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JOHANN GOTTLIEB FICHTE
(1762 - 1814)
Zurückforderung der Denkfreiheit
von den Fürsten Europas,
die sie bisher unterdrückten


"Entreißt euer letztes Stückchen Brot dem hungernden Kind und gebt es dem Hund des Günstlings - gebt, gebt alles hin; nur dieses vom Himmel abstammende Palladium der Menschheit, dieses Unterpfand, daß ihr noch ein anderes Los bevorsteht, als dulden, tragen und zerknirscht werden, - nur dieses behauptet. Die künftigen Generationen möchten schrecklich von euch zurückfordern, was euch zur Überlieferung an sie von euren Väter übergeben wurde. Wären diese so feige gewesen als ihr, - ständet ihr dann nicht noch immer unter der entehrendsten Geistes- und Leibes-Sklaverei eines geistlichen Despoten? Unter blutigen Kämpfen errangen jene, was ihr nur durch ein wenig Festigkeit behaupten könnt."

"Des Menschen Gewissen gebietet ihm schlechthin und unbedingt - dieses zu wollen, jenes nicht zu wollen; und zwar  frei  und  aus eigener Bewegung,  ohne allen Zwang außer ihm. Soll er dieser inneren Stimme gehorchen - und sie gebietet dies schlechterdings - so darf er auch von außen nicht gezwungen, so muß er von allem fremdem Einfluß befreit werden. Es darf mithin kein Fremder über ihn schalten; er selbst muß es, nach Maßgabe des Gesetzes in ihm, tun: er ist frei und muß frei bleiben; nichts darf ihm gebieten, als dieses Gesetz in ihm, denn es ist sein alleiniges Gesetz - und er widerspricht diesem Gesetz, wenn er sich ein anderes aufdrängen läßt - die Menschheit wird in ihm vernichtet, und er zur Klasse der Tiere herabgewürdigt."

"Wer einem Fürsten anrät, den Fortgang der Aufklärung unter seinem Volk zu hemmen, sagt ihm ins Angesicht: deine Forderungen sind von der Art, daß sie den gesunden Menschenverstand empören, du mußt ihn unterdrücken; deine Grundsätze und deine Handlungsarten leiden kein Licht; laß deinen Untertan nicht erleuchteter werden, sonst wird er dich verwünschen; deine Verstandeskräfte sind schwach; laß das Volk ja nicht klüger werden, sonst übersieht es dich; Finsternis und Nacht ist dein Element, das mußt du um die her zu verbreiten suchen; vor dem Tag müßtest du entfliehen."


Vorrede

Es gibt gelehrte Herren, die uns eine nicht geringe Meinung von ihrer eigenen Gründlichkeit beizubringen glauben, indem sie alles, was mit einiger Lebhaftigkeit geschrieben ist, mit dem Prädikat einer Deklamation kurz abfertigen. Sollten gegenwärtige Blätter durch ein Ungefähr bis zu den Händen eines dieser gründlichen Herren gelangen, so gestehe ich ihnen im Voraus, daß dieselben gar nicht bestimmt waren, einen so reichhaltigen Gegenstand zu erschöpfen, sondern nur dem ununterrichteteren Publikum, das wenigstens durch seinen hohen Standpunkt und durch seine starke Stimme Einfluß genug auf das allgemeine Urteil hat, einige dahin einschlagende Ideen mit einiger Wäreme ans Herz zu legen. Mit Gründlichkeit ist diesem Publikum gemeinhin wohl nicht beizukommen. Wenn aber jene gründlicheren Leute in diesen Blättern auch gar keine Spur eines festeren, tieferen Systems, auch gar keinen des weiteren Nachdenkens nicht unwürdigen Wink finden sollten, so könnte die Schuld zum Teil mit an ihnen liegen.

Es ist eine der charakteristischen Eigenheiten unseres Zeitalters, daß man mit seinem Tadel sich so gern an Fürsten und Große wagt. Reizt die Leichtigkeit, Satiren auf Fürsten zu machen, oder glaubt man durch die scheinbare Größe seines Gegenstandes sich selbst zu erheben? In einem Zeitalter, wo doch die die meisten der deutschen Fürsten sich durch guten Willen und Popularität auszuzeichnen suchen; wo sie so viel tun, um die Etikette, die einst zwischen ihnen und ihren Mitbürgern eine ungeheure Kluft befestigte, und die ihnen selbst ebenso lästig, als diesen schädlich war, zu vernichten; wo insbesondere manche sich das Ansehen geben, Gelehrte und Gelehrsamkeit zu schätzen, ist dies doppelt auffallend. - Kann man sich nicht vor seinem eigenen Gewissen das Zeugnis geben, daß man seiner Sache sicher, und daß man fest genug sei, alle Folgen, die die Verbreitung der anerkannten und nützlichen Wahrheit für uns selbst haben könnte, mit eben der Würde zu ertragen, mit der man die Wahrheit sagte; so verläßt man sich entweder auf die Gutmütigkeit dieser so schwer angeschuldigten Fürsten, oder auf seine eigene unbedeutende und folgenlose Obskurität. Der Verfasser dieser Blätter glaubt weder durch seine Behauptungen noch durch seinen Ton irgendeinen Fürsten der Erde zu beleidigen, sondern vielmehr sie alle zu verbinden. Daß man glaubt, in einem gewissen großen Staat werde den Sätzen, die er hier zu begründen sucht, geradezu entgegengehandelt, hat ihm freilich nicht verborgen bleiben können; aber er wußte nicht weniger, daß in benachbarten protestantischen Staaten wohl mehr geschieht, ohne daß jemand sich sonderlich dagegen ereifert, weil man es da von jeher nicht anders gewohnt war; er wußte, daß es leichter ist zu untersuchen, was geschehen  soll,  oder  nicht soll,  als unparteiisch zu beurteilen, was wirklich  geschieht;  und seine Lage versagte ihm die  Data  für ein gründliches Urteil der letzteren Art. Er wußte, daß, wenn auch nicht alle Tatsachen als solche sich sollten verteidigen lassen, dennoch die Triebfedern derselben sehr edel sein könnten - und in unserem Fall würde er die erfinderische Güte bewundern, die uns zur wärmeren Schätzung und zum eifrigeren Gebrauch eines Gutes, gegen das der langwierige Genuß uns kalt gemacht hatte, durch den scheinbaren Versuch es uns zu rauben, kräftiger erwecken wollte, - die seltene Großmut anstaunen, die sich und ihre liebsten Freunde der Gefahr, verkannt, verlästert, gehaßt zu werden, wohlüberlegterweise aussetzte, bloß um die Aufklärung zu befördern und höher zu bringen. Endlich wußte er, daß er selbst durch diese Blätter jedem Staat eine erwünschte Gelegenheit gibt,  durch die Erlaubnis ihres Druckes und ihres öffentlichen Verkaufes, durch die Verteilung derselben an seine Geistlichen,  usw. die Reinheit seiner Absichten zu beweisen. Kein Staat, in welchem diese Blätter gedruckt und öffentlich verkauft werden, such die Aufklärung zu unterdrücken. Hat der Verfasser geirrt, so wird der wahrheitsliebende Herr CRANZ nicht säumen, ihn zu widerlegen. Es geschieht demnach gar nicht aus politischen, sondern aus schriftstellerischen Gründen, daß der Verfasser seinen Namen nicht anzeigt. Wer ein Recht hat, danach zu fragen, und auf rechtliche Art fragt, dem wird er sich ohne Scheu nennen; und zu seiner Zeit wird er sich ungefragt nennen: denn  chaque honnête homme doit avouer, ce qu'il a écrit  [Jeder ehrliche Mann sollte sich zu den Büchern bekennen, die er veröffentlicht hat. - wp] denkt er mit ROUSSEAU.

Um wieviel weniger Elend die Menschheit unter den meisten ihrer gegenwärtigen Staatsverfassungen erduldet, als sie im Stand der gänzlichen Auflösung erdulden würde, wollen wir hier nicht untersuchen; genug, sie duldet - und sie soll dulden: das Land unserer Staatsverfassungen ist das Land der Mühe und der Arbeit; das Land des Genusses liegt nicht unterm Mond. Aber eben dieses Elend soll ihr ein treibender Stachel sein, ihre Kräfte zu üben, im Kampf mit ihm, und im schwer zu erringenden Sieg sich für den künftigen Genß zu stärken. Die Menschheit sollte elend sein, aber sie sollte nicht elend bleiben. Ihre Staatsverfassungen, die Quellen ihres gemeinsamen Elends, konnten bis jetzt freilich nicht besser sein - sonst wären sie es - aber sie sollen immer besser werden. Dieses geschah, soweit wir die Menschengeschichte vor uns verfolgen können, und wird geschehen, solange eine Menschengeschichte sein wird, auf zweierlei Art: entweder durch gewaltsame Sprünge, oder durch allmähliches, langsames, aber sicheres Fortschreiten. Durch Sprünge, durch gewaltsame Staatserschütterungen und Umwälzungen kann ein Volk während eines halben Jahrhunderts weiter vorwärts kommen, als es in zehn gekommen wäre - aber dieses halbe Jahrhundert ist auch elend und mühevoll - aber es kann auch ebenso weit zurückkommen, und in die Barbarei des vorigen Jahrtausends zurückgeworfen werden. Die Weltgeschichte liefert Belege zu beiden. Gewaltsame Revolutionen sind stets ein kühnes Wagestück der Menschheit; gelingen sie, so ist der errungene Sieg des ausgestandenen Ungemachs wohl wert; mißlingen sie, so drängt ihr euch durch Elend zu noch größerem Elend hindurch. Sicherer ist allmähliches Fortschreiten zur größeren Aufklärung, und mit ihr zur Verbesserung der Staatsverfassung. Die Fortschritte, die ihr macht, sind weniger bemerkbar, indem sie geschehen; aber ihr seht hinter euch, und ihr erblickt eine große Strecke zurückgelegten Weges. So machte in unserem gegenwärtigen Jahrhundert die Menschheit, besonders in Deutschland, ohne alles Aufsehen einen großen Weg. Es ist wahr, der gothische Umriß des Gebäudes ist noch fast allenthalben sichtbar; die neuen Nebengebäude sind noch bei weitem nicht in ein festes Ganzes vereinigt: aber sie sind doch da, und fangen an bewohnt zu werden, und die alten Raubschlösser verfallen. Sie werden, wenn man uns nicht stört, immer mehr von Menschen geräumt, und den lichtscheuen Eulen und Fledermäusen zur Wohnung überlassen werden; die neuen Gebäude werden sich erweitern, und allmählich zu einem immer regelmäßigeren Ganzen vereinigen.

Dies waren unsere Aussichten, und diese wollte man uns durch die Unterdrückung unserer Denkfreiheit rauben? - und diese könnten wir uns rauben lassen? - Hemmt man den Fortgang des menschlichen Geistes, so sind nur zwei Fälle möglich: der erstere, unwahrscheinlichere - wir bleiben stehen, wo wir waren, wir geben alle Ansprüche auf Verminderung unseres Elendes und Erhöhung unserer Glückseligkeit auf; wir lassen uns die Grenzen setzen, über die wir nicht schreiten wollen; - oder der zweite, weit wahrscheinlichere: der zurückgehaltene Gang der Natur bricht gewaltsam durch und vernichtet alles, was ihm im Weg steht. die Menschheit rächt sich auch auf das grausamste an ihren Unterdrückern, Revolutionen werden notwendig. Man hat von einem schrecklichen Schauspiel der Art, das unsere Tage lieferten, noch nicht die wahre Anwendung gemacht. Ich befürchte, es ist nicht mehr Zeit, oder es ist höchste Zeit, die Dämme, die man noch immer, jenes Schauspiel vor den Augen, anderwärts dem Gang des menschlichen Geistes entgegengesetzt, zu lüften, damit er sich nicht gewaltsam durchbricht, und die Fluren umher schrecklich verwüstet.

Nein, ihr Völker, alles, alles gebt hin, nur nicht die Denkfreiheit. Immer gebt eure Söhne in die wilde Schlacht, um sich mit Menschen zu würgen, die sie nie beleidigten, oder von Seuchen entweder aufgezehrt zu werden, oder sie in eure friedlichen Wohnungen als eine Beute mit zurückzubringen; immer entreißt euer letztes Stückchen Brot dem hungernden Kind und gebt es dem Hund des Günstlings - gebt, gebt alles hin; nur dieses vom Himmel abstammende Palladium der Menschheit, dieses Unterpfand, daß ihr noch ein anderes Los bevorsteht, als dulden, tragen und zerknirscht werden, - nur dieses behauptet. Die künftigen Generationen möchten schrecklich von euch zurückfordern, was euch zur Überlieferung an sie von euren Väter übergeben wurde. Wären diese so feige gewesen als ihr, - ständet ihr dann nicht noch immer unter der entehrendsten Geistes- und Leibes-Sklaverei eines geistlichen Despoten? Unter blutigen Kämpfen errangen jene, was ihr nur durch ein wenig Festigkeit behaupten könnt.

Eure Fürsten haßt darum nur nicht; euch selbst solltet ihr hassen. Eine der ersten Quellen eures Elends ist die, daß ihr von ihnen und ihren Helfern viel zu hohe Begriffe habt. Es ist war, sie durchwühlen die Finsternisse halbbarbarischer Jahrhunderte mit emsigen Händen, und glauben eine herrliche Perle gefunden zu haben, wenn sie einer Maxime derselben auf die Spur gekommen sind - dünken sich sehr weise, wenn sie diese spärlichen Maximen, so wie sie sie fanden, ihrem Gedächtnis aufgezwungen haben: aber das könnt ihr sicher glauben, daß sie von dem, was sie wissen sollten, von ihrer eigenen wahren Bestimmung, von Menschenwert und Menschenrechten, weniger wissen, als der Ununterrichtetste unter euch. Wie sollten sie so etwas je erfahren? - sie, für die man eine eigene Wahrheit hat, die nicht durch die Grundsätze, auf welche sich die allgemeine Menschenwahrheit gründet, sondern durch die Staatsverfassung, die Lage, das politische System ihres Landes bestimmt wird, sie, deren Kopf man von Jugend auf mühsam die allgemeine Menschenform nimmt, und ihm diejenige einpreßt, in welche allein eine solche Wahrheit paßt, - in deren zartes Herz man von Jugend auf die Maxime einprägt: Alle die Menschen, Sire, die Sie da sehen, sind für Sie da, sind Ihr Eigentum (1). Wie sollten sie, wenn sie es auch erführen, je Kraft haben, es zu begreifen? - sie, deren Geist man künstlich durch eine erschlaffende Sittenlehre, durch frühe Wollüste, und, wenn sie für diese verstimmt sind, durch späten Aberglauben seine Schwungkraft raubt. Man ist versucht, ein stets fortdauerndes Wunder der Vorsehung anzunehmen, wenn man in der Geschichte doch so ungleich mehr bloß schwache, als böse Fürsten antrifft; und ich wenigstens rechne den Fürsten alle Laster, die sie  nicht  haben, für Tugenden an, und danke ihnen für all das Böse, das sie mir  nicht  tun.

Und solche Fürsten überredet man die Denkfreiheit zu unterdrücken - nicht etwa um euretwillen. Möchtet ihr doch denken und untersuchen, und auf den Dächern predigen, was ihr wolltet; die Satelliten des Despotismus achten eurer nicht; ihre Gewalt steht viel zu fest; ihr mögt von der Rechtmäßigkeit ihrer Forderungen überzeugt sein oder nicht: was verschlägt ihnen dies? sie werden euch schon durch Entehrung oder durch Hunger, durch Festungsstrafe, oder durch Hinrichtungen zu zwingen wissen. Aber ihr macht bei euren Untersuchungen ein großes Geschrei - sie werden es zwar freilich an Sorgfalt nicht fehlen lassen, das Ohr des Fürsten zu bewachen - aber es könnte doch, es wäre doch möglich, daß irgendeinmal ein unglückliches Wort bis zu demselben gelangt, daß er weiter forscht, daß er schließlich weiser wird und erkennt, was zu seinem und eurem Frieden dient. Daran nur wollen sie euch verhindern; und daran, ihr Völker, müßt ihr euch nicht verhindern lassen!

Ruft es, ruft es in jedem Ton euren Fürsten in die Ohren, bis sie es hören, daß ihr euch die Denkfreiheit nicht werdet nehmen lassen, und beweist ihnen die Zuverlässigkeit dieser Versicherung durch euer Betragen. Laßt euch nicht durch die Furcht des Vorwurfs der Unbescheidenheit abschrecken. Gegen was könntet ihr denn unbescheiden sein? Gegen das Gold und die Diamanten an der Krone, gegen den Purpur am Kleid eures Fürsten; nicht - gegen ihn. Es gehört wenig Selbstzutrauen dazu, um zu glauben, daß man Fürsten Dinge sagen kann, die sie nicht wissen.

Und besonders ihr alle, die ihr Kräfte dazu habt, kündigt doch jenem ersten Vorurteil, woraus alle unsere Übel folgen, jener giftigen Quelle all unseres Elends, jenem Satz: daß es die Bestimmung des Fürsten ist, für unsere  Glückseligkeit  zu wachen, den unversöhnlichsten Krieg an; verfolgt ihn in alle die Schlupfwinkel, durch das ganze System unseres Wissens, in die er sich versteckt hat, bis er von der Erde vertilgt, und zur Hölle zurückgekehrt ist, von der er gekommen ist. Wir wissen nicht, was unsere Glückseligkeit befördert: weiß es der Fürst, und ist er dazu da, uns zu ihr zu leiten, so müssen wir mit verschlossenen Augen unserem Führer folgen; er tut mit uns, was er will, und wenn wir ihn fragen, so versichert er uns auf sein Wort, daß das zu unserer Glückseligkeit nötig ist; er legt der Menschheit den Strick um den Hals und ruft: still, still! es geschieht alles zu deinem Besten. (2)

Nein, Fürst, du bist nicht unser  Gott.  Von  ihm  erwarten wir Glückseligkeit; von  dir  die Beschützung unserer Rechte.  Gütig  sollst du nicht gegen uns sein; du sollst  gerecht  sein.


Rede.

Die Zeiten der Barbarei sind vorbei, ihr Völker, wo man euch im Namen Gottes anzukündigen wagte, daß ihr Herdenvieh seid, das Gott deswegen auf die Erde gesetzt hat, um einem Dutzend Göttersöhnen zum Tragen ihrer Lasten, zu Knechten und Mägden ihrer Bequemlichkeit, und endlich zum Abschlachten zu dienen; daß Gott sein unbezweifeltes Eigentumsrecht über euch an diese übertragen habe, und daß sie kraft eines göttlichen Rechts, und als seine Stellvertreter, euch für eure Sünden peinigten: ihr wißt es, oder könnt euch davon überzeugen, wenn ihr es noch nicht wißt, daß ihr selbst Gottes Eigentum nicht seid, sondern daß er euch sein göttliches Siegel, niemandem anzugehören als euch selbst, mit der Freiheit tief in eure Brust eingeprägt hat. Auch das unterstehen sie sich nicht mehr, euch zu sagen: wir sind stärker, als ihr, wir hätten euch alle längst totschlagen können; wir sind so gütig gewesen, es nicht zu tun; das Leben, das ihr lebt, ist mithin unser Geschenk. Wir haben es euch aber nicht frei geschenkt, sondern es euch nur zum Lehen gegeben; unsere Forderung also, es zu unserem Vorteil zu verwenden, und es euch, wenn wir es nicht mehr brauchen können, doch noch zu nehmen, ist nicht unbillig. - Ihr habt, wenn diese Schlußart gelten soll, gelernt, daß  ihr  die Stärkeren seid, und  sie  die Schwächeren; daß ihre Stärke in euren Armen ist, und daß sie elend und hilflos dastehen, wenn ihr diese sinken laßt; Beispiele haben es ihnen gezeigt, vor denen sie noch beben. Ebensowenig werdet ihr ihnen noch weiterhin glauben, daß ihr alle blind, hilflos und unwissend seid, und daß ihr selbst euch nicht zu raten wißt, wenn sie euch nicht wie unmündige Kinder an ihren väterlichen Händen leiten; sie haben erst in diesen Tagen durch Fehlschlüsse, die der der Einfältigste unter euch nicht gemacht hätte, gezeigt, daß sie auch nicht mehr wissen, als ihr, und daß sie sich und euch ins Elend stürzen, weil sie mehr zu wissen glauben. Auf solche Vorspiegelungen hört ihr nicht weiter; ihr wagt es, den Fürsten, der euch beherrschen will, zu fragen,  mit welchem Recht  er über euch herrscht?

Durch  Erbrecht,  sagen wohl einige Söldner des Despotismus, die aber nicht seine scharfsinnigsten Verteidiger sind. Denn gesetzt, daß euer jetzt lebender Fürst ein solches Recht von seinem Vater, und dieser wieder von dem seinigen und so weiter hinauf hätte ererben können, woher bekam es denn der, der der Erste war, oder hatte der kein Recht, wie konnte er ein Recht vererben, das er nicht hatte? - Und dann, ihr schlauen Sophisten, glaubt ihr denn, daß man Menschen erben kann, wie eine Herde Vieh, oder eine Weide für sie? Die Wahrheit ist nicht so von der Oberfläche abzuschöpfen, wie ihr denkt; sie liegt tiefer, und ich bitte euch, die kleine Mühe auf euch zu nehmen, sie mit mir aufzusuchen. (3)

Der Mensch kann weder ererbt, noch verkauft, noch verschenkt werden; er kann niemandes Eigentum sein, weil er sein eigenes Eigentum ist, und bleiben muß. Er trägt tief in seiner Brust einen Götterfunken, der ihn über die Tierheit erhöht und ihn zum Mitbürger einer Welt macht, deren erstes Mitglied Gott ist, - sein Gewissen. Dieses gebietet ihm schlechthin und unbedingt - dieses zu wollen, jenes nicht zu wollen; und zwar  frei  und  aus eigener Bewegung,  ohne allen Zwang außer ihm. Soll er dieser inneren Stimme gehorchen - und sie gebietet dies schlechterdings - so darf er auch von außen nicht gezwungen, so muß er von allem fremdem Einfluß befreit werden. Es darf mithin kein Fremder über ihn schalten; er selbst muß es, nach Maßgabe des Gesetzes in ihm, tun: er ist frei und muß frei bleiben; nichts darf ihm gebieten, als dieses Gesetz in ihm, denn es ist sein alleiniges Gesetz - und er widerspricht diesem Gesetz, wenn er sich ein anderes aufdrängen läßt - die Menschheit wird in ihm vernichtet, und er zur Klasse der Tiere herabgewürdigt.

Ist dieses Gesetz sein alleiniges Gesetz, so darf er alltenthalben, wo dieses Gesetz nicht redet, tun, was er will; er hat  ein Recht  zu allem, was durch dieses alleinige Gesetz  nicht verboten  ist. Nun gehört aber auch das, ohne welches überhaupt kein Gesetz möglich ist,  Freiheit  und  Persönlichkeit ferner das im Gesetz  Befohlene  in den Bezirk des  Nichtverbotenen;  man kann mithin sagen, der Mensch hat ein Recht zu den Bedingungen, unter denen allein er pflichtmäßig handeln kann, und zu den Handlungen, die seine Pflicht erfordert. Solche Rechte sind nie aufzugeben; sie sind  unveräußerlich.  Sie zu veräußern, haben wir kein Recht.

Zu den Handlungen, die das Gesetz bloß erlaubt, habe ich auch ein Recht: aber ich kann dieser Erlaubnis des Sittengesetzes mich auch nicht bedienen; dann bediene ich mich meines Rechtes nicht; ich gebe es auf. Rechte von der zweiten Art sind also  veräußerlich;  aber der Mensch muß sie  freiwillig  aufgeben, nie muß er sie veräußern müssen; sonst würde er durch ein anderes Gesetz genötigt, als durch das Gesetz in ihm, und das ist unrecht von dem, der es tut, und von dem, der es leidt, wo er es ändern kann.

Darf ich meine  veräußerlichen  Rechte ohne alle Bedingung aufgeben, darf ich sie anderen  schenken;  so darf ich sie auch mit Bedingung aufgeben, ich darf sie gegen Veräußerungen des Anderen  vertauschen.  Aus einem solchen Tausch veräußerlicher Rechte gegen veräußerliche Rechte entsteht der Vertrag (der Contract). Ich tue auf Ausübung eines meiner Rechte Verzicht, auf die Bedingung, daß der Andere gleichfalls auf Ausübung eines der seinigen Verzicht tut. - Solche im Vertrag zu veräußernde Rechte können nur Recht auf  äußere Handlungen,  nicht auf  innere Gesinnungen  sein; denn im letzteren Fall könnte kein Teil sich überzeugen, ob der andere die Bedingungen erfüllt oder nicht. Innere Gesinnungen, Wahrhaftigkeit, Achtung, Freundschaft, Dankbarkeit, Liebe werden frei geschenkt; nicht aber, als Rechte, erworben.

Die bürgerliche Gesellschaft  gründet sich auf einen solchen Vertrag aller Mitglieder mit einem, oder eines mit allen, und kann sich auf nichts anderes gründen, da es schlechterdings unrechtmäßig ist, sich durch einen Anderen Gesetze geben zu lassen, als durch sich selbst. Nur dadurch wird die bürgerliche Gesetzgebung gültig für mich, daß ich sie freiwillig annehme - durch welches Zeichen, tut hier nichts zur Sache - und dadurch mir selbst das Gesetz gebe. Aufdrängen kann ich mir kein Gesetz lassen, ohne dadurch auf die Menschheit, auf Persönlichkeit und Freiheit Verzicht zu tun. In diesem gesellschaftlichen Vertrag gibt jedes Mitglied einige seiner veräußerlichen Rechte auf, mit der Bedingung, daß andere Mitglieder auch einige der ihrigen aufgeben.

Wenn ein Mitglied seinen Vertrag nicht hält, und seine veräußerten Rechte zurücknimmt, so bekommt dadurch die Gesellschaft ein Recht, ihn zur Haltung desselben durch Verletzung seiner ihm durch die Gesellschaft zugesicherten Rechte zu zwingen. Dieser Verletzung hat er sich durch den Vertrag freiwillig unterworfen. Daher entsteht die  ausübende Gewalt. 

Diese ausübende Gewalt kann ohne Nachteil nicht von der ganzen Gesellschaft ausgeübt werden; sie wird daher mehreren oder einem Mitglied übertragen. Der eine, dem sie übertragen wir, heißt  Fürst. 

Der  Fürst  also hat seine Recht durch Übertragung von der Gesellschaft; die Gesellschaft aber kann keine Rechte an ihn übertragen, die sie nicht selbst hatte. Die Frage also, die wir hier untersuchen wollen: ob der Fürst ein Recht hat, unsere Denkfreiheit einzuschränken, gründet sich auf die: ob der Staat ein solches Recht haben kann.

Frei  denken zu können ist der auszeichnende Unterschied des Menschenverstandes vom Tierverstand. Auch im letzteren sind Vorstellungen; aber sie folgen notwendig aufeinander, sie bringen einander hervor, wie  eine  Bewegung in der Maschine die andere notwendig hervorbringt. Diesem blinden Mechanismus der Ideenassoziation, bei dem sich der Geist bloß leidend verhält, tätig zu widerstehen; durch eigene Kraft, nach eigener freier Willkür, seiner Ideen-Reihe eine bestimmte Richtung zu geben, ist Vorzug des Menschen, und je mehr einer diesen Vorzug behauptet, desto mehr ist er Mensch. Das Vermögen im Menschen, durch welches er dieses Vorzugs fähig ist, ist eben das, durch welches er frei  will;  die Äußerung der Freiheit im Denken ist ebenso wie die Äußerung derselben im Wollen ein inniger Bestandteil seiner Persönlichkeit; ist die notwendige Bedingung, unter welcher allein er sagen kann: ich  bin,  bin selbständiges Wesen. Diese Äußerung ebensowohl wie jene versichert ihn seines Zusammenhangs mit der Geisterwelt und bringt ihn in Übereinstimmung mit ihr; denn nicht nur Einmütigkeit im Wollen, sondern auch Einmütigkeit im Denken soll in diesem unsichtbaren Reich Gottes herrschen. Ja, diese Äußerung der Freiheit bereitet uns auf die ununterbrochene und stärkere Äußerung jener vor: durch freie Unterwerfung unserer Vorurteile und unserer Meinungen unter das Gesetz der Wahrheit lernen wir zuerst vor der Idee eines Gesetzes überhaupt uns niederbeugen und verstummen; dieses Gesetz bändigt zuerst unsere Selbstsucht, die das Sittengesetz regieren will. Freie und uneigennützige Liebe zur theoretischen Wahrheit,  weil  sie Wahrheit ist, ist die fruchtbarste Vorbereitung zur sittlichen Reinigkeit der Gesinnungen. Und dieses mit unserer Persönlichkeit, mit unserer Sittlichkeit innig verknüpfte Recht, diesen von der schaffenden Weisheit ausdrücklich für uns angelegten Weg zur moralischen Veredlung hätten wir im gesellschaftlichen Auftrag aufgeben können? Wir hätten das Recht gehabt, ein unveräußerliches Recht zu veräußern? Unser Versprechen, es aufzgeben, hätte was anderes geheißen als: wir versprechen, beim Eintritt in eure bürgerliche Gesellschaft unvernünftige Geschöpfe, wir versprechen Tiere zu werden, damit es euch weniger Arbeit macht, uns zu bändigen? Und ein solcher Vertrag wäre rechtmäßig und gültig?

Aber, will man denn das auch? rufen sie uns zu; haben wir euch nicht laut und feierlich genug die Erlaubnis gegeben, frei zu denken? - Und wollen dies zugestehen; wir wollen die ängstlichen Versuche vergessen, die man machte, uns der besten Hilfsmittel zu berauben; - es vergessen, mit welcher Emsigkeit man in jedem neuen Licht die alte Finsternis zu färben sucht; (4) - wir wollen um Worte nicht handeln -ja, ihr erlaubt uns zu  denken da ihre es nicht verhindern könnt; aber ihr verbietet uns, unsere Gedanken mitzuteilen; ihr nehmt also nicht unser unveräußerliches Recht frei zu denken, ihr nehmt bloß das, unser Freigedachtes mitzuteilen, in Anspruch.

Damit wir sicher sind, mit euch nicht über Nichts zu streiten; - haben wir wohl ursprünglich ein solches Recht? können wir es nachweisen? - Wenn wir zu allem ein Recht haben, was das Sittengesetz nicht verbietet, wer könnte ein Verbot des Sittengesetzes aufzeigen, seine Überzeugungen mitzuteilen? wer ein Recht des Anderen, eine solche Mitteilung zu verwehren, sie als eine Beleidigung in seinem Eigentum anzusehen? Der Andere kann dadurch im Genuß seiner auf seine bisherigen Überzeugungen sich gründenden Glückseligkeit, in seinen angenehmen Täuschungen, in seinen süßen Träumen gestört werden, sagt ihr mir; - aber wie kann er das durch meine bloße Handlung, ohne mich anzuhören, ohne auf meine Reden aufzumerken, ohne sie in seine Gedankenform aufzufassen? Wird er gestört, so stört er selbst sich; ich nicht ihn. Es ist da ganz das Verhältnis des Gebens zum Nehmen. Habe ich nicht ein Recht, von meinem Brot mitzuteilen, an meiner Flamme sich wärmen, an meinem Licht anzünden zu lassen? Will der Andere mein Brot nicht, so strecke er seine Hand nicht aus, es zu empfangen; will er meine Wärme nicht, so gehe er von meinem Feuer; ihm meine Gaben aufzudrängen, - das Recht habe ich freilich nicht.

Da jedoch dieses Recht des freien Mitteilens sich auf kein Gebot, sondern bloß auf eine Erlaubnis des Sittengesetzes gründet, und demnach, ansich betrachtet, nicht unveräußerlich ist; da ferner zur Möglichkeit der Ausübung desselben die Einwilligung des Anderen, sein Annehmen meiner Gaben, erfordert wird: so ist es ansich wohl denkbar, daß die Gesellschaft einmal für alle diese Einwilligung aufgehoben, daß sie sich von jedem Mitglied beim Eintritt in dieselbe hätte versprechen lassen, seine Überzeugungen überhaupt niemandem bekannt zu machen. - Mit einer solchen Verzichtleistung muß es dann wohl im allgemeinen, und ohne Ansehen der Person, nicht so ernsthaft gemeint sein; denn eröffnen nicht jene ihr vom Staat privilegiertes Füllhorn mit möglichster Freigiebigkeit, und liegt es nicht bloß an unserer störrigen Widersetzlichkeit, daß sie uns bis jetzt die seltensten Kostbarkeiten desselben noch vorenthalten? Aber laßt uns immer zugeben, was wir so unbedingt auch nicht zugeben möchten, daß wir ein Recht gehabt hätten, bei Eintritt in die Gesellschaft unser Mitteilungsrecht aufzugeben: so steht diesem Recht das des  freien Nehmens  entgegen; das erstere kann nicht veräußert werden, ohne daß das zweite es zugleich wird. Zugegeben, ihr hättet ein Recht gehabt, mich versprechen zu lassen, ich wolle von meinem Brot niemandem mitteilen; hattet ihr denn auch zugleich das Recht, den armen Hungernden zu nötigen, von eurem ihm widerlichen Brei zu essen, oder zu sterben? Wollt ihr das schönste Band, das Menschen an Menschen kettet, das Geister in Geister überfließen macht, zerschneiden? Wollt ihr den würdigsten Tauschhandel, das freie und frohe Geben und Nehmen des Edelsten, was sie besitzt, der Menschheit rauben? Doch, warum rede ich auch mit Empfindung an eure ausgedorrten Herzen? Ein dürrer und trockener Vernunftschluß, dem ihr durch alle eure Sophistereien nichts anhaben könnt, beweise euch die Unrechtmäßigkeit eurer Forderung. - Das Recht des freien Nehmens all desjenigen, was brauchbar für uns ist, ist ein Bestandteil unserer Persönlichkeit; es gehört zu unserer Bestimmung, frei alles das zu brauchen, was zu unserer geistigen und sittlichen Bildung offen für uns da liegt; ohne diese Bedingung wäre Freiheit und Moralität ein unbrauchbares Geschenkt für uns. Eine der reichhaltigsten Quellen unserer Belehrung und Bildung ist die Mitteilung von Geist zu Geist. Das Recht aus dieser Quelle zu schöpfen, können wir nicht aufgeben, ohne unsere Geistigkeit, unsere Freiheit und Persönlichkeit aufzugeben; wir  dürfen  es mithin nicht aufgeben; mithin darf auch der andere  sein  Recht, uns daraus schöpfen zu lassen, nicht aufgeben. Durch die Unveräußerlichkeit unseres Rechts zu  nehmen,  wird auch sein Recht zu  geben  unveräußerlich. - Ob  wir  unsere Gaben  aufdrängen,  wißt ihr von selbst. Ihr wißt es, ob wir Ämter und Ehrenstellen an diejenigen vergeben, die sich anstellen, als ob wir sie überzeugt hätten; ob wir diejenigen, die unsere Vorlesungen nicht hören, und unsere Schriften nicht lesen mögen, von Ämtern und Würden ausschließen; ob wir diejenigen, die gegen unsere Grundsätze schreiben, öffentlich beschimpfen und fortjagen. Daß man dennoch eure Schriften zum Einpacken der unsrigen braucht; daß wir dennoch die helleren Köpfe und die besseren Herzen der Nationen auf unserer Seite, und ihre die Einfältigen, die Heuchler, die feigen Schriftsteller auf der eurigen habt - erklärt euch das selbst, so gut ihr könnt.

Aber, ruft ihr mir zu, wir verbieten dir gar nicht, Brot auszuteilen; nur Gift sollst du nicht geben. - Aber wie, wenn das, was ihr Gift nennt, meine tägliche Speise ist, bei der ich gesund und stark bin? Sollte ich vorher sehen, daß der schwache Magen des anderen sie nicht vertragen wird? Starb er an meinem  Geben,  oder starb er an seinem  Essen?  Wenn er sie nicht verdauen konnte, so sollte er sie nicht essen: gestopft (5) habe ich ihn nicht, dazu habt nur ihr das Privilegium. - Oder gesetzt auch, ich hätte das, was ich dem anderen gab, wirklich für Gift gehalten; ich hätte es ihm in der Absicht gegeben, um ihn zu vergiften - wie wollt ihr mir das beweisen? Wer kann darüber mein Richter sein, als mein Gewissen? Doch, ohne Gleichnis.

Ich darf zwar die  Wahrheit  verbreiten, aber nicht den  Irrtum. 

O ! was mag doch euch, die ihr dieses sagt,  Wahrheit - was mag euch  Irrtum  heißen? Ohne Zweifel nicht das, was wir andern dafür halten; sonst würdet ihr begriffen haben, daß eure Einschränkung die ganze Erlaubnis aufhebt; daß ihr mit der linken Hand uns wieder nehmt, was ihr mit der rechten gegeben habt; daß es schlechterdings unmöglich ist, Wahrheit mitzuteilen, wenn es nicht auch erlaubt ist, Irrtümer zu verbreiten. - Doch, ich werde mich euch verständlicher machen.

Ohne Zweifel redet ihr hier nicht von  subjektiver  Wahrheit; denn ihr wollt nicht sagen: ich dürfe zwar das verbreiten, was  ich  nach meinem besten Wissen und Gewissen für wahr halte; nichts aber verbreiten, was  ich selbst  für irrig und falsch anerkenne. Ohne Vertrag zwischen mir und euch habt ihr keine rechtskräftige Anforderung auf meine Wahrhaftigkeit; denn diese ist nur eine innere, keine äußere Pflicht: durch den gesellschaftlichen Vertrag erhaltet ihr keine, denn ihr könnt euch der Erfüllung meines Versprechens nie versichern, da ihr nicht in meinem Herzen lesen könnt. Hätte ich euch Wahrhaftigkeit versprochen und ihr hättet das Versprechen angenommen, so wärt ihr freilich getäuscht, aber durch eure Schuld: ich hätte euch nichts versprochen, da ihr durch mein Versprechen ein Recht bekommen hättet, dessen Ausübung physisch unmöglich ist. - Freilich bin ich, wenn ich euch vorsätzlich belüge, wenn ich euch wissentlich und wohlbedacht Irrtum statt Wahrheit gebe, ein verachtungswürdiger Mensch; aber ich beleidige dadurch nur mich, nicht euch; ich habe das nur mit meinem Gewissen abzumachen.

Ihr redet also von  objektiver  Wahrheit; und diese ist? - O ihr weisen Sophisten des Despotismus, die ihr nie um eine Definition verlegen seid - sie ist - Übereinstimmung unserer Vorstellung von den Dingen mit den Dingen-ansich. Der Sinn eurer Forderung ist mithin  der, - ich erröte in eurem Namen, in dem ich es sagen will: - wenn meine Vorstellung mit dem Ding-ansich wirklich übereinstimmt, darf ich sie verbreiten; wenn sie aber nicht wirklich damit übereinstimmt, soll ich sie für mich behalten.

Übereinstimmung unserer Vorstellungen von den Dingen mit den Dingen ansich könnte nur auf zweierlei Art möglich sein: wenn nämlich entweder die Dinge ansich durch unsere Vorstellungen, oder unsere Vorstellungen durch die Dinge-ansich wirklich gemacht würden. Da beim menschlichen Erkenntnisvermögen beide Fälle vorkommen, aber sich so ineinander verschlingen, daß wir sie nicht scharf voneinander absondern können, so ist sogleich klar, daß objektive Wahrheit in der strengsten Bedeutung des Wortes dem Verstand des Menschen und jedes endlichen Wesens geradezu widerspricht; daß mithin unsere Vorstellungen mit den Dingen ansich nie übereinstimmen, noch übereinstimmen können. In diesem Sinn des Wortes könnt ihr uns also unmöglich anmuten wollen, die Wahrheit zu verbreiten.

Dennoch gibt es eine gewisse notwendige Art, wie die Dinge uns allen, der Einrichtung unserer Natur nach, schlechterdings erscheinen müssen, und insofern unsere Vorstellungen mit dieser notwendigen Form der Erkennbarkeit übereinstimmen, können wir sie auch objektiv wahr nennen - wenn nämlich das Objekt nicht das Ding-ansich, sondern ein durch die Gesetze unseres Erkenntnisvermögens und durch die der Anschauung notwendig bestimmtes Ding (Erscheinung) heißen soll. In dieser Bedeutung ist alles, was einer richtigen Wahrnehmung gemäß durch die notwendigen Gesetze unseres Erkenntnisvermögens zustande gebracht wird, objektive Wahrheit. - Außer dieser auf die Sinnenwelt anwendbaren Wahrheit gibt es noch eine, in einer unendlich höheren Bedeutung des Wortes; da wir nämlich nicht erst durch Wahrnehmung die gegebene Beschaffenheit der Dinge erkennen, sondern sie durch die reinste, freieste Selbsttätigkeit, gemäß den ursprünglichen Begriffen von Recht und Unrecht, selbst  hervorbringen  sollen. Was diesen Begriffen gemäß ist, ist für alle Geister, und für den Vater der Geister wahr; und Wahrheiten von der Art sind meistens sehr leicht und sehr sicher zu erkennen; unser Gewissen ruft sie uns zu. So ist es z. B. eine ewige, menschliche und göttliche Wahrheit, daß es unveräußerliche Menschenrechte gibt, daß die Denkfreiheit darunter gehört - daß derjenige, dem wir unsere Macht in die Hände gaben, um unsere Rechte zu beschützen, höchst ungerecht handelt, wenn er sich eben dieser Macht bedient, sie und besonders die Denkfreiheit, zu unterdrücken. Von solchen moralischen Wahrheiten findet gar keine Ausnahme statt; sie können nie problematisch sein, sondern lassen sich immer auf den notwendig gültigen Begriff des Rechten zurückführen. Von Wahrheiten der letzteren Art - die euch ohnedies wenig am Herzen liegen, und oft innig zuwider sind - redet ihr also nicht; denn über sie findet kein Streit statt - ihr redet von der ersten menschlichen Wahrheit. Ihr befehlt,  wir sollen nichts behaupten, was nicht aus richtigen Wahrnehmungen, gemäß den notwendigen Gesetzen des Denkens, abgeleitet ist. - Ihr seid großmütig, weise, gütige Väter der Menschheit; ihr befehlt uns immer richtig zu beobachten, und immer richtig zu schließen; ihr verbietet uns selbst zu irren, damit wir keine Irrtümer verbreiten. Edle Vormünder, das möchten wir eben nicht gern; es ist uns selbst ebenso zuwider, als euch. Der Fehler ist nur, daß wir es nicht wissen, wenn wir irren. - Könntet ihr uns nicht, damit doch euer väterlicher Rat uns zustatten kommt, ein sicheres stets anwendbares, untrügliches Kriterium der Wahrheit geben?

Auch darauf habt ihr schon im Voraus gedacht. Wir sollen z. B. nicht nur alte, längst widerlegte Irrtümer verbreiten, sagt ihr. -  Widerlegte  Irrtümer?  Wem  sind sie widerlegt? Wenn diese Widerlegungen  uns  einleuchten,  uns  Genüge täten - meint ihr, daß wir jene Irrtümer noch behaupten würden; glaubt ihr, daß wir lieber irren, als richtig denken, lieber rasen, als klug sein wollen, daß wir einen Irrtum nur als einen Irrtum anerkennen dürfen, um ihn sogleich aufzunehmen; denkt ihr, daß wir bloß aus geniehaftem Mutwillen, und um unsere guten Vormünder zu necken und zu ärgern, Dinge in die Welt hineinschreiben, von denen wir selbst gar wohl wissen, daß sie irrig sind?

Jene Irrtümer sind also längst widerlegt, sagt ihr uns auf euer Wort. So müssen sie doch zumindest  euch  widerlegt sein, daß ihr doch wohl ehrlich mit uns umgehen werdet. Wolltet ihr uns nicht sagen, erlauchte Erdensöhne, in wie vielen, unter ernsten Betrachtungen durchwachten, Nächten ihr dasjenige entdeckt habt, was so viele Männer, die, von euren übrigen Herrschersorgen frei, ihre ganze Zeit solchen Untersuchungen widmen, bis jetzt noch nicht haben entdecken können? oder, ob ihr es ohne alles Nachdenken, und ohne allen Unterricht, bloß durch die Hilfe eures göttlichen Genies gefunden habt? Doch, wir verstehen euch, und schon längst hätten wir, statt dieser für euch und eure Satelliten sehr trocknen Untersuchungen, euren wahren Gedanken darstellen sollen. - Ihr redet gar nicht von dem, was wir andern Wahrheit oder Irrtum nennen - was kümmert euch das? Wer hätte der Hoffnung des Landes durch solche trübsinnige Spekulationen die Jahre verderben wollen, in denen sie sich auf die künftigen Herrschersorgen erquickte? Ihr habt euch mit euren Untertanen in die menschlichen Gemütskräfte geteilt. Ihnen habt ihr das  Denken  überlassen, - zwar nicht für euch, noch für sich selbst, denn in euren Regierungen ist das gar nicht nötig, - sie mögen es zu ihrem Vergnügen tun, wenn sie wollen, aber ohne weitere Folgen.  Wollen  werdet ihr für sie. Dieser in euch wohnende gemeinsame Wille bestimmt dann auch die Wahrheit. Wahr ist demnach das, wovon ihr wollt, daß es wahr ist; falsch ist das, wovon ihr wollt, daß es falsch ist. -  Warum  ihr es wollt, das ist nicht unsere Frage, auch nicht die eurige. Euer Wille, als solcher, ist das einzige Kriterium der Wahrheit. Wie unser Gold und Silber nur unter eurem Stempel einen Wert hat, so auch unsere Begriffe.

Darf es ein ungeweihtes Auge wagen, einen Blick in die Mysterien der Staatsverwaltung zu tun, zu der tiefe Weisheit erforderlich sein muß, da bekannter maßen stets die weisesten und besten unter den Menschen an ihr Ruder erhoben werden, so erlaubt mir hierbei einige schüchterne Bemerkungen. Schmeichle ich mir nicht zu viel, so sehe ich einige von den Vorteilen, die ihr dabei beabsichtigt. Den Körper der Menschen zu unterjochen ist euch ein leichtes; ihr könnt seine Füße in den Stock, seine Hände in Fesseln legen, ihr könnt auch allenfalls durch die Furcht vor Hunger oder Tod ihn hindern zu reden, was er nicht reden soll. Aber ihr könnt doch nicht immer mit dem Stock, oder mit Fesseln, oder mit Henkersknechten gegenwärtig sein - auch eure Spürhunde können nicht überall sein; und eine solche mühsame Regierung würde euch doch gar keine Zeit zu menschlichen Vergnügungen übrig lassen. Ihr müßt also auf ein Mittel denken, ihn sicherer und zuverlässiger zu unterjochen, damit er auch außer dem Stock und der Fessel nicht anders atmet, als ihr ihn laßt. Lähmt das erste Prinzip der Selbsttätigkeit in ihm, seinen Gedanken; untersteht er sich nicht mehr anders, als ihr es ihm, mittelbar oder unmittelbar, durch seinen Beichtvater, oder durch eure Religions-Edikte befehlt, zu denken: so ist er ganz die Maschine, die ihr haben wollt, und nun könnt ihr ihn nach Belieben gebrauchen. Ich bewundere in der Geschichte, die euer Lieblingsstudium ist, die Weisheit einer Reihe von den ersten christlichen Kaisern. Mit jeder neuen Regierung änderte sich die Wahrheit; selbst während  einer  Regierung, wenn sie ein wenig lange dauerte, mußte sie ein paar Mal abgeändert werden. Ihr habt den Geist dieser Maximen aufgefaßt, aber ihr seid - verzeiht es dem Anfänger in eurer Kunst, wenn er irren sollte, - noch nicht tief genug in ihn eingedrungen. Man läßt ein und ebendieselbe Wahrheit zu lange Wahrheit bleiben; darin hat man es in der neueren Staatskunst versehen. Das Volk gewöhnt sich schließlich an sie, und hält seine Gewohnheit, sie zu glauben, für den Beweis ihrer Wahrheit, da es sie doch lediglich und rein um eurer Autorität willen glauben sollte. Ahmt daher, ihr Fürsten, euren würdigen Mustern nach; verwerft heute, was ihr gestern zu glauben befahlt, und autorisiert heute, was ihr gestern verwarft, damit sie sich von dem Gedanken, daß bloß euer Wille die Quelle der Wahrheit sei, nie entwöhnen. Ihr habt z. B. nur zu lange gewollt, daß Eins gleich Drei ist; sie haben euch geglaubt, und leider haben sie sich so daran gewöhnt, daß sie schon längst euch den schuldigen Dank versagen, und es selbst entdeckt zu haben meinen. Rächt euer Ansehen; befehlt auch einmal, daß Eins auch Eins ist - natürlich nicht darum, weil das Gegenteil sich widerspricht, sondern darum, weil ihr es wollt.

Ich verstehe euch, wie ihr steht; aber ich habe es da mit einem unbändigen Volk zu tun, das nicht nach euren Absichten, sondern nach euren Rechten fragt. Was soll ich antworten?

Es ist eine unbequeme Frage, die Frage nach dem Recht. Ich bedaure, daß ich mich hier von euch, mit denen ich so freundschaftlich hierher kam, werde trennen müssen.

Wenn ihr das Recht hättet, festzusetzen, was wir für Wahrheit annehmen sollten, so müßtet ihr es von der Gesellschaft und diese müßte es durch Vertrag haben. Ist ein solcher Vertrag möglich? Kann es die Gesellschaft ihren Mitgliedern zu einer Bedingung desselben machen, gewisse Sätze - nicht eben zu  glauben denn dessen kann sie sich, als einer inneren Gesinnung, nie versichern, - sondern nur äußerlich zu bekennen, d. h. nichts  gegen  sie zu sagen, zu schreiben, zu lehren? - denn ich will den Satz so gelinde wie möglich ausdrücken.

Physisch möglich wäre in solcher Vertrag. Wenn nur jene unantastbaren Lehrsätze fest und scharf genug bestimmt wären, daß man jedem, der gegen sie etwas gesagt hätte, es unwidersprechlich beweisen könnte - und ihr seht ein, daß das etwas gefordert heißt - so könnte man ihn dafür, als für eine äußere Handlung, allerdings bestrafen.

Ist es aber auch moralisch möglich, d. h. hat die Gesellschaft ein Recht, ein solches Versprechen zu fordern, und das Mitglied, es zu geben; würden in einem solchen Vertrag nicht etwa unveräußerliche Rechte des Menschen veräußert - welches in keinem Vertrag geschehen darf, und wodurch der Vertrag rechtswidrig und nichtig wird? - Freie Untersuchung jedes möglichen Objekts des Nachdenkens, nach jeder möglichen Richtung hin, und ins Unbegrenzte hinaus, ist ohne Zweifel ein Menschenrecht. Niemand darf seine Wahl, seine Richtung, seine Grenzen bestimmen, als er selbst. Das haben wir oben bewiesen. Es ist hier nur die Frage, ob er sich nicht selbst durch Vertrag dergleichen Grenzen setzen darf? Seinen Rechten auf äußere Handlungen, die durch das Sittengesetz nicht geboten, sondern nur erlaubt waren, durfte er dergleichen Grenzen setzen. Hier treibt ihn nichts, überhaupt zu handeln, als höchstens die Neigung; diese Neigung nun kann er wohl da, wo sie das Sittengesetz nicht einschränkt, durch ein sich freiwillig aufgelegtes Gesetz einschränken. Wenn er aber an jener Grenze des Nachdenkens angekommen ist, so treibt ihn allerdings etwas zu handeln, sie zu überschreiten und über sie hinauszurücken, nämlich das Wesen seiner Vernunft, die in das Unbegrenzte hinausstrebt. Es ist die Bestimmung seiner Vernunft, keine absolute Grenze anzuerkennen; und dadurch wird sie erst Vernunft, und er dadurch erst ein vernünftiges, freies, selbständiges Wesen. Mithin ist Nachforschen ins Unbegrenzte ein  unveräußerliches  Menschenrecht.

Ein Vertrag, durch welchen er sich eine solche Grenze setzte, hieße zwar nicht unmittelbar soviel, wie: ich will ein Tier sein - aber soviel hieße er: ich will nur bis zu einem gewissen Punkt (wenn nämlich jene vom Staat privilegierten Sätze wirklich allgemeingeltend für die menschliche Vernunft wären, was wir euch, und außer dieser noch eine Menge anderer Schwierigkeiten geschenkt haben) - ich will bis zu einem gewissen Punkt ein vernünftiges Wesen, sobald ich aber bei ihm angekommen sein werde, ein unvernünftiges Tier sein.

Ist nun ein unveräußerliches Recht, über jene festgesetzten Resultate hinaus  zu untersuchen,  erwiesen, so ist zugleich die Unveräußerlichkeit des Rechts,  gemeinschaftlich  über sie hinaus zu untersuchen, erwiesen. Denn wer das Recht zum Zweck hat, der hat es auch zu den Mitteln, wenn kein anderes Recht im Weg steht; nun ist es eines der vortrefflichsten Mittel, sich weiter zu bringen, wenn man von anderen belehrt wird; folglich hat jeder ein unveräußerliches Recht, frei gegebene Belehrungen ins Unbegrenzte hinaus  anzunehmen.  Soll dieses Recht nicht aufgehoben werden, so muß auch das Recht des anderen, dergleichen Belehrungen zu  geben,  unveräußerlich sein.

Die Gesellschaft hat mithin gar kein Recht, ein solches Versprechen zu fordern oder anzunehmen; denn es widerspricht einem unveräußerlichen Menschenrecht: kein Mitglied hat ein Recht, ein solches Versprechen zu geben; denn es widerspricht der Persönlichkeit des anderen, und der Möglichkeit, daß er überhaupt moralisch handelt. Jeder, der es gibt, handelt pflichtwidrig, und, sobald er dies erkennt, wird es Pflicht, sein Versprechen zurückzunehmen.

Ihr erschreckt über die Kühnheit meiner Folgerungen, Freunde und Diener der alten Finsternis; denn Leute eurer Art sind leicht zu erschrecken. Ih hofftet, daß ich mir wenigstens noch ein bedächtliches "insofern freilich" vorbehalten, noch ein kluges Hintertürchen für euren Religionseid, für eure symbolischen Bücher, usw. offen gelassen hätte. Und hätte ich es, so wollte ich es hier euch zu Gefallen nicht öffnen; - eben darum, weil man immer so säuberlich mit euch verfuhr, euch immer zu sehr markten ließ, den Geschwüren, die euch am wehesten tun, immer so bedächtig auswich, an eurer Mohrenschwärze wusch, ohne euch die Haut nass machen zu wollen: darum habt ihr euch so laut gemacht. Ihr werdet euch von nun an allmählich daran gewöhnen müssen, die Wahrheit ohne Hülle zu erblicken. - Doch auch ich will euch nicht ohne Trost entlassen. Was fürchtet ihr denn von jenen unbekannten Ländern jenseits eures Horizonts, in die ihr nie kommen werdet? Fragt doch die Leute, die sie bereisen: ob die Gefahr, von moralischen Riesen aufgefressen, von skeptischen Seeungeheuern verschlungen zu werden, so groß ist? Seht doch diese kühnen Weltumsegler wenigstens ebenso moralisch gesund, wie ihr es seid, unter euch herumwandeln. Warum scheut ihr euch denn so vor der plötzlich hereinbrechenden Erleuchtung, die entstehen würde, wenn jeder aufklären dürfte, soviel er könnte? Der menschliche Geist geht überhaupt nur stufenweise von Klarheit zu Klarheit; ihr werdet in eurem Zeitalter schon noch mit fortschleichen; ihr werdet euer kleines auserwähltes Häuflein, und die Selbstüberzeugung von euren großen Verdiensten schon behalten. Und macht derselbe ja bisweilen durch eine Revolution in den Wissenschaften einen gewaltsamen Schritt voran - auch darüber seid unbesorgt. Wird es um euch herum auch für andere Tag; euch, und eure euch so sehr am Herzen liegenden Zöglinge werden eure blöden Augen schon in einer behaglichen Dämmerung erhalten; ja, es wird zu eurem Trost noch finsterer um euch werden. Ihr müßt das ja aus Erfahrung wissen. Ist es nicht, seit der starken Beleuchtung, die besonders seit einem Jahrzehnt auf die Wissenschaften fiel, noch viel verworrener in euren Köpfen geworden, als zuvor?



Und jetzt erlaubt mir, mich wieder an  euch  zu wenden, ihr Fürsten. Ihr weissagt uns namenloses Elend aus unbegrenzter Denkfreiheit. Es ist bloß zu unserem Besten, daß ihr sie an euch nehmt, und sie uns aufhebt, wie Kindern ein schädliches Spielzeug. Ihr laßt uns durch Zeitungsschreiber, die unter eurer Aufsicht stehen, mit Feuerfarben die Unordnungen hinmalen, welche geteilte, und durch Meinungen erhitzte Köpfe begehen; deutet dort auf ein sanftes Volk, herabgesunken zur Wut der Kannibalen, wie es nach Blut dürstet, und nicht nach Tränen, wie es sich gieriger zu Hinrichtungen hindrängt, als zu Schauspielen, wie es abgerissene Glieder seiner Mitbürger noch triefend und dampfend, unter Jubelgesängen zur Schau herumträgt, wie seine Kinder blutende Köpfe treiben, statt des Kreisels - und wir wollen euch nicht an blutigere Feste erinnern, welche Despotismus und Fanatismus im gewohnten Bund ebendiesem Volk gaben - euch nicht erinnern, daß dies nicht die Früchte der Denkfreiheit, sondern die Folgen der vorherigen langen Geistessklaverei sind, - euch nicht sagen, daß es nirgends stiller ist, als im Grab. - Wir wollen euch alles zugeben, wir wollen uns sogleich reuevoll in eure Arme werfen, und euch weinend bitten, uns an eurem väterlichen Herzen vor allem Ungemacht, das uns droht, zu verbergen, sobald ihr uns nur noch eine ehrfurchtsvolle Frage werdet beantwortet haben.

O ihr, die ihr, wie wir aus eurem Mund vernehmen, als wohltätige Schutzgeister über die Glückseligkeit der Nationen zu wachen habt; ihr, die ihr - ihr habt es uns so oft versichert - nur diese zum höchsten Zweck eurer zärtlichen Sorgen macht - warum verheeren denn unter eurer erhabenen Aufsicht noch immer die Fluten unsere Äcker, und die Orkane unsere Pflanzungen? Warum brechen noch Feuerflammen aus der Erde, und fressen uns und unsere Häuser? Warum rafft Schwert und Seuchen unter euren geliebten Kindern Tausende hin? Gebietet doch erst dem Orkan, daß er schweigt: dann gebietet auch dem Sturm unserer empörten Meinungen; laßt doch erst regnen über unsere Felder, wenn sie dürr sind und gebt uns die erquickende Sonne, wenn wir euch darum anflehen: dann gebt uns auch die beseligende Wahrheit. (6) - Ihr schweigt? ihr könnt das nicht?

Nun wohl! derjenige, der das wirklich kann, der aus den Trümmern der Verwüstung neue Welten, und aus dem Moder der Verwesung lebendige Körper baut, - der über eingestürzten Vulkanen blühende Rebenberge gedeihen, - über Gräbern Menschen wohnen, leben und sich freuen läßt - werdet ihr zürnen, wenn wir diesem auch  die  Sorge, die kleinste seiner Sorgen überlassen, jene Übel, die wir uns durch den Gebrauch seines mit seinem göttlichen Siegel bekräftigten Freibriefs zuziehen, zu vernichten, zu mildern, oder, wenn wir sie leiden  müssen,  sie zur höheren Kultur unseres Geistes durch unsere eigene Kraft anzuwenden?

Fürsten, daß ihr nicht unsere Plagegeister sein wollt, ist gut; daß ihr unsere Götter sein wollt, ist nicht gut. Warum wollt ihr euch doch nicht entschließen, zu uns herabzusteigen, die Ersten unter Gleichen zu sein? Die Weltregierung gelingt euch nicht; ihr wißt es! Ich mag euch hier nicht - mein Herz ist zu gerührt - die Fehlschlüsse vorrücken, die ihr bisher alle Tage gemacht habt, euch nicht die weitaussehenden Pläne vorrücken, die ihr mit jedem Vierteljahr verändert habt, euch nicht auf die Leichenhaufen der Eurigen hindeuten, die ihr im Triumph zurückzubringen sicher gerechnet habt. - Einst werdet ihr mit uns einen Teil des großen sicheren Planes überschauen, und werdet mit uns staunen, daß ihr durch eure Unternehmungen blindlings Zwecke befördern mußtet, an die ihr nie gedacht habt.

Ihr seid gröblich irregeleitet; Glückseligkeit erwarten wir nicht aus eurer Hand, wir wissen es ja, daß ihr  Menschen  seid - wir erwarten Beschützung und Rückgabe unserer Rechte, die ihr uns doch wohl nur aus Irrtum nahmt.

Ich könnte euch beweisen, daß Denkfreiheit, ungehinderte, uneingeschränkte Denkfreiheit allein das Wohl der Staaten gründet und befestigt; ich könnte es euch durch unwiderlegbare Gründe einleuchtend dartun; ich könnte es euch aus der Geschichte zeigen; ich könnte euch noch gegenwärtig auf kleine und große Länder hindeuten, die durch sie fortblühen, durch sie unter euren Augen blühend wurden: aber ich mag das nicht tun. Ich mag euch die Wahrheit in ihrer natürlichen Götterschöne nicht durch die Schätze anpreisen, die sie euch zur Morgengabe bringt. Ich denke besser vor euch, als alle die, welche dies taten. Ich treue es euch zu; ihr hört gern die Stimme der ernsten, aber biederen Wahrheit:
    Fürst, Du hast kein Recht unsere Denkfreiheit zu unterdrücken: und wozu Du kein Recht hast, das mußt D nie tun, und wenn um Dich herum die Welten untergehen, und Du mit deinem Volk unter ihren Trümmern begraben werden solltest. Für die Trümmer der Welten, für Dich, und für uns unter den Trümmern wird der sorgen, der uns die Rechte gab, die Du respektiertest.
Was wäre denn auch die Erdenglückseligkeit, die ihr uns hoffen laßt, wenn ihr sie uns auch wirklich geben könntet? - Fühlt in eure Busen, ihr, die ihr doch alles genießen könnt, was die Erde an Freuden hat. Erinnert euch der genossenen Freuden. Waren sie eurer Sorgen vor dem Genuß, waren sie des Ekels und des Überdrusses wert, der dem Genuß folgte? Und noch einmal wolltet ihr euch, um unsretwillen, in diese Sorgen stürzen? O, glaubt es doch, - alle die Güter, die ihr uns geben könnt, eure Schätze, eure Ordensbänder, eure glänzenden Zirkel oder der Flor des Handels, die Zirkulation des Geldes, der Überfluß an Lebensmitteln - ihr Genuß, als Genuß, ist des Schweisses der Edlen, ist eurer Sorgen, ist unseres Dankes nicht wert. Nur als Instrumente unserer Tätigkeit, als ein näheres Ziel, nach dem wir laufen, haben sie in den Augen des Vernünftigen einigen Wert. Unsere einzige Glückseligkeit für diese Erde - wenn es doch ja Glückseligkeit sein soll - ist freie ungehinderte Selbsttätigkeit, Wirken aus eigener Kraft nach eigenen Zwecken mit Arbeit und Mühe und Anstrengung. - Ihr pflegt uns ja auch auf eine andere Welt zu verweisen, deren Preise ihr aber meist auf die leidenden Tugenden des Menschen, auf passives Dulden und Tragen aussetzt. - Ja, wir blicken in diese andere WElt, die nicht so scharf von der gegenwärtigen abgeschnitten ist, als ihr glaubt, deren Bürgerrecht wir schon hier tief in unserer Brust tragen, und es uns von euch nicht wollen nehmen lassen. Dort werden uns die Früchte unseres  Tuns nicht unseres  Leidens,  schon jetzt aufbewahrt, sie sind schon, an einer milderen Sonne, als dieses Klima hat, gereift; erlaubt, daß wir uns hier auf ihren Genuß durch strenge Arbeit stärken.

Über unsere Denkfreiheit habt ihr demnach gar keine  Rechte,  ihr Fürsten; keine Entscheidung über das, was wahr oder falsch ist; kein Recht, unserem Forschen seine Gegenstände zu bestimmen, oder seine Grenzen zu setzen; kein Recht, uns zu hindern, die Resultate desselben, sie seien nun wahr oder falsch, mitzuteilen,  wem  oder  wie  wir wollen. Ihr habt in Rücksicht ihrer auch keine  Verbindlichkeiten;  eure Verbindlichkeiten gehen bloß auf irdische Zwecke, nicht auf den überirdischen der Aufklärung. In Rücksicht dieser dürft ihr euch ganz leidend verhalten;  sie  gehört nicht unter eure Sorgen. - Ihr möchtet aber vielleicht gern noch mehr tun, als ihr zu tun schuldig seid. Wohlan! laßt uns sehen, was ihr tun könnt.

Es ist wahr, ihr seid erhabene Personen, ihr Fürsten; ihr seid wirklich Stellvertreter der Gottheit - nicht wegen einer angeborenen Erhabenheit eurer Natur - nicht als  beglückende  Schutzgeister der Menschheit - sondern wegen des erhabenen Auftrags, die Rechte derselben zu schützen, die ihr Gott gab - wegen der Menge schwerer und unerläßlicher Pflichten, die ein solcher Auftrag auf eure Schultern legt. Es ist ein hehrer Gedanke: Millionen von Menschen haben mir gesagt - siehe, wir sind vom Götterstamm, und das Siegel unseres Ursprungs ist an unserer Stirn -  wir  wissen die Würde, die uns dies gibt, die Rechte, die wir zu unserer Ausstattung aus dem väterlichen Haus mit auf diese Erde brachten, nicht zu behaupten, -  wir Millionen nicht:  - wir legen sie in  Deine  Hände; sie seien Dir heilig um ihres Ursprungs willen, behaupte sie in unserem Namen - sei unser Pflegevater, bis wir in das Haus unseres wahren Vaters zurückkehren.

Ihr erteilt Ämter und Würden im Staate; ihr vergebt Schätze und Ehrenbezeugungen; ihr unterstützt den Dürftigen, und gebt dem Armen Brot - aber es ist ein grobe Lüge, wenn man euch sagt, das seien Wohltaten. Ihr könnt nicht wohltätig sein. Das Amt, das ihr gebt, ist kein Geschenk; es ist ein Teil eurer Last, den ihr auf die Schultern eures Mitbürgers ladet, wenn ihr es dem Würdigsten gebt; es ist ein Raub an der Gesellschaft, und am Würdigsten, wenn es der weniger Würdige erhält. Die Ehrenbezeugungen, die ihr erteilt, erteilt nicht ihr; jedem erkannte sie schon vorher seine Tugend zu, und ihr seid nur die erhabenen Dolmetscher derselben an die Gesellschaft. Das Geld, das ihr austeilt, war nie eures; es war ein anvertrautes Gut, das die Gesellschaft in eure Hände niederlegte, um allen ihren Bedürfnissen, d. h. den Bedürfnissen jedes einzelnen, dadurch abzuhelfen. Die Gesellschaft verteilt es durch eure Hände. Der Hungernde, dem ihr Brot gebt, hätte Brot, wenn die gesellschaftliche Verbindung ihn nicht genötigt hätte, es hinzugeben; die Gesellschaft gibt durch euch ihm zurück, was sein war. Wenn ihr mit unverblendbarer Weisheit, mit unbestechlicher Gewissenhaftigkeit das alles tatet, nie gefehlt und nie geirrt habt - so tatet ihr, was eure Schuldigkeit war.

Ich möchtet noch mehr tun. Wohlan! Eure Mitbürger sind es nicht bloß im Staate, sie sind es auch in der Geisterwelt, in der ihr keinen erhabeneren Rang bekleidet, als sie. Als solche habt ihr keine Forderungen an sie zu tun, noch sie an euch. Ihr könnt die Wahrheit für euch suchen, sie für euch behalten, sie nach eurer ganzen Empfänglichkeit dafür genießen; sie haben kein Recht euch dreinzureden. Ihr könnt der Untersuchung derselben außer euch ihren eigenen Ganz lassen, ohne euch im geringsten um sie zu kümmern. Ihr braucht die Macht, den Einfluß, das Ansehen, das die Gesellschaft in eure Hände legte, gar nicht zur Beförderung der Aufklärung anzuwenden - denn dazu hat sie euch dieselbe nicht gegeben. - Was ihr hier tut, ist ganz guter Wille, ist euch übrig; auf diesem Weg könnt ihr euch um die Menschheit, gegen die ihr übrigens nur unerläßliche Pflichten habt, wirklich verdient machen.

Ehrt und respektiert persönlich die Wahrheit und laßt euch das anmerken. - Wir wissen es zwar, daß ihr uns in der Welt der Geister gleich seid, und daß die Wahrheit, durch die Achtung des mächtigsten Beherrschers, ebensowenig heiliger wird, als durch die Huldigung, die ihr der Geringste im Volk leistet; daß auch ihr durch eure Unterwerfung nicht sie, sondern euch selbst ehrt; aber doch sind wir bisweilen - und viele unter uns sind immer sinnlich genug zu glauben, daß eine Wahrheit durch den Glanz desjenigen, der ihr huldigt, einen neuen Glanz bekommt. Macht diesen Wahn nützlich, bis er verschwinden wird - laßt eure Völker immer glauben, daß noch etwas erhabeneres sei, als ihr, und daß es noch höhere Gesetze gibt, als die eurigen. Beugt euch öffentlich mit ihnen unter diese  Gesetze,  und sie werden für sie und für euch eine größere Ehrfurcht fassen.

Hört willig auf die Stimme der Wahrheit, der Gegenstand derselben sei, welcher auch immer, und laßt sie immer eurem Thron, ohne Furcht, daß sie ihn überglänzen wird, sich nahen. Wollt ihr euch lichtscheu vor ihr verbergen? Was habt ihr sie zu fürchten, wenn ihr reinen Herzens seid? Seid folgsam, wenn sie eure Entschließungen mißbilligt; nehmt eure Irrtümer zurück, wenn sie euch derselben überführt. Ihr habt nichts dabei zu wagen. Daß ihr sterbliche Menschen, d. h. daß ihr nicht unfehlbar seid, wußten wir immer, und werden es nicht erst durch euer Bekenntnis erfahren. Eine solche Unterwerfung entehrt euch nicht; je mächtiger ihr seid, desto mehr ehrt sie euch. Ihr könntet eure Maßregeln fortsetzen, wer könnte euch daran hindern? Ihr könntet wissentlich und wohlüberzeugt fortfahren, ungerecht zu sein, wer würde es wagen, euch ins Angesicht Vorwürfe darüber zu machen? euch das, was ihr wirklich wärt, zu schelten? Aber ihr entschließt euch freiwillig - euch selbst zu ehren und recht zu tun - und durch diese Unterwerfung unter das Gesetz des Rechten, die euch dem geringsten eurer Sklaven gleichsetzt, versetzt ihr euch zugleich in den Rang des höchsten endlichen Geistes.

Die Erhabenheit eures irdischen Ranges und alle eure äußeren Vorzüge verdankt ihr der Geburt. Wärt ihr in der Hütte des Hirten geboren, so führte eben die Hand, die jetzt das Zepter führt, den Hirtenstab. Jeder Vernünftige wird um dieses Zepters willen in euch die Gesellschaft ehren, die ihr repräsentiert - aber wahrlich nicht euch. Wißt ihr, wem unsere tiefen Verbeugungen, unser ehrfurchtsvoller Anstand, unser unterwürfiger Ton gilt? Dem Repräsentanten der Gesellschaft, nicht euch. Bekleidet einen Mann von Stroh mit eurer königlichen Kleidung, gibt ihm euer Zepter in die ausgestopfte Hand, setzt ihn auf euren Thron, und laßt uns vor ihn. Meint ihr, daß wir hier das unsichtbare Wehen, das nur von eurer Götterperson ausströmen soll, vermissen werden; daß unsere Rücken weniger geschmeidig, unser Anstand weniger ehrfurchtsvoll, unsere Worte weniger schüchtern sein werden? Ist euch denn noch nie eingefallen, zu untersuchen, wieviel von dieser Ehrfurcht ihr euch selbst zu verdanken habt? wie man euch behandeln würde, wenn ihr nichts wärt, als einer von uns?

Von euren Höflingen werdet ihr es nicht erfahren. Sie werden euch heilig beteuern, daß sie nur euch und eure Person, nicht den Fürsten in euch, verehren und lieben, wenn sie merken, daß ihr das gerne hört. Selbst vom Weisen würdet ihr es nie erfahren, wen auch je einer in der Luft, die eure Höflinge atmen, sollte ausdauern können. Er würde auf eure Frage dem Repräsentanten der Gesellschaft, nicht euch antworten. In der Behandlung unserer Mitbürger zuweilen unseren persönlichen Wert, wie in einem Spiegel, zu erblicken - dieser Vorteil ist nur für Privatpersonen; den wahren Wert der Könige schätzt man nicht eher laut, bis sie gestorben sind.

Wollt ihr dennoch eine Antwort auf diese Frage, die der Beantwortung wohl wert ist, so müßt ihr selbst sie euch geben. Ungefähr in eben dem Grad, in welchem ihr euch selbst achten könnt, wenn ihr euch nicht durch das täuschende Glas eures Eigendünkels, sondern im reinen Spiegel eures Gewissens betrachtet, in dem Grad achten euch eure Mitbürger. Wollt ihr also wissen, ob, wenn Krone und Zepter von euch genommen werden sollte, derjenige, der jetzt Ehrenlieder auf euch singt, Spottlieder auf euch dichten würde; ob diejenigen, die euch jetzt ehrfurchtsvoll ausweichen, sich zu euch drängen würden, um Mutwillen mit euch zu treiben; ob man euch den ersten Tag verlachen, den zweiten kalt verachten und den dritten eure Existenz vergessen würde, oder ob man auch dann noch den Mann, der, um groß zu sein, nicht König zu sein braucht, in euch verehren würde - so fragt euch selbst darum. Wollt ihr nicht das erstere, sondern das letztere; wollt ihr, daß wir euch um eurer selbst willen verehren, so müßt ihr ehrwürdig werden. Nichts aber macht den Menschen ehrwürdig, als die freie Unterwerfung unter Wahrheit und Recht.

Stören dürft ihr die freie Untersuchung nicht; befördern dürft ihr sie, - und fast könnt ihr sie nicht anders befördern, als durch das Interesse, das ihr selbst dafür bezeigt, durch die Folgsamkeit, mit der ihr auf ihre Resultate hört. Die Ehrenbezeigungen, die ihr wahrheitsliebenden Forschern geben könntet - sie bedürfen sie selten für andere, und sie bedürfen sie nie für sich; ihre Ehre hängt nicht an euren Unterschriften und Siegeln, sie wohnt in den Herzen ihrer Zeitgenossen, die durch sie erleuchteter wurden, im Buch der Nachwelt, die an ihrer Lampe ihre Fackeln anzünden wird, in der Geisterwelt, in der die Titel, die ihr gebt, nicht gelten; die Belohnungen - doch was sage ich Belohnungen? - die Entschädigungen für ihren Zeitverlust im Dienst anderer, sind dürftige Entledigungen der Verbindlichkeit der Gesellschaft gegen sie. Ihre eigentlichen Belohnungen sind erhabener. Sie sind freiere Tätigkeit und größere Ausbreitung ihres Geistes. sie verschaffen sie sich selbst, ohne euer Zutun. Abr auch jene Entschädigungen - gebt sie ihnen so, daß sie sie nicht schänden, und euch ehren; als Freie den Freien, so daß sie sie auch ausschlagen dürften. Gebt sie nie, um sie zu erkaufen - ihr kauft dann keine Diener der Wahrheit; die sind nie feil.

Leitet die Untersuchungen des Forschungsgeistes auf die gegenwärtigsten, dringendsten Bedürfnisse der Menschheit; aber leitet sie mit leichter weiser Hand, nie als Beherrscher, sondern als freie Mitarbeiter, nie als Gebieter über den Geist, sondern als frohe Mitgenossen seiner Früchte. Zwang ist der Wahrheit zuwider; nur in der Freiheit ihres Geburtslandes, der Geisterwelt, kann sie gedeihen.

Und besonders - lernt doch endlich eure wahren Feinde kennen, die einzige Majestätsverbrecher, die einzigen Schänder eurer geheiligten Rechte und eurer Personen. Es sind diejenigen, die euch anraten, eure Völker in der Blindheit und Unwissenheit zu lassen, neue Irrtümer unter sie auszustreuen, und die alten aufrecht zu erhalten, die freie Untersuchung aller Art zu hindern und zu verbieten. Sie halten eure Reiche für Reiche der Finsternis, die im Licht schlechterdings nicht bestehen können. Sie glauben, daß eure Ansprüche sich nur unter der Hülle der Nacht ausüben lassen, und daß ihr nur unter Geblendeten und Betörten herrschen könnt. Wer einem Fürsten anrät, den Fortgang der Aufklärung unter seinem Volk zu hemmen, sagt ihm ins Angesicht: deine Forderungen sind von der Art, daß sie den gesunden Menschenverstand empören, du mußt ihn unterdrücken; deine Grundsätze und deine Handlungsarten leiden kein Licht; laß deinen Untertan nicht erleuchteter werden, sonst wird er dich verwünschen; deine Verstandeskräfte sind schwach; laß das Volk ja nicht klüger werden, sonst übersieht es dich; Finsternis und Nacht ist dein Element, das mußt du um die her zu verbreiten suchen; vor dem Tag müßtest du entfliehen.

Nur diejenigen haben wahres Zutrauen und wahre Achtung gegen euch, die euch anraten, Erleuchtung um euch her zu verbreiten. Sie halten eure Ansprüche für so gegründet, daß keine Beleuchtung ihnen schaden kann, eure Absichten für so gut, daß sie in jedem Licht nur noch mehr gewinnen müssen, euer Herz für so edel, daß ihr selbst den Anblick eurer Fehltritte in diesem Licht ertragen, und wünschen würdet, sie zu erblicken, amit ihr sie verbessern könntet. Sie verlangen von euch, daß ihr, wie die Gottheit, im Licht wohnen sollt, um alle Menschen zu eurer Verehrung und Liebe einzuladen. Nur sie hört, und sie werden ungelobt und unbezahlt euch ihren Rat erteilen.
LITERATUR - Johann Gottlieb Fichte, Zurückforderung der Denkfreiheit von den Fürsten Europas, die sie bisher unterdrückten, Heliopolis, im letzten Jahr der alten Finsternis (1793)
    Anmerkungen
    1) Worte, die der Führer LUDWIGs des XV. diesem königlichen Knaben bei einer großen Volksversammlung sagte.
    2) So sagte der Henker der Inquisition zu  Don Carlos  bei der gleichen Beschäftigung. Wie sonderbar doch Leute von verschiedenen Handwerken auf einander treffen!
    3) Diese kurze Deduktion der Rechte, der unveräußerlichen und veräußerlichen Rechte, des Vertrags, der Gesellschaft, der Rechte der Fürsten, bitte ich nicht zu überschlagen, sondern sie aufmerksam zu lesen, und in einem feinen und guten Herzen zu verwahren, weil sonst das Folgende unverständlich und ohne Beweiskraft ist. - Auch zum anderweitigen Gebrauch ist es nicht übel, einmal bestimmte Begriffe darüber zu bekommen, z. B. um in Gesellschaft Klügerer nicht zu räsonnieren.
    4) So brauchte man eine Lehre, die recht eigentlich dazu gemacht zu sein scheint, uns zu erlösen vom Fluch des Gesetzes, und uns zu bringen unter das Gesetz der Freiheit, erst zur Stütze der scholastischen Theologie - ganz neuerlich zur Stütze des Despotismus. - Es ist denkenden Männern unanständig, am Fuß der Throne zu kriechen, um die Erlaubnis zu erbetteln, Fußschemel der Könige zu sein.
    5) Kindern, den vorher wohl gekauten Brei in den Mund drücken, nennt man in den Provinzen, wo es noch geschieht,  stopfen. - Man stopft auch Gänse mit Nudeln.
    6) Euer Freund, der Rezensent von Nr. 261 im Oktoberstück der "Allgemeinen Leipziger Zeitung" will zwar nicht, daß man Revolutionen mit Naturerscheinungen vergleicht. Mit seiner Erlaubnis, als  Erscheinungen,  d. h. nicht ihren moralischen Gründen, sondern ihren Folgen in der Sinnenwelt nach, stehen sie allerdings bloß unter Naturgesetzen.  Ihr  werdet ihm das Buch, und die Stelle desselben, wo er sich davon überzeugen kann, nicht nachweisen können; und  ich  darf es hier nicht tun. - Überhaupt könntet ihr diesem eurem Freund unter der Hand zu verstehen geben, er dürfe sich kühn gründlicher in das Studium der Philosophie einlassen. Er würde dann, bei seinen ausgebreiteten Kenntnissen und seiner männlichen Sprache, eure Sache, und die Sache der Menschheit zugleich, weit geschickter führen, als er es bisher getan hat. - Ihr hattet nie eine bessere Freundin, als die Philosophie, wenn Freund und Schmeichler euch nicht Eins ist. Laßt daher ab von jener falschen Freundin, die seit ihrer Geburt dem ersten dem besten zu Diensten stand, die sich von jedermann gebrauchen ließ, und durch welche man - es ist noch nicht so lange her - in den Händen eines Klugen  euch  ebenso unterjochte, wie  ihr  jetzt durch sie  eure Völker  unterjocht.