ra-2p-4Zur Lehre von den BedürfnissenDas menschliche GlückDas Bedürfnis    
 
AUGUST DÖRING
(1834 - 1912)
Philosophische Güterlehre
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"Gegenüber der unendlichen Mannigfaltigkeit auch der allgemeingültigen Gefühlsursachen und Gefühlswirkungen bedarf es eines zusammenfassenden Denkens, um das Vielfache nach der Artverwandtschaft in eine systematische Einheit zu bringen und ferner aufgrund einer umfassenden Wertvergleichung das universelle Werturteil zu gewinnen. Dieser Aufgabe unterzieht sich das populäre Bewußtsein fortwährend, zeigt sich ihr aber nur in ganz unzureichendem Maße gewachsen. Es bleibt hinsichtlich der Gruppierung des Mannigfaltigen in einem chaotischen Wirrwarr und hinsichtlich des Gesamturteils in einem durch heimliches Mißtrauen in das eigene Urteil getrübten Meinen stehen. Diese Mängel zu heben, ist die Aufgabe der Güterlehre."

Vorrede

Mit dem Ausdruck "philosophische Güterlehre" wird zunächst nur der einen bestimmteren Sinn zu verbinden wissen, der sicher erinnert, daß eine Lehre vom höchsten Gut als Endzweck und Triebfeder des Handelns einen Bestandteil der Ethik zu bilden pflegt. In der Tat hat die Güterlehre bis dahin meist in der Abhängigkeit von der Ethik ein ziemliches bescheidenes Dasein geführt.

Eine mehr selbständige Stellung ist ihr erst durch den modernen Pessimismus ermöglich worden. Indem SCHOPENHAUER die Unmöglichkeit eines Lustüberschusses in jedem Einzelfall, die Absorbierung jeder entstehendn Lust durch eine bereits vorher wirksame Unlustursache behauptete, entwickelte er die charakteristische Erscheinung einer rein negativen Güterlehre, die zwar nicht ansich und in abstracto, wohl aber infolge der stetigen Mitwirkung unvermeidlicher Unlustursachen tatsächlich und in concreto das Vorhandensein von Gütern uneingeschränkt leugnete.

Nicht ganz so radikal verfährt die negative Güterlehre bei von HARTMANN, dem zweiten Hauptvertreter des Pessimismus. Er gibt für manche Einzelfälle in beschränktem Maße die Möglichkeit überschießender Lust, also die Möglichkeit von Gütern, zu, behauptet aber trotzdem für die Gesamtheit des Lebens die ausnahmslose und notwendige Unzulänglichkeit der Lustsumme zur Deckung des gegenüberstehenden Unlustbetrages, also die Unmöglichkeit der Glückseligkeit.

Nicht wegen der Triftigkeit ihrer Argumente, sondern wegen der weitgehenden Konsequenzen und der einen Wendepunkt in der Entwicklung der Philosophie bezeichnenden charakteristischen und symptomatischen Beschaffenheit ihrer Behauptungen liegt in diesen Standpunkten die Aufforderung, die Güterlehre nicht nur als Hilfswissenschaft der Ethik, sondern als selbständige Disziplin in Angriff zu nehmen. Handelt es sich doch angesichts solcher Lehren nicht mehr bloß um eine Triebfeder des Handelns, sondern zunächst um ein Werturteil über die menschliche Schicksalslage, um die Frage, ob das Leben lebenswert sei. Auch die nicht erwiesene, aber von vielen geglaubte und nachgesprochene Behauptung stellt auf einem Gebiet, auf dem es bis dabin an wissenschaftlicher Gewißheit gefehlt hat, an die Wissenschaft die Anforderung, haltbare Resultate zu suchen. Der Pessimismus als Skeptizismus des Werturteil ergibt das Bedürfnis einer nicht mehr bloß der Ethik dienenden, sondern selbständig auftretenden Güterlehre, die den durch diesen Skeptizismus erschütterten Dogmatismus des Werturteils durch kritisch begründete Werturteile zu ersetzen imstande ist. Mit der Negation aller Güter und der Glückseligkeit ist das Grundproblem für eine ganz neue Phase der Philosophie gestellt, die bestimmt ist, die abgelaufene Periode der christlichen Philosophie abzulösen. Von der befriedigenden Lösung dieses Problems wird es abhängen, ob unsere Gesittung nur noch als eine absterbende, gleich den letzten Jahrhunderten des Altertums oder als eine lebensvolle und zukunftreiche wird angsehen werden können. (Vgl. Einleitung 4. und Zweiter Teil IV, 12)

Die heutige Philosophie ist dieser Anforderung, sofern es sich nicht um bloß negative Kritik, sondern um eigene positive Aufstellungen handelt, bisher nur in sehr geringem Maß nachgekommen. In dem Umfang und mit dem Maß kontrollierbarer Begründung, wie in gegenwärtiger Schrift, ist die Güterlehre überhaupt wohl noch niemals unternommen worden. Vom Grundbegriff des Bedürfnisses aus, auf dem der ganze Bau ruht, wird zunächst nicht nur gegen SCHOPENHAUER die Möglichkeit von Gütern überhaupt gezeigt, sondern auch eine systematische Übersicht über das Gesamtgebiet der Güter gewonnen und sodann auf dieser Grundlage gegen von HARTMANN die Möglichkeit der Glückseligkeit nachgewiesen. Bei ermüdender Polemik habe ich mich nicht aufgehalten, sondern habe einen haltbaren Neubau nach einem neuen Plan und mit teilweise neuem Gedankenmaterial versucht.

Bildet nun der positive Gegensatz gegen den Pessimismus nach meiner Überzeugung das nächstliegende und stärkste Interesse an einer wissenschaftlichen Güterlehre, so geht doch auch die Ethik als die ältere und ursprüngliche Interessentin an der Güterlehre bei meinem Versuch nicht leer aus. Jede Güterlehre, die ein einheitliches höchstes Gut aufstellt, ermöglicht damit eine Ethik als einheitliche Theorie einer Lebensführung, die auf Realisierung der Glückseligkeit durch Realisierung dieses höchsten Gutes gerichtet ist, sowie natürlich auch die entsprechende Praxis dieser Lebensführung selbst. Wenn es mir gelungen ist, das wahre höchste Gut nachzuweisen, so ist damit zugleich die wahre Ethik als Theorie der auf die wahre Glückseligkeit gerichteten Lebensführung gegeben. Einen ganz besonderen Wert aber erhält dieses Resultat noch dadurch, daß das nachgewiesene höchste Gut als Triebfeder des Handelns zugleich auf ein dem Sittengesetz vollkommen entsprechendes Wollen führt, daß also eine aus diesem Prinzip abgeleitete Ethik sich nicht nur als Anleitung zur Realisierung der Glückseligkeit, sondern zugleich und in vollständigem Zusammenfallen damit als Theorie wahrhaft sittlichen Handelns gestalten wird.

Es ist also damit zugleich dem Interesse der Gesellschaft an einem rein menschlichen Prinzip der Moral, das auch dann noch standhält, wenn die dem Dogma entlehnten Triebfedern der Moralität sämtlich weggedacht werden, Befriedigung geboten und vielleicht dem kühnen Wort FICHTEs von einem Geschlecht, das alles darf, was es will, weil es nur das Gute will, zur vollen Berechtigung verholfen.

Obgleich bei der Lösung dieser doppelten Aufgabe alle metaphysischen und speziell alle theologischen Voraussetzungen ferngehalten worden sind, möchte doch vielleicht auch dem theologisch gerichteten Leser eine Untersuchung Dienste leisten können, die zu zeigen unternimmt, daß auf dem Gebiet der Glückseligkeits- und Sittlichkeitsfrage mit rein menschlich-natürlichen Voraussetzungen auszukommen ist, also jedenfalls zeigt, wie weit auf beiden Gebieten die rein menschlichen Hilfsmittel reichen.

Bei der Schwierigkeit und Neuheit der Aufgabe werden sich im einzelnen gewiß Ungleichmäßigkeiten der Behandlung, bestreitbare oder ungenügend begründete Punkte herausstellen. Insbesondere mag in der Auffassung solcher tatsächlichen Verhältnisse, die Spezialwissenschaften angehören, Bestreitbares vorkommen. Auch für den Philosophen gilt das HORAZische: Nec scire fas est omnia [Es ist unmöglich, alles zu wissen. - wp] Man kann nicht auf allen Gebieten Fachmann sein und auf Grund aufgeraffter Notizen den Fachkundigen zu spielen, wie manche Philosophen lieben, tut auch nicht gut. Der Kundige wird leicht beurteilen können, wie weit meine Aufstellungen das Richtige treffen. Ich bitte den Leser, den Blick auf die maßgebenden Hauptgesichtspunkte gerichtet zu halten, die entscheidenden Hauptzüge des Gedankenganges vornehmlich ins Auge zu fassen, das Buch ganz zu lesen und sein Urteil über das einzelne nur durch die Bedeutung für das Ganze bestimmen zu lassen.

Abhandlungen über Lebensgüter und Glückseligkeit sind der Gefahr ausgesetzt, in ein seicht populäres Raisonnement, in Sittenschilderung oder ins gefühlsselige Ergüsse zu verfallen. Ich hoffe dieser Gefahr nicht unterlegen zu sein. Ich habe allerdings nicht nur den Fachphilosophen im Auge gehabt, sondern nach Gemeinverständlichkeit gestrebt und daher nicht nur die abstruse Abstraktheit und Dunkelheit der Diktion und das Überwuchern einer fremdartigen Terminologie, die der philosophischen Sprache oft nicht mit Unrecht zum Vorwurf gemacht wird, sowie ein Übermaß von Zitaten in fremden Sprachen, sondern auch die in einem Teil unserer wissenschaftlichen Literatur überhaupt übliche Zerreißung der Darstellung in Text und Anmerkungen und Beibringung massenhafter literarischer Nachweise vermieden. Ich habe auch darüber hinaus, soweit dies ohne Beeinträchtigung der wissenschaftlichen Schärfe möglich war, nach Lesbarkeit gestrebt. Ein eigenartiger, vielfach mühsam erarbeiteter Gedankenkreis kann freilich nicht dem ersten besten mundgerecht gemacht werden; meine Arbeit kann nicht darauf rechnen, dem gleichgültigen, gedankenlosen Leser Unterhaltung und Zeitvertreib zu gewähren oder gar unlautere Neigungen zu kitzeln. Sie setzt wahres Interesse an den höchsten Fragen voraus, die den Menschen beschäftigen können, nicht die Gleichgültigkeit der Oberflächlichkeit, die von Haus aus ohne Bedürfnis des Ausschlusses ist, noch die der skeptischen Resignation, die sich gewöhnt hat, auf diesen Gebieten mit PILATUS zu fragen: Was ist Wahrheit?

Fachmäßige Vollständigkeit des Details ist nicht erstrebt, sondern nur dasjenige Maß der Ausführung, das sowohl durch das Verständnis des Einzelpunktes an sich, wie durch seine Bedeutung für das Ganze erfordert schien.

Das in einem Anhang behandelte Verhältnis der Güterlehre zur Philosophie betreffend, so habe ich schon vor zehn Jahren in einer kleinen Schrift "Über den Begriff der Philosophie" (Dortmund 1878) die Ansicht verfochten, daß es gut sei, die Aufgabe der Philosophie von der nebelhaften Unbestimmtheit der Universalität zu befreien, ihr Gebiet in feste Grenzen einzuschließen, ihr ein eigenes, nur ihr zugehöriges Gebiet zuzuweisen und sie zu diesem Zweck wesentlich als das zu bestimmen, was in gegenwärtiger Schrift als Güterlehre bezeichnet ist. Die wesentliche Übereinstimmung KANTs mit dieser Auffassung habe ich später in einem Aufsatz "Über Kants Lehre vom Begriff und Aufgabe der Philosophie" (Preußische Jahrbücher LVI, 5) nachgewiesen.

Ich hatte in ersterer Schrift meinen Vorschlag rein formal begründet, ohne mich auf den Standpunkt bestimmter philosophischer Überzeugungen zu stellen; ich wollte eine Form geben, der sich jede Lösung der inhaltlich in Betracht kommenden Fragen sollte bedienen können. Ein Rezensent dieser Schrift in den Philosophischen Monatsheften (XV, 1. 2) sprach damals den Wunsch aus, daß einmal von einem bestimmten Standpunkt aus das Verhältnis der Glückseligkeitslehre zu den übrigen Wissenschaften zur Darstellung gebracht werde; erst dann werde sich entscheiden lassen, ob die Theorie der Glückseligkeit sich zur Fundamentaldisziplin der Philosophie eigne.

Die gegenwärtige Schrift entspricht diesem Wunsch. Sie entwickelt zunächst ganz unabhängig von der formal-methodischen Frage nach dem Begriff der Philosophie den Inhalt der in Betracht kommenden Disziplin selbst und untersucht erst in dem in Rede stehenden Anhang, inwieweit diese Wissenschaft den Anspruch erheben kann, mit der Philosophie identisch gesetzt zu werden. Ja noch mehr, sie stellt, obgleich meine eigene Überzeugung über diesen Punkt sich nicht geändert hat, um nicht des formalen Fanatismus bezichtigt zu werden und gegen liebgewordene Gewohnheiten zu verstoßen, die formale Frage ganz in den Hintergrund und beansprucht vor allem Gehör für den Inhalt, der auf eine positive, mit dem Sittlichkeitsinteresse im vollendetsten Einklang stehende Lösung der Glückseligkeitsfrage hinausläuft.

Möchte denn die den ethischen Fragen zugewandte neueste Wendung des philosophischen Interesses diesem Inhalt zugute kommen!



Einleitung
1. Der Begriff der Güterlehre

Ein Gut ist etwas, das Wert hat. Bei vielen Gütern wird der Wert zunächst in ganz äußerlicher Weise als Preis bestimmt und wenn wir bei solchen nach dem Wert fragen, erwarten wir die Nennung einer Geldsumme, die dafür erzielt werden kann. Doch fällt schon in diesem äußerlichen Sinn der Wert nicht immer mit dem Preis zusammen; wir urteilen oft genug, daß ein Objekt zu hoch oder zu niedrig bezahlt worden sei, daß also kein Preis nach oben oder nach unten von seinem Wert abweicht. Aber auch in diesem Fall verbinden wir mit dem Wort Wert immer noch eine mehr oder weniger äußerliche, auf das Gebiet des Handelns und Wandels, in dem das Geld den Wertmesser bildet, beschränkte Bedeutung.

Unabhängiger schon wird der Begriff des Wertes von dem des Preises bei solchen Objekten, bei denen wegen ihrer Seltenheit oder Abgelegenheit vom allgemeinen alltäglichen Gebrauch und der allgemeinen Nachfrage die Preisbestimmung eine unsichere oder schwankende ist. Bei seltenen Diamanten oder unersetzlichen Kunstwerken wird der Preis durch zufällige äußere Umstände mitbestimmt und ist nur teilweise vom Wert abhängig.

Noch größer wird die Unabhängigkeit des Wertes vom Preis wenigstens für bestimmte Invididuen bei solchen ansich zwar käuflichen Objekten, die durch irgendeine persönliche Beziehung für diese Individuen einen Anhänglichkeitswert, ein peretium affectionis [Gefühlswert - wp], besitzen. Spezielle Objekte, die sich nur für das Individuum von andern ihrer Gattung, z. B. durch teure Erinnerungen unterscheiden, erhalten dadurch individuell einen durch einen Preis nicht auszudrückenden Wert. Ganz offenkundig aber wird diese Unabhängigkeit bei denjenigen Gütern, die keinen Preis haben, weil sie nicht gekauft werden können. Hierher gehören, wenn wir der alten, schon bei ARISTOTELES vorkommenden Einteilung der Güter in äußere, leibliche und seelische folgen, von den äußeren diejenigen, die Gebrauchswert, aber keinen Tauschwert haben, wie Licht und Luft, die leiblichen und seelischen, wie Gesundheit, Frohsinn, innerer Friede und dergleichen, durchweg.

Es wird also wohl auch bei den käuflichen Gütern der Umstand, daß sie einen Preis haben, auf dem Umstand beruhen, daß sie aus inneren Gründen einen Wert haben: sie haben nicht Wert, weil sie einen Preis haben, sondern haben einen Preis, weil sie Wert haben, der Begriff des Wertes aber ist auch da, wo ein Preis vorhanden ist, unabhängig von dem des Preises und erstreckt sich außerdem viel weiter als jener.

Der eigentliche Grund, daß einem Objekt in irgendeinem Maß Wert beigemessen wird, beruth auf der Erregung des Gefühls durch dasselbe. Ein Gut ist ein Objekt, das Lust erregt, ein Übel ein Objekt, das Unlust erregt. Wenn wir zunächst von den quantitativen Unterschieden der Wertgrößen ganz absehen und nur die qualitative Beschaffenheit als Güte überhaupt ins Auge fassen, so ist ein Gut eine Lustursache, ein Übel eine Unlustursache. Alle wirkliche Wertausprägung geht vom Gefühl aus, das Gefühl bejaht oder verneint den Wert; auf seiner Aussage beruth unmittelbar, aber auch endgültig der positive Wert, die Wertlosigkeit und der positive Unwert für das Subjekt und alle Versuche, die Wertbestimmung von diesem Grund loszulösen, können nur auf Täuschung beruhen. Mit Recht sagt CHAMFORT: "Wo es aufs Gefühl ankommt, hat alles, dessen Wert sich bestimmen läßt, keinen Wert". Was mir keine Lust oder Unlust erregt, ist mir ein Gleichgültiges, was Lust erregt, ein Gut, was Unlust, ein Übel. Das Gefühl ist dem Einzelnen das Maß aller Dinge nach ihrer Beziehung zu ihm und ihrer Bedeutung für ihn.

Dieses Verhältnis aber beruth in letzter Instanz darauf, daß die Lust selbst an sich für das Individuum der letzte Wert, das eigentliche Gut an sich, die Unlust der letzte Unwert, das eigentliche Übel ansich ist. Nur dadurch ist das Lusterregende ein Gut, daß es das eigentliche Gut, die Lust, schafft, nur dadurch das Unlusterregende ein Übel, daß es das eigentliche Übel, die Unlust, schafft. Die einzelne Gefühlsäußerung ist nichts anderes, als das unmittelbare, noch nicht begriffsmäßig explizierte singuläre Werturteil zunächst im qualitativen Sinn der Wertbejahung oder Wertverneinung.

Ebenso aber beruhen alle quantitativen Unterschied der Werte oder Unwerte in letzter Instanz auf dem Gefühl, auf der Intensität und Dauer der erregten Lust oder Unlust. Das Gefühl zeigt nicht nur den Gegensatz von Wert und Unwert an, es ist auch der unmittelbare, aber auch endgültige Wertmesser, der den Grad und das Größenverhältnis des Wertes, den ein Gut für mich hat, den Grad und das Größenverhältnis des Unwertes, den ein Übel für mich hat, angibt.

Dies gilt zunächst in Bezug auf das einzelne Gut oder Übel für sich genommen, sofern es an Wert oder Unwert zu- oder abnimmt. Das sinnliche Gut erregt zunächst unmittelbar, ohne Vermittlung des Vorstellens, Lust durch die von ihm ausgehende wohltuende Affektion des Körpers. Das Wohltuende dieser Affektion kann sich ansich steigern oder abnehmen, es kann aber auch durch bloße hinzutretende Vorstellungsmomente Zuwachs oder Abnahme erfahren. Schon der bloß vorgestellte Besitz eines sinnlichen Gutes erregt ein gewisses Maß von Lust, wenngleich ein geringeres, als der wirkliche Besitz; kommt zu letzterem noch die Vorstellung der Dauer, Sicherheit, Unbestrittenheit, Unbestreitbarkeit des Besitzes oder die Aussicht auf Vermehrung und Vergrößerung des Gutes, auf Verstärkung der Sicherheit des Besitzes hinzu, so wird die Lust und damit der Wert erheblich gesteigert, während umgekehrt sowohl die Verminderung der unmittelbar wohltuenden Wirkung ansich, als auch die begleitenden Vorstellungen der Unsicherheit des Besitzes, der möglichen oder drohenden Verminderung, Besitzstörung, Bestreitung mit der Lust den Wert verringern. Diese Verminderung der Lust ist sogar indirekte Unlust, die Verminderung des Wertes indirekter Unwert; es entsteht daduch am Gut ein Moment, nach dem es in gewisser Beziehung ein Übel wird.

Bei den nicht sinnlichen Gütern geht die Lustwirkung ausschließlich von der Vorstellung des Gutes als eines besessenen aus. Indem sie sich nach denselben Gesichtspunkten der Vergrößerung des Gutes oder der Erhöhung der Sicherheit des Besitzes wie bei den sinnlichen Gütern steigert, erhöht sich damit der Wert des Gutes, und ebenso ist die Verminderung des Wertes von denjenigen Umständen abhängig, durch die die Lust aus der Vorstellung seines Besitzes abgeschwächt wird, nämlich von Verminderung oder Bedrohung.

Beim Übel, dem sinnlichen sowohl wie dem nicht sinnlichen, treten aus denselben Ursachen dieselben Wirkungen im Sinne des Unwerts ein. Was die Unlust verstärkt, wie Vergrößerung des Übels oder Verstärkung der Dauer seiner Existenz, der Sicherheit seines Eintretens und dgl., vergrößert den Unwert, was durch Verringerung, vorgestellte Erschütterung der Dauer oder Sicherheit seines Vorhandenseins und dgl. die Unlust vermindert, vermindert unmittelbar den Unwert, ja schafft indirekte Lust und damit durch Verminderung des Unwerts indirekten Wert.

Ebenso daher, wie die Grade und Abstufungen des Wertes oder Unwertes eines und desselben Gutes oder Übels durch die Grade oder Abstufungen der Lust oder Unlust unmittelbar ausgedrückt werden, findet auch zwischen verschiedenen Gütern oder Übeln am verschiedenen Stärkegrad der Lust oder Unlust ein Innewerden des verschiedenen Wertes oder Unwertes statt. Mit welchem Maß von Genauigkeit diese Abschätzung stattfindet, kommt hier noch nicht in Betracht, ebensowenig die Frage, ob und inwieweit das Gefühl zur Größenvergleichung zwischen Gut und Übel, natürlich mit entgegengesetzen Vorzeichen und im Sinn einer Kompensation, imstande ist.

Jedenfalls ist auch in quantitativer Beziehung hinsichtlich der Größe der Werte für den Einzelnen das Gefühl das unmittelbare Maß aller Dnge.

Das Gefühl ist aber zunächst rein individuell, auf das Individuum beschränkt, nicht allgemeingültig, nicht andemonstrierbar, das gerade Gegenteil des Gedankens und nur in beschränktem Maß und vorübergehend unmittelbar sympathisch, durch eine Art von Ansteckung als Stimmungsübertragung, mitteilbar. Über die Gefühle läßt sich, wie über die Geschmäcke, zunächst nicht disputieren, ja sie sind bei demselben Individuum hinsichtlich desselben Objekts in verschiedenen Lagen und Umständen verschieden.

Daher ist auch jeder Wert von Haus aus individuell und selbst momentan; was für den einen ein Gut ist, ist für den andern gleichgültig oder ein Übel und was einem und demselben in der einen Lage ein Gut ist, ist ihm in einer anderen Lage gleichgültig oder ein Übel und nur aufgrund des Sichgleichbleibens und der Übereinstimmung unserer Organisation und Schicksalslage können Werte, soweit diese Übereinstimmung reicht, eine erfahrungsmäßige Allgemeingültigkeit erlangen.

Das Werturteil ist nur das explizierte, auf eine höhere Bewußtseinsstufe erhobene, auf einen Verstandesausdruck gebrachte, begrifflich in die Form der Entgegensetzung von Subjekt und Prädikat gebracht, drückt die Gefühlswirkung aus. Daher auch das völig reine Werturteil eine außerordentliche Armut an Prädikatsbegriffen hat und eigentlich nur die beiden Prädikate gut und schlecht, ein Gut - ein Übel, nebst den der Wertmessung und Wertvergleichung dienenden steigernden und verringernden Modifikationen derselben zur Verfügung hat. Prädikate, wie schön, heilsam, nützlich, erfreulich und die Gegenteile zeigen schon mehr oder minder eine über die reine Interpretation des Gefühls hinausgreifende begriffliche Beimischung.

Auch das Werturteil hat wie das Gefühl, aus dem es entspringt, von Haus aus nur individuelle und selbst momentane Gültigkeit und gewinnt nur insoweit allgemeinere Geltung für die verschiedenen Daseinsmomente desselben Individuums und für verschiedene Individuen, als es auf Grund einer gewissen Stabilität in den Zuständen desselben Individuums und der Übereinstimmung in den Zuständen verschiedener Individuen gefällt wird.

Aus den Werturteilen aber baut sich die Güterlehre als die Wissenschaft von den Werten auf, wie aus den theoretischen Erkenntnisurteilen über die Beschaffenheit der Dinge die theoretische Wissenschaft vom Seienden. Eine Güterlehre ist aber als Wissenschaft, die allgemeingültige Bestimmungen sucht, auch selbst im bescheidensten Sinn der bloßen Intention nur dann möglich, wenn irgend eine Aussicht vorhanden ist, über die Mannigfaltigkeit der Dinge, Verhältnisse, Zustände, Umstände, die je nach Lage der Sache verschiedenen Individuen, ja sogar einem und demselben Individuum bald als Güter, bald als Übel gelten, übereinstimmende und allgemeingültige Werturteile zu fällen, bestimmten Objekten oder Gruppen von Objekten dauernd den Charakter als Güter oder Übel aufzuprügen und allgemeingültige Bestimmungen über ihre Wertverhältnisse zu treffen, wenn es gelingt, in den ursächlichen Zusammenhängen zwischen Objekten und erregter Lust konstante Züge der Gleichförmigkeit zu entdecken, aufgrund deren sie als universell geltende Gesetze aufgestellt werden können.

Die Güterlehre soll aber ferner solche allgemeingültige Bestimmungen nicht nur hinsichtlich der einzelnen Wertobjekte aufstellen und allenfalls darüber hinaus noch eine Reihe von universellgültigen Wertvergleichungen geben; ihre Hauptaufgabe ist, aufgrund dieser vorhandenen Werte das Maß der dem Menschen überhaupt erreichbaren Lust festzustellen und zu ermitteln, ob dieselbe im Verhältnis zur Gesamtunlust groß genug ist, um für das Gesamtdasein des Menschen das Prädikat der Glückseligkeit in Anspruch nehmen zu können; sie hat, und zwar ebenfalls in allgemeingültiger Weise, die Frage zu beantworten: Ist Glückseligkeit als unzweifelhaftes und deutlich merkbares Überwiegen der Lust über die Unlust möglich? Und in welchem Maß ist sie möglich?

Diese Glückseligkeitsfrage ist die Frage, ob der Gesamtwert unserer Lebensumstände, der aus der durch sie bewirkten Lust resultiert, so erheblich ist, daß der Gesamtunwert derselben, der aus der durch sie bewirkten Unlust resultiert, dagegen nicht als entwertend in Betracht kommen kann. Man hat für das hier in Frage Stehende den Ausdruck "Wert des Lebens" eingeführt; derselbe ist insofern wohl recht bezeichnend, als es sich bei der Glückseligkeitsfrage um einen Gesamtwert handelt, hat aber andernteils auch wieder etwas Schiefes, da er in künstlicher und abstrakter Weise zwischen dem Individuum selbst, für das der Wert vorhanden sein soll, und dem Leben desselben unterscheidet, das doch nur die Reihenfolge der Zustände bildet, aus denen die Existenz des Individuums besteht. Es liegt hier eine künstliche Zweiteilung vor, als ob das Wertsubjekt auch noch außerhalb seines Lebens eine Existenz hätte, in der es das ihm dargebotene Wertobjekt, das Leben, entgegennähme. Außerdem ist der Ausdruck auch mißverständlich, da er nach dem Sprachgebrauch eher auf den Wert unseres Daseins für andere, als auf den unsrer Daseinsverhältnisse für uns selbst hinweist. Eher könnte die Glückseligkeitsfrage bezeichnet werden als die Frage nach dem Wert des menschlichen Schicksals, dies in der weitesten Bedeutung genommen als die dem Menschen nach der Welteinrichtung einschließlich der Einrichtung seiner eigenen Natur gewährte Möglichkeit der Glückseligkeit und demgemäß könnte auch die Güterlehre in diesem zweiten zusammenfassenden Sinne als die Wissenschaft vom menschlichen Schicksal bezeichnet werden.

Die Güterlehre hat also, um das Bisherige zusammenzufassen, zwei Stufen. Ihrer elementaren Stufe nach ist sie die Wissenschaft von den nach der allgemeinen übereinstimmenden Einrichtung der menschlichen Natur für alle geltenden Werten oder Gütern oder der Inbegriff der allgemeingültigen singulären Werturteil, ihrer zusammenfassenden Stufe nach die Wissenschaft von dem aus diesen Elementen resultierenden, für alle geltenden Gesamtwert, die Wissenschaft vom Gesamtwert der menschlichen Lebens- oder Schicksalsverhältnisse oder von der Möglichkeit der Glückseligkeit, das universelle Werturteil.

Es ist hierbei nicht besonders ausgedrückt, was nach dem Vorhergehenden selbstverständlich ist, daß überall neben den Werten und Gütern die Unwerte und Übel zu berücksichtigen sind und daß das Werturteil beide Richtungen, die positive wie die negative, umfaßt, sowie ferner, daß aller Wert und Unwert nur aus dem Gefühl abzuleiten ist.

Daß nun diese Wissenschaft angesichts des nicht nur individuellen, sondern selbst im Individuum von Moment zu Moment wechselnden unmittelbaren Werturteils eine recht schwierige ist, muß nach dem vorher Ausgeführten einleuchten. Wie schon bemerkt, besitzt aber nicht nur die Natur der Einzelmenschen ein gewisses Maß von Stabilität, vermöge deren er auf dieselben Affektionien durch Gefühlsursachen im allgemeinen immer mit denselben Gefühlswirkungen antwortet, sondern es herrscht auch in der Gesamtanlage der menschlichen Natur ein erhebliches Maß von Übereinstimmung, aufgrund deren die für das einzelne Individuum geltenden Wertbestimmungen ein weitgehendes Maß von Allgemeingültigkeit in Anspruch nehmen können. Ohne diese Übereinstimmung gäbe es kein Mitgefühl, ohne sie würde nicht fortwährend das ungeschulte populäre Bewußtsein instinktiv nicht nur singuläre Werturteile mit dem Anspruch auf Allgemeingültigkeit fällen, sondern sogar sich zu universellen Urteilen über den Gesamtwert des menschlichen Schicksals, über die Möglichkeit und Wirklichkeit der Glückseligkeit erheben.

Gewiß sind diese Urteile des populren Bewußtseins hinsichtlich der Einzelgüter sporadisch, unmethodisch, unvollständig und widersprechend und kommen hinsichtlich der Glückseligkeit nicht über ein zwar oft recht zuversichtlich auftretendes, im Grunde aber schwankendes und unbefestigtes, dem entschlossenen Widerspruch ratlos gegenüberstehendes Meinen hinaus; immerhin aber sind sie ein Beweis für das Vorhandensein einer gemeinsamen Grundlage der Verständigung und für die Möglichkeit allgemeingültiger Bestimmungen auf beiden Stufen.

Diese Werturteile der populäräen Reflexion zu sichten, von ihren Schwankungen und Schwankungen und Widersprüchen zu befreien und durch ein methodisches, bewußtes, kontrollierbares Verfahren zu wissenschaftlicher Gültigkeit zu erheben, ist nun eben die Aufgabe der Güterlehre.

Gegenüber der unendlichen Mannigfaltigkeit auch der allgemeingültigen Gefühlsursachen und Gefühlswirkungen bedarf es eines zusammenfassenden Denkens, um das Vielfache nach der Artverwandtschaft in eine systematische Einheit zu bringen und ferner aufgrund einer umfassenden Wertvergleichung das universelle Werturteil zu gewinnen. Dieser Aufgabe unterzieht sich das populäre Bewußtsein fortwährend, zeigt sich ihr aber nur in ganz unzureichendem Maße gewachsen. Es bleibt hinsichtlich der Gruppierung des Mannigfaltigen in einem chaotischen Wirrwarr und hinsichtlich des Gesamturteils in einem durch heimliches Mißtrauen in das eigene Urteil getrübten Meinen stehen. Diese Mängel zu heben, ist die Aufgabe der Güterlehre.

Wenigstens für die elementare Stufe der Güterlehre lassen sich die beiden Verfahrensweisen mit dem Verfahren des unbewußten natürlichen und des logisch geschulten theoretischen Denkens bei der Vorstellungsbildung vergleichen. Dem Gefühl als Werturteil entspricht auf theoretischem Gebiet der primitive Eindruck, die Einzelempfindung. Wie sich diese durch die ordnende Tätigkeit des unbewußten theoretischen Denkens zu konstanten Anschauungen oder Individualvorstellungen und weiterhin zu Art- und Allgemeinvorstellungen doch ohne systematische Vollständigkeit zusammenschließt, so erzeugt die populäre Reflexion auf dem Gebiet der Werturteile die Vorstellung konstanter Einzelgüter und zusammenhängender Komplexe von Gütern, aber ohne festen systematischen Abschluß. Und wie erst das durch die logischen Regeln geschulte Denken die Gesamtsumme der Vorstellungen in ein abschließende systematische Ordnung zu bringen imstande ist, so vollendet sich erst in der elementaren Güterlehre die Gesamtheit der Werturteile zu einer systematischen Einheit.

In eigentümlicher Weise hat LOTZE in seinem Abriß der Enzyklopädie (Diktatheft) den Begriff einer allgemeinen Wissenschaft von den Werten aufgestellt. Er stellt nämlich (Seite 99) der Wissenschaft vom Seienden eine Wissenschaft von den Werten gegenüber, die sich ebenso wie jene dreifach gliedert. Wie über der Physik und theoretischen Geisteswissenschaft die Metaphysik das beiden Gebieten Gemeinsame zusammenfasse, so sei auch über der Wertwissenschaft des Seienden, als welche er hier die Ästhetik bezeichnet und der des Seinsollenden, der Ethik, eine gemeinsame Disziplin möglich, die die Natur aller Wertbestimmungen betreffe und der Metaphysik auf theoretischem Gebiet entspreche. Diese Disziplin lasse sich denken, sei aber bisher nie ausgeführt worden.

Es ist leicht ersichtlich, daß LOTZE hier nur durch den Gedanken einer durchgeführten Parallele zur Gliederung der theoretischen Wissenschaften geleitet wird. Diesem Gedanken zuliebe deutet er Ästhetik und Ethik zu Wertwissenschaften um, die Ästhetik speziell zu einer Art von Schicksalslehre und stellt die Idee einer allgemeinen Wissenschaft der Werte den besonderen, durch das Schicksal und durch eigenes Handeln realisierten Werten gegenüber. So unklar und unbestimmt diese Konzeption ist, so liegt darin doch eine wenigstens entfernte Ahnung einer selbständigen Güterlehre.
LITERATUR - August Döring, Philosophische Güterlehre - Untersuchungen über die Möglichkeit und die wahre Triebfeder des sittlichen Handelns, Berlin 1888