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ERICH BECHER
Philosophische Voraussetzungen
der exakten Wissenschaften

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Vorwort / I. Einleitung
II. Der Wert der Hypothesen
III. Kritik der Hypothese von der Erkennbarkeit
IV. Prüfung der kritischen Bedenken
V. Erkenntnisse über die Außenwelt

"Die Frage nach der Wahrheit oder Falschheit eines Gedankenzusammenhangs ist überhaupt unzulänglich; sie ist zu ersetzen durch die nach dem Wahrheitsgehalt."

V o r w o r t

Den Inhalt der folgenden Darstellung bilden eine philosophische Rechtfertigung und Deutung der Grundannahmen von Physik und Chemie. Diese Wissenschaften stehen auf dem Standpunkt einer realistischen Auffassung der Außenwelt. Das gilt auch heute noch im großen und ganzen, trotz der unleugbaren Fortschritte eines subjektivistischen Positivismus auf naturwissenschaftlichen Boden. Physik und Chemie fassen die Außenwelt als körperlich auf, als zusammengesetzt aus elementaren Körperteilchen, aus Molekülen, Atomen, vielleicht zuletzt aus Elektronen. Die exakten Naturwissenschaften betrachten endlich alle körperlichen Vorgänge als Bewegungsvorgänge, die sich an jenen elementaren Körperteilchen oder an ihren Komplexen abspielen. Die Annahme einer körperlichen Außenwelt, die aus Molekülen, Atomen und Elektronen aufgebaut ist und die damit auf das engste zusammenhängende kinetische [mechanisch-technisch, wp] Naturauffassung sollen im folgenden erkenntnistheoretischen Angriffen gegenüber verteidigt werden.

Eine solche Verteidigung scheint mir sehr zeitgemäß. Denn die Angriffe auf die Grundanschauungen von Physik und Chemie sind weit vorgedrungen. Heißsporne sprechen schon von Molekular- und Atomtheorie oder von den großen kinetischen Hypothesen wie von einer abgetanen Sache. Aber wenn auch die große Mehrzahl der Physiker und Chemiker diese Theorien zu sehr zu würdigen gelernt hat, um sie ohne weiteres beiseite zu schieben, so ist doch die Zahl der Forscher gewachsen, die alle Hypothesen zu Fiktionen degradieren möchten. Diese Richtung ist vorsichtiger; aber damit scheint sie mir zugleich gefährlicher zu sein. Ihr gegenüber suche ich durch eine logisch-methodologische Untersuchung über das Wesen der Hypothesen darzutun, daß sie das Ziel des wissenschaftlichen Denkens zu eng faßt.

Vielleicht hat die hypothesenfeindliche Stimmung auf naturwissenschaftlichem Boden den Kulminationspunkte bereits überschritten. Die Stimmen mehren sich, die dem extremen Positivismus auf physikalisch-chemischen Gebieten entgegentreten. Es müßte auch seltsam zugehen, wenn es nicht der Fall wäre in einer Zeit, die so überreich ist an neuen Erfahrungen, welche die verlockendsten Hypothesen geradezu aufdrängen; in einer Zeit, die nicht minder fruchtbar ist an überzeugenden Bestätigungen früherer kühner Hypothesenbildungen.

Indessen durch die Triumphe der physikalisch-chemischen Hypothesen wird der positivistische Gegner nur zurückgedrängt, nicht entwaffnet. Sein Rüstzeug ist eben in der Hauptsache der Philosophie entlehnt, vor allem der Erkenntnistheorie. Auf diesem Gebiet muß der Kampf ausgefochten werden. Auch die Argumente der hypothesenfeindlichen Physiker sind fast durchweg philosophisch. Es handelt sich ja nicht um diese oder jene Hypothese; über diese hat die Einzelwissenschaft zu richten. Das Prinzip der Hypothesenbildung und die letzten Grundauffassungen stehen in Frage. Daher ist eine erkenntnistheoretisch - methodologische Rechtfertigung der großen Hypothesenbildungen vonnöten.

Eine solche kann aber nur gelingen, wenn jene Hypothesenbildungen von jedem unnützen Beiwerk befreit werden. Gerade dieses bietet dem Gegner die Angriffspunkte und verschafft ihm zugleich die Treffer. Ich habe mich daher bemüht, den echten Kern aus der überflüssigen Schale herauszuholen. So ergibt sich eine besondere Auffassung vom Wesen der großen physikalisch-chemischen Hypothesen, eine Deutung der Grundannahmen der exakten Naturwissenschaften. Ich hoffe, daß die Deutung kein Hinzudichten, sondern nur eine Abwehr unnötig enger Auffassungen ist.

Dem Zweck der Schrift gemäß habe ich mich bemüht, für Naturwissenschaftler und für Philosophen verständlich zu schreiben. So wird dem einen dieser, dem andern jener Teil unnötig breit erscheinen. Daran konnte ich nichts ändern. Auch in Bezug auf Literaturangaben wird der eine hier, der andere dort mehr oder weniger erwarten. Ein großer Teil der Arbeit wurde fern von der Universität geschrieben, wo mir Literatur nur schwer zugänglich war. So war ich auf Notizen und Gedächtnis angewiesen; besonders in Bezug auf physikalische Zitate. Später habe ich die meisten Angaben an der Originalliteratur kontrollieren können, da mir Professor KAYSER die Benutzung der Bibliothek des Bonner physikalischen Institutes in dankenswerter Weise gestattete. Doch blieben mir einzelne wenige Stellen unzugänglich. Sie wurden mit Angaben bei anderen Autoren verglichen, so daß auch sie zuverlässig sein dürften. Viel verdanke ich dem unten oft zitierten Buche STALLOs trotz dem entgegengesetzten Standpunkt. Wenn die physikalischen Darlegungen zweilen einen individuellen Ton haben, der an meine Lehrer KAYSER und KAUFMANN erinnert, wird das kein Nachteil sein. Der erkenntnistheoretische Standpunkt dieser Schrift berührt sich oft mit dem von HELMHOLTZ auch teilweise eine indirekte, durch BENNO ERDMANN vermittelte. Wie weit der Einfluß meines verehrten Lehrers geht, kann ich unmöglich feststellen oder gar durch Zitate dartun. WILHELM FREYTAG, mein Lehrer und Kollege, wird vielleicht in den Erörterungen über die Außenweltfrage hier und da Gedanken und Formulierungen wiedererkennen, die in früheren gemeinsamen Besprechungen erwogen wurden.

Mit Absicht habe ich manche bekannte Arbeiten in der Darstellung wenig berücksichtigt, die den meinigen ähnliche Ziele verfolgen. So wird man sich vielleicht wundern, daß ich auf LUDWIG BOLTZMANNs Verteidigung der Atomistik so wenig Bezug nehme. Die Verschiedenheit der Gesichtspunkte und die Furcht vor unnötiger Breite waren hier wie in anderen Fällen für mich entscheidend. Mir scheint, der Leser hätte wenig Nutzen von den sich sonst notwendig ergebenden Diskussionen. Denn von BOLTZMANN konstruierten Zusammenhang zwischen Atomistik und Infinitesimalrechnung z. B. ich aber auf keinen Fall ohne weiteres anerkennen.


I. Einleitung

Seit den Tagen STEVINs, FERMATs, GALILEIs und DESCARTES' befinden sich die sogenannten exakten Naturwissenschaften in stetig und schnell fortschreitender Entwicklung. Das von den genialen Naturforschern der Renaissance geschaffene Fundament dieser Disziplinen ist fest genug gewesen, das Gebäude zu tragen, welches die Jahrhundert über ihm errichtet haben.

Die starke Grundlage der neueren Physik besteht in der Mechanik. Die Schöpfer der neueren Physik haben in der Mechanik mehr gesehen, als eine physikalische Teildisziplin. Sie betrachteten sie als den Schlüssel zur Lösung aller physikalischen Fragen. Die neuere Physik wurde als mechanische Physik geschaffen.

Die Mechanik ist die Wissenschaft von der Bewegung (und der Ruhe, einem Spezialfall derselben). Als mechanische oder kinetische Naturauffassung haben wir die Ansicht zu bezeichnen, die in allen Naturvorgängen Bewegungsvorgänge sieht. Die mechanische Physik betrachtet zunächst nur die im engeren Sinne physikalischen und physikalisch - chemischen Prozesse als wesentlich mechanisch. Die Frage, ob auch die Erscheinungen des Lebens auf Bewegungsvorgänge höchst zusammengesetzter Natur zurückzuführen seien, ist demnach vom Standpunkt der mechanischen  Naturauffassung  aus in bejahendem Sinn zu beantworten. Die mechanistische  Physik  kann die Frage unentschieden lassen. Das biologische Problem fällt nicht in ihr Gebiet.

Von den oben genannten Forschern hat DESCARTES die Grundanschauung der mechanischen Physik mit dem größten Nachdruck ausgesprochen. Als Maxime lag sie jedoch dem Forschen seiner unmittelbaren Vorgänger und Zeitgenossen auch da zugrunde, wo sie nicht ausdrücklich formuliert wurde. Alle materiellen Veränderungen sind nach DESCARTES von der Bewegung abhängig. (1)

Mit dem Gedanken wird von CARTESIUS und den Cartesianern sofort voller Ernst gemacht. SPINOZA bemüht sich in seinem Gedankenaustausch mit BOYLE (2) in naiver Weise um eine mechanische Erklärung chemischer Vorgänge.

Daß HOBBES, der Materialist, die mechanische Naturauffassung vertritt, braucht kaum erwähnt zu werden. HUYGENS sieht in den optischen Erscheinungen periodische Bewegungsvorgänge, mechanische Schwingungen. In seinem Traktat über das Licht meint er, daß alle Ursachen "durch mechanische Gründe" begriffen werden müssen, wenn überhaupt ein physikalisches Verständnis möglich sein soll. (3)

Sein großer Gegner NEWTON vervollkommnet eine andere mechanische Auffassung des Lichts, die alte Emissionstheorie, so daß HUYGENS' Vorstellung in den Hintergrund gedrängt wird, bis das Sinken von NEWTONs Einfluß und neue Erfahrungen ihr zum Sieg verhelfen. NEWTON und LEIBNIZ schaffen in der Infinitesimalrechnung der Wissenschaft ein Werkzeug, dessen gewaltige Leistungsfähigkeit auf physikalischem Gebiet sich sofort an mechanischen Problemen offenbart. LEIBNIZ, der spiritualistische Metaphysiker, ist begeisterter Anhänger der mechanischen Naturauffassung. Sie erscheint ihm durch die Vernunft allein, nicht durch die Erfahrung geboten. Unter Anwendung der von ihm und NEWTON erfundenen neuen Rechnung gelangen französische Mathematiker und Physiker zu einer fortschreitenden Ausbildung der mechanistischen Physik, die glänzende Resultate aufweist. Die Einführung mechanischer Vorstellungen in der Chemie beginnt mit der Erneuerung der Atomistik. Diese wirkt wiederum auf physikalische Disziplinen fördernd ein. An GAY-LUSSACs Namen knüpft sich die Auffindung der Gasgesetze, die die Umbildung der Atomtheorie zur Molekulartheorie fordern. So entsteht die physikalische Chemie auf mechanistisch-atomistischer Basis. Im weiteren Verlauf des 19. Jahrhunderts feiert die molekulartheoretische Behandlung besonders auch der organischen Chemie ebenso schnelle wie glänzende Siege. Gleichzeitig erstarkt auf physikalischem Gebiet die mechanische Theorie der Wärme der alten BLACKschen Substanztheorie gegenüber. Das Energieerhaltungsgesetz erscheint bei HELMHOLTZ als Konsequenz der mechanischen Naturauffassung. (4) Auf das Erhaltungsprinzip als ersten ihrer Hauptsätze baut sich die Thermodynamik auf. Die Anwendung der mechanischen Wärmetheorie und der Molekulartheorie auf Gase ergibt die kinetische Theorie derselben. - Schon lange hatte man die magnetischen und elektrischen Phänomene durch Bewegungen von Flüssigkeiten erklärt. FARADAYs Vorstellungen schienen den Mechanismus elektrischer Vorgänge besser anzudeuten. HELMHOLTZ (5) nahm den WEBERschen (6) Gedanken einer atomistischen Konstitution der Elektrizität auf, der in der sich entwickelnden Elektronentheorie (7) stetig an Bedeutung gewonnen hat.

So stellt sich die gewaltige Ausbildung der exakten Naturwissenschaft seit der Renaissance dar als eine fortschreitende Anwendung der kinetischen Auffassung auf alle Gebiete der Physik und Chemie.

Daß diese Auffassung heute die physikalischen Wissenschaften beherrscht, beweist der Einblick in ein beliebiges Lehrbuch dieser Disziplinen. Eine Sammlung von Aussprüchen hervorragender Forscher der Gegenwart und jüngsten Vergangenheit, in denen die mechanische Auffassung vertreten wird, findet der Leser z. B. bei JOHANN BERNHARD STALLO: "Die Begriffe und Theorien der modernen Physik" (8). Auf STALLOs Ausführungen in der Einleitung stützt sich das vorhergehende an einigen Stellen.

Als Ideal, als Ziel jeder physikalischen Forschung erscheint überall die Zurückführung aller physikalischen und chemischen Vorgänge auf Bewegungsvorgänge, eventuell auf Bewegungen von Molekülen und Atomen. Ist diese Zurückführung geleistet, so hat die Physik alles getan, was von ihr gefordert werden kann. Ein physikalischer Vorgang ist erklärt, wenn sein Mechanismus, die zugrunde liegenden Bewegungen, erkannt sind.

Natürlich hat die mechanische Auffassung der Physik von vielen Seiten Widerspruch hervorgerufen. Sehen wir davon ab, daß theologischer und metaphysischer Übereifer die mechanische Physik mit dem Materialismus zusammenwarf! Lassen wir ferner solche Motive beiseite, wie sie NEWTONs mechanische Theorie des Lichtes für GOETHE unannehmbar machten! Von selbst versteht es sich auch, daß die großen deutschen idealistischen Systeme des beginnenden 19. Jahrhunderts mit Verachtung auf die mechanischen Theorien herabblicken mußten. Die Naturphilosophen SCHELLINGscher Richtung, d. h. die tonangebenden Naturforscher einer gewissen Zeit, konnten kein Verständnis für die ganz anders gearteten, von völlig verschiedenem Geist zeugenden mechanisch-mathematischen Hypothesen der großen Franzosen der Epoche haben. Auch SCHOPENHAUER hatte unter dem Einfluß GOETHEs und des Milieus, in dem sein Denken herangereift war, einen heftigen Widerwillen gegen die französischen Physier und ihre mechanisch-atomistischen Theorien bekommen, der sich bisweilen in kräftigen Schimpfworten Luft machte.

Indessen die stolzen metaphysischen Systembauten sanken zusammen und die mechanische Naturauffassung stieg im Ansehen umso mehr, als jener Glanz verblaßte. Zwar wuchs SCHOPENHAUERs Ruf, aber die naturwissenschaftlichen Kreise blieben im ganzen seinem Gefolge fern. Die kinetischen Theorien beherrschten die Physik vollkommen.

Erst in den letzten Jahrzehnten ist der mechanischen Physik ein neuer Gegner entstanden. Ein Gegner, der umso drohender erscheinen muß, als er mit den Waffen kämpfen will, denen auch die mechanische Physik ihre Erfolge verdankt, der nicht auf dem Standpunkt metaphysischer Systeme, sondern auf dem der Erfahrung stehen will. Diesem neuen Feind erscheint die mechanische Physik noch viel zu metaphysisch, zu hypothetisch, nicht empirisch genug. Die mechanisch-atomistische Physik, einst das Ideal der positivistisch denkenden französischen Mathematiker und Physiker und ihres Schülers COMTE (9), wird im Namen des Positivismus, des Gegebenheitsstandpunktes, angegriffen. Man will eine hypothesenfreie Physik. Die mechanische Physik ist durch und durch hypothetisch. Sie beschreibt nicht einfach die Naturvorgänge, sie sucht sie durch Bewegungsvorgänge zu erklären, die jenen Vorgängen untergeschoben werden. Die mechanische Physik ist daher durch eine positivistische, phänomenalistische (10) zu ersetzen.

Der geistreichste Vertreter dieser Opposition ist ERNST MACH. Der Einfluß seiner Kritik war und ist umso größer, als er die Resultate seiner erkenntniskritischen Überlegungen sofort auf die konkreten Einzelprobleme der Physik anwandte. Seine Stellungnahme zur mechanischen Physik überhaupt legte er dar im Zusammenhang mit einer glänzenden Kritik axiomatischer Prinzipien der Physik, der Mechanik im besonderen. Das Energieerhaltungsprinzip, das als Konsequenz und mithin als Verifikation der mechanistischen Auffassung (unter besonderen Voraussetzungen) erschienen war, suchte er als unabhängig von dieser Auffassung zu erweisen. (11)

In der Tat verliert der Satz von der Energieerhaltung durchaus nicht seinen Sinn mit dem Verzicht auf die mechanische Deutung jeder Energieform. Der Begriff der Energie kann mithin aus der mechanischen Physik hinübergerettet werden in eine neue Auffassung. Er bildet dann das die physikalischen und chemischen Teildisziplinen verbindende Gemeinsame und löst so die mechanische Deutung ab. In diesem Sinne ist man bestrebt, die mechanische Physik durch eine energetische zu ersetzen. "Die Energetik ist eine  einheitliche  Gedankenentwicklung, eine eigenartige Weise umfassender Naturerkenntnis, die sich von ROBERT MAYER bis auf unsere Tage entfaltet". (12) Die Energetik, sagt man, kommt dem Ideal hypothesenfreier Naturwissenschaft näher. OSTWALD meint sogar, sie gestatte den Verzicht auf jede Hypothese. In den "Vorlesungen über Naturphilosophie" heißt es: "Darf ich noch einen Punkt hervorheben, so ist es der, daß ich mich bemüht habe, ein Buch zu schreiben, in welchem  keine Hypothese  aufgestellt oder benutzt worden ist". (13) Die Kunst der Darstellung ist bewundernswert, mit der OSTWALD in seinen Lehrbüchern über theoretische Chemie seine Anschauungen im einzelnen durchführt. Doch kann die Gewandtheit der Gedankenführung nicht die Anschaulichkeit ersetzen, welche die mechanistische Molekulartheorie für sich hat.

Wie die mechanische Physik zur mechanischen Naturauffassung und schließlich zur mechanischen Weltauffassung, zum Materialismus (14) erweitert worden ist, so hat OSTWALD die energetische Physik zur energetischen Naturphilosophie und zum energetischen Weltbild überhaupt ausgebaut. (15)

Der prinzipiell erkenntnistheoretischen und der energetischen Ablehnung der mechanistischen Physik treten weitere Angreiffe zur Seite, die Inkonsequenzen und Widersprüche in den mechanischen Hypothesen selbst aufweisen wollen. J. B. STALLO hat in seinem Buch: "Die Begriffe und Theorien der modernen Physik" (16) die mechanische Auffassung einer scharfsinnigen, doch nach unserer Ansicht nicht immer völlig gerechten Kritik unterzogen. Natürlich stehen seine Bedenken ebenso in Zusammenhang mit allgemein erkenntnistheoretischen Überlegungen, wie das von den energetischen Versuchen einer "Überwindung" des Mechanismus gilt.

Bei aller Schärfe der Kritik erkennen die drei Angriffsrichtungen den Wert an, den die mechanistische Auffassung für die Entwicklung der Physik gehabt hat. In der Tat ist die große Förderung durch die mechanischen Hypothesen nicht zu bestreiten. Man denke nur an den Einfluß der Atom- und Molekulartheorie auf die Entwicklung der Chemie.

Aber viele hypothetische Vorstellungen haben zu ihrer Zeit anregend und fördernd gewirkt und sind später zu hemenden Dogmen geworden. Die Annahme eines Wärmestoffes von unveränderlicher Quantität war von großem Nutzen für die Kalorimetrie [Messung von Wärmemengen, wp] . Sie hemmt aber die Entwicklung der mechanischen Wärmetheorie. Sollten nun auch die mechanischen Vorstellungen, bei aller Anerkennung ihrer früheren Leistungen, in das Altersstadium eingetreten sein, sich überlebt haben? Das ist die Überzeugung der Kritiker. Die wertvollen Leistungen beweisen nicht die Wahrheit einer Theorie oder Hypothese. Und nur eine Wahrheit bleibt ewig gültig, eine bloß zweckmäßige Annahme aber hat ihre Zeiten des Blühens und Vergehens. Sind die Annahmen der mechanischen Physik so förderlich gewesen, weil sie wahr sind, so haben sie ein Anrecht auf ewige Dauer; waren sie nur zweckmäßig, so sind die Fragen zu erledigen, wodurch und wie lange sie zweckmäßig waren oder sind. Jedenfalls  kann  die Zweckmäßigkeit einer Hypothese die Folge ihrer Wahrheit sein. Sie  kann  auch daher rühren, daß die Hypothese, wenn nicht ganz zutreffen, so doch von mehr oder weniger großem Wahrheits gehalt  war.

Die Zweckmäßigkeitsfrage aber wird immer dann sehr aktuell sein, wenn es sich darum handelt, ob große, neuentdeckte Tatsachengebiete den vorhandenen Hypothesen unterzuordnen sind. Solche neuen Erfahrungsgebiete liegen heute in den Strahlungsphänomenen vor, in den Erscheinungen der Radioaktivität, in den Grundlagen der Elektronentheorie. Der Physiker, der in der kinetischen [Kinetik = Bewegungslehre - wp] mehr sieht, als ein zweckmäßiges Werkzeug der Forschung,  muß  die neuen Tatsachen dieser Auffassung unterordnen lernen. Waren aber die mechanischen Hypothesen nur ein zweckmäßiges Instrument des Denkens, ein wertvolles Veranschaulichungsmittel, so tritt die Frage auf, ob die Zweckmäßigkeit auf dem neuen Gebiet bestehen bleiben wird oder nicht. Von der Entscheidung dieser Frage allein hängt es ab, ob die kinetischen Hypothesen auf neuen Gebieten beizubehalten sind. Eine Untersuchung der mechanistischen Auffassung dürfte demnach zeitgemäß sein. Der Verfasser maßt sich nun keineswegs an, darüber zu entscheiden, ob mechanische Hypothesen wahr, zweckmäßig oder schädlich sind. Es versteht sich von selbst, daß für eine solche Entscheidung in erster Linie physikalische Untersuchungen maßgebend sind. Daneben aber kommen ebenso zweifellos philosophische Probleme in Betracht. Die Einwürfe gegen die mechanische Physik, welche von Physikern und Chemikern erhoben wurden, sind übrigens mehr philosophischer als naturwissenschaftlicher Art.

Derartige  Voruntersuchungen  mehr  philosophischen  Charakters für die Entscheidung über Wahrheit, Wahrheitsgehalt oder Zweckmäßigkeit der kinetischen Hypothesen in der Physik bilden den wesentlichen Inhalt dieser Schrift.

Es erscheint mir dabei unvermeidlich und auch ungefährlich, daß gelegentlich neben rein philosophischen Betrachtungen physikalische herangezogen werden. Ich glaube auch, mir eine definitorische Scheidung zwischen Philosophie und Physik ersparen zu dürfen. Die vorliegenden Probleme gehören eben einem Grenzgebiet an. Und wo die Ziele der Forschung zusammenfallen oder sich doch berühren, erscheint es mir nicht geboten, die Wege zu denselben schärfer zu trennen, als es die wissenschaftliche Arbeitsteilung unbedingt erfordert.

Vor dem Eintreten in die nachfolgenden Untersuchungen möchte ich mir noch eine Bemerkung erlauben. Wahrheit und Falschheit eines Annahmenzusammenhangs, wie er sich in der mechanistischen Physik darbietet, stehen nicht in kontradiktorischer Beziehung, wie weiße Farbe und nicht weiße Farbe, sondern in konträrer, wie weiße Farbe und schwarze Farbe. Zwischen den Extremen liegen alle Nuancen eines mehr oder weniger hohen Wahrheitsgehaltes. Die Frage nach der Wahrheit oder Falschheit eines Gedankenzusammenhangs ist überhaupt unzulänglich; sie ist zu ersetzen durch die nach dem Wahrheitsgehalt. Weshalb ich diese Selbstverständlichkeit hervorhebe? Mir scheint, daß die Kritiker der mechanischen Physik nicht selten das Kind mit dem Bade ausgeschüttet haben. Ihre Angriffe können berechtigt, ihre Argumente treffend sein. Trotzdem bleibt uns vielleicht ein echter Kern der Auffassung erhalten, die so wertvolle Dienste geleistet hat und die wir daher nur mit dem schmerzlichen Bewußtesin, undankbar zu verfahren, ganz beiseite schieben könnten. Im Kampf, den die Hypothesen um ihr Dasein führen, können sich die wertvollsten vor der Vernichtung durch Anpassung und Umbildung retten. Es ist zu untersuchen, ob die kinetische Auffassung durch eine philosophische Umdeutung gesichert und erhalten werden kann gegenüber den erkenntnistheoretischen Einwänden. Daß sich eine weitgehende Anpassung an neue physikalische Erfahrungen in naher Zukunft vollziehen müssen wird, wird beim Fortschritt der Elektronentheorie in jüngster Zeit wahrscheinlich erscheinen.
LITERATUR - Erich Becher, Philosophische Voraussetzungen der exakten Wissenschaften, Leipzig 1907
    Anmerkungen
    1) DESCARTES, Princ. Phil. II, 23. Oeuvres, VIII, Seite 52 - 53, 1905
    2) SPINOZA im Briefwechsel mit OLDENBURG, Brief IV und folgende, Ed. Vloten et Land, Opera II, Seite 201f, 2. Auflage 1895
    3) Hygenii Op reliqua, Amsterdam 1728, Vol. I, (Tract. de lumine), Seite 2
    4) HELMHOLTZ kommt eigentlich auf zwei getrennten Wegen zum Satz von der Erhaltung der Energie. "Die Herleitung der aufgestellten Sätze kann von zwei Ausgangspunkten angegriffen werden, entweder vom Satz, daß es nicht möglich sein könne, durch die Wirkungen irgendeiner Kombination von Naturkörpern aufeinander in das Unbegrenzte Arbeitskraft zu gewinnen, oder von der Annahme, daß alle Wirkungen in der Natur zurückzuführen seien auf anziehende und abstoßende Kräfte, deren Intensität nur von der Entfernung der aufeinander wirkenden Punkte abhängt. Daß beide Sätze identisch sind, ist im Anfang der Abhandlung selbst gezeigt worden." (Über die Erhaltung der Kraft, Berlin 1847, Seite 1) Die beiden Ausgangspunkte werden aber so in Beziehung gesetzt, daß der Satz von der Unmöglichkeit der Gewinnung unbegrenzter Arbeitskraft als Konsequenz der zweiten Annahme erscheinen muß, welche die eigentliche Grundlage jeder physikalischen Deduktion bildet. "Es bestimmt sich also endlich die Aufgabe der physikalischen Naturwissenschaften dahin, die Naturerscheinungen zurückzuführen auf unveränderliche, anziehende und abstoßende Kräfte, deren Intensität von der Entfernung abhängt. Die Lösung dieser Aufgabe ist zugleich die Bedingung der vollständigen Begreiflichkeit der Natur." (Seite 6)
    5) On the modern development of Faradays conception of electricity. The Faraday Lecture etc. Journal of the Chemical Society, Vol. XXXIX. Für HELMHOLTZ sind dabei die Vorgänge bei der Elektrolyse maßgebend. Die durch die Zersetzung entstehenden Ionen tragen bestimmte elektrische Quanta. Die Quanta werden an den Elektroden von den Ionen, den chemischen Atomen oder Atomkomplexen, abgegeben und müssen dabei kurze Zeit selbständig bestehen können. Die Valenzladungen sind demnach als elektrische Atome zu betrachten.
    6) Werke IV, WEBERs Anschauungen fanden nur wenig Zustimmung, weil sich die Elektrodynamik ohne hypothetische Vorstellungen durch Differentialgleichungen erledigen ließ. HELMHOLTZ wies überdies die Schwächen der WEBERschen Elektrodynamik nach.
    7) Die Bezeichnung Elektron für das elektrische Elementarquantum oder Atom rührt von G. J. STONEY her.
    8) J. B. STALLO, Die Begriffe und Theorien der modernen Physik, übersetzt von H. KLEINPETER, Leipzig 1901
    9) AUGUSTE COMTE, Cours de Philosophie Positive. Der Comtesche Positivismus ist eben von dem, was heute als Positivismus bezeichnet wird, in vieler Beziehung verschieden.
    10) Dabei soll durch das Wort "phänomenalistisch" vielfach nicht eine Beziehung auf den Phänomenen zugrunde liegende Dinge oder Vorgänge ausgedrückt werden. Zum Beispiel spricht MACH von phänomenalistischer Physik und bekämpft gleichzeitig die Annahme eines den Phänomenen zugrunde liegenden Ansichseins. Eigentlich liegt allerdings dabei ein Mißbrauch des Terminus vor. Das MACHsche Ideal der Physik könnte man vielleicht besser als Physik der Sensationen, als sensualistische Physik bezeichnen.
    11) Von MACHs Werken kommen am meisten in Betracht: Die Analyse der Empfindungen und das Verhältnis des Physischen zum Psychischen, 2. Auflage 1900. Die Mechanik in ihrer Entwicklung, 5. Auflage 1904. Die Prinzipien der Wärmelehre, 2. Auflage 1900. Populär-wissenschaftliche Vorlesungen, 3. Auflage, 1903. - Hier möge MACHs Urteil über die mechanische Naturauffassung der großen Franzosen des 18. Jahrhunderts dem Ziel nahe zu sein glaubten, die ganze Natur physikalisch-mechanisch zu erklären, wenn LAPLACE einen Geist fingiert, welcher den Lauf der Welt in alle Zukunft anzugeben vermöchte, wenn ihmnur einmal alle Massen mit ihren Lagen und Anfangsgeschwindigkeit gegeben wären, so ist diese freudige Überschätzung der Tragweite der gewonnenen physikalisch-mechanischen Einsichten im 18. Jahrhundert verzeihlich, ja ein liebenswürdiges, edles, erhebendes Schauspiel und wir können diese intellektuelle, einzig in der Geschichte dastehende Freude lebhaft mitempfinden.
        Nach einem Jahrhundert aber, nachdem wir besonnener geworden sind, erscheint uns die projektierte Weltanschauung der Enzyklopädisten als eine  mechanische Mythologie  im Gegensatz zur  animistischen  der alten Religionen." Mechanik, Seite 504.
    12) ROBERT MAYER, Die Geschichte und die Wurzel des Satzes von der Erhaltung der Arbeit. 1872.
    13) G. HELM, Die Energetik nach ihrer geschichtlichen Entwicklung, 1898, Vorwort.
    14) WILHELM OSTWALD, Vorlesungen über Naturphilosophie, Leipzig 1902, Seite VIII
    15) WILHELM OSTWALD, Vorlesungen über Naturphilosophie, Leipzig 1902. Zur Theorie der Wissenschaft. Vortrag. Annalen der Naturphilosophie, Bd. VI, Seite 1f
    16) J. B. STALLO, Die Begriffe und Theorien der modernen Physik, übersetzt von H. KLEINPETER, Leipzig 1901, Seite 4