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JAKOB FRIEDRICH FRIES
Die unmittelbare Erkenntnis der Vernunft
oder Reflexion und intellektuelle Anschauung

"Die höchste Aufgabe für die freie Spekulation ist, den Grund der Realität all unserer Erkenntnisse anzugeben. Diese Aufgabe fällt mit der zusammen, den Quell der Einheit und Notwendigkeit in unserer Erkenntnis aufzufinden. Es wird nämlich in der Erfahrung offenbar der Inhalt der Erkenntnis nur durch eine vorübergehende sinnliche Anschauung gegeben, zu dieser kommt aber die Reflexion nur als eine mittelbare Erkenntnis hinzu, durch welche wir uns nur dessen wieder bewußt werden, was sonst schon in unserer Erkenntnis ist und deren eigene Formen für sich durchaus leer sind."

Wir setzen als bekannt voraus, daß unter  Reflexion  die Vorstellungsweise nach den logischen Formen verstanden wird, daß diese Formen durch Begriff, Urteil und Schluß zur systematischen Form der Wissenschaft führen, und wie dies zu geschehen pflegt. Die Reflexion dient uns also, um uns mittelbar durch das Einzelne des Allgemeinen und Notwendigen bewußt zu werden.  Es soll der Reflexion ein unmittelbare Bewußtsein der Erkenntnis der Einheit und Notwendigkeit als intellektuelle Anschauung  entgegengesetzt werden. (1)



 Erste Aufgabe 

die idealistische Anschauung des subjektiven
Subjekt = Objekt
Ich = Ich
 rein vorzustellen. 

Auflösung:  Man nehme irgendeinen einzelnen Zustand seines empirischen Bewußtseins, lasse aus diesem alle Mannigfaltigkeit der vorgestellten Objekte fallen und reflektiere einzig auf das darin enthaltene Selbstbewußtsein. Dieses Selbstbewußtsein wird sich als das Bewußtsein des Ich zeigen, welches auf eine bestimmte einzelne Weise tätig ist. Man lasse auch diese Tätigkeit fallen, und reflektiere nur auf das in allem Selbstbewußtsein gleiche: Ich bin. In diesem  Ich bin  wird man das Sein desjenigen vorstellen, was sich selbst Objekt wird, Objekt und Subjekt zugleich ist; es wird das Bewußtsein bedeuten, in welchem Objekt und Subjekt identisch, Objekt = Subjekt ist. Man lasse endlich in diesem Bewußtsein, Ich bin, die Individualität des Denkenden fallen und reflektiere nur auf die Identität des Subjekts und Objekts in demselben, so wird man sich des  reinen  Ich, des Ich = Ich unmittelbar bewußt sein.

Anmerkung.  Durch die Auflösung dieser Aufgabe kommt man zu keiner reinen intellektuellen Anschauung, man befreit sich nicht von der Reflexion. Es wird dadurch freilich ein Subjekt = Objekt, oder nicht eigentlich Objekt = Subjekt vorgestellt, denn in der ersten angegebenen Abstraktion wird das Objekt als Ich und Nicht-Ich getrennt vorgestellt, und man läßt in derselben nicht etwa die Differenz des Ich und Nicht-Ich, sondern nur das Nicht-Ich fallen. das zurückbehaltene Ich ist also nur Teil einer nicht aufgehobenen Entgegensetzen, das Objekt wird nur zum Teil dem Subjekt gleichgesetzt, und die Vorstellung des Ich bleibt noch durch die Reflexion bedingt. Unter dieser Beschränkung entsteht dann aus der letzten Abstraktion von der Individualität des Denkenden nichts anderes als der allgemeine Begriff eines Ich überhaupt, nichts anderes, als der Allgemeinbegriff der Vernunft, welcher ein bloßes Eigentum der Reflexion ist. Die Anschauung im Selbstbewußtsein fällt hier schon durch die Abstraktion von meiner einzelnen Tätigkeit weg, und es bleibt nur ein unbestimmtes Gefühl im leeren Bewußtsein, Ich bin, übrig, sofern dies von jeder einzelnen Anschauung meiner Tätigkeit losgetrennt wird. Endlich aber dadurch, daß ich in diesem: Ich bin, auch noch von meiner Individualität absehe, erhalte ich bloß einen problematischen Begriff für die Reflexion, ohne allen Gegenstand der Anschauung.



 Zweite Aufgabe 

Die naturphilosophische intellektuelle Anschauung des
objektiven Subjekt-Objektes
 Natur = Subjekt 
rein vorzustellen.

Aufösung.  Die Vorstellung der Natur als eines Subjektes ist für sich gar keine intellektuelle Anschauung, sondern ein bloßes Werk der Reflexion, indem ich für die Reflexion nur in der Natur die Tätigkeit als das ursprüngliche bestimme. Durch diese Aufgabe soll nur die Einseitigkeit der vorigen aufgehoben, der ihr entgegengesetzte Pol dargestellt werden. Dies geschieht durch die Aufhebung aller Differen im Objekt für die intellektuelle Anschauung auf folgende Weise. Man lasse im Bewußtsein des Daseins der Dinge alle Differen z der mannigfaltigen Objekte fallen so wird das bloße Bewußtsein:  Etwas ist zurückbleiben. Ist die Abstraktion aber vollständig, so kann nichts  außer  diesem Etwas sein, es wird also damit vorgestellt:  Alles ist.  Indem aber hier das Sein von allem unter demselben Gesetz, daß alles ist, begriffen wird, so wird dadurch auch das Sein in allem als das  gleiche Sein  bestimmt. Also:  Alles ist dem Sein nach identisch, alles ist Eins. 

Anmerkung.  Dasjenige, was durch diese Auflösung vorgestellt wird, soll nur mit der vorigen Aufgabe zusammen ein Ganzes ausmachen, wenn hier die absolute Identität der Natur als des Objektiven, und somit Subjektivität desselben vorgestellt wird, so wird darin doch der Gegensatz des Subjekts und Objekts selbst gar nicht einmal angetastet, viel weniger noch aufgehoben, denn man betrachtet hier die Natur nur als das Objektive, welches vorgestellt wird, ohne auf das Vorstellende Rücksicht zu nehmen, die Subjektivität der Natur bedeutet hier nur ihre absolute Einheit.

Aber selbst die Vorstellung: Alles ist dem Sein nach identisch, Alles ist Eins, wird hier nur für die Reflexion erhalten, und nicht für eine absolute Anschauung. Wenn ich sage: Alles ist Eins, oder wenn ich überhaupt nur etwas schlechthin setze, (z. B. den Satz  A ist A schlechthin aussprechen kann: so behaupte ich damit allerdings das gleiche Sein in Allem, aber dieses Sein ist nur als ein Begriff für die Reflexion bestimmt, und nicht schlechthin für die Anschauung. Der Unterschied der analytischen und synthetischen Einheit wird dadurch nicht aufgehoben, es werden nicht beide zur absoluten Einheit vereinigt. Alles ist Eins, bedeutet also nur entweder Alles ist Einerlei, identisch, welches bloß eine Vergleichung von allem mit jedem für die Reflexion möglich macht, oder Alles ist in Einem (dem Universum), was wieder die Reflexion nicht aufhebt, indem hier das Mannigfaltige stehen bleibt, und die Differen nicht vernichtet wird. Einheit und Mannigfaltigkeit stehen sich nicht entgegen wie Position und Negation, oder wie  A  und  Nicht-A,  sondern es gibt eine synthetische Einheit, als Einheit des Mannigfaltigen, welche Verbindung heißt. Wenn also ansich die Negation der Mannigfaltigkeit gefordert wird, so wird damit nicht die Einheit (der Einheit mit dem Gegensatz) gesetzt, sondern vielmehr die Negation des Gegensatzes und der Einheit. Negation ist aber nur eine Form der Reflexion.'



 Dritte Aufgabe 

Die intellektuelle Anschauung der totalen Indifferenz des
Subjektiven und Objektiven, die intellektuelle Anschauung
 der absoluten Identität  rein vorzustellen

Auflösung.  Es soll die Indifferenz desjenigen vorgestellt werden, was durch die beiden vorhergehenden Aufgaben vorgestellt wurde. Durch die zweite Aufgabe wurde die Identität allen Seins vorgestellt, mit diesen ist nun zugleich auch notwendig eine Identität des Wissens gesetzt. Einheit in allem Sein, und Einheit der Wahrheit in allem Wissen sind hier notwendig beisammen, aber die Differenz des Wissens und Seins ist stehen geblieben. In der erstes Aufgabe wurde Identität des Subjekts mit dem Objekt, Identität des Wissenden und Gewußten, Identität des Wissens und Seins vorgestellt, aber unter der Voraussetung einer Trennung des Wissenden und Nichtwissenden im Objekt. Hier soll also eine gänzliche Identität zwischen Subjekt und Objekt vorgestellt werden, wodurch allgemein Subjekt = Objekt und Objekt = Subjekt wird; zur absoluten Identität des Wissenden für sich, und zur absoluten Identität des Seienden für sich soll absolute Identität des Wissenden mit dem Seienden hinzukommen, als absolute Vernunft oder als Identität der Identität. Hierdurch entsteht die reine Vorstellung des Absoluten als reiner absoluter Identität in der totalen Indifferenz des Subjektiven und Objektiven.

Anmerkung.  Die reine intellektuelle Anschauung muß die unmittelbare Erkenntnis des Absoluten sein als einer reinen notwendigen Einheit. Diese Auflösung ist also einmal im Hinblick auf die intellektuelle Anschauung darin willkürlich, daß man von den Bedingungen der ersten zwei Aufgaben ausgeht, daß man gerade den Unterschied des Subjekts und Objekts beim Erkennen zugrunde legt, denn im Hinblick auf das Absolute ist das Erkennen so gut als jedes andere akzidentielle Sein (z. B. das in Bewegung Sein) nur etwas zufälliges.

Auf der anderen Seite aber kann es nicht einmal vollkommen gelingen bis zur totalen Indifferenz des Subjektiven und Objektiven durchzudringen, indem in der Forderung einer Anschauung des Absoluten schon  dieser  Gegensatz beibehalten wird, denn zu jeder Anschauung gehört doch wieder Subjekt und Objekt. Daher auch in SCHELLINGs Darstellung dieser intellektuellen Anschauung sich unmittelbar wieder eine Selbsterkentnis der absoluten Identität zeigt. Mit dieser Selbsterkenntnis haben wir aber schon wieder die Reinheit des Absoluten verlassen und dadurch ist die gegebene Auflösung für ihre Aufgabe selbst nicht befriedigen. (Wenigstens sollte SCHELLING nie von einer Selbsterkentnis der absoluten Identität sprechen, da er im System des transzendentalen Idealismus bewiesen hat, daß jedes Selbstbewußtsein nur durch entgegengesetzte Tätigkeiten in demselben und zwar nur durch  Entgegensetzen von Objekten gegen das Ich  möglich ist, welches doch von der absoluten Identität nicht gelten kann.) Wir kommen hierdurch eigentlich nur zur Idee einer Vernunft, welche ohne Reflexion durch bloße Anschauung erkennt und deren ganze Erkenntnis Selbstanschauung wäre. In einer solchen Idee aber wird das Absolute selbst nicht rein vorgestellt, denn wir lassen in derselben im Gegensatz der Ausdehnung und des Gedankens willkürlich den einen Teil fallen, um den andern zu behalten, anstatt uns zur Indifferenz von beiden zu erheben.

Eine andere Auflösung der gegebenen Aufgabe ist bisher noch nicht versucht worden, und sie würde auch gleich vergeblich sein. Sie soll eine Anschauung des Absoluten möglich sein, da angeschaut werden und überhaupt positiv erkannt werden schon eine Eigenschaft ist, die dem Absoluten nicht zukommen kann?

Ansich kann keine absolute Einheit sein, und ansich kann nichts ausgesprochen werden; beides findet nur mit der beschränkten Reflexion zugleich statt. Nicht absolute Einheit im Gegensatz der Differenz, sondern weder Einheit noch Mannigfaltigkeit kan dem Absoluten ansich zugeschrieben werden, ja es ist überhaupt nicht möglich es positiv auszusprechen, indem bei all dem schon Beschränkung ist.

Das ursprüngliche Bewußtsein des Seins ansich entzieht sich unseren Blicken, wenn wir es ohne Reflexion in unserer bloßen Anschauung durch Verallgemeinerung derselben suchen wollen, wie hier geschehen sollte, denn unsere Vernunft ist an die Erregung durch den Sinn gebunden, diese aber an das Einzelne. Wollen wir also die Vereinzelung aus unserer Erkenntnis fallen lassen, so behalten wir nur eine leere Form ohne Gehalt, Ideen ohne Gegenstand. (Es ist kein ontologischer Beweis für das Dasein des höchsten Wesens möglich, denn durch den Begriff und die bloße Form der Vernunft ist gar keine Realität in unserer Erkentnis; es ist kein kosmologischer Beweis desselben möglich, denn keine einzelne Realität führt zur ewigen.) Das einzige Vermögen unserer Vernunft, wodurch sie dieses Bewußtsein fassen und in sich selbst die Schranken des Endlichen vernichten kann, ist das Vermögen der Negation d. h. der freie Gebrauch der Reflexion, wodurch die Aufhebung der Schranken selbst gedacht und damit das Bewußtsein der absoluten Realität vorgestellt wird, welches selbst in unserer Vernunft ohne die sinnliche Erregung nicht wäre, aber nur durch Negation der Schranken dieser Erregung zu ihr hinzukommt. - Es gibt an das Ewige nur  Glauben d. h. ein durchaus reflektiertes Fürwahrhalten, aber kein Wissen um dasselbe durch Anschauung.



Wir sehen, daß wir durch intellektuelle Anschauung den Zweck nicht erreichen, an die Stelle der Einheit und Notwendigkeit, welche durch Reflexion nur mittelbar in unsere Erkenntnis kommt, eine unmittelbare Erkenntnis derselben zu setzen.

Was soll uns aber überhaupt die intellektuelle Anschauung und wie ist sie in die neuere Philosophie gekommen?

KANT nahm es noch als eine unbestrittene Wahrheit an, deren Beweis er eben nicht ausführlich zu machen nötig habe, daß es für unsere Vernunft keine absolute Anschauung gibt, sondern, daß alle ihre Anschauung sinnlich ist. Aber er wußte sich auch noch dieser sinnlichen Anschauung und der Erfahrung hinlänglich für seine Zwecke zu bedienen. Hingegen sobald REINHOLD das Prinzip der Ableitung all unseres Wissens von einem obersten Grundsatz aufstellte, so fiel er wieder, gleich dem gewöhnlichen Rationalismus, ganz in die Gewalt der Logik und der Begriffe, diese aber waren für das Kritische, was er doch beherrschen wollte, durchaus leer, er mußte also sehr bald zu einem unmittelbaren inneren Bewußtsein seine Zuflucht nehmen, dessen empirische Natur er ignorierte. Die weitere Bearbeitun bei FICHTE kam nun auch immer wieder zu dem verzweifelten Entschluß, dieses unmittelbare Bewußtsein, die sinnliche innere Anschauung, als eine intellektuelle Anschauung zu verteidigen, um sich darin zu rechtfertigen, daß sie den Quell allgemeiner und notwendiger Erkenntnisse abgeben soll. Denn ihm war die anthropologische Erkenntnis mit der philosophischen Eins, ihre Quelle, die innere Erfahrung mußte also auch gleiche Notwendigkeit der Erkenntnis haben, wie die Philosophie. Außerdem aber lag das Prinzip des Rationalismus, die Ableitung allen Wissens aus  einem  Prinzip seiner Spekulation zugrunde. Nun haben wir oben gezeigt, daß der vollendete Rationalismus ebenfalls zur Voraussetzung einer intellektuellen Anschauung seiner ursprünglichen Einheit und Notwendigkeit getrieben wird. Das Grundbewußtsein der Einheit, die Einheit des Selbstbewußtseins, von der alle Reflexion ausgeht, machte also bei FICHTE gleichfalls Ansprüche auf Anschaulichkeit, welche ebenfalls nur durch intellektuelle Anschauung befriedigt werden konnten. Diese beiden Forderungen, die der inneren Anschauung und die des ursprünglichen Bewußtseins der Einheit (der ursprünglich formalen Apperzeption) trafen sich nun im reinen Selbstbewußtsein, welches das Bewußtsein jener Einheit mmer begleitet und zugleich die Form aller inneren Anschauung ist. Daher erschein dann das reine Selbstbewußtsein in FICHTEs Philosophie als die intellektuelle Anschauung in ihrer höchsten Abgezogenheit, gleichsam als der Mittelpunkt derselben.

SCHELLING hingegen ließ zuletzt den anthropologischen Teil dieser Grundlage des Systems fallen und bildete es zum reinen Rationalismus aus, ihm blieb daher nur das Grundbewußtsein der Einheit stehen und dieses sollte als intellektuelle Anschauung geltend gemacht werden. Daher bei ihm die bloße intellektuelle Anschauung der absoluten Identität. Allein in dieser Abgezogenheit konnte ihm das Prinzip doch nicht hinlänglich sein für die Anwendung, es mußte doch irgendeine Gestalt annehmen, in der es produzierend werden, sich in Mannigfaltigkeit ausbreiten konnte. Dies geschieht dann auch durch ein Vermögen, welches er (Neue Zeitschrift für spekulative Physik, Bd. 1, Heft 1) charakterisiert, als das Vermögen das Allgemeine im Besonderen aufzufassen. Was hiermit eigentlich gesagt ist, wird durch die folgende Abhandlung deutlich werden.

Die höchste Aufgabe für die freie Spekulation ist, den Grund der Realität aller unserer Erkenntnisse anzugeben. Diese Aufgabe fällt mit der zusammen, denn Quell der Einheit und Notwendigkeit in unserer Erkenntnis aufzufinden. Es wird nämlich in der Erfahrung offenbar der Inhalt der Erkenntnis nur durch eine vorhergehende sinnliche Anschauung gegeben, zu dieser kommt aber die Reflexion nur als eine mittelbare Erkenntnis hinzu, durch welche wir uns nur dessen wieder bewußt werden, was sonst schon in unserer Erkenntnis ist und deren eigene Formen für sich durchaus leer sind. Wo liegt nun also der unmittelbare Quell dieser Einheit und Notwendigkeit?

Die Freunde der Spekukation, die Rationalisten unter den Philosophen, oder vielmehr alle Philosophen, machten immer wiederholte Versuche diese Aufgabe zu lösen, aber jeder löste sie nur für sich, oder noch einige wenige um sich her, keine Erklärung wollte allgemein einleuchten. Dies erzeugte dann Feinde aller Spekulation, welche als Skeptiker lieber jenen Quell der Erkenntnis ganz abzuleugnen versuchten, aber bei weiterer Aufklärung der Sache immer dadurch abgewiesen wurden, daß dann doch wirklich durch die Reflexion Einheit und Notwendigkeit in die gemeine Erfahrung kommt, die Frage also nur sein kann, woher diese eigentlich stammt.

Der neueste Versuch zur Lösung dieser Aufgabe ist dann der, welchen FICHTE und SCHELLING gemacht haben durch die intellektuelle Anschauung.

Zwischen der sinnlichen Anschauung und der Reflexion gleichsam mitten drin liegt die mathematische Anschauung der produktiven Einbildungskraft, welche das formelle Wesen und die Notwendigkeit mit den Formen der Reflexion, die Anschaulichkeit aber mit der sinnlichen Erkenntnis gemein hat. Auf die Analogie mit der Anschauung stützen sich FICHTE und SCHELLING vorzüglich, um ihre absolute Anschauung der Einheit faßlich zu machen. Sie haben dabei aber nicht bedacht, daß jene mathematische Anschauung für sich eine bloße leere Form ist und daß selbst die positiven Bestimmungen dieser Form ihr nur durch den gegebenen zufälligen Stoff angebildet werden. SCHELLING ist allerdings in der höchsten Abstraktion im Hinblick auf die Einheit und Notwendigkeit bis zum Grundbewußtsein der Einheit, welches aller Reflexion die Regel gibt, dem reinen  Ist  im Urteil durchgedrungen, aber nur seine rationalistische Ansicht der Sache bringt ihn dazu, dieses durchaus formale und für sich leere Bewußtsein der Einheit und Notwendigkeit zugleich für ein Bewußtsein des Inbegriffs aller Realität, und für eine Anschauung zu halten.

Wie entscheiden nun die Kritik im Hinblick auf jene höchste Aufgabe? Es ist bekannt genug, daß die ursprüngliche transzendentale Apperzeption der Quell aller Einheit und Notwendigkeit in der  Kantischen  Kritik sein soll, aber ebenso bekannt ist es auch, daß er mit dieser transzendentalen Apperzeption seinen meisten Schülern etwas sehr Unverständliches gesagt hat. Ich stelle dieselbe Sache von einer anderen Seite vor.

Nicht genug, daß die Vernunft erkent und weiß, sie will sich auch ihres Erkennens und Wissens wieder bewußt werden, sie will ihr Erkennen und Wissen aussprechen. In diesem Wiederbewußtsein ihrer Erkenntnisse ist sie aber an die Zeit gebunden, sie nimmt nur das Vorübergehende und Veränderliche in ihrem Wissen wieder wahr. Es kommt der Vernunft ein innerer Sinn zu und das Wiederbewußtsein ihrer Erkenntnisse, so wie alle ihre Zustände und Tätigkeiten ist sinnliche Anschauung als empirische Bestimmung des Selbstbewußtseins. Also nur des Vorübergehenden und Veränderlichen im Erkenen wird sich die Vernunft unmittelbar bewußt, indem sie es innerlich wahrnimmt; dieses Erkennen heißt daher Anschauung und all unsere Anschauung ist sinnlich. Zu dieser inneren Anschauung kommt die willkürliche Tätigkeit des Verstandes hinzu, wodurch sie der willkürlichen Aufmerksamkeit unterworfen wird, mit dieser fängt die Reflexion an indem wir vergleichen und unterscheiden. Die Reflexion sit für sich nur das Mittel, um uns unserer Erkenntnisse vollständig bewußt zu werden; um aus der einzelnen inneren Wahrnehmung ein vollständiges Ganzes der inneren Erfahrung zu machen; um die Erkenntnis der Vernunft, so wie sie ihr unmittelbar zukommt, anstatt der bloßen Veränderungen derselben, die sich in der Anschauung zeigen, ihr zu Bewußtsein zu bringen. Dieser unmittelbaren Erkenntnis der Vernunft werden wir uns also nur mittelbar durch die Reflexion bewußt und all dasjenige, was, wenngleich es nicht in der Reflexion selbst liegt, doch durch dieselbe zu unserer Erkenntnis hinzukommt, muß sich aus dieser unmittelbaren Erkenntnis der Vernunft beschreiben. Was aber durch die Reflexion zu unserer Erkenntnis hinzukommt, ist ursprünglich nichts anderes als eben jene gesuchte Einheit und Notwendigkeit.

Es liegt also die Erkenntnis als Tätigkeit der Vernunft eigentlich als eine  für sich unaussprechliche unmittelbare Erkenntnis der Vernunft  in derselben, welche erst ausgesprochen werden kann, indem die Vernunft durch die innere Anschauung und die Reflexion gleichsam aus sich selbst heraustritt und sich selbst, oder gar anderer Vernunft außer ihr, Objekt wird.

Die ursprüngliche Einheit und Notwendigkeit ist also nichts anderes als die aus dem Wesen der Vernunft selbst fließende Form der Erkenntnis, so wie diese unmittelbar, aber auf unaussprechliche Weise, der Vernunft zukommt. Das Wissen um unser Wissen ist daher nur durch innere Anschauung, die sinnlich ist, und durch Reflexion in Verbindung möglich. Das Bewußtsein der Einheit und Notwendigkeit ist ursprünglich in der unmittelbaren Erkenntnis der Vernunft und liegt dadurch der Reflexion sowohl, als der mathematischen Anschauung, zugrunde, als eine ursprüngliche formale Apperzeption welche für sich völlig leer ist, und nur durch die einzelne Anschauung ihren Inhalt bekommt. Eine intellektuelle Anschauung ist gar nicht in unserer Erkenntnis, denn sie widerspricht dem Wesen einer endlichen Vernunft. Die Berufung auf dieselbe ist aber nur durch ein Mißverständnis oder vielmehr durch die Urkunde dessen, was Reflexion ist, und durch die Unbekanntschaft mit der unmittelbaren Erkenntnis der Vernunft entstanden. Sie wird aufgegeben werden, sobald jenes wahre Prinzip der Einheit und Notwendigkeit und eigentliche Reflexion mit hinlänglicher Evidenz aufgestellt worden sind.

Geben wir aber die intellektuelle Anschauung auf, so sind wir auch im Hinblick auf die Erkenntnis des Absoluten als der unmittelbarsten Erkenntnis der Vernunft ganz von der Reflexion abhängig; diese Erkenntnis kann gar nicht von der Anschauung positiv abgeleitet werden, sondern sie muß durchaus reflektiert sein. Deswegen kann sie nicht Wissen genannt werden, sondern sie ist reiner Vernunftglaube. Dieser Glaube wird die Überzeugung vom Sein der Realität, so wie sie für reine Vernunft bestimmt ist, sein, aber nur durch Ideen der Negation der Schranken von aller endlichen Realität der Anschauung zu Bewußtsein kommen können.

Dieser Glaube erschien zuerst klar und gedacht in der christlichen Dogmatik; mit Deutlichkeit aber in der Philosophie wohl zuerst, wenn nicht bei LEIBNIZ, dann bei JACOBI. Wenigstens nahmen ihn JACOBI, KANT und nach ihnen FICHTE in ihre Spekulation auf. Aber größtenteils ist diese Art es Fürwahrhaltens noch ganz falsch verstanden worden. Man sah wohl ein, daß dieser Glaube ein durchaus reflektiertes Fürwahrhalten ist, schloß aber daraus vorschnell, es müsse durch die Reflexion selbst produziert werden. Nun ist das tätige Prinzip in der Reflexion der Wille, nämlich die willkürliche Tätigkeit des Verstandes, man erhielt also auf diese Weise eine widersinnige Art des Fürwahrhaltens, eine aus psychologischen Gründen unmögliche Überzeugung, welche davon abhängt, ob ich überzeugt sein will, und die sogar Gewissenssache wird. Diesen Fehler machten JACOBI und FICHTE bestimmt und KANT drückt sich zumindest oft so unbestimmt aus, daß man ihm denselben auch Schuld geben kann.

JACOBI sah, daß mit Schlußketten keine Gewißheit eingefangen werden kann, die nicht schon in den Prämissen liegt, zugleich aber auch, daß wir mit der bloßen sinnlichen Anschauung zu gar keiner Notwendigkeit gelangen können, die dann doch wirklich in unserer Erkenntnis behauptet wird. Er schloß also im allgemeinen, es müsse noch eine andere unmittelbare Gewißheit vorhanden sein, welche uns zu einem ersten Vorausgesetzten der Notwendigkeit führt; er unterschied aber im Hinblick auf diese Erkenntnisart eben nicht weiter und nannte sie im allgemeinen Glaube. Diese Unbestimmtheit mußte seinen Glauben ganz in die Gewalt der Willkür geben; er lieferte ihm lauter Offenbarungen, deren Rechtsansprüche er nicht weiter schützen lehrt.

FICHTE machte es noch schlimmer. In der Bestimmung des Menschen wirft er erst geradezu alles Wissen von sich und greift dann mit freiem Entschluß willkürlich nach dem Glauben, ohne zu bedenken, daß dadurch nicht Freiheit, sondern Gesetzlosigkeit des Fürwahrhaltens, d. h. Aufhebung aller Gewißheit herbeigeführt werden würde.

KANT führt seinen Vernunftglauben am bestimmtesten durch den Schluß auf: Was ich soll, das muß auch möglich sein; nun ist es aber nicht möglich ohne Unsterblickeit der Seele und dem Dasein Gottes, also glaube ich an diese. Dieser Schluß ist für die Reflexion vollkommen richtig; wäre das, was ich soll unmöglich, so wäre mein Sollen ein unstatthafter Begriff, ich sollte alsdann gar nicht. Diese Reflexion geht vom Bewußtsein,  daß ich soll,  aus und sucht höhere Bedingungen auf, unter denen dieses Bewußtsein steht; sie gehört also nicht in das System dieser Erkenntnisse, wo von den höchsten Bedingungenn abgeleitet wird, sondern nur für denjenigen, der sich erst vorläufig kritisch über dieses System orientieren will. Wird jener Schluß hingegen für einen eigentlichen Beweis der Unsterblichkeit der Seele und des Daseins Gottes gehalten, so daß diese Überzeugungen durch diese Reflexion hervorgebracht und nicht nur als in mir vorhanden aufgewiesen werden sollen, so entsteht wieder die falsche Vorstellung eines willkürlichen Fürwahrhaltens mit Notwendigkeit, z. B. ich glaube es sei ein Gott, weil ich gern wollte, daß einer sei.

Der Wahrheit nach wird gar keine Gewißheit durch die Reflexion selbst produziert außer der Materie in den logischen Grundsätzen, aber sehr viel Gewißheit und zwar alle, die mit Allgemeinheit und Notwendigkeit verbunden ist, kommt uns erst durch Reflexion zu Bewußtsein. So ist dann auch der reine Vernunftglaube eines unmittelbare ursprüngliche Erkenntnis der Vernunft, deren wir uns aber nur durch Reflexion bewußt werden.
LITERATUR - Johann Jakob Fries, Die unmittelbare Erkenntnis der Vernunft oder Reflexion und intellektuelle Anschauung, Polemische Schriften, Halle und Leipzig 1824
    Anmerkungen
    1) Mein Zweck bei dieser Betrachtung war: auf die kürzeste und klarste Weise zu zeigen, daß und wie sich die Grundformeln der spekulativen Philosophie für FICHTE und SCHELLING entwickeln nur durch das irrige Bestreben, unter dem Namen einer intellektuellen Anschauung ein Bewußtsein vom  Ganzen der unmittelbaren Erkenntnis unserer Vernunft  ohne Beihilfe der Sinne und der Reflexion zu erzwingen. Die Anmerkungen zeigen dann, wie alle diese Bemühungen ihren Zweck verfehlen müssen.