tb-1Leonhard NelsonVorrede 2. Auflage    
 
JAKOB FRIEDRICH FRIES
Neue Kritik der Vernunft
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"Oft wird sehr vieles gerade darum nicht gesehen, weil es uns zu bekannt ist; und oft entdecken die am meisten, welche ohne Lehrer sich für eine Wissenschaft selbst gebildet haben. So wird man vorteilhaft in der Philosophie von neueren Lehrern sich an recht alte wenden, eben weil wir von letzteren nicht sowohl lernen als an Ideen hingewiesen werden. Aber die Wut philologischer Gelehrsamkeit und vornehmer Zitate wirkt nur nachteilig und erstickt das Selbstdenken durch gelehrte Pedanterei und affektierte Eleganz in gedankenlosem Nachsprechen fremder Worte."

"Friedrich Heinrich Jacobi entdeckte zuerst mit hinlänglicher Schärfe den Grund des Mißlinges aller Wolffischen spekulativen Versuche, indem er die Mittelbarkeit allen Beweisens und Begreifens zeigte und nachwies, es müsse doch erst etwas Bestimmtes gegeben sein, aus dem bewiesen werde, ehe man zu beweisen anfangen könne. Er lehrte uns, daß aller Determinismus notwendig in Fatalismus ausgehe, indem der oberste Grund mit seiner eigenen inneren Notwendigkeit sich selbst doch nur als Schicksal dastehe, denn die  causa sui,  der Grund von sich selbst, war eine gar zu seichte Entschuldigung für einen Abschluß des Determinismus in sich selbst."


Vorrede

Den Zweck dieser Schrift bezeichnet nahe genug schon ihr Titel und das nähere noch habe ich in der Einleitung gesagt. Ich übergeben der öffentlichen Beurteilung die Frucht lange geprüfter und oft wiederholter Untersuchungen. Wie bald wird sich aber der wohl finden, der so weitläufige, trockene und schwierige Untersuchungen genau zu fassen verlangt? Vielleicht früher als es jetzt scheinen möchte! Wir stehen auf einem Standpunkt der philosophischen Ausbildung, wo der anziehende Vortrag in der Philosophie einen umso größeren Sieg davon getragen hat, indem es ihm gelungen ist, zugleich die Maske schwerer und strenger Wissenschaftlichkeit vorzunehmen. Dieser Schmuck ist aber doch kein gesundes Eigentum unseres Lebens, sondern überall fremde Nachahmung und eben deshalb kann es nicht fehlen, daß er sich nicht bald in elegante Oberflächlichkeit und mystischen Unsinn zerteilt.

Meine Fortsetzung vorzüglich der aristotelischen und kantischen Untersuchungen hat ihren Wert nur in den strengsten und engsten Forderungen der Wahrheit. Wenn es nicht eine von aller Mythologie verschiedene Philosophie als strenge Wissenschaft gibt, welche uns rein aus der Spekulation deutlich wird, in welcher sich alle einzelnen Grund- und Lehrsätze nachzählen lassen, wo es für jeden einen bestimmten Ort und eigene Rechtfertigung gibt, wie in reiner Mathematik und wenn es nicht ein eigenes Interesse hat, diese Wissenschaft so zu bearbeiten: so müssen wir unsere Bemühungen ganz verloren geben. Aber es hat darum eben keine Not, die Geschichte der Philosophie bürgt uns hinlänglich dafür, (wenn ich mich gleich nicht dabei aufhalten will, die Wichtigkeit der Kenntnis wissenschaftlicher Formen nachzuweisen), daß der Faden dieser Untersuchungen, so oft man ihn auch fallen ließ, um nur nach Ausschmückungen und Anwendungen zu greifen, doch jedesmal bald wieder aufgenommen wird.

Wir wollen also gleich der Mathematik weder die Frömmigkeit noch die Gelehrsamkeit zum Vorwand nehmen, um uns Gehör zu verschaffen, sondern einzig auf Wahrheit ausgehen.

Jene bunte, zierliche Rede von der Philosophie hingegen gleich den sieben mageren Kühen im Traum des Pharao, so oft sie das Fett der Phantasie verschlingen mag, steht sie doch am Ende immer wieder da als trockene magere Logik. Was hilft es das dürre Sparrwerk [Dachbalken] der Einerleiheit und Verschiedenheit lateinisch auszudrücken und mit grünen Blumenkränzen zu verdecken, die da nicht wurzeln können, welche der erste Sonnenblick welkt und der nächste Windstoß wieder zerstreut? Die Mühe ist vergebens, eine behagliche Hütte für Menschen damit zurecht zu decken, geschweige denn einen Tempel für Götter. Dieser Schmuck in Darstellung und Sprache kann nur dem wichtig scheinen, welcher der trockenen Wahrheit und seinem Enthusiasmus nicht recht zutraut, daß er Probe halten wird. Wir fürchten das nicht. Wohl, dem gemeinen Haufen mag man den bitteren Trank seiner Apotheose mit irgendeinem Sirup versetzen, daß er ihn nur an die Lippen bringe; mühe sich dann, wem's der Mühe lohnt, diesen im Helldunkel mystifizierter Gefühle die Wahrheit schauen zu lassen, wie zitierte Geister. Wer aber die Wissenschaft kundig ist, der wird überall hell sehen wollen und sich vor keiner Klarheit fürchten.


Einleitung

Der Geist der Zeit ist es, der in unserer Geschichte lebt und sich verwandelt, er ist der mächtige Beherrscher jedes Einzelnen, denn nur von ihm wird jeder genährt und groß gezogen, nur von ihm hängt es ab, ob kleine Kraft das Größte wirken oder die größte unbemerkt erdrückt bleiben soll und doch ist es wieder im Kampf mit ihm, wo sich messen muß, wer für Bildung des Geistes arbeiten will. Das gilt vor allem der Selbsttätigkeit der Vernunft im Philosophieren.

Ein jeder wird von der öffentlichen Meinung seiner Zeit gebildet; sie leitet seinen Gedankengang ein und auch noch fortwährend drängt ihn fremde Meinung unbewußt, bald weil er ihrem Interesse schmeicheln oder wenigstens folgen, bald weil er ihr vielleicht auch durch Widerspruch imponieren, bald endlich nur, weil er von ihr verstanden werden will - zum Teil immer nach einem Ziel hin, wie es im Geist der Zeiten vorbereitet lag. Vor allem aber die Wirkung! Wo jetzt ein Funken alles weit und breit in Flammen setzt, da langt ein andermal die stärkste Glut nicht hin, um fort zu zünden. Das Interesse des Augenblicks entscheidet hier alles.

So ist denn auch in der Philosophie eine öffentliche Meinung als Geist der Zeit, welche das Interesse des Augenblicks bestimmt und jedem Denkenden die Richtung anweist. In diesem Geist der Zeit liegt ein Grundurteil über das, was Philosophie leisten soll, er trägt die ganze philosophische Bildung des Zeitalters mit ihren Vorzügen und Fehlern. Er bestmmt die Grundvorurteile der Zeit, die jedem anerben, der sich nicht durch eigene Kraft davon befreit; und diese Befreiung ist der schwere Kampf, den wir auf uns haben, wenn wir für die Philosophie wirken wollen.

Die öffentliche Meinung über Philosophie wird jederzeit durch das gebildet, wofür man eben die Philosophie für gut hält. Alles Interesse der Philosophie hängt aber an den drei Ideen der Wahrheit, Schönheit und Güte und es ist das Entscheidende hier, wie ein Zeitalter diese einzeln oder in ihrer Vereinigung auffaßt, nach dem praktischen Bedürfnis der einen und dem theoretischen der anderen.

Das erste Bewegende, was einem Zeitalter den Wert der Philosophie bestimmt, liegt darin, wie notwendig man sie für das praktische Interesse hält, wie sehr man sie für seine Ideen von Rechtung und Tugend und Religion unentbehrlich erachtet oder wohl auch für das ästhetische Interesse der Schönheit. Hier sehen wir aber die öffentliche Meinung beständig wechseln. Als in der neueren Zeit der Gedanke wieder frei wurde, fing man sowohl für die Religion als auch für das Recht an, Zutrauen zur Philosophie zu fassen. Das Gesetz der Hierarchi und der Buchstabe eines positiven Glaubens verlor zuerst seine unbestrittene Gewalt, bis die Gottlosigkeit eines Mode gewordenen Empirismus den Glauben an die gute Sache der Vernunft wieder zerstörte. Länger erhielt sich die öffentliche Meinung für die Philosophie des Rechts, man hoffte mit philosophischen Theorien Staatsverfassungen, mit dem Naturrecht Gesetze zu machen, endlich hoffen in unserer Zeit nur noch die Ärzte durch Naturkunde von ihr zu lernen und ohne Geschmack und schöne Kunst zu haben, meinen einige durch Philosophie sie wieder zu gewinnen. Im Erfolg also hat sich Philosophie durch ihr praktisches mehr Feinde als Freunde zugezogen, indem sie mit dem bildlichen und positiven zu leicht in Streit gerät. Ja man wäre wohl lang von aller Spekulation zurückgekommen, wenn das anfangs untergeordnete theoretische Interesse, der Wahrheit nur um der Wahrheit willen sich nicht immer gleich bliebe, selbst wider Willen stets auf das alte Thema zurückleitete und wenigstens vorübergehend jede neu aufblühende Jugend wieder anregte; denn es ist das unvertilgbare Bestreben des sich ausbildenden Verstandes die Einheit seines eigenen Wesens, als Gesetz in seiner ganzen Erkenntnis gelten zu machen: daher der immer lebendige Geist der Spekulation, welcher überall System und Prinzip sucht, begründen und erklären will.

Hier müssen wir aber dieses Philosophie erzeugende Bedürfnis unterscheiden von den wirklichen Versuchen es zu befriedigen. Ein aufgestelltes System mit aller seiner Konsequenz ist doch immer nur das letzte Resultat der Grundmeinungen seines Schöpfers über das Wesen des Philosophierens und es ist eine schwere Aufgabe in diese Tiefe des Geistes die Fäden des Raisonnements zu verfolgen, wo sich eigentlich die Keime einer neuen Darstellung entwickeln. Meistenteils sind diese ersten Keime die mehr oder weniger richtigen aus der vergangenen Zeit aufgenommenen Vorurteile über Zweck und Wesen der Spekulation. Was unmittelbar erscheint und leichter zu bemerken ist, ist dann nur der Versuch, diesen Gesetzen nach zu kommen und diese Bedürfnisse zu befriedigen. In jenem tieferen liegt aber eigentlich die geheime Gewalt des Geistes der Zeit.

Deswegen darf die temporär herrschende Mode mit dem Geist der Zeit selbst in der Philosophie ja nicht verwechselt werden, letzterer stellt die Aufgaben auf, die gelöst werden sollen, die Mode aber macht nur vorübergehende einzelne Versuche, um sie zu lösen, für eine Zeitlang laut geltend. Würden diese Aufgaben anstatt durch neue Mode durch fest stehende Wissenschaft gelöst, so hätte eben damit die Geschichte der Philosophie in der Bedeutung, in der wir sie jetzt nehmen müssen, ihr Ende erreicht und es gäbe eben deshalb keinen philosophischen Geist der Zeit mehr, indem durch Wissenschaft alle Meinung, in welcher er allein lebt und sich bewegt, vernichtet wäre. Bloße philosophische Mode wird nur anfangs angeregt durch einen eminenteren Selbstdenker und lebt dann in den Meinungen des philosophierenden Volkes, erhält sogar ihr geltendes Wort nur durch die Akklamationen [dem Beifall - wp] der nachsprechenden Menge; der Geist der Zeit hingegen lebt eigentlich in den Selbstdenkenden jeder Zeit. So haben sich bei uns nacheinander die Mode des Wolfianismus, des französischen Materialismus, dann des Kantianismus einander abgelöst, bis jetzt die Philosophie des Alls oder die Weltvergötterung an die Tagesordnung gekommen ist. Dieser Mode ist geschichtlich leicht zu folgen. Wie sich aber unter ihrer Hülle der Geist der Zeit allmählich umgestaltet hat, ist schwerer zu entwickeln. Für den, der sich um Philosopie bemüht, ist diese Mode, wenn er nur Geduld genug hat, eben kein gefährlicher Feind, denn sie zerstört sich, wie alle Mode selbst, sobald ihr der Reiz der Neuheit entzogen wird, ihre Fehler sind nur Fehler in den Resultaten, die sich durch den weiteren Vertrieb von selbst offenbaren. Die wahren Fehler des Geistes der Zeit hingegen liegen in den ersten Voraussetzungen, auf welche man gewöhnlich den Blick gar nicht erst richtet, die man entweder unbewußt mit annimmt oder nach denen man ungehört verdammt wird, weil sie dem Richter eine unbewußte und darum ganz unverdächtige Regel der Wahrheit sind. (1)

Diese tief in der öffentlichen Meinung der Selbstdenker jeder Zeit gegründeten Vorurteile sind es eigentlich, mit denen wir den Kampf bestehen müssen, wenn wir der Spekulation weiter helfen wollen.

Wird daher die Frage aufgeworfen: Was sind unserer Zeit die Bedürfniss der Spekulation? Wie soll sich unsere Philosophie weiter fortbilden? So wird sich die Antwort darauf nur finden und verständlich geben lassen, wenn wir durch eine geschichtliche Ansicht nachweisen, welche irre leitenden Vorurteile hier immer noch verborgen liegen und wenn wir in Rücksicht dessen das, was bloße Mode der  Nach denker ist, von dem unterscheiden, was öffentliche Meinung der  Selbst denker der Zeit ist. Eine solche geschichtliche Ansicht wollen wir hier versuchen.

Alle philosophischen Rätsel gleichen der Aufgabe des Kolumbus, ein Ei auf den Tisch zu stellen, sobald das Rätsel vollkommen gelöst ist, kann der Schüler kaum die Stelle mehr finden, auf der die Aufgabe möglich war, weil alles so durchaus klar ist. Es kommt nämlich hier alles auf geregelte scharfe Abstraktion an, die das erstemal sehr schwer zu finden ist, nachher aber leicht genug zu lernen. Es bedurfte mancherlei Vorbereitung in der Geschichte der Philosophie und dann noch Jahre lange Vergleichungen, bis es KANT gelang, die Formen der Anschauung genau von den Verstandesbegriffen zu sondern; sein Schüler lernt nun diese Abstraktion in einigen Stunden verstehen und einsehen. So wird sich, sobald wir die wichtigsten Abstraktionen in einiger Vollständigkeit besitzen, Philosophie als feste Wissenschaft zu bilden anfangen, sie wird dadurch eigentlich erst Schulsache werden, wie Mathematik und allem Vornehmtun, aller Großsprecherei und allem Mysteriösen in ihr ein Ende machen. Aller Streit in der Philosophie dreht sich um die eine evidente Wahrheit: die menschliche Vernunft ist endlich und sinnlich, also beschränkt: folglich gibt es für die menschliche Vernunft
    1)  mehr als bloß sinnliche Erkenntnis,  aber unsere vernünftige Erkenntnis ist beschränkt, es gibt für uns

    2)  unüberwindliche Unwissenheit  und keine absolute Erkenntnis.
Mit der Entwicklung dieser Wahrheit in ihren Folgen ist aller Streit der Philosophen beizulegen und feste Wissenschaft in ihr zu erhalten.

Der Endzweck alles Philosophierens liegt in ihrem praktischen Interesse für die Ideen der Tugend, des Rechts und der Religion, aber dieser Endzweck ist nur letztes Resultat, auf ihn dürfen wir wenig sehen, wenn wir den philosophischen Geist der Zeit kennen lernen wollen. Es ist ein rein spekulativer Anstoß, welcher hier die Richtung nach dem höheren, idealen oder nach dem niedrigen und gemeinen bestimmt. In Rücksicht dieses praktischen Interesses zeichnen sich zwei Wendepunkte in der Geschichte der Philosophie aus. SOKRATES führte die griechische Philosophie von der leeren Logik der Sophisten auf ihr praktisches Interesse zurück und unserer Zeit hatte der Streit mit positiver Religion ein ideen- und religionslose Naturlehre zum modischen Entschuldigungsgrund der niedrigen gemeinen Denkungsart in den gebildeten Ständen gemacht, welche ohnehin im verwirrenden Gedränge einer steigenden Kultur so leicht begünstigt wird durch das Bedürfnis jedes Einzelnen, welches jedem überlegen ist. Diesem fing unsere vorzüglich durch KANT bezeichnete Periode von Seiten der Schule her an entgegenzutreten, welche vor dem gebildeten Verstand der Idee und Religion ihre Achtung wieder gab.

Aber auf diese letzten Folgen haben wir hier nicht zu sehen, denn darin sind ohnehin die großen Denker aller Zeiten einverstanden. Eine individuell niedrige und gemeine Ansicht der Welt kann mit politischer Größe und politischer Genialität des Geistes leicht vereinigt sein, aber mit wahrhaft philosophischer Genialität eines tiefen Denkers ist diese ideelose Ansicht der Dinge so sehr im Widerspruch, daß ein philosophisches Genie sich lieber alle unbegreiflichsten Inkonsequenzen zu Schulden kommen läßt, als diesen Glauben verleugnet. Es wird schwerlich  ein  wahres philosophisches Genie als Beispiel dagegen genannt werden können. Allein die sittliche Überzeugung des Urhebers von einem gewissen Geist der Philosophie ist ein schlechter Maßstab für den ideellen Wert oder Unwert dieses Geistes selbst; denn jeder Geist im philosophischen lebt unmittelbar nur in der theoretischen Spekulation, beim Urheber kommt es auf den Zufall an, ob er folgerecht oder nur durch Inkonsequenzen erzwungen, seine sittliche Überzeugung mi der spekulativen Grundlage verband; diese Inkonsequenzen werden sich im Geist seiner Philosophie nicht gleichmäßig wiederholen, erst seine Schule kann darin zeigen, was wirklich diesem Geist gehört und der frommste Lehrer wird dann oft die gottlosesten Schüler bilden und umgekehrt.

Der Geist der Philosophie, den wir hier suchen, wird also nur im eigentlich spekulativen Teil der Wissenschaft sein wahres Leben und Wesen zeigen, (die hohen Absichten und Wünsche wollen wir jedem Einzelnen dabei gern schenken.) Hier ist nun die allgemeine Anforderung an die Philosophie das, was wir jetzt aussprechen: man soll die Nebenordnung des Endlichen neben dem Ewigen aufweisen, Natur und Freiheit vereinigen, so daß keine die andere vernichtet, beider Rechte zusammen bestehen. Diese Aufgabe ist aller Spekulation und allen Zeiten gemein, der Unterschied zeigt sich erst in den obersten Maximen, nach denen man zu ihrer Auflösung gelangen will; Maximen, die bei der natürlichen Ausbildung des Verstandes unfehlbar anfangs von Vorurteilen geleitet werden. Alle Schwierigkeit wird nämlich hier immer durch das Verhältnis des Sinnes zur Vernunft bestimmt. Das Endliche gehört dem Sinn, das Ewige der Vernunft in ihrem Gegensatz gegen den Sinn und die Wahrheit fordert, die Rechte des Sinnes und der Vernunft beide gelten zu lassen und sie miteinander positiv zu vereinigen. Dies ist aber bei der unvorbereiteten gewöhnlichen Denkungsweise sehr schwer; jeder Einzelne fällt entweder unter die Vorurteile des sich allein für genug haltenden Sinnes oder der selbst genugsamen Vernunft oder endlich es kommt gar zu einer negativen Vereinigung beider im Skeptizismus.

Zur Erkenntnis des Endlichen führt uns unmittelbar der Sinn, für das Ewige aber brauchen wir einen höheren Standpunkt der eigentümlich spekulativen Erkenntnis, der nur der denkenden Vernunft für sich gehört und zu dem sie geleitet wird, wenn sie die Einheit als Gesetz alles ihres Erkennens aufstellen will. Das erste gibt uns die kalte natürliche Ansicht der Dinge des Wissens und des gemeinen Menschenverstandes. Das andere gibt uns eine gleichsam exaltierte [überspannte - wp] religiöse Ansicht der Dinge des Glaubens und der Idee. Beide, gemeiner Menschenverstand und Idee, versuchen dann bei gewöhnlicher Geistesbildung ihr Heil entweder mit einem empirischen Grundvorurteil des Sinnes oder mit einem rationalistischen Grundvorurteil der Vernunft.

Für das gemeine Leben haben wir zwei Grundmaximen, nach denen philosophiert wird; die eine gehört dem Empirismus des gemeinen Verstandes und spricht sich aus:  Ich glaube nur, was in die Anschauung fällt, was ich sehe und höre;  die andere gehört dem Raisonnement des gemeinen Menschenverstandes, ist logisch und spricht sich aus:  Ich glaube nur, was mir bewiesen werden kann.  Beide vereinigen sich in einer dritten:  Ich glaube nur, was aus dem Gesehenen und Gehörten bewiesen werden kann.  Was unter Voraussetzung dieser Maximen geurteilt und gefolgert wird, ist das Gemeinfaßliche und Klare, worüber man gemeinhin einig ist. Sobald man aber anfängt, diese Maximen selbst zu berühren, ihre Gültigkeit in Anspruch zu nehmen oder nur ihr Verhältnis gegeneinander festsetzen zu wollen, so verirrt sich der gemeine Menschenverstand ins Schwankende, Dunkle, Unbestimmte, er hat kein festes Urteil mehr.

Diesen Grundmaximen des gemeinen Menschenverstandes, der um alles wissen will, gegenüber zeigt sich die religiöse Ansicht der Dinge, die von einer  Partei des Glaubens  in Schutz genommen wird, welche diesen Verstand des Stolzes und der Vermessenheit bezichtigt. Ihr gehören wieder zwei entgegengesetzte Grundmaximen; eine gehört dem idealisierten Empirismus, welcher aller Spekulation im Grunde Gram ist, so philosophisch er gleich oft erscheint, nach dem Spruch:  Ja unterm Mond gibt's mancherlei, wovon nichts träumt die Träumerei Philosophei.  Unter die Flügel dieser Lehre flüchtet sich dann mancherlei Glaube und Aberglaube. Die andere Maxime gehört dem idealisierten Rationalismus, welcher den Verstand eines einseitigen Treibens um Reflexion bezichtigt ohne Ziel und Zweck, nach der Einwendung: In dem, wie du die Dinge siehst, hast du ja doch nur deine Ansicht der Dinge; wer steht dir dafür, daß das Wesen der Welt in sich selbst wirklich so ist, wie es dir vorkommt, liegt es nicht vielmehr schon in deiner Überzeugung, daß du nur eine beschränkte endliche Vernunft hast, daß du auch nur eine beschränkte Ansicht der Dinge haben wirst? Aber kaum ist dieses Verdammungsurteil der gemeinen Ansicht ausgesprochen, so wagt die nämliche Vernunft, sich selbst überlassen, sich doch wieder zum Urquelle der Wahrheit zu erheben:  Folge mir nach,  sagt sie  und ich will dir jenseits aller Bilder deines Sehens und Hörens die ewige Einheit und Notwendigkeit in Allem, vor dem verklärten Blick zeigen. 

Auf diese Weise hat die Spekulation seit jeher in der Geschichte mit uns und mit sich selbst gespielt. Drei Vorurteile leiten unbewußt und unwillkürlich das Urteil über die Wahrheit bei jedem unvorbereiteten. Das Vorurteil des natürlichen Empirismus oder des  Vertrauens auf die Anschauung,  eins des natürlichen Rationalismus oder des  Vertrauens auf den Beweis,  und eins des künstlichen Rationalismus oder des  Vertrauens auf die Idee,  denn die vierte Meinung des idealisierten Empirismus besteht nur in der Opposition ohne positives Eigentum.

Diese wollen wir näher mit der neueren Geschichte der Philosophie vergleichen.

Seitdem durch griechische Philosophie die Formen des Reflexionsvermögens für sich entwickelt waren nach Begriff, Urteil, Schluß, Beweis und System, so erhielt der Rationalismus des gemeinen Menschenverstandes eine feste Gestalt, indem er durch die Bequemlichkeit des Klassifizierens und Beweisens getrieben überall theoretische Wissenschaft forderte und zu bilden versuchte nach der Maxime: nichts ist gewiß, als was aus seinen Gründen bewiesen ist. Es bildete sich durch die scholastische Philosophie, die des CARTESIUS, SPINOZA bis zur WOLFFischen mehr oder weniger unbewußt das Vorurteil der Genügsamkeit der logischen Formen und des Beweises, um Wahrheit und Gewißheit in der Philosophie zu sichern. Man kann dies das Vorurteil der mathematischen Methode nennen, denn was man zu WOLFFs Zeit unter mathematischer Methode verstand, ist nichts anderes, als allgemeine logische Methode, d. h. das Verfahren, alle Begriffe einer Wissenschaft in Definitionen zu schlagen, daraus Axiome zu bilden und aus diesen Beweise zu führen. Indem man so nach und nach alles und jedes dem Beweis unterwarf, so hing am Ende das ganze System menschlicher Weisheit nur am einzigen Ring logischer Identität, des Widerspruchs und zureichenden Grundes; denn es war hier der denkende Verstand ganz sich selbst überlassen und der letzte Grund, auf den er sich stützen konnte, waren nur die Regeln seines Denkens selbst.

Auf der anderen Seite hatte sich vorzüglich seit BACO von VERULAM, in England, ein mehr erfahrungsmäßiges Spekulieren gebildet, dem die empirische Maxime zugrunde lag: nur der sinnlichen Anschauung zu trauen. Diese beiden Parteien kamen vorzüglich durch LEIBNIZ und LOCKE in Streit miteinander, man stritt sich aber nur um die Anwendungsweise und jeder ließ zum Teil unbewußt die Grundmaxime des andern neben der seinigen mit gelten, dem Beweisenden war die Anschauung nur verworren, dem Anschauenden der Beweis bloße Ableitung, also für sich leer.

Deswegen gelang es HUME, dadurch allein die ganze natürliche Spekulation an sich selbst irre zu machen, daß er bestimmt beide Maximen miteinander vereinigte. Er legt als Grundmaxime seiner Spekulation das Vorurteil unter: nur durch Beweise aus dem, was in die Anschauung fällt, ist Sicherheit des Wissens möglich. Daraus zeigte er vorzüglich am Gebrauch der Begriffe von Ursache und Wirkung, daß alles sogenannte spekulative Wissen auf die Art gar nicht begründet werden könne und er verdammte den spekulierenden Verstand zu einem unvermeidlichen Skeptizismus.

Gegen diese Darstellung war auf die hergebrachte Weise nichts konsequentes einzuwenden, man mußte diese Art zu spekulieren verlassen und wurde nun auf bloße Selbsterkenntnis der Vernunft zurückgedrängt, durch die wir anfangs die Bearbeitung der empirischen Psychologie durch Engländer und die deutschen Eklektiker erhielten.

Für mehr spekulative Köpfe lag aber in der vergangenen Geschichte eine größere Belehrung. FRIEDRICH HEINRICH JACOBI entdeckte zuerst mit hinlänglicher Schärfe den Grund des Mißlinges aller WOLFFischen spekulativen Versuche, indem er die Mittelbarkeit allen Beweisens und Begreifens zeigte und nachwies, es müsse doch erst etwas Bestimmtes gegeben sein, aus dem bewiesen werde, ehe man zu beweisen anfangen könne. Er lehrte uns, daß aller Determinismus notwendig in Fatalismus ausgehe, indem der oberste Grund mit seiner eigenen inneren Notwendigkeit sich selbst doch nur als Schicksal dastehe, denn die  causa sui,  der Grund von sich selbst, war eine gar zu seichte Entschuldigung für einen Abschluß des Determinismus in sich selbst.

Dieselben Verhältnisse faßte KANT auf und sie führte ihn zu seiner Kritik der Vernunft. Er sah zuerst, daß die Evidenz der Mathematik nicht von ihrer streng logischen Form, sondern von ihrer eigenen Anschauung abhänge; letztere fehle der Philosophie, deswegen dürfe man diese, damals so hoch gehaltene, Methode in ihr gar nicht anwenden, sondern man könne in ihr nur durch eine regressive, zergliedernde Methode etwas ausrichten. Es könne nichts damit gewonnen werden, unmittelbar an die Aufstellung eines spekulativen Systems zu gehen, vielmehr zeige der Erfolg der HUMEschen Darstellung deutlich, daß die Vernunft sich so mit sich selbst in Widerspruch verwickle, es sei also unumgänglich notwendig, daß sie sich erst mit sich selbst beschäftige und zur Selbsterkenntnis gelang, wie weit sie in der Spekulation mit ihren eigenen Kräften reiche oder nicht. Indem er nun diese Untersuchungen anstellte, entdeckte er erstlich den Unterschied analytischer und synthetischer Urteile, ferner in Raum und Zeit die Formen einer reinen Anschauung, welche der Quell mathematischer allgemeiner und notwendiger Gesetze werden und nicht aus dem Verstand, sondern aus produktiver Einbildung entspringen. Weiter zeigte er gegen HUME, daß nicht nur der Begriff von Ursache und Wirkung, sondern die ganze Tafel von Begriffen, welche er die Tafel der Kategorien nennt, unabhängig von der Erfahrung in unserem Geist entspringen, aber doch notwendig selbst von jedem Skeptiker angewendet werden müßten, weil sie notwendige Bedingungen der Möglichkeit der Erfahrung überhaupt sind. Endlich zeigte er, über das Gebiet der Erfahrung hinaus auf dem Feld der Ideen vermöge die spekulative Vernunft für sich gar nichts auszurichten, sie habe hier gar keine Gewalt zu positiver Erkenntnis, doch rechtfertige sie sich selbst die Möglichkeit der Freiheit, indem sie ihre bedingte sinnliche Erkenntnis nur als eine subjektive Erscheinung, nur als ihre Ansicht der Welt anerkenne, welche nicht als ein notwendiges Gesetz für das Dasein der Dinge an sich anerkannt werden müsse.

So mußte durch die unfehlbare kritische Methode die Tatsache der Spekulation in unserem Geist entschieden bestimmt werden, daß wir nämlich Kategorien als Bedingungen der Möglichkeit der Erfahrung unvermeidlich brauchen und daß die spekulative Vernunft für sich auf dem Gebiet der Vernunft nichts positives zu wissen vermöge, aber warum das so sei, blieb bei KANT unausgemacht. Wie sind wir zur Erfahrung selbst berechtigt und zu ihren Formen a priori? und woher rührt unser spekulatives Unvermögen? das war hier nicht gezeigt. Ungeachtet der strengen systematischen Form und der regelmäßigen Vollständigkeit des Systems, fehlte es doch dem Ganzen an Schluß, Rundung und dadurch an innerer Haltung und Einheit.
LITERATUR - Jakob Friedrich Fries, Neue oder anthropologische Kritik der Vernunft I, Heidelberg 1807
    Anmerkungen
    1) Weswegen, wie LEIBNIZ einmal bemerkt, sehr vieles gerade darum nicht gesehen wird, weil es uns zu bekannt ist; und oft entdecken die am meisten, welche ohne Lehrer sich für eine Wissenschaft selbst gebildet haben. So wird man vorteilhaft in der Philosophie von neueren Lehrern sich an recht alte wenden, eben weil wir von letzteren nicht sowohl lernen als an Ideen hingewiesen werden. Aber die Wut philosophischer Gelehrsamkeit und vornehmer Zitate wirkt nur nachteilig und erstickt das Selbstdenken durch gelehrte Pedanterei und affektierte Eleganz in gedankenlosem Nachsprechen fremder Worte.