cr-4Philosophische Grammatik    
 
CONRAD HERMANN
(1819 - 1897)
Geschichte der Philosophie

"Unter allen Völkern in der Weltgeschichte sind es vorzugsweise drei, für welche die Befähigung und der Drang zur Philosophie ein spezifisches Merkmal und gleichsam eine charakteristische Ader in ihrem ganzen nationalen Leben bildet. Diese sind im Orient das indische, im Altertum das griechische und in der neuen Zeit das deutsche. Diese drei Völker aber sind außerdem auch noch durch gewisse andere entscheidende Merkmale, eine hohe poetische Begabung, eine Neigung zur politischen Zersplitterung, sowie durch einen ihr ganzes Wesen durchdringenden geistigen Idealismus miteinander verbunden."

1. Begriff und Bedeutung der
Geschichte der Philosophie

Die Geschichte der Philosophie ist der wissenschaftliche Inbegriff der philosophischen Systeme aller Völker und Zeiten. Ein philosophisches System ist eine von einer bestimmten geistigen Grundanschauung getragene denkende Beantwortung der allgemeinen Fragen der Welt und des menschlichen Lebens. Die Form des Systems aber hat gerade für die Philosophie eine höhere Bedeutung als für jede andere Wissenschaft sonst. Denn in den einzelnen Systemen der Jurisprudenz, der Theologie usw. ist der materielle Inhalt als solcher immer einer und derselbe und nur die Art oder Methode seiner Behandlung in jedem Fall eine verschiedene. Bei der Philosophie aber schließt jedes einzelne System auch einen völlig verschiedenen Inhalt, d. h. eine durchaus eigentümliche und abweichende Auffassung der Probleme der Welt im Ganzen in sich ein. Die Wissenschaft der Philosophie im Ganzen aber ist eben nur in der Gesamtheit dieser ihrer einzelnen Systeme enthalten, neben welcher sie einen derartigen objektiv feststehenden und allgemein anerkannten geistigen Inhalt, so wie alle andere Wissenschaften nicht oder doch nur einem äußerst dürftigen Umfang nach besitzt. Die Geschichte der Philosophie selbst, indem in ihr alles eingeschlossen sein muß, was zu dieser letzteren in objektiv wahrhafter und wissenschaftlich berechtigter Weise hinzugehört. Während bei einer jeden anderen Wissenschaft ihre Geschichte nur der hinter ihr liegende Weg ist, auf welchem sie zu ihrem gegenwärtigen feststehenden Ziel oder in sich unendlichem Inhalt der Bearbeitung hingeführt worden ist, so ist die Philosophie gleichsam noch fortwährend auf der Wanderschaft oder im unbefriedigten Suchen nach ihrer eigenen höchsten wissenschaftlichen Wahrheit begriffen. Die historische Entwicklung der Philosophie besteht im unausgesetzten Wechsel ihrer einzelnen Systeme, von denen im Allgemeinen ein jedes zu einer bestimmten Zeit in der Geschichte das herrschende oder als wahr anerkannte gewesen ist.


2. Die historische und die systematische Stellung zur Philosophie

Alle wissenschaftliche Tätigkeit in Bezug auf die Philosophie ist an sich und auch in der Gegenwart eine doppelte, die historisch erkennende und die systematisch selbsttätige. Jene besteht in der Erforschung der bereits vorliegenden oder gegebenen, diese dagegen in der Aufstellung neuer oder eigener Philosophie. Bei wissenschaftliche Stellungen zur Philosophie aber können der Wahrheit der Sache nach und in Rücksicht des durch sie zu erzielenden Erfolges in keiner Weise als voneinander getrennt gedacht werden. Denn einmal ist jeder Versuch des eigenen Philosophierens der doppelten Gefahr unterworfen, entweder im Fall des Gelingens solche Wahrheiten zu entdecken, welche schon durch andere Systeme vor ihm aufgefunden worden sind oder aber im Fall des Mißlingens, in solche Irrtümer zu verfallen, an welchen schon andere Systeme vor ihm gescheitert sind, welchem allem nur durch eine vorläufige genaue Erkenntnis der bisherigen Geschichte der Philosophie aus dem Weg gegangen werden kann. Eben dieses letztere selbst aber kann wiederum nicht in sich allein, sondern nur in dem für die definitive Wahrheit der Philosophie überhaupt aus ihr abzleitenden Gewinn oder Resultat ihren Wert und ihre Bestimmung haben. Die Geschichte der Philosophie überhaupt kann ihrer äußeren Stellung nach teils als eine zum größeren Ganzen der Wissenschaft von der Geschichte, teils als eine zu demjenigen der Philosophie hinzugehörende Disziplin angesehen werden. In ersterer Beziehung ist sie den übrigen Zweigen der menschlichen Kulturgeschichte, in letzterer sonstigen systematischen Teilen der Philosophie, der Logik, Metaphysik usw. Sowohl der Historiker als solcher, wie auch der systematische Philosoph hat an der Geschichte der Philosophie überall ein bestimmtes Interesse zu nehmen. Zur Charakteristik des ganzen Kulturzustandes einer bestimmten Zeit oder eines Volkes kann vom ersteren auch die Kenntnis der eigentümlichen Philosophie desselben nicht entbehrt werden. Der Historiker als solcher aber befindet sich in der Regel nicht im Besitz der notwendigen technischen Vorbedingungen des Verständnisses und des lebendigen Interesses an den inneren Fragen der Philosophie selbst und es ist daher die Geschichte der Philosophie zu allen Zeiten mit Recht als eine wesentlich esoterische oder zum weiteren Umfang des philosophischen Wissens überhaupt hinzugehörende Disziplin angesehen worden. Die wissenschaftlichen Prinzipien für die Behandlung der Geschichte der Philosophie selbst aber werden durchaus keine anderen sein dürfen, als diejenigen in Bezug auf die Behandlung jedes anderen historischen Stoffes sonst, d. h. es wird von derselben alles dasjenige fern gehalten werden müssen, was etwa nur der besonderen einseitigen Stellung und Auffassungsweise irgendeines der neueren philosophischen Systeme angehört.


3. Die philosophische und die empirische Wissenschaft

Die Geschichte der Philosophie bildet unmittelbar genommen einen einzelnen Zweig der Geschichte des wissenschaftlichen Erkennens im Ganzen. Alle Wissenschaft aber ist ihrem inneren bedingenden Prinzip nach eine doppelte, die philosophische und die empirische oder die durch gedankenmäßige Spekulation aus dem Begriff und die durch beobachtenden Anschluß an die äußere Erfahrung. An und für sich zwar können diese beiden Momente des Denkens und der Beobachtung im wahren Begriff der Wissenschaft nie vollständig voneinander getrennt werden, aber man versteht doch unter philosophischer Wissenschaft immer diejenige, welche vorzugsweise und in spezifischem Sinne vom ersteren, unter empirischer diejenige, welche vom letzteren unter ihnen ihren Ausgang nimmt. Die Wissenschaft der Philosophie im engeren Sinne des Wortes aber ist überall zu unterscheiden von demjenigen philosophischen oder geistig begrifflichen Element, welches sich auch sonst in der übrigen empirischen Wissenschaft vorfindet. Jene erstere aber hat ihren besonderen Inhalt oder Gegenstand immer am schlechthin Allgemeinen oder an den obersten Prinzipien der Welt und des menschlichen Lebens. Die Philosophie in diesem Sinne aber ist auch die natürliche Spitze oder der notwendige mittlere Einheitspunkt des ganzen wissenschaftlichen Erkennens überhaupt. Die Geschichte der Philosophie aber hat deswegen auch keineswegs bloß den Wert einer einfachen wissenschaftlichen Spezialgeschichte so wie diejenige irgendeiner anderen einzelnen Disziplin, sondern es schließt dieselbe wesentlich zugleich die Geschichte der allgemeinen Prinzipien, Methoden und Gedanken der Wissenschaft über sich selbst in sich ein. Von beiden Arten alles Erkennens aber, der philosophischen oder gedankenmäßigen und der empirischen oder beobachtenden, ist die erstere von Anfang an mit innerer Notwendigkeit früher dagewesen als die letztere, ein analoges Verhältnis nach welchem in der Geschichte der Literatur die Entstehung der Poesie überall derjenigen der Prosa vorauszugehen pflegt. Für uns auf dem gegenwärtigen ausgebildeten Entwicklungszustand der Wissenschaft freilich erscheint der Weg durch die empirische Beobachtung im Allgemeinen als der sicherere und leichter geebnete als der durch die philosophische Spekulation. Am Anfang aber, wo das Prinzip und die Methode der geordneten Beobachtung der einzelnen Erscheinungen des Wirklichen noch gar nicht aufgefunden war, konnte allein durch das Denken, unter dürftiger Anlehnung an einzelne fragmentarische Beobachtungen ein Aufschluß über die ganze Einrichtung der Welt zu gewinnen versucht werden. Alles wissenschaftliche Erkennen richtet sich zuerst auf das Allgemeine und es findet nur hieraus sukzessiv das Prinzip der geordneten Beobachtung des Einzelnen seine Feststellung.


4. Das Verhältnis der Philosophie zur Religion

Die Philosophie berührt sich in ihrer Geschichte, außer mit derjenigen der übrigen empirischen Wissenschaft auch noch mit einem anderen allgemeinen und wichtigen Gebiet des menschlichen Lebens, der Religion. Die ersten Anregungen zum philosophischen Denken gehen meistens aus der Quelle der im Bewußtsein des Volkes gegebenen religiösen Vorstellungen hervor. Später aber findet dann häufig zwischen philosophische und religiöser Weltanschauung eine gewisse feindliche Spannung und ausschließende Entgegensetzung statt. Beide Gebiete, Religion und Philosophie, haben zu ihrer gemeinschaftlichen Basis eine intellektuelle Beziehung des Menschen zum höchsten Allgemeinen oder zum innersten Kern alles desjenigen was ihn umgibt. Diese Beziehung aber wird bei der Religion getragen durch die unmittelbare Gefühlsanschauung oder den Glauben, während sie bei der Philosophie aus der mittelbaren Verstandesreflexion oder dem Denken entspringt. Während ferner die Religion als letzten Urgrund der Dinge immer eine subjektiv geistige Persönlichkeit, die Gottheit voraussetzt, so ist dagegen das natürliche Interesse der Philosophie und der Wissenschaft überall auf eine Erklärung der wirklichen Dinge und ihrer Erscheinungen aus objektiv sachlichen oder in ihnen selbst liegenden Gründen und Prinzipien gerichtet. Die philosophisch-wissenschaftliche oder verstandesmäßige Auffassungsweise der Welt aber gewinnt im Laufe der Geschichte einen immer größeren äußeren Spielraum oder Boden neben der bloß gefühlsmäßigen der Religion, insofern es in immer weiterem Umfang gelingt, die einzelnen Erscheinungen der Natur unter allgemeine Gesetze zu sammeln und aus mechanisch zwingenden Ursachen zu erklären. Das allgemeine Ziel aller Wissenschaft ist an sich dieses, das Wirkliche zu begreifen in den Formen und nach dem Gesetz des Verstandes; dieses aber geschieht dadurch, daß jedes einzelne Ding statt im Licht der freien Willensäußerung eines göttlichen Wesens aufzufassen versucht wird als die bloße Erscheinung eines allgemeinen Begriffs und als die notwendige Folge einer hinter ihm stehenden zwingenden Ursache. Für den religiösen Standpunkt ist der Wille der Gottheit, für den wissenschaftlichen ist die der Welt selbst innewohnende Gesetzmäßigkeit der oberste Grund aller Dinge. Die religiöse und die wissenschaftliche Weltauffassung stehen an sich in einem Widerspruch miteinander; in der Ausgleichung dieses Widerspruches aber besteht zuletzt die höchste Aufgabe und die vollendetste Wahrheit der Philosophie.


5. Die Philosophie und die Poesie

Wie die Philosophie durch ihren Stoff oder Gegenstand, die höchsten Prinzipien der Welt, mit der Religion, so steht sie endlich durch ihre natürliche Form oder ihr unmittelbares inneres Element, das reine geistige Denken, mit noch einem ferneren Gebiet in einer bestimmten nahen verwandtschaftlichen Berührung. Dieses ist dasjenige der Poesie. Philosophie und Poesie sind beides die Reiche des reinen und freien nur aus sich selbst heraus schaffenden Denkens der menschlichen Seele. Das Verhältnis der Poesie zu aller übrigen an einen sinnlichen Stoff gebundenen Kunsttätigkeit ist dasselbe als das der Philosophie zu aller sonstigen empirischen oder erfahrungsmäßigen Wissenschaft. Der Philosoph und der Dichter sind beides die Urheber einer rein geistigen oder nur im Gedanken selbst gegründeten Anschauungsweise der Welt und des menschlichen Lebens. Philosophische und poetische Gedankenproduktion gehen daher auch sehr häufig in der Geschichte in paralleler Übereinstimmung nebeneinander her und es ist oft eine durchaus ähnliche geistige Gesamtanschauung, welche gleichzeitig von einem Philosophen in einem wissenschaftlichen System und von einem Dichter in seinen künstlerischen Werken niedergelegt wird. Der Trieb des frischen und ursprünglichen geistigen Gestaltens aber ist abgesehen vom hierdurch zu erreichenden Zweck des Erkennens auch für die Philosophie oft ebenso wie für die Poesie das erste bewegende Motiv der Entstehung gewesen. Im Begriff der Philosophie überhaupt also verbindet sich ein dreifaches wesentliches Moment miteinander, das eine, welches ihr mit der Wissenschaft, das zweite, welches ihr mit der Religion, das dritte, welches ihr mit der Poesie gemein ist oder es gibt gleichsam ein jedes dieser drei anderen wichtigen Gebiete des menschlichen Lebens eine eigentümlich und spezifische Seite seines ganzen Charakters an sie ab. Die Philosophie ist teils wie alle andere Wissenschaft ein Gebiet des eigentlichen verstandesmäßigen Erkennens des Wirklichen, teils richtet sie sich wie die Religon auf die höchsten Fragen der Welt und des Lebens, teils endlich hat sie wie die Poesie das Element oder die Kraft des reinen inneren Denkens zur Basis. Die Philosophie ist insofern gewissermaßen die höchst vereinigende Spitze der vornehmsten Reiche und Gebiete des ganzen geistigen Lebens des Menschen. Ihre Geschichte ist die Geschichte des allgemeinen Bewußtseins des menschlichen Geistes über sich selbst, in welcher die höchsten leitenden Prinzipien für die Gestaltung seines ganzen übrigen Lebens niedergelegt sind.


6. Die Philosophie des Altertums und die der neuern Zeit

Die Perioden der Geschichte der Philosophie sind im Allgemeinen dieselben wie diejenigen der Weltgeschichte überhaupt, d. h. die eine des Altertums und die andere der neueren Zeit. Alle diejenigen Begriffe aber, mit denen wir sonst den Unterschied der Bildung dieser beiden Zeitalter, des antiken und des modernen, zu bezeichnen pflegen, finden auch auf das Verhältnis der doppelten Philosophie derselben ihre Anwendung. Die Philosophie des Altertums ist insofern ausgezeichnet durch den allgemeinen Vorzug der einfacheren Durchsichtigkeit und Klarheit, die der neueren Zeit durch den des größeren Reichtums und der innerlicheren Tiefe des Denkens. Für die Zeit des Altertums aber ist hierbei im Ganzen charakteristisch, daß hier die Philosophie den Begriff der Wissenschaft noch wesentlich allein in sich vertritt, während erst in der neueren Zeit eine eigentliche und ausgedehnte empirische Wissenschaft neben derselben entsteht. Das ganze Erkennen des Altertums war noch vorwiegend ein philosophisches durch die Kunst des reinen inneren Denkens, während dagegen dasjenige der neueren Zeit dem Hauptwerk nach auf dem Prinzip der geordneten empirischen Beobachtung beruth. Zur Geschichte der alten Philosophie aber befinden wir selbst, die Erkennenden, uns insofern in einem wesentlich verschiedenen Verhältnis als zu jener der neueren, als die erstere in der Eigenschaft einer zu ihrem natürlichen Abschluß gelangten und in ihren ganzen bewegenden Motiven offenbar gewordenen Totalität der Entwicklung vor uns daliegt, während von dieser letzteren gegenwärtig etwas Gleiches noch keineswegs angenommen oder behauptet werden darf. Die in sich selbst zum Abschluß gelangte Entwicklungsgeschichte der alten Philosophie aber wird von uns vielleicht zu einem Anhaltspunkt für die Orientierung in den Verhältnissen der noch im Gang befindlichen Geschichte der Philosophie unseres eigenen oder des neueren Zeitalters benutzt werden dürfen.


7. Die Haupt- und Nebenperioden der Geschichte der Philosophie

Der Trieb zum philosophischen Erkennen hat als ein in der menschlichen Natur an sich vorhandener, fast zu allen Zeiten und bei allen Völkern sich in gewissen Erscheinungen zu erkennen gegeben. Nicht alle diese Erscheinungen aber gehören zur Geschichte der Philosophie im Sinne einer Wissenschaft dazu. Nicht die philosophischen Bestrebungen des menschlichen Geistes als solche, sondern nur die aus diesen hervorgegangenen durchgebildeten und gereiften Früchte sind es, mit denen es eine Geschichte der Philosophie im angegebenen Sinn zu tun hat. Deswegen aber ist insbesondere die ganze sogenannte Philosophie des Orients für die Geschichte der wissenschaftlichen Philosophie von keinem oder doch nur einem untergeordneten oder begleitenden Interesse. Denn das Charakteristische für das ganze Geistesleben des Orients ist dieses, daß sich hier die Prinzipien oder Keime der verschiedenen einzelnen Gebiete oder Richtungen des letzteren, insbesondere der Wissenschaft, Religion und Poesie von Anfang an in einer gährenden und ungeordneten Weise miteinander vermischen, während allein innerhalb des Okzidents eines selbständige und regelmäßig zusammenhängende Entwicklung eines jeden von ihnen aus seiner eigenen Wurzel stattfindet. Auch im Abendland selbst aber erfährt die Geschichte der wissenschaftlichen Philosophie eine bestimmte Unterbrechung durch diejenige ganze Zeit, welche zwischen dem Aufhören der alten und dem Wiederbeginn der neueren systematischen Philosophie in der Mitte liegt, weil hier der Trieb des philosophischen Erkennens sich wesentlich im Dienst und in der Abhängigkeit von einem anderen fremden Prinzip, dem religiösen, befindet. Eine große Anzahl aller philosophischen Bestrebungen in der Geschichte haben nicht sowohl ein philosophisch-wissenschaftliches als vielmehr nur ein kulturhistorisches Interesse und es kann daher vom ersteren Standpunkt aus nur in Rücksicht auf einen etwaigen indirekten Zusammenhang mit der Entwicklung der systematischen Philosophie auf sie eingegangen werden. In aller Geschichte der Philosophie läßt sich daher eine doppelte Haupt- oder Tagesperiode, die eine des Altertums und die andere der neueren Zeit, welche von einer doppelten ihr vorausgehenden Neben- oder Dämmerungsperiode, der einen des Orients und der anderen jener erwähnten Übergangszeit eingeleitet wird, unterscheiden.


8. Die historischen Organe für die Ausbildung der Philosophie

Die Aufstellung der philosophischen System erfolgt zunächst durch die Tätigkeit einzelner besonders für sie begabter und disponierter Persönlichkeiten in der Geschichte. Diese Persönlichkeiten aber gehören wiederum gemeinhin gewissen ganz besonders durch ihre inneren und äußeren Verhältnisse für die Ausbildung und Pflege der Philosophie begünstigten Völkern in der Geschichte an und es fällt die Geschichte der Philosophie selbst wenigstens in ihren wichtigeren und entscheidenderen Abschnitten immer mit der Lebensgeschichte eines dieser Völker zusammen. Jene Persönlichkeiten also sind gleichsam die nächsten oder unmittelbaren, diese Völker aber die entfernteren oder mittelbaren Organe des menschlichen Geistes für die Ausbildung der Philosophie in der Geschichte. Unter allen Völkern in der Weltgeschichte aber sind es vorzugsweise drei, für welche die Befähigung und der Drang zur Philosophie ein spezifisches Merkmal und gleichsam eine charakteristische Ader in ihrem ganzen nationalen Leben bildet. Diese sind im Orient das indische, im Altertum das griechische und in der neuen Zeit das deutsche. Diese drei Völker aber sind außerdem auch noch durch gewisse andere entscheidende Merkmale, eine hohe poetische Begabung, eine Neigung zur politischen Zersplitterung, sowie durch einen ihr ganzes Wesen durchdringenden geistigen Idealismus miteinander verbunden. Die Philosophie überhaupt aber, obgleich sie an sich nur von einem exklusiven Kreis Einzelner verstanden und gewürdigt werden kann, hat doch ihre tieferen Wurzeln immer in den geistigen Regungen und Gesamtanschauungen der verschiedenen Zeiten und Völker in der Geschichte und es kann deswegen auch sie nur als ein einzelner Ausfluß der allgemeinen historischen Entwicklung des Menschengeschlechts aufgefaßt werden.


9. Die Philosophie bei den Griechen

Die Geschichte der Philosophie im Altertum ist so gut wie ausschließlich ein Eigentum des griechischen Volkes. Bloß die früheste Morgendämmerung dieser Geschichte gehört dem Orient, nur die Abenddämmerung aber den Römern im Westen an. Gerade bei den Griechen fanden sich alle diejenigen Bedingungen vor, die für das erste Entstehen und die weitere Entwicklung der Philosophie notwendig waren. Der scharfsinnig dialektische Geist des Volkes, der Reichtum und die Gewandtheit der Sprache, die Freiheit und Mannigfaltigkeit des politischen Lebens, unter der Gunst dieser und anderer äußerer Umstände erblühte das philosophische Denken der Griechen. Das erste Auftreten der Philosophie bei den Griechen aber fällt in eine Zeit der allgemeinen Umbildung ihres geistigen und politischen Lebens herein. Durch die Tätigkeit der in den einzelnen Staaten auftretenden Gesetzgeber wurden die bis dahin schwankenden und ungeordneten öffentlichen Einrichtungen in eine feste und geregelte Form einzuführen versucht. In den Sentenzen und Erfindungen der sogenannten Weisen gab sich das Erwachen einer höheren verstandesmäßigen Reflexion, in den geheimen Versammlungen der Mysterien aber das in den Maßen gährende Bedürfnis nach einer vollkommeneren geistigen Belehrung oder religiösen Erleuchtung zu erkennen. Wie aber für die Entwicklung aller anderen Zweige des griechischen Lebens, so ist auch für diejenige der Philosophie der Gegensatz des verschiedenen Naturells der ionischen und der dorischen Volkseigentümlichkeit von einer tiefgreifenden Bedeutung gewesen. Die innere Gliederung der Geschichte der griechischen Philosophie aber trifft in ihren einzelnen wichtigeren Abschnitten mit der allgemeinen Gliederung der nationalen Lebensgeschichte selbst zusammen. Innerhalb jener Geschichte treten im Ganzen drei einzelne Abschnitte hervor, einmal die Zeit vor SOKRATES, dann die von SOKRATES bis ARISTOTELES und endlich die spätere oder nacharistotelische Zeit oder die der allmählich ansteigenden Vervollkommnung, die der höchsten wissenschaftlichen Blüte und die der inneren Selbstauflösung oder des Verfalls. Wie aber alles andere Griechische, so ist auch die Philosophie derselben vom heiteren künstlerischen Geist einer gesunden und frischen Objektivität der Welt- und Lebensauffassung durchweht.


10. Die Philosophie und die Mythologie

Die ältesten Wurzeln alles philosophischen Denkens der Griechen sind enthalten in ihrer Mythologie. Die Mythologie ist überhaupt diejenige Erscheinung, welche am ersten Anfang der ganzen geistigen Lebensentwicklung eines jeden Volkes steht. Das Eigentümliche der Mythologie aber ist im Allgemeinen dieses, daß in ihr die drei vornehmsten Bedürfnisse des menschlichen Geistes, das wissenschaftliche des Erkennens der uns umgebenden Welt, das religiöse der ahnenden Erhebung zu einer geistig jenseitigen Persönlichkeit der Gottheit und endlich das poetische der freien inneren Erschaffung einer ästhetischen Gedankenwelt durch die Phantasie, welch in der späteren Zeit zu selbständigen und getrennten Zweigen des Lebens auseinander treten, noch vereinigt und ungeteilt ihre Befriedigung finden. Denn teils ist die Mythologie der erste rohe Versuch eines erkennenden Begreifens der Welt, teils drückt sich in ihr die religiöse Vorstellung von einem Walten der Gottheit aus und teils verdankt sie ihre Entstehung der schaffenden Kraft der inneren Phantasie. Unter dem ersten dieser drei Gesichtspunkte aber besteht das Wesen der Mythologie darin, daß durch sie alle einzelnen Erscheinungen der Natur, welche, insofern sie Wirkungen sind, der Erklärung durch bestimmte hinter ihnen stehende Ursachen zu bedürfen scheinen, zurückgeführt werden auf die freie Tätigkeit persönlicher oder sich mit eigener Willenskraft bestimmender Wesen, der einzelnen Prinzipien oder Potenzen der Gottheit. Der Mensch auf jenem ersten Standpunkt seines Lebens kennt zunächst überall nur sich selbst oder er ist sich des spezifischen Unterschieds der Sphäre seines eigenen Daseins, der subjektiv persönlichen Freiheit, vom Charakter der äußeren Natur oder Objektivität, der allgemeinen gesetzlichen Notwendigkeit noch nicht bewußt. Menschliches und Natürliches, Subjektives und Objektives schwankt in seiner Einbildung noch ungeschieden durcheinander und es bevölkert daher sein Geist die äußere Welt mit Wesen, zu denen er den Typus von sich und seiner eigenen Lebensdifferenz, der persönlichen Freiheit oder individuellen Machtbefähigung entlehnt. Der erste Anfang des philosophischen Denkens bei den Griechen aber ist dahin zu setzen, wo die Erscheinungen der Natur zuerst statt aus subjektiv persönlichen aus objektiv sachlichen oder in ihnen selbst liegenden Gründen und Prinzipien zu erklären versucht werden, obgleich sich als äußere Einkleidung des philosophischen Denkens das phantastisch-mythologische Element auch noch weiterhin und selbst bis auf PLATO herab fortsetzt. Zwischen der ursprünglichen oder ältesten Mythologie aber und dem ersten Beginn der wirklichen Philosophie liegt bei den Griechen eine gewisse Übergangsstufe in der Mitte, welche sich insbesondere an den Namen des ORPHEUS und an gewisse andere gleichzeitige Dichter von Theogonieen und Kosmogonieen anknüpft, durch deren Tätigkeit der überlieferte mythologische Stoff zuerst in eine Art von System gebracht oder in einer höheren Weise zu ordnen und zu gestalten versucht wurde. In dieser Zeit aber finden, wie es scheint, namentlich zwei allgemeine und entscheidende Begriffe zuerst ihre Feststellung, die des Chaos und des Kosmos oder des anfänglichen ungeordneten oder in seinen einzelnen Elementen gemischten und des späteren geordneten oder auf einer Scheidung derselben beruhenden Zustandes der Welt, von denen der letztere als durch die Wirksamkeit der Götter aus dem ersteren hervorgegangen angenommen wurde.


11. Der Charakter des ersten Abschnittes
der Geschichte der griechischen Philosophie

Die Philosophie der Griechen war vom ersten Anfang an nichts als Naturphilosophie oder Metaphysik; denn die äußere Objektivität war dem Denken des Menschen mit innerer Notwendigkeit früher gegenständlich als er selbst oder seine innere geistige Subjektivität. Im ersten Abschnitt der Geschichte der griechischen Philosophie sind es fast allein die Fragen der äußeren Welt, welche das philosophische Denken beschäftigen; dieser Abschnitt aber ist im Allgemeinen mehr ausgezeichnet durch die Menge und die mannigfaltige Verschiedenheit als durch den geistigen Reichtum und die wissenschaftliche Tiefe seiner einzelnen philosophischen Erscheinungen. Es treten aber in demselben überhaupt die allgemeinen Fragen und Probleme, welche die äußere Welt unserem Erkennen darbietet, zuerst hervo; die Wurzeln und Anfänge aller zukünftigen Naturwissenschaft und Metaphysik sind in diesem Abschnitt enthalten. Alles Denken in dieser Zeit aber ist seinem Inhalt nach noch ein fragmentarisches und seiner schriftstellerischen Form nach ein ungebildetes. Der ganze Charakter des Philosophierens ist hier noch ein vollkommen unbefangener und gleichsam kindlich naiver. Für jeden einzelnen philosophischen Standpunkt erscheint die Welt in einem durchaus anderen Licht und es treten hier überhaupt alle diejenigen einzelnen Gesichtspunkte oder Seiten, von welchen der Stoff der äußeren Welt seiner Natur nach durch uns aufgefaßt werden kann, in einer bestimmten geordneten Reihenfolge an ihm hervor. Alle Philosophie dieser Zeit aber gliedert sich in gewisse Reihen oder Schulen von Denkern, deren jede auf einem bestimmten gemeinsamen Prinzip der Weltbetrachtung beruth, welches sich dann in der Regel in jedem einzelnen ihrer Mitglieder um einen gewissen Schritt oder eine Stufe weiter entwickelt. Sowohl zwischen den ganzen Schulen selbst als auch zwischen den Mitgliedern einer jeden einzelnen von ihnen in sich findet ein gewisses Verhältnis der pragmatischen Aufeinanderfolge statt. Häufig aber setzt sich das Prinzip einer bestimmten Schule in dem einer anderen schon weit früher fort, als jenes sich in sich selbst bis zu seinen letzten natürlichen Konsequenzen weiter entwickelt hat. Die ganze Philosophie dieses Abschnitts stellt sich demnach im Allgemeinen unter dem Bild eines Systems von parallelen Linien der Entwicklung dar, von denen jede einzelne immer nur um etwas später ihren Anfang nimmt als die andere.
LITERATUR - Conrad Hermann, Geschichte der Philosophie [in pragmatischer Behandlung], Leipzig 1867