cr-2p-4Augustinusvon AsterF. Schumann    
 
AUGUST DÖRING
Was ist die Zeit?

"Nach  Kant besteht das Wesen der Kategorie nicht in der logischen Formulierung als Verstandesbegriff, sondern in der durch diesen Begriff bezeichneten intellektuellen Funktion als einer zwar aus einer subjektiven Nötigung entspringenden, aber an der Konstituierung unserer Weltvorstellung unablösbar beteiligten. In diesem Sinne kann die Erkenntnislehre einer mäßigen Zahl von Kategorien nicht entbehren."

"Kant ist gewillt, die ganze Frage nach dem Wesen der Zeit aus der Welt zu schaffen, die Zeit aller Realität zu berauben, indem er den Nachweis antritt, daß es nichts reales Zeitliches gibt. Er sucht die  Realität des Zeitlichen  zu beseitigen, indem er zu beweisen sucht, daß alles Zeitliche nur eine Funktion unserer intellektuellen Organisation ist."

"Das Zeitliche, dessen Möglichkeit die Zeit gewährleisten soll, ist ein Vielfaches: Dauer, Abstände, Sukzession, Tempo. Diese Mannigfaltigkeit der zeitlichen Phänomene setzt dem Versuch, sie zu einer Einheit zusammenzufassen, einen beharrlichen Widerstand entgegen."


I. Sinn der Frage

Hat unsere Wissenschaft eine übereinstimmende und befriedigende Bestimmung des Wesens der Zeit aufzuweisen? Ich glaube nicht, daß diese Frage bejahend beantwortet werden kann; es scheint an der Berechtigung einer neuen Untersuchung nicht gezweifelt werden zu dürfen. Wer aber die Kühnheit hat, die Frage mit der Prätention [Anspruch - wp] einer neuen und überzeugenden Beantwortung aufzuwerfen, der muß sich im Besitz bisher nicht benutzter wirksamer Hilfsmittel, eines dem Ziel näher bringenden Verfahrens glauben. In der Tat werde ich versuchen, ein Verfahren zur Anwendung zu bringen, das ansich zwar durchaus nicht auf den Charakter der Außerordentlichkeit Anspruch macht, keine neuen Hebel in Bewegung setzt, bei dem aber das bewußt Methodische des Vorgehens auf jedem Schritt die Prüfung ermöglicht und sich zumindest in der sorgfältigen Unterscheidung des tatsächlich Unterschiedenen neue Handgriffe der Untersuchung darbieten, ein Verfahren endlich, von dem ich nachweisen zu können glaube, daß es in dieser Weise noch nicht in Anwendung gebracht worden ist. Daß dabei alle Schwierigkeiten des Problems ihre Lösung finden werden, behaupte ich von vornherein nicht; liegen dieselben doch der Hauptsache nach in der Unzulänglichkeit des Gegenstandes selbst. Aber auch soweit ich von meinem Verfahren eine Lösung erhoffe, bleibt angesichts der mit seiner Durchführung verbundenen Schwierigkeiten eine gewisse Zaghaftigkeit in Bezug auf das Gelingen bestehen. -

Die erste Vorbedingung dieses Verfahrens ist, was bei der Untersuchung das Erste sein muß, die absolut unzweideutige Fixierung des Problems. Wenn wir fragen: Was ist  die  Zeit? so wollen wir nicht wissen, was die an den Dingen und Zuständen der Erscheinungswelt vorkommenden zeitlichen Bestimmtheiten und Beschaffenheiten, die zeitlichen Merkmale des endlichen Seins und Geschehens sind, sondern was das diesem Zeitlichen zugrunde liegende etwaig tatsächliche Ingrediens [Bestandteil- wp] der Welteinrichtung ist, das auch beim Wegfall alles Zeitlichen bestehen bleiben würde.

Versuchen wir zunächst im Interesse einer möglichsten Verdeutlichung dieses Unterschiedes, einer negativen Bestimmung des Begriffs der Zeit durch Abgrenzung gegen den des Zeitlichen, eine Umfangsanalyse des letzteren Begriffs. Diese hat an dieser Stelle insofern ein besonderes Bedenken, als wir dabei noch nicht in die Untersuchung über Realität oder Irrealität eintreten dürfen, sondern die Untersuchung rein begrifflich logisch durchführen müssen. Wir könnten von einer Ontologie des Zeitlichen reden, wenn nicht in diesem Ausdruck doch schon wieder eine Beziehung auf die Wirklichkeit eingeschlossen wäre. Die hier erforderliche Ausführlichkeit müßte in Anbetracht des doch immer nur untergeordneten nächsten Zweckes und des notwendigen Verharrens in der rein begrifflichen Sphäre Bedenken erregen, wenn nicht vorauszusehen wäre, daß die so gewonnenen Unterscheidungen sich auch abgesehen von ihrer Bedeutung für den hier vorliegenden nächsten Zweck noch an späterer Stelle als nützlich erweisen werden.

Wir beginnen unsere Analyse mit einer Sonderung des Zeitlichen am einzelnen Seienden und Geschehenden von dem an einem Zusammenhang, einer Mehrheit eines solchen Einzelnen hervortretenden Zeitlichen.

Das Zeitlich am Einzelnen ist entweder eine zeitliche Eigenschaft oder ein zeitliches Verhältnis des Einzelnem zu Anderem. Die zeitliche Eigenschaft des Einzelnen ist  Dauer,  dieses Wort im indifferenten Sinn ohne die Nebenvorstellung einer relativ langen Strecke genommen. Die Dauer ist als relativ kurze Vergänglichkeit, als relativ lange Beständigkeit. Sie ist das zeitliche Analogon dessen, was auf dem Gebiet des Räumlichen die räumliche Größe ist. Diese letztere ist jedoch, entsprechend der Dreizahl der Dimensionen, sobald über die lineare Ausdehnung hinausgegangen wird, mit der konkreteren Bestimmtheit der flächenhaften oder körperlichen Gestalt zwar nicht identisch (da dieselbe Gestalt in verschiedener Größe auftreten kann) aber doch unlösbar verknüpft.

Die zeitlichen Verhältnisse des Einzelnen zu Anderem sind einesteils die zum gegenwärtigen Moment des Bewußtseins oder zu dem diesem entsprechend gedachten gegenwärtigen Moment eines vorausgesetzten universellen kosmischen Gesamtgeschehens, andernteils die zu einem andern an irgendeiner Zeitstelle fixierten anderen Objekt oder Vorgänge. Erstere Verhältnisse sind das Jetzt, das Vergangen und das Zukünftig, letztere das Vor oder Früher, das Nach oder Später und das Zugleich. Werden die drei letztgenannten Verhältnisse durch eine Beziehung auf Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft näher bestimmt, so entstehen teilweise neue, komplizierte Verhältnisse. Das Früher fällt, auf die Gegenwart bezogen, mit der einfachen Vergangenheit zusammen, auf die Vergangenheit bezogen ist es die Vorvergangenheit, auf die Zukunft bezogen das in der Zukunft Vergangene. Das Später fällt, auf die Gegenwart bezogen, mit der Zukunft zusammen, auf die Vergangenheit bezogen kann es Gegenwart oder Zukunft sein oder auch die Vergangenheit zur Vorvergangenheit machen, auf die Zukunft bezogen ist es eine potenzierte Zukunft. Das Zugleich auf eine der drei Zeiten bezogen erhält dadurch nur eine genauere Fixierung seiner Zeitstelle als gegenwärtiges, vergangenes oder zukünftiges Zugleich.

Auch die zeitlichen Verhältnisse des Einzelnen haben ihre räumlichen Analoga an den Verhältnissen der Lage; ich unterlasse es jedoch, diese der Frage fernliegenden und sich leicht ergebenden Analogien im Einzelnen durchzuführen.

Das Zeitliche an einem Zusammenhang kann entweder an einem räumlich begründeten Zusammen von Eigenschaften und Zuständen, dem Ding, vorkommen, oder der Zusammenhang ist durch eine mehrfache Wiederholung des Vor und Nach selbst zeitlich begründet, er ist eine Sukzessionsreihe. An beiden Arten zusammengesetzter Gebilde kann das Zeitlich wieder sowohl als Eigenschaft, wie als Verhältnis hervortreten.

Das Ding besitzt zunächst als Ganzes, eben als Zusammen von Eigenschaften und Zuständen, die zeitliche Eigenschaft der Dauer in irgendeinem Maß. Dasselbe gilt ferner von seinen einzelnen Eigenschaften und Zuständen, die, auch während das Ding als Ganzes beharrt, teilweise dem Wechsel und der Veränderung unterworfen sind, also ein geringeres Maß an Beständigkeit oder Dauer zeigen, als das Ding selbst, teilweise aber auch an dem dem Ding selbst zukommenden Maß der Dauer teilnehmen. Wegen des Wechsels der Eigenschaften und Zustände kommen denselben auch die zeitlichen Verhältnisse zu; außer dem Jetzt auch das Vergangen und Zukünftig, außer dem Zugleich auch das Früher und Später.

Der zeitlich begründete Zusammenhang, die Sukzessionsreihe, besitzt zunächst an seiner größeren Länge oder Kürze ein Analogon der Dauer. Eine neue, am Einzelnen unmögliche, sondern die hier vorliegenden Einheit höherer Ordnung voraussetzende zeitliche Eigenschaft ist die des Verlaufens in einem bestimmten Tempo, d. h. einer bestimmten Intensität der Sukzession ihrer einzelnen Momente. Diese Intensität kann absolut gleichmäßig sein oder als Ganzes ungleichmäßig. Im letzteren Fall kann sie absolut ungleichmäßig sein, oder aber teils gleichmäßig, teils ungleichmäßig. Das ungleichmäßige Tempo kann sich noch ein Moment der Gleichmäßigkeit bewahren, indem es gleichmäßig beschleunigt oder verzögert ist, oder eine periodische Wiederkehr einer ansich in ungleichmäßigem Tempo verlaufenden Partialreihe zeigt.

Von allen diesen Unterschieden verschieden ist die absolute Geschwindigkeit des Tempos, das Presto oder Andante usw. Namentlich zwei ansich gleichmäßige Tempi können in diesem absoluten Sinn himmelweit verschieden sein.

Wir müssen uns bei der Auffassung dieser Unterschiede vor der Bezugnahme auf die für unser Erkennen gewöhnlich maßgeblichen Tempi hüten, seien dies nun die uns natürlichen und angeborenen, etwa das der Blutwelle oder des Vorstellungsverlaufs, oder seien es solche der Außenwelt, die sich an einer räumlichen Bewegung verwirklichen, wie beim Lauf der Gestirne oder den künstlichen Zeitmessern. Das Tempo einer Sukzessionsreihe ist als etwas durchaus Selbständiges, ansich Vorhandenes, Objektives vorzustellen, völlig unabhängig von dem etwa zufällig bei uns vorhandenen Vermögen es wahrzunehmen oder durch einen Vergleich mit dem als Norm zugrunde gelegten Tempo einer uns geläufigen Sukzessionsreihe näher zu bestimmen.

Auch die Sukzessionsreihen als Ganze können ferner wieder wie die einzelnen Elemente des Seins und Geschehens in zeitlichen Verhältnissen stehen und zwar nach denselben Gesichtspunkten. Eine Sukzessionsreihe kann der Gegenwart, Vergangenheit oder Zukunft angehören, wobei freilich der Begriff des Gegenwärtigen, des Jetzt, in einem weiteren Sinn, als dem des Momentanen, gefaßt werden, oder aber ein Sichhindurcherstrecken durch mehrere der drei Stufen angenommen werden muß. Ebenso kann sie, sei es als Ganzes, sei es teilweise, vor, nach oder zugleich mit einer anderen verlaufen. Auch die durch eine Beziehung der drei letztgenannten Verhältnisse auf die erstgenannten entstehenden neuen Verhältnisse des Vorvergangenen, des in der Zukunft Vergangenen, der potenzierten Zukunft usw. kehren hier wieder.

Dagegen gibt es kein rein räumliches Analogon der Eigenschaften und Verhältnisse der Sukzessionsreihen. Das Räumliche, nach Gestalt und Lage einer größeren Mannigfaltigkeit fähig als das Zeitliche, hat rein für sich betrachtet nicht einmal ein Analogon der Sukzession selbst. Es ist das Ruhende und bedarf erst der in der Bewegung vorliegenden Vergesellschaftung mit dem Zeitlichen, nämlich mit der zeitlichen Verknüpfung einer Mehrheit von Momenten des Geschehens zur Sukzessionsreihe, um nicht sowohl ein Analogon, als vielmehr eine räumlich bestimmte Spezies der Sukzessionsreihe zu erzeugen.

Wir haben in Bezug auf fast alle diese zeitlichen Eigenschaften und Verhältnisse das Bedürfnis einer exakten quantitativen Bestimmung, d. h. des Messens, und einer aus dieser quantitativen Bestimmung abgeleiteten exakten quantitativen Vergleichung. Dieses Bedürfnis gilt für die Dauer am Einzelnen und ihre Analoga beim Ding und bei der Sukzessionsreihe, für das Tempo hinsichtlich seiner absoluten Geschwindigkeit und seiner Variationen, für den Abstand eines Vergangenen oder Zukünftigen von der Gegenwart, wie für die Abstände im relativen Vor und Nach: selbstverständlich auch für die komplizierten Verhältnisse. Als Maßstab für diese Messungen könnte ein rein zeitlicher Verlauf dienen, wenn es eine für uns unmittelbar perzipierbare Sukzessionsreihe von absolut gleichmäßigem Tempo und zumindest für unsere Erfahrung nicht anfangender und endender Länge gäbe, an der, sei es durch natürliche Einschnitte, sei es künstlich durch ein Zählen der einzelnen, gleichmäßig voneinander abstehenden Sukzessionsmomente eine den vielfachen Bedürfnissen des Messens entsprechende Mannigfaltigkeit von größeren und kleineren Perioden markiert werden könnte. Ein brauchbares Maß muß sowohl für die größten, wie für die kleinsten Dimensionen verwendbar sein. Dauer und zeitlicher Abstand könnten direkt durch die Zahl der ihnen entsprechenden Sukzessionsmomente dieses Verlaufs ausgedrückt werden, ein gleichmäßiges Tempo wäre bestimmt durch das Verhältnis der Zahl der mit einer gewissen Anzahl von Sukzessionsmomenten des Normalverlaufs gleichzeitig verlaufenden Momente des seinem Tempo nach zu bestimmenden Verlaufs zur Anzahl der gleichzeitigen Momente des Normalverlaufs; ein ungleichmäßiges Tempo wäre nur im Falle der gleichmäßigen Beschleunigung oder Verzögerung oder im Fall einer periodischen Wiederkehr der Phasen des Ungleichmäßigen meßbar.

Auch wenn es einen solchen Normalverlauf tatsächlich gäbe, was wir der ganzen Anlage der Untersuchung nach hier noch nicht zu entscheiden haben, wäre derselbe immer noch nicht - und das muß hier schon konstatiert werden - die Zeit selbst. Er wäre eben als Sukzessionsreihe immer nur etwas Zeitliches.

Hiermit ist der Sinn der Frage nach dem Wesen der Zeit negativ, durch eine Abgrenzung gegen das Nächstverwandte, bei dem am leichtesten eine Verwechslung eintreten könnte, sichergestellt: alles Zeitliche ist noch nicht die Zeit selbst. LIEBMANN veranschaulicht in seinem Aufsatz über subjektive, objektive und absolute Zeit ("Analysis der Wirklichkeit") diesen Unterschied hinsichtlich des einen Elements des Zeitlichen, der Sukzession, am hundertjährigen Stillstand allen Geschehens im Märchen vom  Dornröschen.  Erweitern wir diesen Vorgang auf das gesamte Weltgeschehen und denken wir aus demselben nicht nur die Sukzession mit ihren möglichen Eigenschaften und Verhältnissen, sondern auch die Dauer, das Jetzt, das Vorher und Nachher usw., kurz alle die aufgeführten zeitlichen Bestimmtheiten hinweg, so wäre das dann noch als Ingrediens der Welteinrichtung Verbleibende die Zeit selbst. Das ist der Sinn der Frage.


II. Verfahren des Lösungsversuchs

Wir haben das rein begrifflich entwickelte Zeitliche als Mittel zur negativen Abgrenzung des gesuchten Begriffs verwandt; dasselbe hat aber noch eine andere Verwendung bei der Lösung unserer Frage, nämlich soweit es als wirklich erwiesen werden kann. Es ist hier das Prinzip anzuwenden: Was wirklich ist, muß auch möglich sein; oder: Für jedes Wirkliche müssen die Bedingungen seiner Möglichkeit gegeben sein.

Es ist das allerdings ein Prinzip, bei dem wir von Seiten des absoluten Skeptizismus ebensogut, wie bei dem Prinzip, daß jedes Sein oder Geschehen eine Ursache haben muß, einer Ablehnung seines Gebrauchs als Erkenntnisprinzip gewärtig sein müssen. Wir machen dem Skeptizismus das unumwundene Zugeständnis, daß beide Prinzipien einen direkten Berechtigungsgrund nur an der ihnen zugrundeliegenden Nötigung unseres Intellekts zur Ursachensetzung wie zur Setzung der Bedingung der Möglichkeit für ein Wirkliches besitzen. Beide sind kategorialer Natur im richtig verstandenen kantischen Sinne. Nach diesem besteht das Wesen der Kategorie nicht in der logischen Formulierung als Verstandesbegriff, sondern in der durch diesen Begriff bezeichneten intellektuellen Funktion als einer zwar aus einer subjektiven Nötigung entspringenden, aber an der Konstituierung unserer Weltvorstellung unablösbar beteiligten. In diesem Sinne kann die Erkenntnislehre einer mäßigen Zahl von Kategorien nicht entbehren; die idealistische Korrelatlosigkeit der kategorialen Funktion im Wirklichen, wie sie bei KANT vorliegt, brauchen wir darum doch nicht mitzumachen; die Abwesenheit jeder Gegeninstanz gegen die Richtigkeit der kategorial begründeten Annahmen muß uns - wohl oder übel - als Bürgschaft für die korrespondierende Einrichtung des Wirklichen genügen.

Wir legen also der Untersuchung über das Wesen der Zeit den Schluß vom Wirklichen auf die Bedingungen seiner Möglichkeit zugrunde; wir fassen in einer zunächst noch rein formalen, inhaltsleeren Definition die Zeit als den in der Welteinrichtung gegebenen Inbegriff der Bedingungen des wirklichen Zeitlichen oder als dasjenige Ingrediens der Welteinrichtung, auf dem die Möglichkeit des realen Zeitlichen beruth. Die Definition ist deshalb noch inhaltsleer, weil wir das  reale  Zeitliche noch nicht kennen.

Um den Begriff "Bedingung der Möglichkeit" zu verdeutlichen, muß zunächst der der Möglichkeit bestimmt werden. Unter Möglichkeit ist hier nicht die abstrakte Vorstellbarkeit des Wirklichwerdens außerhalb allen Zusammenhangs des Wirklichen verstanden, sondern diejenige Möglichkeit, die beim Eintreten der wirkenden Ursache zur Wirklichkeit wird. Ich kann mir vorstellen, daß ein Mensch in der Lotterie gewinnt, wenn er auch kein Los besitzt, ja wenn es gar keine Lotterie gibt, oder daß Einer im Krieg verwundet wird, auch wenn er gar nicht in den Krieg gezogen ist oder es gar keinen Krieg gibt. Für die hier in Rede stehende Möglichkeit aber müssen notwendig Bedingungen erfüllt sein, die ansich die Möglichkeit und zusammen mit der wirkenden Ursache die Wirklichkeit konstituieren. Diese Bedingungen sind in den vorstehenden Beispielen die Existenz einer Lotterei und der Besitz eines Loses, die Existenz eines Krieges und die Beteiligung eines Individuums an demselben. Ebenso sind für jeden Menschen in der Konstitution seines Körpers die Bedingungen gegeben, in jedem gegebenen Augenblick plötzlich zu sterben; so enthält der Same oder Keim die Bedingungen der Möglichkeit der Pflanze, der Marmorblock die Bedingungen einer Statue, die Schwerkraft und der Erhebung eines Körpers über die Erdoberfläche bilden die Bedingungen der Möglickeit seines Fallens. Von den Bedingungen in einem strengeren Sinn, den Bedingungen des Wirklichwerdens, unterscheiden sich die Bedingungen der Möglichkeit dadurch, daß bei ersteren die wirkende Ursache mit einbegriffen, bei letzteren ausgeschlossen ist.

Hiernach zerfällt die Untersuchung in zwei Hauptteile. Der eine hat es mit der Ermittlung zu tun, welche von den vorstehend nur begrifflich unterschiedenen Bestimmungen des Zeitlichen als wirklich erwiesen werden können; der zweite mit den Folgerungen, die nach unserem Prinzip aus dem als wirklich ermittelten Zeitlichen auf die Bedingung seiner Möglichkeit, und zwar nicht nur hinsichtlich ihrer Existenz, sondern auch hinsichtlich ihrer Beschaffenheit gezogen werden müssen. Aus dem  Daß  des realen Zeitlichen folgt das  Daß,  aus dem  Was  des realen Zeitlichen das  Was  der Bedingung. Gibt es kein reales Zeitliches, so gibt es keine Zeit; gibt es ein reales Zeitliches, so wird dessen Beschaffenheit auch für die Beschaffenheit der Bedingung seiner Möglichkeit aufschlußgebend sein.

Diese Zweiteilung der Untersuchung wird aber durch eine andere Zweiteilung durchkreuzt, die auf dem Grad der Zugänglichkeit des zunächst zu Ermittelnden, des realen Zeitlichen, für die Erkenntnis beruth. Die Erkenntnisobjekte sind teils bewußtseinsimmanente, teils bewußtseinstranszendente. Von jenen besitzen wir intuitive, von diesen nur abgeleitete, durch den Schluß von der Wirkung auf die Ursache vermittelte Erkenntnis; jene bilden den Gegenstand der reinen Erfahrung, diese den der Erfahrung in einem vulgären Sinn. Den aus diesem verschiedenen Grad der Zugänglichkeit entspringenden Unterschied werden wir als obersten Einteilungsgrund annehmen; wir erhalten so zwei Gebiete, auf denen es sich um die Ermittlung des realen Zeitlichen handelt, das Gebiet der Bewußtseinsvorgänge und das der Außenwelt. In jedem dieser beiden Hauptteile ergibt sich sodann nach dem ersten Einteilungsprinzip (Ermittlung des realen Zeitlichen, Schluß auf die Bedingung) eine Subdivision. So enstehen folgende vier Abschnitte:
    1. Das reale Zeitliche des Bewußtseinsverlaufs.

    2. Folgerungen daraus für das Wesen der Zeit.

    3. Neu hinzutretende zeitliche Bestimmungen im Bewußtseinstranszendenten.

    4. Daraus abzuleitende weitere Folgerungen für das Wesen der Zeit.
Ehe wir aber nach diesem Schema in die Untersuchung selbst eintreten, soll durch einen Überblick über die bisher vorliegenden Verfahrensweisen in der Bestimmung der Zeit der Anspruch unseres Verfahrens auf Neuheit begründet werden. Dieser Überblick wird sich durch die dabei zu gewinnende Einsicht in die begangenen Fehler für unser Unternehmen auch höchst förderlich erweisen.


III. Neuheit des Verfahrens

Wollte ich zum Beweis der Neuheit dieses Verfahrens alle in der Geschichte der Philosophie oder im gemeinen Leben auftretenden Vorstellungen von der Zeit auf die Weise ihres bewußten oder unbewußten Zustandekommens hin untersuchen, so würde ich die dieser Arbeit gesteckten Grenzen weit überschreiten müssen. Es wird genügen, eine Anzahl typischer Bestimmungsweisen, an denen auch das eingeschlagene Verfahren deutlich erkennbar ist, herauszuheben. Dieselben lassen sich zugleich, da das hervortretende, unbefriedigende Resultat jedesmal eine Folge der Nichtbeachtung eines der drei im Vorstehenden geltend gemachten methodischen Gesichtspunkte - Unterscheidung der Zeit vom Zeitlichen, Schluß vom Wirklichen auf die Bedingung seiner Möglichkeit, Unterscheidung des realen Zeitlichen am Bewußtseinsinhalt von dem am Bewußtseinstranszendenten - ist, so anordnen, daß zuerst solche Versuche aufgeführt werden, die an der Nichtbeachtung des ersten, sodann solche, die an der des zweiten Gesichtspunktes scheitern, an letzter Stelle aber die Zeittheorie KANTs als Specimen [Probe - wp] des Verstoßes gegen den dritten Gesichtspunkt nachgewiesen wird.

Den  ersten  Fehler, die Verwechslung der Zeit mit dem Zeitlichen, begeht am offenkundigsten WUNDT in seinem "System der Philosophie". Ich brauche, um sein Verfahren zu kennzeichnen, nur zwei Sätze anzuführen:
    "Die Zeit ist ein ebenso unmittelbar mit dem objektiven Wahrnehmungsinhalt verbundener  Bestandteil,  wie der Raum." (Seite 130)

    "Die  Eigenschaften  von Raum und Zeit sind in der Anschauung unmittelbar enthalten." (Seite 354)
Hier ist das reine  quid pro quo [dieses für jenes - wp]. Es kann keinem Zweifel unterliegen, daß der "Wahrnehmungsbestandteil" und die "Eigenschaften" eben nur das Zeitliche sind; wir wollen aber wissen, was die Zeit ist.

Denselben Fehler, doch abgeschwächte durch eine unvermittelt danebentretende partielle Ahnung des Richtigen, begeht LIEBMANN in dem bereits angeführten Aufsatz. Seite 107 der 2. Auflage der "Analysis der Wirklichkeit" heißt es:
    "Gesetzt ... mit dem Stocken und Aufhören alles natürlichen Geschehens stockt auch das geistige, ... könnte dann wohl irgendetwas der Zeit Ähnliches zurückbleiben? Kaum! ...  Sukzession, also Zeit,  ist nur möglich, wenn irgendetwas einander sukzediert!"
Und Seite 111:
    "Abstrahiert man vom materiellen und geistigen, also von allem Geschehen, so bleibt nichts übrig."
Auch hier wird unzweifelhaft die Zeit mit dem Zeitlichen, und zwar überdies mit einem ganz einseitig herausgegriffenen Element des Zeitlichen, der Sukzession, verwechselt. Doch finden wir im Zusammenhang der ersteren Stelle folgende Bemerkung: "Von der objektiven Zeit bliebe dann als alleiniges Residuum  unsere Überzeugung  zurück, daß, falls etwa der objektive kosmische Prozeß ... seinen Stillstand aufzugeben ... sich gemäßigt sehen sollte, dieser Fortsetzung gar nichts im Wege stehen würde."

Diese Überzeugung wird gleich darauf genauer als der "bloße  Begriff  der Möglichkeit objektiven Geschehens" formuliert und als Parallelstell der Ausspruch von LEIBNIZ angeführt: "Le temps sans les choses n'est autre chose qu'une simple possibilité  idéale" [Zeit ohne Dinge ist nichts anderes als bloß eine ideale Möglichkeit - wp], in der das Epitheton [schmückendes Beiwort - wp] "idéale" dieselbe bloße Vorstellungsmäßigkeit oder Begrifflichkeit des übrig bleibenden Möglichen bezeichnet. Ebenso an der zweiten Stelle das "nichts" sofort durch den Zusatz "nichts Reales zumindest" eingeschränkt und die Bemerkung angefügt, unsere Intelligenz könne sich des Gedankens nicht erwehren, daß, wenn zuerst jedes Geschehen stillstände, dann aber wieder fortzufahren versuchte, diesem Versuch kein Hindernis, insbesondere nicht etwa der Mangel an Zeit, sich in den Weg stellen würde. Auch hier ist ihm aber die übrig bleibende Möglichkeit nur eine ideelle, ein Gedanke, dessen unsere Intelligenz sich nicht erwehren kann, und in dem unmittelbar sich anschließenden Resumé bezeichnet er die "reine" Zeit als "die  Idee  einer objektiven Möglichkeit eines Geschehens und einer Sukzession", die "mit der Organisation unserer Intelligenz unzertrennlich und solidarisch verknüpft zu sein" scheint, und identifiziert diese uns angeborene "Idee einer objektiven Möglichkeit" fälschlich mit der kantischen Apriorität der Zeit. Wir können hier drei teilweise ineinander fließende Positionen unterscheiden:
    1. Die offenkundige Verwechslung der Zeit mit dem Zeitlichen;

    2. Die Statuierung einer vom Zeitlichen verschiedenen "objektiven" Möglichkeit desselben;

    3. Salto mortale ins Apriorische durch eine Erklärung dieser objektiven Möglichkeit als eine bloße, aus einer Nötigung unserer Organisation entspringende Idee.
Die Ahnung des Richtigen liegt hier in der zweiten Position, wird aber freilich durch das völlige Zusammenfließen derselben mit der dritten sofort wieder illusorisch gemacht.

Ich setze des Interesses halber, das dieser dem Richtigen so nahe kommende und doch von ihm wieder so weit abschweifende Standpunkt darbietet, noch zwei weitere Parallelstellen aus den LEIBNIZschen  Nouveaux Essays  her
    II, c. 4: "Zeit und Raum sind nur Weisen der Ordnung; in diesen Ordnungen würde der freie Platz, den man in Bezug auf den Raum das Leere nennt,  wenn es einen solchen gäbe,  nur die Möglichkeit dessen bezeichnen, was als Wirkliches fehlt."

    II. c. 14: "Die Leere, welche man in der Zeit  denken  kann, bezeichnet wie die des Raumes, daß Zeit und Raum ebensogut auf das Mögliche wie auf das Wirkliche gehen."
Hier drücken die hervorgehobenen Worte offenbar dasselbe aus, wie das Adjektivum in der  possibilité idéale  der obigen Stelle.

In etwas anderer Weise tritt die Verwechslung des Zeitlichen mit der Zeit in einer Stelle der von HARTMANNschen "Kritischen Grundlegung des transzendentalen Realismus" (zweite Auflage, 1875) mit einer Ahnung des Richtigen verbunden auf. Während nämlich bei LIEBMANN diese Ahnung aus einer Reflexion über das beim Aufhören der Sukzession Verbleibende entspringt, hat sie bei von HARTMANN ihren Ursprung in der Zusammenschweissung zweier durchaus verschiedener Begriffe, des Begriffs des Zeitlichen und des der Zeit, in einer Erörterung. Indem der Verfasser auch das Zeitliche Zeit nennt, vereinigt er unvermerkt in seiner Begriffsbestimmung zwei durchaus heterogene Gruppen von Bestimmungen, von denen die einen auf das Zeitliche passen und nur durch eine Verwechslung auf die Zeit übertragen werden, die andern aber richtige Bestimmungen des Wesens der Zeit geben. Die Stelle lautet (Seite 159):
    "Raum und Zeit ... sind keine Dinge, sondern nur Beschaffenheiten (Daseinsformen)  an  Dingen, sie sind also nur insofern etwas Existierendes, als sie etwas wirklich den Substanzen Inhärierendes [Innewohnendes - wp] sind, das also ... keinesfalls übrig bleibt, wenn alle Dinge aufgehoben werden,  und ... sie sind Bedingungen, ohne deren Erfüllung die Dinge nicht das sein würden, was sie wirklich sind, also ideale Bedingungen der Schöpfung  solcher  Dinge."
Von den beiden durch  und  verbundenen Teilen dieses Satzes gibt der erste deutlich Wesensbestimmungen des Zeitlichen, die nur durch eine falsche Deutung des Wortes  Zeit  auf die Zeit übertragen werden; hier also die in Rede stehende Verwechslung. Der zweite gibt ebenso deutlich wirkliche Wesensbestimmungen der Zeit. Die in beiden Teilen gegebenen Bestimmungen sind wesentlich verschieden; dort Beschaffenheit, Daseinsform, Inhärierendes, das die Dinge nicht überleben kann; hier Bedingung der Schöpfung, d. h. der Möglichkeit einer solchen, d. h. eben zeitlich beschaffener Dinge. Der Zusatz "ideale" Bedingungen, der dem Zusammenhang nach im Gegensatz gegen etwaige präexistente Bedingungen solche Bedingungen, die qua Bedingungen nur ideell vom Seienden gesondert werden dürfen, bezeichnen soll, zielt allerdings auf eine Überbrückung des Unterschiedes zwischen beiden Arten von Bestimmungen; wir sollen offenbar das inhärierende Zeitliche selbst zugleich als die immanente Bedingung des Soseins der Dinge ansehen; trotzdem aber bleibt einmal die Verwechslung des Zeitlichen mit der Zeit, andernteils die Verknüpfung von Bestimmungen mit dem Zeitlichen, die in Wirklichkeit nur auf die Zeit passen.

Eine  zweite  Gruppe von irrigen Auffassungen der Zeit entsteht dadurch, daß zwar mehr oder weniger deutlich das Bedürfnis empfunden wird, die Zeit vom Zeitlichen zu sondern und ihr eine eigene besondere Beschaffenheit zuzuweisen, daß aber die Lösung dieser Aufgabe nicht nach der oben bezeichneten, in gegenwärtiger Arbeit durchzuführenden Methode, sondern durch eine Art von abstrahierender Umgestaltung, eine ausleerende Sublimierung, Idealisierung oder Potenzierung des Zeitlichen selbst versucht wird. Die Zeit soll etwas Reales außer und neben dem Zeitlichen, etwas dem Zeitlichen Ähnliches und doch auch wieder von ihm Verschiedenes sein.

Diesem völlig unbewußt, teils mehr oder weniger bewußt geübten Verfahren boten sich naturgemäß die vier alten, von den scholastisch gebildeten Aristotelikern des ausgehenden Mittelalters und der Übergangszeit mit Vorliebe gebrauchten vier Kategorien des Seienden, Substanz, Eigenschaft, Zustand, Verhältnis, als Anhaltspunkte dar. Das Verfahren ist hier das gleiche, das auch hinsichtlich des Raums beobachtet wird. Es würde zu weit führen, wollten wir diese Bemühungen für die vorkantische Periode der neueren Philosophie vollständig verfolgen. Für ihre Anfänge im 16. und beginnenden 17. Jahrhundert fehlt es hierzu auch noch sehr an geeigneten Vorarbeiten. KUNO FISCHER bietet nichts, BAUMANN (Die Lehren von Zeit, Raum und Mathematik, Bd. I) hat zwar einen einleitenden Abschnitt über SUAREZ, stellt aber den Sachverhalt nicht genügend klar; die Schrift von PIERRE-FÉLIX THOMAS, "La philosophie de Gassendi" (Paris 1889), scheint wenigstens für den Raum einiges zu bieten, ist mir aber leider nicht zugänglich; in einem Referat über dieselbe (Revue philosophique, Januar 1890) finde ich die Bemerkung:
    "Der Raum ist den Aristotelikern eine  Eigenschaft, Descartes  eine  Substanz, Gassendi  eine  capacité  de recevoir les êtres, une chose à  sa maniere [Fähigkeit sein Wesen zu erhalten, eine Sache in ihrer eigenen Art - wp]."
Es wird für meinen Zweck genügen, von der bei KANT gegebenen Darstellung des Standes der Frage auszugehen. Diese muß nicht in der Vernunftkritik gesucht werden die überhaupt für die vorliegende, damals für KANT längst abgemachte Frage nur ein abgeblaßtes, wenn auch etwas modifiziertes Resumé gibt, sondern in der Inauguraldissertation, wo die ganze Frage für KANT noch im Fluß ist und er mit dem Interesse der ersten Entdeckung redet. Die Schwierigkeiten des Problems treten hier nicht erst im 3. Abschnitt auf, wo er seine Lösung gibt, sondern durchziehen schon die Erörterungen der beiden vorhergehenden Abschnitte. Die für die vorliegende Gruppe von Versuchen bezeichnendste Stelle befindet sich im 5. Absatz des die Idealität der Zeit begründenden § 14 "Tempus non est objecticum aliquid et reale, nec  substantia,  nec  accidens,  nec  relatio,  sed" [Die Zeit ist weder eine reale Sache, noch eine Substanz und auch keine Eigenschaft oder Beziehung. - wp] etc. Seine hier zunächst folgenden Gegengründe, bei denen er Substanz und Akzidenz zusammenfaßt und nur die Relation gesondert behandelt, interessieren uns nicht. Er fährt dann fort:
    "Wer die gegenständliche Realität der Zeit behauptet, faßt sie entweder als einen stetigen Fluß im Dasein, aber doch ohne ein daseiendes Ding (ein toller Gedanke); hauptsächlich sind dies die  englischen Philosophen;  oder wie ein von der Folge innerer Zustände abgezogenes Wirkliches, wie  Leibniz  und seine Anhänger."
Unzweifelhaft haben wir in den beiden hier zutreffend charakterisierten Standpunkten die Auffassung als Substanz und als Relation im vorbezeichneten Sinn vor uns. Dies muß nachgewiesen werden.

Die erste Auffassung ist die NEWTONs, die in den  Principia  so formuliert wird:
    "Die absolute, wahre und mathematische Zeit in sich selbst und ihrer eigenen Natur nach, ist ohne Beziehung zu irgendetwas Äußerem und wird mit einem anderen Namen Dauer genannt."
Und etwas weiter heißt es:
    "Alle Bewegung kann beschleunigt oder verlangsamt werden, aber der Strom der absoluten Zeit ist unveränderbar."
Hier haben wir das eine der beiden "ewigen und unendlichen, für sich bestehenden Undinge", von denen die Vernunftkritik redet (Ausgabe Rosenkranz, Seite 47) vor uns. Es ist da ein fungierendes Subjekt, das doch durch nichts anderes, als durch das Wesen seiner Funktion bestimmt wird, eine Funktion, zu der ein Fungierendes statuiert wird, das aber doch auch wieder selbst nichts anderes ist, als die Funktion selbst. Diese Zeitvorstellung entsteht, indem  ein ganz bestimmtes Zeitliches,  nämlich die in der Natur gegebenen oder auch künstlich hergestellten, durch die Gleichmäßigkeit der Tempos und Ununterbrochenheit zum Maß des Zeitlichen sich eignenden Normalverläufe, einem Sublimationsprozeß unterworfen werden und das Produkt dieses Prozesses alsdann verdinglicht wird. Die Sublimierung besteht in der Weglassung des räumlichen und dinglichen Substrats, vermöge dessen der Verlauf sich als gleichmäßige Bewegung eines Objekts charakterisiert und in der Beseitigung der jenen Normalverläufen anhaftenden zeitlichen Endlichkeit. Der diese Sublimierung bewirkende Trieb ist das Bedürfnis eines durch absolute Gleichmäßigkeit des Tempos und Unabhängigkeit von irgendeinem endlichen Existierenden unabhängigen, absoluten Maßes des Zeitlichen. Die Verdinglichung folgt, so abstrus sie ist, mit einer gewissen Notwendigkeit aus der Loslösung dieses absoluten Normalverlaufs aus jedem Zusammenhang mit dem endlich Existierenden, aus der Verselbständigung. Das nicht an einem Andern Seiende mußte wohl oder übel, denkbar oder nicht, ein Ding für sich sein.

NEWTON glaubt zwischen seiner "absoluten, wahren und mathematischen" Zeit und der "relativen, erscheinenden" des großen Haufens einen Unterschied konstituieren zu können. Die vulgäre Auffassung gebraucht seiner Ansicht nach "das sinnlich wahrnehmbare und äußere Maß der Dauer durch die Bewegung ... statt der wahren Zeit". Ich glaube jedoch nicht, daß diese Unterscheidung eine haltbare ist. Auch die im Sprachgebrauch hervortretende Zeitvorstellung des gemeinen Bewußtseins vollzieht schon, wenngleich nicht mit vollem Bewußtsein und NEWTONscher Gedankenschärfe, die Unterscheidung zwischen den sinnlich wahrnehmbaren, empirischen Normalverläufen, die sich zunächst als Maße des Zeitlichen darbieten, und dem absoluten Normalverlauf, den es ganz wie NEWTON sublimiert, verselbständigt und schließlich verdinglicht. Es würde eine weitläufige und schwierige Untersuchung des Sprachgebrauchs erfordern, um diese Behauptung in befriedigendem Maße zu begründen und die Zeitvorstellung des populären Bewußtseins genau zu bestimmen. Wer hat wohl bis jetzt diese doch so nahe liegende Untersuchung in erschöpfender Weise angestellt? Ich will nur Einiges anführen.

Wenn der Sprachgebrauch durchweg die Zeit als Substantivum behandelt, so glaube ich nicht, daß es sich dabei um ein Abstraktum, vom logischen himmelweit verschieden, wenn auch oft genug mit ihm konfundiert, ist das zum Zweck des Gebrauchs als Subjekt, einer Aussage der sprachlichen Form nach substantivierte Akzidenz, die Eigenschaft, der Zustand, das Verhältnis.  Röte, Tugend, Leben, Tod, Liebe, Nähe, Freundschaft  sind grammatische Abstrakta. Das logische Abstraktum hat überhaupt keine Realität, sondern vertritt nur Existierendes, das grammatische Abstraktum existiert nur nicht in der Form, in die die Sprache es kleidet, in der Form des Dinges. Es scheint aber, daß die Sprache die Zeit wirklich dinglich faßt.

Ferner: Wenn wir von Zeitabschnitten, Jahrhunderten, Jahren, Monaten usw. reden, so denken wir dabei keineswegs an die sinnlich wahrnehmbaren Normalverläufe, die Bewegungen, die uns allerdings empirisch als Zeitmaße dienen, sondern wir stellen diese Abschnitte als Abschnitte eines von jenen sinnlichen Verläufen verschiedenen absoluten und einheitlichen Normalverlaufs vor.

Dasselbe ist der Fall, wenn ich sage: Etwas hat viel Zeit gekostet, ist vor langer Zeit passiert, die Zeit wird mir lang, ich habe Zeit, Zeit ist Geld. Zeit haben heißt z. B.: nicht genötigt sein, die nach dem absoluten Normalverlauf zu messende Sukzessionsreihe meiner seelischen Funktionen in einer bestimmten Richtung zu betätigen. Zeit ist Geld drückt die Möglichkeit aus, diese am absoluten Verlauf zu messende Sukzessionsreihe der seelischen Funktionen, speziell des Wollens, erfolgreich in den Dienst eines bestimmten Zweckes, des Gelderwerbs, zu stellen. Schon in diesem Beispiel drängt sich ein fremder Inhalt, nämlich die Vorstellung einer bestimmten Ausfüllungsweise des Zeitverlaufs, in die Zeitvorstellung hinein. Dasselbe ist noch offenkundiger, wenn von schlechten Zeiten, von der Zeit KARLs des Großen, vom Zahn der Zeit oder von der Zeit, die alle Wunden heilt, die Rede ist. Diese Beispiele gehören nicht hierher, weil sie stillschweigend das in der Zeit Geschende einschließen; die übrigen scheinen mir genügend deutlich eine Verselbständigung und Verdinglichung der Zeit im Sinne eines endlosen Normalverlaufs von gleichmäßigem Tempo zu beweisen.

Das  abstractum reale al successione statuum internorum  [ein von der Folge innerer Zustände abgezogenes Wirkliches - wp] der LEIBNIZschen Schule unterscheidet sich von der NEWTONschen Lehre zunächst dadurch, daß hier die Verdinglichung fehlt. Ferner aber auch dadurch, daß hier der Prozeß der Sublimierung nicht von den als Maßstab benutzten Normalverläufen, sondern von der Sukzessionsreihe des inneren Geschehens seinen Ausgang nimmt. Indem bei dieser Sukzessionsreihe vom Inhalt des Sukzedierenden  abstrahiert  wird, bleibt das bloße  Verhältnis  des Nacheinander übrig. Dies ist dasjenige Zeitliche, das hier verselbständigt und in einer, wenn auch nur ideellen Unterscheidung vom realen Zeitlichen für  die  Zeit erklärt wird. Diese Verselbständigung drückt der Zusatz  reale  aus. Die Zeit kann, eben als Verhältnis, nur  am  Sukzedierenden existieren und nur durch Abstraktion  von  demselben vorgestellt werden, wie die Zahl durch Abstraktion vom Gezählten; dennoch aber ist sie ein Reales, ein von der jedesmaligen einzelnen Sukzession Verschiedenes; sie ist die Ordnung, nach der die einzelnen Sukzessionen erfolgen müssen, das Gesetz der Sukzession (vgl. BAUMANN, a. a. O., Bd. II, Seite 87). Da sie aber als Reales nur am Sukzedierenden sein kann, so bleibt sie, wenn Nichts mehr sukzediert, nur noch als ideelle, gedachte Möglichkeit übrig, wie wir dies schon LIEBMANN in wesentlicher Übereinstimmung mit LEIBNIZ behaupten sahen. Der Unterschied zwischen Beiden besteht nur darin, daß LIEBMANN auch die empirischen Sukzessionen selbst mit der Zeit identifizierte, während LEIBNIZ den Namen  Zeit  dem aus ihnen gewonnenen  abstractum reale  vorbehält.

Gegen das  dritte  methodische Prinzip schließlich, die gebührende Berücksichtigung des Zeitlichen des Bewußtseinsverlaufs bei der Feststellung des Wesens der Zeit, verstößt KANT. KANT hat gleichsam das von mir proponierte [vorgeschlagene - wp] Verfahren zur Gewinnung des Zeitbegriffs in negativer Richtung durchgeführt. Er ist gewillt, die ganze Frage nach dem Wesen der Zeit aus der Welt zu schaffen, die Zeit aller Realität zu berauben, indem er den Nachweis antritt, daß es nichts reales Zeitliches gibt. Gibt es  realiter  keine Dauer, kein Vorher und Nachher usw., so liegt gar keine Veranlassung vor, in irgendeinem Sinn der Zeit als solcher, sei es als NEWTONsches Ding, oder als LEIBNIZsches  abstractum reale,  oder als Bedingung der Möglichkeit des Zeitlichen, eine Realität beizulegen. Es dürfte für das Verständnis des kantischen Verfahrens nicht ohne Bedeutung sein, sich zu vergegenwärtigen, daß seine Beweisführung sich tatsächlich, wenn er auch diese Unterscheidung selbst nicht macht, gegen die Realität des  Zeitlichen  richtet; er sucht diese zu beseitigen, indem er zu beweisen sucht, daß alles Zeitliche nur eine Funktion unserer intellektuellen Organisation ist.

Sein methodischer Fehler liegt nun darin, daß er nicht erkannt hat, wie weit er die Sphäre seiner Beweisführung ausdehnen müßte, um das gewünschte Resultat zu erzielen. Seine Beweise - deren Triftigkeit an dieser Stelle gar nicht in Betracht kommt - beschränken sich auf die Irrealität des Zeitlichen und der Außenwelt; sie lassen unangetastet den in der Tat durch keinen Gegenbeweis antastbaren, intuitiv, d. h. in reiner Erfahrung gegebenen zeitlichen Charakter des Bewußtseinsverlaufs. Wir können ihm alle seine Positionen hinsichtlich der Entstehung dieses zeitlichen Charakters durch eine intellektuelle Funktion zugeben; mag das zeitliche Geschehen im Bewußtsein entstehen und zustande kommen, wie es will und mag; es ist, ist wirklich und muß also auch die Bedingung seiner Möglichkeit haben. Sein Beweis ist in einer für seine Triftigkeit verhängnisvollen Weise lückenhaft. Es geht ihm, wie dem Bauern, der sein Haus anzündete, um den Kobold los zu werden, nachher aber von diesem vom geretteten Möbelkarren herab fröhlich begrüßt wurde. KANT schließt: es gibt kein Zeitliches außerhalb des empirischen Bewußtseinsverlaufs, also gibt es keine Zeit. Dies ist ein Trugschluß; wenn es Zeitliches, Dauer, Sukzession usw. im Bewußtseinsverlauf gibt, so muß es auch eine objektive Möglichkeit dieses Zeitlichen, eine Bedingung derselben in der Welteinrichtung, d. h. Zeit, geben. Oder bedürfte etwa nur das Bewußtseinstranszendente einer Bedingung seiner Möglichkeit? Ist nicht eine Sukzession von Bewußtseinselementen ein realer Vorgang im Weltgeschehen? Mag das Zeitliche des Bewußtseinsverlaufs verursacht sein, wie es will; mag im Sinne des konsequenten Skeptizismus überhaupt keine Verursachung des Bewußtseinsinhaltes erweisbar sein, er selbst existiert, und zwar mit zeitlichen Attributen.


IV. Das reale Zeitliche des Bewußtseinsverlaufs

Für die Realität bedarf es nach der vorstehenden Erörterung keines Beweises mehr; es kommt nur noch darauf an, nach dem oben rein begrifflich entwickelten Schema der Arten des Zeitlichen die im Bewußtseinsverlauf vorkommenden Arten desselben aufzuweisen. Es handelt sich also zunächst um das Zeitliche am einzelnen Element des Bewußtseinsverlaufs; nachher um das an ihm als Ganzem; auf beiden Gebieten werden wir wieder nach Eigenschaft und Verhältnis zu teilen haben.

Das einzelne Element des Bewußtseinsinhalts besitzt immer die Eigenschaft irgendeiner Dauer, einer relativ größeren oder geringeren. Es kommt hierbei nicht in Betracht, durch welche Hilfsmittel wir diese Dauer erkennen, ob durch einen Vergleich des wechselnden einzelnen Elements mit dem im Wechsel beharrenden Selbstbewußtsein; es kommt nur darauf an, daß die Dauer als Eigenschaft der Bewußtseinsvorgänge intuitiv erkannt wird.

Ebenso kommen bei den einzelnen Bewußtseinsvorgängen die beiden Arten der Verhältnisses vor. Einmal sind im Verhältnis zum gegenwärtigen Stadium des Verlaufs, das durchaus nicht als ein streng punktuelles gedacht zu werden braucht, sondern im Sinne einer populären Auffassung mit einer gewissen Latitude [Ermessensspielraum - wp] vorgestellt werden kann, andere Vorstellungen vergangen, während wir wieder andere als zukünftig zumindest erwarten. Andernteils erscheinen sie schon aufgrund des eben bezeichneten Vorgangs, indem die eine aus dem Bewußtsein scheidet, während die andere eintritt, ferner aber auch untereinander nach dem Vorher und Nachher im Verhältnis stehend, und bei der Reproduktion sind sie von der Nebenvorstellung dieses Verhältnisses als eines von ihrem Ursprung her ihnen anhaftenden begleitet. Ein unbedingtes Zugleich werden wir nicht konstituieren dürfen, da wir für die Bewußtseinsvorgänge ein so genaues Maß der Dauer nicht besitzen, daß nicht in Wirklichkeit sukzedierende Elemente irrtümlich als zugleich aufgefaßt werden könnten und auch bei mehreren gleichzeitig relativ beharrenden Vorstellungen die Möglichkeit eines alternierenden Hervortretens nicht ausgeschlossen ist, vermöge deren die einzelne in jedem Moment einen minimalen Teil der Sukzessionsreihe ausschließlich für sich in Anspruch nimmt.

Desgleichen besitzt die Gesamtheit der Bewußtseinsvorgänge einen zeitlich begründeten Zusammenhang, der als Ganzes die Eigenschaften der Dauer und eines höchst unregelmäßigen und wandelbaren, bald stockenden, bald unaufhaltsam vorwärts drängenden Tempo an sich trägt. Dieses Tempo kommt hier noch nicht in Betracht, insofern es durch die vorausgesetzten äußeren und inneren Ursachen des Bewußtseinsverlaufs beeinflußt wird, sondern lediglich als das einheitliche, aber unregelmäßige Tempo des einheitlichen Verlaufs selbst.

Wegen dieser Einheitlichkeit des gesamten Verlaufs kann bei ihm als Ganzem in einem strengen Sinn von zeitlichen Verhältnissen nur in Bezug auf die verschiedenen aufeinanderfolgenden Teile der  einen  Reihe die Rede sein. Die Sonderung in eine Mehrheit von Sukzessionsreihen entsteht im Bewußtsein nur durch die Bezugnahme auf das innere oder äußere Verursachende, einesteils auf das aktive Prinzip des seelischen Geschehens, des Wollens, des Fühlens oder des Denkens, das die Reihen nach sachlichen Gesichtspunkten sondert, andernteils auf die Objekt äußerer Wahrnehmung, die das ihnen eigene Sukzessionstempo dem Bewußtseinsverlauf obtrudieren [aufdrängen - wp] und dadurch gesonderte Reihen entstehen lassen. Es gibt also hier noch keine zeitlichen Verhältnisse von Reihen, weil es keine Mehrheit von Reihen gibt.

Das wäre also das nächste, unmittelbar gegebene Material, von dem wir bei der Bestimmung des Wesens der Zeit auszugehen haben.


V. Folgerungen für das Wesen der Zeit

Schon aus diesem von KANT übersehenen Gebiet des Zeitlichen können die Grundzüge des Wesens der Zeit bestimmt werden. Und zwar ergeben sich folgende Folgerungen.

Erstens  müssen unmittelbar hervortretende zeitliche Eigentümlichkeiten des Bewußtseinsverlaufs möglich sein, sowohl seinen einzelnen Elementen nach, wie auch seiner Gesamtheit nach. Die Zeit ist für die einzelnen Bewußtseinsphänomene die Möglichkeit der relativen endlichen Dauer nach ihren verschiedenen Maßen, des Vergangen und Zukünftig, des Vorher und Nachher. Sie ist ferner die Möglichkeit der Sukzession überhaupt, sowie der Dauer des Bewußtseinsverlaufs als eines Ganzen und seines Tempos.

Hier nun tritt ein charakteristischer Unterschied von den in Nummer II aufgeführten, einer konkreten Sphäre angehörigen Beispielen von Bedingungen einer Möglichkeit hervor. In der Konkretheit dieser Fälle liegt es begründet, daß, was im Hinblick auf ein bestimmtes Geschehen Bedingung ist, zugleich auch, abgesehen von diesem Bedingungsein, ein reales, auch nach anderen Richtungen hin der Betätigung und Wirksamkeit fähiges Dasein besitzt. Die Lotterie und das erworbene Los, der Krieg und der Anteil des Individuums daran, der körperliche Organismus, das Samenkorn und der Marmorblock können ihr reales Dasein auch in mancherlei anderen Wirkungsweisen betätigen. Unter veränderten Umständen fügen sie sich vielleicht als Bedingungen der Möglichkeit auch in einen ganz anderen Zusammenhang des Geschehens ein, wenngleich in dem gerade in Rede stehenden Fall das Interesse ausschließlich an ihrem Charakter als Bedingungen dieser bestimmten Möglichkeiten haftet. Das Los kann mir ansich ein Wertobjekt, die Lotterie ein Gegenstand staatswirtschaftlicher Bestrebungen sein, mein Körper ist mir in vielen Beziehungen von Bedeutung usw. Dieser Fall aber kann bei der Zeit nie eintreten. Es ist kein Fall denkbar, wo sie noch eine andere Bedeutung haben könnte, als die, eine Bedingung der Möglichkeit des Zeitlichen zu sein. Darin geht ihre Bedeutung ganz auf; sie  braucht  zunächst nichts anderes zu sein. Ihr ganzes Wesen geht für mich in der Bestimmung auf, eine Bedingung  dieser  und ausschließlich dieser Möglichkeit zu sein. Sie braucht zunächst nicht selbst ein wirkliches Sein oder Geschehen, insbesondere nicht ein irgendeinem der realen zeitlichen Vorgänge Analoges oder Ähnliches zu sein. Wirkungen werden von ihr nicht beansprucht; sollten solche von ihr ausgehen, so müßten sie sich nach einer uns gänzlich fremden und unbekannten Richtung erstrecken. Wir bedürfen ihrer nur als desjenigen Elements der Welteinrichtung, das die Möglichkeit der zeitlichen Vorgänge begründet.

Zweitens.  Mein Bewußtseinsverlauf bei seinen Elementen überall nur eine endliche Dauer und endliche Abstände; auch er selbst ist von endlicher Dauer; ich bin genötigt, ihn als einmal angefangen habend und einmal zu Ende gehend vorzustellen. Ich bin aber nicht genötigt mir vorzustellen, daß diese ganze Reihe nur jetzt, das Ganze dieses Verlaufs als Gegenwärt in einem weiteren Sinn gesetzt, verlaufen könnte; ich kann diesen Verlauf, der Möglichkeit nach, in Gedanken, beliebig nach vorwärts und rückwärts verschieben, und zwar ohne Grenze. Es ist nicht abzusehen, warum dieser Verlauf gerade an dieser bestimmten zeitlichen Stell sollte stattfinden müssen, so daß vor und hinter ihm die Möglichkeit stattzufinden wir durch einen Abgrund abgeschnitten sein sollte, warum er nicht ebensogut an einer beliebig früheren oder späteren Stelle sollte möglich sein können. So ergibt sich die Forderung, daß die im ersten Punkt geforderten Möglichkeiten nicht nur jetzt, sondern auch an einer beliebigen anderen Stelle vorwärts oder rückwärts gegeben sein müssen. Mit anderen Worten, es ergibt sich für die Zeit als Bedingung der Möglichkeit des Bewußtseinsverlaufs die Forderung, die Möglichkeit einer  extensiven Unendlichkeit  oder  Unbegrenztheit  des Zeitlichen zu gewähren.

Drittens.  Die einzelnen Bewußtseinsvorgänge haben zunächst, oberflächlich gesehen, jeder für sich irgendein Maß der Dauer, oft nur ein minimales. Genauer betrachtet besteht aber jeder, indem er wird, kulminiert und entschwindet, aus einer beliebig zu vergrößerenden Mengen kleinster sukzedierender Teilchen, die sich als solche zwar der Beobachtung entziehen, die wir aber der Natur der Sache nach nicht anders als statuieren können. Es liegt keine Nötigung vor, in dieser Teilung in unserem Denken irgendeinmal inne zu halten; wir können jedes kleinste Teilchen ins Unendliche wieder geteilt denken, ohne jemals an jener Grenze anzukommen, die die Negation der zeitlichen Ausdehnung, den absolut ausdehnungslosen Zeit punkt  bezeichnet. In dieser unendlichen Teilbarkeit des Zeitlichen spricht sich seine Beschaffenheit als Kontinuum aus. Auch der kleinste diskrete Teil eines Verlaufs, die kürzeste vorstellbare Dauer in wegen dieser unendlichen Teilbarkeit immer noch ein Kontinuum. Auch hierfür müssen wir eine Möglichkeit in der Welteinrichtung statuieren: die Zeit als Bedingung des Bewußtseinsverlaufs muß die Möglichkeit einer  intensiven Unendlichhkeit,  d. h. unendlicher Teilbarkeit des in ihr verlaufenden Zeitlichen einschließen. Sie ist die Möglichkeit eines Kontinuum, braucht aber darum selbst kein Kontinuum zu sein. Hinsichtlich der zweiten und dritten Folgerung kann hier der Einwand erhoben werden, sie seien als Forderungen der Möglichkeit einer  unendlichen  Ausdehnung und Teilbarkeit von supererogativem [übermäßigem - wp] Charakter; das Wirkliche des Verlaufs könne doch weder in der extensiven, noch in der intensiven Richtung jemals auch nur entfernt das Unendliche realisieren. Auch bei der ausgedehntesten Verwirklichung der Extension oder Teilung bleibt doch immer noch eine beliebige Vervielfältigung möglich, ohne daß jedoch auch damit irgendwie ein weiterer Schritt der Annäherung an das Unendliche erzielt wird. Es genügt, die Möglichkeit innerhalb der Grenze des durch das Wirkliche Erreichbaren zu halten.

Darauf muß Folgendes erwidert werden. Wenn auch die Summe der wirklich werdenden Möglichkeiten in Extension und Teilung der Unendlichkeit niemals gleichkommen kann, so ist doch die Möglichkeit im Wirklichen selbst, die Variabilität der Fälle, eine unendliche. Was Bedingung der Möglichkeit ohne Einschränkung sein soll, muß Bedingung eines Unendlichen sein, sonst wäre es nur die Bedingung des wirklich Werdenden und eine prädestinierende Einschränkung der Möglichkeit auf die Auslese des wirklich Werdenden, zur Wirklichkeit Bestimmten. Die Prädestination aber darf nicht in der Bedingung liegen, sie kann nur in den realen Ursachen und wirkenden Kräften des Geschehens liegen. Das Mögliche ist seinem Wesen nach unendlich, wie das Unendliche seinem Wesen nach das bloß Mögliche ist; beide sind Wechselbegriffe. Damit dürfte die Berechtigung der erhobenen Forderung erwiesen sein.

Viertens.  Wir kamen schon beim ersten Punkt zu dem Resultat, daß die Zeit selbst kein wirkliches Sein oder Geschehen zu sein  braucht.  Es ergibt sich aber ferner schon aus den Daten des Bewußtseinsverlaufs, daß sie, um das Zeitliche desselben zu ermöglichen, selbst kein wirkliches Sein oder Geschehen, insbesondere kein reales Zeitliches sein  darf.  Das Tempo meines Bewußtseinsverlaufs ist ein völlig unregelmäßiges, beständig variierendes und als unendlich variables zu denken. Wäre die Zeit ein wirklicher Verlauf, so müßte sie auch ein ihr eigenes Tempo haben. Zugleich aber müßte auch das Tempo meines Bewußtseinsverlaufs in der Zeit seine Stelle haben. In diesem Falle wäre nur ein Doppeltes möglich. Entweder müßten beide Tempi übereinstimmen, d. h. das Tempo der Zeit müßte durch eine Art von prästabilierter [vorgefertigter - wp] Harmonie mit dem völlig unregelmäßigen meines Bewußtseinsverlaufs völlig übereinstimen, oder die Zeit müßte so eingerichtet sein, daß sie neben ihrem eigenen Tempo noch Platz für andere abweichende Tempi bietet, so daß diese verschiedenen nebeneinander verlaufenden Tempi sich nicht gegenseitig stören oder hindern. Diese letzte Voraussetzung muß z. B. bei der NEWTONschen Annahme eines realen, völlig gleichmäßigen Tempos der Zeit gemacht werden. Aber diese Voraussetzung eines eigenen Tempos der Zeit ist nicht nur eine völlig nutzlose und überflüssige, entsprungen, wie gezeigt, durch eine Abstraktion von den empirischen Normalverläufen, die wir als Maß des Zeitlichen benutzen, sie ist überdies mit den größten Schwierigkeiten behaftet, da wir notwendig annehmen müßten, daß das reale Eigentempo der Zeit das Tempo des Bewußtseinsverlaufs störend beeinflussen müßte. Die erstere der beiden Annahmen aber würde zwar auf dem Standpunkt der Betrachtung, den wir augenblicklich einnehmen, nach dem der Verlauf meines Bewußtseins der einzige mir bekannte ist, möglich sein, unterliegt aber dem doppelten Bedenken, daß die Annahme eines selbständigen und dennoch mit dem willkürlich irregulären meines Bewußtseins völlig konformen Verlaufs einesteils eine völlig zwecklose und dabei höchst seltsame wäre, andernteils aber die Möglichkeit jedes anderen, von dem meines Bewußtseins verschiedenen Tempos der Sukzession innerhalb der Zeit ausschließen und also nur auf dem Standpunkt eines radikalen Idealismus oder Jllusionismus möglich sein würde.


VI. Neu hinzutretendes reales Zeitliches
im Bewußtseintranszendenten

Bis dahin haben wir nur mit dem Bewußtseinsphänomen operiert. Die Erkenntnislehre erweist aber die Berechtigung, diese Phänomene als verursacht zu setzen, ferner die Ursachen wieder in mannigfacher Weise, entsprechend dem Inhalt der Vorstellungen, zu differenzieren. Es gibt Ursachen der Bewußtseinsphänomene, die wir, weil sie nicht lokalisiert und projiziert werden, als seelische auffassen, und Ursachen, die wir lokalisieren udn teilweise auch projizieren, d. h. denen wir entweder ihren Sitz oder doch ihren Angriffspunkt in unserem Körper anweisen. Die letztgenannten, die projizierten, gehören der Außenwelt im engeren Sinne an. All das hat bis ins Speziellste die Erkenntnislehre zu untersuchen; hier müssen wir es als ausgemacht in der Form von Lehnsätzen aufnehmen. Wir nehmen als erwiesen auf, daß der Zwang des Vorstellens uns eine hinlängliche Berechtigung gibt, die  Existenz  einer Ursache zu setzen, daß wir berechtigt sind, im Prinzip eine Gleichartigkeit der Ursache mit der Wirkung zu setzen. Dieses Prinzip erleidet freilich in der Anwendung die empfindlichste Einbuße durch die simultane und sukzessive Komplikation des Kausalzusammenhangs bei der Entstehung der Vorstellungen, aber selbst wenn wir - im Gegensatz gegen die simultane Komplikation - einen direkten Kausalnexus hätten, würde immer noch die schlimmste Crux des erkenntnistheoretischen Realismus, die beim Übertritt eines Vorgangs ansich in einen Bewußtseinsvorgang stattfindende  metabasis eis allo genos [willkürlicher Sprung auf eine andere logische Ebene - wp] zu überwinden bleiben. Alle diese Schwierigkeiten aber scheinen nur die Erkennbarkeit des Bewußtseinstranszendenten hinsichtlich seiner Qualität betreffen; ihre quantitative und qualitative Mannigfaltigkeit und ihre zeitlichen Eigentümlichkeiten scheinen davon nicht berührt zu werden. Mag ein wirkender Anstoß, bis er zu Bewußtsein gelangt, noch so viele Umgestaltungen erleiden, die numerische Besonderheit, die qualitative Unterschiedenheit von anderen (nicht die Qualität selbst!) und das Zeitliche an ihm, soweit es überhaupt für das Bewußtsein perzipierbar ist, scheint davon nicht alteriert [beeinträchtigt - wp] zu werden. Hinsichtlich des Zeitlichen freilich ist hier der Punkt, an dem KANT mit seinen Beweisen einsetzt, daß das Zeitliche an den Perzeptionen sowohl des seelischen wie auch des körperlich Bewußtseinstranszendenten lediglich die Funktion eines verzeitlichenden Faktors unserer Organisation ist. Diese Beweise aber sind nicht triftig; ihre Widerlegung würde jedoch einen unverhältnismäßigen Raum beanspruchen und ist auch von verschiedenen Seiten schon in treffender Weise gegeben worden. Das Zeitliche der Perzeptionen des inneren wie des äußeren Sinnes ist uns ein in und mit der Perzeption gegebenes Reales.

Hier nun treten neue, im Bewußtseinsverlauf nicht vorkommende zeitliche Realitäten auf. Es sind nicht mehr die engen Grenzen des Bewußtseins verlaufs,  woran sich Zeitliches offenbart, es ist das höchst mannigfaltige  Korrelat  des Bewußtseins inhalts,  an dem sich das Zeitliche in neuen Weisen und Formen auftretend zeigt. Es ist zunächst ein numerisch und qualitativ unendlich Mannigfaltiges, an dem Zeitliches auftritt; unzählige reale Weisen des Seins und Geschehens, unzählige andere Bewußtseinsverläufe usw.

Generell ergibt sich im Vergleich zum Zeitlichen des Bewußtseinsverlaufs, daß alles dort vorkommende Zeitliche auch hier vorkommt, aber in einer bedeutenden Verstärkung und Vermannigfaltigung, daß aber ferner auch Zeitliches, das im Bewußtseinsverlauf nicht statuiert werden konnte, hier völlig neu hinzukommt.

Verstärkt erscheinen im Verhältnis zu den Maßen des Bewußtseinsverlaufs die Vorkommnisse der Dauer und die Abstände im Vor und Nach, Vergangen und Zukünftig, und zwar beide in der Richtung auf eine extensive, wie auf eine intensive Unendlichkeit. Die Dauer findet sich nach der maximalen, wie nach der minimalen Seite verstärkt in Zuständen und Vorgängen der Außenwelt (in letzterer Beziehung braucht nur an die Billionen von Ätherschwingungen der Farbenlehre erinnert zu werden, um zu zeigen, daß wir Minima der Dauer als tatsächlich annehmen müssen, für die unserem Bewußtsein jede Möglichkeit des Erlebens oder der Perzeption fehlt), nach der maximalen Seite beim räumlichen Zusammen von Zuständen im Ding und in der Länge von Sukzessionsverläufen. In den Abständen einzelner Elemente des Geschehens finden sich sowohl größere als auch kleinere Maße, als bei denen des Bewußtseinsverlaufs. Von Abständen ganzer Sukzessionsreihen konnte im Bewußtseinsverlauf rein für sich wegen seiner Einheitlichkeit überhaupt nicht die Rede sein; hier sind sie vorhanden und das Bewußtsein erhält zumindest indirekt Kunde von solchen, die seine eigene Dauer unermeßlich weit überragen.

Vermannigfaltigt werden mit der Vervielfältigung der Reihen die Tempi. Indem der einheitliche Bewußtseinsverlauf als ein Ineinander von Wirkungen der mannigfaltigsten, bewußtseinstranszendenten Verläufe interpretiert wird, zeigt sich an dieser Vielheit der Verläufe eine überaus große Mannigfaltigkeit von Tempi der verschiedensten Beschaffenheit. Da sind gleichmäßige von der verschiedensten Intensität und ungleichmäßige mit ihren Abarten, dem absolut Ungleichmäßigen und dem zwar als Ganzes Ungleichmäßigen, das aber hinsichtlich der Beschleunigung oder Verzögerung oder hinsichtlich der periodischen Wiederkehr einer bestimmten Form des Ungleichmäßigen eine Gleichmäßigkeit im Ungleichmäßigen zeigt.

Neu ist im Bewußtseinstranszendenten das unzweifelhafte Auftreten eines Zugleich; das gleichzeitige Beharren im strengen Sinne ist hier in mannigfaltigster Weise realisiert. Hier ist eine an derselben Zeitstelle zusammentreffende Mannigfaltigkeit sowohl von einzelnen Elementen des Seins und Geschehens, wie von räumlich in demselben Ding vereinigten Eigenschaften und Zustände desselben, ferner von nebeneinander bestehenden Dingen und ganzen Sukzessionsverläufen, schließlich ein Zugleich von Gliedern verschiedener nebeneinander ablaufender Sukzessionsreihen, deren einzelne Elemente wegen des parallelen Ablaufs notwendig in identische Zeitstellen fallen müssen.


VII. Neu hinzutretende Bestimmungen
des Wesens der Zeit

Wir haben die gesamte bewußtseinstranszendente Wirklichkeit für das Zeitliche in Kontribution gesetzt und charakteristische Bestandteile der zu Anfang entworfenen begrifflichen Tafel des Zeitlichen, die im Bewußtseinsverlauf sich nicht realisieren konnten, im transzendenten Korrelat desselben als real nachgewiesen. Dieses Resultat muß auch auf die aus dem Zeitlichen des Bewußtseinsverlaufs gewonnenen Bestimmungen des Wesens der Zeit modifizierend einwirken. Es zeigt sich jedoch, daß nicht sowohl die dort abgeleiteten Bestimmungen der Zeit selbst einen Zuwachs oder gar eine Korrektur erhalten, sondern nur die Begründung derselben, die an der früheren Stelle teilweise eine etwas mühsame und gewundene sein mußte, eine sehr erhebliche Verstärkung, teilweise durch unvergleichlich viel beweiskräftigere und einleuchtendere Argumente, empfängt.

Dies gilt kaum hinsichtlich des  ersten  Punktes, der aus dem realen Vorhandensein der zeitlichen Eigenschaften und Verhältnisse auf das Vorhandensein der Bedingung ihrer Möglichkeit schloß. Die numerische Vermehrung der Fälle des realen Vorkommens des Zeitlichen ändert an der Notwendigkeit der Bedingung ansich nichts; für das Gewicht der Forderung bleibt es sich gleich, ob für viel oder wenig Wirkliches die Bedingung seiner Möglichkeit gefordert wird, wenn es nur ein Wirkliches war, für das die Forderung erhoben wurde. Ein ganz neu hinzutretendes reales Zeitliches ist nur das Zugleich.

Etwas anders schon steht es mit dem  zweiten  und  dritten  Punkt. Die Bedingung für eine extensive, wie für eine intensive Unendlichkeit konnte aus dem Befund des individuellen Bewußtseinsverlaufs nur in etwas künstlicher Weise abgeleitet werden. Bei der extensiven Unendlichkeit mußte die Möglichkeit zuhilfe genommen werden, den individuellen Bewußtseinsverlauf, der selbst eine endliche Größe ist, beliebig nach vorwärts oder rückwärts verschoben vorzustellen, bei der intensiven die Erwägung, daß die Elemente des Bewußtseinsverlaufs hinsichtlich ihrer Dauer in minimale Teile zerlegbar vorgestellt werden können. Jetzt liegt die Sache anders. Extensiv sind die größten Quanta zeitlicher Ausdehnung nich in der bloß ideellen Möglichkeit des Vorstellens, sondern tatsächlich und erfahrungsmäßig gegeben; intensiv ebenso die verschwindend kleinen Minima. Hier liegt also zwar kein absolut neuer Beweisgrund, aber doch eine Verstärkung des gegebenen, durch die Berufung auf ein in überwältigender Fülle tatsächlich gegebenes Beweismaterial vor.

Der  vierte  Punkt schließlich, die Notwendigkeit der Ausschließung jeder anderen Realität, als der in der Eigenschaft, Bedingung zu sein, liegenden vom Wesen der Zeit, der an der früheren Stelle nur eine schwache Stütze an der Unregelmäßigkeit des Tempos des Bewußtseinsverlaufs hatte, erhält jetzt zwei neue, an Stärke weit überlegene Beweisgründe, durch die er erst eigentlich zu vollen Evidenz erhoben wird.

Der erste Beweisgrund ist die für unsere Perzeption unbegrenzte Mannigfaltigkeit der Tempi des realen Geschehens. Wäre die Zeit selbst ein realer Verlauf mit einem bestimmten Tempo, so wäre zunächst angesichts der großen Mannigfaltigkeit realer Tempi die eine der beiden oben statthaften Annahmen, die der völligen Übereinstimmung durch eine prästabilierte Harmonie, von vornherein ausgeschlossen. Es bleibt also nur die andere Annahme, daß die Zeit neben der in ihrem eigenen Tempo zum Ausdruck kommenden selbständigen Realität zugleich die Möglichkeit der vielen übrigen Tempi, gleichsam den freien Spielraum für dieselben, darbietet. Legt man nun hierbei das Hauptgewicht auf die letztere Seite, die Bedeutung als Möglichkeit der vielen Tempi, so erscheint, wie schon an früherer Stelle hervorgehoben, die daneben vorhandene Realität eines eigenen Tempos als eine Unbegreiflichkeit und ein zweckloser Luxus, für das gesamte übrige Geschehen ohne Bedeutung. Legt man dagegen das Hauptgewicht auf den realen Verlauf der Zeit selbst mit seinem eigenartigen Tempo, so erschiene sie nur als eine besondere Art des Geschehens neben den anderen und hörte auf, die universelle Bedingung der Möglichkeit des Geschehens zu sein. Die Zahl der Tempi, für deren Möglichkeit wir uns nach einer Bedingung umsehen müßten, wäre nur um eins vermehrt, und wenn wir dieses Spiel fortsetzen und auch dieser zu statuierenden Bedingung wieder zugleich ein eigenes reales Tempo beilegen wollten, so sähen wir uns in einem endlosen Regressus des Bedingungsetzens verwickelt. Also kann der Zeit nur in ihrer Eigenschaft, Bedingung zu sein, Realität zukommen.

Der zweite Beweis stützt sich auf die in vielfachen Formen nachgewiesene Tatsächlichkeit eines Zugleich des Geschehens und des Beharrens von Dingen und ihren Eigenschaften und Zuständen und verläuft in ähnlicher Weise, wie der vorige. Sollte die Bedingung der Möglichkeit dieses Zugleich außerdem noch in einer anderen Weise eine selbständige Realität haben, so wäre dies entweder ein Unbegreifliches und Überflüssiges, völlig Irrelevantes, das überdies das Wirklichwerden des vielfachen Zugleich nur störend beeinflussen könnte, oder die Zeit würde damit zu einer bloßen Parallelerscheinung der übrigen zeitlichen Vorgänge, ein ihnen Koordiniertes, Gleichartiges und hörte eben damit auf, eine Bedingung ihrer Möglichkeit zu sein. Wir hätten sie als Bedingung aus den Händen verloren und müßten uns nach einem neuen Ingrediens der Welteinrichtung als Bedingung für ihre eigene Möglichkeit umsehen, und wenn wir auch diesem wieder in gleicher Weise Realität beilegen wollten, ständen wir auch hier wieder vor einem unendlichen Regressus des Bedingungsetzens.

Somit erhält die Notwendigkeit, die Realität der Zeit auf die Existenzweise als Bedingung zu beschränken, hier erst ihre volle überzeugende Begründung; neue Wesensbestimmungen der Zeit aber haben wir nicht gewonnen.


VIII. Schlußbetrachtung

Die anfängliche Voraussage, daß sich die Zeit ihrem eigentlichen Wesen nach als unfassbar herausstellen würde, ist in Erfüllung gegangen. Wir haben nach einer vielleicht anfechtbaren Methode, bestehend in der bewußten Anwendung eines kategorialen Prinzips, eine methodisch unanfechtbare begriffliche Formel gewonnen, die uns deutlich aber nur sagt, was die Zeit  nicht  ist - nämlich eben das Zeitliche - mit der wir aber keine bestimmte positive Anschauung und Vorstellung verbinden können.

Und zwar hat dieses Fehlen der Anschaulichkeit und Vorstellbarkeit hauptsächlich zwei Gründe.

Zunächst ist das Zeitliche, dessen Möglichkeit die Zeit gewährleisten soll, ein Vielfaches: Dauer, Abstände, Sukzession, Tempo. Diese Mannigfaltigkeit der zeitlichen Phänomene setzt dem Versuch, sie zu einer Einheit zusammenzufassen, einen beharrlichen Widerstand entgegen. Wir können allenfalls die Abstände und den Begriff des Tempos ansich auf die Sukzession zurückführen, aber die Dauer, soweit sie nicht von einer Sukzessionsreihe ausgesagt wird, scheint doch dieser Zusammenfassung zu widerstreben, und auch die Mannigfaltigkeit der Tempi scheint ihre Selbständigkeit als eine besondere Art des Zeitlichen zu behaupten. Insbesondere bildet die Dauer in dem prägnanten Sinn des längeren Beharrens im Sein und in bestimmten Zuständen einen Gegensatz gegen die Sukzession, und es ist nicht wohlgetan, wie es z. B. bei NEWTON, LEIBNIZ und LIEBMANN geschieht, beim Versuch das Wesen der Zeit zu bestimmen, ausschließlich von der Sukzession auszugehen.

Der andere Grund ist der, daß wir uns eine Bedingung, deren ganzes Wesen darin aufgeht, eine Bedingung zu sein, nicht vorstellig machen können. Sie paßt in keine der vier Kategorien des Seienden hinein und ist in der Tat, wie GASSENDI vom Raum sagt: "eine Sache besonderer Eigenart". Ja, es scheint nicht einmal möglich, die Frage, ob denn nun der Zeit eine wirkliche Realität zuzuschreiben ist, in völlig befriedigender Weise zu beantworten.

Wir können nur wenig tun, um diese Schwierigkeiten wenigstens in Etwas zu erleichtern. Es gibt hier nur  ein  Hilfsmittel, das wir überdies, ohne die Grenzen des Themas zu überschreiten, nur kompendiarisch in Anwendung bringen können. Die Zeit ist ein Ingrediens der Welteinrichtung und muß daher in einem Gesamtzusammenhang derselben in Betracht gezogen werden, was hier freilich nur in Andeutungen geschehen kann.

Das eigentlich Wirkliche der Welt ist gemäß der Natur des Wirklichen überhaupt ein numerisch Endliches. Setzen wir es seinen einfachen Grundelementen nach als eine Summe von Kraftpunkten, so wird diese Summe eine endliche Zahl sein. Dieser beschränkten Zahl des Wirklichen steht als ihre Möglichkeit die Zahl selbst als unendliche Möglichkeit einer diskreten Mannigfaltigkeit gegenüber. Daß sie außerdem noch, vermöge der unendlichen Teilbarkeit des Zwischenraums zwischen der Eins und der Null, die unendliche Möglichkeit der Zerteilung ist, kommt jetzt nicht in Betracht. Die Zahl ist aber nur eine ideelle, gedachte Möglichkeit des Vielen; sie ist kein reales Element der Welteinrichtung. Zählbar sind die Elemente jeder denkbaren realen oder imaginären Mannigfaltigkeit. Anders ist es mit Raum und Zeit.

Eine Feststellung des Wesens des Raumes müßte  mutatis mutandis [unter vergleichbaren Voraussetzungen - wp] nach derselben Methode verlaufen, die wir bei der Zeit angewandt haben, und würde  mutatis mutandis  zu einem ähnlichen Resultat führen. Der Raum ist die Bedingung der Möglichkeit des Räumlichen, d. h. des Außereinander nach den verschiedenen Weisen und Formen, in denen dasselbe in unserer Welt realiter vorkommt. Die Möglichkeit muß auch hier eine unendliche sein, wenn sie auch als solche nie zur Verwirklichung gelangen kann.

Beide zusammen bilden die tatsächlichen Daseinsnormen, das Weltgesetz, den Rahmen dieser unserer Welt, wie sie nun einmal ist. Beide können ihrer Natur nach nur als Bedingungen der durch sie möglichen Daseinsweisen und Daseinsformen selbst real sein, können aber nicht weggedacht werden, ohne die Möglichkeit  dieser  Welt aufzuheben. Es mag eine andere Welt, von der wir uns aber keine Vorstellung machen können, ohne sie möglich sein. Wie das Zeitliche ist auch das Räumliche ein Mehrfaches, das vielleicht nicht auf ein einheitliches Prinzip gebracht werden kann. Was eine Bedingung der Möglichkeit sein soll, muß daher auf beiden Gebieten eine Bedingung der Möglichkeit eines Vielfachen sein.

Die Wörter Zeit und Raum sind nicht, wie die sprachliche Form uns glauben machen will, Bezeichnungen von Gegenständen; sie sind aber auch nicht grammatische Abstrakta im gewöhnlichen Sinn des Wortes, Substantivierungen von realen Eigenschaften, Zuständen, Verhältnissen. Sie sind grammatische Abstrakta besonderer Art, Substantivierungen von in der Welteinrichtung gegebenen Bedingungen der Möglichkeit dieser unserer endlichen Welt. Weiter scheint unser Verständnis nicht vordringen zu können.

Es bleiben noch viele Fragen unerledigt, insbesondere die Frage, die das größte Geheimnis anrührt, ob wir uns nun die wirkliche Welt  a parte ante [ohne Grenzen in der Vergangenheit - wp] und  a parte post [ohne Grenzen in der Zukunft - wp] endlich oder unendlich zu denken haben. Im ersteren Fall stehen wir vor der Schwierigkeit eines möglichen vor- und nachweltlichen Zeitlichen von potentieller Unendlichkeit, im letzteren haben wir das Zeitliche im Widerspruch mit seinem offen vor Augen liegenden endlichen Wesen doch wieder verunendlicht. Es ist dieselbe Frage, nur konkreter gefaßt, ob die in unserer Welt tatsächlich gegebene Entwicklung einen Anfangs- und Endpunkt hat. Hier versagt unser Verständnis. Wir können nur sagen, die endliche, zeitliche Entwicklung beruth auf einem unzeitlich verlaufenden Eingehen eines Unzeitlichen ins Zeitliche zeitlich bestimmt, als Prozeß eines Unzeitlichen aber zugleich ohne zeitliche Schranke, absolut kontinuierlich sein. Der Prozeß der Verzeitlichung ist selbst zeitlos. Rätselhaft bleibt dabei, wie aus diesem zeitlosen Prozeß eine Sukzessionsreihe, eine zeitlich verlaufende Veränderung, eine wirkliche Entwicklung hervorgehen kann. Es muß eben der Weltprozeß als Ganzes in diesem zeitlosen Prozeß der Verzeitlichung schon enthalten sein; durch die Verzeitlichung nimmt er eben die Form der Sukzession an.

Hier stehen wir ohnmächtig vor dem größten Weltwiderspruch, dem absoluten Welträtsel, das DUBOIS-REYMOND leider ebenso, wie die Fragen nach Raum und Zeit, vergessen hat in den Katalog seiner Welträtsel aufzunehmen.
LITERATUR - August Döring, Was ist die Zeit?, Vierteljahrsschrift für wissenschaftliche Philosophie, 14. Jahrgang, Leipzig 1890