tb-1Johann Friedrich Herbart    
 
JAKOB FRIEDRICH FRIES
Über den Unterschied
von Anschauung und Denken


"Hätte Herbarts Selbstgefälligkeit ihm verstattet, sich in meine Sprache und meinen Gedankengang hinein zu denken, so würde er gefunden haben, daß ich einen genau bestimmten, scharf geordneten und immer gleichen Sprachgebrauch befolge und mittels desselben ein nach der  von mir  als richtig anerkannten Methode ein ganz folgerichtiges Philosophem ausgeführt habe. Er würde dann eingesehen haben, daß es nicht der Mühe wert ist, uns um einzelnen Teile der Lehre zu streiten und uns darüber Vorwürfe zu machen, sondern daß vielmehr das einzig Entscheidende nur die Grunduntersuchungen über die richtige Methode sind, über die allein ein wahrhaft bedeutender Streit unter uns erhoben werden kann."

Herr Professor HERBART hat früher ausführlich und wiederholt in Anzeigen mehrerer meiner Schriften seine Mißbilligung und Geringschätzung meiner Bemühungen für die Fortbildung der Philosophie in Deutschland ausgesprochen. Mir war dieser Streit unangenehm und ich mochte mich auf keine Gegenrede einlassen, aus zwei Gründen, die ich gleich angeben werde. Allein, da Herr Professor HERBART nun im ersten Teil seiner allgemeinen Metaphysik noch genauer auf den Streit eingeht, finde ich mich doch veranlaßt, auch mitzusprechen. Jeder Sachkundige wird leicht einsehen, daß ich HERBART seine Mißbilligungen meiner Lehre mit meinen Mißbilligungen der seinigen in vollem Maß zu vergelten habe. Das kann wohl bei unseren so widerstreitenden Grundansichten nicht anders sein. Aber mit der Geringschätzung will es mir nicht ebenso glücken! Und das ist der eine Grund, weshalb ich ihm ungern antwort. Im Gegenteil: ich achte seine sittliche Lebensansicht, wie sie in seiner allgemeinen praktischen Philosophie ausgesprochen ist, sehr hoch und wenn ich auch überall in Beziehung auf Methode und Begründungsart einer ihm widerstreitenden Meinung bin, so erkenne ich doch selbst in seiner mathematischen Psychologie seinen Scharfsinn an. Fange ich nun also doch an gegen ihn zu sprechen, so muß ich meinen Gegner zuerst über diese Geringschätzung Vorwürfe machen. Herr HERBART weiß so gut wie ich, daß ein Rezensent in seiner papiernen Welt der alleinige Weise, der wahre König, ja bald Gott selbst gleich ist. Denn sollte er auch nicht ganz allwissend sein, so weiß er doch alles weit besser als der Verfasser, daher hat er immer recht, denn er entscheidet als Oberappellationsinstanz mit seinem  Wir  nicht nur als Souverän seines papiernen Reiches, sondern auch im Namen des ganzen Publikums; ferner ist er höchst gerecht, denn er läßt keinen Fehler des Verfasser ungerügt, und doch auch sehr gütig, denn zuweilen gibt er sogar etas von seiner eigenen Weisheit zum Besten; endlich ist er ganz selig, denn wie kann diese Wonne einem Weisen, der immer recht hat, je fehlen. Diese Rezensentenseligkeit ist der erste Vorwurf, den ich meinem Gegner mache, denn diese ist allein schuld, daß er meine Behauptungen nicht nur falsch findet, wie sich von selbst versteht, sondern anstatt einer Anzeige meiner Schriften fast nur eine Reihenfolge von Ausdrücken der Bewunderung und des Verdrusses darüber gibt, wie unbestimmt und verworren mein Sprachgebrauch und fast jede meiner Gedankenfolgen ist, überhaupt wie ungeschickt, unwissend, wie albern und dabei wie anmaßend ich mich überall aufführe. Nur diese Selbstgefälligkeit konnte ihn zu den geschmacklosen Härten im tadelnden Ausdruck verleiten, wie z. B. daß er die Kantische Methode zu philosophieren mit dem Verfahren englischer Leichendiebe vergleicht; ein andermal mich damit widerlegt, daß der Mann im Mond weder ein Kirchturm, noch ein verliebtes Paar sei; nur sie konnte ihn verleiten, seine Tadelrede so oft in leeres Wortemachen auslaufen zu lassen, ohne irgendwie auf meinen Gedanken einzugehen. So verdrießt es ihn, daß ich so viel und gerae in einer solchen Anordnung habe drucken lassen, und doch ist er so wenig in meinen Gedankengang bei den verschiedenen Abhandlungen eingegangen, daß er die bloße Namenerklärung der Kategorien nach den logischen Verhältnissen des Kantischen Leitfadens zur Auffindung derselben für eine mißlungene Deduktion der Kategorien erklärt. Es versteht sich ja doch wohl von selbst, daß ich meine Bücher für meine Freunde und für Leser, die bei mir lernen wollen, schreibe, nicht aber für verdrießliche Leute, die mich nicht leiden können. Auch habe ich Herrn HERBART nie zugemutet, auf meinen Gedankengang einzugehen, aber wenn er öffentlich über mich urteilen will, so hätte er es sich billigerweise selbst zumuten sollen. Gleich nachher ruft er den Großcophta [Hochstapler bei Goethe - wp] zum Zeugen auf gegen meine Darstellung der alten Lehre von der Überordnung des Glaubens über das Wissen. Er sagt:
    "Darf eine Stufe der Lehre dergestalt über die andere gebaut werden, daß dem niederen Wissen, als bloßer menschlicher Vorstellungsart, die Wahrheit ausgesprochen wird; was hindert dann auch das Glauben und Ahnen, worauf subjektive Gemütszustände den offenbarsten Einfluß haben, wiederum für eine bloße menschliche Vorstellungsart zu erklären?"
Nun ja, solange man nicht näher darüber nachdenkt, kann das so scheinen (wir kämen auf das berühmte Problem, wie viele Sprosse die längste Leiter hat); wenn man aber von der bloßen Rede zum Denken kommt, so ist bald einleuchtend, daß die Glaubensideen den Gedanken der Vollendung in sich selbst tragen. Endlich neben manchem Ähnlichen ist die ungerechteste Vernachlässigung dieser Art, welche HERBART sich gegen mich zuschulden kommen läßt, daß er völlig unbedacht voraussetzt, ich verstehe unter Wahrheitsgefühl das Vertrauen auf unüberlegte Vorurteile und unter Glaube das Festhalten an unsicheren Meinungen, da ich doch die dahin gehörigen Unterscheidungen so bestimmt besprochen habe, und die deutsche Sprache seit alter Zeit unter Glaube die höchste und heiligste Überzeugung des Menschen versteht. Daraufhin meint er, nach meinen Ansichten wird die Geschichte der Philosophie zu viel Lärm um Nichts. Allerdings, wenn er die helle und sichere Ausbildung des menschlichen Urteils über den Glaubenswahrheiten und religiöse Überzeugung Nichts nennen mag, so hat er meine Meinung getroffen. Hätte diese Selbstgefälligkeit ihm verstattet, sich in meine Sprache und meinen Gedankengang hinein zu denken, so würde er gefunden haben, daß ich einen genau bestimmten, scharf geordneten und immer gleichen Sprachgebrauch befolge und mittels desselben ein nach der  von mir  als richtig anerkannten Methode ein ganz folgerichtiges Philosophem ausgeführt habe. Er würde dann eingesehen haben, daß es nicht der Mühe wert ist, uns um einzelnen Teile der Lehre zu streiten und uns darüber Vorwürfe zu machen, sondern daß vielmehr das einzig Entscheidende nur die Grunduntersuchungen über die richtige Methode sind, über die allein ein wahrhaft bedeutender Streit unter uns erhoben werden kann.

Da nun mein Gegner auf keinen Fall Lust haben wird, auf diesen Streit einzugehen, so wäre es weit besser gewesen, wir hätten einander in Ruhe gelassen, umso mehr, da er bei allen einzelnen Härten im tadelnden Ausdruck gegen mich doch so sorgfältig zeigt, daß er nur wissenschaftlich streiten und nicht persönlich werden wolle. Bemerkt er denn nicht, daß alle seine durch Ausrufungen über mich errungenen Sieg nur in seiner papiernen Welt gelten und gar nicht zu mir herüber wirken. "FRIES und SCHELLING gleichen Leuten, die schwimmen wollen, ehe sie Wasser haben!" - Wer wehrt mir dagegen zu sagen: HERBART und die Seinen gleichen Leuten, die sprechen, ohne zu denken? - "Die von FRIES angenommenen Grundkräfte sind Unsinn!" - Wer wehrt mir zu erwidern: Das von HERBART angenommene einfach Was ohne Qualität ist Unsinn und Unvernunft. Wer wehrt mir zur Bekräftigung dahinter noch eine vollständige Rezensenten-Batterie von Fragezeichen und Ausrufungszeichen aufführen zu lassen? - Und habe ich damit in meiner papiernen Welt nicht einen ebenso glänzenden Sieg über ihn erfochten, als er in der seinen über mich. Doch ich sage so etwas ja nicht, ich hätte ja lieber ganz geschwiegen.

Dazu bestimmte mich dann noch der zweite Grund, daß Herr HERBART mich nur mit den Konsequenzen seiner Lehre bestreitet. Ansich ein Unternehmen, gegen welches ich nichts sagen kann. Allein mich trifft es nicht, mich geht es nichts an; es ist nur eine Angelegenheit zwischen ihm und seinen Schülern. Für mich wäre das Schweigen darum auch am angemessensten. Bin ich aber nun doch einmal zum Widerspruch gebracht, so muß ich auch hier einen Tadel gegen meinen Gegner aussprechen. Er widerlegt mich nämlich mit den Konsequenzen seiner Lehre, die doch größtenteils noch sein Geheimnis ist, welches er noch nicht ausführlich öffentlich bekannt gemacht hat. Das Publikum kann so wenig, wie ich, auf die Beurteilung mit eingehen, jeder wissenschaftliche Zweck des Streites geht darüber verloren, und sehe keinen anderer Erfolg, als daß unter den Unkundigen etwa einer dem anderen bei einer Pfeife Tabak oder einer Partie Billard erzählt: Herr Kollege! mit der FRIES'schen Metaphysik ist es auch nichts! Es steht heute in der Leipziger.

So wüßte ich dem früheren Streit keine andere wissenschaftliche Bedeutung zu geben, als wenn ich eine Kritik der ganzen HERBART'schen Philosophems unternehmen wollte; welches er selbst aber noch zu unvollständig bekannt gemacht hat. Indessen durch die Fortsetzung des Streits in der allgemeinen Metaphysik haben sich diese Verhältnisse geändert, indem mein Gegner hier bestimmte mathematische Streitfragen zur Sprache bringt. Hier habe ich es nicht etwa mit HEGEL'scher Unwissenheit, sondern mit einem Kenner zu tun,  dem selbst  ich entgegentreten kann, um mich zu verteidigen, denn in der Mathematik entscheiden nicht subjektive Meinungen, nicht Autoritäten, sondern nur klare Gründe. Dadurch habe ich hier zweierlei zu besprechen. Erstens wende ich mich nicht an Herrn HERBART, sondern nur an meine Freunde und suche diesen zu zeigen, wo der Grundfehler des HERBART'schen Philosophems liegt. Wir beide sind eigentlich schon in einem Alter, in welchem fast jeder treu philosophierende mit SPINOZA weiß, daß er die wahre Philosophie besitzt. So wenig Herr HERBART mich mit noch so vielen Kritiken überzeugen wird, daß mein Philosophem irrig ist und so leicht er dagegen, wenn ich einen mathematischen Fehler begangen haben sollte, mich dessen überführen kann, so wenig erwarte ich, ihm seine philosophischen Meinungen zu ändern, und ihn doch in mathematischen Dingen auf Fehler aufmerksam machen zu können.

Zweitens will ich daher, was die mathematischen Streitigkeiten betrifft, mich an ihn selbst wenden.


I.

Herr Professor HERBART gibt sehr treffend am Ende der Vorrede seiner allgemeinen Metaphysik als den entscheidenden Grundgedanken von KANTs Metaphysik an: "Unser Begriff von einem Gegenstand mag enthalten, was und wieviel er wolle: so müssen wir doch aus ihm herausgehen, um diesem die Existenz beizulegen." Er stimmt diesem bei, nennt sich darum selbst einem  Kantianer  und bleibt auch überall der Kantischen Lehre von der Immanenz der menschlichen Erkenntnisse treu; nur von der Erfahrung, verlangt er, solle sich auch die Metaphysik zur Anwendung leiten lassen.

Wir bleiben ferner auch darin mit ihm einig, daß das Heil der Fortbildung der Philosophie von der richtigen Ausbildung der Psychologie abhängt. Aber was zu dieser Unternehmung erforderlich ist, beurteilen wir auf eine der seinigen ganz widerstreitende Weise.

Herr HERBART hat nämlich einerseits die von FICHTE in der Wissenschaftslehre an die Stell der kritischen Methode gebrachte Methode des sukzessiven Lösung von Widersprüchen zu seiner Methode der Beziehungen ausgebildet und damit in Verbindung eine Ansicht von den Aufgaben der Metaphysik erhalten, welche mir den FICHTEschen Grundfehler in sich behalten zu haben scheint. Anstatt nämlich mit KANT die Grundbegriffe der Metaphysik nur als Bedingungen der Möglichkeit der Erfahrung auf die Wahrnehmungen anzuwenden, versucht er zwar nicht wie FICHTE eine Konstruktion der Welt  a priori  aus dem reinen Ich, aber er vertraut sich doch wieder einer dogmatischen Dialektik an, gegen welche wir mit KANT sagen, wer einmal Kritik gekostet hat, wird sich nie wieder mit dogmatischer Metaphysik befassen mögen. Er meint nämlich hinter die erfahrungsmäßige Auffassung der Wissenschaften eine andere metaphysisch begründete Ansicht derselben stellen zu können, welche uns allein die wahre höhere Wissenschaft gibt.

Dies hat er in der mathematischen Psychologie für die Erkenntnis des Geistes ausgeführt und nun verspricht er uns noch für die Naturphilosophie zu zeigen:
    "Wie aus den unräumlichen Realen sich etwas zusammensetzen könne, das dem Zuschauer das Phänomen der Materie darbietet." "Damit verschwinden von selbst sämtliche, nur in der Einbildung vorhanden gewesenen, anziehenden und abstoßenden Kräfte der Materie; sie sind mythologische Wesen, gleich den Seelenvermögen. Was in der Psychologie der Begriff des Strebens gehemmter Vorstellungen, das leistet in der Naturphilosophie der Begriff der formalen Notwendigkeit, daß die äußeren Zustände sich nach der inneren richten müssen, und die erste Kenntnis dieser Notwendigkeit ist mit dem ersten Begriff der Materie vollkommen ein und dasselbe."
Wir müssen erwarten, wie sich das ausnehmen wird. Diese letzte formale Notwendigkeit könnte nur mit anderen Worten dasselbe zu sagen scheinen, welches wir ausgesprochen haben: die Form der menschlichen Welterkenntnis wird durch die Natur des menschlichen Erkenntnisvermögens bestimmt. Auf jeden Fall wissen wir aber, daß das unräumliche Reale außer uns kein unmittelbarer Gegenstand menschlicher Erfahrungen wird, daß es folglich keine Wissenschaft von demselben gibt und daß ein jeder, der diese zu besitzen vorgibt, nur mit seinen Einbildungen und Begriffen spielt, ohne der Kantischen Forderung gemäß, aus diesen herausgehen und ihnen die Existenz beilegen zu können.

Doch da die Ausführung dieser Lehre noch des Erfinders Geheimnis ist, so kann ich nur über die Psychologie genauer reden. Ein großes Unglück für die deutsche Philosophie ist es, daß während wir alle, geführt von KANT, weiter denken, doch so wenige unter uns sich gerade jene klaren herrlichen Entdeckungen KANTs zu eigen gemacht haben, welche er durch die Vorteile der kritischen Methode als bloße Erfahrungssache auffinden lehrte, ohne sich in jene bloß subjektiven Ausbildungen von Meinungen und jene metaphysischen Hypothesen zu verwickeln, welche sich seit jeher jedem Selbstdenkenden anders gestalteten. Dahin gehören die erfahrungsmäßige Ausbildung der Logik, die erfahrungsmäßige Auffindung des ganzen Systems unserer metaphysischen Grundbegriffe, die erfahrungsmäßige Nachweisung der Verhältnisse zwischen Denken und anschaulicher Erkenntnis. Bei weitem die Meisten haben sich wieder jeder in seine metaphysisischen Träume verloren, in denen er sich seine Geister selbst erscheinen läßt. Auch HERBART wirft mir vor: "den Kantianismus wie einen steifen und starren Dogmatismus zu behandeln und in Kategorien und logischen Formen mein Heil zu suchen." Mir aber klingt diese Gegenrede nur wie die Klage eines Rechenschülers: soll ich denn immer nach dem steifen und starren Einmaleins multiplizieren, darf ich denn nie die Zahlen zusammenschreiben, wie es mir gerade gefällt?

KANTs Leitfaden zur Auffindung der Kategorien, KANTs Systeme der Kategorien, der Prinzipien für die Metaphysik der Natur, der transzendentalen Ideen usw. werden in der Geschichte der Philosophie unvergessen bleiben, während sich niemand mehr jener wechselnden dialektischen Metaphysiken und philosophischen Phantasien erinnern wird.

Unter diesen großen Entdeckungen ist dann auch der Nachweis des richtigen Verhältnisses der Anschauung zur Erkenntnis entscheidend wichtig. Der Nachweis der synthetischen Natur aller mathematischen Urteile, der Nachweis jener Grundanschauungen vom Räumlichen und Zeitlichen, deren Vorstellungen nie den bloßen Begriffen des Verstandes eigen werden, sondern für deren Verständnis nur auf die Anschauung hingewiesen werden kann, in Verbindung mit dem Nachweis, daß der denkende Verstand nur mit Hilfe der singulären assertorischen [behauptenden - wp] Urteile seine Urteile mit der Erkenntnis der Gegenstände in Verbindung setzen kann, jedes singuläre assertorische Urteil aber seinen Gegenstand einzig in der unmittelbaren anschaulichen Erkenntnis finden kann, geben uns die durch und durch einleuchtend sichere Einsicht, daß keine erklärende Wissenschaft hinter Raum und Zeit greifen kann, sondern daß jede nur untertan den mathematischen Gesetzen, wie Raum, Zeit und Zahl sie der Erscheinung der Dinge für den Menschen vorschreiben, ihre Entwicklung zu suchen habe.

Jeder Plan, wie der von HERBART, eine Wissenschaft vom wahren Wesen der Dinge, wie es gleichsam hinter dem Raum verborgen ist, im reinen Denken zu ersinnen, wird vor diesem Gericht als eine Chimäre abgewiesen. Uns gehören Raum, Zeit und alle Größenbestimmungen zur Erscheinung, HERBARTs Wissenschaft vom wahrhaft Seienden, in welcher zwar der Raum verworfen, aber doch die  Grade  der Selbsterhaltungen gestörter Wesen  in der Zeit  beibehalten werden, hat für uns gar keine Bedeutung, umso weniger da diese Selbsterhaltungen nur nach ihren Graden und nicht nach ihren dem Geistesleben allein bedeutsamen Beschaffenheiten stehen bleiben sollen.

Dieses Verwerfungsurteil vergilt mir Herr HERBART reichlich im ersten Band seiner allgemeinen Metaphysik, nicht immer mit einer so nachlässigen Tadelrede, wie in den Anzeigen meiner Schriften, sondern mit einer zusammenhängenderen Kritik, in welcher meine Ansicht vor den Richterstuhhl seiner Metaphysik verurteilt wird. Es wäre auch hier ohne Bedeutung, mich im Allgemeinen auf den Streit einzulassen. Auf diesem Standpunkt stehen wir einander gegenüber, sehen einander an und lachen und gegenseitig einander aus, oder wenigstens er mich. Ich bemerke, wenn ich einen bestimmten Körper, z. B. einen Baum erkenne, daß ich dabei sinnesanschauliche Vorstellungen, z. B. der Farben seiner Blätter und Zweige, mit mathematischen räumlichen Vorstellungen, z. B. von der Gestalt seiner Blätter und Zweige verbinde, auch nach Begriffen, z. B. über die Baumart, zu welcher er gehört, urteile. Das findet HERBART lächerlich, er bemerkt davon nichts, er bemerkt nur eine unräumliche Welt des Zusammen einfacher gestörter Wesen in ihren Selbsterhaltungen, welche er nur einseitig in der Psychologie Vorstellungen genannt hat, da sie eigentlich Empfindungen sind. Das finde ich nun wieder, zwar nicht lächerlich, denn ich sehe sehr wohl, wie HERBART zu dieser Ansicht gekommen ist, aber doch ganz irrig. Ich habe schon gar keine andere unmittelbare Erkenntnis vom Zusammen mehrerer Wesen, als mit Hilfe der räumlichen Vorstellungen von Lage und Gestalt.

Über diese Dinge mit ihm zu streiten, könnte daher nichts frommen, deswegen beschränke ich mich im Folgenden nur auf mathematisch bestimmte Lehren.


II.

Die Beihilfe der Philosophie zur Fortbildung der Naturlehre ist ein der mißlichsten Unternehmungen, welche in der Geschichte der Wissenschaften vorkommen. Die Naturlehre ist bei den Griechen gleichsam aus naturphilosophischen Träumen hervorgegangen. Diese haben wohl oft das Interesse zur Wissenschaft belebt, aber die Untersuchung selbst im Altertum nie gefördert, oft gehindert. Die Pythagoreischen Zahlenträume hinderten die Theorie der Musik, und mit PLATONs Vorstellung von der Einfachheit der gleichförmigen Kreisbewegung verbunden, fixierten sie lange Jahrhundert hindurch Astronomie und Mechanik auf einem niederen Standpunkt. Dazu führten die  Epikureer  weiter die Eleatische Atomlehre in die Physik ein, welche bis heute so manchem Naturforscher die Zeit verdirbt. Dagegen nur die vor Philosophie geschützten Untersuchungen der reinen und angewandten Mathematik waren es, welche ununterbrochen der Naturlehre ihre sicheren Fortschritte bereiteten.

Selbst DESCARTES, dieser große philosophische Fortbildner der reinen Mathematik, machte in der Physik lauter unglückliche Hypothesen und erst seinem Schüler NEWTON, der eben gar nicht Philosoph sein wollte, gelang es, die wahre mathematische Naturphilosophie zu gründen. NEWTON setzte zuerst, an die Stelle der einfachsten Bestandteile unserer Maschinen, Naturgesetze als Prinzipien der Mechanik an und entwickelte daraus die Grundlehren der theoretischen Physik mit einem solchen Glück, daß die Nacholgenden bisher nur seine Theorien ausgeführt und vervollkommnet haben, ohne daß es gelungen wäre, eine neue Haupttheorie hinzu zu finden, welche genügende mathematische Konstruktionen der Erscheinungen zuließe, so ungemein viel reicher auch seit jener Zeit die Belehrungen durch Erfahrung geworden sind.

KANT hat nachher das Verdienst, die philosophische Bedeutung der Grundlagen von NEWTONs mathematischen Prinzipien der Naturphilosophie in seinen metaphysischen Anfangsgründen der Naturwissenschaft genauer nachgewiesen und zugleich die alte Atomlehre mit ihren Vorurteilen widerlegt zu haben. Diese Kantischen Ansichten haben, wie alles, was KANT gab, lebendig unter uns fortgewirkt. Einige verließen nach SCHELLINGs Beispiel den streng mathematischen Gedankengang der Kantischen Untersuchung, gewannen ihrer Phantasie leicht das ganze Gebiet der Naturwissenschaften und erprobten von Neuem, daß die Philosophie wohl leicht belebend auf die Naturforschung wirke, aber schwer ihre Lehre selbst fördert. Andere blieben KANTs mathematischer Lehre treu. Unter diesen habe auch ich, solang ich wissenschaftlich tätig bin, mich bemüht, die Sache zu fördern. Ich suchte bei KANT und allen, die ihm folgten, Belehrung, verband dann damit meine eigenen oft wiederholten Bemühungen und legte endlich im Jahre 1822 die Ergebnisse meines fast dreißigjährigen Forschens zur öffentlichen Beurteilung vor. Wie in den anderen Teilen der Philosophie bin ich auch hier in Bezug auf die reine Mathematik zu einer  mich  vollkommen befriedigenden Entscheidung gelangt, was aber die Anwendung von Philosophie und Mathematik auf Naturlehre anlangt, so ist mir, soviel ich mich auch bemüht habe, sehr viel zu wünschen übrig geblieben. Ich habe treulich mitgeteilt, was ich gefunden habe; sichere Grundlagen und dann oft sehr unsichere Ausführungen und Anwendungen, mit denen ich meinte den Nachfolgenden leitende Gedanken anbieten zu können. Dieses Letztere stelle ich willig jeder wissenschaftlichen Kritik bloß, wie es mein Buch selbst oft genug erklärt, und werde freudig anerkennen, wenn jemand etwas Besseres findet.

So mag dann auch Herr HERBART hier gern die Unvollkommenheit meiner Arbeit rügen und tadeln, dagegen wehre ich mich nicht, nur über die sicheren mathematischen Grundlagen will ich versuchen, mich mit ihm zu verständigen.

Dafür habe ich zuerst KANT selbst zu verteidigen.

1) HERBART streitet (Seite 512) gegen KANT für den alten Schulsatz, daß eine  actio in distans  [Fernwirkung - wp] unmöglich sei. KANTs Behauptung: jedes Ding im Raum wirkt auf ein anderes nur an einem Ort, wo das wirkende nicht ist, setzt er nämlich die Frage entgegen: was wird nun aus der chemischen Durchdringung? - Dabei gebe ich zu, daß KANT sich diese Durchdringung nicht deutlich genug gedacht hat, aber mathematisch genommen hat er doch recht, daß im Raum nur eine Gegenwirkung zwischen außerhalb einander befindlichen Massen stattfinden kann, weil die Elemente jeder entstehenden Bewegung einer Richtungslinie bedürfen, welche durch zwei Punkte außerhalb einander bestimmt wird. Gesetzt, zwei Massen, befinden sich in gleichmäßiger gegenseitiger Durchdringung, so bleiben sie durch ihre eigene Gegenwirkung an jeder Stelle notwendig in einer relativen Ruhe, wenn sie gleich mit noch so hohen Graden von Anziehung oder Abstoßung aufeinander wirken, denn alles hält sich in einem Gleichgewicht, welches nur von Außen her gestört werden kann.

2) HERBART rügt nicht ohne Grund, daß KANT bei der Konstruktion der Zusammensetzung einer Bewegung aus zwei geradlinigen gleichförmigen den Raum, für den die zusammengesetzte Bewegung als ruhend beobachtet wird, den absoluten genannt habe, er hätte aber dazu bemerken sollen, daß FISCHER (in GRENs "Anfangsgründen" und in seinem "Lehrbuch der mechanischen Naturlehre) diesen Fehler längst verbessert und (so wie ich die Konstruktion von FISCHER entlehnt habe) gezeigt habe, daß der Fehler auf die Bedeutung der ganzen Konstruktion keinen Einfluß behält.

3) Herr HERBART hat recht, daß wir uns die Aufgabe der Kantischen Dynamik gehaltvoller vorstellen können, als es KANT selbst tat, aber er tadelt dann mehrere Ausführungen KANTs doch mit Unrecht.

HERBART sagt (Seite 518): "KANT bewies seinen Lehrsatz: die Materie erfüllt einen Raum, nicht durch ihre bloße Existenz, sondern durch eine besondere bewegende Kraft auf folgende Weise":
    "Das Eindringen ist einen Raum ist eine Bewegung. Der Widerstand gegen Bewegung ist die Ursache der Verminderung oder auch Veränderung derselben in Ruhe. Nun kann mit keiner Bewegung etwas verbunden werden, was sie vermindert oder aufhebt, als eine andere Bewegung eben desselben Beweglichen, in entgegengesetzter Richtung. Also ist der Widerstand, den eine Materie im Raum, den sie erfüllt, allem Eindringen anderer leistet, eine Ursache der Bewegung der letzteren in entgegengesetzter Richtung. Die Ursache einer Bewegung aber heißt bewegende Kraft."

    "So schnell war eine bewegende Kraft geschaffen! Und zwar eine ganz allgemeine jeder Materie gegen jede andere, als ob wirklich alles Eindringen Widerstand fände, und dieser Widerstand die Natur aller Materie bezeichnete. Das chemische Eindringen des Quecksilbers in Gold usw. war ganz vergessen."
Diesen Tadel finde ich unbillig. KANT nennt, wie alle deutschen Mathematiker, bewegende Kraft, was Bewegung hervorbringt, und demgemaß hat er bewiesen, daß die Gegenwirkung im Stoß durch in der Berührung wirkende zurückstoßende, durch eine Ausdehnungskraft bewirkt wird. Er hat ja auch die chemische Durchdringung dabei bedacht, indem er nur die mechanische Undurchdringlichkeit, nämlich den Widerstand einer Masse gegen die Zusammendrükcung derselben, eine allgemeine Eigenschaft aller wahrnehmbaren Materie nennt und die chemische Durchdringung davon unterscheidet.

Die folgende Polemik zeigt ferner, daß HERBART KANTs ganze Aufgabe der Dynamik so bescheiden, wie der große Meister sie auffaßte, nicht genommen, sondern zuviel hineingelegt hat. KANT sagt: Elastizität und Schwer machen die einzigen  a priori  einzusehenden allgemeinen Charaktere der Materie aus; Zusammenhang gehört nicht zur Möglichkeit der Materie, und kann daher nicht als  a priori  damit verbunden erkannt werden. Dagegen frägt HERBART: Wie würde eine Materie beschaffen sein, die bloß auf Elastizität und Schwere beruth? Könnte man sie wohl mit den uns bekannten Materien vergleichen? - Allein diese Frage triff KANT gar nicht.

KANT maßt sich gar nicht an, eine solche Materie vorauszusetzen, sondern er sagt ganz richtig nur: Ausdehnungskraft muß in jeder bestimmten Materie wirken, denn sonst kann ich sie nicht wahrnehmen. Mit dieser allein würde sich ihre Masse ins Unendliche zerstreuen, es muß also auch eine gegenwirkende Anziehung da sein. Dies ist das einzige  a priori  Bestimmbare,  alle  anderen Eigenschaften der Materie können nur an bestimmten Körpern durch die Beobachtung erkannt werden.' Hier bleibt KANT also ganz außerhalb des Streits. Erst wir anderen, namentlich SCHELLING und ich haben uns die Sache viel schwerer gemacht, indem wir die Aufgabe höher stellten. Und für mich wurde sie am schwierigsten, da SCHELLING sich in seiner Weise mit Darstellungen für die Phantasie helfen kann, ich aber an die strengen Methoden der Mathematik gebunden bleibe.

Übrigens irrt HERBART hier in seiner Gegenrede selbst, indem er sagt: "Die chemischen Kräfte halten die Erde zusammen; nun erst gibt es auf ihr eine merkliche Gravitation." - Gerade umgekehrt! Die ursachen der tropfbaren Flüssigkeit und besonders die der Staarheit machen allein die  so geringe  Dichte des Erdkerns und  so geringe  Gravitation an der Erdoberfläche möglich. Wasser ist am dichtesten einige Grade über dem Gefrierpunkt und Eis ist weniger dicht als Wasser. Folgte die atmosphärische Luft so weit dem MARIOTT'schen Gesetz, so wäre sie 11 Meilen unter dem Meeresspiegel schon so dicht, wie Platin. Nun lehrt die Beobachtung, daß das mittlere spezifische Gewicht des Erdkerns nur etwa das Fünffache des Wassers ist, sollte daher demgemäß eine aus lauter Gas bestehende Kugel von der Größe und ander Stelle des Erdkerns, unter der Atmosphäre in der Entfernung des Erdhalbmessers vom Mittelpunkt nur eine so geringe Gravitation von 30 Fuß Beschleunigung die Sekunde, wie die unsrige, geben, so müßte der größte Teil des Erdkerns nur mit unwägbar feinen Gasarten, von einer ganz ungeheuer größeren spezifischen Elastizität als alle uns bekannten, erfüllt sein. Eine Wasserkugel von gleicher Größe unter der Atmosphäre würde, obgleich das Wasser nach OERSTEDs Versuchen dem Zusammendrücken ungefähr 50 000 Mal mehr Widerstand leistet als Luft bei 28 Zoll Barometerstand dennoch abwärts, wenn das Wasser demselben Gesetz der Zusammendrückung so lange folgen sollte, ebenfalls sehr bald alle erfahrungsmäßigen Grade der Dichte übersteigen. Also gerade die beobachtete so kleine mittlere Dichte des Erdballs ist es, welche wir nur durch einen ungeheuren Widerstand des Starren gegen die Zusammendrückung oder durch hohle Räume im Innern erklären können.

4) Schließlich muß ich noch ein Mißverständnis rügen, welches sich bei HERBART später (Seite 552) findet. Er sagt dort gegen mich:
    "KANT erlaubte der ursprünglichen Repulsivkraft, wodurch die Materie den Raum erfüllt, verschiedene Grade. Nach welchem Maß konnte er denn jetzt das Quantum der Materie in einem gegebenen Raum schätzen? Offenbar nur nach eben der Repulsivkraft, worauf das Wesen der Materie beruth. So wäre in allen Gasarten, die unter dem gleichen Druck im Gleichgewicht stehen, einerlei Quantum an Materie, weil sie die gleiche Repulsion ausüben.

    Vermutlich war es das, was FRIES vermeiden wollte, indem er zuerst die Substanz als Masse in den Raum stellte und es jetzt der Erfahrung überließ, diesen schon quantitativ bestimmten Massen hinterher verschiedene Grade von Kräften zuzuweisen."
Hier hat sich Herr HERBART ganz versehen. Ich habe meine Ansicht aus KANTs "Metaphysischen Anfangsgründen der Naturwissenschaft" entlehnt, wo sie sich,  Mechanik,  Erklärung 2 und Lehrsatz 1, findet. Dort bestimmt er die Masse als die Quantität der Materie in einem bestimmten Raum und sagt: diese können nur durch die Quantität der Bewegung bei gegebener Geschwindigkeit geschätzt werden. Das ist auch nicht einmal KANTs eigene, sondern die gewöhnliche Begriffsbestimmung in der Mechanik und empirischen Naturlehre. DESCARTES bestimmte diese Quantität der Bewegung als Produkt der Masse in die Geschwindigkeit und an der Erde messen wir diese Masse nie nach Graden der beschleunigenden Kräfte der Anziehung oder Abstoßung, welche ihnen eigen sind, sondern nur nach dem umgekehrten Verhältnis der Geschwindigkeiten, in solchen Fällen, wo sich die Quantitäten der Bewegung bei Gegenwirkungen messen lassen.

Seit jeher mißt man diese Masse durch das Gewicht an der Waage, indem man das Gleichgewicht herstellt, dann die Quantitäten der Bewegung gleichsetzt und nun nach dem statischen Moment im umgekehrten Verhältnis der Geschwindigkeiten der Verhältnisse der Massen berechnet. NEWTON bewies zuerst durch Pendelversuche, daß dieses Verhältnis, soweit die Genauigkeit seiner Versuchte ausreichte, richtig ist, indem alle irdische Materie vom verschiedensten chemischen Stoff (z. B. Wasser, Gold, Weizenkörner) von der Schwere gleich beschleunigt werde, die Quantität der Bewegung bei Druck und freiem Fall also der Masse proportional sein muß. Bei der Beobachtung des Himmels ist es anders. Hier zeigt die Erfahrung in den KEPLER'schen Gesetzen, daß die Anziehung der Sonne gegen die Planeten, der Planeten gegen ihre Monde nicht spezifisch bestimmt sei, sondern allgemein durch die Größe der Beschleunigung gemessen werden muß, folglich der Masse proportional gesetzt werden kann. KANT hat dieses letzte Gesetz für metaphysisch bestimmbar angesehen, dem habe ich widersprochen und das Gesetz nur als ein besonderes Naturgesetz nachgewiesen, aber nicht ich allein, nicht ich zuerst; sondern namentlich Hofrat MEYER in Göttingen hat früher denselben Gedanken geltend gemacht.

Mit der Polemik gegen mich hat sich Herr HERBART viel zu viel Mühe gemacht. Erstens hat er die sonderbare Anordnung getroffen, daß er im ersten Teil uns alle nach den Ergebnisse seiner noch geheim gehaltenen Lehre beurteilt und tadelt. Das kann ja wieder nur den unkundigen Pöbel erfreuen, dem der Streit ansich gefällt, ohne auf Gründe zu achten. Warum gab er nicht erst seine bessere Lehre und tadelte dann. Dann verstünden wir doch die Gründe und gern würde ich ihm nachgeben, wenn ich sein besseres Recht einsähe, was ja bei einer noch so unvollkommenen Wissenschaft, wie dieser hier, leicht der Fall sein könnte. Zweitens, wenn er mich nun einmal widerlegen will, warum widerlegt er nicht meine Ansicht von der Aufgabe der mathematischen Naturphilosophie im Allgemeinen? Ich sehe sie an, wie NEWTON (Mathematische Prinzipien der Naturlehre, 1.2 prop. 23), mir scheint, sie solle die Voraussetzungen mathematisch ausbilden, nach ihren mathematisch notwendigen Folgen darstellen und prüfen, damit sie als mögliche Erklärungsgründe nachher der Erfahrung zu gelegentlichem Gebrauch angeboten werden. HERBART scheint das nicht gelten zu lassen, warum hat er mich darin nicht widerlegt? Den Streit um Einzelheiten konnte er sich dann sparen, es versteht sich ja von selbst, daß die für ihn unwichtig werden. Wer Weizen ernten will, wird freilich nicht Hafer säen.

Drittens, diesen Streit um Einzelheiten verdirbt nun vollends der eben gerügte Mißgriff, daß er den gewöhnlichen Sprachgebrauch der Mechanik in Bezug auf Masse und Kraft für eine mir eigene metaphysische Bestimmung nimmt. Darum versteht er meine Neigung nirgends genau, so daß er sogar untreu referiert und mich Sachen sagen läßt, die ich weder gedacht noch gesagt habe. Zum Beispiel (Seite 561) "die Substanz soll warten auf die ihr beizulegenden Kräfte" - "man soll die mögliche Ungleichartigkeit nicht in den Massen als Substanzen, sondern nur in den Grundkräften suchen." - Sätze, die für mich gar keinen Sinn machen! Das macht ihn dann endlich so ungeduldig, daß er ausruft: "Hier hört in der Tat alle Kritik auf. Es ist nicht mehr möglich, einer solchen Inkonsequenz irgendeinen festen Boden abzugewinnen, auf dem man noch stehen könnte." - Ach, mein lieber HERBART, nicht hier! Die Kritik hörte schon viel früher auf, wenn sie überhaupt erst angefangen hat. - Man muß doch erst verstanden haben, wenn man auch nur widerlegen will.

Bei dieser Lage der Sache kann es nichts helfen, auf viele Einzelheiten des Streites einzugehen, ich beschränke mich auf zwei Gegenbemerkungen, weil ich nur da den Streitpunkt mathematisch bestimmt genug finde. Die eine Bemerkung betrifft das MARIOTTsche Gesetz, die andere die  Grundkräfte. 

HERBART bemerkt (Seite 555 und öfter) sehr richtig, daß die Vergleichung der Beobachtungen mit dem MARIOTTschen Gesetze stets die Berücksichtigung der bei allen Ausdehnungen und Zusammendrückungen vorkommenden Temperaturveränderungen erfordert. Aber das berührt meine Untersuchung gar nicht näher. Ich frage ("Die mathematische Naturphilosophie", Seite 485f) mit NEWTON (a. a. O., 1. 3 prop. 23) nur mathematisch, wenn man voraussetzt, daß eine ausgedehnte Flüssigkeit, in welcher der Widerstand gegen die Zusammendrückung auf einer bestimmten Druckfläche im Verhältnis des drückenden Gewichts wächst, durch eine Kraft der gegenseitigen Zurückstoßung nur ihrer nächsten Teile wirkt, welchem Gesetz müßte dann diese Zurückstoßung folgen? - Darauf hatte NEWTON geantwortet, die nächsten Teile müßten sich im umgekehrten Verhältnis der Entfernung abstoßen, und ich dagegen, die Spannung ist konstant gleich der spezifischen Elastizität der Flüssigkeit, weil ja der Widerstand nur im Verhältnis der widerstehenden Masse wirkt. Dagegen sagt HERBART für NEWTON:
    "Angenommen - daß die Spannung eines Gases mit seiner Dichte wächst -: so folgte aus dem Gesetz des Drucks in Flüssigkeiten, daß jede Federkraft zwischen irgendwelchen zwei Punkten, die man im Gas annehmen mag, überall gegenwärtig ist, an den Oberflächen sowohl als auch im Innern. Diese Vervielfältigung durch den ganzen kubischen Raum ist nichts als ein fremder Multiplikator, der keine Größe der Kraft, sondern nur die Natur der Flüssigkeit anzeigt, so wie ein Hebelarm nicht das angebrachte Gewicht, sondern nur dessen Moment vermehrt. Wächst jene Federkraft, so wächst sie allenthalben, und schein demnach im kubischen Verhältnis vergrößert, während sie nur im einfachen Verhältnis wirklich vermehrt wurde. Gesetzt nun, das Volumen eines Gases ist auf den achten Teil zurückgebracht: so ist die Entfernung zweier Punkte, zwischen denen man sich eine gespannte Feder denken möchte, halb so groß als zuvor. Und das Gas widersteht nun dem Schein nach der ferneren Verdichtung achtmal so stark als zuvor, während in Wirklichkeit seine Spannung nur verdoppelt ist."
Das ist eine bloße  petitio principii. [Unbewiesenes dient als Beweisgrund - wp] Daß die fingierte Feder nur halb so lang als anfangs wird, sehen wir wohl, aber daß dadurch ihre Spannung verdoppelt wird, hätte eben erst bewiesen werden sollen. Die von LAPLACE dazwischengebrachte Fiktion der Federn hat HERBART gleich anfangs zu einem unbestimmten Ausdruck verleitet. Der Widerstand des Gases an einer bestimmten Druckfläche ist nicht durch die Spannung einer Feder, sondern wenn einmal mit Federn verglichen werden soll, mit dem Produkt der Spannung der Federn in die Anzahl der Federn zu messen. Ich kann bei diesem Spiel mit Federn ganz nach Belieben, um den Druck an einer bestimmten Fläche zu vermehren, entweder die Anzahl der Federn oder die Spannung der Federn oder beides zugleich vermehren. Will ich achtfachen Druck an derselben Fläche das Gleichgewicht halten, so kann ich die Spannung lassen wie zuvor, indem ich acht Federn anstatt einer anwende; ich kann auch, wie NEWTON meinte, viermal soviel Federn anwenden und jeder die doppelte Spannung geben; ich kann ferner die Zahl der Federn lassen wie zuvor, indem ich jeder die achtfache Spannung gebe und so weiter nach Belieben, indem wir teils stärker spannen, teils die Federn nur zusammenschieben. Diese ganze Vergleichung gibt also gar kein festes Resultat, denn die Luft ist keine Feder. Für die Luft bleibt nur die eine Vergleichung richtig: ihre Spannung ist konstant gleich ihrer spezifischen Elastizität, denn die Verwendung des Widerstandes verhält sich nur wie die widerstehende Masse. Achtmal soviel Luft im gleichen Volumen hält einem achtfachen Druck das Gleichgewicht, also nicht die Spannung, sondern nur die Zahl der Federn ist vermehrt.

Endlich habe ich noch die Grundkräfte in Schutz zu nehmen. Hier habe ich freilich einen mißlichen Stand, denn NEWTON und der größte Teil der Naturforscher wollen so wenig wie HERBART viel davon hören. Auch hat uns diese Ansicht naturphilosophisch außer einer Verwerfung der Atomlehre in der Tat nichts durchgreifend gefördert. Wir besitzen außer der Lehre von der allgemeinen Gravitation und der Lehre vom Schall keine mathematisch genügenden Erklärungsgründe in der theoretischen Physik. Die naturphilosophische Beurteilung etwa zu versuchender Hypothesen wird daher auch noch sehr ungenügend gefunden werdn. Allein die Lehre von den Grundkräften hat neben dem noch eine ganz mathematische Bedeutung, und nur diese will ich hier geltend zu machen versuchen.

Alle Gegenwirkungen, welche wir zwischen zwei Körpern beobachten oder als Erklärungsgründe voraussetzen, sind entweder  dynamisch  oder  mechanisch.  Dynamisch nenne ich nämlich die Gegenwirkung, wenn die zwei Massen unmittelbar aufeinander einwirken, also durch die ihnen eigenen Grundkräfte; mechanisch hingegen, wenn die Gegenwirkung erst mittelbar durch zwischenwirkende andere Körper erfolgt. So ist z. B. die Gegenwirkung von Kraft und Last bei unseren Maschinen immer mechanisch. Zwischen dem ersten Angriffspunkt der Kraft und dem letzten Eingriffspunkt auf die Last liegen Hebelarme, Räderwerk, Seile und alle Teile der Maschine selbst, durch welche die Gegenwirkung vermittelt wird. Indessen ist doch leicht klar, daß, wenn ich der ganzen Reihenfolge in der Verbindung der Teile nachgehe, ich endlich alle mechanische Gegenwirkung in ein System dynamischer Gegenwirkungen muß auflösen können, falls ich imstande bin, die einzelnen dynamischen Gegenwirkungen wirklich als solche mit Sicherheit zu bestimmen. Dieses Letzte aber macht die Schwierigkeit. Der Erfahrung gegenüber ist es immer nur eine Hypothese, wenn ich voraussetze, daß gewisse Bewegungen unmittelbar durch die den Massen eigenen beschleunigenden Kräfte hervorgebracht seien. So sagte NEWTON selbst, er wolle seine Attraktion nicht für die unmittelbaren Wirkungen anziehender Kräfte ausgeben, vielmehr könne vielleicht ein Ätherdruck von Außen herein die Attraktion vermitteln und LESAGE ersann gar ein schwermachendes Flüssiges, welches durch seine Atomströme die Attraktion bewirken sollte. Also alle Zurückführung der Gegenwirkungen auf Grundkräfte ist durch Hypothesen vermittelt. Nun frage ich aber, wo und wodurch sich die Wissenschaft auf diese Hypothesen einläßt und erhalte zur Antwort: bei allen Berechnungen nach dem Gesetz der Gleichheit der Wirkung und Gegenwirkung und bei allen Berechnungen der Gegenwirkung, die zwischen zwei Massen von Punkt zu Punkt in Rechnung genommen wird. NEWTON mochte also immerhin physikalisch die Hypothese ablehnen, daß die allgemeine Anziehung die unmittelbare Wirkung einer Grundkraft ist, mathematisch hat er diese Voraussetzung doch gemacht, denn die ganze Mechanik des Himmels rechnet von Punkt zu Punkt und unter der Voraussetzung des Gesetzes der Gleichheit der Wirkung und Gegenwirkung. Auch alle Prinzipien der Mechanik, das Gesetz des statischen Momentes, der virtuellen Geschwindigkeiten, der Erhaltung der lebendigen Kräfte, der kleinsten Wirkung usw. gelten nur als Folgen der Trägheit und der Gleichheit der Wirkung und Gegenwirkung. Alle unsere angewandte Mathematik rechnet also unter der Voraussetzung einer Zurückführung aller Bewirkung von Bewegungen auf wirkende Grundkräfte. Die nur metaphysische Bestreitung der Grundkräfte muß daher nur einzelne untergeordnete Hypothesen betreffen oder in einen bloßen Wortstreit übergehen, denn die Mathematik wird hier ihre Rechte schon behaupten trotz aller Gegenrede einer ihr widerstreitenden Ontologie.
LITERATUR - Jakob Friedrich Fries, Über den Unterschied von Anschauung und Denken - Abhandlungen der Fries'schen Schule, Leipzig 1847