cr-4Hamann und KantReinholdHerderBeck    
 
JOHANN GEORG HAMANN
(1730-1788)

Metakritik über den
Purismus der reinen Vernunft


"Denn nachdem die Vernunft über 2000 Jahre, man weiß nicht was?  jenseits  der Erfahrung gesucht, verzagt sie nicht nur auf einmal an der progressiven Laufbahn ihrer Vorfahren, sondern verspricht auch mit eben so viel  Trotz  den ungeduldigen Zeitverwandten- und zwar in kurzer Zeit - jenen allgemeinen und zum Katholizismus und Despotismus notwendigen und unfehlbaren  Stein der Weisen,  dem die  Religion  ihre  Heiligkeit  und die  Gesetzgebung  ihre  Majestät  flugs unterwerfen wird, besonders in der letzten Neige eines kritischen Jahrhunderts, wo beiderseitiger Empirismus, mit Blindheit geschlagen, seine eigene Blöße von Tag zu Tag verdächtiger und lächerlicher macht."

Sunt lacrumae Rerum - o quantum est in Rebus inane !
(Dinge zum Weinen sind's - O all dies Treiben ist eitel.)

"Ein großer Philosoph hat behauptet, daß allgemeine und abstrakte Ideen nichts als besondere sind, aber an ein gewisses Wort gebunden, welches ihrer Bedeutung mehr Umfang oder Ausdehnung gibt und zugleich uns jener bei einzelnen Dingen erinnert." Diese Behauptung des eleatischen, mystischen und schwärmenden Bischofs von Coyne, GEORGE BERKELEY, erklärt HUME (1) für eine der  größten und schätzbarsten Entdeckungen,  welche zu unserer Zeit in der gelehrten Republik gemacht worden.

Es scheint mir zuvörderst, daß der neue Skeptizismus dem älteren Idealismus unendlich mehr zu verdanken habe, als dieser zufällige und einzelne Anlaß im Vorbeigehen zu verstehen gibt und daß ohne BERKELEY schwerlich HUME der  große Philosoph  geworden wäre, wofür ihn die Kritik aus gleichartiger Dankbarkeit erkläret. Was aber die  wichtige Entdeckung  selbst betrifft: so liegt selbige wohl ohne sonderlichen Tiefsinn im bloßen Sprachgebrauch der gemeinsten Wahrnehmung und Beobachtung des  sensus communis  [des gesunden Menschenverstandes, wp] offen und aufgedeckt.

Zu den  verborgenene Geheimnissen,  deren Aufgabe, geschweige ihre Auflösung, noch in keines Philosophen Herz gekommen sein soll, gehört die Möglichkeit menschlicher Erkenntnis von Gegenständen der Erfahrung,  ohne  und  vor  aller Empfindung eines Gegenstandes. Auf dieser doppelten  Un-Möglichkeit und dem  mächtigen Unterschiede  analytischer und synthetischer Urteile gründet sich die Materie und Form einer transzendentalen Elementar- und Methodenlehre; denn außer dem eigentlichen Unterschiede der Vernunft, als eines  Objekts  oder  Erkenntnisquelle oder auch Erkenntnisart,  gibt es noch einen allgemeinen, schärferen und reineren Unterschied, kraft dessen Vernunft allen Objekten, Quellen und Arten der Erkenntnis zum Grunde liegt, keines von dreien selbst ist und folglich auch weder einen empirischen oder ästhetischen, noch logischen oder diskursiven Begriff nötig hat, sondern bloß in subjektiven Bedingungen besteht, worunter  Alles, Etwas  und  Nichts  als Objekt, Quelle oder Art der Erkenntnis gedacht und wie ein unendliches Maximum oder Minimum zu unmittelbaren Anschauung  gegeben,  auch allenfalls  genommen  werden kann.

Die erste Reinigung der Philosophie bestand nämlich in dem teils mißverstandenen, teils mißlungenen Versuch, die Vernunft von aller Überlieferung, Tradition und Glauben daran unabhängig zu machen. Die zweite ist noch transzendenter und läuft auf nichts weniger, als eine Unabhängigkeit von der Erfahrung und ihrer alltäglichen Induktion hinaus. - Denn nachdem die Vernunft über 2000 Jahre, man weiß nicht was?  jenseits  der Erfahrung gesucht, verzagt sie nicht nur auf einmal an der progressiven Laufbahn ihrer Vorfahren, sondern verspricht auch mit eben so viel  Trotz  den ungeduldigen Zeitverwandten- und zwar in kurzer Zeit - jenen allgemeinen und zum Katholizismus und Despotismus notwendigen und unfehlbaren  Stein der Weisen,  dem die  Religion  ihre  Heiligkeit  und die  Gesetzgebung  ihre  Majestät  flugs unterwerfen wird, besonders in der letzten Neige eines kritischen Jahrhunderts, wo beiderseitiger Empirismus, mit Blindheit geschlagen, seine eigene Blöße von Tag zu Tag verdächtiger und lächerlicher macht.

Der  dritte,  höchste und gleichsam  empirische Purismus  betrifft also noch die  Sprache,  das einzige, erste und letzte Organon und Kriterium der Vernunft, ohne ein anderes Kreditiv als  Überlieferung  und  Usum  [Gewohnheit, wp]. Es geht aber einem auch beinah mit diesem  Idol,  wie jenem Alten mit dem  Ideal  der Vernunft. Je länger man nachdenkt, desto tiefer und inniger man verstummt und alle Lust zu reden verliert. "Weh den Tyrannen, wenn sich Gott um sie bekümmern wird! Wozu fragen sie also nach Ihm? Mene, mene, tekel den Sophisten! ihre Scheidemünze wird zu leicht gefunden und ihre Wechselbank zerbrochen werden!

 Rezeptivität der Sprache  und  Spontaneität  der Begriffe! - Aus dieser doppelten Quelle der Zweideutigkeit schöpft die reine Vernunft alle Elemente ihrer Rechthaberei, Zweifelsucht und Kunstrichterschaft, erzeugt durch eine ebenso willkürliche Analysis als Synthesis des dreimal alten Sauerteigs neue Phänomene und Meteore des wandelbaren Horizonts, schafft Zeichen und Wunder mit dem Allhervorbringer und Zerstörer, dem merkurischen Zauberstabe ihres Mundes oder dem gespaltenen Gänsekiel zwischen den drei syllogistischen Schreibefingern ihrer herkulischen Faust - -

Schon dem Namen  Metaphysik  hängt dieser Erbschaden und Aussatz der Zweideutigkeit an, der dadurch nicht gehoben, noch weniger verklärt werden mag, daß man bis zu seinem Geburtsort, der in der zufälligen Synthese eines griechischen  Vorworts  liegt, zurückgeht. Gesetzt aber auch, daß es in der tranzendentalen Topik auf den empirischen Unterschied  hinten  und  über  noch weniger ankäme, als bei einem a priori und a posteriori auf ein  hysteron proteron,  [das Spätere ist das Frühere, wp] so breitet sich doch das Muttermal des Namens von der Stirn bis in die Eingeweide der ganzen Wissenschaft aus und ihre Terminologie verhält sich zu jeder anderen Kunst-, Weid-, Berg- und Schulsprache, wie das Quecksilber zu den übrigen Metallen.

Zwar sollte man aus so manchen  analytischen  Urteilen auf einen  gnostischen  Haß gegen Materie oder auch auf eine  mystische  Liebe zur Form schließen: dennoch hat die Synthesis des Prädikats mit dem Subjekt, worin zugleich das eigentliche Objekt der reinen Vernunft besteht, zu ihrem Mittelbegriff weiter nichts, als ein altes kaltes Vorurteil für die Mathematik vor und hinter sich, deren apodiktische [unumstößlichen, wp] Gewißheit hauptsächlich auf eine gleichsam kyriologische [nach dem Wortlaut zu verstehende, wp] Bezeichnung der einfachsten sinnlichen Anschauung, und hiernächst auf die Leichtigkeit ihre Synthesis und die Möglichkeit derselben in augenscheinlichen Konstruktionen oder symbolischen Formeln und Gleichungen, durch deren Sinnlichkeit aller  Mißverstand  von selbst ausgeschlossen wird, zu bewähren und darzustellen. Unterdessen aber die Geometrie so gar die  Idealität  ihrer Begriffe von Punkten ohne Teile, von Linien und Flächen auch nach idealisch geteilten Dimensionen durch empirische Zeichen und Bilder bestimmt und figiert; mißbraucht die Metaphysik alle Wortzeichen und Redefiguren unserer empirischen Erkenntnis zu lauter Hieroglyphen und Typen idealischer Verhältnisse und verarbeitet durch diesen gelehrten Unfug die  Biederkeit  der Sprache in ein so sinnloses, läufiges, unstetes, unbestimmbares Etwas = x, daß nichts als ein windiges Sausen, ein magisches Schattenspiel, höchstens wie der weise HELVETIUS sagt, der Talisman und Rosenkranz eines transzendentalen Aberglaubens an  entia rationis,  [ein Gedankending, wp] ihre leeren Schläuche als Losung übrig bleibt. Endlich versteht es sich am Rande, daß, wenn die Mathematik sich einen Vorzug des Adels wegen ihrer allgemeinen und notwendigen Zuverlässigkeit anmaßen kann, auch die menschliche Vernunft selbst dem unfehlbaren und untrüglichen  Instinkt  der Insekten nachstehen müßte.

Bleibt es also ja noch eine Hauptfrage:  wie  das Vermögen zu denken möglich sei? - das Vermögen,  rechts  und  links, vor  und  ohne, mit  und  über  die Erfahrung hinauszudenken? So braucht es keiner Deduktion, die genealogische Priorität der  Sprache  von den  sieben  heiligen Funktionen logischer Sätze und Schlüsse und ihre Heraldik [Wappenkunst, wp] zu beweisen. Nicht nur das ganze Vermögen zu denken beruth auf Sprache, den unerkannten Weissagungen und gelästerten Wundertaten des verdienstreichen SAMUEL HEINEKE zufolge: sondern Sprache ist auch der  Mittelpunkt des Mißverstandes der Vernunft mit ihr selbst,  teils wegen der häufigen Koinzidenz des größten und kleinsten Begriffs, seiner Leere und Fülle in idealischen Sätzen, teils wegen des unendlichen der Rede - vor den Schlußfiguren und dgl. viel mehr.

 Laute  und  Buchstaben  sind also reine Formen  a priori,  in denen nichts, was zur Empfindung oder zum Begriff eines Gegenstandes gehört, angetroffen wird und die wahren ästhetischen Elemente aller menschlichen Erkenntnis und Vernunft. Die älteste Sprache war Musik und nebst dem fühlbaren Rhythmus des Pulsschlages und des Odems in der Nase, das leibhafte Urbild allen  Zeitmaßes  und seiner Zahlverhältnisse. Die älteste Schrift war Malerei und Zeichnung, beschäftigte sich also ebenso früh mit der  Ökonomie des Raums,  seiner Einschränkung und Bestimmung durch Figuren. Daher haben sich die Begriffe von  Zeit  und  Raum  durch den überschwenglich beharrlichen Einfluß der beiden edelsten Sinne, Gesicht und Gehör, in die ganze Sphäre des Verstandes, so allgemein und notwendig gemacht, als Licht und Luft für Aug, Ohr und Stimme sind, daß Raum und Zeit, wo nicht  ideae innatae,  [angeborene Idee, wp] doch wenigstens  matrices  [Mutterformen, wp] aller anschaulichen Erkenntnis zu sein scheinen.

Entspringen aber  Sinnlichkeit  und  Verstand  als zwei Stämme der menschlichen Erkenntnis aus  Einer  gemeinschaftlichen Wurzel, so daß durch jene Gegenstände  gegeben  und durch diesen  gedacht  werden; zu welchem Behuf nun eine so gewalttätige, unbefugte, eigensinnige Scheidung desjenigen, was die Natur zusammengefügt hat! Werden nicht alle beide Stämme durch eine Dichotomie [Gegensätzlichkeit, wp] und Zwiespalt ihrer gemeinschaftlichen Wurzel ausgehen und verdorren? Sollte sich nicht zum Ebenbild unserer Erkenntnis ein einzige Stamm besser schicken, mit zwei Wurzeln, einer  oberen  in der Luft und einer  unteren  in der Erde? Die erste ist unserer Sinnlichkeit preisgegeben, die letzte hingegen unsichtbar und muß durch den  Verstand  gedacht werden, welches mit der Priorität des  Gedachten  und der Posteriorität des  Gegebenen  oder Genommenen, wie auch mit der beliebten Inversion [Umkehrung, wp] der reinen Vernunft in ihren Theorien mehr übereinstimmt.

Es gibt vielleicht noch einen  chymischen Baum der Diana  nicht nur zur Erkenntnis der Sinnlichkeit und des Verstandes, sondern auch zur Erläuterung und Erweiterung beiderseitiger Gebiete und ihrer Grenzen, welche durch eine  per antiphrasin  [Ersetzung durch das Gegenteil, wp] getaufte reine Vernunft und ihre dem herrschenden Indifferentismus fröhnende Metaphysik (jene alte Mutter des Chaos und der Nacht in allen Wissenschaften der Sitten, Religion und Gesetzgebung!) so dunkel, verwirrt und öde gemacht worden sind, daß erst aus der  Morgenröte  der verheißenen nahen Umschaffung und Aufklärung der Tau einer reinen Natursprache wiedergeboren werden muß.

Ohne jedoch auf den Besuch eines neuen, aus der Höhe aufgehenden, LUZIFERs zu warten, noch mich am Feigenbaum der  großen Göttin Diana!  zu vergreifen, gibt uns die schlechte Busenschlange der gemeinen Volkssprache das schönste Gleichnis für die hypostatische Vereinigung der sinnlichen und verständlichen Naturen, den gemeinschaftlichen Idiomenwechsel ihrer Kräfte, die synthetischen Geheimnisse beider korrespondierenden und sich widersprechenden Gestalten  a priori  und  a posteriori,  samt der Transsubstantiation [Wesensverwandlung, wp] subjektivischer Bedingungen und Subsumtionen in objektive Prädikate und Attribute durch die  copulam  eines Macht- oder Flickwortes zur Verkürzung der langen Weile und Ausfüllung des leeren Raums in periodischen Galimathias [sinnloses Geschwätz, wp] per These und Antithese.

O um die  Handlung  eines DEMOSTHENES und seine dreieinige Energie der Beredsamkeit oder die noch kommen sollende Mimik, ohne die panegyrisch[in Form einer prunkvollen Rede, wp] klingende Schelle einer Engelszunge! so würd ich dem Leser die Augen öffnen, daß er vielleicht sähe - Heere von Anschauungen in die Veste des reinen Verstandes hinauf - und Heere von Begriffen in den tiefen Abgrund der fühlbarsten Sinnlichkeit herabsteigen, auf einer Leiter, die kein Schlafender sich träumen läßt - und den Reihentanz dieser Mahanaim [hebr. Doppellager, wp] oder zweier Vernunftheere - die geheime und ärgerliche Chronik ihrer Buhlschaft und Notzucht - und die ganze Theogonie [Werk über die Entstehung der Welt und der Götter, wp] aller Riesen- und Heldenformen der Sulamith und Muse[Anspielung auf Salomos Liebe zu seiner Muse Sulamith, die keine Erfüllung fand / wp], in der Mythologie des Lichts und der Finsternis - bis auf das Formenspiel einer alten  Baubo  [hundsgestaltiger, weiblicher Schreckdämon aus der griechischen Mythologie, wp]  mit ihr selbst  - inaudita specie solaminis [ein unerhört wirkungsvoller Trost, wp], wie der heilige AMBROSIUS sagt - und einer neuen  unbefleckten Jungfrau,  die aber keine  Mutter Gottes  sein mag, wofür sie der heilige ANSELMUS hielt. -

Wörter haben also ein  ästhetisches  und  logisches  Vermögen. Als sichtliche und lautbare Gegenstände gehören sie mit ihren Elementen zur  Sinnlichkeit  und  Anschauung,  aber nach dem Geist ihrer  Einsetzung  und  Bedeutung zum  Verstand  und  Begriffen.  Folglich sind Wörter sowohl reine und empirische  Anschauungen,  als auch reine und empirische  Begriffe: empirisch,  weil Empfindung des Gesichts oder Gehörs durch sie bewirkt -  rein,  insofern ihre Bedeutung durch nichts, was zu jenen Empfindungen gehört, bestimmt wird. Wörter, als unbestimmte Gegenstände empirischer Anschauungen, heißen nach dem Grundtext der reinen Vernunft,  ästhetische Erscheinungen.  Folglich sind nach der ewigen Leier des antithetischen Parallelismus, Wörter als unbestimmte Gegenstände empirischer Begriffe, kritische  Erscheinungen, Gespenster, Nicht- oder Unwörter,  und werden durch ihre Einsetzung und Bedeutung des Gebrauchs zu bestimmten Gegenständen für den Verstand. Diese Bedeutung und ihre Bestimmung entspringt, weltkundigermaßen, aus der Verknüpfung eines zwar a priori willkürlichen und gleichgültigen, a posteriori aber notwendigen und unentbehrlichen Wortzeichens mit der Anschauung des Gegenstandes selbst und durch dieses widerholte Band wird dem Verstand eben der Begriff vermittels des Wortzeichens als vermittels der Anschauung selbst mitgeteilt, eingeprägt und einverleibt.

Ist es nun möglich, frägt der Idealismus von der einen Seite, aus der bloßen Anschauung eines Worts den Begriff desselben zu finden? Ist es möglich, aus der Materie des Wortes  Vernunft,  seinen 7 Buchstaben oder 2 Silben - ist es möglich, aus der Form, welche die Ordnung dieser Buchstaben und Silben bestimmt, irgend etwas vom Begriff des Worts Vernunft herauszubringen? Hier antwortet die Kritik mit ihren beiden Wagschaalen gleich. Zwar gibt es in einigen Sprachen mehr oder weniger Wörter, aus denen Logogryphen [Worträtsel, wp], welsche Charaden und witzige Rebus durch eine Analyse und Silbe der Buchstaben oder Silben in neuen Formen erschaffen werden können. Alsdenn sind es aber neue Anschauungen und Erscheinungen von Wörtern, die mit dem Begriff des gegebenen Wortes ebensowenig übereinstimmen, als die verschiedenen Anschauungen selbst.

Ist es ferner möglich, frägt der Idealismus von der anderen Seite, aus dem Verstand die empirische Anschauung eines Worts zu finden? Ist es möglich, aus dem Begriff der Vernunft die Materie ihres Namens, d. h. die 7 Buchstaben oder 2 Silben im deutschen oder irgendeiner anderen Sprache zu finden? Hier deutet die eine Wagschaale der Kritik ein entscheidendes Nein! Sollte es aber nicht möglich sein, aus dem Begriff die Form seiner empirischen Anschauung im Wort herzuleiten, vermöge welcher Form die eine von 2 Silben a priori und die andere a posteriori steht oder daß die 7 Buchstaben, in bestimmtem Verhältnis geordnet, angeschaut werden? Hier schnarcht der Homer der reinen Vernunft ein so lautes Ja! wie Hans und Grete vor dem Altar, vermutlich, weil er sich den bisher gesuchten allgemeinen Charakter einer philosophischen Sprache, als bereits erfunden im Geist geträumt.

Diese letzte Möglichkeit nun, die Form einer empirischen Anschauung ohne Gegenstand noch Zeichen desselben aus der reinen und leeren Eigenschaft unseres äußeren und inneren Gemüts heraus zu schöpfen ist eben das  dos moi pou sto  [Gib mir einen Platz, wo ich stehen kann und ich werden die Welt aus den Angeln heben. Satz des Archimedes / wp] und  proton pseudos,  [erste Lüge, Grundirrtum, falsche Voraussetzung - wp] der ganze Eckstein des kritischen Idealismus und seines Turm- und Logenbaues der reinen Vernunft. Die gegebenen oder genommenen Materialien gehören den kategorischen und idealischen Wäldern, peripatitischen [aristotelischen, wp] und akademischen Vorratskammern. Die Analyse ist nichts mehr als jeder Zuschnitt nach der Mode, wie die Synthese, die Kunstnaht eines zünftigen Leder- oder Zeugschneiders. Was die Transzendental-Philosophie metagrabolisiert [auf vergeblichen Fang das Blei auswerfen / schreibend Leeres ausloten, wp], habe ich, um der schwachen Leser willen, auf das Sakrament der Sprache, den Buchstaben ihrer Elemente, den Geist ihrer Einsetzung gedeutet und überlasse es einem jeden, die geballte Faust in eine flache Hand zu entfalten. - -

Vielleicht ist aber ein ähnlicher Idealismus die ganze Scheidewand des Juden- und Heidentums. Der Jude hatte das Wort und die Zeichen, der Heide die Vernunft und ihre Weisheit.
LITERATUR - Hamanns Schriften, herausgegeben von Friedrich Roth, Bd.7, Metakritik über den Purismus der reinen Vernunft, Leipzig 1825
    Anmerkungen
    1) Siehe "A Treatise of human nature: being an attempt to reproduce the experimental reasoning into moral subjects", Vol. I of the Understanding. London 1739, Seite 34. Dieses meines Wissens  erste  Meisterstück des berühmten DAVID HUME soll zwar ins Französische, aber noch nicht wie sein letzteres ins Deutsche übersetzt sein. Auch die Übersetzung von des scharfsinnigen BERKELEY  philosophischen Werken  ist leider ins Stocken geraten. Der erste Teil kam bereits 1781 zu Leipzig heraus und enthält nur die  Gespräche zwischen Hylas und Philonous,  welche schon in der  Eschenbacher Sammlung der Idealisten,  Rostock 1756, stehen.