tb-1tb-1Neue Kritik der Vernunft    
 
JAKOB FRIEDRICH FRIES
Nominalismus
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"Mit unendlicher Mühe des dialektischen Scharfsinnes wird die Masse der Gedanken immer von neuem um und umgebildet, bis man sich endlich in den Schulen der neueren Nominalisten und der Jesuiten wieder auf den einfachen Spruch des Aristoteles zurückfindet, daß die logischen Grundsätze die höchsten Prinzipien seien. Erst von da konnte mit Klarheit der neue Streit beginnen. Die epistematische Umstellung des logischen Dogmatismus macht eigentlich erst mit vollständiger logischer Entwicklung der Abstraktion die Ansprüche an eine Erkenntnis durch bloßes Denken ohne Anerkennung einer Unmittelbarkeit der Anschauung."

Mit dem Anfang des Streites um Nominalismus und Realismus werden wir in die scholastische Philosophie hineingeführt, welche so lange Zeit hindurch ihre Herrschaft behauptet hat.

Neben den positiven Kirchenlehren und ihrer philosophischen Verteidigung durch AUGUSTINUS waren auch neoplatonische Phantaisen mit herüber gebracht und führten die Gedanken der Mystiker. Aber dieser Neuplatonismus war nur ein Werk der Überlieferung geworden und wurde eigentlich von niemand mehr selbst gedacht. Wenn auch seine Vorstellungsarten wiederholt wurden, so ging doch niemand mehr von dem Gedanken aus, daß durch die höchste Abstraktion des Seins, des Einen, des Guten, die Erkenntnis Gottes zu erhalten und aus ihr die Notwendigkeit der Emanationen [höheren Ursprünge - wp] abzuleiten sei. Das Selbstdenken wurde hier einzig durch einseitige Belehrung aristotelischer Logik geleitet. Von der Zeit an, wo mit geringen Anfängen die Philosophie sich eigentümlich in den Klosterschulen zu entwickeln anfängt, kommen wir auf eine sehr lang fortgehende neue Entfaltung. Das Philosophieren wird rein auf die Dialektik des ARISTOTELES zurückgeführt und an die Stelle der epistematischen Umstellung des aristotelischen logischen Dogmatismus, welche unendlich mühsam durchzuführen war, erst in den Schulen der Jesuiten gleichsam sich selbst klar wurde, aber dann der Fortbildung noch bedurfte bis auf die durch KANT gegebenen Unterscheidungen. Das Stichwort bleibt eigentlich das vorige:  Realität der Universalien,  aber indem die Untersuchung sich zum Streit der Realisten und Nominalisten wendet, bekommt es eine wesentlich andere Bedeutung. Es bleibt zwar im Hintergrund immer die neoplatonische Voraussetzung, daß die allgemeinen Begriffe der Ideen, das heißt die unkörperlichen Substanzen zu erkennen geben, aber der Philosoph verläßt die phantastische Hypostasierung [einem Gedanken gegenständliche Realität unterschieben - wp] des Allgemeinen nach den Unterschieden der urbildlichen und abbildlichen Welt. Man bleibt mit aristotelischer Abstraktion nur in  einer  Welt, für welche die notwendige Wahrheit unmittelbar metaphysisch hergestellt, im bloßen Denken festgehalten werden soll. Daraufhin werden nur immer neue Versuche gemacht und äußerst wenige zweifeln skeptisch am Gelingen. Aber allen bleibt über dieser Wahrheit der Vernunft, unerreichbar von dieser, aber mit vorausgesetzter völliger Übereinstimmung mit ihr der Glaube an die göttliche Offenbarung. Mit unendlicher Mühe des dialektischen Scharfsinnes wird die Masse der Gedanken immer von neuem um und umgebildet, bis man sich endlich in den Schulen der neueren Nominalisten und der Jesuiten wieder auf den einfachen Spruch des ARISTOTELES zurückfindet, daß die logischen Grundsätze die höchsten Prinzipien seien. Erst von da konnte mit Klarheit der neue Streit beginnen. Die epistematische Umstellung des logischen Dogmatismus macht eigentlich erst mit vollständiger logischer Entwicklung der Abstraktion die Ansprüche an eine Erkenntnis durch bloßes Denken ohne Anerkennung einer Unmittelbarkeit der Anschauung. Dieses ist eigentlich der uralte eleatische oder gar pyhtagoreische Gedanke, den PLATON schärfer ausbildete, ARISTOTELES in epagogischer [herbeiführender - wp] Weise festhielt, den die Stoiker vermeiden wollten, die empirischen Skeptiker als nichtig verworfen hatten, dann aber die Neoplatoniker mit Hilfe ihrer denkenden Anschauung neu aufnahmen und mit ihren Phantasien seine Schwierigkeiten verdeckten. Hier wird er denn endlich epistematisch vollständig das Rätsel des Selbstdenkens.

Der denkende Verstand besitzt doch nur die Begriffe, also muß durch Begriffe die Realität, die Wesenheit der Dinge erkannt werden. So muß der Realismus folgern; aber die Begriffe für sich geben doch die Erkenntnis keines Gegenstandes, sie haben in sich keine Realität muß der Nominalismus dagegen sagen. Allein auch der Nominalismus will nur denkend, nur durch Begriffe erkennen; und so sieht keiner von beiden klar. Daher entsteht hier der unendlich weitschweifige und lange, ermüdende Streit, in dem eigentlich keiner von beiden klar sagen, was er denn eigentlich will, denn der Widerstreit liegt in der beiden gemeinschaftlichen falschen Voraussetzung:  Erkennen  der Dinge durch bloßes Denken, ohne Unterlage der Anschauung.' In welchen künstlichen Ausdrücken gleich die Wesenheit des Allgemeinen und das Gesetz der Individuation ausgesprochen werden mag, beides bleiben leere Worte, denn ein Begriff für sich läßt nichts erkennen und ein Gesetz der Individuation widerstreitet sich selbst, weil das Individuelle, das Einzelne nicht gedacht, sondern nur angeschaut werden kann. Denken lassen sich nur Artunterschiede, aber keine numerischen.  Es ist ein widersinniger Gedanke, den Unterschied der verschiedenen Einzelwesen erdenken zu wollen, anstatt ihn aus der Anschauung hinzunehmen.  Hierin liegt einfach das Rätsel des ganzen Streites. Wollen wir uns nun durch den Streit von so einfacher Schlichtung durchfinden, ohne uns auf die Verwirrung unklarer Reden und Gegenreden einzulassen, so müssen wir voraus den Überblick nehmen, so wie er jetzt in unserer Gewalt ist.

Der Gedanke, daß nur die gedachte Erkenntnis die Wahrheit habe, entsteht natürlich aus der Bemerkung, daß wir sinnlich anschaulich nur das Vorüberschwindende, Veränderliche erkennen, alles Notwendige, Unveränderliche aber nur denkend zu erkennen vermögen. Wollen wir nun diesen Gedanken festhalten, so tritt ihm entgegen, daß daß ja alles Wirkliche nur sinnlich anschaulich gegeben sei und nicht dem denkenden Verstand und damit kommen wir auf die Antinomie des Wirklichen und Notwendigen, die wir erst auflösen müssen, um die Sache beherrschen zu können.

PLATON hatte die dafür nötige Unterscheidung der Teile unserer Erkenntnisse schon ganz genau angegeben in der Unterscheidung der Sinnesanschauung, mathematischer Erkenntnis, welche die Erkenntnis in schematisch anschaulich gemachten Begriffen auffaßt und von philosophischer Erkenntnis, welche nur in Begriffen gedacht wird. Aber in der Anwendung verwirft PLATON die sinnesanschauliche Vorstellung vom veränderlichen Wirklichen ganz und setzt die Wahrheit einzig in das Denken des unveränderlich Notwendigen, während in der Tat doch die Wahrheit in der menschlichen Erkenntnis nur durch die Unterordnung des Wirklichen unter das Notwendige festgestellt werden kann. Um nun diese Unterordnung ganz klar fassen zu können, wird erfordert, daß wir den Unterschied des Mathematischen sowohl vom Sinnesanschaulichen als vom Philosophischen genau anwenden lernen, denn nicht in der Veränderlichkeit des Sinnesanschaulichen, sondern nur in der Leerheit und Stetigkeit der mathematischen notwendigen Formen liegt der Grund des Unterschiedes von endlicher und ewiger Wahrheit. Die Unterordnung des Wirklichen unter das Notwendige ist daher erst durch die kantische Lehre von der reinen Anschauung vermittelt worden, durch welche sich allein der platonische Unterschied von endlicher Wahrheit und ewiger Wahrheit wahrhaft begründen läßt. Gegen PLATON nun wollten EPIKUR und die Stoiker alle Wahrheit nur durch die Sinnesanschauung begründen und so ist der einseitige Gegensatz von Empirismus und Rationalismus in der Geschichte der Philosophie stehen geblieben. ARISTOTELES und die peripatetische Schule stehen aber zwischen diesen beiden. In der Lehre von der Epagoge [Herbeiführung - wp] fällt die aristotelische mit der stoischen Voraussetzung zusammen, aber in seiner Lehre von den höchsten Prinzipien sahen wir den logischen Dogmatismus hervortreten, welcher die eigentliche Wahrheit als die notwendige nimmt, diese durch die Definition der Begriffe bestehen und durch die höchsten logischen Grundsätze (die analytischen Denkgesetze) begründet werden läßt. Bei der epistematischen Auffassung dieses logischen Dogmatismus, bei dieser Notwendigkeit durch den bloßen Begriff, aus den analytischen Denkgesetzen stehen wir nun jetzt; dies ist das Rätsel der ganzen scholastischen Philosophie, ja im Grunde der ganzen modernen Spekulation. Aber mit dieser Klarheit der Abstraktion kann uns die Frage in der Geschichte nicht gleich entgegentreten, sondern in der Anwendung zeigt sich das Rätsel zunächst in der Vergleichung der Begriffe von Form und Stoff (forma und materia) mit denen vom möglichen, wirklichen und notwendigen. Dafür erhalten wir nun zwei gleichsam entgegengesetzte logische Entscheidungen, eine aristotelische und eine bakonische. Die bakonische liegt der jetzigen wissenschaftlichen Abstraktion am nächsten.

Wir erhalten nämlich die Entscheidung mit BACO von VERULAM aus ARISTOTELES Unterscheidung der vier Arten von Gründen,  materia, forma, efficiens, finis. Materia  und  efficiens  sind nur in der einzelnen Tatsache wirklich vorhanden, aber der Naturprozeß ist notwendige  causa formalis.  Die Bäume vergehen, die Baumheit besteht, die Menschen vergehen, die Menschheit besteht; die Steine durchlaufen fallend und geworfen ihre Bahn zu Ende, aber das Gesetz des Falles besteht. Allein hier bleibt die Schwierigkeit. Die Baumheit, Menschheit, das Fallen ist nur in Bäumen, Menschen, fallenden Körpern wirklich, überhaupt der Naturprozeß begibt sich wirklich nur an der Masse und ihrer wirkenden Kraft (an  materia  und  efficiens).  Von dieser Auffassungsweise ist aber die erste des ARISTOTELES wesentlich verschieden, welche die Araber und Scholastiker immer festhalten. Er findet die Wirklichkeit nur in der Entfaltung des Einzelwesens, so ist ihm  forma  der Grund der Wirklichkeit, das bestimmende des Einzelwesens, während die Materie nur möglicherweise bestimmte Gestalten bekommt, ihm also Grund der Möglichkeit heißt. Dieser Unterschied hat das große Rätsel der  substantia formalis  erzeugt, indem ARISTOTELES nicht das Gesetz als Grund der Gestalten, sondern nur das  efficiens  als gestaltend ansah. Entelechie und Seele sind einzelne wirkliche Wesen und nicht allgemeine Gesetze.

Es kommt also eigentlich darauf an, den Widerstreit dieser beiden Auffassungweisen, der alten aristotelischen, nach der die Gestaltung das Wirkliche, die Masse nur das Mögliche ist und der neuen bakonischen, nach welcher die Masse das Wirkliche, das Naturgesetz als Grund der Gestaltung das Notwendige und die bloße Bedingung der Form für sich nur das Mögliche ist, miteinander zu verständigen. Die aristotelische Entscheidung birgt den ganzen Fehler seiner metaphysischen Ansicht, die neue bakonische gehört dem großen Fortschritt des philosophischen Geistes, welchen er durch die Entdeckung der Methoden der Erfahrungswissenschaften erhalten hat.

Allgemein logisch steht nun aber die Sache so. Die Begriffe sind (rein nominalistisch) ohne Wesen und Wesenheit, ohne Behauptung nur im Verstand. Aber es gibt zwei Arten allgemeiner Vorstellungen (der Universalien) nämlich  Begriffe  und allgemeine Regeln,  Gesetze.  Das Gesetz nun ist wahr und wird behauptet; in ihm liegt also die Realität der Universalien. Allein diese Wahrheit des Gesetzes ist für sich nur eine Bedingung notwendiger Bestimmungen und für sich ohne Wirklichkeit, so wie dagegen die Anschauung des Wirklichen ohne Notwendigkeit bleibt. Auch kein Verhältnis kann nur denkend gefaßt werden, sondern es fordert erst zwei Stellen, eine des Wesens und eine der Eigenschaft, eine der Ursache und eine der Wirkung, eine der Wirkung und eine der Gegenwirkung und diese können wir nur anschaulich durch Zeit und Raum erhalten. Wir denken nur nach Verhältnissen und erkennen denkend nur durch Verhältnis; die Kategorien des Verhältnisses sind ja allein die metaphysischen. Aber der denkende Verstand für sich hat gar keine Macht der Stellengebung, um die beiden Glieder des Verhältnisses nebeneinander ordnen zu können, darin muß ihm die Anschauung mit der mathematischen Form und der Tatsache des Wirklichen zu Hilfe kommen. Daher gehören dem falschen Versuch, die Erkenntnis nur durch Denken zu bestimmen, schon der Spruch des PARMENIDES, daß nur das Eine ist; der Spruch des PLATON, daß wo dieses andere auch noch jenes andere sein soll, nur von halbwahrem geredet werde und der Spruch des AUGUSTINUS, daß Gott  non subsistit,  nicht  substantia  [Stoff - wp], sondern nur  essentia  [Wesen - wp] ist. Aber auf der anderen Seite erkennen wir doch wieder die notwendigen Wahrheiten in Gesetzen und so denkend durch Verhältnisbegriffe. So steht das Rätsel, ob realistisch  universalia ante rem  [Die Allgemeinbegriffe erzeugen das Besondere - wp] oder nominalistisch  in re  [Universalien existieren nur an oder in den Einzeldingen - wp] oder  post rem  [In Wirklichkeit existieren nur Einzeldinge - wp] genommen werden sollen. Ferner da wir im Urteil alle Eigenschaften, alle Akzidenzien [Nebensachen - wp] und Adhärenzen [Folgen - wp] nur in allgemeinen Begriffen als Prädikate den Dingen beilegen, so sieht man leicht, wie dieser Streit auch als Streit über die Wesenheit der Eigenschaften und Akzidenzen und als Streit, ob man  rem de re  [Ding durch Realität - wp] prädizieren könne, ausgesprochen und geführt werden konnte. Denn darin lag doch schon der streitige Gedanke, ob man ein Allgemeines ein Ding (rem) nennen dürfe oder nicht; oder auch, ob die Bestimmung eines Dinges, welche man ihm mit Hilfe eines allgemeinen Begriffes beilegt, als etwas für sich Seiendes gedacht werden könne oder nicht. In der Tat ist nun in unserer wissenschaftlichen Erkenntnis das Gesetz immer das höchste, die Beschaffenheiten und Zustände der Dinge werden uns daher aus Gesetzen nach allgemeinen Begriffen bestimmt und also durch die Realität des Allgemeinen. Hingegen das Dasein des Einzelnen wird uns immer nur unmittelbar anschaulich ganz unabhängig von der Erkenntnis der notwendigen Gesetze erkannt. Diese Unmittelbarkeit und Unabhängigkeit der anschaulichen Erkenntnis entscheidet allein den ganzen Streit. Wir bleiben dabei, sinnlos leere Worte zu machen, wenn wir den Grund der Wirklichkeit des Einzelnen und die Unterschiede der Einzelwesen erdenken wollen, anstatt sie nur schlechthin anschaulich aufzufassen.

In diesem hat nun der Nominalismus seine sichere Klarheit. Die Begriffe für sich sind nur im Verstand, so wie sie nur gedacht werden. Aber wie sollen sie nun, wenn sie zum Gesetz miteinander verbunden werden, für den Realismus gleichsam aus dem Verstand heraustreten und objektiv gültig werden? Der Neoplatonismus hat das leicht; er nimmt mystisch anstatt  meines Verstandes die Weltvernunft  und legt alle Wahrheit in diese hinein. Das kann aber der Aristoteliker nicht und damit ist diese Sache stets unklar geblieben. Wir bedürfen des Realismus der Begriffe, um zu notwendigen Erkenntnis zu gelangen und können ihn doch nicht festhalten, da die Notwendigkeit des Gesetzes für sich wesenlos bleibt. Gott darf in der Tat nie als  natura naturans  [Urgrund der Dinge - wp] gedacht werden, sondern er ist das höchste Wesen und nicht die wesenlose Notwendigkeit eines Gesetzes. Der neuere Nominalismus will diesen Mangel decken, indem er eben nur die leeren logischen Denkgesetze als Prinzipien der notwendigen Wahrheit anerkennt, aber der neuere Empirismus verwirft ihm bündig diese Entschuldigung, weil die leere Wiederholung eines schon gegebenen Gedanken kein Prinzip für diesen Gedanken selbst sein kann. Erst wenn wir mit OCKHAMs Entscheidung,  das Prinzip der Individuation liegt nur in der Anschauung,  die kantische Unterscheidung der analytischen und synthetischen Urteile und die faktische Nachweisung, daß es synthetische Urteile  a priori  gibt, verbinden, kann die Sache ganz aufgehellt werden.

Aber auch im Besitz dieser Belehrungen können wir uns die Sache selbst erst durch den transzendentalen Idealismus und seine  Auflösung der Antinomie zwischen Schicksal und Gottheit  lösen. Erst im transzendentalen Idealismus ist der richtige Nominalismus vollendet, indem wir die Universalien als eine bloße Form der endlichen Wahreit in den wissenschaftlichen Erkenntnisweisen erkennen und über sie die Ideen des Vollendeten erheben, das heißt indem wir in der menschlichen Erkenntnis Sinnesanschauung, reine Anschauung, Naturbegriff und Idee voneinander unterscheiden und einander nebenordnen lernen.

Die völlige Schlichtung des Streites um Nominalismus und Realismus fordert also, daß wir mit KANT die bloß formelle Notwendigkeit in analytischen Urteilen von der Notwendigkeit in synthetischen Gesetzen und Ideen unterscheiden lernen und dann besonders, daß wir die Antinomien der reinen Vernunft genau würdigen lernen. Dafür entscheiden dann vorzüglich KANTs modalische Antinomie, welche er als Widerstreit des notwendigen und zufälligen Seins aufstellt, welche aber in demselben Gedanken die Antinomie vom Notwendigen und Wirklichen, von Gottheit und Schicksal ist. Daneben steht uns bei diesen Streitigkeiten am nächsten und kommt am vielfachsten in Anwendung die Antinomie des Einfachen und Stetigen. Diese steht hinter allen Rätseln unseres Streites.  Ein  Ding kann aus vielen Dingen nur werden kraft der stetigen Verbindung der Teile, wie  eine  Kugel,  ein  Würfel. Hingegen diskrete Teile geben in ihrer Summe nie  ein  Ding, sondern nur eine Anzahl von Dingen. Hundert Mann machen ein Kompanie Soldaten; aber die Kompanie ist nicht  ein  Ding, sondern eine Anzahl von hundert Mann, deren jeder  ein  Ding. Dieses stetige nun erkennen wir anschaulich, aber es verliert seine Bedeutung für das Sein der Dinge selbst, da das Stetige aus Teilen besteht, aber diese Teile nie selbständig bestehen, sondern immer wieder stetige Ganze sind. Jedes für sich bestehende Wesen ist also einfach und aus einer Vielheit von Wesen wird nie  ein  Wesen. Aber dieses Einfach ist nur eine absolute Idee und hat in unseren Vorstellungen gar keine affirmative, sondern nur doppelt verneinende Bedeutung. In der Wissenschaft und überhaupt im bejahenden Urteil kann uns also nie von einfachen Dingen die Rede sein, sondern kraft der Stetigkeit alles Anschaulichen widerspricht die Idee des Einfachen allen unseren positiven Begriffen. Hierin liegt eigentlich das alte dialektische Rätsel. ABÄLARD nennt es bei seinem Lehrer ROUSSELIN widersinnig, daß dieser dem Begriff der Teile die Realität abspreche; aber ROUSSELIN hat vollkommen Recht. Wenn ein Ganzes für sich besteht und aus dreit Teilen zusammengesetzt ist, so ist dieses Ganze nicht  ein  Ding, sondern  drei  Dinge. Besteht die Gottheit aus drei Personen, so sind diese  tres res  [drei Dinge - wp] und die Gottheit ist nicht  ein  Wesen, sondern drei Wesen. Diese Antinomie ist der nächste Grund aller dieser logischen Streitigkeiten. Wenn PARMENIDES sagt, nur das Eine ist; wenn ANTISTHENES und STILPON meinen, man könne nur eins von einem aussagen, wenn PLATON sagt, wenn ein Ding dies und noch etwas anderes sei, so sei das nur halbwahr; wenn AUGUSTINUS sagt:  deus non subsistit  [Gott besteht nicht aus etwas. - wp]: so besteht immer derselbe Widerstreit im Hintergrund. Wie kann z. B. dasselbe Ding ein Pferd und braun sein? der stetigen Anschauungnach auf sehr klare Weise, aber der Idee des an sich bestehenden nach läßt sich das nicht ausdenken, alles unser Prädizieren widerspricht der absoluten Bestimmung des Einfachen und hat nur für die Welt der Erscheinungen Bedeutung, welcher wir aber nicht mit PARMENIDES das Eins als dem Vielen, sondern nur die Idee des Vollendeten als dem Unvollendbaren entgegensetzen.

Doch in der scholastischen Philosophie hat der Streit um die Realität der Universalien anfangs eigentlich gar nicht diese allgemeine logische Bedeutung, sondern in der früheren Periode liegt der geheime Grund für den Realismus immer in der Lehre von der Trinität, um Eigenschaften und Verhältnissen, als welche die Personen in der Gottheit bezeichnet werden, eine Realität für sich geben zu können. Da in dieser Zeit überhaupt nur weniges gelesen wurde, so schließt sich der erste Streit in der Schule wohl an die früher angeführten Worte des PORPHYRIOS in seiner Einleitung zu des ARISTOTELES Kategorien über die Realität des Allgemeinen und an des BOETHIUS Kommentar dazu an, aber das Interesse des Streites lag nur in der Trinitätslehre. Erst nachdem durch die Araber die Physik und Metaphysik des ARISTOTELES mit in der Betrachtung stehen, wird die Frage des Realismus allgemeiner, indem des ARISTOTELES Lehre von Materie und Form die Hauptsache des Streites wird. Von da windet sich das Philosophem in vielen Wiederholungen durch den Realismus hindurch bis zur Erneuerung des Nominalismus und den Sieg desselben in der neueren Zeit. In allem bleibt aber der immer unauflösliche Widerstreit der  Wissenschaft  und des  Glaubens  stehen. Der anerkannten Auffassungsweise nach im Gegensatz der natürlichen und übernatürliche Erkenntnis, aber im unerkannten tiefsten Grund darin, daß die menschliche Wissenschaft die dem Menschen erscheinende Welt nur unter allgemeinen Gesetzen fassen und erkennen kann, der Glaube aber die höchste Ursache aller Dinge absolut und im Gegensatz gegen die allgemeine Gesetzlichkeit voraussetzt. So lange diese absolute Auffassung der Glaubenswahrheit nicht klar und frei von der wissenschaftlichen Erkenntnis nach Naturgesetzen unterschieden werden konnte und anstatt dessen die letztere dem Glauben nur als der offenbarten Erkenntnis und nicht auf philosophische Weise untergeordnet wurde, war es unmöglich, dieser Lehre eine genaue Ausbildung zu verschaffen.

Der christliche Geist hatte die dichterische Willkür der Mythen vernichtet und die Dialektik des ARISTOTELES hatte die Klarheit und Schärfe der Auffassung der Begriffe vermittelt. So entwickelte sich jene weitschichtige, klare, scharfsinnige Weise der Scholastik in jener dürren Ausbildung der aristotelischen Metaphysik. Ungemein schwer war es dem menschlichen Verstand in dieser Kunst wesentliche Fortschritte zu gewinnen. Manche der unseren mögen wohl noch meinen, daß wir bis jetzt in der Sache nicht zur Entscheidung gekommen sind. Aber wer die Geschichte der Philosophie genauer kennt, weiß das besser. Wir sind wahrhaft über die Scholastik hinausgeführt durch die Ausbildung der Erfahrungswissenschaften, in der wir die Unterordnung der erscheinenden Welt unter Naturgesetze haben verstehen und einsehen lernen, daß die Erschaffung der Welt weder aus Gottes Allmacht oder Allwirksamkeit, noch nach Gottes Willen wissenschaftlich oder metaphysisch erklärt werden könne, sondern daß diese Glaubensideen ganz über aller wissenschaftlichen Erkenntnis, dieser überlegen nur auf eine ewige Wahrheit hindeuten.
LITERATUR - Jakob Friedrich Fries, Geschichte der Philosophie, Bd. 2, Halle 1837