cr-2 AenesidemusReinholdDie WL von 1812    
 
JOHANN GOTTLIEB FICHTE
(1762 - 1814)
Rezension des Aenesidemus
oder über die Fundamente der vom Herrn Prof. Reinhold in Jena gelieferten Elementarphilosophie.
Nebst einer Verteidigung des Skeptizismus gegen die Anmaßungen der Vernunftkritik.

"Das absolute Subjekt, das Ich, wird nicht durch empirische Anschauung gegeben, sondern durch intellektuelle gesetzt; und das absolute Objekt, das Nicht-Ich, ist das ihm entgegengesetzte. Im empirischen Bewußtsein kommen beide nicht anders als so vor, daß eine Vorstellung auf sie bezogen wird; in diesem sind sie nur mittelbar, als Vorstellendes und Vorgestelltes: des  absoluten  Subjekts, des vorstellenden, das nicht vorgestellt würde, und des  absoluten  Objekts, eines Dinges ansich, unabhängig von aller Vorstellung, wird man sich nie als eines empirisch Gegebenen bewußt."

"Insofern das Gemüt der letzte Grund gewisser Denkformen überhaupt ist, ist es Noumenon; insofern diese als unbedingt notwendige Gesetze betrachtet werden, ist es eine transzendentale Idee; die sich aber von allen andern dadurch unterscheidet, daß wir sie durch eine intellektuelle Anschauung, durch das  Ich bin,  und zwar:  ich bin  schlechthin, weil ich bin, realisieren. Alle Ansprüche Aenisedemus gegen dieses Verfahren gründen sich bloß darauf, daß er die absolute Existenz und Autonomie des Ich - wir wissen nicht wie und für wen -  ansich  gültig machen will; da sie doch nur  für das Ich selbst  gelten soll. Das Ich ist,  was  es ist, und  weil  es ist,  für  das Ich. Über diesen Satz hinaus kann unsere Erkenntnis nicht gehen."


Wenn es unleugbar ist, daß die philosophierende Vernunft jeden menschlichen Fortschritt, den sie von jeher gemacht hat, den Bemerkungen des Skeptizismus über die Unsicherheit ihres jedesmaligen Ruhepunktes verdankt, wenn dies besonders von dem letzteren merkwürdigen Fortschreiten derselben durch ihren kritischen Gebrauch vom großen Entdecker dieses Gebrauch selbst zugestanden ist; wenn aber dennoch durch die fortdauernde Erscheinung, daß die Freunde der neueren Philosophie selbst unter sich geteilter werden, je weiter sie in ihren Untersuchungen fortschreiten, auch dem unkundigen Zuschauer wahrscheinlich werden sollte, daß selbst bis jetzt die Vernunft ihren großen Zweck, Philosophie als Wissenschaft zu realisieren, noch nicht erreicht hat, so nahe sie im auch gekommen ist: so war nichts wünschenswürdiger, als daß der Skeptizismus sein Werk krönen, und die forschende Vernunft bis an ihr erhabenes Ziel vortreiben möchte; daß derselbe, nachdem man lange gemeint hat, daß seine noch übrigen richtigen Ansprüche an die Philosophie bisher nur nicht recht deutlich zur Sprache gekommen, endlich einen Sprecher erhalten möchte, der jenen Ansprüchen nichts vergibt und dabei die Gabe hat, sie deutlich darzustellen. Inwiefern der Verfasser der gegenwärtigen Schrif dieser gewünschte Sprecher ist, wird sich aus einer Beurteilung derselben ergeben.

Der Skeptizismus mußte allerdings in der Person dieses seines Repräsentanten seine Waffen insbesondere gegen die REINHOLDsche Elementarphilosophie, und zwar gegen die neue Darstellung derselben in den  Beiträgen,  richten, weil dieser Schriftsteller nach dem Geständnis der meisten Liebhaber der kritischen Philosophie die Begründung der Philosophie als Wissenschaft entweder schon vollendet, oder doch am vorzüglichsten vorbereitet hat. Für diejenigen aber, welche beides leugnen, mußte er sie dann wieder gegen die beglaubigste Urkunde der neueren Philosophie, die "Kritik der reinen Vernunft" selbst, wenden, wenn es mit dem Angriff wirklich auf eine entscheidende Schlacht abgesehen wurde. - Das Buch ist in Briefen. HERMIAS, ein enthusiastischer Verehrer der kritischen Philosophie, meldet dem AENESIDEMUS seine, besonders durch die REINHOLDsche Elementarphilosophie begründete, völlige Überzeugung von der Wahrheit und Allgemeingültigkeit dieser Philosophe. AENESIDEMUS, welcher anderer Meinung ist, sendet ihm eine Prüfung derselben.

AENESIDEMUS legt, um REINHOLDs gegründeter Forderung Genüge zu tun, seiner Zenser der Elementar-Philosophie folgende Sätze als bereits ausgemacht und gültig zugrunde:
    1) [Tatsache] Es gibt Vorstellungen in uns, in welchen teils unterscheidende, teils übereinstimmende, Merkmale angetroffen werden.

    2) [Regel der Beurteilung] Der Probierstein alles Wahren ist die allgemeine Logik, und jedes Raisonnement über Tatsachen kann nur insofern auf Richtigkeit Anspruch erheben, als es mit den Gesetzen derselben übereinkommt. Jedem Teil dieser Prüfung sind die in ihm untersuchten Paragraphen der Elementarphilosophie, sowie sie REINHOLD in den Beiträgen I, besonders Kap. III, Seite 165 - 254 von neuem dargestellt hat, wörtlich vorgedruckt. -
Prüfung der Reinhold'schen Grundsätze über die Bestimmung und die wesentlichen Eigenschaften einer Elementarphilosophie.  - AENESIDEMUS gesteht für's erste zu, daß es der Philosophie bisher an einem obersten, allgemeingeltenden Grundsatz gemangelt hat, und daß sie sich nur nach Aufstellung eines solchen zum Rang einer Wissenschaft wird erheben können; ferner scheint es auch ihm unleugbar, daß dieser Grundsatz kein anderer sein kann, als derjenige, welcher den höchsten aller Begriffe, den der Vorstellung und des Vorstellbaren, festsetzt und bestimmt. So innig auch hier der Skeptiker und der Elementarphilosoph übereinstimmen; so zweifelhaft bleibt es dem Rezensenten, ob die Philosophie selbst bei ihrer Einmütigkeit über den zweiten Punkt gewinnen mag, wenn sich etwa in der Zukunft zeigen sollte, daß dasjenige, was sich gegen den Satz des Bewußtseins, als ersten Satz der gesamten Philosophie, mit Grund erinnern läßt, auf die Vermutung führt, daß es für die gesamte, nicht etwa bloß für die theoretische Philosophie noch einen  höheren  Begriff geben muß, als den der Vorstellung. - Gegen REINHOLDs § 1. (im Bewußtsein wird die Vorstellung durch das Subjekt vom Subjekt und Objekt unterschieden, und auf beide bezogen) erinnert AENESIDEMUS
    1) "Dieser Satz ist kein absolut  erster  Satz; denn er steht als Satz und Urteil unter der höchsten Regel allen Urteilens, dem Satz vom Widerspruch."
Versteht der Rezensent dasjenige recht, was REINHOLD, (Fundament. Seite 85) auf diesen ihm schon ehemals gemachten Einwurf geantwortet hat, und was AENESIDEMUS nicht befriedigend findet: "Daß der Satz des Bewußtseins freilich  unter  dem Prinzip des Widerspruchs steht, aber nicht als unter einem Grundsatz, durch den er  bestimmt  wird, sondern als unter einem  Gesetz,  dem er nicht  widersprechen  darf; " so spricht REINHOLD dem Satz des Widerspruchs alle  reale  Gültigkeit ab, wie es auch KANT, aber nur für die bloß theoretische Philosophie, getan hat, und läßt ihm nur eine  formale  und logische übrig; und insofern ist seine Antwort ganz richtig, und kommt auf diejenige zurück, die er unberufenen Beurteilern seiner Elementarphilosophie schon öfter gegeben hat: man kann  über  die Gesetze des Denkens doch nicht anders denken, als  nach  diesen Gesetzen. Die Reflexion über den Satz des Bewußtsein steht ihrer Form nach unter dem logischen Satz des Widerspruchs, so wie jede mögliche Reflexion; aber die  Materie  dieses Satzes wird durch ihn nicht bestimmt. Soll nun AENESIDEMUS' Erinnerung einen richtigen Sinn haben: so muß derselben, ungeachtet, daß er sich darüber nirgends deutlich erklärt, dem Satz des Widerspruchs außer sener  formalen  auch noch eine reale Gültigkeit beimessen, d. h. er muß irgendeine Tatsache im Gemüt annehmen oder vermuten, welche diesen Satz ursprünglich begründet. Was das heißen soll, wird sogleich klar werden; denn AENESIDEMUS erinnert:
    2) "Der Satz des Bewußtseins ist kein  durchgängig durch sich selbst bestimmter  Satz. Da nach REINHOLDs eigener Erklärung die Begriffe des Subjekts und Objekts erst durch ihr Unterscheiden in der Vorstellung, und durch das Beziehen der Vorstellung auf sie, bestimmt werden; so muß wenigstens dieses  Unterscheiden  und  Beziehen  selbst vollständig und also bestimmt sein, daß es nicht mehr als eine Deutung zuläßt. Und das ist nicht der Fall,"
wie AENESIDEMUS durch die Aufzählung mehrerer möglicher Bedeutungen, und durch Anführung der mannigfaltigen und selbst zweideutigen Ausdrücke, durch welche REINHOLD hinterher diese Begriffe zu erklären sucht, wenigstens für den Rezensenten befriedigend dargetan hat. Wie nun, wenn eben die Unbestimmtheit und Unbestimmbarkeit dieser Begriffe auf einen aufzuforschenden höheren Grundsatz, auf eine reale Gültigkeit des Satzes der Identität und der Gegensetzung hindeutete; und wenn der Begriff des Unterscheidens und des Beziehens sich nur durch die der Identität und des Gegenteils besimmen läßt? - Endlich ist
    3) "der Satz des Bewußtseins weder ein allgemein geltender Satz, noch drückt er ein Faktum aus, das an keine bestimmte Erfahrung und an kein gewisses Räsonnement gebunden ist."
AENESIDEMUS legt verschiedene, in der Erfahrung gegebene Äußerungen des Bewußtseins vor, in denen, seiner Meinung nach, jene zu jedem Bewußtsein erforderlichen drei Stücke nicht vorkommen sollen. Inwiefern ein solcher, auf Erfahrung sich berufender, Einwurf überhaupt aufzunehmen, oder angebrachtermaßen abzuweisen ist, - darüber weiter unten ein paar Worte! - Nach vollendeter Prüfung, was dieser Satz nicht sein kann, wird die Frage aufgeworfen: was er denn wohl wirklich sein mag? AENESIDEMUS beantwortet sie so: "Es ist
    1) ein synthetischer Satz, in welchem dem Subjekt, Bewußtsein, ein Prädikat beigelegt wird, welches nicht schon in seinem Begriff liegt, sondern erst in der Erfahrung zu ihm hinzukommt."
REINHOLD behauptet bekanntermaßen, dieser Satz ist ein bloß analytischer. Wir wollen hier davon abstrahieren, daß AENESIDEMUS die Allgemeingültigkeit dieses Satzes leugnet und mithin auch eine Art des Bewußtsein annimmt, von welchem es nicht gilt; - aber es läßt sich noch ein tieferer Grund dieser Behauptung in der Verschiedenheit der zwei Gesichtspunkte aufzeigen, aus welchen dieser Satz angesehen werden kann. Nämlich, wenn kein Bewußtsein ohne jene drei Stücke denkbar ist: so liegen sie allerdings im Begriff des Bewußtsein; und der Satz, der sie aufstellt, ist als Reflexionssatz, seiner logischen Gültigkeit nach, allerdings ein analytischer Satz. Aber die Handlung des Vorstellens selbst, der Akt des Bewußtseins, ist doch offenbar eine Synthesis, da dabei unterschieden und bezogen wird; und zwar die höchste Synthesis und der Grund aller möglichen übrigen. Und hierbei entsteht dann die sehr natürliche Frage: wie ist es doch möglich, alle Handlungen des Gemüts auf ein Zusammensetzen zurückzuführen? Wie ist Synthesis denkbar, ohne vorausgesetzte Thesis und Antithesis? - Der Satz des Bewußtseins ist
    2) "ein abstrakter Satz, welcher aussagt, was, nach AENESIDEMUS  einige,  nach REINHOLD  alle,  Äußerungen des Bewußtseins gemein haben."
REINHOLD leugnet, wie bekannt ist, daß sich dieser Satz auf irgendeine Abstraktion gründet. Wenn dies gegen diejenigen gesagt wird, welche meinten, es werde in demselben von den Bedingungen der Anschauung des Begriffs und der Idee abstrahiert; so ist sehr einleuchtend, darzutun, - weit entfernt, daß sich der Begriff der bloßen Vorstellung auf die letztere gründen sollte - daß vielmehr die Begriffe der letzteren nur durch die Unterscheidung und Beziehung mehrerer bloßer Vorstellungen,  als solcher,  möglich werden. Man kann den Begriff der Vorstellung überhaupt vollständig bestimmen, ohne den der Anschauung, des Begriffs, der Idee bestimmt zu haben; aber man kann die letzteren gar nicht vollständig bestimmen, ohne den ersten bestimmt zu haben. Soll aber dadurch gesagt werden, daß sich dieser Satz nicht nur nicht auf  diese bestimmte,  sondern  überhaupt auf keine  Abstraktion gründet; so läßt sich, insofern er als erster Grundsatz an der Spitze aller Philosophie steht, das Gegenteil erweisen. Ist nämlich alles, was im Gemüt zu entdecken ist, ein Vorstellen, alle Vorstellung aber unleugbar eine  empirische  Bestimmung des Gemüts: so wird das Vorstellen selbst, mit allen seinen Bedingungen, nur durch die Vorstellung desselben, mithn  empirisch,  dem Bewußtsein gegeben; und alle Reflexion über das Bewußtsein hat empirische Vorstellungen zum Objekt. Nun ist das Objekt jeder empirischen Vorstellung bestimmt gegeben (im Raum, in der Zeit usw.). Von diesen empirischen Bestimmungen des gegebenen Objekts aber wird in der Vorstellung des Vorstellens überhaupt, welche der Satz des Bewußtseins ausdrückt, notwendig abstrahiert. Der Satz des Bewußtseins, an die Spitze der gesamten Philosophie gestellt, gründet sich demnach auf eine empirische Selbstbeobachtung, und sagt allerdings eine Abstraktion aus. Freilich fühlt jeder, der diesen Satz wohl versteht, einen inneren Widerstand, demselben bloß empirische Gültigkeit beizumessen. Das Gegenteil desselben läßt sich auch nicht einmal denken. Aber eben das deutet darauf hin, daß er sich noch auf etwas anderes gründen muß, als auf eine bloße Tatsache. Der Rezensent glaubt sich überzeugt zu haben, daß er ein Lehrsatz ist, der sich auf einen anderen Grundsatz gründet, aus diesem aber  a priori,  und unabhängig von aller Erfahrung, sich streng erweisen läßt. Die erste unrichtige Voraussetzung, welche seine Aufstellung zum Grundsatz aller Philosophie veranlaßte, war wohl die, daß man von einer Tatsache ausgehen muß. Allerdings müssen wir einen realen, und nicht bloß formalen, Grundsatz haben; aber ein solcher muß nicht eben eine Tat sache,  er kann auch eine Tat handlung  ausdrücken; wenn es erlaubt ist, eine Behauptung zu wagen, die an diesem Ort weder erklärt, noch erwiesen werden kann. - Insofern nun AENESIDEMUS diesen Lehrsatz aufgestelltermaßen für einen Erfahrungssatz halten muß, insofern muß man sich mit ihm auf Erfahrungen, die demselben widersprechen sollen, allerdings einlassen; wenn derselbe aber aus unleugbaren Grundsätzen bewiesen und das Widersprechende eines Gegensatzes dargetan ist; so sind alle vermeintlichen Erfahrungen, die mit demselben nicht übereinkommen sollen, als undenkbar abzuweisen. -

Prüfung der §§ 2 - 5, welche die ursprünglichen Begriffe der Vorstellung, des Objekts, des Subjekts, und der bloßen Vorstellung bestimmen.  - Außer Wiederholungen desjenigen, was eben erörtert worden ist, erinnert AENESIDEMUS gegen die Erklärung der Vorstellung, daß sie enger ist, als das zu erklärende. "Denn wenn, nach REINHOLDs Definition, nur dasjenige eine Vorstellung ausmacht, was durch das Subjekt vom Objekt und Subjekt unterschieden, und auf beide bezogen wird; wenn aber, nach AENESIDEMUS' Voraussetzung, nur dasjenige unterschieden werden kann, was schon wahrgenommen ist: so kann die Anschauung (jene erste Wahrnehmung) keine Vorstellung sein. Nun aber soll sie, nach REINHOLD, allerdings eine sein usw." REINHOLD wird ihm mit Recht die Voraussetzung im Untersatz seines Vernunftschlusses ableugnen. Das ursprüngliche Objekt wird überhaupt nicht wahrgenommen, und kann nicht wahrgenommen werden. Aller anderen Wahrnehmung vorher kann lso die Anschauung auf ein, ursprünglich dem Subjekt entgegengesetztes Objekt, das Nicht-Ich, bezogen werden; wobei dieses Nicht-Ich überhaupt nicht  wahrgenommen,  sondern ursprünglich  gesetzt  wird. - Ferner "jenes Unterscheiden und Beziehen, das zur Vorstellung erforderlich ist, sei selbst ein Vorstellen;" welches aber REINHOLD mit Recht geleugnet hat. Beides kann Objekt einer Vorstellung werden, und wird es in der Elementarphilosophie wirklich; aber es ist ursprünglich keine, sondern nur eine notwendig zu denkende Handlungsweise des Gemüts, um eine Vorstellung hervorzubringen: woraus aber freilich unleugbar das folgt, daß die Vorstellung nicht der höchste Begriff aller in unserem Gemüt zu denkenden Handlungen ist. -

REINHOLD hatte in der Anmerkung zu § 5 gesagt: "die bloße Vorstellung ist  unmittelbar;  Subjekt und Objekt aber nur  mittels  der Beziehung jener auf diese im Bewußtsein vorhanden; denn dasjenige, was im Bewußtsein auf Objekt und Subjekt bezogen wird, muß zwar nicht der Zeit, aber seiner Natur nach  vor  den Handlungen des Bezogenwerdens da sein, insofern nichts bezogen werden kann, wenn nichts vorhanden ist, das sich beziehen läßt." AENESIDEMUS sucht die Ungültigkeit dieses Beweise dadurch darzutung, daß er auf ähnliche Art beweisen will, "Objekt und Subjekt seien dasjenige, was unmittelbar, die Vorstellung aber dasjenige, was mittelbar im Bewußtsein vorkommt, indem nichts auf ein anderes bezogen werden kann, wenn nicht dieses andere, worauf es bezogen werden soll, vorhanden ist." Und allerdings muß Subjekt und Objekt eher gedacht werden, als die Vorstellung; aber nicht im Bewußtsein, als empirischer Bestimmung des Gemüts, wovon REINHOLD doch allein redet. Das absolute Subjekt, das Ich, wird nicht durch empirische Anschauung gegeben, sondern durch intellektuelle gesetzt; und das absolute Objekt, das Nicht-Ich, ist das ihm entgegengesetzte. Im empirischen Bewußtsein kommen beide nicht anders als so vor, daß eine Vorstellung auf sie bezogen wird; in diesem sind sie nur mittelbar, als Vorstellendes und Vorgestelltes: des  absoluten  Subjekts, des vorstellenden, das nicht vorgestellt würde, und des  absoluten  Objekts, eines Dinges ansich, unabhängig von aller Vorstellung, wird man sich nie als eines empirisch Gegebenen bewußt. REINHOLD konnte sich diese Erörterungen wohl auf die Zukunft vorbehalten haben.

Aus dem bisher Gesagten scheint hervorzugehen daß alle Einwendungen AENESIDEMUS, sofern sie als gegen die Wahrheit des Satzes vom Bewußtsein  ansich  gerichtet angesehen werden sollen, ohne Grund sind, daß sie ihn aber als  ersten  Grundsatz aller Philosophie, und als bloße Tatsache allerdings treffen; und eine neue Begründung desselben notwendig machen. Zugleich ist es merkwürdig, daß AENESIDEMUS, solange er seinen eigenen oben aufgestellten Grundsätzen treu war, auch gerecht gegen den Gegner blieb, und daß beides zugleich verschwindet, wie sich bald zeigen wird. Wenn seine Prüfung hier endete, so würde er ohne Zweifel sein Verdienst um die Philosophie und die Achtung aller unparteiischen Selbstdenker rühmlich behauptet haben. Man wird sehen, wieviel die Fortsetzung derselben ihm davon übrig läßt. - Nämlich die §§ 6 und 8, die den ursprüngliche Begriff des Vorstellungsvermögens bestimmen, führen den Zensor zur Prüfung des eigentümlichen Charakters der kritischen Philosophie, der darin besteht, daß der Grund eines großen Teils von den Bestimmungen der Gegenstände unserer Vorstellungen in das Wesen unseres Vorstellungsvermögens selbst gesetzt wird; und hierbei erhalten wir zugleich eine bestimmte Einsicht in die Natur des AENESIDEMUS'schen Skeptizismus, der auf einen sehr anmaßenden Dogmatismus hinausläuf, und ihn sogar, gegen seine eigenen oben aufgestellten Grundsätze, zum Teil schon als erwiesen voraussetzt. Nachdem der Skeptiker die in jenen §§ enthalten sein sollenden Behauptungen aufgezählt hat:
    a) daß das Vorstellungsvermögen der Grund der Wirklichkeit der Vorstellungen ist;

    b) daß das Vorstellungsvermögen vor aller Vorstellung auf eine bestimmte Art vorhanden ist [was mag das heißen sollen, und wo sagt das REINHOLD?]

    c) daß das Vorstellungsvermögen von den Vorstellungen, wie jede Ursache von ihren Wirkungen verschieden ist;

    d) daß der Begriff des Vorstellungsvermögens sich nur aus den Wirkungen desselben ableiten läßt, und daß man, um die inneren Merkmale desselben zu erhalten, nur den Begriff der bloßen Vorstellung sorgfältig zu entwickeln habe; -
wirft er die Frage auf, wie denn wohl die Elementarphilosophie zu der überschwenglichen Kenntnis der  objektiven Existenz  eines solchen Etwas, wie das Vorstellungsvermögen sein soll, kommen mag; und kann sich nicht satt verwundern über die (Theorie des Vorstellungsvermögens, Seite 190) von REINHOLD, als einem kritischen Philosophen, gemachte Folgerung: "Wer eine Vorstellung zugibt, gibt zugleich ein Vorstellungsvermögen zu." Der Rezensent, oder wer etwa sehr zur Verwunderung geneigt wäre, würde sich nicht weniger über den Skeptiker verwundern, dem noch vor kurzen nichts ausgemacht war, als daß es verschiedene Vorstellungen in uns gibt, und der jetzt, sowie das Wort: "Vorstellungsvermögen" sein Ohr trifft, sich dabei nichts anderes denken kann, als irgendein (rundes oder viereckiges?) Ding, das  unabhängig  von  seinem Vorstellen  als Ding ansich, und zwar als  vorstellendes  Ding existiert. Daß durch diese Deutung unserem Skeptiker gar nicht Unrecht geschieht, wird der Leser gleich sehen. - Das Vorstellungsvermögen existiert  für  das Vorstellungsvermögen und  durch  das Vorstellungsvermögen; das ist der notwendige Zirke, in welchem jeder endliche, und das heißt, jeder uns denkbare, Verstand eingeschlossen ist. Wer über diesen Zirkel hinauswill, versteht sich selbst nicht, und weiß nicht, was er will. Der Rezensent enthebt sich durch diesen Grundsatz der Anführung all dessen, was AENESIDEMUS darüber noch weiter sagt; wobei er REINHOLD dann offenbar mißversteht oder mißdeutet, und an seiner Elementarphilsophie Ansprüche rügt, die er selbst erst aus seinem eigenen Vorrat in sie übertragen hat. -

Nachdem durch diese Mißdeutung REINHOLD völlig abgesprochen ist, daß er etwas zur Erhärtung jenes charakteristischen Grundsatzes der kritischen Philosophie beigebracht habe, geht die Zensur zu denjenigen Beweisen über, die der Urheber dieser Philosophie selbst in der "Kritik der reinen Vernunft" dafür aufgestellt hatte. Dieser Prüfung wird eine kurze Darstellung des HUMEschen Skeptizismus vorangeschickt. "HUME selbst hat den Satz, daß alle unsere Vorstellungen von den Dingen, von Impressionen derselben auf uns kommen, gar nicht im Ernst für wahr gehalten, weil er, ohne eine schon vorher angenommene Gültigkeit des Gesetzes der Kausalität, (nach welchem die Dinge die Ursache jener Impressionen in uns sind), welche er doch bestritt, mithin ohne die gröbste Inkonsequenz, dies nicht hat tun können: sondern er hat ihn nur mit dem LOCKEschen System, das damals unter seinen Landsleuten das herrschende gewesen ist, zur Bestreitung dieses Systems durch sich selbst, hypothetisch aufgestellt. HUMEs eigenes, wahres System besteht aus folgenden Sätzen:
    1) Was erkannt werden soll, muß vorgestellt werden;

    2) welche Erkenntnis reell sein soll, die muß mit den Dingen außerhalb derselben im Zusammenhang stehen;

    3) es gibt kein Prinzip, vermöge dessen wir von den Gegenständen, insofern sie twas von unseren Vorstellungen verschiedenes, und etwas ansich sein sollen, etwas wissen könnten;

    4) selbst das Prinzip der Kausalität ist dazu nicht tauglich; noch taugt das des Widerspruch, um jenes für die verlangte Bestimmung zu begründen." -
Da die Frage: ob nun eben der HUMEsche Skeptizismus widerlegt ist, dem nichts zur Sache tut, welcher behauptet, daß aller Skeptizismus widerlegt ist, so kann der Rezensent es ganz auf sich beruhen lassen, ob das vorgelegte System eben das HUMEsche sei oder nicht. Genug, es ist, insofern es etwas zu suchen scheint, an dessen Auffindung es verzweifelt, ein skeptisches; und es wird gefragt, ob dasselbe durch KANT widerlegt wurde? AENESIDEMUS verneint diese Frage:
    1) "weil in der Kr. d. r. V. daraus, daß wir uns nur die Einrichtung unseres Gemüts, als den Grund synthetischer Urteile,  denken  können, gefolgert wird, daß dieses Gemüt  wirklich  und  ansich  der Grund derselben sein muß; und also gerade diejenige Folgerungsart, die HUME in Anspruch genommen hat, als gültig vorausgesetzt wird."
Und hierüber bittet nun der Rezensent diesen Skeptiker:
    a) dem Publikum doch bald recht bestimmt und deutlich zu erklären, was es doch heißen mag: Irgendein  A  ist  unabhängig von unserem Denken  und  ansich  der Grund unseres Urteilens, das doch wohl selbst  ein Denken  ist?

    b) ihn doch die Stelle bei KANT nachzuweisen, wo er diesen Unsinn angetroffen habe. - "KANT sagt: das Gemüt ist der Grund gewisser synthetischer Urteilsformen. Hier wird ja offenbar vorausgesetzt,  daß  jene Formen einen Grund haben müssen; mithin die Gültigkeit des Gesetzes der Kausalität, über welche eben die Frage sei, schon im voraus angenommen; es wird vorausgesetzt, jene Formen müssen einen  Real-Grund haben."
Wenn bloß gesagt wird:  wir  sind genötigt, einen Grund derselben aufzusuchen und denselben in unser Gemüt zu setzen, wie dann auch nichts weiter gesagt wird; so wird zuerst der Satz des Grundes bloß seiner logischen Gültigkeit nach gebraucht. Da aber das dadurch Begründete nur als Gedanke existiert, so sollte man meinen, der  logische  Grund eines Gedankens ist zugleich der  Real-  oder  Existential-Grund dieses Gedankens. - AENESIDEMUS verneint die aufgeworfene Frage
    2) aus dem Grund, "weil KANT auch nicht einmal erwiesen hat, daß sich  nur  unser Gemüt als der Grund der synthetischen Urteile denken läßt." Diese Behauptung, wenn sich ihre Wahrheit dartun ließe, wäre allerdings entscheidend gegen die kritische Philosophie; da hingegen im Bisherigen AENESIDEMUS nichts widerlegt hat, als das, was niemand behauptet, und nichts fordert, als das, was niemand versteht. -
Er begründet diese Behauptung auf folgende Weise:
    a) "daraus, daß wir uns gegenwärtig irgendetwas nicht anders, als auf eine gewisse Weise erklären und denken können, folgt gar nicht, daß wir es uns nie anders denken können werden;" -
eine Erinnerung, die gegen einen empirischen Beweis an ihrem Ort wäre, gegen einen von Grundsätzen  a priori  abgeleiteten aber übel angebracht ist. Wenn der Grundsatz der Identität und des Widerspruchs als Fundament aller Philosophie aufgestellt sein wird, wie er soll, (zu welchem System dann auch KANT alle möglichen Data gab, da er selbst nicht die Absicht hatte, es aufzubauen); dann wird hoffentlich niemand mehr behaupten, wir dürften doch etwa künftighin zu einer Stufe der Kultur hinaufrücken, auf der wir das Widersprechende würden als möglich denken können. AENESIDEMUS sucht
    b) die wirkliche Denkarbeit eines anderen Ursprungs jener Urteilsformen zu zeigen; aber auf eine Art, woraus, ungeachtet der naiven Versicherung, die Kr. d. r. V. wirklich gelesen und auch verstanden zu haben, die der Verfasser seinem HERMIAS in den Mund legt, sich dennoch deutlich erhellt, daß AENESIDEMUS selbst sie nicht verstanden hat. "Es läßt sich denken", sagt er, "daß alle unsere Erkenntnis aus der Wirksamkeit  realiter  vorhandener Gegenstände auf unser Gemüt herrührt, und daß auch die  Notwendigkeit,  welche in gewissen Teilen dieser Erkenntnis angetroffen wird, durch eine besondere Art, wie die Dinge uns affizieren, erzeugt wird. So ist es z. B. notwendig, eine Empfindung, während der Zeit, da sie vorhanden ist, als vorhanden zu denken; - und diese Notwendigkeit kommt von außen; denn der Eindruck kommt von außen."
Das unglücklichste Beispiel, das gewählt werden konnte! Es ist notwendig, das Objekt dieser Empfindung als  wirklich  zu denken (im Gegensatz zum  möglichen  und  notwendigen),  und dieses unmittelbare Verhältnis gegen unser Vorstellungsvermögen selbst, sollte unabhängig von demselben außer uns sein? "Es ist notwendig, die Zweige eines gesehenen Baums in der Ordnung wahrzunehmen, in der sie einmal unserem Gemüt gegenwärtig sind." Jawohl; mittels der Wahrnehmung der einzelnen Teile derseleben im stetigen Raum, und ihrer notwendigen Verbindung durch die Kategorie der Wechselwirkung. "Wenn die Dinge ansich uns völlig unbekannt sind, so können wir auch ncht wissen, daß sie gewisse Bestimmungen in uns  nicht  hervorgebracht haben können." Wenn die Dinge ansich, unabhängig von unserem Vorstellungsvermögen, in uns  gar  keine Bestimmungen hervorbringen können; so können wir sehr wohl wissen, daß sie die in uns wirklich vorhandenen Bestimmungen nicht hervorgebracht haben. "Eine Ableitung des Notwendigen und Allgemeingültigen in unserer Erkenntnis aus dem Gemüt macht das Dasein dieses Notwendigen nicht im Geringsten begreiflicher, als eine Ableitung ebendesselben von der Wirkungsweise der Gegenstände außer uns auf uns." Was mag  Dasein,  was mag  begreiflich  hier heißen? Soll etwa noch ein höherer Grund jener in unserem Gemüt als vollständig begründet angenommenen Notwendigkeit aufgesucht, - die in unserem Gemüt aufgefundene unbedingte Notwendigkeit dadurch bedingt, davon abgeleitet, dadurch erklärt und begriffen werden? Und wo soll dieser höhere Grund gesucht werden?  In  uns, wo wir bis zur absoluten Autonomie gekommen sind? Soll  absolute  Autonomie  begründet  werden? Das ist ein Widerspruch. Oder  außer uns?  Aber die Frage ist ja eben von einem  Übergang  vom Äußeren zum Inneren, oder umgekehrt. Es ist ja eben das Geschäft der kritischen Philosophie, zu zeigen, daß wir eines Überganges nicht bedürfen: daß alles, was in unserem Gemüt vorkommt, aus ihm selbst vollständig zu erklären und zu begreifen ist. Es ist ihr nicht eingefallen, eine Frage zu beantworten, die, nach ihr, der Vernunft widerspricht. Sie zeigt uns den Zirkel, über den wir nicht hinausschreiten können; innerhalb desselben aber verschafft sie uns den innigsten Zusammenhang in unserer Erkenntnis.
    "die Kr. d. r. V. hat nicht, wie sie vorgibt, bewiesen, daß die Vorstellungen und Urteile  a priori,  die in  uns  vorhanden sein sollen, bloße Formen für Erfahrungserkenntnisse sind, und nur in Beziehung auf empirische Anschauungen Gültigkeit und Bedeutung haben könnten. Denn es läßt sich, außer jener Art, Begriffe  a priori  auf die Dinge zu beziehen, daß sie bloße Bedingungen und Formen unserer Erkenntnis derselben sein sollen, noch wohl eine andere denken; nämlich die, daß sie sich vermöge einer  präformierten Harmonie  darauf beziehen; so, daß die Vorstellungen  a priori  im Menschen zugleich dasjenige mitenthalten, was die objektiven Eigenschaften der Dinge ansich, wenn ihr Einfluß auf das Gemüt möglich gewesen wäre, würden gegeben haben." -
Wenn auch jene Urteilsformen  a priori  nicht Einheiten sein sollen, welche im Mannigfaltigen ansich gar nicht angetroffen werden kann: so ist doch wenigstens die Harmonie eine Vereinigung Verschiedener zu Einem? Unsere Vorstellungen  a priori  von einer, und die objektiven Beschaffenheiten der Dinge ansich von der anderen Seite, wären doch wohl die zwei wenigsten numerisch verschiedene Dinge; und das dritte, welches ansich weder das erste, noch das zweite sein, aber beide in sich vereinigen sollte, wäre doch wohl irgendein Vorstellungsvermögen? Nun ist das unsrige kein solches, wie AENESIDEMUS selbst durch seine Hypothese zugesteht; mithin müßte es ein vom unsrigen verschiedenes sein. Ein solches aber, d. h. ein Vorstellungsvermögen, welches nicht nach den Grundsätzen der Identität und des Widerspruchs urteilte, ist für uns gar nich denkbar: mithin auch nicht jene vorgebliche Harmoine, die in ihm anzutreffen sein soll. "Etwas Absurderes enthält die Hypothese, von einer solchen prästabilierten Harmonie zwischen unseren Vorstellungen  a priori  und zwischen dem objektiv Vorhandenen doch gewiß nicht," fährt AENESIDEMUS fort. Soll man ihm glauben? AENESIDEMUS wirft die Frage auf, ob das Gemüt, als Ding ansich, oder als Noumenon, oder als transzendentale Idee, der Grund der Erkenntnisse  a priori  ist? Als Ding ansich nicht, wie er ganz richtig leugnet. "Auf ein  Noumenon  läßt sich, KANTs eigenen Erinnerungen nach, die Kategorie der Kausalität nicht anwenden." Es wird auch nicht der Satz des Real-, sondern bloß der des logischen Grundes darauf angewendet, der aber, insofern das Gemüt  bloß Intelligenz  ist, Realgrund wird. Insofern das Gemüt der letzte Grund gewisser Denkformen überhaupt ist, ist es Noumenon; insofern diese als unbedingt notwendige Gesetze betrachtet werden, ist es eine transzendentale Idee; die sich aber von allen andern dadurch unterscheidet, daß wir sie durch eine intellektuelle Anschauung, durch das  Ich bin,  und zwar:  ich bin  schlechthin, weil ich bin, realisieren. Alle Ansprüche AENISEDEMUS' gegen dieses Verfahren gründen sich bloß darauf, daß er die absolute Existenz und Autonomie des Ich - wir wissen nicht wie und für wen -  ansich  gültig machen will; da sie doch nur  für das Ich selbst  gelten soll. Das Ich ist,  was  es ist, und  weil  es ist,  für  das Ich. Über diesen Satz hinaus kann unsere Erkenntnis nicht gehen. -

Aber wie ist denn nun das kritische System von demjenigen, welches oben als das HUMEsche aufgestellt wurde, verschieden? Bloß darin, daß dieses die Möglichkeit, noch etwa einmal über jene Begrenzung des menschlichen Geistes hinausgehen zu können, übrig läßt; das kritische aber die absolute Unmöglichkeit eines solchen Fortschreitens dartut und zeigt, daß der Gedanke von einem Ding, das  ansich,  und unabhängig von irgendeinem Vorstellungsvermögen, Existenz und gewisse Beschaffenheiten haben soll, eine Grille, ein Traum, ein Nicht-Gedanke ist: und insofern ist jenes System skeptisch, das kritische aber dogmatisch, und zwar  negativ  dogmatischen. -

Prüfung der §§ 9 - 14. -  AENESIDEMUS glaubt, im § 9., der den Satz aufstellt, daß die bloße Vorstellung aus zwei verschiedenen Bestandteilen bestehen muß, habe REINHOLD aus folgendem Obersatz geschlossen: Alles, was sich auf verschiedene Gegenstände beziehen soll, das muß auch selbst und ansich aus verschiedenen Bestandteilen bestehen; und so kostet es ihm freilich nicht viel Mühe, die Folgerung zu entkräften. Allein er hat in jenem als reinholdisch aufgestellten Obersatz die Bedingung vergessen: wen die verschiedenen Gegenstände bloß und allein durch diese Beziehung erst unterschieden werden sollen. Unter dieser Bedingung aber ist es klar, daß, wenn  X  sein soll  = A  und  = B,  in  X  ein  Y  sein müsse  = A  und ein  Z = B,  und daß das Gegenteil sich widersprechen wird. Die auch hier wieder vorkommende Unterscheidung AENESIDEMUS zwischen  gedachter  und  realer  Verschiedenheit jener Bestandteile der bloßen Vorstellung verdient keine ernsthafte Erwähnung. Was für ein Ding mag doch eine bloße Vorstellung ansich, und unabhängig von einem Vorstellungsvermögen sein; und wie mögen Bestandteile einer bloßen Vorstellung auch noch anders verschieden sein, als dadurch, daß das vorstellende sie unterscheidet? Ob AENESIDEMUS diese überfreie Unterscheidung im Ernst machte, oder aber dem Publikum spottete?

Gegründeter scheinen dem Rezensenten die Erinnerungen gegen die § 10. und 11. geschehene Bezeichnung des dem Subjekt in der Vorstellung Angehörigen durch die  Form,  und des dem Objekt Angehörigen durch den  Stoff.  Man hätte diese Bezeichnung gerade umkehren können, sagt AENESIDEMUS: und ebenso hat der Rezensent diese Erklärungen an der Stelle, an der sie hier stehen, nie für etwas anderes, als eine willkürliche Namensbestimmung halten können. (Wenn  A  und  B,  ehe  X  darauf bezogen ist, schlechterdings unbekannt und unbestimmt sind, wie die Elementarphilosophie ausdrücklich sagt: so bekommen sie durch zwei aufgefundene verschiedene Bestandteile in  X (Y  und  Z)  nur erst das Prädikat: sie sind voneinander verschieden.  Wie  sie aber verschieden sind, läßt sich erst aus der Art erkennen, wie  Y  und  Z  verschieden sind.) Wenn sie nun bloß als willkürliche Namenbestimmungen gebraucht, und nichts aus ihnen gefolgert würde, so ließe sich dagegen nichts sagen. AENESIDEMUS aber merkt an, und wie es dem Rezensenten scheint, mit Recht, daß tiefer unten die Folgerung, daß der Stoff  gegeben,  die Form aber  hervorgebracht  sein muß, bloß durch diese Erklärung begründet wird.

Schließlich geht die Zensur zu demjenigen über, was ihr der erste Fehler der Elementarphilosophie, und der Grund aller ihrer Irrtümer scheint, nämlich: "nicht bloß Etwas in der Vorstellung wird auf das Subjekt, und ein anderes Etwas auf das Objekt, sondern die  ganze  Vorstellung wird auf beides, Subjekt und Objekt, bezogen, nur auf beide anders: auf das erstere, wie jede Eigenschaft auf ihr Subjekt; auf das letztere: wie jedes Zeichen auf sein Bezeichnetes. Diese Verschiedenheit in der Beziehungsart selbst hat REINHOLD übersehen, und deswegen geglaubt, die Möglichkeit der Beziehung auf zwei verschiedene Dinge nur durch die Voraussetzung zweier verschiedener Bestandteile in der Vorstellung selbst erklären zu können." Der Satz ist ansich ganz richtig; nur daß der Rezensent statt der von AENESIDEMUS gebrauchten Ausdrücke lieber sagen würde: die Vorstellung wird auf das Objekt bezogen, wie die Wirkung auf ihre Ursache, und auf das Subjekt, wie Akzidenz auf Substanz. Da aber REINHOLD dem Subjekt die Form, und dem Objekt den Stoff der  ganzen  Vorstellung zuschreibt; so kann ihm jene Wahrheit doch nicht so ganz verborgen geblieben sein, wie AENESIDEMUS glaubt. Aber wenn  Subjekt  und Objekt bloß durch die Beziehung der Vorstellung auf dieselben bestimmt werden, und vorher ganz unbekannt sind; - wie kommt dann AENESIDEMUS dazu, die Vorstellung auf ein Objekt als  Ursache,  oder wie er sagt: als  Bezeichnetes,  zu beziehen; wenn nicht in ihr selbst etwas ist, wodurch sie sich ursprünglich als  Wirkung  oder als  Zeichen -: und wie kommt er dazu, sie auf das Subjekt zu beziehen, wenn nicht in ihr selbst etwas unterschieden wird, wodurch sie sich als Akzidenz oder als Prädikat ankündigt? -

Auf Veranlassung des § 13, daß kein Gegenstand als Ding ansich vorstellbar ist, äußert sich AENESIDEMUS dahingehend: "es ist uns durch die ganze Einrichtung unseres Wesens einmal eingepflanzt, uns nur erst dann über unsere Erkenntnis zu beruhigen, wenn wir den Zusammenhang und die Übereinstimmung unserer Vorstellungen und der in ihnen vorkommenden Merkmale mit einem Etwas,  so ganz unabhängig von ihnen existiert,  vollkommen einsehen": und so haben dann zum Grund dieses neuen Skeptizismus ganz klar und bestimmt den alten Unfug, der bis auf KANT mit einem Ding ansich getrieben wurde; gegen den selbst dieser und REINHOLD, so wie es wenigstens dem Rezensenten scheint, sich noch lange nicht laut und stark genug erklärt haben, und der die gemeinschaftliche Quelle aller skeptischen sowohl, als dogmatischen Einwendungen gewesen ist, die sich gegen die kritische Philosophie erhoben haben. Aber es ist der menschlichen Natur gar nicht eingepflanzt, sondern es ist ihr vielmehr geradezu unmöglich, sich ein Ding unabhängig von  irgendeinem  Vorstellungsvermögen zu denken. Da KANT die reinen Formen der Anschauung, Raum und Zeit, nicht eben so, wie die Kategorien, auf einen einzigen Grundsatz zurückgeführt hat, noch sie, seinem die Wissenschaft bloß vorbereitenden Plan nach, darauf zurückführen konnte; ; so blieb, da bei ihm diese Anschauungsformen bloße Formen des  menschlichen  Vorstellungsvermögens scheinen konnten, nach ihm allerdings der Gedanke von der Beschaffenheit der Dinge für ein anderes Vorstellungsvermögen als das menschliche denkbar; und er selbst hat diesen Gedanken durch die oft wiederholte Unterscheidung zwischen den Dingen, wie sie uns erscheinen, und den Dingen, wie sie ansich sind, welche Unterscheidung aber gewiß nur vorläufig und für ihren Mann gelten sollten, gewissermaßen autorisiert. Den Gedanken des AENESIDEMUS aber von einem Ding, das nicht nur vom menschlichen Vorstellungsvermögen, sondern von aller und jeder Intelligenz unabhängig, Realität und Eigenschaften haben soll, hat noch nie ein Mensch gedacht, so oft er es auch vorgeben mag, und es kann ihn keiner Denken;  man denkt sich allemal als Intelligenz, die das Ding zu erkennen strebt, mit hinzu.  Daher mußte auch der unsterbliche LEIBNIZ, der ein wenig weiter sah, als die meisten seiner Nachfolger, sein Ding ansich oder seine Monade notwendig mit Vorstellungskraft begaben. Und wenn nur seine Folgerung nicht über den Zirkel hinausginge, in den der menschliche Geist eingeschlossen ist, und welchen er, der alles übrige sah, allein nicht sah; so wäre sie unstreitig richtig;  das Ding wäre ansich so beschaffen, wie es sich - sich selbst vorstellt.  KANT entdeckte diesen Zirkel. Nach KANT machte REINHOLD sich das unsterbliche Verdienst, die philosophierende Vernunft (die ohne ihn vielleicht noch lange KANT kommentiert hätte und weiter kommentiert, und nie das Eigentümliche seines Systems gefunden hätte, weil das keiner findet, der sich nicht seinen eigenen Weg zur Auffindung desselben bahnt,) darauf aufmerksam zu machen, daß die gesamte Philosophie auf einen einzigen Grundsatz zurückgeführt werden muß, und daß man das System der dauernden Handlungsweise des menschlichen Geistes nicht eher auffinden wird, bis man den Schlußstein desselben gefundent hat. Sollte durch weiteres Zurückschreiten auf dem von ihm so ruhmvoll gebahnten Weg sich etwa in der Zukunft entdecken, daß das unmittelbar Gewißeste:  Ich bin,  auf nur  für  das Ich gilt; daß alles Nicht-Ich nur für das Ich  ist;  daß es alle Bestimmungen dieses Seins  a priori  nur durch seine Beziehung auf ein Ich bekommt; daß aber alle diese Bestimmungen, insofern ihre Erkenntnis nämlich  a priori  möglich ist, durch die bloße Bedingung der Beziehung eines Nicht-Ich auf ein Ich überhaupt, schlechthin notwendig werden: so würde daraus hervorgehen, daß ein Ding ansich, insofern es ein Nicht-Ich sein soll, das keinem Ich entgegengesetzt ist, sich selbst widerspricht, und daß das Ding wirklich und ansich so beschaffen sein soll, wie es von jedem denkbaren intelligenten Ich, d. h. von jedem nach dem Satz der Identität und Widerspruchs denkenden Wesen, gedacht werden muß; daß mithin die logische Wahrheit für jede der endlichen Intelligenz denkbare Intelligenz zugleich real ist, und daß es keine andere gibt, als jene. -

Alsdann würde es auch niemandem mehr einfallen, zu behaupten, was auch AENISEDEMUS wiederholt, aß die kritische Philosophie idealistisch ist, und alles für  Schein  erklärt, d. h. daß sie annimmt, eine Intelligenz läßt sich ohne Beziehung auf etwas Intelligibles denken. - AENESIDEMUS nimmt den in der Kritik der reinen Vernunft von KANT gegen den Idealismus aufgestellten Beweis in Anspruch und zeigt - allerdings mit Grund -, daß durch  diesen  Beweise der BERKELEYsche Idealismus, gegen welchen er seiner Meinung nach gerichtet war, nicht widerlegt ist. Seite 274f der Kr. d. r. V. hätte er mit deutlichen Worten lesen können, daß derselbe gar nicht gegen den dogmatischen Idealismus des BERKELEY, "als dessen Grund schon in der transzendentalen Ästhetik gehoben," sondern gegen den problematischen des CARTESIUS gerichtet ist. Und gegen diesen wird allerdings in jenem Beweis gründlich dargetan, daß das von CARTESIUS selbst zugestandene Bewußtsein des  denkenden  Ich nur unter der Bedingung eines  zu denkenden  Nicht-Ich möglich ist.

Nachdem der Rezensent die Unhaltbarkeit des Grundes, auf welchem AENESIDEMUS' Skeptizismus aufgebaut ist, dargetan hat, so enthebt er sich, vielleicht mit einigem Recht, der Anführung seiner übrigen Einwendungen gegen den theoretischen Teil der kritischen Philosophie überhaupt, und insbesondere gegen die Darstellung derselben durch REINHOLD; um noch etwas über seine Einwürfe gegen die Kantische Moral-Theologie zu sagen. "Diese Moral-Theologie schließt daraus, daß etwas geboten ist, auf das reale Dasein der Bedingungen, unter denen allein das Gebot erfüllt werden kann." Die Einsprüche, welche AENESIDEMUS gegen diese Schlußart macht, gründen sich auf seinen Mangel an Einsicht in den wahren Unterschied zwischen der theoretischen und der praktischen Philosophie. Folgender Vernunftschluß enthält ungefähr diese Einsprüche: Wir können nich eher der Urteil fällen,  daß  uns geboten ist, etwas zu tun oder zu lassen, bis ausgemacht ist,  ob  dieses Tun oder Unterlassen  möglich  ist; nun läßt die Möglichkeit oder Unmöglichkeit einer Handlung sich nur nach theoretischen Prinzipien beurteilen: mithin beruth auch das Urteil,  daß  etwas geboten ist, auf theoretischen Prinzipien. Das, was KANT erst  aus  dem Gebot folgert, muß  vor  der vernunftmäßigen Annahme eines Gebotes überhaupt schon erwiesen und ausgemacht sein: - weit entfernt, daß durch die Anerkennung eines Gebotes die Überzeugung vom realen Dasein der Bedingungen seiner Erfüllung begründet werden könne, kann vielmehr jene Anerkennung nur nach dieser Überzeugung stattfinden. -

Man sieht, daß AENESIDEMUS gerade das eigentliche Fundament der Kantischen Moral-Theologie, den Primat der praktischen Vernunft über die theoretische, angreift; man sieht aber auch leicht, wodurch er sich diesen Angriff leicht gemacht hat. Was wir  tun  oder  lassen  - in der Welt der Erscheinungen gültig zur Wirklichkeit bringen sollen, - muß allerdings unter den Gesetzen dieser Welt stehen. Aber wer redet denn auch von  Tun  oder  Lassen Das Sittengesetz richtet sich zunächst nich an eine physische Kraft, als wirksame, etwas außer sich hervorbringende Ursache; sondern an ein hyperphysisches Begehrungs- oder Bestrebungsvermögen, oder wie man es nennen will. Jenes Gesetz soll zunächst gar nicht Handlungen, sondern nur das stete Bestreben nach einer Handlung, hervorbringen, wenn auch dasselbe, durch die Naturkraft gehindert, nie zur  Wirksamkeit  (in der Sinnenwelt) käme. Wenn nämlich, - um die Momente jener Schlußart in ihrer höchsten Abstraktion darzustellen, - wenn das Ich in der intellektuellen Anschauung  ist, weil  es ist, und  ist, was  es ist; so ist es insofern  sich selbst setzend,  schlechthin selbständig und unabhängig. Das Ich im empirischen Bewußtsein aber, als Intelligenz,  ist  nur in Beziehung auf ein Intelligibles, und existiert insofern abhängig. Nun soll dieses dadurch sich selbst entgegengesetzte Ich nicht  zwei,  sondern nur  ein  Ich ausmachen, und das ist gefordertermaßen unmöglich; denn abhängig und unabhängig stehen im Widerspruch. Weil aber das Ich seinen Charakter der absoluten Selbständigkeit nicht aufgeben kann; so entsteht ein Streben, das Intelligible von sich selbst abhängig zu machen, um dadurch das dasselbe vorstellende Ich mit dem sich selsbt setzenden Ich zur Einheit zu bringen. Und das ist die Bedeutung des Ausdrucks:  die Vernunft ist praktisch.  Im reinen Ich ist die Vernunft nicht praktisch, auch nicht im Ich als Intelligenz; sie ist es nur, insofern sie beides zu vereinigen strebt. Daß diese Grundsätze KANTs Darstellung selbst zugrunde liegen müssen, ungeachtet dessen, daß er sie nirgends bestimmt aufgestellt hat, - ferner, wie durch diese Vorstellung dieses ansich hyperphysischen Strebens durch das intelligente Ich, im Absteigen über die Stufen, über welche man in der theoretischen Philosophie  auf steigen muß, eine praktische Philosophie entsteht, ist hier nicht der Ort zu zeigen. -

Jene Vereinigung: Ein Ich, das durch seine Selbstbestimmung zugleich alles  Nicht-Ich  bestimmt (die Idee der Gottheit), ist das letzte Ziel dieses Strebens; ein solches Streben, wenn durch das intelligente Ich das Ziel desselben außer ihm vorgestellt wird, ist ein  Glaube  (Glauben an Gott). Dieses Streben kann nicht aufhören, als nach Erreichung des Ziels, d. h. die Intelligenz kann keinen Moment ihres Daseins, in welchem dieses Ziel noch nicht erreicht ist, als den letzten annehmen (Glauben an ewige Fortdauer). An dieser Idee ist aber auch nichts anderes, als ein  Glaube  möglich, d. h. die Intelligenz hat zum Objekt ihrer Vorstellung keine empirische Empfindung, sondern nur das notwendige Streben des Ich; und in aller Ewigkeit Ewigkeiten hinaus kann nichts anderes möglich werden. Dieser Glaube ist aber so wenig bloß eine  wahrscheinliche Meinung,  daß er vielmehr, wenigstens nach des Rezensenten innigster Überzeugung, mit dem unmittelbar gewissen:  Ich bin  den gleichen Grad der Gewißheit hat, welche alle, erst durch das intelligente Ich mittelbar mögliche, objektive Gewißheit unendlich übertrifft. - Freilich, AENESIDEMUS will einen objektiven Beweis für die Existenz Gottes und die Unsterblichkeit der Seele. Was mag er sich dabei denken? Oder ob ihm die objektive Gewißheit etwa ungleich vorzüglicher scheint, als die - nur - subjektive? Das:  Ich bin  - selbst hat nur subjektive Gewißheit; und, soviel wir uns das Selbstbewußtsein Gottes denken können, ist Gott selbst für Gott subjektiv. Und nun gar ein objektives Dasein der Unsterblichkeit! (Es sind AESIDEMUS' eigene Worte.) Wenn irgendein sein Dasein in der Zeit anschauendes Wesen in einem Moment seines Daseins sagen könnte:  nun  bin ich ewig; so wäre es  nicht  ewig. - Es ist also so wenig wahr, daß die praktische Vernunft den Primat der theoretischen anerkennen muß: daß vielmehr ihre ganze Existenz auf den  Widerstreit  des selbstbestimmenden in uns mit dem theoretisch-erkennenden sich gründet, und daß sie selbst aufgehoben würde, wenn dieser Widerstreit aufgehoben wäre.

Auf diese gänzliche Verkennung des moralischen Glaubensgrundes gründet sich auch eine zweite Anmerkung AENISEDEMUS, daß die Folgerungsart im moralischen Beweis von der, in dem von KANT verworfenen kosmotheologischen Beweis um nichts verschieden ist; da auch im letzteren geschlossen wird: weil eine Welt vorhanden ist, muß auch die allein denkbare Bedingung der Möglichkeit einer Welt vorhanden sein. - Die hauptsächliche Verschiedenheit dieses Beweises vom moralisch-theologischen ist die, daß sich der erstere bloß auf die theoretische Vernunft, der zweite aber auf einen Widerstreit des Ich ansich gegen diese theoretische Vernunft gründet. Die theoretische Vernunft muß über das, worüber sie etwas beweisen soll, doch wenigstens mit sich selbst einig sein. Nun wird sie allerdings dadurch erst in sich selbst Einheit, daß sie sich eine  Welt,  als unbedingtes Ganzes, mithin eine Ursache dieser Welt, die die  erste  ist, denkt; aber eben durch den Gedanken einer solche ersten Ursache gerät sie wieder in einen unauflöslichen Widerstreit mit sich selbst, weil jede Ursache, die sie sich denken mag, den eigenen Gesetzen dieser Vernunft zur Folge, wieder die ihrige haben muß: mithin, obgleich die Aufgabe, eine erste Ursache zu suchen, bleibt, dennoch keine gefundene diese erste sein kann. Die Vernunft kann also die Idee einer ersten Ursache nie realisieren, als bestimmt und gefunden annehmen, ohne sich selbst zu widersprechen. Kein Beweis aber, der auf einen Widerspruch mit sich selbst hinausläuft, kann gültig sein.

Der Rezensent hat es für seine Pflicht gehalten, dieses Werk etwas ausführlicher zu beurteilen, teils weil wirklich mehrere gute und treffende Bemerkungen darin vorkommen, teils weil sich der Verfasser schon im Voraus über unbewiesene *Machtsprüche beklagte, deren er hoffentlich diese Beurteilung nicht beschuldigen wird, teils weil es wirklich hier und da Aufmerksamkeit erregt und mancher Leser desselben die Sache der kritischen Philosophie schon für verloren gehalten haben soll, teils endlich, um gewissen Leuten das Vorurteil nehmen zu helfen, daß man die Einwürfe gegen die Kantische Philosophie nur nicht recht würdige, und sie lieber der Vergessenheit übergeben möchte, weil man nichts Gegründetes darauf zu sagen weiß. Er wünscht nichts lebhafter, als daß seine Beurteilung dazu beitragen möge, recht viele Selbstdenker zu überzeugen, daß diese Philosophie ansich, und ihrem inneren Gehalt nach, noch so fest steht, als je zuvor, daß es aber noch vieler Arbeit bedarf, um die Materialien in ein wohl verbundenes und unerschütterliches Ganzes zu ordnen. Möchten sie dann durch diese Überzeugung selbst aufgemuntert werden, jeder ans seinem Ort, so viel in seinen Kräften steht, zu diesem erhabenen Zweck beitzutragen!
LITERATUR - Johann Gottlieb Fichte, Rezension des Aenesidemus, Jenauer Allgemeine Literaturzeitung, Nr. 47 - 49, 1794 in Fichtes Sämtliche Werke, Bd. 1, hg. von I. H. Fichte, Bonn 1845