cr-3Mauthner - O. F. Gruppe    
 
OTTO FRIEDRICH GRUPPE
(1804-1876)
Antäus
14. Brief


Begriff 'Abstraktum'
Gefahr der Sprachen
Kein System
Wendepunkt
Relativität der Begriffe
"Abstraction und helles Bewußtsein der Abstraction, das sind die beiden großen Aufgaben. Ohne Abstraction ist kein Denken, ohne Kontrolle derselben nur Irrthum."   Allgemeinheit
Falsche Logik
Spekulativer Irrtum
Neue Methode
Empirischer Ausweg

Vorwort von Hermann-Josef Cloeren

Zum Zeitpunkt seines Todes hatte sich das Verständnis für die philosophischen Bestrebungen dieses Mannes, den C. BIEDERMANN als den gewandtesten und stärksten Gegner HEGELs einschätzte, den KARL MARX andererseits als Dilettanten und Hanswurst beschimpfte, kaum vergrößert; von einer Wirkung seiner sprachanalytischen Philosophie war zunächst nichts zu spüren. FRITZ MAUTHNER, dem das größte Verdienst an einer "Erweckung" GRUPPEs im 20. Jahrhundert zukommt, konnte mit Recht sagen: "Kein Nekrolog verriet etwas über die Lebensleistung des Toten. Seine philosophischen Arbeiten waren schon damals vergessen."

Dennoch darf man GRUPPE neben MARX und KIERKEGAARD stellen als den ersten der drei Männer, die in ihrer radikalen Opposition zu HEGEL die Grundlagen legten für drei der heute bedeutendsten Richtungen in der Philosophie, für den logischen Positivismus (ein Terminus, der hier sehr vergröbernd für analytische Philosophie im weitesten Sinne stehen soll), für Marxismus und Existenzialismus.

Das Bild, das sich die Philosophie- Geschichtsschreibung bislang vom 19. Jahrhundert machte, bedarf heute der Korrektur und Ergänzung. Während nur für zwei der drei erwähnten philosophischen Hauptströmungen im zwanzigsten Jahrhundert ihre Wurzeln im neunzehnten Jahrhundert bloßgelegt wurden, d.h. während die Bedeutung von MARX und KIERKEGAARD für Marxismus und Existenzphilosophie erforscht worden ist, ist weitgehend unbekannt geblieben, daß der logische Positivismus - im oben umschriebenen Sinne - ebenfalls wichtige Wurzeln in der philosophischen Opposition zu HEGEL hat und daß dies sogar zurückreichen bis zu den Lebzeiten HEGELs.

Daß dies gerade den Mitgliedern des Wiener Kreises und den logischen Positivisten verborgen geblieben ist, ist nur mit Bedauern festzustellen: GRUPPE findet sich auf keiner der geistigen Ahnentafeln des Wiener Kreises. Gleichwohl ist GRUPPE der Sache nach in vielem für diese philosophische Bewegung ein bedeutender Vorläufer, hat er sich doch nichts anderes zum Programm gesetzt als was RUDOLF CARNAP nahezu hundert Jahre später die "Überwindung der Metaphysik durch logische Analyse der Sprache" genannt hat. Die heute so häufig zitierte  Revolution in Philosophy  hatte GRUPPE bereits in seinem "Wendepunkt der Philosophie im 19. Jahrhundert" 1834 und schon zuvor in seinem Antäus 1831 verkündet.

In oft verblüffend ähnlichen Formulierungen nimmt GRUPPE WITTGENSTEIN vorweg, so daß v.WRIGHTs Behauptung "The author of the  Philosophical Investigations  has no ancestors in philosophy" nur noch eine gewisse subjektive Berechtigung haben mag, insofern nämlich WITTGENSTEIN GRUPPE wohl nicht gekannt hat, objektiv aber nicht mehr haltbar ist. Die WITTGENSTEIN immer wieder als originelle Tat zugesprochene Kennzeichnung der Sätze der formalen Logik als analytischer, inhaltsleerer und tautologischer ist von GRUPPE bereits klar ausgesprochen worden. Sein Angriff auf die von KANT als synthetisch a priori verstandene Mathematik, die GRUPPE als durchaus analytisch ansah und eher operativ zu klären suchte, war Teil seiner generellen Ablehnung alles synthetischen a priori. Damit aber hat er eine grundsätzliche Position bezogen, die der Wiener Kreis in den zwanziger Jahren dieses Jahrhunderts als gemeinsam für alle seine Mitglieder hervorhob.

Frappierend ist außerdem GRUPPEs Aufstellung der These von der Interdependenz von Sprache und Denken in Verbindung mit seiner Antizipation der Whorf-Sapirschen Theorie der linguistischen Relativität. Überaus fruchtbar sind weiterhin seine wissenschaftstheoretischen Überlegungen über die Rolle der Sprache für die Naturwissenschaften: Seine Forderung, dem hypothetischen Charakter der Sätze der Naturwissenschaften besondere Bedeutung zu schenken; seine Anwendung einer Art Verifikatiosprinzip zur Trennung wissenschaftlicher Sätze von sinnlosen und unsinnigen Sätzen auf Grund einer durchgeführten linguistischen Analyse; seine Auffassung von der Philosophie als einer Tätigkeit, Fragen und Sätze zu klären; seine damit zusammenhängende Ablehnung jedes Systems in der Philosophie und seine bemerkenswerte Beachtung des alltäglichen Sprachgebrauchs.

Sein - man würde heute sagen -  linguistic approach to philosophy  läßt ihn Gefahren in der Sprache aufweisen, insofern diese in der Lage ist, durch ihre autonome Macht irrezuführen. Wertvoll und weitreichend sind seine Hinweise auf die Voraussetzungen, die all unserem Denken und Sprechen in der Sprache  und  in dem, was GRUPPE  Welt  nennt - was im weiteren Sinne Kontext, Situation etc. genannt werden kann - zu Grund liegen und jeweils für die Konstitution von Bedeutung wesentlich sind, darauf daß Sprache als faktisches a priori unser Weltverständnis prägt.

Nicht zu übersehen ist, wieviel von GRUPPEs Philosophieren der logische Positivismus in seiner Metaphysikkritik wieder aufgenommen, bzw. selbst noch einmal entdeckt hat. Erstaunlich ist aber in ganz besonderem Maße GRUPPEs Überwindung des Positivismus, der er selber als eine Form der Metaphysik erkennt (gleichrangig etwa dem Materialismus) und seiner empiristischen Grundhaltung zufolge verwirft, wobei er auf Grund seines sprachanalytischen Vorgehens selber schon eine Position der therapeutischen Analyse erreicht, die im zwanzigsten Jahrhundert erst wieder nach der Überwindung des logischen Atomismus und des logischen Positivismus durch die Praktizierung der Sprachanalyse vornehmlich in der britischen Philosophie erreicht worden ist.

Von außerordentlicher Bedeutung und in eine ganz andere Richtung weisend ist GRUPPEs Berücksichtigung dessen, was als Vorverständnis all unserem Erkennen jeweils vorausliegt, was in GRUPPEs Worten "ein entgegenkommendes Verständnis" darstellt. Gerade um die Explikation dieses Vorverständnisses nämlich bemüher sich heute Denker sehr verschiedener philosophischer Herkunft und Zielsetzung; hier besitzen sie ein weites Feld gemeinsamen Interesses.

Damit sei zumindest angedeutet, daß Sprachanalyse als Reflexion auf das, was sprachliches Verständnis überhaupt ermöglicht, in anderen Worten,  linguistic analysis  als Bloßlegung der tranzendentalen Funktion der Sprache für unser Erkennen, nicht ausschließlich in dem einen - freilich von GRUPPE radikal einseitig intendierten - metaphysikfeindlichen Sinne zu verstehen ist, sondern daß von ihr auch wertvolle Unterstützung zu erwarten ist für methodisch reflektierte Versuche, die sich etwa um die kritische Begründung der Metaphysik bemühen.

GRUPPE gehört auf Grund all dessen eindeutig mehr in den Zusammenhang des Philosophierens des logischen Empirismus im zwanzigsten Jahrhundert als in den des neunzehnten, in dem das Radikale seiner Metaphysikkritik durch Sprachanalyse entweder nicht erkannt wurde - oder wo er denen, die ähnlich wie er dachten, offenbar unbekannt geblieben ist. Denn auch CONRAD HERMANN erwähnt GRUPPE nicht, wenn er auch im Grunde diesselbe Diagnose für den Zustand der Philosophie zu seiner Zeit stellt wie jener.





A N T Ä U S
Ein Briefwechsel über spekulative Philosophie
in ihrem Konflikt mit Wissenschaft und Sprache

Berlin 1931

Vierzehnter Brief

Teurer Freund!

Ihren neulichen Brief, den ich in meinem Schreiben, während dessen ich ihn von Herrn F. empfing, nicht beantworten  wollte, konnte  ich in meinem letzten noch nicht berücksichtigen. Erst heute hoffe ich soeweit fortzuschreiten, daß dies möglich wird, darum will ich Ihnen denn auch jetzt erst im Allgemeinen sagen, was ich zu Ihren Äußerungen denke.

Sonderbar hat sichs getroffen, daß wir beide gerade gleichzeitig zu entwickeln versuchten, in welcher Art sich HEGEL seinen Vorgängern anschließt. Meine Ansicht werden Sie jetzt ungefähr schon kennen, und wenn ich von der Ihrigen abzuweichen nicht umhin kann, so glaube ich großenteils die Widerlegungen schon niedergeschrieben zu haben, ehe ich Ihren Brief noch las. Was sie von der Stellung LOCKEs und LEIBNIZens sagen, erkenne ich sogleich für HEGELs Auffassung, allein sie wird diesmal schwerlich beitragen, einen guten Begriff von seiner gründlichen Handhabung der Geschichte der Philosophie zu geben.

Ihr Philosoph faßt LEIBNIZ und LOCKE zusammen, sofern sie als Vertreter der Partikularität dem Allgemeinen, das in SPINOZA herrsche, sich gegenüber stellen. Gerade umgekehrt: LEIBNIZ, der sich auch schon als spekulativer Denker von dem sensualistischen LOCKE unterscheidet, gehört wesentlich mit SPINOZA in  eine  Kategorie, aber nicht allein mit ihm, wie ich dies ausführlich erörterte.

Von diesem ganzen und innerlichen Zusammenhange der Geschichte der Philosophie hat nun HEGEL wohl wenig Ahnung. Ein schlechtes, gezwungenes Wortspiel, und nichts weiter ist es, wenn er unter dem Namen der Partikularität die Monadenphilosophie und LOCKEs Untersuchung über den menschlichen Verstand unter einen Hut bringen will. Manches andere werden Sie mit meiner Darstellung selbst verglichen haben.

In Bezug auf die Weise, wie sich HEGEL an SCHELLING anknüpft, bringe ich noch einiges nach. SCHELLING hatte Polarität und Dualismus in Verbindung gebracht, und mit beidem bereits die Dreieinigkeit; HEGELs Eigentümlichstes ist, daß er das Urteils- und Schlußverfahren der Aristotelischen Logik nicht nur mit der Dreieinigkeit und also auch mit Gott identisch findet, sondern auch als allgemeine Form des notwendigen Gedankens, der nach SCHELLING schon in der ganzen Natur anzutreffen ist, nun auch auf diese Natur selbst anwendet.

Daß er dies zuerst auffand, und daß er dies genau durchführte, soll ihn so unendlich hoch über SCHELLING stellen; hierin besteht HEGELs notwendige Konstruktion, und dieserhalb dünkt sich der absolutpreußische Philosoph so unendlich über dem süddeutschen, dem er meistens nur die Unmittelbarkeit des Genies gelten läßt. Allein sehen wir näher zu, so wird augenscheinlich, daß diese Entdeckung HEGELn keineswegs so ausgemacht gehört, denn wenn SCHELLING sein "Band" immer auch die  Kopula  nennt, so ist darin die Anspielung und Hindeutung auf das logische Urteil nicht mehr zu verkennen.

Es scheint also auf den nächsten Blick, als habe HEGEL wieder einmal, was bei seinem Vorgänger ein bloß geistreicher Ausdruck, einer vorübergehende Anspielung gewesen, gaz zu eigentlich aufgefaßt, und gleich eingefangen und eingesalzen in die Tonne seines Systems, die er freilich nicht so genial wälzt, als DIOGENES. Und wirklich denke ich Ihnen noch diesmal nachzuweisen, wie eben diese absolute Konstruktion der Natur nach dem logischen Schluß und Urteil, wodurch der welthistorische Wert HEGELs feststehen soll, nur auf Willkürlichkeit, Täuschung und Irrtum beruht.

Daß dann ferner aber auch die Logik des ARISTOTELES eine bloß einseitige Förmlichkeit ist, welche das wahre Denken und Schließen noch gar nicht angeht, werde ich Ihnen späterhin zu zeigen haben. Jetzt aber fahre ich zunächst noch in dem fort, was ich neulich unbeendigt lassen mußte; es ist noch viel fortzusetzen und sogar einiges nachzuholen.

HUME sagt: "Man nehme unserer philosophischen Sprache alle Metaphern und Ausdrücke, die entlehnt sind vn unserem Staatsleben, unseren Gewerben, unseren übrigen bürgerlichen Verhältnissen: und man wird finden, daß ihr nicht viel selbst zur Bezeichnung der spekulativsten Sätze übrig bleibt." Daran ist etwas richtiges, aber noch sehr allgemein und roh.

Ein Ausspruch von WILHELM von HUMBOLDT in der mehrerwähnten Abhandlung könnte auf das Gegenteil hinzuweisen scheinen. Man könne, sagt der große Sprachforscher mit Recht, auch in der ungebildetsten Sprache immer noch jeden Gedanken ausdrücken, wenn man sie nur mit einigem Geschick handhabe. Auch LEIBNIZ hat schon ein Jahrhundert früher eben diesen Gedanken in derselben Bestimmtheit und fast in demselben Umfange ausgesprochen in seinen unvorgreiflichen Gedanken, betreffend die Ausübung und Verbesserung der deutschen Sprache.

Wie aber das? danach müßte man ja doch wieder zur Meinung derer zurückkehren, daß die Gestalt der Sprache, als ein gleichgültiges und indifferentes Mittel überhaupt wenig auf den Gedanken einfließe! Wir habens nicht zu fürchten; denn dort ist davon die Rede, daß ein Sprachkundiger, der schon in andern gebildeten Idiomen nicht nur denken gelernt hat, sondern auch mit Gewandtheit über die sprachlichen Mittel, zu schalten weiß, sich mit solcher schon mitgebrachten Kenntnis und Gewandtheit auch einmal einer unreiferen Sprache bediene. Dies also wird uns nicht irre machen, denn in unserer Sache - nicht wahr? - handelt es sich lediglich nur um die erste  Erwerbung  der Sprache sowohl als der Begriffe und Gedanken.

Über den Zusammenhang der Sprache und des Denkens? - Sie haben ganz recht, wenn Sie in der Aufgabe selbst eine große Mißlichkeit sehen; es ist wahr, sie ist schwierig, aber darum nicht unlöslich. Sie setzen mir entgegen: Sprache und Denken haben also einen Zusammenhang, keins ist ohne das andere, wie die Aufgabe selbst eingesteht: und doch will jedes über das andere, der Zusammenhang selbst über den Zusammenhang entscheiden. Ja wohl ist es so; wir wissen nicht was das Denken sei, und können auch keine der gewöhnlichen Erklärungen aufnehmen, weil diese den einen wesentlichen Faktor, die Sprache, ganz vernachlässigen.

Wir kennen auch die Sprache noch nicht ganz, da wir noch keine wahre Einsicht in das Denken haben. Aber was tuts? Wäre jenes Bedenken wirklich ernsthaft, so müßte es gar keine Wissenschaft geben, deren jede sich bei ihrem Beginn in solchem Fall befindet. Wir kennen doch nunmehr die Sprache schon großenteils, und haben hier einen Anhaltspunkt. Also wohlan!

Nach der gewöhnlichen und soviel ich weiß auch allgemeinen Annahme äußert sich das fragliche Denken in drei Stücken: in den Begriffen, im Urteilen, im Schließen. Alle drei Akte sollen von Allgemeinheit und Notwendigkeit begleitet sein, in allen drei Akten soll die Selbständigkeit des Denkens, seine Unabhängigkeit von der Erfahrung sich aussprechen. Der Weg der Untersuchung ist so weit gegeben, die Punkte unserer Organisation sind durch das Terrain und durch die Stellung des Gegners scharf bestimmt. Desto besser!

Vom Schließen ist bisher in meinen Erörterungen noch mit keinem Wort und mit keiner Hindeutung die Rede gewesen: dagegen haben wir schon viel mit der Bildung der Begriffe zu schaffen gehabt, und auch die Natur der Urteile, wenn Sie aufgemerkt haben, ist schon im wesentlichsten berührt worden. Worauf es mir ankommen wird, muß Ihnen schon verraten sein. Auf die Bildung der Begriffe kommen wir jetzt zuvörderst genauer zurück; die anderen Punkte, von denen in gleichem Grade die Entscheidung abhängt, werden wohl noch weiter hinausgeschoben bleiben müssen.

Wahrlich, mein Freund, bin ich in Verlegenheit, wie viel ich Ihnen noch zu sagen nötig habe; allerdings sind die ferneren Resultate gleich wichtig und überraschend, wenn ich nur nicht fürchten müßte, daß Sie sich schon selbst die Folgerungen gemacht haben, mit denen ich jetzt nachkomme. Insofern also haben Sie meine jetzige Darstellung mehr nur als eine Übermalung anzusehen.

Man mag noch so sehr, ich weiß nicht in welcher Art, dem streng apriorischen Ursprung der Gedanken, sowohl der Begriffe und ihres Inhalts selbst, als auch der Kategorien zu ihrer Verknüpfung, zugetan sein, so steht doch nach meiner Darstellung nicht zu leugnen, daß diese Begriffe nicht immer dagewesen sind, sondern daß dazu erst hat ein Weg, eine Anstrengung gemacht werden müssen. Möge die Sprache auch, wie wir gesehen haben, gleichsam um entschiedener auf ihre Wege zum Abstrakten vorrücken zu können, nicht nur hinter sich alle Brücken zu zerstören, sobald die mit allen Ihren Teilen sie passiert hat, sondern möge sie auch selbst die Spur ihres Weges gern verwischen: so haben wir doch eben in unsern Tagen das historisch- pragmatische Sprachstudium, um zu wissen, durch welche Mittel und Kunstgriffe es der Sprache oft erst mühsam gelungen ist, vom Konkreten zum Abstrakten fortzugehen.

Aber, Aber - ! Ich sehe wohl Ihre bedenkliche Miene und weiß, was Sie mir bedeutet. Sie meinen: Wenn auch anfangs die Sprachen konkret sind und erst spät abstrakt und immer abstrakter erscheinen: wo liegt der strenge Beweis, daß das vorangegangene Konkrete wirklich allein nicht nur Gelegenheit und Veranlassung, sondern auch Grund und Ursache des spätern Abstrakten sei, daß dies wesentlich abhängig sei von jenem, von der Sprache gemacht und erst abgeleitet aus jenem. Sie meinen: Es stört jene Entwicklung nicht die Ansicht im mindesten, daß das Denken aus eigner Kraft die Begriffe hervorrufe, ohne an irgend etwas Äußerlichem forttappen zu müssen: nur sei es natürlich, daß der neue Begriff an keiner andern Stelle eintrete, als wo der Gang des Denkens auf eignem Wege dazu reif sei.

Ich muß Ihnen nur sagen, daß diese Folgerungsweise es überhaupt ist, womit Leute von verschiedenem Bekenntnis den wahren historischen Zusammenhang verdächtigen zu können hoffen. Allein wir werden auf diesen seltsamen Sophismus in seinem größern Umfange wohl noch öfters zurückgewiesen werden. Für den jetzigen Fall nur soviel:
    Wenn nun aber, die neue Bedeutung nur auf einem Vergessen der alten, ihres Ursprungs und ihres Bezugs beruhte, wenn neue abstraktere Begriffe häufig nur dadurch aufgekommen wären, daß sich die frühere Bedeutung in einer gewissen Redensart, in einem gewissen Zusammenhange besonders festsetzte, und dann dessen ganzen Sinn in sich aufnähme, den sie ihrer etymologischen Bildung nicht haben konnten, was doch beides dem Spracheigensinn anheim fällt, um nicht gerade zu sagen: dem Zufall; -

    wenn ferner Bildungen von Worten und mit ihnen zugleich von Begriffen nur dadurch möglich würden, daß schon vor ihnen eine allgemeinere oder engere Sprachanalogie vorhanden ist, und zwar ganz unabhängig von ihnen, ja meistens sogar ganz anders gemeint;

    wenn endlich, selbst unter der Voraussetzung, daß es Gedanken geben könne ohne die sprachliche Basis, man sie doch wahrlich nicht zu fassen und auszusprechen vermöchte, bevor nicht die sprachliche Entwicklung ihrerseits auch bis eben dahin gediehen, um ein brauchbares Mittel darbieten zu können, wenn diese Fülle eingetreten sein sollte: wie dann? wie dann? Sie sind's aber.
Wir wollen uns obige Einwendung, oder besser gesagt, Ausrede, durch eine kleine Geschichte noch anschaulicher machen. Gesetzt, man hätte gewettet auf einen erhöhten Punkt emporzukommen, ohne über die hinaufführende Stiege zu gehen, sondern unmittelbar durch die Luft, sei es durch Sprung, oder wie es nun jeder möge und könne. Alle hätten davon abstehen müssen, einer aber ergriffe eine Leiter, stiege gemächlich hinauf, und böte sich, oben angelangt, den Preis in richtiger Zahlung aus, aus dem Grunde: die Leiter sei nur zufällig gewesen, er hätte auf den Sprossen nicht geruht, sondern an den Stellen in der Luft, wo sich jene zufällig befunden hätte.

Was würde man ihm sagen? Man würde ihn auslachen und antworten, wenn die Sprossen nur zufällig sich dort befanden und du eigentlich durch die Luft gegangen bist, so tue es noch einmal und entferne ausdrücklich jenen Zufall, welcher dem Anerkenntnis deiner Kunst bei uns im Wege steht. Er aber ginge nun über die Treppe bediente sich desselben Grundes, und bedauerte nur, daß diese nicht auch fortgenommen werden könnte. Wird er jetzt mehr Recht haben, und weniger verlacht werden? - dies ist aber unser Fall; denn was geschehen ist, läßt sich freilich nicht rückgängig machen; hier ist keine Probe unter anderen Verhältnissen möglich.

Aber man hätte noch kürzeren Prozeß mit unserem Witzkopf machen müssen. Man sperre die Treppe ausdrücklich, und wenn er dann auf seiner Leiter oben ist, so nehme man diese Zufälligkeiten hinweg, und verlange, wie nicht unbillig, er solle auch eben so durch die Luft hinabsteigen. Alsdann wird er den Hals brechen oder sich ergeben müssen. Dies ist nun noch weit mehr unser Fall. Denn die Sprache, wie ich Ihnen soeben schrieb, hat selbst hinter sich alle Übergänge vernichtet und die Spur ihres Wegs unkenntlich gemacht: sie selbst hat die Leiter fortgenommen, nachdem wir oben sind.

Wenn nun die Philosophen nicht durch gründliches Sprachstudium diese Übergänge, diese hohe Leiter, zu ersetzen wissen, wovon allein der Sinn und die Bedeutung nicht einzelner Wörter sondern der ganzen Sprache und ihres Gebrauchs abhängt - was folgt? - daß sie den Hals brechen. Dies endlich ist erst ganz unser Fall. Ich hoffe Sie noch mit einer Fülle der interessantesten Beispiele bewirten zu können, wie die Philosophen allen Rückweg, d.h. allen Begriff von dem natürlichen Gebrauch der Sprache und mithin des Denkens verloren haben, wie sie aus blauer Höhe sich herabstürzen, mehrmals in der Luft sich überschlagend. Aber das später; für jetzt bedarf ich noch ihrer Aufmerksamkeit, um meine bisherigen Resultate zu sammeln und zu verfolgen.
LITERATUR - O. F. Gruppe, Philosophische Werke, I. Antäus, München 1914 und Hermann Josef Cloeren (Hrsg), Philosophie als Sprachkritik im 19. Jahrhundert, Stuttgart-Bad Cannstadt 1971