ra-3cr-4ra-2DeklarationRousseauBabeufvon HallerLeckyd'Alembert    
 
CONDORCET
[Marie Jean Antoine Nicolas Caritat]
(1743-1794)
Von den künftigen Fortschritten
des menschlichen Geistes


"Die Operationen des Verstandes, die uns in den Irrtum führen, oder darin erhalten, von dem feinen Widerspruch an, der den aufgeklärtesten Mann überraschen kann, bis zu den Träumen des groben Wahnsinns, gehören ebenso, wie die Methode richtig zu urteilen oder die Wahrheit aufzufinden, zur Theorie der Entwicklung unserer individuellen Kräfte, und aus gleichem Grund ist die Art, wie allgemeine Irrtümer sich unter den Völkern einschleichen, ausbreiten, fortpflanzen, verewigen, ein Teil des historischen Gemäldes der Fortschritte des menschlichen Verstandes. Wie die Wahrheiten, die ihn ausbilden und erhellen, sind auch sie die notwendige Folge seiner Tätigkeit, Folge jenes immer bleibenden Mißverhältnisses zwischen dem, was er kennt, und dem, wozu Wunsch und Bedürfnis ihn antreiben, daß er es kennen lernen möchte."

"Es wird also der Augenblick kommen, da die Sonne auf dem ganzen Erdenrund nichts mehr beleuchten wird, als freie Menschen, die keinen anderen Gebieter mehr erkennen, als ihre Vernunft; da die Treiber und die Sklaven, die Priester und ihre blödsinnigen oder heuchlerischen Werkzeuge nicht mehr anders sein werden, als in der Geschichte und auf der Schaubühne; da man sich nicht mehr mit ihnen beschäftigen wird, außer um ihre Schlachtopfer und die von ihnen Getäuschten zu beklagen, um sich durch den Abscheu vor ihren Verbrechen in einer nützlichen Wachsamkeit zu erhalten, damit man die ersten Keime des Aberglaubens und der Tyrannei, wenn sie je wieder hervorzubrechen wagen sollten, erkenne und unter dem Gewicht der Vernunft erdrücke."

"Wir werden dartun, daß man die ganze Masse eines Volkes in allem unterrichten kann, was jeder Mensch zu wissen nötig hat für die häusliche Ökonomie, für die Verwaltung ihrer Geschäfte, für die freie Entwicklung seiner Industrie und seiner Fähigkeiten; um seine Rechte kennen zu lernen, sie zu verteidigen und auszuüben; um nicht blindlings von denen abzuhängen, welchen er die Besorgung seiner Geschäfte oder die Ausübung seiner Rechte anvertrauen muß, um imstande zu sein, sie zu wählen und zu beaufsichtigen; um nicht länger das Spielzeug jener populären Irrtümer zu sein, die das Leben mit abergläubischen Besorgnissen und nichtigen Hoffnungen quälen; um sich gegen die Vorurteile durch die alleinige Kraft seiner Vernunft zu verteidigen; schließlich um den Blendwerken der Scharlatanerie zu entgehen, die seinem Vermögen, seiner Gesundheit, der Freiheit seiner Meinungen und seines Gewissens, unter dem Vorwand ihn zu bereichern, zu heilen und zu retten Fallstricke legen möchte."



Einige Worte an die Leser!

Ob das Werk, welches hier dem Publikum  deutsch  vorgelegt wird, einer Übersetzung wert war? ist wohl keine Frage.

Ob die  gegenwärtige  Übersetzung der Urschrift entspricht? mögen Kenner beurteilen.

Übrigens liegt es wohl sehr in der Natur der Dinge, daß ein Werk von so unermeßlich weitfassendem Inhalt gar vieler Bemerkungen, zum Teil auch Berichtigungen empfänglich wäre. Aber in Bezug auf solche Räsonnements [Argumente - wp] schien es mir anmaßlich, mein Urteil dem von CONDORCET unterzuschieben, und in Bezug auf die hie und da mehr oder weniger unrichtig dargestellten Tatsachen hielt ich für unnötig, ein Werk, welches ohnehin seinem ganzen Inhalt und Fassung nach nur die unterrichtetere Klasse des Publikums zu Lesern haben kann, überdies ein Werk, welches der Verfasser selbst nur als  ersten leichten Hinwurf,  als Skizze betrachtet wissen wollte, mit gelehrten Noten zu verbrämen.

ERNST LUDWIG POSSELT



Vorbericht des Herausgebers

CONDORCET, von den Tyrannen geächtet, hatte sich erst vorgenommen, seinen Mitbürgern eine Darstellung seiner Grundsätze und seines Betragens als Staatsmann zu liefern. Schon hatte er einige Zeilen niedergeschrieben: aber im Begriff an dreißig Jahre voll nützlicher Arbeiten und an jene Menge von Schriften zu erinnern, worin er seit der Revolution alle der Freiheit nachteiligen Unternehmungen angegriffen hatte, entsagte er einer unnötigen Rechtfertigung. Allen Leidenschaften fremd wollte er nicht einmal seine  Gedanken  durch die Erinnerung an seine Verfolger beflecken, und in erhabener, ununterbrochenen Abwesenheit von sich selbst weihte er den kurzen Zwischenraum, der ihn vom Tod trennte, einem Werk von allgemeinem und dauerndem Nutzen. Dieses Werk legt man hier dem Publikum vor: es ruft eine große Zahl anderer zurück, worin seit langer Zeit die Rechte des Menschen untersucht und begründet, dem Aberglauben die letzten Streiche versetzt; worin die Methoden der mathematischen Wissenschaften auf neue Gegenstände angewandt, den politischen und moralischen Wissenschaften neue Bahnen geöffnet wurden; worin die wahren Grundsätze der gesellschaftlichen Glückseligkeit eine bis dahin unbekannte Entwicklung und Beweisart erhielten; worin man schließlich überall Spuren jener tiefen Moralität, die selbst die Schwächen der Eigenliebe verbannt, jener durch nichts zu erschütternden Tugenden findet, in deren Nähe man nicht leben kann, ohne sich von heiliger Ehrfurcht durchdrungen zu fühlen. Möge dieses beweinenswürdige Beispiel so seltener, für das Vaterland, für die Freiheit, für die Fortschritte der Aufklärung und deren wohltätige Anwendung auf die Bedürfnisse des zivilisierten Menschen verlorenen Talente der öffentlichen Sache nützliche Gefühle wecken! Möge dieser Tod, der in der Geschichte nicht wenig dazu dienen wird, die Epoche, worin er sich ereignete, zu charakterisieren, eine unwankbare Anhänglichkeit für die Rechte einflößen, deren Verletzung er war! ... Dies ist die einzige Huldigung, würdig des Weisen, der, während der Mordstahl über seinem Nacken zuckte, friedlich der Vervollkommnung seiner Mitmenschen nachsann; bis der einzige Trost für die, welche der Gegenstand seiner Zuneigung waren, und seine Tugend ganz kannten.



E i n l e i t u n g

Der Mensch wird geboren mit dem Vermögen, sinnliche Eindrücke aufzufassen, in denen, die er auffaßt, die einfachen Empfindungen, woraus sie zusammengesetzt sind, zu bemerken und zu unterscheiden, sie zu behalten, wieder zu erkennen, zu kombinieren, diese Kombinationen in einem Gedächtnis aufzubewahren oder zurückzurufen, unter sich zu vergleichen, wahrzunehmen, was sie Übereinstimmendes haben, oder worin sie voneinander verschieden sind, an alle diese Gegenstände Zeichen festzuheften, um sie besser zu erkennen, und sich neue Kombinationen unter denselben zu erleichtern.

Dieses Vermögen entwickelt sich in ihm durch die Wirkung der äußeren Dinge, das heißt, durch die Gegenwart gewisser zusammengesetzter Empfindungen, deren beständige Gleichförmigkeit, es sei in der Identität des Ganzen, oder in den Gesetzen ihrer Veränderungen, unabhängig von ihm ist. Er übt dasselbe auf gleiche Weise durch die Mitteilung mit ihm ähnlicher Wesen; so wie ferner auch durch künstliche Mittel, welche, nach der ersten Entwicklung eben dieses Vermögens, den Menschen zu erfinden gelang.

Die Empfindungen sind von Vergnügungen und von Schmerz begleitet, und der Mensch hat ebenso das Vermögen, diese augenblicklichen Eindrücke in dauernde, angenehme oder widrige Gefühle umzubilden, und diese Gefühle beim Anblick oder Andenken der Vergnügungen oder Schmerzen anderer empfindenden Wesen zu erfahren. Schließlich entstehen aus diesem Vermögen, gepaart mit dem, Begriffe zu bilden und zusammenzusetzen, zwischen ihm und Seinesgleichen Verhältnisse von Teilnahme und von Pflicht, an welche selbst die Natur den köstlichsten Teil unseres Glückes und den qualvollsten unserer Leiden festknüpfen wollte.

Schränkt man sich auf die Beobachtung, auf die Erforschung der allgemeinen Tatsachen und der beständigen Gesetze ein, welche die Entwicklung dieser Kräfte in dem, was die verschiedenen Individuen des Menschengeschlechts unter sich gemein haben, darbietet, so heißt diese Wissenschaft  Metaphysik. 

Betrachtet man hingegen diese nämliche Entwicklung nach ihren Resultaten, in Bezug auf die Masse der Individuen, die gleichzeitig auf einem gegebenen Raum leben, und folgt man ihnen von Fortzeugungen zu Fortzeugungen, so stellt sie das  Gemälde der Fortschritte des menschlichen Geistes  dar. Dieses Fortschreiten ist eben den allgemeinen Gesetzen unterworfen, wonach die individuelle Entwicklung unserer Kräfte geschieht, weil es das Resultat dieser Entwicklung ist, insofern solche zu gleicher Zeit bei einer großen Zahl in Gesellschaft vereinter Individuen betrachtet wird. Aber das Resultat, das jeder Augenblick bietet, hängt ab von dem, welches die vorhergehenden Augenblicke aufstellten, und hat Einfluß auf das der kommenden Zeiten.

Dieses Gemälde ist also  historisch,  weil, beständigen Abwechslungen unterworfen, es sich durch die fortrückende Beobachtung der menschlichen Gesellschaften in den verschiedenen Epochen, die sie durchliefen, bildet. Es muß die Folgenreihen der Veränderungen darstellen, den Einfluß schildern, den jeder Augenblick auf den ihm nächstfolgenden hat, und auf solche Weise in den Modifikationen, welche die Menschheit erhielt, indem sie sich mitten in der Unermeßlichkeit der Jahrhunderte ohne Aufhören erneuerte, den Gang zeichnen, den sie befolgte, die Schritte, die sie näher zur Wahrheit oder zu ihrem Glück tat. Diese Beobachtungen über das,  was der Mensch war,  und über das,  was er einmal sein wird,  werden dann zu den Mitteln führen, die neuen Fortschritte, die seine Natur ihm noch zu hoffen erlaubt, zu sichern und zu beschleunigen.

Dies ist der Zweck dieses Werkes, das ich unternommen habe, und wovon das Resultat sein wird, durch Vernunftschlüsse und durch Erfahrungen zu zeigen, daß der Vervollkommnung der menschlichen Fähigkeiten kein Zielpunkt gesetzt ist; daß die Vervollkommnungsfähigkeit des Menschen wesentlich unbestimmbar ist; daß die Fortschritte dieser Vervollkommnungsfähigkeit, des weiteren unabhängig von jeder Gewalt, welche sie hemmen zu wollen versuchen könnte, keine anderen Grenzen haben, als die Dauer der Erdkugel, worauf die Natur uns geworfen hat. Zwar können diese Fortschritte einen mehr oder weniger schnellen Gang nehmen, aber nie wird ein solcher  retrograd [rückläufig - wp] sein, zumindest solange nicht, als unser Erdball im System des Weltalls dieselbe Stelle einnehmen und die allgemeinen Gesetze dieses Systems auf demselben weder eine allgemeine Zerstörung noch solche Veränderungen erzeugen werden, wodurch dem Menschengeschlecht nicht mehr möglich sein würde, dieselben Kräfte darauf zu entwickeln, und dieselben Hilfsmittel darauf zu finden.

Die  erste Stufe der Bildung,  worauf man den Menschen beobachtete, ist die einer wenig zahlreichen Gesellschaft von Menschen, welche von der Jagd und vom Fischfang leben, nichts verstehen, als die rohe Kunst ihrer Waffen und einige Haushaltungsgeräte zu verfertigen, sich Wohnungen zu bauen oder zu graben, aber schon eine Sprache, um sich ihre Bedürfnisse mitzuteilen, und eine kleine Zahl moralischer Begriffe haben, woraus sie gemeinsame Regeln des Betragens herleiten, in Familien leben, sich nach allgemeinen Gebräuchen richten, die ihnen statt Gesetzen dienen, und selbst eine rohe Form von Regierung haben.

Man sieht leicht, daß die Ungewißheit und die Schwierigkeit für seinen Unterhalt zu sorgen, der notwendige Wechselfall äußerster Ermüdung und gänzlicher Geschäftlosigkeit, dem Menschen nicht jene Muße gewähren, worin er sich seinen Ideen überlassen, seinen Verstand mit neuen Kombinationen bereichern könnte. Die Mittel, seine Bedürfnisse zu befriedigen, sind selbst zu abhängig vom Zufall und von den Jahreszeiten, um mit Nutzen eine Industrie zu wecken, deren Fortschritte sich fortpflanzen könnten, und jeder schränkt sich darauf ein, seine persönliche Geschicklichkeit oder Fertigkeit zu vervollkommnen.

Die Fortschritte der Menschheit mußten also damals sehr langsam sein; sie konnte deren nur von Ferne zu Ferne, und unter Begünstigung außerordentlicher Umstände machen. Inzwischen sehen wir dem von der Jagd, dem Fischfang, oder den Früchten, die die Erde aus freien Stücken bietet, hergenommenen Unterhalt die Nahrung von Tieren folgen, die der Mensch gezähmt hat, die er aufzubewahren und zu vervielfältigen weiß. Zu diesen Mitteln gesellt sich nachher ein roher Ackerbau: er begnügt sich nicht mehr mit den Früchten oder Pflanzen, die er antrifft; er lernt Vorräte davon bilden, sie um sich her sammeln, sie säen oder pflanzen, ihre Wiedererzeugung durch die Arbeit der Kultur begünstigen.

Das  Eigentum das, in diesem ersten Stand, sich auf die von ihm getöteten Tiere, auf seine Waffen, Netze, Haushaltungswerkzeuge einschränkte, wurde als zuerst das Eigentum seiner Herde, und nachher das Eigentum der Erde, die er umgrub und die er baute. Beim Tod des Hauptes kommt dasselbe natürlicherweise auf die Familie. Einige besitzen einen Überfluß, der von der Art ist, daß man ihn aufbehalten kann. Ist solcher unbedingt, so weckt er neue Bedürfnisse; findet er aber in  einer  Sache statt, während man gleichzeitig an einer anderen Mangel leidet, so gibt diese Notwendigkeit den Begriff von  Tausch von da an verwickeln und vervielfältigen sich die moralischen Verhältnisse. Eine größere Unbesorgtheit, eine dauerndere Muße gestatten, daß man sich dem Nachdenken, oder zumindest einer fortgesetzten Beobachtung überläßt. Der Gebrauch kommt für einige Individuen auf, daß sie einen Teil ihres Überflusses gegen eine Arbeit vertauschen, und sich dadurch der Mühe überheben, eine solche selbst zu tun. Es gibt also eine Klasse von Menschen, deren Zeit nicht in körperlicher Anstrengung aufgezehrt wird, und deren Wünsche sich über ihre bloßen Bedürfnisse hinaus erstrecken. Die Industrie erwacht: die schon bekannten Künste erweitern und vervollkommnen sich; die Ereignisse, die der Zufall der Beobachtung des aufmerksamen und geübteren Menschen darbietet, machen neue Künste aufblühen; die Bevölkerung wächst im gleichen Verhältnis, wie die Mittel des Unterhalts weniger gefährlich und weniger ungewiß werden; der Ackerbau, der eine größere Zahl von Individuen auf derselben Erdfläche nähren kann, ersetzt die anderen Quellen des Unterhalts: er begünstigt jene Vermehrung, die hinwiederum seine Fortschritte beschleunigt; die erworbenen Begriffe teilen sich schneller mit und dauern sicherer fort in einer Gesellschaft, die mehr festsitzend geworden, näher beisammen, inniger verbunden ist. Schon fängt die  Morgenröte der Wissenschaften  an zu erscheinen; der Mensch zeigt sich abgesondert von den anderen Tierarten, und scheint nicht mehr, wie sie, auf eine bloß individuelle Vervollkommnung eingeschränkt.

Ausgedehntere, vielfachere, verwickeltere Verhältnisse, die die Menschen nun unter sich bilden, lassen die Notwendigkeit fühlen, ein Mittel zu haben, ihre Ideen auch Abwesenden mitzuteilen, das Andenken einer Begebenheit bestimmter, als durch mündliche Überlieferung fortzupflanzen, die Bedingungen eines Vertrags sicherer, als durch das Gedächtnis der Zeugen festzusetzen, jene verehrten Gebräuche, welchen die Mitglieder ein und derselben Gesellschaft ihr Betragen zu unterwerfen übereingekommen sind, auf eine weniger Veränderungen ausgesetzte Art zu bewahren ... Man fühlte daher das Bedürfnis der  Schreibkunst,  uns sie wurde erfunden. Es scheint, daß sie anfänglich eine wahre Malerei war, der hierauf eine durch Übereinkunft angenommene Malerei folgte, die nur die charakteristischen Züge der Gegenstände beibehielt. In der Folge, durch eine Art von Metapher, ähnlich der, die sich schon in die Sprache eingeschlichen hatte, drückte das Bild eines physischen Gegenstandes moralische Begriffe aus. Der Ursprung dieser Zeichen, wie der der Worte, mußte sich in die Länge vergessen, und die  Schrift  wurde eine Kunst, an jeden Begriff, an jedes Wort, und in der Folge an jede Modifikation der Begriffe und Worte, ein konventionelles Zeichen festzuheften.

Von da hatte man eine Sprache, die man  schrieb,  und eine Sprache, die man  redete,  wobei man beide auf die gleiche Weise lernen und worunter man eine wechselseitige Übereinstimmung festsetzen mußte. Männer von Genie, ewige Wohltäter der Menschheit, deren Namen, deren Vaterland selbst auf immer in Vergessenheit gegraben sind, beobachteten, daß alle Worte einer Sprache nichts als die Zusammensetzung einer sehr geringen Zahl ursprünglicher Artikulationen sind; daß die Zahl von diesen, wie unbeträchtlich sie auch ist, zu einer beinahe unendlichen Menge verschiedener Zusammensetzungen hinreicht. Sie kamen auf den Gedanken, nicht die Begriffe und die Worte, welche solchen entsprechen, sondern jene einfachen Elemente, woraus die Worte zusammengesetzt sind, mit sichtbaren Zeichen zu belegen.

So wurde die  Buchstabenschrift  bekannt: eine kleine Zahl von Zeichen reichte aus, um alles zu schreiben, gleichwie eine kleine Zahl von Tönen ausreichte, um alles zu sagen. Die geschriebene Sprache wurde dieselbe wie die, welche man sprach; man hatte nun weiter nichts nötig, als jene wenigen Zeichen zu kennen und zu bilden, und dieser letztere Schritt sicherte für immer die Fortschritte der Menschheit.

Vielleicht würde es in unseren Tagen von Nutzen sein, eine  Schriftsprache  einzuführen, die, indem sie, einzig den Wissenschaften vorbehalten, nichts bezeichnend, als die Kombinationen einfacher Begriffe, die in allen Köpfen dieselben sind, zu nichts gebraucht, als zu Urteilen und Untersuchungen von logischer Schärfe, zu genau bestimmten und berechneten Verstandeswirkungen,  den Menschen aller Länder verständlich  wäre, und sich in alle ihre Idiomen übertragen ließe, ohne, wie diese, durch den Übergang in den gemeinen Gebrauch einer Veränderung unterworfen zu sein. Dann würde, durch eine sonderbare Revolution eben die Schriftart, deren Beibehaltung anfangs nur dazu gedient haben würde, die Unwissenheit zu verlängern, unter den Händen der Philosophie ein sehr nützliches Werkzeug zur schnellen Fortpflanzung von Kenntnissen, zur Vervollkommnung der Methode in den Wissenschaften werden.

Zwischen diesem Grad an Bildung und dem, worin wir jetzt noch Stämme von Wilden sehen, befanden sich alle Völker, deren Geschichte sich bis auf uns erhielt, und die - indem jetzt neue Fortschritte taten, jetzt wieder in Unwissenheit zurücksanken, bald sich in der Mitte von diesem Doppelfall hinhielten, oder bei einem gewissen Punkt stillstanden, bald unter dem Schwert des Eroberers von der Erde verschwanden, sich mit den Siegern vermischten, oder in Knechtschaft fortlebten, schließlich bald von einem aufklärten Volk Kenntnisse erhielten, um sie anderen Nationen mitzuteilen - eine ununterbrochene Kette bilden zwischen dem Anfang der historischen Zeiten und dem Jahrhundert, worin wir leben, zwischen den ersten Nationen, die uns bekannt sind, und den jetzigen Völkern Europas.

Man kann also in diesem Gemälde, das ich hier zeichnen will, schon  drei  sehr verschiedene Teile bemerken.

Im  ersten,  worin Erzählungen von Reisenden uns den Zustand der Menschheit bei den am wenigsten gebildeten Völkern zeigen, sehen wir uns genötigt, zu erraten, durch welche Stufen der isolierte, oder vielmehr der auf die zu seiner Fortzeugung nötige Gesellschaft eingeschränkte Mensch seine erste Vervollkommnung erhalten konnte, deren letzte Grenze der Gebrauch einer artikulierten Sprache ist; die stärkste, ja selbst die einzige Schattierung, die, nebst einigen weiterreichenden moralischen Begriffen, und einem schwachen Anfang von gesellschaftlicher Ordnung, ihn von den Tieren auszeichnet, welche, wie er, in regelmäßiger und dauernder Gesellschaft leben. Wir können als hier keinen anderen Führer haben, als die Beobachtungen über die Entwicklung unserer Kräfte.

Um von hier aus den Menschen auf den Punkt zu geleiten, wo er Künste ausübt, wo das Licht der Wissenschaften ihn aufzuklären beginnt, wo der Handel die Nationen vereint, wo schließlich die  Buchstabenschrift  erfunden ist, können wir jenem ersten Führer nun schon auch die Geschichte der verschiedenen Gesellschaften beigesellen, die beinahe in allen Zwischengraden beobachtet worden sind, obgleich man keine derselben durch den ganzen Raum hin verfolgen kann, der die beiden großen Epochen der Menschheit voneinander trennt.

Hier fängt das Gemälde an, sich größtenteils auf die Reihe von Tatsachen zu stützen, welche die Geschichte auf uns gebracht hat: aber es ist nötig, selbige in der Geschichte  verschiedener  Völker aufzusuchen, unter sich zu vergleichen, aneinander zu reihen, um daraus die  hypothetische Geschichte eines Volkes  zu ziehen und das Gemälde seiner Fortschritte zu entwerfen.

Seit der Epoche, da die Buchstabenschrift in Griechenland bekannt wurde, knüpft sich die Geschichte an unser Jahrhundert, an den jetzigen Zustand der Menschheit in den aufgeklärtesten Ländern Europas durch eine ununterbrochene Reihe von Tatsachen und Beobachtungen an; und das Gemälde vom Gang und den Fortschritten des menschlichen Geistes ist seitdem wahrhaft historisch; die Philosophie hat nun nichts mehr zu  erraten,  sie hat keine hypothetischen Kombinationen mehr zu bilden; es ist ausreichend, die Tatsachen zu sammeln, zu ordnen und auf die nützlichen Wahrheiten hinzuweisen, die aus deren Verkettung und aus deren Ganzem entstehen.

Zum Schluß würde nur noch ein letztes Gemälde zu zeichnen übrig bleiben, - das unserer Hoffnungen, der Fortschritte, welche den künftigen Fortzeugungen aufbehalten sind, und die gleichförmige Beständigkeit der Naturgesetze ihnen zu versichern scheint. Man müßte darin zeigen, durch welche Stufen das, was uns gegenwärtig eine chimärische Hoffnung scheint, nach und nach möglich, ja selbst leicht werden wird; warum, ungeachtet des vergänglichen Sieges der Vorurteile und der Unterstützung, die sie von der Verderbtheit der Regierungen oder der Völker erhalten hat, die Wahrheit allein einen dauernden Triumph erringen wird; durch welche Bande die Natur die Fortschritte des Lichtes mit denen der Freiheit, der Tugend, der Achtung für die natürlichen Rechte des Menschen unauflöslich zusammen geknüpft hat; wie diese einzigen wahren Güter, die so oft voneinander getrennt waren, daß man sie sogar für unverträglich hielt, im Gegenteil untrennbar werden müssen von dem Augenblick an, wo die Aufklärung einen gewissen Grad bei einer größeren Zahl von Nationen zugleich erreiht, und wo sie die ganze Masse eines großen Volkes durchdrungen haben würde, dessen Sprache allgemein verbreitet wäre, und dessen Handelsverbindungen den ganzen Umfang des Erdballs umspannten. Da diese Vereinigung schon wirklich in der gesamten Klasse aufgeklärter Menschen vor sich gegangen ist, so würde man von nun an unter diesen keine andere mehr erkennen, als Freunde der Menschheit, nach gleichem Plan beschäftigt, deren Vervollkommnung und Glück zu beschleunigen.

Wir werden den Ursprung, die Geschichte der  allgemeinen Irrtümer  erzählen, welche den Gang der Vernunft mehr oder weniger verzögert oder aufgeschoben und oft selbst ebensosehr wie die politischen Ereignisse, den Menschen wieder gegen die Unwissenheit zurückgestürzt haben.

Die Operationen des Verstandes, die uns in den Irrtum führen, oder darin erhalten, von dem feinen Paralogismus [Widerspruch - wp] an, der den aufgeklärtesten Mann überraschen kann, bis zu den Träumen des groben Wahnsinns, gehören ebenso, wie die Methode richtig zu urteilen oder die Wahrheit aufzufinden, zur Theorie der Entwicklung unserer individuellen Kräfte, und aus gleichem Grund ist die Art, wie allgemeine Irrtümer sich unter den Völkern einschleichen, ausbreiten, fortpflanzen, verewigen, ein Teil des historischen Gemäldes der Fortschritte des menschlichen Verstandes. Wie die Wahrheiten, die ihn ausbilden und erhellen, sind auch sie die notwendige Folge seiner Tätigkeit, Folge jenes immer bleibenden Mißverhältnisses zwischen dem, was er kennt, und dem, wozu Wunsch und Bedürfnis ihn antreiben, daß er es kennen lernen möchte.

Man kann sogar beobachten, daß, nach den allgemeinen Gesetzen der Entwicklung unserer Geisteskräfte, gewisse Vorurteile in jeder Epoche unserer Fortschritte entstehen müssen, welche aber weit über diese hinaus ihre Verführung oder ihre Herrschaft erstrecken, weil der Mensch die Irrtümer seiner Kindheit, seines Landes und Jahrhunderts noch beibehält, nachdem er bereits alle nötigen Wahrheiten, um selbige zu zerstören, kennengelernt hat.

Endlich gibt es in allen Ländern, in allen Zeitaltern verschiedene Vorurteile, nach dem Grad der Kenntnisse der verschiedenen Klassen von Menschen, so wie nach ihren Ständen. Wenn die der Philosophen den  neuen  Fortschritten der Wahrheit schaden, so verspäten die der weniger aufgeklärten Klasse die Ausbreitung schon bekannter Wahrheiten, und die gewisser vorzüglich beglaubigter oder mächtigen Stände setzen denselben Hindernisse entgegen. Dies sind drei Arten von Feinden, welche die Vernunft ohne Unterlaß bekämpfen muß, und worüber sie oft nur nach einem langen und mühevollen Kampf siegt. Die Geschichte dieser Gefechte, die der Entstehung, des Triumphes und des Sturzes der Vorurteile, wird einen großen Raum in diesem Werk einnehmen, und gewiß nicht der unwichtigste noch unnützeste Teil desselben sein.

Wenn es eine Wissenschaft gibt, die Fortschritte der Menschheit vorherzusehen, zu leiten, zu beschleunigen, so muß die Geschichte der Fortschritte, die sie bereits getan hat, die erste Grundlage davon sein. Allerdings mußte die Philosophie jenen Aberglauben verbannen, der fast keine Regeln des Betragens finden zu können wähnte, als in der Geschichte der verflossenen Jahrhunderte, fast keine anderen Wahrheiten, als durch das Studium der alten Meinungen. Aber ist jenes Vorurteil, welches mit Stolz die Lehren der Erfahrung zurückstoßen würde, nicht ebenso verwerflich? Zwar kann das Nachdenken allein schon durch glückliche Kombinationen uns zu den allgemeinen Wahrheiten der Kenntnis des Menschen führen: aber wenn die Beobachtung der  Individuen  der Menschengattung für den Metaphysiker, den Moralisten nützlich ist, warum sollte die der  Gesellschaft  es nicht minder für sie sein? warum sollte sie es nicht für den  politischen  Philosophen sein? Wenn es nützlich ist, die verschiedenen Gesellschaften, die zu gleicher Zeit existieren, zu beobachten, deren Verhältnisse zu studieren; warum solle es nicht auch nützlich sein, sie im Fortrücken der Zeitalter zu beobachten? Vorausgesetzt sogar, daß diese Beobachtungen bei der Forschung spekulativer Wahrheiten auf die Seite gesetzt werden können, müssen sie es auch dann werden, wenn es darauf ankommt, diese Wahrheiten in der Ausübung anzuwenden, und aus der Wissenschaft die  Kunst  abzuleiten, die das nützliche Resultat derselben sein soll? Unsere Vorurteile, die Übel, die deren Folgen sind; haben sie nicht ihre Quelle in den Vorurteilen unserer Voreltern? Eines der sichersten Mittel uns aufzuklären über jene, und diesen vorzubeugen; besteht es nicht darin, daß wir uns den Ursprung und die Wirkungen derselben entwickeln?

Sind wir an den Punkt gelangt, wo wir von nun an weder neue Irrtümer, noch die Rückkehr der alten zu fürchten haben; wo keine Verderbnis verbreitende Anstalt durch die Heuchelei mehr in Vorschlag gebracht, durch die Unwissenheit oder den Enthusiasmus angenommen werden kann; wo keine fehlerhafte Kombination mehr das Unglück einer großen Nation machen kann? Sollte es also unnütz sein, zu wissen,  wie  die Völker getäuscht, verdorben, ins Elend gestürzt wurden?

Alles  sagt uns, daß wir an die Epoche einer der großen Revolutionen er Menschheit gelangt sind. Was kann uns besser aufklären über das, was wir davon zu erwarten haben; was kann uns ein sicherer Wegweiser sein, um uns mitten durch diese Erschütterungen hinzugeleiten, als das Gemälde der Revolutionen, die ihr vorangingen und sie vorbereiteten? Der jetzige Zustand der Aufklärung bürgt uns dafür, daß sie  glücklich  sein wird; aber wird sie dies nicht nur unter der Bedingung sein, daß wir uns all unserer Kräfte zu bedienen wissen? Und damit das Glück, welches sie verspricht, weniger teuer erkauft wird, damit sie sich mit mehr Schnelligkeit, in einem weiteren Raum, ausbreitet; damit sie vollständiger in ihren  Wirkungen  sein möge: ist es da nicht nötig, daß wir in der Geschichte des menschlichen Geistes nachforschen, welche Hindernisse wir noch fürchten müssen, welche Mittel wir haben, solche zu besiegen?

Ich werde den Raum, den ich zu durchlaufen mir vorgesetzt habe, in  neun  große Epochen abteilen, und in einer  zehnten  einige Blicke in die künftigen Bestimmungen der Menschheit wagen. Ich werde mich darauf einschränken, die Hauptzüge darzustellen, die jede derselben charakterisieren: ich werde nur die  Massen  geben, ohne bei den Ausnahmen oder Details zu verweilen; ich werde die Gegenstände, die Resultate anzeigen, wovon das Werk selbst die Entwicklungen und die Beweise liefern wird.



Zehnte Epoche

Wenn der Mensch, mit fast gänzlicher Zuverlässigkeit, die Phänomene vorhersagen kann, deren Gesetze er kennt, wenn er selbst, im Fall, daß sie ihm unbekannt sind, nach der Erfahrung des Vergangenen mit hoher Wahrscheinlichkeit die Ereignisse der Zukunft vorhersehen kann: warum sollte man das Unternehmen, mit einiger Wahrscheinlichkeit das Gemälde der künftigen Bestimmungen der Menschheit nach den Resultaten ihrer Geschichte zu zeichnen, wie eine nichtige Träumerei betrachten? Der einzige Grund des Glaubens in den natürlichen Wissenschaften, ist der Gedanke, daß die  allgemeinen,  bekannten oder unbekannten Gesetze, welche die Phänomene des Weltalls bestimmen, notwendig und bleibend sein; und warum sollte dieser Grundsatz in Bezug auf die Entwicklung der  geistigen  und moralischen Kräfte des Menschen weniger wahr sein, als im Hinblick auf andere Wirkungen der Natur? und, da nach der Erfahrung des Vergangenen über Gegenstände von derselben Art gebildete Meinungen die einzige Richtschnur des Betragens der weisesten Menschen sind; warum sollte man dem Philosophen verwehren, seine  Vermutungen  auf eben diese Grundlage zu bauen, wenn er ihnen nur keine höhere Gewißheit beimißt, als die aus der Zahl, der bleibenden Gleichförmigkeit, der Genauigkeit der Beobachtungen entstehen kann?

Unsere Hoffnungen über den künftigen Zustand der Menschheit lassen sich auf die wichtigen drei Punkte zurückführen:
    1. Zerstörung der Ungleichheit unter den Völkern;

    2. Fortschritte der Gleichheit in ein und demselben Volk; und schließlich

    3. wirkliche Veredelung des Menschen.
Werden alle Nationen sich einst dem Grad von Zivilisation nähern, wozu die aufgeklärtesten, freiesten, von Vorurteilen reinsten Völker, wie die  Franzosen  und die  Anglo-Amerikaner  gelangt sind? Jene unermeßliche Kluft, welche diese Völker von der Sklaverei despotisch beherrschter Nationen, von der Barbarei der afrikanischen Völkerstämme, von der Unwissenheit der Wilden absondert; soll er nach und nach verschwinden? ... Gibt es auf dem Erdenrund Gegenden, deren Bewohner von der Natur verdammt sind, nie die Freiheit zu genießen, nie ihre Vernunft zu gebrauchen?

Jene Verschiedenheit der Kenntnisse, der Hilfsmittel, oder der Reichtümer, die man bis jetzt bei allen verfeinerten Völkern unter den verschiedenen Klassen, woraus deren jedes besteht, beobachtet hat; jene Ungleichheit, welche die ersten Fortschritte der Gesellschaft vermehrt, und sozusagen erzeugt haben; ist sie die Folge der Kultur selbst, oder der gegenwärtigen Unvollkommenheiten der Staatswissenschaft? ... Wird sie immerfort abnehmen, um jener wirklichen Gleichheit, dem letzten Zweck der Staatskunst, zu weichen, welche, indem sie selbst die Wirkungen der natürlichen Verschiedenheit der Kräfte vermindert, nur noch eine solche Ungleichheit bestehen läßt, die dem Interesse aller nützlich ist, weil sie die Fortschritte der Zivilisation, des Unterrichts und der Industrie begünstigt, ohne weder Abhängigkeit, noch Herabwürdigung, noch Verarmung nach sich zu ziehen? ... Mit  einem  Wort: werden die Menschen sich dem Zustand nähern, da alle die nötigen Einsichten haben werden, um in den gemeinen Geschäften des Lebens ihrer eigenen Vernunft zu folgen, und solche frei von Vorurteilen zu erhalten; um ihre Rechte genau zu kennen, und ihrer Meinung und ihrem Gewissen nach auszuüben? wo alle, durch die Entwicklung ihrer Kräfte, zuverlässige Hilfsmittel erhalten werden, ihren Bedürfnissen abzuhelfen? wo schließlich Dummheit und Elend nur noch Zufälle und nicht mehr der gewöhnliche Zustand eines Teils der Gesellschaft sein werden?

Wird - die letzte Frage - die Menschheit sich veredeln, es sei durch neue Entdeckungen in den Wissenschaften und Künsten, und, was eine natürliche Folge davon ist, in den Hilfsmitteln des besonderen Wohlstands und der allgemeinen Glückseligkeit; oder durch Fortschritte in den Grundsätzen des Betragens und in der praktischen Moral; oder endlich durch wirkliche Vervollkommnung der geistigen, moralischen und physischen Kräfte, welche auf gleiche Weise die Folge entweder der Vervollkommnung der Werkzeuge, welche die Spannung dieser Kräfte vermehren oder deren Anwendung leiten, oder selbst auch der Vervollkommnung der natürlichen Organisation sein kann?

Indem wir diese  drei Fragen  beantworten, werden wir in der Erfahrung des Vergangenen, in der Beobachtung der Fortschritte, welche die Wissenschaften, die Zivilisation bis jetzt gemacht haben, in der Analyse des Ganges des menschlichen Geistes und der Entwicklung seiner Kräfte, die stärksten Beweggründe zu dem Glauben finden, daß die Natur unseren Hoffnungen durchaus keinen Grenzpunkt gesetzt hat.

Wenn wir unseren Blick auf den gegenwärtigen Zustand dieser Erde werfen, so werden wir fürs Erste gewahr werden, daß, in Europa die Grundsätze der französischen Konstitution schon die aller aufgeklärten Menschen sind. Wir werden sehen, daß solche darin allzuweit verbreitet, und allzulaut verkündet sind, als daß die Bemühungen der Gewalthaber und der Priester sie hindern könnten, nach und nach bis in die Strohhütten ihrer Sklaven durchzudringen; und diese Grundsätze werden darin bald einen Rest von gesundem Menschensinn und jenen dumpfen Unwillen wecken, den die Gewohnheit der Demütigungen und des Schreckens in der Seele der Unterdrückten nicht ersticken konnten.

Wenn wir hierauf die verschiedenen Nationen durchgehen, so werden wir bei jeder derselben sehen, welche besonderen Hindernisse sich dieser Revolution entgegensetzen, oder welche Anlagen sie begünstigen; wir werden die Nationen unterscheiden, wo sie durch die, vielleicht schon verspätete Weisheit der Regierungen sanft herbeigeführt werden, und jene, wo sie, heftiger gemacht durch deren Widerstand, solche selbst auch in ihre schrecklichen und reißenden Bewegungen verschlingen wird.

Kann man zweifeln, daß die Weisheit oder die unsinnigen Entzweiungen der europäischen Völker, welche die langsamen, aber unfehlbaren Fortschritte ihrer Kolonien begünstigen, bald die Unabhängigkeit der neuen Welt zur Folge haben werden? und wird nicht, von da an, die europäische Bevölkerung, die sich auf diesem unermeßlichen Gebiet reißend schnell vermehren wird, die wilden Völkerschaften, die dort noch ungeheure Bezirke innehaben, zivilisieren, oder, selbst ohne Eroberung, verschwinden machen.

Überblickt die Geschichte unserer Unternehmungen, unserer Niederlassungen auf Afrika oder in Asien: ihr werden unsere Handelsmonopole, unsere Verrätereien, unsere blutige Verachtung gegen Menschen von anderer Farbe oder von einem anderen Glauben, den frechen Übermut unserer Anmaßungen, die tolle Bekehrsucht oder die Intrigen unserer Priester jenes Gefühl von Ehrfurcht und Wohlwollen vernichten sehen, welches der Überlegenheit unserer Einsichten und den Vorteilen unseres Handels anfänglich gezollt worden war ... Aber der Augenblick naht ohne Zweifel, da wir ihnen in uns nicht mehr Verderber oder Tyrannen zeigen, da wir ihnen nützliche Werkzeuge oder großmütige Befreier sein werden.

Die auf dem unermeßlichen Kontinent Afrika sich ansiedelnde Zuckerpflanzung wird den schändlichen Raub vernichten, der diesen Weltteil seit zwei Jahrhunderten verunedelt und entvölkert.

Schon haben in Großbrittanien einige Freunde der Menschheit das Beispiel dazu gegeben; und wenn dessen machivellistische Regierung, gezwungen die öffentliche Vernunft zu verehren, nicht wagt, sich demselben zu widersetzen, was darf man nicht von eben diesem Geist hoffen, wenn er, nach der Reform einer knechtischen und feilen Konstitution, würdig einer menschlichen und großmütigen Nation werden wird? Wird Frankreich sich nicht beeifern, diesen Schritten nachzuahmen, welche Menschenliebe und das wohlverstandene Interesse Europas gleichermaßen diktiert haben? Die Gewürzpflanzen wurden auf französischen Inseln, nach Guyana, in einige englische Besitzungen gebracht, und bald wird man den Sturz jenes Alleinhandels sehen, den die Holländer durch so viele Verrätereien, Mißhandlungen und Verbrechen bisher behauptet haben. Die Völker Europas werden endlich lernen, daß die auschließenden Handelsgesellschaften nichts anderes, als eine auf sie gelegte Abgabe sind, um ihren Regierungen eine neues Werkzeug der Tyrannei zu verschaffen.

Dann werden die Europäer, indem sie sich auf einen freien Handel einschränken, zu aufgeklärt über ihre eigenen Rechte, um der Rechte anderer Völker zu spotten, jene Unabhängigkeit verehren, die sie bis jetzt mit so vermessenem Trotz verletzt haben. Ihre Niederlassungen, statt nichts als Günstlinge der Regierungen zu zeigen, die unter dem Schild eines Amtes oder eines Vorrechts dahin zusammenströmen, um durch Raub und Trug Schätze aufzuhäufen, womit sie sich bei ihrer Rückkunft in Euroa Ehren und Titel erkaufen können, werden sich mit emsigen Menschen bevölkern, die in diesen glücklichen Klimaten das Glück suchen werden, das sie in ihrem Vaterland verlassen hatte. Die Freiheit wird sie dort festhalten; nicht mehr wird Ehrfurcht sie zurückrufen, und jene Räuberniederlassungen werden Kolonien von Bürgern werden, die in Afrika und in Asien die Grundsätze und das Beispiel der Freiheit, die Aufklärung und die Vernunft Europas ausbreiten werden. Jenen Mönchen, die zu diesen Völkern nichts als einen schändlichen Aberglauben trugen und sie empörten, indem sie ihnen mit einer neuen Herrschaft drohten, werden dann Menschen folgen, die es sich zum Anliegen machen, diesen Nationen die zu ihrem Glück nützlichen Wahrheiten zu lehren, sie über ihre Interessen, wie über ihre Rechte aufzuklären. Auch der Eifer für die Wahrheit ist eine Leidenschaft: er wird seine Anstrengungen nach entfernten Gegenden hintragen, sobald er nicht mehr rund um sich her grobe Vorurteile zu bekämpfen, schimpfliche Irrtümer zu vernichten finden wird.

Diese ungeheuren Länder werden ihm  hier  zahlreiche Völker darbieten, die, um sich zu zivilisieren, nichts zu erwarten scheinen, als von uns die Mittel dazu zu erhalten, und in den Europäern Brüder zu finden, um deren Freunde und Schüler zu werden;  dort  unter heiligen Despoten oder stupiden Eroberern derdrückte Nationen, die seit so vielen Jahrhunderten ihre Befreier rufen;  anderswo  fast wilde Stämme, welche die Härte ihres Klimas von den sanften Wohltaten einer vollkommeneren Zivilisation entfernt, während eben diese Härte die, so ihnen deren Vorteile lehren könnten, von ihnen zurückstößt, oder erobernde Horden, die kein anderes Gesetz, als die Stärke, kein anderes Gewerbe als den Raub kennen. Die Fortschritte dieser beiden letzteren Arten von Völkern werden langsamer, von mehreren Stürmen begleitet sein; vielleicht werden sie sogar, in dem Maße, wie sie sich von den zivilisierten Nationen zurückgedrängt sehen werden, auf eine kleinere Zahl herabsinken, und zuletzt unmerklich verschwinden, oder sich in deren Schoß verlieren.

Wir werden zeigen, wie diese Ereignisse nicht nur eine unfehlbare Folge von den Fortschritten Europas, sondern selbst auc von der Freiheit sind, welche die französische Republik und die vereinten Freistaaten von Nordamerika zugleich sowohl das wesentlichste Interesse als die Gewalt haben, dem Handel von Afrika und von Asien wiederzugeben; wie sie ebenso notwendig, entweder aus der neuen Weisheit der europäischen Völker, oder aus deren eigensinnigen Anhänglichkeit an ihre Handelsvorurteile herfließen müssen.

Wir werden zeigen, daß ein einziger denkbarer Fall - eine neue Überschwemmung von Asien durch die Tartaren, diese Revolution verhindern könnte; und daß dieser Fall nicht mehr möglich ist. Inzwischen bereitet alles den schnellen Sturz jener großen Religionen des Orients vor, die, fast überall bloß dem Volk überlassen, indem sie die Herabwürdigung ihrer Diener teilen, und schon in mehreren Gegenden in den Augen der Mächtigen weiter nichts als politische Erfindungen sind, die menschliche Vernunft nicht mehr in hoffnungsloser Knechtschaft und in ewiger Kindheit hinzuhalten drohen.

Der Gang dieser Völker würde schneller und sicherer sein, als der unsrige, weil sie von uns dasjenige empfangen würden, was wir erst hatten entdecken müssen, und weil es um jene einfachen Wahrheiten, jene zuverlässigen Methoden, wozu wir nur nach langen Irrtümern gelangten, kennenzulernen, für sie ausreichen würde, die Entwicklungen und die Beweise derselben in unseren Reden und in unseren Büchern zu finden. Wenn die Fortschritte der  Griechen  für die anderen Nationen verloren waren, so war es aus Mangel an Mitteilung unter den Völkern: die tyrannische Herrschaft der  Römer  ist es, die man darüber anklagen muß. Aber wann, indem wechselseitige Bedürfnisse die Menschen sich einander näher gebracht haben, die mächtigsten Nationen Gleichheit unter den Staatsgesellschaften wie unter den Individuen, Ehrfurcht für die Unabhängigkeit schwacher Staaten, Menschlichkeit gegen die Unwissenheit und das Elend, zum Rang ihrer politischen Grundsätze werden erhoben haben; wann die Maximen, die dahin abzwecken das Triebwerk der menschlichen Kräfte niederzudrücken, durch jene verdrängt sein werden, die deren Wirksamkeit und Energie begünstigen: sollte es da wohl noch zu fürchten sein, daß auf der Oberfläche der Erde Räume bleiben werden, wohin das Licht nicht zu dringen vermag? oder daß der Stolz des Despotismus der Wahrheit lange unüberwindbare Schranken entgegensetzen könnte?

Es wird also der Augenblick kommen, da die Sonne auf dem ganzen Erdenrund nichts mehr beleuchten wird, als freie Menschen, die keinen anderen Gebieter mehr erkennen, als ihre Vernunft; da die Treiber und die Sklaven, die Priester und ihre blödsinnigen oder heuchlerischen Werkzeuge nicht mehr anders sein werden, als in der Geschichte und auf der Schaubühne; da man sich nicht mehr mit ihnen beschäftigen wird, außer um ihre Schlachtopfer und die von ihnen Getäuschten zu beklagen, um sich durch den Abscheu vor ihren Verbrechen in einer nützlichen Wachsamkeit zu erhalten, damit man die ersten Keime des Aberglaubens und der Tyrannei, wenn sie je wieder hervorzubrechen wagen sollten, erkenne und unter dem Gewicht der Vernunft erdrücke.

Bei Durchgehung der Geschichte der Gesellschaften werden wir Gelegenheit haben, darauf aufmerksam zu machen, daß oft eine große Kluft ist zwischen den Rechten, die das Gesetz den Bürgern zuerkennt, und jenen, deren wirklichen Genuß sie haben; zwischen der Freiheit, die durch die politischen Anordnungen begründet ist, und jener, die unter den Individuen stattfindet: wir werden aufmerksam gemacht haben, daß  dieser Unterschied  eine der Hauptursachen war von der Zerstörung der Freiheit in den alten Republiken, von den Stürmen, die sie erschütterten, der Schwäche, die sie unter das Joch fremder Tyrannen dahingab.

Diese Verschiedenheiten haben  drei  Hauptursachen:
    1. Die Ungleichheit des Reichtums;

    2. die Ungleichheit des Zustandes von dem, dessen Mittel des Unterhalts, für ihn selbst gesichert, sich auch auf seine Familie vererben und dem, bei welchem diese Mittel von der Dauer seines Lebens oder vielmehr desjenigen Teils seines Lebens, worin er zur Arbeit fähig ist, abhängen und schließlich

    3. die Ungleichheit des Unterrichts.
Man wird daher zeigen müssen, daß diese drei Arten von wirklicher Ungleichheit in einem fort abnehmen müssen, ohne jedoch ganz vernichtet zu werden; denn sie haben  natürliche  und  notwendige Ursachen,  welche zerstören zu wollen ungereimt und gefährlich sein würde: ja man könnte deren Wirkungen nicht einmal ganz verschwinden zu machen suchen, ohne noch fruchtbarere Quellen der Ungleichheit zu öffnen, ohne noch unmittelbarere und schädlichere Eingriffe in die Menschenrechte zu tun.

Es läßt sich leicht beweisen, daß die Reichtümer von Natur sich zur Gleichheit hinneigen, und daß deren übertriebenes Mißverhältnis entweder nicht existieren kann, oder schnell aufhören muß, wenn die bürgerlichen Gesetze keine selbstgemachten Mittel einführen, sie fortdauernd aufzuhäufen; wenn die Freiheit des Handels und der Industrie den Vorteil verschwinden macht, den alle Verbote, alle fiskalischen Rechte dem erworbenen Reichtum geben; wenn Auflagen auf Verträge, Einschränkungen ihrer Freiheit, die Unterwerfung derselben unter lästige Förmlichkeiten, die Ungewißheit und Kosten, die man aufwenden muß, um deren Vollzug zu erhalten, nicht die Tätigkeit des Armen fesseln, und sein schwaches Kapital verschlingen; wenn die Staatsverwaltung nicht einigen Menschen überflüssige Quellen des Wohlstands öffnet, den den anderen Bürgern verschlossen bleiben; wenn Vorurteile und der dem vorgerückten Alter eigene Geist des Geizes nicht über der Schließung der Ehen walten; wenn schließlich durch die Einfalt der Sitten und die Weisheit der öffentlichen Anordnungen die Reichtümer nicht mehr Mittel sind, die Eitelkeit oder den Ehrgeiz zu befriedigen, ohne daß jedoch übelverstandene Strenge, indem sie nicht mehr erlaubt sie zum Mittel gesuchterer Genüsse zu machen, die, welche einmal aufgehäuft sind, zu erhalten zwingt.

Laßt uns bei den aufgeklärten Nationen Europas ihre jetzige Bevölkerung und den Umfang ihres Gebietes vergleichen; laßt uns in diesem Schauspiel, welches ihre Kultur und Industrie darstellt, die Verteilung der Arbeiten und der Mittel des Unterhalts beobachten: und wir werden sehen, daß es unmöglich sein würde, diese Mittel auf gleichem Grad, und, was eine notwendige Folge davon ist, eine gleiche Masse von Bevölkerung zu erhalten, wenn eine große Zahl von Individuen nicht mehr zum fast einzigen Unterhalt ihrer selbst oder ihrer Familie, ihre Industrie und dasjenige hätten, was sie aus dem zu deren Erwerb oder zur Vermehrung ihres Ertrages verwandten Kapital ziehen. Nun hängt die Erhaltung so einer als der andern dieser Hilfsquellen vom Leben, selbst von der Gesundheit des Hauptes jeder Familie ab: es ist gewissermaßen eine Leibrente, oder selbst noch anhängiger vom Zufall; und es folgt daraus ein sehr wesentlicher Unterschied zwischen dieser Klasse von Menschen, und jenen, deren Hilfsquellen nicht denselben Wagnissen unterworfen sind, weil der Ertrag eines Grundstücks oder die Zinsen eines Kapitals, fast unabhängig von ihrer Industrie, ihre Bedürfnisse sichert.

Es gibt also eine  notwendige Ursache von Ungleichheit,  von Abhängigkeit, und selbst von Elend, welche unaufhörlich die zahlreichste und tätigste Klasse unserer Gesellschaften bedroht.

Wir werden zeigen, daß man solche größtenteils vernichten kann, indem man Zufall gegen Zufall setzt; indem man dem, der zum Greisenalter gelangt, eine Hilfe versichert, welche der Ertrag seiner Ersparnisse ist, aber vermehrt durch die der Individuen, welche dieselben Aufopferungen machten, aber vor der Zeit starben, da sie nötig gehabt hätten, die Früchte davon zu ernten; indem man, durch eine ähnliche Kompensation, den Weibern, den Kindern, für den Augenblick, da sie ihren Gatten oder ihren Vater verlieren, eine gleiche und um denselben Preis erworbene Hilfsquelle, sowohl im Hinblick auf die Familien, die ein allzufrühzeitiger Todesfall niederschlägt, als auf jene, die ihr Haupt länger behalten, verschafft; schließlich, indem man die Kinder, welche das Alter, für sich selbst zu arbeiten, eine neue Familie stiften, erreichen, ein Kapital vorbereitet, das zur Entwicklung ihrer Industrie nötig ist, und sich auf Kosten derer sammelt, die ein allzuschneller Tod zu diesem Ziel zu gelangen hindert. Den Gedanken an diese Mittel ist man der  Anwendung  des Kalküls auf die Wahrscheinlichkeiten des Lebens und auf die Geldanlagen schuldig: sie sind schon mit Erfolg, obgleich noch nie in jenem Umfang, mit jener Mannigfaltigkeit der Formen in Ausführung gebracht worden, welche sie nicht nur für einige Individuen, sondern für die ganze Masse der Gesellschaft, die sie von jenem periodischen Ruin einer großen Zahl von Familien, der immer wieder neuentspringenden Quelle des Verderbnisses und des Elends befreien würden, wahrhaft nützlich machen müßte.

Wir werden zeigen, wie diese Anstalten, die im Namen der Staatsgewalt begründet, und eine ihrer größten Wohltaten werden können, auch das Resultat besonderer gesellschaftlicher Verbindungen sein können, die sich ohne eine Gefahr bilden werden, wenn die Grundsätze, wonach diese Anstalten zur organisieren sind, populärer geworden und die Irrtümer, die eine große Zahl solcher Gesellschaften zerstört haben, nicht mehr für sie zu fürchten sein werden.

Wir werden noch andere Mittel aufstellen, diese Gleichheit zu sichern, es sei, daß man verhindere, daß der Kredit nicht mehr ein so auschließlich an großes Vermögen festgeheftetes Vorrecht ist, und ihm dennoch eine nicht minder sichere Grundlage gebe, oder daß man die Fortschritte der Industrie und die Tätigkeit des Handels unabhängiger von der Existenz der großen Kapitalisten mache: und auch diese Mittel wird man der Anwendung des Kalkuls zu verdanken haben.

Die  Gleichheit des Unterrichts,  welche man zu erhalten hoffen darf, aber welche auch hinreichen kann, ist die, welche alle, gezwungene oder freiwillige Abhängigkeit ausschließt. Wir werden, nach dem jetzigen Zustand der menschlichen Kenntnisse, die leichten Mittel anzeigen, zu diesem Zweck zu gelangen, selbst für die, welche dem Studium nur eine kleine Zahl ihrer ersten Jahre und in ihrem übrigen Leben nur einige Stunden Muße weihen können. Wir werden dartun, daß man durch eine glückliche Wahl sowohl der Kenntnisse selbst als auch der Methoden, sie zu lehren, die ganze Masse eines Volkes in allem unterrichten kann, was jeder Mensch zu wissen nötig hat für die häusliche Ökonomie, für die Verwaltung ihrer Geschäfte, für die freie Entwicklung seiner Industrie und seiner Fähigkeiten; um seine Rechte kennen zu lernen, sie zu verteidigen und auszuüben; um über seine Pflichten belehrt zu sein, um sie genau erfüllen, seine Handlungen und die der anderen Menschen nach seinen eigenen Einsichten beurteilen zu können, und keiner der erhabenen oder zärtlichen Empfindungen, welche die Ehre der menschlichen Natur sind, fremd zu sein; um nicht blindlings von denen abzuhängen, welchen er die Besorgung seiner Geschäfte oder die Ausübung seiner Rechte anvertrauen muß, um imstande zu sein, sie zu wählen und zu beaufsichtigen; um nicht länger das Spielzeug jener populären Irrtümer zu sein, die das Leben mit abergläubischen Besorgnissen und nichtigen Hoffnungen quälen; um sich gegen die Vorurteile durch die alleinige Kraft seiner Vernunft zu verteidigen; schließlich um den Blendwerken der Scharlatanerie zu entgehen, die seinem Vermögen, seiner Gesundheit, der Freiheit seiner Meinungen und seines Gewissens, unter dem Vorwand ihn zu bereichern, zu heilen und zu retten Fallstricke legen möchte.

Von da an, wenn die Einwohner ein und desselben Landes nicht mehr durch den Gebrauch einer gröberen oder feineren Sprache unterschieden sind; wenn sie sich auf gleiche Weise durch ihre eigenen Einsichten regieren können; wenn sie nicht mehr auf die maschinenmäßige Kenntnis der Verfahrensarten einer Kunst und der alltäglichen Handgriffe eines Gewerbes eingeschränkt sind, nicht mehr weder in ihren kleinsten Geschäften, noch um sich den mindesten Unterricht zu verschaffen, von schlauen Menschen, die sie durch eine notwendige Überlegenheit regieren, abhängen - muß die Folge davon eine  wirkliche Gleichheit  sein, weil die Verschiedenheit der Kenntnisse oder der Talente nicht mehr eine Scheidewand zwischen Menschen aufführen kann, denen ihre Empfindungen, ihre Begriffe, ihre Sprache erlauben sich zu verstehen; wovon die einen den Wunsch haben können, durch die andern unterrichtet zu werden, aber nicht von ihnen gegängelt zu werden bedürfen; wovon die einen den Aufgeklärteren die Sorge, sie zu regieren, können anvertrauen wollen, aber ohne genötigt zu sein, ihnen solche mit blindem Zutrauen zu überlassen.

Dann wird diese Superiorität [übergeordnete Stellung - wp] ein Vorteil selbst für die, welche keinen Teil daran haben; dann ist sie  für  sie, und nicht  gegen  sie vorhanden. Die natürliche Verschiedenheit der Erkenntniskräfte unter den Menschen, deren Verstand nicht angebaut worden ist, erzeugt, selbst unter den Wilden, Gaukler und blöde Anstauner derselben; Leute, die schlau sind, und andere, die sich leicht täuschen lassen: gleiche Verschiedenheit herrscht zwar auch bei einem Volk, wo der Unterricht wahrhaft allgemein ist; aber es ist nur noch die zwischen Menschen von  Aufklärung  und Menschen von  gesundem Verstand,  die den Wert der Kenntnisse fühlen, ohne davon geblendet zu werden; zwischen einem Talent oder Genie, und dem schlichten Sinn, der dasselbe zu schätzen und zu nützen weiß: und wenn auch diese Verschiedenheit noch größer wäre, wenn man bloß die Kraft, den Umfang der Fähigkeiten vergleicht, so würde sie doch nicht weniger unmerklich werden, wenn man nur die Wirkungen derselben in den Verhältnissen der Menschen unter sich, in dem, was ihre Unabhängigkeit und ihr Glück betrifft, vergleicht.

Diese verschiedenen Ursachen der Gleichheit wirken nicht auf eine  isolierte  Art; sie paaren, sie durchdringen sich, sie unterstützen sich gegenseitig, und aus ihrer vereinten Kraft entsteht eine stärkere, zuverlässigere und bleibendere Wirkung. Ist der Unterricht gleicher, so entspringt daraus eine größere Gleichheit in der Industrie, und dadurch auch in den Glücksgütern; und die Gleichheit der Glücksgüter trägt notwendig zu der des Unterrichts bei, während die Gleichheit unter den Völkern, so wie die, welche in jedem derselben stattfindet, gleichfalls eine auf die andere wechselseitigen Einfluß haben.

Endlich verbessert der wohlgeleitete Unterricht die natürliche Ungleichheit der Erkenntniskräfte, statt sie zu verstärken; gleichwie die guten Gesetze der natürlichen Ungleichheit der Mittel des Unterhalts abhelfen; gleichwie in den Gesellschaften, deren Verordnungen diese Gleichheit eingeführt haben werden, die Freiheit, obgleich einer regelmäßigen Konstitution unterworfen, mehr Umfang und Vollständigkeit haben wird, als in der Unabhängigkeit des Zustandes der Wilden. Dann hat die Staatskunst ihren Zweck erfüllt;  den,  für Alle den Genuß der ihnen gemeinen Rechte, wozu sie durch die Natur berufen sind, zu sichern und zu erweitern.

Die wirklichen Vorteile, welche aus den Fortschritten herfließen müssen, wovon wir soeben eine beinah gewisse Hoffnung gezeigt haben, können keine andere Grenze haben, als die der Vervollkommnung der Menschheit selbst, weil, in dem Maße, wie verschiedene Arten von Gleichheit sich für weiterreichende Mittel unsere Bedürfnisse zu befriedigen, für einen ausgebreiteteren Unterricht, für eine vollständigere Freiheit begründen werden, zugleich auch diese Gleichheit desto wirklicher, desto näher dem Augenblick sein wird, wo sie alles umfassen wird, was wahrhaft das Glück der Menschen interessiert.

Also nur indem wir den  Gang  und die  Gesetze jener Vervollkommnung  untersuchen, können wir den Umfang oder die Grenze unserer Hoffnungen kennenlernen.

Niemand hat je gedacht, daß der Geist vermögend wäre, zugleich alle Tatsachen der Natur, und die höchste Bestimmtheit in dem Maße, in der Analyse dieser Tatsachen, und die Verhältnisse der Gegenstände unter sich, und alle möglichen Verbindungen von Begriffen zu erschöpfen. Schon die einzigen Verhältnisse der Größen, die Verbindungen des einen Begriffs:  Quantität  oder  Ausdehnung bilden ein allzu unermeßliches System, als daß je der menschliche Geist es ganz zu umfassen vermöchte, als daß ihm nicht stets noch ein größerer Teil desselben, als der in den er eingedrungen ist, unbekannt bleiben sollte. Aber man könnte glauben, daß, daß der Mensch nie mehr als nur einen Teil der Gegenstände, welche zu erreichen die Natur seines Verstandes ihm gestattet, kennenlernen kann, er doch endlich auf eine  Grenze  stoßen muß, wo die Zahl und die Verwicklung jener, die er bereits kennt, alle seine Kräfte verschlungen hat, und jeder neue Fortschritt ihm wesentlich unmöglich werden würde.

Allein da im gleichen Maß, wie die Tatsachen sich mehren, der Mensch sie klassifizieren, auf allgemeinere Tatsachen zurückführen lernt, da die Werkzeuge und die Methoden, welche dazu dienen, sie mit Genauigkeit zu beobachten, zu messen, zu gleicher Zeit eine neue Bestimmtheit gewinnen; da man im gleichen Maß, wie man unter einer größeren Zahl von Gegenständen vielfachere Verhältnisse kennen lernt, auch dahin gelangt, sie auf allgemeinere Verhältnisse zurückzuführen und unter einfacheren Ausdrücken zu begreifen, sie unter Formen darzustellen, welche eine größere Zahl derselben aufzufassen gestatten, selbst wenn man nur dieselbe Kraft des Geistes besitzt, und nur dieselbe Spannung der Aufmerksamkeit anwendet; da in dem Maße, wie der Geist sich zu verwickelteren Kombinationen erhebt, einfachere Formeln ihm solche bald leicht machen: so werden Wahrheiten, deren Entdeckung die äußerste Anstrengung kostete, die Anfangs nur von tiefen Denkerns verstanden werden konnten, bald darauf durch Methoden entwickelt und bewiesen, die nicht mehr über den Fassungskreis des gemeinen Verstandes hinaus liegen. Wenn die Methoden, welche zu neuen Kombinationen führten, erschöpft sind; wenn ihre Anwendungen auf noch nicht gelöste Fragen Arbeiten erfordern, welche die Zeit, oder die Kräfte der Gelehrten übersteigen, so öffnen bald allgemeinere Methoden, einfachere Mittel dem Genius ein  neues  Feld. Die Spannkraft, die wirkliche Umfassung der  Geister  wird dieselbe geblieben sein: aber die  Werkzeuge,  deren sie sich bedienen können, werden sich vermehrt und vervollkommnet, aber die  Sprache,  welche die Begriffe fixiert und bestimmt, wird mehr Genauigkeit, mehr Allgemeinheit gewonnen haben, aber statt daß man in der Mechanik die Kraft nicht anders vermehren kann, als indem man die Geschwindigkeit vermindert, werden im Gegenteil diese Methoden, die den Genius in der Entdeckung neuer Wahrheiten leiten, auf gleiche Weise sowohl seine Kraft, als auch die Schnelligkeit seiner Operationen erhöhen.
LITERATUR - Marie Jean Antoine Nicolas Caritat, Marquis de Condorcet: Entwurf eines historischen Gemäldes der Fortschritte des menschlichen Geistes [ins Deutsche übersetzt von Ernst Ludwig Posselt] Tübingen 1796