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KARL EIBL
Sprachskepsis bei Gustav Sack

"Die Hinterwelt - das sind die Allgemeinbegriffe. Ein qualitativer Sprung des Denkens aus der Wirklichkeit heraus in die Apriorität des Sprachsystems findet nicht erst mit der Annahme eines persönlichen Gottes statt"

Es ist fast ein Gemeinplatz geworden, daß HUGO von HOFMANNSTHAL in seinem vielzitierten  Brief  des Lord Chandos nicht nur eine persönliche Krise, sondern die Grunderfahrung einer ganzen Generation formuliert hat. In zahlreichen Einzelhinweisen wurden Umfang und Bedeutung der Sprachkrise zu Beginn dieses Jahrhunderts skizziert, doch wurde bisher noch keine umfangreichere und eingehendere Gesamtdeutung des Phänomens gegeben.

GUSTAV SACKs Werk ist durchzogen von grundsätzlicher Kritik am Wesen der Sprache; diese Art von Sprachkritik wird im Mittelpunkt der Untersuchung stehen. Daneben aber findet sich auch partielle Sprachkritik: Kritik nicht am Wesen der Sprache, sondern an ihrem augenblicklichen Zustand, am aktuellen Sprachgebrauch. So ähnlich diese beiden Formen von Sprachkritik einander im Erscheinungsbild unter Umständen sein können, so verschieden sind doch die Haltungen, aus denen sie erwachsen; denn Kritik am Sprachgebrauch impliziert ein Wissen um  Richtigkeit,  impliziert den Glauben an das Wesen der Sprache, während grundsätzliche Sprachkritik gerade in der Skepsis gegenüber diesem Wesen wurzelt.

SACKs Sprachkritik betrifft die Allgemeinbegriffe. Sie sind Namen für Dinge, die es nicht in der Wirklichkeit, sondern allenfalls im Denken gibt,  flatus vocis,  Wortfetische eines durch die Sprache korrumpierten Geistes. Selbst wo sie den Schein des Induktiven wahren, verlassen sie die Wirklichkeitswelt und lügen das System einer hinter dieser liegenden eigentlichen Welt.

Die  Hinterwelt:  das sind die Allgemeinbegriffe. Ein qualitativer Sprung des Denkens aus der Wirklichkeit heraus in die Apriorität des Sprachsystems findet nicht erst mit der Annahme eines persönlichen Gottes statt, auch oberste Allgemeinbegriffe anderer Art sind Worte ohne Inhalt, ja, schon die durch Abstraktion gewonnenen Allgemeinbegriffe unterster Ordnung liegen jenseits der Grenze.

Sieht man vn der Problematik des Gottesbegriffs ab, so folgt SACK hier der antiplatonischen Konzeption des klassischen Nominalismus. Genera und Species sind Namen allenfalls für Vorstellungen, Zeichen eines Gedachten, nicht eines Wirklichen. Einzig den Individualbegriffen - jenen Begriffen, die ein nicht mehr Teilbares bezeichnen, also keine Zusammenfassung mehr geben - entspricht etwas Wirkliches. Es gibt das Infusorium so wenig, wie es Gott gibt, es gibt nur das je einzelne Lebewesen, das im Tümpel herumschwimmt.

Nur die Empfindungen, so lehrte ERNST MACH, der populärste Vertreter des deutschen Positivismus seien wirklich; die Dinge seien Empfindungen, zu Empfindungskomplexen zusammengefaßt aus Gründen der "Denkökonomie". Und ERNST von ASTER formuliert:
    "Das Ding selbst ist kein zur Gegebenheit zu bringendes Gebilde, sondern ein  Fictum,  es gibt nur das zusammenfassende Wortsymbol, keine ihm entsprechende Sache."
Es geht nun nicht mehr um die Frage, welches Maß an Realität den Begriffen zukommt, die über der  plumpen  Wirklichkeit stehen. Die empirische Wirklichkeit, auf die das intellektuelle Gewissen den Wirklichkeitsbegriff eingeschränkt hat, wird nun selbst fragwürdig, - nicht weil hinter ihr noch ein Absolutes stehen könnte, das sie relativiert, sondern weil die Erscheinungen selbst in ihrer Abgegrenztheit und Individualität durch eine Zutat des Geistes, durch das Wort, genau: durch das Substantiv, entstanden sind.

Das Wort verdirbt das Denken, weil es in das konturlose Fluktuieren der Empfindungen Kontinuitäten und Kohärenzen hineinlügt; weil es den ständig wechselnden menschlichen Sensationen bleibende Substantien als Ursachen unterstellt und damit schon auf niedrigster Stufe, der des scheinbaren Konkretums, einen Dualismus von Schein und  Hinterwelt  konstituiert. Eine Stelle aus VAIHINGERs Hauptwerk spricht die Rolle der Sprache in diesem Zusammenhang so deutlich aus, daß sie weitläufige Erklärungen überflüssig macht:
    " Das Denken fingiert ein Ding,  dem es seine Empfindungen als Eigenschaften anhängt;  mit Hilfe dieser Fiktion  arbeitet es sich heraus aus dem Meer der anstürmenden Empfindungen (...) Und diese Aufstellung des Dinges wäre nie möglich gewesen ohne Mithilfe der Sprache, welche für das Ding ein Wort hergibt, und welche den Eigenschaften besondere Namen gibt. An das Wort heftet sich nun jeder Wahn, es gäbe eine Ding, welches Eigenschaften habe: das Wort gestattet die Fixierung dieses Irrtums."
Dieser sensualistische Positivismus, der die Wesenlosigkeit der angeblichen Individualbegriffe lehrte, da auch sie nur Allgemeinbegriffe seien, "summatorische Fiktionen" in VAIHINGERs Diktion, Denkfehler ähnlich dem, den SCHOPENHAUER KANT nachgewiesen hatte, - dieser Sensualismus hatte eine fast unentbehrliche pragmatische Komponente.

MACHs Begriff der Denkökonomie wurde bereits erwähnt, und von VAIHINGER sei noch der typische Satz zitiert:
    " Der Wunsch, die Welt zu begreifen, ist nicht bloß ein unerfüllbarer, er ist auch ein törichter Wunsch." 
Was WILHELM WINDELBAND die Möglichkeit gibt, alle diese Gedanken unter dem Begriff  Hominismus  zusammenzufassen, ist die ihnen gemeinsame Behauptung, daß die Wahrheit nur für den Menschen ist. Und das im doppelten Sinn zu verstehen: Erkennbar ist immer nur eine relative, menschliche Wahrheit, keine absolute, auch die Möglichkeit begrenzter Teilhabe an einer absoluten Wahrheit oder einer Progression zu ihr wird meist verneint; und  für den Menschen  ist diese Wahrheit nur insofern, als sie im Dienste der Bewältigung des Lebens steht, als sie ihm nützt. Damit fällt der Begriff des  Wahren,  an seine Stelle tritt der des Nützlichen. Noch einmal sei VAIHINGER zitiert:
    " Der erste Zweck des logischen Denkens ist ein praktischer,  die logische Funktion dient der Selbsterhaltung."
Die Entlarvung der Allgemeinbegriffe als "Wortspaß" führt zum klassischen Nominalismus. Das Subjekt steht nun einer unendlichen Zahl einzelner Objekte gegenüber, die alle Eigenwert besitzen und zwischen denen keine Gemeinsamkeit mehr sind, denn jede Gemeinsamkeit wäre ja schon eine Abstraktion. Die Orientierung des Ich ist bereits äußerst eingeschränkt.

Die Sprache, so hat sich gezeigt, ist für SACK ein Kontinuum, das sich zwischen zwei Polen spannt: Auf der einen Seite steht die Unendlichkeit des Bewußtseins, die vom Glauben an den obersten Allgemeinbegriff "Gott" gewährleistet wird; das Ich weiß sich aufgehoben und definiert in der Teilhabe an einem unendlich Großen.

Auf der anderen Seite steht die Punktualität des Bewußtseins, die aus der Überzeugung folgt, daß alle Begriffe nur Unwirkliches bezeichnen; das Ich steht ohne alle Orientierungsmöglichkeit in einem unendlich Kleinen. Dazwischen liegen die verschiedenen Stufen sprachlicher Abstraktion. Keines der beiden Extreme und keine der dazwischen liegenden Stufen ist für einen Beweis zugänglich.

SACKs Skepsis ist radikal; sie versagt sich nicht nur den Gottes- und den Sprachglauben, sondern auch den "negativen Dogmatismus" einer Leugnung aller Wirklichkeit. Zur letzten Skepsis gehört auch die Skepsis gegen die Skepsis: Die Einsicht, daß Skepsis als im jeweiligen Denkakt verwirklichte Erkenntniskritik nur Aussagen über die Beweisbarkeit eines Satzes fällen kann, nicht über seine Wahrheit, nur über Lösbarkeit und Unlösbarkeit eines Problems, nicht über das Problem selbst. SACK kommt zu dem Ergebnis, daß kein Satz beweisbar, kein Problem lösbar ist.

Ein entscheidender Einschnitt nicht nur im Lebenslauf SACKs, sondern vor allem auch in seiner Auseinandersetzung mit der Sprache ist sein Aufbruch nach München. Während für die Erklärung seiner beiden Romane SCHOPENHAUER, NIETZSCHE und jene Philosophie herangezogen werden mußten, die SACK vom Katheder gehört haben wird, so müssen nun neue Einflüsse berücksichtigt werden: SACK begegnet dem zeitgenössischen Literaturgespräch. Diese Auseinandersetzung wird ihn bereichern, sie wird ihn aber auch dazu zwingen, schon gefestigte Positionen neu zu durchdenken und zu formulieren.

Die folgende geschichtliche Orientierung wird in drei Schritten vollzogen: Sie wird FRITZ MAUTHNERs Sprachkritik, GUSTAV LANDAUERs Programmschrift  Skepsis und Mystik  und HUGO von HOFMANNSTHALs  Brief  des Lord Chandos behandeln. Allen dreien ist ein spezifischer Lösungsversuch gemeinsam: Eine Konsequenz, die - nach MAUTHNERs und LANDAUERs Vorbild - "Mystik" genannt sei. SACK wird in der Auseinandersetzung mit dieser Mystik zu seiner eigenen Konzeption finden.

HOFMANNSTHALs Chandos-Brief,  so schreibt LANDAUER schon im Jahr nach dessen Erscheinen in  Skepsis und Mystik,  sei ein "Manifest, das wohl nicht ohne Kenntnis der Sprachkritik MAUTHNERs verfaßt sein wird". Die Richtigkeit dieser Vermutung - auch Alfred Liede spricht sie aus - kann hier nicht überprüft werden. Es wurde schon gezeigt, daß Sprachkritik in dieser Zeit durchaus nicht Privileg MAUTHNERs ist, daß er nur in einem gigantischen Werk die vielfach auftauchenden panlinguistischen und skeptizistischen Strömungen der Zeit wie in einem Brennspiegel zusammengefaßt und zu einem panlinguistischen Skeptizismus ausbaut.

Wichtiger ist, daß auch LANDAUER, der nicht zum engeren Kreis der Wiener Jahrhundertwende gehört, diesen  Brief  als ein Manifest empfindet. Hier ist eine der Stellen, an denen deutlich wird, daß HOFMANNSTHAL mit dem  Brief  tatsächlich Sprecher einer neuen Dichtergeneration wurde. Die Perspektive, unter welcher der Chandos- Brief  im Folgenden betrachtet werden soll, ist damit festgelegt: Nicht, was er im Schaffen HOFMANNSTHALs bedeutete, soll gezeigt werden; wichtiger wird es sein, auf Grund des bisher Festgestellten zu ermitteln, inwiefern HOFMANNSTHAL hier die Grunderfahrung einer ganzen Generation formuliert, - der Generation, der auch SACK zugehört.

Schon der Name des Adressaten ist in hohem Maße verbunden sowohl mit dem Denken der Zeit als auch speziell mit dem Sprachproblem. Einmal hat BACON seinen festen Platz im Umkreis des Positivismus als Vater des neuzeitlichen Empirismus und als Verfechter der Beherrschung der Natur durch Erfindungen. Zum zweiten sind in seiner Idolenlehre zweifellos Elemente einer - allerdings partiellen und vornehmlich auf falschen  Sprachgebrauch  gerichteten - Sprachkritik zu finden.

MAUTHNER konnte unter dem Stichwort "Bacons Gespensterlehre" eine Übersetzung liefern, die - freilich unter genialischer Mißachtung des Gebotes gesetzgeberischer Treue - fast identisch ist mit seiner eigenen Lehre. SACK hat diesen Abschnitt in München exzerpiert. HOFMANNSTHALs berühmtester Satz aus der Besprechung der MITTWURZER-Monographie: "Für gewöhnlich stehen nicht die Worte in der Gewalt der Menschen, sondern die Menschen in der Gewalt der Worte" ist die fast wörtliche Übersetzung des zweiten Satzes des Abschnitts 59 über die Idola fori.

Chandos Bericht gliedert sich in drei Abschnitte. Zunächst nimmt er des Adressaten Mahnung zum Anlaß, frühere Werke und Pläne zu charakterisieren. Im zweiten Teil berichtet er über das Erlebnis des Sprachzerfalls. Der dritte, umfangreichste Teil gilt der Schilderung des gegenwärtigen Zustandes.

Der erste Teil des  Briefes  zeigt deutlich das Stadium des Dichtens an, in dem Chandos an die Grenzen der Sprache stößt. Die Wortwelt wird in dem Augenblick fragwürdig, da die Wahrheit nicht mehr in der Stimmigkeit der Zeichen untereinander gesucht wird, sondern in der Entsprechung von Ordnung der Zeichen und Ordnung des Bezeichneten, von Menschensprache und Wirklichkeit. Wenn Chandos, schon am Glauben verzweifelt, metaphorisch von der "göttlichen Vorsehung" spricht, die ihn "aus einer aufgeschwollenen Anmaßung in dieses Äußerste an Kleinmut und Kraftlosigkeit gestürzt" habe, so ist das die bildhafte Einkleidung eines Sachverhaltes, den er als kausale Notwendigkeit sieht.

Sein naiver Sprachglaube, der keine Spaltung kannte, konnte bestehen in der Weltlosigkeit seiner früheren Werke. Vermessen und blind hatt er geglaubt, seiner Sprache stehe alles zur Verfügung, und so trat er aus der Unverbindlichkeit heraus und versuchte, einen  orbis pictus  (Bild der Welt) zu schaffen. Er verläßt damit die Apriorität des sprachlichen Formenspiels und tritt in eine neue Welt: in die Wirklichkeitswelt, mit der konfrontiert die Wortwelt zerbricht.

Es mag befremden, HOFMANNSTHAL und SACK in einem Atemzug genannt zu hören. Zu verschieden erscheint das Temperament, zu verschieden die geistige Heimat, zu verschieden der Stil und schließlich auch der dichterische Rang. Und doch sind sie Zeitgenossen und treffen sich in der Gestaltung der Sprachskepsis in einer Weise, die von geistiger Verwandtschaft zu sprechen erlaubt. Vor allem die Schritt, in denen sich nun Chandos Anfechtung ausbreitet wie ein "um sich fressender Rost", entsprechen genau denen, die unsere systematisierende Analyse von SACKs  Erich-Roman  (1) ergab.

Zunächst ist es der Gottesglaube, der aus seiner Wörtlichkeit gelöst wird und nur noch als "erhabene Allegorie" zu begreifen ist. Die "religiösen Auffassungen" werden zu "Spinnennetzen, durch welche meine Gedanken hindurchschießen ins Leere". Kaum anders war es Erich ergangen; auch er mußte erkennen, daß die traditionellen religiösen Vorstellungen nur anthropomorphe Bilder sind, und seine Sehnsucht trieb ihn, hindurchzustoßen durch diese Verschleierungen der Wahrheit, hinaus ins Leere, in eine inhaltlose Transzendenz.

"Aber auch die irdischen Begriffe entziehen sich mir in der gleichen Weise". Wieder sind es zunächst Begriffe höchster Ordnung, "Geist", "Seele" oder "Körper": Die traditionelle Dreiteilung des Menschen, die nach dem Zerfall des Glaubens eine Ersatzordnung auf philosophischer Grundlage gewährleisten könnte.

Im Chandosbrief führt von den obersten Allgemeinbegriffen bis hin zu den scheinbaren Individualbegriffen eine Kontinuum des Zweifels, stilistisch gespiegelt in der Mehrdeutigkeit des Wortes "abstrakt", bildhaft dargestellt dadurch, daß die "Leere" hinter den religiösen Begriffen wiederkehrt in dem Schlußsatz dieses Abschnittes: Die einzelnen Worte sind "Wirbel, in die hinabzusehen mich schwindelt, die sich unaufhaltsam drehen und durch die hindurch man ins Leere kommt".

Nun führt Chandos ein Leben, das er "geistlos" und "gedankenlos" nennt. Um verständlich zu sein, begibt er sich mit dieser Formulierung in die Welt dessen, der noch an die Sprache glaubt. "Geist" als Sprache, "Gedanke" als sprachliche Einheit, das ist ihm fremd geworden; nur noch in Worten, die durch ihre Paradoxie über sich hinausweisen oder durch ein "irgendwie" halb zurückgenommen werden und damit Schweigezonen ins Gesprochene hineintragen, vermag er sein neues Verhältnis zur Welt zu schildern.

Er denkt nicht mehr mit der Sprache, sondern "mit dem Herzen", es ist "Denken in einem Material, das unmittelbarer, flüssiger, glühender ist als Worte". Wieder sind es "Wirbel", aber sie führen nicht mehr ins Bodenlose, sondern "irgendwie in mich selber und in den tiefsten Schoß des Friedens". Am deutlichsten wird die paradoxale Struktur seiner Aussagen an der vielzitierten Stelle, wo er von jener Sprache spricht, "in welcher die stummen Dinge zu mir reden", und die vollends aus dem Bereich des Diesseitigen herausgenommen wird durch den Zusatz: "... und in welcher ich vielleicht einst im Grabe vor einem unbekannten Richter mich verantworten werde."

Das ist nicht mehr Sprache, mit der Dinge bezeichnet werden sollen, sondern Sprache, in der eine Kommunikation mit den Dingen selbst möglich ist. Denn sie ist ein wortloses "Hinüberfließen", die  Außenhaut  des Ich wird transparent. - Und hier spätestens ist der Hinweis notwendig, daß HOFMANNSTHAL in seiner Dissertation MACH als einen seiner Lehrer nennt. Der "vereinfachende Blick der Gewohnheit", also doch - "Denkökonomie" ermöglichte das Sprechen. Chandos steht nun nicht mehr einer Welt gegenüber, die von der Sprache vermittelt und geformt ist. Er verzichtet auf eine in Schemen befangene geistige Existenz, um unmittelbarer Teil der Welt zu sein.

War ihm früher "jede Kreatur ein Schlüssel der andern", so bezieht er sich nun selbst in diese Kreatürlichkeit ein, und es ist ihm "als bestünde mein Körper aus lauter Chiffren, die mir alles aufschließen". Der Verzicht auf die geistige Existenz läßt die Schranken des Ich fallen, löst es auf in "Elemente", die nun ungeschieden neben denen der Materie stehen: Es gibt nun unter den gegeneinander spielenden Materien keine, in die ich nicht hinüberzufließen vermöchte".


Sacks Mystik-Kritik

Sprachskepsis und Mystik, so hat sich gezeigt, sind vielfach komplementäre Erscheinungen. Sie sind es immer dort, wo Denken und Sprechen als identisch oder zumindest als unlösbar miteinander verbunden betrachtet werden, wo mit dem Vertrauen in die Sprache also zugleich das Vertrauen in den menschlichen Geist zerbricht, und wo doch zugleich die Sehnsuch nach Verbindlichkeit des eigenen Seins weiterbesteht - eine Sehnsucht, die hoffen durfte, solange sie auf die Vernunft vertraute, die sich aber einem anderen Weg, mystisch-irrationalen, zuwenden muß, wenn dieses Vertrauen zerbrochen ist.

Ohne Gefahr unerlaubter Vereinfachung kann man Skepsis und Sehnsucht als die beiden Quellen bezeichnen, aus denen sich GUSTAV SACKs gesamtes Werk speist. Zu fragen ist nun, ob er den - wie gezeigt wurde, fast notwendigen - Schritt zur Mystik vollzieht.

In SACKs erstem Roman gibt es zweifellos eine Anzahl Stellen, die eindeutig in die Richtung eines mystischen All-Einheitserlebens zeigen. Im zweiten Roman sind diese Tendenzen noch deutlicher zu greifen. Der Versuch, auf nichtsprachlichem Wege sich mit dem "Innersten der Natur" zu verbinden, hat sicherlich eine starke mystische Komponente. Daß er mißglückt, liegt an seiner Unvollständigkeit, daran, daß diese Verbindung " durch geschlechtliche Liebe"  geknüpft werden soll.

Claire ist "Symbol": Damit steht sie auf derselben Ebene wie die Sprache, sie ist ein "Sprachrest" in des Namenlosen Welt, den er nicht missen kann. Daß er ihr als "denkender und nicht als im reine Sinne liebender Mensch" gegenübersteht, bedeutet, daß er noch nicht restlos auf einen rationalen Weltgang verzichtet hat: Er hat die Sprache nicht wirklich verlassen, sondern ihre Funktionen auf einen anderen Bedeutungsträger übertragen. Er erkennt die Lügenhaftigkeit der Sprache, aber er ist unfähig zu wort- und gedankenloser Mystik, die auch auf das "Symbol" verzichtet. Wenn "Skepsis und Sehnsucht sich begatten" und der Weg in die Mystik versagt bleibt, dann entsteht jene ausweglose, unterträgliche Spannung, an der der Namenlos zerbricht.

Mehr als kurze Augenblicke mystischen Ergriffenseins wird man in SACKs Romanen kaum finden. Das Problem mystischer Aphasie ist zwar ständig präsent, - aber als Problem, nicht als Ausweg. Der Begriff "Mystik" selbst erscheint selten und wird nirgends diskutiert. Erst in der Münchner Zeit, nach der Begegnung mit MAUTHNERs Werk und anderen "mystischen" Zeitströmungen, wird das Problem der Mystik, das vorher Element der Darstellung war, nun auch diskursiv erörtert und einer begrifflichen Klärung näher gebracht.

Wichtigste Quelle für eine Untersuchung von SACKs Auseinandersetzung mit den zeitgenössischen mystischen Strömungen ist sein 1913 entstandener Aufsatz  Moderne Mystik.  Er beginnt mit einer Korrektur des Titels; nicht  Moderne Mystik  müßte er lauten, sondern: "Über das Auftauchen der Mystik bei den Modernen". Denn es sei "kein grundsätzlicher Unterschied" zwischen der Mystik des Persers ALGAZALI, des ANGELUS SILESIUS, PLOTINs, LANDAUERs (!) oder des "analphabeten Hirten, der widerstandslos das Schweigen und braune Glühen der Heide in sich aufnimmt".

Diese Widerstandslosigkeit wird noch näher erläutert: "widerstandslos, d.i. ohne sich durch Begriffe, durch Bejahung und lautliche anthropomorphisierende Nachbildungen seiner Empfindungen gegen die auf ihn einstürmende und seine Individualität ins Wanken bringende Übermacht eben dieser Empfindungen zu wehren."

Zwei wichtige Aufschlüsse gibt diese Einleitung. Sie formuliert zunächst recht präzis, was SACK unter Mystik versteht. Empfindung und Begriff stehen einander gegenüber. Das Individuum wird konstituiert durch die Begrifflichkeit und erwehrt sich mittels ihrer der anstürmenden Empfindungen, die es auszulöschen drohen. Es setzt Konturen in den "Empfindungsbrei" und bewahrt so seine Abgeschlossenheit.

Der Mystiker hingegen verzichtet auf die Sprache, darauf, durch "anthropomorphisierende Nachbildungen" die Wirklichkeit der Empfindungen zu verfälschen und sich untertan zu machen. Er gibt sich dieser Wirklichkeit preis, verzichtet auf ihre rational-verbale Bewältigung und wird eins mit ihr. Auch für SACK besteht also die Komplementarität von Sprachskepsis und Mystik, auch für ihn ist die Sprache das Individuationsprinzip, das den Menschen konstituiert, aber auch von allem Nichtmenschlichen abschließt.

Zum zweiten stellt auch SACK, ähnlich wie LANDAUER, eine Kontinuität der Mystik fest; sie sei "durch alle Zeiten und bei allen Völkern gleich", und deshalb gebe es keine spezifisch "moderne" Mystik. Freilich ist das ein vorläufige Aussage, die sogleich zurückgenommen wird. "Und es ist doch ein Unterschied", sagt SACK:
    Die Mystik der Modernen nämlich sei "eine Flucht, die Flucht des modernen Menschen, der seine tiefsinnigen Auseinandersetzungen mit der Welt als plumpe Tautologien und grammatikalisch-mythologische Späßchen erkennen mußte und einsah, daß wir aus unserer anthropomorphischen, metaphorischen und ewig doppelt und dreifach setzenden Sprache niemals wieder heraus können, seine Flucht zu einem sprach-, wort- und begrifflosen erhabenen Dösen. Eine Flucht, eine Resignation und nicht die natürlichen poesiedurchtränkten Kolossalblüten einer gotttrunkenen und ihrer Gotttrunkenheit kindlich frohen Zeit. Also doch eine  Moderne Mystik". 
Was festgestellt wurde: daß die Mystik MAUTHNERscher, LANDAUERscher Art, die Mystik des Jahrhundertbeginns die Skepsis gegenüber den geschichtlich bedingten Ausdrucksmaterialien nicht etwa nach sich ziehe, daß sie vielmehr aus der Skepsis geboren sei, das ist auch SACKs entscheidender Einwand. Sie ist Flucht, ist - aus SACKs Perspektive eine  contradictio in adjecto  - sentimentalische Mystik, "Ruhestündchen" eines Geistes, dem vor seiner eigenen Skepsis bange wird.

Insofern ist sie nicht, wie MAUTHNER meinte, "gottlose Mystik", sondern "Rausch" sondern "Schatten eines toten Gottes". Denn ihre Ekstasen sind kein wirkliches Außer-der-Wortwelt-Sein, es ist nach Meinung SACKs eine Illusion, durch ein sprachloses "Dösen" gleichsam Gucklöcher in die Grenzen der Menschheit starren zu wollen: Ein Entfremden des ewig unerreichbaren transzendenten Sehnsuchtszieles in die Immanenz, wie es Erich in seiner erotischen Phase verschuldet, ein nur metaphorischer  Tod auf Zeit. 

SACKs Essay  Moderne Mystik  ist nicht frei von Bitterkeit. Die "Mystik BRUNO WILLEscher oder gar BÖLSCHEscher Färbung" ist ihm "zu verlogen", als daß er sich bei ihr aufhielte. "Aber wie, wenn ein gegen sich selber wahrhafter rücksichtsloser Skeptiker anfängt, seine Ruhestündchen und seinen notwendigen Gegenpol in der Mystik zu finden?"

Dieser Skeptiker ist FRITZ MAUTHNER. Ihm hat SACK die Klärung seiner vorher oft noch etwas verworrenen sprachskeptischen Vorstellungen zu verdanken, in ihm glaubt er einen Präzeptor (Lehrer) gefunden zu haben, und es ist eine tiefe persönliche Enttäuschung für ihn, sehen zu müssen, daß dieser Präzeptor seine Skepsis nicht aushält und in "moderne Mystik" flieht.

Und noch von einem zweiten Präzeptor sagt er sich los in diesem Essay: von NIETZSCHE, genauer: vom NIETZSCHE der sogenannten dritten Periode. Auch NIETZSCHE sei schließlich dem "Schatten" Gottes und "seinen kabbalistischen Fängen in der Lehre der Ewigen Wiederkehr" erlegen. Er selbst aber will "lachenden Mutes" die "weißen Segel auf das Meer schäumender Unergründlichkeit hissen, wo dann auch kein Platz mehr für - die Mystik bleibt".
LITERATUR - Karl Eibl, Die Sprachskepsis im Werk Gustav Sacks, München 1970
    Anmerkungen
    1) GUSTAV SACK, Ein verbummelter Student, Berlin 1917