (nicht alle, die griechisch oder deutsch reden, verstehen sich untereinander), sondern eine gewisse Gemeinschaft der Bildung, und jener religiösen und philosophischen Ideen, die wir mit der Muttersprache selbst von früher Jugend an, durch den allgemeinen Zusammenhang der menschlichen Bildung auf Erden, mit übernommen haben, und die nicht wieder in Frage gestellt werden darf, wenn uns nicht der Boden unter den Füßen weggezogen und jeder wahre Fortschritt unmöglich werden soll.

ARISTOTELES eröffnet bekanntlich seine Metaphysik mit dem Satz, daß alle Menschen von Natur aus einen Trieb nach Erkenntnis haben, den sie befriedigen wollen. Dieser Erkenntnistrieb aber  kann  nur dann befriedigt werden, wenn erstens dasjenige, was er erkennen will, erkennbar ist, und wenn zweitens derjenige, welcher erkennen will, erkenntnisfähig ist. Alle Philosophie und jede Wissenschaft beruth demnach auf der doppelten Voraussetzung: erstens, daß ein objektiver Verstand in demjenigen  ist,  was wir erkennen wollen; und zweitens, daß der subjektive Verstand in und  fähig ist,  den objektiven Verstand außer uns zu erkennen. Diese doppelte Annahme ist die stillschweigende Voraussetzung aller und jeder menschlichen Erkenntnis; diese stillschweigende Annahme aber ist unter allen, die gemacht werden können, die allergrößte. Denn wenn es möglich wäre, daß in demjenigen, welches wir erkennen wollen, zwar Verstand ist, daß aber  unser  Verstand unfähig ist  jenen  Verstand zu erkennen; oder wenn es umgekehrt möglich wäre, daß in demjenigen welches wir erkennen wollen,  kein  Verstand vorhanden wäre, so könnten wir natürlich auch keinen darin finden, und wären mit dem ganzen uns von Natur aus innewohnenden Erkenntnistrieb getäuscht (5) - getäuscht wie einer der Durst hat und daraus schließt, es müsse hinter dem Berg Wein wachsen um seinen Durst zu befriedigen. Daß in der Welt Verstand ist, und daß der in uns seiende Verstand jenen objektiven Verstand zu erkennen fähig ist, kann aber nur dann mit Sicherheit angenommen werden, wenn beide, der objektive Verstand außer uns und der subjektive Verstand in uns, einander homogen, und das Werk eines einzigen höchsten Verstandes sind. Ohne diese allen übrigen vorausgehende Wahrheit, das wahre  dos moi pou sto  [Gib mir einen Punkt auf dem ich sicher stehen kann (Archimedes) - wp], ist weder Philosophie noch irgendeine andere Wissenschaft möglich.

Daß die großen Philosophen des Altertums alle ohne Ausnahme von dieser Voraussetzung ausgingen, ist wie mir scheint aus der obigen Zusammenstellung ihrer Definitionen über das Wesen und den Zweck der Philosophie völlig unzweifelhaft, daß sie sich selbst aber dieser Voraussetzung weniger bewußt waren, ist weit entfernt ein Fehler zu sein, vielmehr ein charakteristischer Vorzug, und ein Beweis der Ursprünglichkeit ihrer Natur und ihrer natürlichen Genialität. Denn jede echte schöpferische Kraft ist eine naive, und im Moment ihrer Produktivität eine unbewußte. Mit klarem Bewußtsein ausgesprochen findet sich jene stillschweigende Voraussetzung der Philosophie erst am späten Abend des hellenischen Lebens, bei dem letzten Diadochen [Nachfolger - wp] PLATONs in Athen, bei DAMASKIUS, der kurz und bündig erklärt: "die ersten und größten Vorbedingungen aller und jeder Erkenntnis des Seienden sind  eros  Liebe,  philoponia  Arbeitslust, und  agxinoia,  die dem Wesen der Dinge nahekommende Schärfe des menschlichen Geistes." Liebe, als das eigentlich schöpferische und eben darum auch allbegeisternde Prinzip in der Natur wie in der Geisterwelt; Arbeitslust, weil ohne sie, ohne die Heldentugend der Ausdauer in der Mühe und Arbeit des Geistes nie und nirgendwo etwas Tüchtiges geboren wird und  agxinoia,  weil, wäre der menschliche Geist als solcher nicht der besseren Natur der Dinge, dem Guten, Wahren und Schönen, verwandt und kongenial, er niemals vermöchte, das Gute zu üben, das Wahre zu erkennen, das Schöne zu lieben und Schönes hervorzubringen.

DANTE ALIGHIERI, als Mann wie als Dichter und Denker der größten einer unter allen die auf europäischer Erde gelebt haben, beschreibt darum "die Philosophie als huldvolles Weib, mit Züchtigkeit, Wissen und Freiheitssinn geschmückt. Die Augen dieses Weibes (ihre Beweisführungen) seien gerade nach den Augen des Verstandes gerichtet, um der Seele Liebe einzuflößen, wenn sie in ihren Verhältnissen frei ist. Wer diese Augen betrachtet, sei gesichert gegen den Tod der Unwissenheit und der Laster, wenn er nämlich die Mühe des Eifers und den Zwiespalt der Zweifel nicht fürchtet, die anfangs von den Blicken dieses Weibes vielfältig aufsteigen, dann aber, wenn ihr Licht fortscheint, niedersinken wie die Morgennebel vor dem Antlitz der Sonne; und wenn der ihr vertraut gewordene Verstand frei bleibt und voll Zuversicht, wie die von den Mittagsstrahlen gereinigte und erleuchtete Luft. Dies ist, so schließt er, die Herrin für welche ich Liebe fühlte nach der ersten Liebe, die schönste und preiswürdigste Tochter des Kaisers dieses Weltalls, der PYTHAGORAS den Namen  Philosophia  gab." Den DANTE und aus seinem  Gastmahl  diese Stelle angeführt zu haben, genügt für die Charakteristik der ganzen Philosophie des Mittelalters; denn auch er ist nicht des Felsens oder der Eiche Sohn, sondern, wie alle ihm ähnlichen Heroen, aus dem Herzblut nicht nur  seines  Volkes und Landes, sondern gesamten Völkerrepublik des christlichen Mittelalters geboren. Das Feuer des Geistes, welches  seine  Brust erfüllt und den Stahl seines Willens gehärtet hat, war in allen Besten seiner Zeit lebendig, die in ihm ihren ewigen Ausdruck gefunden haben.

Und wer hätte die Stirn zu behaupten, daß die  neuere  Philosophie, d. h. daß auch nur  einer  unter den Denkern ersten Ranges, von KOPERNIKUS bis auf NEWTON, von SPINOZA, BACON und LEIBNIZ bist auf kant_prol-0.htmlKANT, CUVIER und SCHELLING, von anderen Voraussetzungen ausging, oder im Verlauf seines Philosophierens zu anderen Resultaten gekommen wäre? ja daß irgendein Forscher der  nicht  von diesen Voraussetzungen ausgegangen ist, jemals das Gebiet der menschlichen Erkenntnis durch irgendeine große Entdeckung zu bereichern, und sich selbst ein dauerndes dankbares Andenken im Gedächtnis der Menschen zu stiften vermocht hätte?

Der oft gehörte Vorwurf, welchen Nichtphilosophen den Philosophen zu machen belieben über den Unbestand und den Wechsel der philosophischen Systeme, und daß die Geschichte der Philosophie nichts anderes sei als die Geschichte der vergeblichen Versuche, das Wesen der Dinge zu erkennen; daß über die Philosophie zu spotten, wahrhaft philosophieren heißt; ja, daß man die Philosophie als eine Krankheit der menschlichen Seele betrachten und die Philosophen als Geisteskranke behandeln sollte: alle diese Vorwürfe und Sarkasmen mögen immerhin als witzig gelten; verständig aber sind sie nicht. Denn es ist mit ihnen in Wahrheit nicht mehr gesagt, als was jeder weiß und gern zugibt: daß alles Lebendige auf Erden, also auch die gesamte Menschheit fortwährend in einer Entwicklung begriffen ist, und ihre letzte Gestalt, das Endziel ihrer Entwicklung noch nicht erreicht hat.

Denn erstens ist dieser Wechsel der Systeme nicht etwas nur der Philosophie eigentümliches; sondern fast alle menschlichen Wissenschaften sind diesem Wechsel unterworfen, so daß  dieser  Vorwurf sie alle trifft, und die Philosophie nur insofern  mehr  als andere, als sie eben die geistigste und lebendigste aller Wissenschaften ist. Es ist nun einmal das allgemeine Schicksal alles Irdischen, in der Welt des geteilten Seins, daß es nicht ewig, fest und unveränderlich ist, und daß die Wahrheit nur langsam und allmählich dem Irrtum abgerungen wird, den jeder mit zur Welt bringt, und der eben überwunden werden soll. Auch die Natur ist nicht ewig und unveränderlich, auch die Berge verwittern und zerbröckeln, so wie kein Volk, kein Staat, keine Form des Lebens unveränderlich ist, sich selbst gleich, alle ohne Ausnahme sind dem Wechsel der Zeiten unterworfen. Nur die Substanz des Lebens ist ewig, alle Formen sind vergänglich. Das ist nun einmal das Schicksal des Gewordenen, in welches man sich ergeben muß: alles was entstanden ist vergeht auch wieder; unveränderlich sich selbst gleich ist nur Gott, der Herr des Seins. Kein Prinzip hat die Geschichte mehr mit Blut und Tod gegen jede formelle Beschränkung durchgesetzt als dieses on ihrem eigenen stetigen Wachstum.

Auch die oft hervorgehobene Tatsache des  auffallend raschen  Wechsels der  neueren  Philosophie von CARTESIUS bis auf HEGEL, und daß es  keinem  von allen neueren Philosophen gelungen ist, ein System aufzustellen welches ihn selbst überdauert hätte: auch diese Tatsache ist keineswegs etwas die  neuere  Philosophie im Gegensatz zur  alten  auszeichnendes. Die Philosophie entsteht  geschichtlich,  wie schon ARISTOTELES bemerkt, überall erst dann wenn alles zum Leben Notwendige bereits vorhanden, wenn das leibliche Dasein der Völker wohltuend begründet, und wenn auf dieser Grundlage eine gewisse Muße und aristokratische Freiheit des Gemüts d. h. wenn die Akme [Höhepunkt, Reife - wp] des Volkslebens eingetreten und - überschritten ist. (6) Dann aber, wenn die Pfade abwärts führen tritt  überall  eine beschleunigte Bewegung des Lebens ein, an welcher, wie alles übrige im Leben der Völker auch die Philosophie teilnimmt. Auch in der ursprüngliche Heimat der Philosophie, in Griechenland, hat das philosophische Denken, einmal begonnen und erstarkt, sich in ununterbrochener Folge, System auf System erzeugend, in einem Zeitraum von zwei bis drei Jahrhunderten ebenso rasch entwickelt wie bei den heutigen Völkern Europas seit dem Ende des Mittelalters. Denn das wäre doch eine arge Gedankenlosigkeit, wenn man verkennen wollte, daß auch bei uns der schnelle Wechsel der philosophischen System sehr eng zusammenhängt mit der allgemein beschleunigten Bewegung des europäischen Lebens, einer Beschleunigung, die sich ja nicht bloß in der Philosophie, sondern viel tiefgreifender auch auf politischem und sozialen Gebiet zeigt, in den Verfassungsformen, in der Gesetzgebung, in den Verkehrsverhältnissen, in Handel und Industrie, in Luxus und Moden.

Das wahre System der Philosophie existiert bis jetzt allerdings nicht, sowenig wie das wahre System der Chemie, oder Mineralogie, der Botanik, der Zoologie, oder der Medizin: und  welche  unter allen positiven Wissenschaften  ist  denn ein für allemal fertig? meines Wissens keine einzige. Was aber die Verschiedenheit und den Widerstreit der Systeme betrifft, so ist dieser in der Philosophie wahrlich nicht größer als in der Medizin, und mehr oer weniger in jeder Wissenschaft deren Gegenstand ein lebendiger ist.

Es wäre, wie ich glaube, gar nicht schwer und jedenfalls eine sehr dankbare Aufgabe, zu zeigen, daß gerade über die höchsten Probleme des Lebens, all jene Fragen welche von jeher edlere Gemüter am tiefsten ergriffen und am längsten beschäftigt haben: über Gott und sein Verhältnis zur Welt, über die Natur und über den Menschen als den Einigungspunkt von Gott und Natur, über des Menschen Freiheit, Tugend und Unsterblichkeit, über das Gute und Böse (7) und über das letzte Schicksal beider: kurz über all die obersten Gründe des Lebens, zwischen  allen  großen Philosophen  aller  Zeiten und Völker eine viel größere Übereinstimmung herrscht als diejenigen ahnen, welche statt eine falsche Philosophie durch die wahre zu widerlegen, in dem seltsamen Wahn stehen, sie hätten dann die wahre, wenn sie gar keine haben.

Selbst in der Methode des Philosophierens ist der Unterschied zwischen allen Philosophen ersten Ranges viel geringer als die Nichtphilosophen glauben. Denn was viele heutige Gelehrten für den spezifischen Unterschied der spekulativen und der induktiven Methode d. h. der Philosophie und der Naturwissenschaften ansehen, existiert in der Tat  nicht  wie  sie  es sich vorstellen. Nicht erst LEONARDO da VINCI, TYCHO BRAHE und FRANCIS BACON haben gelehrt: daß die Indukton die einzig sichere Methode in der Naturwissenschaft ist; daß man mit wirklichen Beobachtungen und Erfahrungen anfangen, und erst anhand derselben bestrebt sein muß, allgemeine Prinzipien zu entdecken, und zu den Ursachen der Dinge aufzusteigen. Sondern schon bei ARISTOTELES lesen wir den klar ausgesprochenen Satz: die Art der Beweisführung sei in verschiedenen Wissenschaften eine verschiedene, eine andere in den Naturwissenschaften und eine andere in den spekulativen Wissenschaften: in den Naturwissenschaften muß man vor allem die Erscheinungen klar auffassen, dann erst die Entstehung und die Ursachen derselben zu erforschen suchen; bis jetzt seien die vorkommenden Erscheinungen nicht hinreichend erforscht; wenn sie es dereinst sein würden, dann sei der Sinneswahrnehmung mehr Glauben zu schenken als der logischen Spekulation, und dieser nur insofern als sie mit den Erscheinungen übereinstimmt. Ja selbst PLATON hat schon darauf aufmerksam gemacht, daß man bei allen philosophischen Forschungen eine doppelten Weg einschlagen kann, den progressiven und den regressiven d. h. daß man entweder von den allgemeinen Prinzipien zum Einzelnen herabsteigen, oder aber von Einzelnen zu den allgemeinen Prinzipien aufsteigen kann: und in der Tat reduziert sich auf diesen Grundunterschied nicht bloß der innere Gegensatz zwischen PLATON selbst und seinem großen Schüler ARISTOTELES, sondern es lassen sich hierauf  alle  Verschiedenheiten der wissenschaftlichen Methode  aller  großen Philosophen zurückführen. Der erstere Weg, der progressive, möchte den inneren genetischen Hergang der Dine, den großen Prozeß des Weltlebens, wie es entstanden ist und wie es verläuft, erkennen wie Gott erkennt, der alle Dinge weiß vor aller Dinge Schöpfung; der andere Weg, der regressive, ist bestrebt den erkennbaren Spuren des objektiven Weltverstandes in der Natur der Dinge nachzugehen, ob es etwa gelingt, ihnen folgend, ihren ersten Ausgangspunkt zu erreichen, die lange gesuchten Quellen des Nils endlich zu entdecken. Gewiß ist der erste Weg der kühnere und gefahrvollere, der letztere der bescheidenere und mühsamere, und eben darum wie Viele glauben dem Menschen geziemender. Beide Wege aber beruhen in letzter Instanz auf ein und derselben Voraussetzung und Vorbedingung, die nicht weiter bewiesen, sondern nur geglaubt werden kann: auf einer angeborenen und durch Übung erstarkten Kongenialität zwischen dem erkennen wollenden Ich und demjenigen welches erkannt werden will, der Natur und der gesamten Schöpfung Gottes. (8)

Es besteht auf Erden ein großer Zusammenhang des Lebens, eine Tradition der Geistesbildung unter allen kulturfähigen Völkern: jede spätere Generation überkommt das Erbe ihrer Vorfahren um es als ein ewiges Fideikommiss [Nießbrauchrecht - wp], nicht verschlechtert, sondern verbessert, der nachfolgenden Generation zu überliefern. Der größte Teil dessen, was wir heutige Menschen besitzen ist ein solches heiliges Vermächtnis der Vorwelt, dessen wir uns erfreuen, und welches wir bereichert auch auf die Nachwelt übertragen sollen. Dieses großen Zusammenhanges der menschlichen Bildung auf Erden uns bewußt zu sein, mit Selbstbewußtsein zugleich und mit Weltbewußtsein auch die Pflichten zu erfüllen, welche die Vergangenheit, die Zukunft und die Gegenwart uns auferlegen; uns klar zu werden über uns selbst und unser Verhältnis zu allen sichtbaren und unsichtbaren Mächten des Lebens (9): dies allein ist der innere Vorzug welchen die mehr Gebildeten vor den weniger Gebildeten voraus haben. Der mehr Gebildete, der sich diesen Pflichten entzieht, und statt von der echten Philosophie vor allem Einfachheit und Lauterkeit des Gemüts, Reinheit und religiöse Strenge des Denkens zu lernen, sich einer frivolen und frechen Sinnesart hingibt, der steht der Wahrheit und dem Weltgeist viel ferner als ein weniger gebildeter aber sittlich besserer Mensch, auch wenn der ein Tagelöhner wäre.

Sie, meine akademischen Freunde, stehen noch in dem schönen Lebensalter, in welchem die naturfrischen Gefühle der menschlichen Brust mächtig sich ausdehnen, wo die Erinnerung am heitersten und die Hoffnung am reichsten ist. Das Leben liegt vor Ihnen wie ein heiliger Agon [Wettstreit - wp], wie die Wettspiele einst in Olympia, und die Rennbahn die mit Olivenhainen und Götterstatuen geschmückt war. Lassen Sie sich die Sonne der Jugend recht warm ins Herz scheinen; das spätere Leben wird ohnehin kälter, und jeder von uns kommt da in den Fall auf die sonnigen Tage seiner Jugend und seiner ersten Liebe zu den Wissenschaften gernz zurückzublicken und sich daran zu erwärmen. Es ist an Ihnen dafür zu sorgen, daß die Bilder, denen ihr Auge dann begegnet, rein und unbefleckt sind, und von idealer Schönheit die allein dauerhaft ist und nicht verblaßt. Sie unterscheiden sich vom großen Haufen der Menschen dadurch, daß sie studieren gelernt haben: darin besitzen sie einen Schatz, vermöge dessen Sie niemals ganz unglücklich werden können; denn wenn alles auf der Welt uns verläßt, so können wir noch Trost und Ersatz für Vieles im Studieren finden, d. h. im geistigen Umgang mit den Besten der Vorwelt und der Mitwelt. Schließlich noch  eine  Bitte: unter den Gütern, die Sie und wir alle von unseren Väter und diese von den ihren überkommen haben, bis zum Anfang der Zeiten, nimmt eines die erste Stelle ein, die väterliche Religion: halten Sie daran fest, und besinnen Sie sich dreimal, ehe Sie sich entschließen, eine einzige ihrer ewigen Wahrheiten aufzugeben.
LITERATUR - Ernst von Lasaulx, Über die theologische Grundlage aller philosophischen Systeme, Antrittsrede zum Rektorat an der Ludwig-Maximilian-Universität, am 29. November 1856, München 1856
    Anmerkungen
    1) Wie der Sophist KALLIKLES in PLATONs  Gorgias  behauptet: die Philosophie sei eine ganz artige Sache zum Unterricht für junge Leute; wenn aber ein älterer Mann noch philosophiere, so mache er sich lächerlich. Denn es sei mit dem Philosophieren etwa wie mit dem Stammeln und Tändeln: an Kindern sei dies ganz natürlich und liebenswürdig, an Männern aber ganz unmännich und lächerlich. Wenn er Knaben und Jünglinge bei der Philosophie antreffe, so freue er sich und glaube daß etwas Edles in ihnen sei, und wer in diesem Lebensalter nicht philosophiert, den halte er für unedel und niedrig gesinnt; wenn er dagegen sieht, daß ein Mann oder gar ein alter Mann noch immer nicht loskommen kann von der Philosophie, so scheint ihm ein solcher Schläge zu verdienen.
    2) Daher die hohe Achtung mit der die christliche Kirche trotz der erschütternden Angriffe die sie von der neuplatonischen Schule erfuhr, die Neuplatoniker durchgängig behandelt hat, und die schmerzliche Wehmut, mit welcher der größte aller Kirchenväter, AUGUSTINUS, ihnen die Hand bietet um sie ganz herüberzuziehen. Die Übereinstimmung der Platonischen mit der christlichen Lehre war damals so evident, daß die Platoniker geradezu behaupteten, CHRISTUS habe seine ganze Lehre aus den Werken PLATONs entlehnt; und daß die christlichen Kirchenväter diese Behauptung nur dadurch zu entkräften suchten, daß sie ihrerseits behaupteten: auch PLATON habe seine Theologie von den Pythagoreern entlehnt und beide, PYTHAGORAS wie auch PLATON, hätten ihre Weisheit aus Ägypten entlehnt, wo sie nämlich die heiligen Bücher der Juden kennengelernt hätten.
    3) Also ganz wie in der Vedantalehre: die Erkenntnis der obersten Ursache, das allein ist Weisheit zu erforschen; wie die Wirkungen, die Namen und Gestalten der Dinge entstehen und vergehen, ist nutzlos.
    4) Ja ARISTOTELES geht darin so weit, daß er in seiner Politik VIII, 2, 2 mit einschneidender Schärfe die sehr aristokratische Bemerkung macht: "auch von den  artes liberales  gilt, daß man sich nur bis zu einem gewissen Grad damit beschäftigen soll; sich ausschließlich damit abzugeben, sei mit denselben Nachteilen verbunden wie die Tagelöhnerarbeit. Nur wer sie ums seiner eigenen Vervollkommnung willen und aus innerer Freude treibt, ist ein Freier; wer sie um Gewinnes wegen studierte oder auf den Befehl anderer hin, ist ein Knecht wie andere Knechte".
    5) Wir wären, wie HAMANN sich ausdrückt, betrogene Betrüger und "der Trieb nach Erkenntnis wäre die Mausefalle des alten Sophisten, der die ganze Welt anführt, und zugleich das Obst, an dem die Seele unschuldiger Nascher ihre Lust hat."
    6) ARISTOTELES, Politik VIII, 6, 6: "denn erst als die Hellenen Wohlhäbigkeit des Lebens erlangt hatten und hochherziger waren zu jeglicher Tüchtigkeit und, besonders nach den Perserkriegen, mit einem gewissen Stolz erfüllt waren auf ihre Taten, da erst ergriffen sie mit Lust alle Wissenschaften, keine auslassend".
    7) Das Beste, was über das Böse gesagt worden ist, steht in dem mohammedanischen Buch  Ulemai islam,  in VULLERs Fragmenten über die Religion des Zoroaster, Seite 67: über dem Bösen, was nicht sein muß und dennoch ist, liegt ein Schleier, d. h. wir können es mit unserem Verstand nicht begreifen. Da dies also das Werk Gottes ist, so muß man es auch Gott überlassen, und tun wwas er befohlen hat und unterlassen was er verboten hat.
    8) WILHELM von HUMBOLDT, Werke I, Seite 14: Jedes Begreifen einer Sache setzt, als Bedingung seiner Möglichkeit, im Begreifenden schon ein Analogon des nachher wirklich Begriffenen voraus, eine vorhergängige, ursprüngliche Übereinstimmung zwischen dem Subjekt und dem Objekt.
    9) Vgl. WILHELM von HUMBOLDT, Werke VI, Seite 564: "Daß der höchste und allgemeinste Zweck des Gesamtlebens des menschlichen Geistes der sei, daß die Menschheit sich klar werde über sich selbst und ihr Verhältnis zu allem Sichtbaren und Unsichtbaren um und über sich.