tb-2Der Wille in der NaturÜber den Begriff des Naturgesetzes    
 
ERNST FRIEDRICH APELT
Über Begriff und Aufgabe
der Naturphilosophie
(1)

"Da wir keine anderen Dinge kennenlernen als die, welche uns unsere Sinne zeigen, so ist es das Ganze der Sinnenwelt, welches unter notwendigen Gesetzen steht. Dieses Ganze der Sinnenwelt unter notwendigen Gesetzen ist die  Natur  in materialer Bedeutung."

I.
Einleitung

Ich habe für diesen Winter Vorträge über eine Wissenschaft angekündigt, welche vor ungefähr 40 Jahren plötzlich als ein glänzender Meteor am literarischen Horizont erschien, welche von den Kathedern von Jena aus einen durch Deutschland weithin schallenden Namen erlangte, dann aber ebenso plötzlich wieder verschwand und seit längerer Zeit schon als verschollen betrachtet wird. So anmaßend und vielverheißend jene neue literarische Erscheinung aufgetreten war, so verächtlich sank sie in ihr Nichts zurück. Keine ihrer Verheißungen konnte sie erfüllen, keinen ihrer Lehrsätze rechtfertigen, und die Fortschritte der Wissenschaft dienten nur dazu, die traurige Verirrung aufzudecken, in welche sich ein ansehnlicher Teil der deutschen Gelehrtenrepublik verloren hatte. Dessenungeachtet wage ich es, eine Wissenschaft aus ihrem Dunkel wieder hervorzuziehen, an welcher seitdem ein Makel haftete und welche gewissermaßen durch eine stillschweigende Übereinkunft von den Kathedern verbannt war. Die Aufgaben dieser Wissenschaft wurden indessen keineswegs damals zum ersten Mal gestellt, sondern sie sind so alt, wie die ersten Anfänge der griechischen Spekulation. Sie liegen auf einem Gebiet der menschlichen Erkenntnis, an welches Philosophie, Mathematik und Erfahrung gleiche und gemeinschaftliche Ansprüche haben und sich wechselseitig öfters zu verdrängen gesucht haben. Bald hat die eine, bald die andere dieser Erkenntnisweisen ausschließlich die Oberherrschaft und Gesetzgebung in der Naturphilosophie an sich zu reißen gesucht. Daher die Vielgestaltigkeit dieser Wissenschaft in den verschiedenen Perioden ihrer Ausbildung, daher der Streit um die Quellen und Prinzipien derselben, der gegenwärtig noch nicht geschlichtet ist. Wir sehen vor uns zwei entgegengesetzte Versuche, die Naturphilosophie zu bearbeiten und sie zum Rang einer exakten Wissenschaft zu erheben. Von diesen kann der eine die strengste Prüfung an der Erfahrung bestehen, der andere ist durch sie für immer widerlegt und abgewiesen worden. Die Erfahrungen von 40 Jahren, welche zur Belehrung hinter uns liegen, können uns darauf aufmerksam machen, daß kein anderer Weg zur Wahrheit führt, als der der strengen systematischen Wissenschaft, und daß die Wahrheit sich an denen rächt, die frevelnd oder unbesonnen die Belehrungen der Vorzeit verschmähen und im Rausch der Gedanken dasjenige zu erhaschen meinen, was nur auf einem bedächtigen und mühsamen Weg der Forschung erreicht werden kann. Ich spreche hier von SCHELLING und seiner Schule.

Diese Schule suchte sich in stolzer Selbstvermessenheit über die Schranken der menschlichen Erkenntnis zu erheben und durch intellektuelle Anschauung das Absolute selbst zu erfassen. Ohne Mathematik und ohne Erfahrung wollte sie die Natur der Dinge aus bloßen Begriffen ergründen; die ganze Physik sollte in eine spekulative Wissenschaft verwandelt werden. Sie verachtete die Astronomie, die Mechanik und alle Erfahrungswissenschaft und setzte an die Stelle der Naturgesetze die sogenannten Kategorien der Physik, die in der Tat nichts sind als Überschriften zu leeren Kapiteln. Fragt man, was dieselbe für das Leben getan hat, so kann man getrost antworten, daß sie sich nicht nur keinerlei Verdienste um die Förderung der menschlichen Kultur erworben, sondern auch noch die Fortschritte der Wissenschaften längere Zeit aufgehalten hat. Ganz anders als mit dieser sogenannten spekulativen Physik verhält es sich mit der mathematischen Physik.

Seit NEWTON die Gesetze der in der Natur wirkenden Kräfte entdeckte, haben in einer unübersehbaren Reihe von Entdeckungen und Erweiterungen die größten Geometer und Mechaniker aller Nationen eine Wissenschaft gegründet, welche durch ihre Wahrheit und durch die Aufschlüse, die sie über die Geheimnisse der Natur gibt, ein ewiges Denkmal der Geistesgröße unserer Jahrhunderte bleiben wird. Mit bewunderswerter Genauigkeit haben diese fortbildenden Geister die Erscheinungen der Natur dem Kalkül unterworfen, haben mit Hilfe der Analysis des Unendlichen, diesem erstaunenswürdigen Werkzeug des menschlichen Geistes in Ergründung neuer Wahrheiten, in den himmlischen und irdischen Erscheinungen den unwandelbaren Gang eherner Gesetze erforscht und die Natur am Morgentor ihrer Schöpfungen belauscht. Alle Vorgänge am Himmel, den Bau der Welt, sowie die verschlungenen Wanderungen der himmlischen Körper fand man durch ein einziges Naturgesetz mit der größten Genauigkeit an die Regeln der Mechnik gebunden. Aus diesem ist man imstande, mit mathematischer Gewißheit die vergangenen und künftigen Zustände des Weltsystems zu bestimmen. Auf die nach diesem Gesetz geführten Berechnungen basieren sich die Vorhersagungen der Astronomen. Wie der Lauf der Gestirne die Zeiten teilt, wann und wie sich des Mondes Sichel füllen wird, wie die Sterne ihre Orte wechseln, wann und wo die Kometen sichtbar werden - all das vermag die auf die Mechanik des Himmels gegründete Astronomie mit einem wahrsagenden Blick im Voraus zu bestimmen. Die Verdienste, welche sich diese Wissenschaft dadurch um die Ordnung des bürgerlichen Lebens, um die Beförderung der intellektuellen Kultur erworben hat, sind in die Augen fallend und brauchen nicht erst besonders hervorgehoben zu werden. Und doch sind das bei weitem noch nicht die größten Vorteile, welche die von der SCHELLINGschen Schule so sehr verachtete Mechanik des Himmels dem Menschengeschlecht gewährt hat. In der Tat beruth die Verbindung der durch Meere geschiedenen Nationen sowie die Sicherheit des überseeischen Handels nur auf dieser tiefsten und ausgebildetsten aller menschlichen Wissenschaften, und ein einziges Blatt der "Mond-Distanzen" in ENCKEs astronomischen Jahrbuch hat einen ungleich größeren Wert, als alle Philosophie, welche, unfähig einen solchen Gegenstand in seiner hohen Wichtigkeit zu fassen, mit stolzer Verachtung auf ihn herabsehen. Daß jemand bloß durch die Messung der scheinbaren Entfernung des Mondes von einem Stern mittels eines kleinen tragbaren Instruments auf dem schwankenden Boden eines Schiffes bis auf eine deutsche Meile genau anzugeben vermag, wo er sich auf einem grenzenlosen Ozean befindet, muß Personen, denen die physische Astronomie unbekannt ist, als etwas Wunderbares erscheinen. Und doch wagt man täglich und stündlich Leben und Wohlstand mit vollkommenem Vertrauen auf diese wunderbaren Berechnungen, welche, wie nichts anderes, zeigen, wie nahe die Extreme der höchsten Theorie und des praktischen Nutzens aneinander grenzen. Sie könnten vielleicht glauben, daß ich in blinder Bewunderung für das Prinzip der Anwendung desselben eine Genauigkeit zuschreibe, welche in der Tat nur der Theorie zukommt. Allein ich kann meine Behauptung mit Tatsachen belegen. Der Kapitän BASIL HALL erzählt von sich selbst ein auffallendes Beispiel von der Genauigkeit und Wichtigkeit solcher astronomischer Längenbestimmungen. Er segelte von San Blas an der Westküste von Mexiko ab und legte binnen 89 Tagen 8000 englische Meilen zurück. Nachdem er in diesem Zeitraum den Stillen Ozean durchschifft hatte, das Kap Horn dubliert und den südatlantischen Ozean durchkreuzt hatte, kam er auf der Höhe von Rio de Janeiro an, ohne irgendwo gelandet oder auch nur ein einziges Segel gesehen zu haben, außer einem amerikanischen Walfischfänger abwärts vom Kap Horn. Als er sich noch acht Tat von Rio entfernt glaubte, bestimmte er seinen Ort nach dem Prinzip der Monddistanzen.
    "Wir steuerten", erzählt er selbst, "einige Tage auf Rio de Janeiro zu, nachdem die erwähnten Mondbeobachtungen gemacht wurden, und als wir uns der Küste auf 15 bis 20 Meilen genähert hatten, ließ ich um 4 Uhr Morgens bis gegen Tagesanbruch die Segel beilegen, und dann aufziehen; denn obgleich es sehr trüb war, konnten wir doch einige Meilen vor uns sehen. Um 8 Uhr wurde es so neblig, daß ich nicht weiter segeln wollte und schon im Begriff war, das Schiff gegen den Wind beizudrehen, bevor ich das Schiffsvolk zum Frühstück gehen ließ, als es sich plötzlich aufhellte und ich die Befriedigung hatten, den großen Zuckerhut-Felsen, welcher an der einen Seite der Hafenmündung steht, so nah uns gegenüber zu sehen, daß wir unseren Lauf nicht um einen Punkt zu verändern brauchten, um die Einfahrt in Rio zu bewerkstelligen. Hier sahen wir nach drei Monaten zum ersten Mal Land, nachdem wir so viele Meere durchkreuzt hatten, und durch unzählige Ströme und falsche Winde bald vorwärts, bald rückwärts getrieben waren."
Das Beispiel, welches ich hier angeführt habe, zeigt, ein wie sicherer Führer der Mond dem Schiffer auf der einsamen Meeresfläche ist und bis zu welchem Grad der Genauigkeit man das Problem der Längenbestimmung gelöst hat. Die tiefste Geometrie, die feinsten astronomischen Beobachtungen waren erforderlich, um die Schwierigkeiten zu überwinden und sich durch die Verwicklungen hindurchzufinden, welche die Auflösung dieses Problems umgaben. Die Entdeckung des wahren Weltsystems, die Erforschung der wahren Bewegungen der Himmelskörper mußte vorangehen. Man mußte die Kräfte erkannt haben, welche diese Bewegungen hervorrufen und regeln, man mußte die Gesetze ihrer Wirksamkeit mathematisch zu bestimmen imstande sein, man mußte sogar ihren störenden Einfluß angeben können, mit einem Wort, die Astronomie mußte als vollendete Wissenschaft dastehen, wenn jenes Problem gelöst werden sollte. Drei Jahrhunderte und die Vereinigung ausgezeichneter Talente waren nötig, um dieser Wissenschaft ihre hohe Ausbildung zu geben.

Die Untersuchungen der Naturforscher haben sich indessen keineswegs auf die Sternenwelt beschränkt. Mit demselben rastlosen Eifer, nach demselben Prinzip der Teilung der Arbeit, mit derselben Vereinigung verschiedenartiger Talente hat man die Natur in allen ihren Tiefen zu durchforschen gesucht. Durch höchst sinnreiche Kunstgriffe und Experimente hat man die verschiedenen Zustände und Bewegungen des Lichts entdeckt, jenes geheimnisvollen Wesens, welches alle Körper sichtbar macht, selbst aber unsichtbar ist. Man hat gefunden, daß in einer Zeitsekunde, während eines Pendelschlages ein Lichtstrahl 42000 Meilen durchfliegt. Man hat gefunden, daß ein solcher Strahl in außerordentlich kleinen Wellen durch den Raum fließt und daß in einer Sekunde nicht weniger als 500 Billionen solcher Wellen, welche alle einem einzigen Lichtstrahl angehören, das menschliche Auge treffen. Solche Resultate können unglaublich erscheinen, und dennoch stehen sie unwiderleglich fest. Man hat die Gesetze der Luftschwingungen erforscht, auf welche sich die Harmonie der Töne gründet. Man hat dem geheimnisvollen Wirken des Erdmagnetismus, dem gespenstischen Wesen der Wärme nachgespürt. Die Strombewegungen des Ozeans und der Atmosphäre, der Lauf und die anomale Beugung der isothermischen Linien, die Bedingungen des Gleichgewichts der irdischen Temperaturen sowie der Verteilung der Klimate, die Herde des unterirdischen Feuers - von allen diesen Gegenständen hat man die Ursachen und die Gesetze zu ergründen gesucht. Ja, selbst die irdischen Gestaltungen hat man in denselben Kreis der Untersuchungen gezogen. Man hat gefunden, daß die Kristallbildungen nach strengen geometrischen Gesetzen erfolgen und daß die Elementarteile des Pflanzen- und Tierlebens sich nach ganz analogen Gesetzen formen. Für die Physiologie, für die Pathologie, selbst für die Therapie eröffnen sich neue, noch nie geahnte Aussichten, und man steht gegenwärtig auf dem Punkt, die physikalischen Gesetze des Lebens zu entdecken.

Ich habe hier mit wenigen und schwachen Pinselzügen die Lineamente eines Gemäldes anzudeuten versucht, das die großen Meister der letzten Jahrhunderte von der Natur entworfen haben, so wahr und treu in seinen Zügen, wie die ewige Mutter selbst. Sie hat uns auf einen Standpunkt gestellt, von dem aus die Beobachtung große Parallaxen gibt, aber sie selbst hat uns zugleich einen Kompaß gegeben, dessen Nadel ewig ohne Abweichung auf Gesetz und Ordnung weist. Mit dieser Gabe der Natur hat der Mensch sich selbst gebändigt und erzogen. Hilflos fand er sich unter den Schrecknissen eines gewaltigen und oft feindlichen Schicksals. Jetzt ist die Furcht seiner kühnen Forschung gewichen, tiefe Einsicht hat das dumpfe Staunen verdrängt, und der Reichtum seiner Erfindungen hat ihn selbst gegen die Gewalt der Elemente bewaffnet. Er hat die Natur gezwungen, auf seine Fragen zu antworten, ihm ihre Geheimnisse zu verraten und einen friedlichen Bund mit ihm zu schließen. Noch arbeiten die erfindungsreichsten Geister der gebildetsten Nationen an einem Werk, das so sichere Grundlagen und schon so vollendete Teil hat, und wenn die Geisteskraft der Völker sich noch einige Jahrhunderte auf ihrer jetzigen Höhe erhält, so steht zu erwarten, daß dann die verborgensten Werkstätten der Natur dem Menschenauge offen stehen. Dann aber, wenn diese Wissenschaft ihre Kreise vollendet haben wird, wird es auch klar werden, wie sie mit ihren Erklärungen nicht an die Würde des Geistes heranreicht und wie des Geistes eigenstes Wesen und Leben jenseits aller Körperwandlungen unseren Begriffen unfaßbar besteht.

Ich habe vorhin gesagt, daß der Mensch die Regel, nach welcher er die Ordnung der Natur erforschen müsse, in sich selbst finde und nicht von der Natur erlerne. Diese Behauptung kann auffallend und paradox klingen, wenn man erwägt, daß der Gegenstand der Untersuchung gänzlich außer uns liegt, und dennoch hoffe ich sie durch den Verlauf der folgenden Betrachtungen vollständig zu rechtfertigen. Diese Umstand hat jedoch die Verirrungen veranlaßt, in welche sich die SCHELLINGsche Naturphilosophie verloren hat. An dieser Stelle ist der Punkt, in welchem Philosophie und Naturforschung zusammenhängen. Hierin liegt der Grund, daß eine Naturphilosophie der Physik zugrunde liegt und für dieselbe unentbehrlich ist. Aber unrichtige Philosopheme, sowie eine falsche Anwendung ansich richtiger philosophischer Prinzipien haben der Naturforschung ebenso oft Abbruch getan, wie eine richtigere Philosophie die Fortschritte derselben befördert hat. Einzig durch eine aufgeklärte und richtige Philosophie gelangte man zu der Einsicht, daß die astronomischen Aufgaben mechanisch gefaßt werden müßten, und diesem philosophischen Postulat an eine ihr anscheinend fremde Wissenschaft verdanken wir die vollendete Ausbildung der letzteren. Dieser eine Umstand, welcher leicht durch eine Menge anderer Beispiele noch unterstützt werden könnte, kann schon beweisen, wie wichtig, ja wie unentbehrlich die Naturphilosophie für alle Naturwissenschaft ist.

Wegen des Widerstreits aber, mit welchem diese Wissenschaft bisher in den Schulen behandelt worden ist, wegen der Vermengung wissenschaftlicher Ansichten mit neoplatonischen Phantasien, wird es für uns eine Sache von großer Wichtigkeit, uns geschichtlich zu orientieren und den Standpunkt aufzusuchen, von dem aus wir unsere Aufgabe fassen müssen. Als ein Schüler von FRIES versteht es sich für mich von selbst, daß ich die Ansichten meines Lehrers verteidigen werde. Demgemäß will ich gleich im Voraus die Hauptpunkte bezeichnen, die ich bei der Ausführung unseres Gegenstandes besonders glaube berücksichtigen zu müssen.

1. Die Aufgabe, welche wir uns für diese Untersuchungen stellen, ist, daß ich Sie über den Zusammenhang der Philosophie mit der Naturforschung zu verständigen suche. Die Abhängigkeit der letzteren von der ersteren läßt sich nach drei verschiedenen Seiten hin verfolgen:
    1) Einmal nämlich hat sich die ganze Aufgabe, der Natur durch Beobachtung und Experiment ihre Gesetze abzufragen, durch die Umbildung der Abstraktionen aus der philosophischen Spekulation der Griechen entwickelt;

    2) gibt die Philosophie der Naturforschung ihre methodischen Regeln, und

    3) liegt aller Naturwissenschaft eine Metaphysik der Natur zugrunde, welche die höchsten konstitutiven Prinzipien der Naturlehre selbst bestimmt.
Diese letztere Wissenschaft konstituiert einen eigenen Zweig der Philosophie, welcher unter dem Namen der  Naturphilosophie  bekannt ist. Die Naturphilosophie ist demnach ein Teil der angewandten Philosophie. Da nun die Naturforschung selbst ihre Erkenntnis aus zwei verschiedenartigen Quellen schöpft, nämlich aus Mathematik und Erfahrung, so kann man die Philosophie einmal auf Mathematik und dann auf Erfahrung anwenden. Mathematik ist aber einerseits eine für sich bestehende Wissenschaft, andererseits ein Werkzeug der Naturforschung. Man kann daher einerseits über die mathematischen Grundbegriffe und den systematischen Zusammenhang der mathematischen Theorien philosophieren, ohne Rücksicht darauf zu nehmen, inwiefern dieselben der Erforschung der Naturgesetze dienen. Dies gäbe die sogenannte Philosophie der Mathematik oder die Metaphysik des Kalküls, wie es die Franzosen nennen, eine Wissenschaft, welche gänzlich außerhalb des Kreises unserer Betrachtungen liegt. Andererseits kann man aber auch der Verbindung der mathematischen Erkenntnis mit den metaphysischen Grundgesetzen der Natur nachgehen und die mathematischen Prinzipien der Naturphilosophie aufsuchen, welche unserer ganzen Naturerkenntnis zugrunde liegen. Das wäre der erste Teil unserer Wissenschaft: die mathematische Naturphilosophie. Neben dieser steht dann noch die induktorische Naturphilosophie, welche die Regeln für die Ausbildung der empirischen Teile der Naturwissenschaften enthält. Dieser vorläufigen Übersicht gemäß bestimmt sich uns das Eigentümliche der Behandlungsweise unserer Wissenschaft im Gegensatz gegen andere Schulen. Wir verwerfen
    1) alle Phantasien der Kosmogonie über die Erschaffung der Welt durch Gott oder Götter, über die Entstehung aller Dinge aus dem Chaos oder einem Urelement oder dem Absoluten. Alle Träume der Kosmogonie sind entstanden durch eine Verwechslung der morphologischen Prinzipien mit den Ideen der Weltschöpfung. Diese Bemerkung gilt gegen alle religiösen Träume der Adepten und Neuplatoniker, gegen die ionische Schule, sowie gegen SCHELLING, OKEN und HEGEL.

    2) Wir behaupten, daß aller Naturlehre eine Metaphysik der Natur zugrunde liegt (gegen BACON von Verulam);

    3) daß nur die mathematisch konstruierten metaphysischen Grundbegriffe die Prinzipien der Naturphilosophie enthalten (gegen ARISTOTELES und alle diejenigen, welche die substantiellen Formen oder ähnliche Erklärungsgründe in die Naturwissenschaft einzuführen versuchten, endlich gegen JUSTINUS KERNER und alle, die an Gespenster glauben).
2. Die Naturphilosophie gehört aber nicht bloß in den Kreis der philosophischen Wissenschaften, sondern sie ist, wie es schon der Name ankündigt, auch ein Zweig der Naturwissenschaften. Umd die Natur derselben kennen zu lernen, müssen wir also vor allen Dingen ihre Stellung im Kreis der Naturwissenschaften aufsuchen. Naturwissenschaft aber ist im allgemeinen die Wissenschaft von der Natur. Da entsteht nun zuerst die Frage, was ist die Natur?

Natur,  physis, natura,  ist nach der ältesten, ursprünglichsten Bedeutung des Wortes die Erzeugung aller Dinge. Die Lehre vom Ursprung aller Dinge war das erste und fast ausschließliche Thema der ionischen Philosophie. Die ersten Anfänge der griechischen Philosophie beschränkten sich also auf Naturphilosophie. SOKRATES erkannte zuerst die Selbständigkeit der sittlichen Prinzipien und ihre Unabhängigkeit von der Physik. Er stellte zuerst die ethischen Überzeugungen den physikalischen Lehren entgegen. Seit dieser Zeit teilte man in der sokratischen Schule die Philosophie in  Logik die Lehre von den Gesetzen des menschlichen Denkens,  Ethik,  die Lehre von den mensclichen Angelegenheiten und dem Guten, und  Physik,  die Lehre vom Ursprung der Dinge. Diese letztere hatte die Aufgabe, den Ursprung aller Dinge aus der höchsten Ursache, aus der Gottheit, zu begreifen. Sie vereinigte also die Aufgabe der eigentlichen Naturwissenschaft mit der der Religionsphilosophie. Sie war im wesentlichen  Kosmologie  und  Kosmophysik.  Von THALES bis auf DESCARTES herab hat man sich vergebens bemüht, diese Aufgabe aufzulösen. Das Fehlschlagen dieser Unternehmung liegt, wie ich später zeigen werde, an der eigentümlichen Beschaffenheit unserer Erkenntnis. Durch die Entdeckung der Naturgesetze erkannte man die Unmöglichkeit dieser Aufgabe. Die metaphysischen Ansichten erlitten dadurch eine völlige Umgestaltung. DESCARTES, der erste Ordner derselben in neuerer Zeit, war genötigt, das körperliche Wesen der Dinge vom geistigen scharf zu unterscheiden. Man erkannte, daß sich der Kreis der Erklärungen nur auf das erstere beschränke. Das Wort  Natur  erhielt dadurch eine ganz andere Bedeutung. Gegenwärtig versteht man unter Natur (in formaler Bedeutung) die Abhängigkeit der Dinge von notwendigen Gesetzen. Hier entstehen gleich neue Fragen:
    1) Welches sind diese Dinge?

    2) Was ist ihr Gesetz und woher stammt es? und

    3) Wie besteht die Abhängigkeit der Dinge von Gesetzen?
Die Antwort auf die erste Frage ist bald gefunden. Da wir keine anderen Dinge kennenlernen als die, welche uns unsere Sinne zeigen, so ist es das Ganze der Sinnenwelt, welches unter notwendigen Gesetzen steht. Dieses Ganze der Sinnenwelt unter notwendigen Gesetzen ist die  Natur  in materialer Bedeutung. Um die beiden anderen Fragen zu beantworten, müssen wir erst die Natur und Beschaffenheit unserer Erkenntnis betrachten. Nur dadurch können wir übersehen, welche Aufgaben uns in derselben bestimmt sind und wie sie gelöst werden können.

Das Wort "Natur" wird in zweierlei Bedeutung gebraucht: in  formaler  und  materialer. 
    1) Man spricht von der Natur eines Dinges und versteht darunter das innere Prinzip der Möglichkeit eines Dings. Jedes Ding hat nämlich eine bestimmte Natur, insofern sein Dasein und die Art seines Daseins durch allgemeine und notwendige Gesetze bestimmt ist.

    2) Dann spricht man aber auch von der ganzen Natur und versteht darunter das Ganze der Sinnenwelt. Dieses Ganze steht nämlich ebenso unter notwendigen Gesetzen wie jeder einzelne Gegenstand in ihm. Darin liegt die Befugnis, den Begriff von diesem auf jenes zu übertragen.
Das Charakteristische im Begriff der  Natur  ist also die notwendige Gesetzlichkeit und die Abhängigkeit der Dinge von ihr. Nun kann aber offenbar nur das Wesenhaft an sich selbst und unabhängig von unserer Erkenntnis vorhanden. Das Gesetz ist aber an und für sich nichts Wesenhaftes, was außer unserer Erkenntnis ein für sich bestehendes Dasein hätte, und dennoch ist in unserer Erkenntnis gerade das Gesetz das Unabhängige und Selbständige, von dem das Wesen der Dinge abhängt. Wir treffen hier auf ein seltsames und höchst sonderbares Rätsel in unserer Erkenntnis, worüber wir uns vor allen Dingen verständigen müssen. Dieses Rätsel ist zwar ganz metaphysisch und die Verständigung darüber scheint uns von unserem Ziel abzuführen. Wenn wir jedoch die Sach ein wenig anders wenden, werden wir uns bald überzeugen, daß die eben berührte Frage auch unser Problem in sich schließt. Jenes Rätsel ist offenbar in der Natur unserer Erkenntnis begründet, und um dasselbe zu lösen, müssen wir uns an die Erforschung der Ntur unserer Erkenntnis wagen. Wenn wir aber den Bau der menschlichen Erkenntnis auseinanderlegen, müssen wir auch die Stelle jeder Aufgabe in derselben wiederfinden. Damit wir uns also über die Bedeutung und die Stellung unserer Aufgabe vollständig orientieren können, wird es nötig sein, die Beschaffenheit unserer Erkenntnis selbst näher ins Auge zu fassen.

Für das Verständnis der ganzen FRIESischen Lehre ist vielleicht nichts wichtiger, als jene Lehre von der Verschiedenheit und dem Unterschied der Weltansichten, jene Lehre, welche ich mit einem allgemeinen Namen das Gesetz der Spaltung der Wahrheit nennen will. Die Früheren haben, etwa KANT ausgenommen, allgemein vorausgesetzt, daß das Ganze der menschlichen Erkenntnis sich in  ein  wissenschaftliches System müsse vereinigen lassen. Allein FRIES hat gezeigt, daß dies unmöglich sei. Die verschiedenartigen Teile der menschlichen Erkenntnis gestalten sich nämlich zu ganz verschiedenartigen Systemen, von denen jedes eine mehr oder minder vollständige wissenschaftliche Entwicklung zuläßt. Diese Systeme hängen nicht theoretisch in einem Prinzip zusammen, sondern sie stehen nur induktorisch nebeneinander; sie sind nicht Glieder eines größeren Ganzen, sondern Stufen, von denen jede eine etwas veränderte Ansicht der Wahrheit gewährt.

Die menschliche Erkenntnis gleicht nicht einer ebenen Fläche, die man von irgendeinem hohen Standpunkt herab vollständig und mit einem Blick übersehen könnte; sondern sie gleicht vielmehr einem Hügelland, von dem man sich nur nach und nach ein vollständiges Bild aus teilweisen Ansichten zusammensetzen muß. Es gibt mehrere Höhen, mehrere Standpunkte übereinander, von denen jeder einen anderen Anblick darbietet und wo sich bald das eine zeigt und bald wieder verbirgt.
LITERATUR - Ernst Friedrich Apelt, Über Begriff und Aufgabe der Naturphilosophie, in Abhandlungen der Fries'schen Schule, Bd. 1, Neue Folge, Göttingen 1906
    Anmerkungen
    1) Diese Abhandlung bildet den ersten Abschnitt der von APELT im Wintersemester 1842/43 gehaltenen "Vorlesungen über Naturphilosophie", wie sie uns in der Nachschrift von M. J. SCHLEIDEN vorliegen. Bisher ist nur die Einleitung gedruckt worden. Sie wurde von ERNST HALLIER in seine "Kulturgeschichte des neunzehnten Jahrhunderts" (Stuttgart 1889, Seite 167f) aufgenommen. Ihm verdanken wir auch das SCHLEIDENsche Kollegienheft.