tb-2ra-3H. LotzeB. SchmidE. BoutrouxW. WundtE. F. ApeltE. König    
 
JOHANN HEINRICH KOOSEN
Naturgesetz und Zweckbegriff
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"Die Erfahrung bietet dem wissenschaftlichen Streben eine Mehrheit von Eindrücken dar, wie die des Lichtes, des Schalls usw., welche durchaus voneinander geschieden sind und auf keine Weise als zu  einem Ganzen gehörig angesehen werden können; daher kann der Empirismus nichts Besseres tun, als jede dieser Kategorien, welche sich ihm von selbst darbieten, für sich und unabhängig von den übrigen zu bearbeiten. Durch diese Trennung und die darauf folgende ungeheure  Vermehrung der Beobachtungen und des Materials, wird dem Einzelnen der Überblick über die Gesamtheit der Erscheinungen immer mehr erschwert. Die Anstrengung des ernsten  Nachdenkens sinkt zur  Arbeit der mechanischen Gelehrsamkeit herab, welche immer neue Tatsachen herbeizuschaffen bestrebt ist, ohne ein bestimmtes Ziel ihrer Mühe vor Augen zu haben."

"Es wäre mir ebenso lieb, wenn ich die Wahrheit verfehlt, mein Fehler aber die Veranlassung würde, daß ein Anderer sie entdecke, als wenn ich sie selbst entdeckt hätte." - Lessing



Vorrede

Die Betrachtung der Naturerscheinungen in ihrer Totalität, oder die Naturphilosophie hatte von jeher das Bestreben, die Mannigfaltigkeit der Erscheinungen auf ein oder mehrere voneinander unabhängige, nicht weiter zu ergänzende Prinzipien durchzuführen, um hierdurch jene Mannigfaltigkeit als in dieser Einheit enthalten ansehen zu können, d. h. sie zu begreifen.

Die Art und Weise, wie jenes Prinzip der Einheit gewählt und wie dann weiter die Phänomene aus ihm abgeleitet wurden, macht die verschiedene Gestalt aus, welche die Naturphilosophie in den verschiedenen Epochen der Geschichte der Wissenschaften annehmen konnte. Durch die Beschaffenheit des Prinzips selbst wird der systematische Charakter der Wissenschaft durch die Art seines Zusammenhangs mit den Erscheinungen ihre  Methode  bestimmt.

Die älteste Naturphilosophie hielt ein sinnlich Existierendes für den Grund, aus welchem alle Dinge hervorgegangen sind, das Wasser oder das Feuer und dergleichen; ihre Methode bestand allein in der Behauptung, daß die verschiedenen Dinge durch Verdichtung oder Verdünnung oder ähnliche Modifikationen aus jener Grundlage entstanden, daß sie daher nur dem Grad nach von einander unterschieden sind. Weiter gingen schon die Pythagoräer, indem sie nicht das unmittelbar Sinnliche selbst für den Urgrund der Dinge nahmen, sondern ein  Verhältnis  zwischen Existierenden, also schon ein Gedachtes, die Zahl, als solches anerkannten. Die Atomistiker endlich setzten das Wesen der Naturerscheinungen außerhalb alles sinnlich Wahrnehmbaren, in die äußersten Grenzen der Vorstellungen, welche der Geist sich von der Materie machen kann; denn der Begriff der Atome entstand aus dem Umstand, daß jede sinnliche Vorstellung schon ein unendlich Mannigfaltiges und Zusammengesetztes ist, welches der Verstand immerwährend wieder zu trennen bestrebt ist und daher nur in der unendlichen Fortsetzung dieser Trennung, d. h. im Atom einen Ruhepunkt findet. Dies sind die Hauptrichtungen der Naturphilosophie des Altertums; auf der einen Seite zeigt sich die Einheit des Prinzips, welches alle Erscheinungen umfassen soll, auf der anderen Seite die unendliche Vielheit der Atome, welche durch den Zufall geordnet werden. Zwischen beiden Richtungen steht die mythische Kosmogonie, nach welcher die Dinge aus einer Mehrheit selbstbewußter Wesen entsprungen waren, wobei letztere wiederum unter sich in einem gewissen Zusammenhang stehen; diese Ansicht ist ohne Zweifel die älteste, weil sie die einfachste ist und sich am leichtesten mit den Erscheinungen der Sinneswelt in eine oberflächliche Übereinstimmung bringen läßt. Das Prinzip der Einheit, aus welcher hier die Naturphänomene hervorgehen, ist zwar hier noch eine Mehrheit von einander untergeordneten Wesen, allein es ist kein Hindernis da, weshalb nicht  einem  dieser Wesen vorzugsweise die Herrschaft über die anderen und somit über die ganze Natur zuerkannt werden könnte und so dem Verlangen [bedürf] des Verstandes nach einer Einheit des obersten Grundes der natürlichen Dinge Genüge geleistet; andererseits ist aber jene der Einheit untergeordnete Vielheit übernatürlicher Wesen, welche überall in der Kosmogonie und Mythologie auftritt, ebenso unumgänglich wie jene erstere durch die sinnliche Wahrnehmung gefordert, wenn sie auch der Natur des Verstandes anfangs zu widerstreben scheint; denn die Sinne bieten dem Menschen Wahrnehmungen dar, welche miteinander durchaus unvergleichbar erscheinen, so daß es fast unglaublich erscheint, sie von ein und demselben Urgrund abhängig zu machen; die Phänomene der Sonne, des Meeres, des Donners usw. sind untereinander zu wenig kommensurabel, um ihrem Auftreten nicht verschiedene Wesen zugrunde zu legen, welche hier zu Persönlichkeiten werden; denn die Form der Person oder näher die des Menschen ist es, welche sich dem Geist zuerst darbietet, um eine Einheit auszudrücken, welche durch ihre unmittelbare Macht eine Mannigfaltigkeit von Naturerscheinungen aus sich entspringen läßt. Diese Persönlichkeit oder vielmehr Menschenähnlichkeit der der Natur zugrunde gelegten Kategorien ist es dann auch, welche die vom Verstand geforderte Einheit des Urgrundes vermittelt, indem jene Wesen durch die Bande der Verwandtschaft miteinander verknüpft und hierdurch einem höchsten Wesen untergeordnet werden; dies ist alsdann das Geschäft der Theogonie [Entstehung der Welt und der Götter - wp].

Da die Gestalten einer jeden Mythologie hauptsächlich aus der Auffassung der Naturerscheinungen entsprungen sind, kann nicht geleugnet werden, wenn auch jene späterhin solchen Gestalten weichen mußten, welche wegen der weiteren Entwicklung eines Volkes ausschließlich ethische und politische Bedeutung bekamen, denn gleichwie die Poesie früher dagewesen ist als die Prosa, so versuchte man auch die Naturerscheinungen eher durch mythologische Gestalten als durch Mathematik zu erklären; es liegt daher der Gedanke nahe, daß der Anfang jeder Mythologie eine Naturphilosophie ist, d. h. das Streben, die Mannigfaltigkeit der Erscheinungen unter eine dem Verstand wie der sinnlichen Wahrnehmung gleichmäßig entsprechende Einheit zu bringen, und zwar die Naturphilosophie in ihrer niedrigsten Form, in welcher sie nur dem augenblicklichen Bedürfnis einer oberflächlichen Erklärung der Erscheinungen genügt, die aber beim nächsten Fortschritt des nachsinnenden Geistes ihren Wert verlieren muß, wenn sie nicht durch ein anderes sich daran knüpfendes Moment, wie das historische und ästhetische, das Interesse des Menschen zu fesseln vermag. Der Mangel aller wissenschaftlichen Methode in der mythologischen Naturerklärung läßt den Verstand bald unbefriedigt, aber weil dieses System einmal da ist, so behält es immer das historische Interesse, und jener Komplex von Persönlichkeiten, der das Wesen Naturerscheinungen begründen sollte, dies aber dennoch für die Vernunft nicht hinreichend vermochte, wird zum Gegenstand religiöser Verehrung, besonders wenn noch ein ästhetisches Interesse mit jenem System verknüpft ist; dem Verlangen der Vernunft kann es aber nie mehr genügen.

Die Tätigkeit des Verstandes geht nun freilich über die Kosmogonie hinaus und versucht zuerst mit einer Einheit des Prinzips, hernach mit der Vielheit der Atome sich eine strengere Rechenschaft über die Naturerscheinungen zu geben, woraus dann die verschiedenen Richtungen der Ionischen und Dorischen Naturphilosophie entstehen mußten. Von der Kosmogonie bleibt nur noch ein Teil im Gedächtnis des Volkes stehen, derjenige, an welchen das ästhetische Interesse allein anknüpfen kann, die Theogonie, das Übrige lebt nur in dunklen Sagen fort; aber zum Verständnis der Mythologie muß immer wieder zu den ersten Verhältnissen des Menschen zur Natur zurückgegangen werden.

Man darf überhaupt nicht daran denken, die Mythologie wie auch eine jede andere historische Religion objektiv philosophisch konstruieren zu wollen, sie kann vielmehr nur auf dem Weg ihres Entstehens im menschlichen Geist  psychologisch  und  physisch  erklärt werden, d. h. als aus der notwendigen Wechselwirkung des Menschen mit der Natur und den anderen Individuen hervorgegangen.

Nachdem sich nun im Hinblick auf das Prinzip, welches den Naturerscheinungen zugrunde gelegt wurde, die verschiedenartigsten Richtungen entwickelt haben, trat in der antiken Philosophie eine Periode ein, welche von der Erkenntnis der Natur überhaupt abstrahierte und das Nachdenken allein auf das Subjekt richtete, die Erkenntnis desselben alles andere Wissen beherrschend ansah; die Naturphilosophie dieser Periode läßt sich am besten in die Worte zusammenfassen, welche PLATO im  Phädrus  den SOKRATES sagen läßt: "Bäume und Felder können mich nichts lehren, wohl aber die Menschen in der Stadt." Wenn auch diese Epoche der Geschichte die Bildung des Menschen zur höchsten Stufe vervollkommnete, so tat sie doch für die Erkenntnis der Natur äußerst wenig, da den Alten der Gedanke der neueren Philosophie, daß in der Natur selbst das Innere des menschlichen Geistes als Vernunft zu suchen ist, noch unbekannt war. Zwar hatte schon ANAXAGORAS gesagt, daß der  nous  die Welt regiert - und merkwürdigerweise war es derselbe, welcher zuerst behauptete, daß die Sonne kein Gott, sondern ein Stein ist, ein Zeichen, daß die Vernunft, wo sie zur Erkenntnis der Natur auftritt, sich sofort gegen die Autorität des Historischen richten muß -, allein er hatte von jenem Prinzip keinen weiteren Gebrauch zur Erklärung des Einzelnen in den Erscheinungen gemacht. Die Ausführung des Letzteren konnte nur auf einem dem bisherigen ganz entgegengesetzten Weg der Untersuchung unternommen werden; dies versuchte der Empirismus. Er nahm nicht wie die frühere Naturphilosophie ein bestimmtes Prinzip der Einheit an, unter welches sich alle Erscheinungen unterordnen lassen, er setzte nur die Möglichkeit und das Dasein eines solchen Prinzips voraus, weil ohne dasselbe, der Natur des Verstandes gemäß, an gar keine Erkenntnis der Erscheinungen gedacht werden konnte. Die generische Bestimmung desselben überläßt er dem Lauf der Wissenschaft, indem er, an das Einzelne unmittelbar anknüpfend, durch Gesetze und Kausalverbindung allmählich mehr und mehr Erscheinungen zu einer Einheit zusammenfaßt und so dem Ziel der Wissenschaft näher kommt. Dieses Verfahren hat aber wiederum den Nachteil, daß es den Forscher die Einheit der gesamten Naturphänomene gänzlich aus den Augen verlieren läßt, um welche es doch von Anfang an dem Verstand bei allem wissenschaftlichen Streben zu tun ist. Die Erfahrung bietet ihm eine Mehrheit von Eindrücken dar, wie die des Lichtes, des Schalls usw., welche durchaus voneinander geschieden sind und auf keine Weise als zu  einem  Ganzen gehörig angesehen werden können; daher kann der Empirismus nichts Besseres tun, als jede dieser Kategorien, welche sich ihm von selbst darbieten, für sich und unabhängig von den übrigen zu bearbeiten. Durch diese Trennung und die darauf folgende ungeheure Vermehrung der Beobachtungen und des Materials, wird dem Einzelnen der Überblick über die Gesamtheit der Erscheinungen immer mehr erschwert, er kann nur auf ein bestimmtes Gebiet seine Untersuchungen ausdehnen und dadurch geht für ihn das Bewußtsein der  Einheit  der Naturerscheinungen, welches zugleich der Ursprung allen wissenschaftlichen Eifers war, verloren, die Anstrengung des ernsten  Nachdenkens  sinkt zur  Arbeit  der mechanischen Gelehrsamkeit herab, welche immer neue Tatsachen herbeizuschaffen bestrebt ist, ohne ein bestimmtes Ziel ihrer Mühe vor Augen zu haben. Einzelne Zweige der Wissenschaft haben es zwar für sich zu einer gewissen Totalität ihres Inhaltes gebracht und zu einem überraschenden Zusammenhang des Materials, der aber nur durch vereinzelten Scharfsinn zustande gekommen ist, welcher selten über ein eng begrenztes Gebiet von Erscheinungen hinausreicht. Überhaupt charakterisiert sich aber die neuere Wissenschaft mehr durch ein rastloses Ansammeln von Einzelheiten und ein Fortsetzen des schon Begonnenen, als durch den großartigen Tiefsinn des Altertums und den ruhigen Autoritätsglauben des Mittelalters.

Wo in der mythologischen Erklärung der Naturerscheinungen die Einheit der verschiedenen Kategorien der Phänomene durch Persönlichkeiten dargestellt wird, da werden diese vom Empirismus in Materien oder Kräfte, durch besondere Zweige der Wissenschaft repräsentiert, verwandelt, denn an letztere läßt sich der Kausalnexus anknüpfen, und hierin findet der Verstand einen befriedigenderen Übergang zu den Erscheinungen, als bei jenen Persönlichkeiten, welche nur durch ihre Willensäußerungen, von denen keine weitere Rechenschaft gegeben werden kann, die Erscheinungen hervorriefen; denn daß der logische Gegensatz von Kraft und Äußerung derselben aus dem von Person und Willensäußerung der letzteren entsprungen sein muß, davon zeigen noch die Formen, in welche man den Begriff der Kraft in den empirischen Wissenschaften einkleidet, die deutlichsten Spuren: Man verbindet nämlich immer die Materie mit der Kraft durch die Form der Persönlichkeit, so z. B. wenn man sagt, die Körper ziehen sich an und stoßen sich ab, als ob von zwei bewußten Individuen die Rede wäre; freilich wird dies immer nur für ein Bild ausgegeben, aber hinter dem Bild steckt die Unmöglichkeit, die Sache anders auszudrücken, und hierdurch zeigt sich der wahre Ursprung jenes Begriffs.

Ein anderer dem Empirismus eigentümlicher Umstand ist, daß, während die Naturphilosophie unmittelbar auf objektive Erkenntnis der Erscheinungen ausging, die empirische Methode, da sie alle Erkenntnis nur auf dem Weg der sinnlichen Wahrnehmung erlangt, ungewiß bleibt, ob dieselbe wirklich dem objektiven Zustand der beobachteten Dinge entspricht, oder mit subjektiven, vom beobachtenden Individuum herrührenden Bestandteilen vermengt ist; daher kommt die schwierige Unterscheidung zwischen Erscheinung und Ding ansich, daher die Trennung der objektiven und subjektiven Sinneseindrücke; allein denselben Fehler kann man auch der Naturphilosophie nachweisen, indem ohne irgendeine vorhergegangene Erfahrung gar kein Nachdenken möglich ist, dieses vielmehr immer erst durch die sinnliche Anschauung erweckt wird.

Die Erfahrung gelangt sehr bald dazu, unter den Naturwesen gewisse Einteilungen und Kategorien festzustellen, welche sie, da sie zu allen Zeiten dieselben geblieben und sich zuerst dem Menschen darbieten, nicht umhin kann, als im Begriff und Wesen der Natur selbst begründet anzusehen und nicht etwa für eine zufällige, unserer Erfahrungssphäre beigemischte Eigentümlichkeit zu halten. Diese Kategorien scheinen unabänderlich fest einander gegenüberzustehen, und die sinnliche Wahrnehmung vermag seinen Übergang von der einen zur andern zu entdecken. Gegensätze der Art sind insbesondere "Gedanke" und "Materie", organisierte und unorganisierte Materie. Für die Wahrnehmung sind diese drei Kategorien durchaus einander entgegengesetzt, aber der Verstand, der auf die Einheit aller Phänomene drängt, wird genötigt, zwischen den einander entgegenstehenden Kategorien einen Übergang zu suchen, durch welchen wenigstens die Materie an den Gedanken, die organisierte an die unorganisierte Materie angeknüpft werden kann. Diese Übergänge haben in den Naturwissenschaften große Wichtigkeit erlangt, und da ihre Betrachtung von diesem neuen Gesichtspunkt aus merkwürdige Analogien darbietet, so würde es nützlich sein, etwas näher auf dieselben einzugehen. Das Mittelglied, welches der Verstand zwischen Gedanken und Materie einzuschieben sucht, um die Kontinuität der Naturwesen gegen die sinnliche Wahrnehmung geltend zu machen, ist die Atomistik, in welcher Hypothese Gedanke und Materie dadurch verknüpft werden, daß man ein Drittes zwischen beide stellt, welches sowohl die Eigenschaft des Einen als auch des Anderen haben soll. Das Atom (es ist hier hauptsächlich die neuere Atomistik in Betracht gezogen) existiert einerseits nur als Gedanke, da seine Eigenschaften aüber alle sinnliche Bestimmtheit hinausgehen sollen, und es selbst an und für sich der Wahrnehmung entzogen ist  (insensible);  andererseits soll es aber ganz und gar Materie sein, es soll eine endliche Größe Haben und den Grund aller Materialität bilden. Natürlich müssen auf diese Weise den Atomen lauter widersprechende Eigenschaften zugeschrieben werden, und in diese Widersprüche haben sich dann auch die Physiker tief genug verwickelt; die Atome sollen den Sinnen und deren höchstmöglicher Verschärfung nie erreichbar und doch zugleich von endlicher Größe sein; ganz kleine Dingerchen, deren Anzahl iin jedem endlichen Raum unendlich groß, und doch ist die Größe jedes Einzelnen, wenn auch nicht meßbar, doch eine endliche. Man sollte es kaum glauben, wie sich der Verstand so lange in derart handgreiflichen Widersprüchen gefallen kann, wenn man nicht bedenkt, daß jene ganze Idee der Atomistik keineswegs die Erfindung einer müßigen Spitzfindigkeit ist, sondern notwendig aus dem Boden des Empirismus hervorgehen muß, weil der Verstand die absolute Trennung, welche die Wahrnehmung zwischen Gedanken und Materie macht, seiner Natur gemäß, welche die Einheit aller Phänomene erstrebt, nicht dulden darf.

Ebenso wichtig ist der Gegensatz der sinnlichen Beobachtung zwischen organisierter und unorganisierter Materie, und der Ausweg, welchen der Verstand wählt, um einen Übergang von der einen zur anderen ausfindig zu machen.

Täglich sieht der Mensch die umfassende Wechselwirkung zwischen Organismus und anorganischer Materie, sieht, wie jener nur durch diese bestehen kann, ähnlich wie das Verhältnis zwischen Geist und Materie, und dennoch kann er mit den Sinnen nie den Übergang aus der leblosen ruhenden Materie in die lebendige Reihe der Individuen finden. Der Verstand hilft sich hier, indem er zwischen beide Seiten ein Drittes setzt, welches die Eigenschaften beider Gegensätze in sich vereinigen soll, Individuen, welche unmittelbar aus der leblosen Materie hervorgehen, ohne hierzu anderer Individuen zu bedürfen, bekanntlich die Hypothese der  generatio aequivoca [Urzeugung; Entstehung des Lebens ohne göttlichen Schöpfungsakt - wp], eine Ansicht, welche sich schon aus den ältesten Zeiten herschreibt, in welchen man die Natur zu beobachten anfing. In dieser Hypothese lassen sich ähnliche Widersprüche aufweisen wie in der atomistischen Theorie; die Verbindung beider Reiche, der Individuen und der leblosen Materie ist nur eine äußerliche, indem beide Seiten unmittelbar in einem Dritten verbunden werden, welches in demselben Moment Individuum und leblose Materie ist. Aber die Idee einer  generatio aequivoca  muß trotz ihrer Unnatürlichkeit zu allen Zeiten wieder auftauchen, weil der Verstand dort Einheit fordert, wo die Beobachtung eine völlige Getrenntheit und Entgegensetzung nachweist.

Der Übergang von lebloser zu organisierter Materie kann aber vom Verstand noch auf eine andere Weise bewerkstelligt werden, wenn er nämlich von der Form des Individuellen, welches immer mit der organischen Materie verknüpft ist, abstrahiert und den Gegensatz allein zwischen den physikalischen Eigenschaften der beiden Materien auffaßt. Die Eine zeigt ihm eine unendliche Zusammengesetztheit, die Andere völlige Gleichmäßigkeit und Einfachheit der Struktur; er mag die organische Materie noch so sehr zerkleinern, so wird nie unorganisierte Materie als Bestandteil jener zum Vorschein kommen; immer zeigen sich nur Häute und Gefäße und ähnliche Gebilde, nie aber wird er einen Punkt treffen, wo sich nachweisen läßt, daß die Bildung des Organischen von hier ihren Anfang nimmt und unterhalb desselben nur die gleichförmige Ruhe der leblosen Materie anzutreffen ist. Dieser Trennung widersetzt sich aber die Vernunft, welche weiße, daß nur durch den Übergang der leblosen Materie zur organisierten und umgekehrt die letztere sich zu erhalten vermag, welche täglich wahrnimmt, daß die leblose Materie sich in die organisierte verwandelt. Diesen Widerspruch der Vernunft mit den von der Erfahrung gebildeten Kategorien zu vermeiden, gibt es kein anderes Mittel, als einen Punkt in der Teilung der organisierten Materie anzunehmen, in welchem diese zugleich anorganisch ist, d. h. Gebilde, welche für sich allein betrachtet die Gleichförmigkeit der Struktur und die Leblosigkeit zeigen, wie sie jede andere Materie darbietet, die aber, indem sie unter gewissen Formen zusammengeknüpft werden, durch diese Verbindung allein die Eigentümlichkeit des organischen Lebens empfangen. Diese Ansicht ist das, was neuerdings als die Theorie der Elementarzellen ausgesprochen wurde, wenigstens liegt dieser Hypothese eben jenes Streben zugrunde, einen Anknüpfungspunkt zwischen Organismus und chemischer Materie zu finden, eine Grenze in der unendlichen Zusammengesetztheit der lebenden Materie, dasselbe Streben, welches sich bei der atomistischen Theorie und der Lehre von der  generatio aequivoca  an andere Kategorien der Erfahrungswelt anknüpfte.

Wenn es auch nicht immer deutlich ausgesprochen wird, so geht doch jene Theorie der Elementarzellen darauf hinaus, jede organisierte Materie als aus solchen Gebilden zusammengesetzt zu betrachten, über welche hinaus die Materie selbst einfach und der unorganisierten gleich zu achten ist. Wie die Atomistik jetzt nur noch als eine die Übersicht erleichternde Betrachtungsweise in der Chemie festgehalten wird, wie ferner die  generatio spontanea [Lebewesen können aus zuvor unbelebter Materie entstehen. - wp] den neueren Entdeckungen zufolge wiederum dem alten Satz:  omne vivum ex ovo [Alles Leben entsteht aus einem Ei. - wp] weichen mußte, so wird auch höchst wahrscheinlich mit zunehmener Verschärfung der Beobachtungsmittel die Theorie der Elementarzellen verschwinden; immer aber behalten besonders diese drei Hypothesen, welche man auch die metaphysischen Ideen des Empirismus nennen könnte, für die Geschichte der Wissenschaft und für die Verdeutlichung des Gegensatzes von Empirismus und spekulativer Naturbetrachtung von der höchsten Wichtigkeit, aus welchem Grund sie auch hier einzeln angeführt wurden. Denn in ihnen verläßt der Verstand den empirischen Weg gänzlich und sucht die Erscheinungen durch allgemeine Ideen zu erklären, welche sogar der unmittelbaren Erfahrung widersprechen: in ihnen schwingt sich der Geist vom Boden der sinnlichen Wahrnehmung, wenn auch oft ganz unabsichtlich, in das Gebiet der umfassendsten Ideen antiker Philosophie empor, indem er einsieht, daß mit der bloßen Erfahrung nicht weit zu kommen ist, wenn ihr nicht eine eigenes Geistestätigkeit und Einbildungskraft zur Seite steht.

Die bisherigen zerstreuten Bemerkungen über die verschiedenen Betrachtungsweisen der Naturphänomene sollten nur dazu dienen, eine deutliche Einsicht in die Beschaffenheit des Gegensatzes zwischen beobachtender und spekulativer Naturbetrachtung zu geben, denn unsere folgenden Untersuchungen über die Zweckmäßigkeit der Konstruktion der Naturwesen und ihrer Gesetze werden sich immer zwischen jenen beiden Gebieten, der Beobachtung der Natur und der logischen und metaphysischen Untersuchung der empirischen Resultate hin und her bewegen.

Die Naturphilosophie der Alten wollte von vornherein die Natur durch allgemeine Ideen erklären, welche in ihr realisiert sein sollten, d. h. das Prinzip der Einheit, aus welchem sich die Mannigfaltigkeit der Phänomene entwickelt, wollte jene in ihrem Verstand besitzen, gleich als ob die objektive Natur aus einem ähnlichen Verstand hergnommen wäre; der Empirismus hingegen sucht jene allgemeinen Ideen, welche der Natur zugrunde liegen sollen, aus der Erfahrung allein zu erforschen, währned doch die sinnliche Wahrnehmung nie Allgemeines, sondern immer nur Einzelnes darzubieten vermag. So wenig aber, wie die alte Naturphilosophie ihre Systeme  vor  aller Erfahrung allein aus dem menschlichen Geist nehmen konnte, sondern unbewußt durch die Wahrnehmung dazu getrieben wurde, ebensowenig hat auch der Empirismus die Systeme, welche er den Naturwesen und ihren Gesetzen unterlegte, allein der Erfahrung zu verdanken, vielmehr hat diese ihn immer nur  anregen  können, jene Hypothesen und Theorien, welche er zur Erklärung der Erscheinungen gebrauchte, aus der eigenen Vernunft zu erfinden.

Die wichtigste aller allgemeinen Ideen und Hypothesen, welche zur Verknüpfung des Mannigfaltigen der Erscheinungswelt mit der Einheit, welche die Vernunft in der Natur fordert, gemacht worden sind, ist unstreitig die Idee von einer zweckmäßigen Einrichtung und Anordnung der Naturwesen und ihrer Gesetze, denn nicht allein erstreckt sie sich über den bei weitem größten und wichtigsten Teil des Gebietes der Naturwissenschaft und noch über diese hinaus in die Geschichte und Religion, sondern sie ist auch vor allen ähnlichen Theorien am tiefsten im menschlichen Geist festgewurzelt, und diese Betrachtungsweise ist von jeher dem gewöhnlichen Verstand die geläufigste gewesen, wo es darum zu tun war, die verschiedensten Erscheinungen unter demselben Gesichtspunkt zusammenzufassen [abstrakt].

Man sagt wohl, die Iden von Naturzwecken sei nur eine Hypothese zur leichteren Übersicht und vorläufigen Erklärung mancher komplizierter Phänomene, welche man mit derselben Leichtigkeit, mit der auf sie eingegangen wurde, auch wieder verlassen könnte; allein gerade diese Nachlässigkeit, mit der man eine Kategorie behandelt, welche sich auf fast alle Gebiete der Wissenschaft verbreitet hat, zeigt schon, wie sehr die ganze jetzige Bildung, besonders im Hinblick auf die populäre Auffassung der Naturkräfte, unbewußt mit jener Ansicht verwachsen ist. Wie schwer es sein muß, sich von derselben loszureißen und die Phänomene außerhalb jedes Gedankens an zweckmäßiger Einrichtung zu betrachten, wird man ebenfalls an dem Umstand gewahr, daß die Fortschritte der Beobachtung, hauptsächlich im Bereich der organischen Wesen, bei der Entdeckung neuer Verhältnisse und Gebilde den Verstand sofort sich eben derselben Hypothese zur Erklärung neuer Erscheinungen zu bedienen nötigen, woher es z. B. zu erklären ist, daß die jetzige Physiologie ohne Hilfe jener Idee von der zweckmäßigen Einrichtung des Organismus gänzlich ratlos sein würde.

Es gibt hier Phänomene, welche ohne diese Hypothese, wie es scheint, für immer unbegreiflich sein würden, daher ist sie nicht nur ein provisorisches Hilfsmittel, dessen sich der gemeine Verstand bedient, um eine leichtere Übersicht des Mannigfaltigen der Erfahrungswelt zu erlangen, sondern sogar in den schwierigsten Teilen der Wissenschaft die anerkannteste, ja häufig die einzige Methode des Fortgangs.

Die Idee der Naturzwecke verdankt ihre Verbreitung hauptsächlich dem Umstand, daß sie eine Hypothese ist, welche nicht, wie die atomistische und die anderen obengenannten, etwas über den objektiven Inhalt der Wissenschaft voraussetzt, sondern allein die Form und Methode jenes Inhaltes betrifft; wenn von irgendeiner Natureinrichtung behauptet wird, daß sie zweckmäßig ist, so wird hierdurch objektiv nichts in unserer Auffassung der Phänomene geändert, wie es doch bei der Atomistik und den anderen Theorien der Fall war; die Erscheinungen selbst bleiben für uns ganz dieselben wie vorherf, aber es wird durch die Zweckmäßigkeit von ihnen eine Verhalten zu etwas  außerhalb  von ihnen Befindlichem ausgedrückt oder, wenn der Ausdruck gestattet ist, ein  Seinfüranderes  von ihnen behauptet wird, während ihr  Dasein  ganz unverändert bleibt. Die Idee der Naturzwecke behauptet eben von jedem einzelnen Naturwesen, daß es  außer  diesem Wahrgenommenen noch etwas ganz anderes ist, d. h. daß die Natur aller Wesen auf etwas außerhalb ihnen Liegendes hinweist, durch welches eben alle Individuen zu einer Einheit verknüpft werden, deren Erkenntnis, dann dem Verstand das leichteste Mittel an die Hand gibt, von hier aus in das Wesen aller einzelnen Erscheinungen einzudringen.

Die Hypothese von der zweckmäßigen Anordnung der Naturgesetze ist also, wie alle übrigen Hypothesen, vom Verstand zu dem Ende aufgestellt, die Mannigfaltigkeit der Phänomene zu einer sie umschließenden Einheit zu verknüpfen, wodurch allein deren Erkenntnis möglich wird; aber sie hat vor den anderen Theorien das voraus, daß sie von den Naturwesen selbst nichts behauptet, sondern nur von ihrem Verhältnis zu einem dritten außerhalb von ihnen befindlichen Moments, welches, wie wir im Laufe unserer Untersuchung sehen werden, eben diese Persönlichkeit ist, aus deren Vernunft die Naturzwecke entsprungen sein sollen.

Aus dem Gesagten ist ersichtlich, daß eine Untersuchung über die wahre Beschaffenheit der als zweckmäßig angesehenen Natureinrichtungen, besonders hinsichtlich der Frage,  inwieweit die Erfahrung allein hier entscheiden kann,  ferner hinsichtlich des philosophischen Charakters jener Hypothese, beim jetzigen Zustand der Naturwissenschaften und Philosophie von der größten Wichtigkeit sein muß. Denn jene Untersuchung muß unmittelbar zu der Frage führen: Ob denn überhaupt Ideen in der Natur objektiv realisiert sein können, und ob, wenn solche vorhanden, die Erfahrung imstande ist, dieselben aufzufinden - oder ob das, was wir als allgemeines Natursystem aufstellen, als ein Prinzip, aus welchem sich die Naturwesen entwickelt haben sollen, gar nicht objektiv der Natur zugrunde liegt, sondern nur ein zufälliges Resultat unserer Beobachtungsweise und unseres jedesmaligen subjektiven Zustandes ist, welches allerdings auch im Objekt teilweise begründet ist? Diese Frage wird zwar von uns nicht umständlich beantwortet werden, weil sie schon zu weit in das Gebiet des Metaphysyischen hineinreicht, um in unsere Untersuchung aufgenommen werden zu können. Der nächste Schritt zu ihrer Beantwortung wird jedoch die Untersuchung über die Möglichkeit der Naturzwecke sein müssen, denn von allen allgemeinen Ideen, welche als objektive Prinzipien der Entwicklung der Naturwesen zugrunde gelegt wurden, ist dies unstreitig die mächtigste und in der populären wie in der wissenschaftlichen Anschauungsweise der Natur am tiefsten eingedrungene gewesen; daher wird man schon aus den künftigen Resultaten über die Naturzwecke im Allgemeinen die Lösung der obigen Frage entnehmen können.

Was nun die nähere Einrichtung betrifft, welche diesen Untersuchungen gegeben werden, so mußte die Richtung auf Gegenstände der Natur und die Untersuchung naturwissenschaftlicher Probleme zwar unser Hauptaugenmerk sein; allein da gerade in dieser Frage die Naturwissenschaft so innig mit der Philosophie, der Geschichte, der Religion, ja mit fast allen anderen Wissenschaften zusammenhängt, so ist es keine leichte Aufgabe, jede dieser Disziplinen gleichmäßig zu berücksichtigen und die teleologischen Probleme, welche sie darbieten, so miteinander zu verknüpfen, daß jede Wissenschaft hierin die andere ergänzt und vervollständigt.

Diese Schwierigkeit habe ich dadurch zu überwinden gesucht, daß ich dem rein naturwissenschaftlichen Teil dieser Arbeit einen Abschnitt voranschickte, welcher sich ausschließlich mit der logischen und metaphysischen Entstehungsweise des Zweckbegriffs beschäftigt; diesen Abschnitt möge daher der Leser als Einleitung zu den nächstfolgenden, mehr konkreten Untersuchungen ansehen und es sich nicht verdrießen lassen, durch die Veranschaulichung einiger abstrakter Probleme, welche wenig allgemeines Interesse darbieten, zu einer für das Verständnis des Folgenden unentbehrlichen philosophischen Grundlage zu gelangen.

Der zweite Abschnitt behandelt die Naturzwecke insbesondere und zwar habe ich versucht, das große Material, welches hier vorlag, in eine gewisse systematische Ordnung zu bringen, welche die Übersicht über das Ganze möglich macht. Die früheren, über die Naturzwecke verbreiteten Ansichten habe ich nur kurz berührt und nur die Hauptrichtungen angedeutet, um nicht die philosophischen Untersuchungen durch historische Bemerkungen zu unterbrechen. Auch wird noch in diesem Abschnitt der Übergang von den Naturzwecken zu denen der Geschichte vermittelt.

Wenn auch meine Absicht eigentlich nur auf die Erläuterung der Naturzwecke ging und daher schon im zweiten Abschnitt dieser Arbeit erreicht worden ist, so mußte dennoch zur Vollendung des Ganzen dasjenige Moment, in welchem die teleologischen Resultate der verschiedenen Wissenschaften zusammenlaufen, nämlich das Subjekt, aus welchem alle Naturzwecke entspringen sollen, näher betrachtet werden, durch diese Erörterung wurde es auch erst möglich, die historischen Zwecke in ihr rechtes Licht zu setzen.

Was nun näher die theologischen Untersuchungen betrifft, die beim Gegenstand des letzten Abschnittes nicht vermieden werden konnten, so hat man ihre Resultate, wenn sie auch von den gewöhnlich gangbaren Ansichten abweichen sollten, nämlich eine wissenschaftliche, nicht oberflächliche Erkenntnis der Natur und Geschichte und derjenigen Gesetze und Mächte, durch welche beide in ihren innersten Tiefen gelenkt werden, an welche man nicht von vornherein mit der Absicht herangeht, um daraus Beweisstücke für religiöse Ansichten herzunehmen, - daß eine solche Erkenntnis unumgänglich auch auf jene Resultate in Bezug auf die religiösen Interessen des Menschen führen muß, so weit nämlich nur, als die Erkenntnis religiöser Wahrheiten von der Einsicht in das Wesen der Natur und Geschichte abhängig ist. Hält man für das, was jene Wahrheiten festzusetzen am besten geeignet ist, nicht die unveränderlichen Gesetze der Natur und den Lauf der Geschichte, sondern will man sie lieber, je nach den Absichten, welche man hinter den Satzungen der Religion zu verbergen sucht, nach subjektiven Interessen, einzelnen Ereignissen, Wundern, oder nach vermeintlichen Aussprüchen auserwählter Personen, also gerade nach dem, was als eine scheinbare Ausnahme vom gewöhnlichen und vernünftigen Lauf der Dinge erscheint, bestimmen, so gehört dies alles in ein ganz anderes, unseren Untersuchungen fern liegendes Gebiet, in das des historischen *Glaubens, - der in seiner Art allerdings auch Recht haben mag, aber mit derjenigen Erkenntnis religiöser Gegenstände, welche aus der anhaltenden Beobachtung der Gesetze der Natur und Vernunft hervorgeht, nicht verwechselt werden darf.

Ich habe schließlich noch wenige Worte über die Vorarbeiten Anderer über denselben Gegenstand, auf welche ich mich bei diesen Untersuchungen hätte stützen können, zu bemerken.

Das Meiste, was über die Naturzwecke bisher gesagt wurde, beschränkt sich auf erbauliche Betrachtungen über die zweckmäßige und weise Einrichtung dieser Welt, auf eine Aufzählung trivialer Beispiele und dgl. mehr, ohne auf eine tiefere Analyse derjenigen physischen Kategorien, auf welche es gerade ankommt, näher einzugehen, so daß ich in diesem Fach einer gründlichen Behandlung des Gegenstandes, wie ich sie zu geben versuchte, fast ganz auf die eigene Nachforschung angewiesen war.

Von KANTs "*Kritik der Urteilskraft", fast dem einzigen Werk, welches in dieser Beziehung neue und höchst fruchtbare Ideen anregte, werde ich später ausführlich zu sprechen Gelegenheit nehmen. Wenn auch die Resultate, zu denen ich gelangt bin, von denen der  Kritik der Urteilskraft  bedeutend abweichen, so hoffe ich doch, daß der Geist einer vorurteilsfreien und gründlichen Forschung, mit welchem KANT alle seine Untersuchungen durchführte und auch in dem hier behandelten Zweig der Wissenschaft dem Gedanken eine neue Bahn eröffnete, auch der vorliegenden Arbeit nicht ganz fremd geblieben sein mag.
LITERATUR - Johann Heinrich Koosen, Der Streit des Naturgesetzes mit dem Zweckbegriff in den physischen und historischen Wissenschaften (eine Einleitung in das Studium der Philosophie), Königsberg 1845