p-4 WitasekVom DenkenGrundzüge der Psychologie    
 
HERMANN LOTZE
Mikrokosmus
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"Jene Entgötterung des gesamten Weltbaus, welche die kosmographischen Entdeckungen der Vorzeit unwiderruflich vollzogen haben, den Umsturz der Mythologie, dürfen wir als verschmerzt ansehen und der letzten Klage, die in Schillers Göttern Griechenlands sich ergoß, wird nie ein Versuch folgen, im Wiederstreit mit den Lehren der Wissenschaft den Glauben an dieses Vergangene wiederherzustellen. Große Umwälzungen der religiösen Ansichten haben über diesen Verlust hinausgeführt und längst den überreichen Ersatz dargeboten. Aber wie die wachsende Fernsicht der Astronomie den großen Schauplatz des menschlichen Lebens aus seiner unmittelbaren Verschmelzung mit dem Göttlichen löste, so beginnt das weitere Vordringen der mechanischen Wissenschaft auch die kleinere Welt, den  Mikrokosmus  des  menschlichen Wesens,  mit gleicher Zersetzung zu bedrohen."

Einleitung

Zwischen den Bedürfnissen des Gemüts und den Ergebnissen menschlicher Wissenschaft ist ein alter nie geschlichteter Zwist. Jene hohen Träume des Herzens aufzugeben, die den Zusammenhang der Welt anders und schöner gestaltet wissen möchten, als der unbefangene Blick der Beobachtung ihn zu sehen vermag: diese Entsagung ist zu allen Zeiten als der Anfang jeglicher Einsicht gefordert worden. Und gewißt ist das, was man so gern als höhere Ansicht der Dinge dem gemeinen Erkennen gegenüberstellt, am häufigsten doch nur eine sehnsüchtige Ahnung, wohl kundig der Schranken, denen sie entfliehen, aber nur wenig des Zieles, das sie erreichen möchte. Denn aus dem besten Teil unseres Wesens entsprungen, empfangen doch jene Ansichten ihre bestimmtere Färbung von sehr verschiedenartigen Einflüssen. Genährt an mancherlei Zweifeln und Nachgedanken über die Schicksale des Lebens und über den Inhalt eines doch immer beschränkten Erfahrungskreises, verleugnen sie weder die Eindrücke überlieferter Bildung und augenblicklicher Zeitrichtungen, noch sind sie selbst unabhängig vom natürlichen Wechsel der Stimmungen, die andere sind in der Jugend, andere nach der Aufsammlung mannigfaltiger Erfahrungen. Man kann nicht ernsthaft hoffen, daß eine so unklare und unruhige Bewegung des Gemüts den Zusammenhang der Dinge richtiger zeichnen werde, als die besonnene Untersuchung, mit der in der Wissenschaft das allen gemeinsame Denken beschäftigt ist. Dürfen wir dem menschlichen Herzen nicht gebiten, seine sehnsüchtigen Fragen zu unterdrücken, so wird es gleichwohl ihre Beantwortung als eine nebenher reifende Frucht jener Erkenntnis erwarten müssen, die nicht von denselben Fragen, sondern von leidenschaftsloseren und darum klareren Anfängen ausging.

Aber das wachsende Selbstgefühl der Wissenschaft, die nach Jahrhunderten des Schwankens einzelne Gebiete der Erscheinungen zweifellosen Gesetzen unterworfen sieht, droht dieses richtigere Verhältnis zwischen Gemüt und Erkennen in eine neue unwahre Stellung zu verschieben. Man begnügt sich nicht damit, sich am Anfang der Untersuchung der zudringlichen Fragen zu erwehren, mit denen unsere Wünsche, Träume und Hoffnungen das beginnende Werk zu verwirren bereit sind: man leugnet zugleich die Verpflichtung, sich im Laufe der Forschung jemals zu ihnen zurückzuwenden. Ein reiner Dienst der Wahrheit um der Wahrheit willen, habe die Wissenschaft nicht zu sorgen, ob sie die selbstsüchtigen Wünsche des Gemüts befriedigen oder verletzen werde. Und von der Verzagtheit wendet sich auch hier das menschliche Herz zum Trotz. Nachdem es einmal den Stolz der unbefangenen und rücksichtslosen Untersuchung gekostet hat, wirft es sich in jenen falschen und so gebrechlichen Heroismus, der dem entsagt zu haben sich rühmt, dem nie entsagt werden darf und schätzt, in maßlosem Vertrauen auf keineswegs unbestreitbare Voraussetzungen, die Wahrheit seiner neuen Weltansicht nach dem Grad der Feindseligkeit, mit welchem sie alles beleidigt, was das lebendige Gemüt außerhalb der Wissenschaft für unantastbar achtet.

Diese Vergötterung der Wahrheit scheint mir weder als unabhängige Schätzung ihres Wertes gerecht, noch vorteilhaft für den Zweck einer zu bewirkenden Überzeugung, den die Wissenschaft doch stets verfolgen muß.

Könnte es der menschlichen Forschung nur darauf ankommen, den Bestand der vorhandenen Welt erkennend abzubilden, welchen Wert hätte dann doch ihre ganze Mühe, die mit der öden Wiederholung schlösse, daß, was außerhalb der Seele vorhanden war, nun nachgebildet in ihr noch einmal vorkäme? Welche Bedeutung hätte das leere Spiel dieser Verdoppelung, welche Pflicht der denkende Geist, ein Spiegel zu sein für das was nicht denkt, wäre nicht die Auffindung der Wahrheit überall zugleich die Erzeugung eines Gutes, dessen Wert die Mühe seiner Gewinnung rechtfertigt? Der Einzelne, in die Teilung der geistigen Arbeit verstrickt, welche der wachsende Umfang der Wissenschaft unvermeidlich herbeiführt, mag für Augenblicke den Zusammenhang seiner engbegrenzten Beschäftigung mit den großen Zwecken des menschlichen Lebens vergessen; es mag ihm scheinen, als sei die Förderung des Wissens um des Wissens willen ansich ein verständliches und würdiges Ziel menschlicher Bestrebungen. Aber alle seine Bemühungen haben zuletzt doch nur die Bedeutung, zusammengefaßt mit denen unzähliger anderer, ein Bild der Welt zu entwerfen, das uns ausdeutet, was wir als den wahren Sinn des Daseins zu ehren, was wir zu tun, was zu hoffen haben. Jene strenge Unbefangenheit der Forschung aber, die ohne alle Rücksicht auf diese Fragen am Aufbau des Wissens mitwirkt, ist nur eine weise Enthaltsamkeit, die eine späte aber volle Beantwortung derselben vom vereinigten Ergebnis der Untersuchungen erwartet und sie der verfrühten und einseitigen Aufklärung vorzieht, mit welcher untergeordnete und zufällige Standpunkte unser Verlangen unzureichend beschwichtigen. Den unruhigen Fragen aber, wie sie unzusammenhängend die Bedrängnis des Lebens erzeugt, mag die Wissenschaft eine augenblickliche Antwort vorenthalten; sie mag auf den Fortschritt der Forschung verweisen, der manche Schwierigkeit in Nichts auflösen wird, ohne die neuen Verwirrungen zu verschulden, in welche die vereinzelten Beantwortungen zudringlicher Zweifel uns stets zu verwickeln pflegen. Aber das Ganze der Wahrheit dürfen wir nicht als eine abgeschlossene Glorie für sich betrachten, von der keine notwendige Beziehung mehr zu den Bewegungen des Gemüts hinüberliefe, aus denen doch stets der erste Antrieb zu ihrer Entdeckung hervorging. So oft vielmehr eine Umwälzung der Wissenschaft alte Auffassungsweisen verdrängt hat, wird sich die neue Gestaltung der Ansichten durch die bleibende oder wachsende Befriedigung rechtfertigen müssen, die sie den unabweisbaren Anforderungen unseres Gemüts zu gewähren vermag.

Ihre eigenen Zwecke müssen jedoch die Wissenschaft minder bestimmen, eine solche Verständigung zu suchen. Welchen anderen Ort des Daseins hätte die Wissenschaft auch, als die Überzeugung derer, die von ihrer Wahrheit durchdrungen sind? Aber sie wird nie diese Überzeugung bewirken, wenn sie vergißt, daß alle Bereiche ihrer Forschung, alle Gebiete der geistigen und natürlichen Welt vor jedem Anfang einer geordneten Untersuchung längst von unseren Hoffnungen, Ahnungen und Wünschen überzogen und in Besitz genommen sind. Überall zu spät kommend, findet sie nirgends eine völlig unbefangene Empfänglichkeit; sie findet überall vielmehr bereits befestigt jene Weltansicht des Gemüts vor, die mit dem ganzen Gewicht, welches sie ihrem Ursprung aus der lebendigsten Sehnsucht des Geistes verdankt, sich hemmend an den Gang ihrer Beweise hängen wird. Und wo eine widerwillige Überzeugung im Einzelnen dennoch erzwungen wird, da wird sie ebenso leicht wieder im Ganzen durch die Erinnerung vereitelt, daß ja die Macht jener ersten Grundsätze, durch deren Folgen die Wissenschaft uns bezwingen will, zuletzt auch nur auf einem unmittelbaren Glauben an ihre Wahrheit beruth. Mit demselben Glauben meint man viel richtiger sogleich jenes Weltbild selbst festhalten zu müssen, dessen Zusammenklang mit der Stimme unserer Wünschen seine Wahrheit zu bekräftigen scheint. Und so läßt man das Ganze der Wissenschaft als ein Irrsal dahingestellt sein, in welches die Erkenntnis, abgelöst von ihrem Zusammenhang mit dem ganzen lebendigen Geist, sich auf nicht weiter angebbare Weise verwickelt habe.

Man kann im Glauben an die Welt des Gemüts nicht schwärmen, ohne bei jedem Schritt des wirklichen Lebens die Vorteile der Wissenschaft zu benutzen und ihre Wahrheit stillschweigend dadurch anzuerkennen; man kann ebensowenig für die Wissenschaft leben, ohne Lust und Last des Daseins zu empfinden und sich von einer Weltordnung anderer Art überall umspannt zu fühlen, über welche jene kaum kärgliche Erläuterungen gibt. Was liegt näher als die Ausflucht, sich an beide Welten zu verteilen, beiden angehören zu wollen, ohne sie doch zu vereinigen? in der Wissenschaften den Grundsätzen des Erkennens bis in ihre äußersten Ergebnisse zu folgen und sich im Leben von den hergebrachten Gewöhnungen des Glaubens und Handelns nach ganz anderen Richtungen treiben zu lassen?

Daß diese Zwiespältigkeit der Überzeugung häufig die einzige Lösung ist, die man findet, ist nicht befremdlich; trauriger, wenn sie als die wahre Fassung unserer Stellung zur Welt empfohlen würde. Die Unvollkommenheit menschlichen Wissens kann uns wohl am Ende unserer Bemühungen zu dem Geständnis nötigen, daß die Ergebnisse des Erkennens und des Glaubens sich zu keinem lückenlosen Weltbau vereinigen, aber nie können wir teilnahmslos zusehen, wie das Erkennen durch seinen Widerspruch die Grundlagen des Glaubens unterhöhlt oder dieser kühl im Ganzen das ablehnt, was die Wissenschaft eifrig im Einzelnen gestaltet hat. Immer von neuem müssen wir vielmehr den ausdrücklichen Versuch wiederholen, beiden ihre Rechte zu wahren und zu zeigen, wie wenig unauflöslich der Widerspruch ist, in welchen sie unentwirrbar verwickelt erscheinen.

Der Übermut der philosophischen Forschung und die rastlosen Fortschritte der Naturwissenschaft haben von verschiedenen Seiten her jenes Weltbild zu zerstören gesucht, in welchem das menschliche Gemüt die Befriedigung seiner Sehnsucht fand. Die Beunruhigung jedoch, welche die Angriffe der Philosophie erzeugten, hat unsere Zeit durch das wirksamste Mittel überwunden, durch die völlige Teilnahmslosigkeit, mit der sie sich von den kaum mehr beachteten Anstrengungen der Spekulation abwendet. Sie hat sich nicht ebenso leicht der weit zudringlicheren Beredtsamkeit der Naturwissenschaften entziehen können, deren Behauptungen jeden Augenblick die Erfahrungen des alltäglichen Lebens bestätigten. Dieser übermächtige Einfluß, den die wahrhaft großartige Entwicklung der Naturerkenntnis auf alle Bestrebungen unseres Jahrhunderts äußert, ruft unfehlbar einen ebenso anwachsenden Widerstand gegen die Beeinträchtigungen hervor, die man von ihm für das Höchste der menschlichen Bildung erwartet. Und so stehen wieder die alten Gegensätze zum Kampf auf: hier die Erkenntnis der Sinnenwelt mit ihrem sich täglich mehrenden Reichtum des bestimmtesten Wissens und der Überredungskraft anschaulicher Tatsachen, dort die Ahnungen des Übersinnlichen, kaum ihres eigenen Inhalts recht sicher, jeder Beweisführung schwer zugänglich, aber durch ein stets wiederkehrendes Bewußtsein ihrer dennoch notwendigen Wahrheit noch unzugänglicher für jede Widerlegung. Daß der Streit zwischen diesen beiden eine unnötige Qual ist, die wir durch zu frühes Abbrechen der Untersuchung uns selbst zufügen, das ist die Überzeugung, die wir befestigen möchten.

Gewiß mit Unrecht wendet sich die Naturwissenschaft ganz von den ästhetischen und religiösen Gedankenkreisen ab, die man ihr als eine höhere Auffassung der Dinge überzuordnen liebt; sie fürchtet ohne Grund, ihre scharfbegrenzten Begriffe und die feste Fügung ihrer Methoden durch die Aufnahme von Elementen zerrüttet zu sehen, die aller Berechnung unfähig, ihre eigene Unbestimmtheit und Nebelhaftigkeit allem mitteilen zu müssen scheinen, was mit ihnen in Berührung kommt; sie vergißt endlich, daß ihre eigenen Grundlagen, unsere Vorstellungen von Kräften und Naturgesetzen, noch nicht die Schlußgewebe der Fäden sind, die sich in der Wirklichkeit verschlingen. Auch sie laufen vielmehr für einen schärferen Blick in dasselbe Gebiet des Übersinnlichen zurück, dessen Grenzen man umgehen möchte.

Nicht minder unbegründet aber ist, was andererseits der Anerkennung der mechanischen Naturauffassung so hemmend entgegensteht: die ängstliche Furcht, vor ihren Folgerungen alle Lebendigkeit, Freiheit und Poesie aus der Welt verschwinden zu sehen. Wie oft ist diese Furcht schon geäußert worden und wie oft hat der unaufhaltsame Fortschritt der Entdeckungen neue Quellen der Poesie eröffnet für die alten, die er verschütten mußte! Jenes Gefühl der Heimatlichkeit, mit dem ein abgeschlossenes Volk, unkundig des unermeßlichen menschlichen Lebens auch außerhalb seiner Grenzen, sich selbst als die ganze Menschheit und jeden Hügel, jede Quelle seines Landes in der pflegenden Obhut einer besonderen Gottheit fühlen durfte: diese Einigkeit des Göttlichen und Menschlichen ist überall zugrunde gegangen im Fortschritt der geographischen Kenntnis, den der wachsende Völkerverkehr herbeiführte. Aber diese erweiterte Aussicht verdarb nicht, sondern veränderte nur und erhöhte den poetischen Reiz der Welt. Die Entdeckungen der Astronomie zerstörten den Begriff des Himmels, wie den der Erde; sie lösten jenen, den anschaulichen Wohnsitz der Götter, in die Unermeßlichkeit eines Luftkreises auf, in welchem die Phantasie keine Heimat des Übersinnlichen mehr zu finden wußte; sie wandelten die Erde, die einzige Stätte des Lebens und der Geschichte, in einen der kleinsten Teile des grenzenlosen Weltalls um. Und Schritt für Schritt nahm diese Zerstörung altgewohnter Anschauungen ihren weiteren Verlauf.

Aus einem ruhenden Mittelpunkt war die Erde ein verloren wandelnder Planet, um eine Sonne kreisend, die vorher nur zu ihrem Schmuck und Dienst vorhanden schien; selbst die Harmonie der Sphären schwieg und alle haben wir uns abgefunden, daß ein stummer, allgemeinen Gesetzen gehorchender Umschwung unzähliger Himmelskörper die umfassende Welt ist, in der wir mit allen unseren Hoffnungen, Wünschen und Bestrebungen wohnen.

Daß diese Umbildung der kosmographischen Anschauungen auf das Bedeutsamste im Laufe der Geschichte die Phantasie der Völker umgestimmt hat, wer möcht das leugnen? Anders lebt es sich gewiß auf der Scheibe der Erde, wenn die sichtbaren Gipfel des Olymp und in erreichbarer Ferne die Zugänge der Unterwelt alle höchsten und tiefsten Geheimnisse des Weltbaus in die vertrauten Grenzen der anschaulichen Heimat einschließen; anders auf der rollenden Kugel, die weder im Innern noch um sich in der öden Unermeßlichkeit des Lustkreises Platz für jenes Verborgene zu haben scheint, durch dessen Ahnung allein das menschliche Leben zur Entfaltung seiner höchsten Blüten befruchtet wird. Am Faden einer heiligen Überlieferung mochte die Vorzeit das Gewirr der Völker, das den bunten Markt des Lebens füllt, in die stille Heimlichkeit des Paradieses zurückleiten, in dessen Schatten die Mannigfaltigkeit der menschlichen Geschlechter das verbindende Bewußtsein eines gemeinsamen Ursprungs wiederfand; die Entdeckung neuer Erdteile erschütterte auch diesen Glauben; andere Völker traten in den Gesichtskreis ein, unkundig der alten Sagen und die gemeinsame Heimat der Menschheit wurde weit über die äußersten Grenzen geschichtlicher Erinnerung hinausgerückt. Endlich tat die starre Rinde des Planeten selbst, den das menschliche Geschlecht seit dem Tag seiner Entstehung zu besitzen wähnte, ihren verschlossenen Mund auf und erzählte von unmeßbaren Zeiträumen des Daseins, in denen dieses menschliche Leben mit seinem Trotz und seiner Verzagtheit noch nicht war und die schöpferische Natur, auch so sich genügend, zahlreiche Gattungen des Lebendigen wechselnd entstehen und vergehen ließ.

So sind alle die freundlichen Begrenzungen zerfallen, durch die unser Dasein in eine schöne Sicherheit eingefriedet lag; unermeßlich, frei und kühl ist die Aussicht um uns her geworden. Aber alle diese Erweiterungen unserer Erkenntnisse haben weder die Poesie aus der Welt vertrieben, noch unsere religiösen Überzeugungen anders als förderlich berührt; sie haben uns genötigt, was uns in anschaulicher Näher verloren war, mit größerer geistiger Anstrengung in einer übersinnlichen Welt wiederzufinden. Die Befriedigung, die unser Gemüt in Lieblingsansichten fand, ist stets, wenn diese dem Fortschritt der Wissenschaft geopfert werden mußten, in anderen neuen Formen wieder möglich geworden. Wie dem Einzelnen im Verlauf seiner Lebensalter, so verwandeln sich auch unvermeidlich in der Geschichte des menschlichen Geschlechts die bestimmten Umrisse des Bildes, in dem es den Inhalt seiner höchsten und unverlierbaren Ahnungen ausprägt. Nutzlos ist jede Anstrengung, der klaren Erkenntnis der Wissenschaft zu widerstreben und ein Bild festhalten zu wollen, von dem uns doch das heimliche Bewußtsein verfolgt, daß es ein gebrechlicher Traum sei; gleich übel beraten aber ist die Verzweiflung, die das aufgibt, was bei allem Wechsel seiner Formen doch der unerschütterliche Zielpunkt menschlicher Bildung sein muß. Gestehen wir vielmehr zu, daß jene höhere Auffassung der Dinge, deren wir uns bald rühmen, bald gänzlich unfähig fühlen, in ihrem dunklen Drang sich des rechten Weges wohl bewußt ist und daß jede beachtete Einrede der Wissenschaft nur eine der täuschenden Beleuchtungen zerstreut, welche die wechselnden Standpunkte unserer veränderlichen Erfahrung auf das beständig gleiche Ziel unserer Sehnsucht werfen.

Jene Entgötterung des gesamten Weltbaus, welche die kosmographischen Entdeckungen der Vorzeit unwiderruflich vollzogen haben, den Umsturz der Mythologie, dürfen wir als verschmerzt ansehen und der letzten Klage, die in SCHILLERs Göttern Griechenlands sich ergoß, wird nie ein Versuch folgen, im Wiederstreit mit den Lehren der Wissenschaft den Glauben an dieses Vergangene wiederherzustellen. Große Umwälzungen der religiösen Ansichten haben über diesen Verlust hinausgeführt und längst den überreichen Ersatz dargeboten. Aber wie die wachsende Fernsicht der Astronomie den großen Schauplatz des menschlichen Lebens aus seiner unmittelbaren Verschmelzung mit dem Göttlichen löste, so beginnt das weitere Vordringen der mechanischen Wissenschaft auch die kleinere Welt, den  Mikrokosmus  des  menschlichen Wesens,  mit gleicher Zersetzung zu bedrohen. Ich denke hierbei nur flüchtig an die überhandnehmende Verbreitung materialistischer Auffassungen, die alles geistige Leben auf das blinde Wirken eines körperlichen Mechanismus zurückführen möchten. So breit und zuversichtlich der Strom dieser Ansichten fließt, hat er seine Quelle doch keineswegs in unabweisbaren Annahmen, die mit dem Geist der mechanischen Naturforschung unzertrennlich zusammenhingen. Aber auch innerhalb der Grenzen, in denen sie sich mit besserem Recht bewegt, ist die zersetzende und zerstörende Tätigkeit dieser Forschung sichtbar genug und beginnt die durchdringende Einheit des Körpers und der Seele zu bestreiten, auf der jede Schönheit und Lebendigkeit der Gestalten, jede Bedeutsamkeit und jeder Wert ihres Wechselverkehrs mit der äußeren Welt zu beruhen schien. Gegen die Wahrheit der sinnlichen Erkenntnis, gegen die freie Willkürlichkeit der Bewegungen, gegen die schöpferische, aus sich selbst quellende Entwicklung des körperlichen Daseins überhaupt sind die Angriffe der physiologischen Wissenschaft gerichtet gewesen und haben so alle jene Züge in Frage gestellt, in denen das unbefangene Gefühl den Kern aller Poesie des lebendigen Daseins zu besitzen glaubt. Befremdlich kann daher die Standhaftigkeit nicht sein, mit welcher die Weltansicht des Gemüts als höhere Auffassung der Dinge den überzeugenden Darstellungen der mechanischen Naturbetrachtung hier zu widerstreben sucht; umso nötiger dagegen der Versuch, die Harmlosigkeit dieser Ansicht nachzuweisen, die, wie sie uns zwingt, Ansichten zu opfern, mit denen wir einen Teil unseres Selbst hinzugeben glauben, doch durch das, was sie uns zurückgibt, die verlorene Befriedigung wieder möglich macht.

Und je mehr ich selbst bemüht gewesen bin, den Grundsätzen der mechanischen Naturbetrachtung Eingang in das Gebiet des organischen Lebens zu bereiten, das sie zaghafter zu betreten schien, als das Wesen der Sache es gebot: umso mehr fühle ich den Antrieb, nun auch jene andere Seite hervorzukehren, die während all jener Bestrebungen mir gleich sehr am Herzen lag. Ich darf kaum hoffen, ein sehr günstiges Vorurteil für den Erfolg dieser Bemühungen anzutreffen; denn was jene früheren Darstellungen an Zustimmung etwa gefunden haben mögen, das dürften sie am meisten der Leichtigkeit verdanken, mit der jede vermittelnde Ansicht sich dahin umdeuten läßt, daß sie doch wieder einer der einseitigen äußersten Meinungen günstig erscheint, welche sie vermeiden wollte. Gleichwohl liegt in dieser Vermittlung allein der wahre Lebenspunkt der Wissenschaft; nicht darin freilich, daß wir bald der einen bald der anderen Ansicht zerstückelte Zugeständnisse machen, sondern darin, daß wir nachweisen, wie  ausnahmslos universell die Ausdehnung,  und zugleich wie  völlig untergeordnet die Bedeutung der Sendung ist, welche der Mechanismus im Bau der Welt zu erfüllen hat. 

Es ist nicht der umfassende Kosmus des Weltganzen, dessen Beschreibung wir nach dem Muster, das unserem Volk gegeben ist, auch nur im beschränkteren Sinn dieser ausgesprochenen Aufgabe zu wiederholen wagen möchten. Je mehr die Züge jenes großen Weltbildes in das allgemeine Bewußtsein dringen, desto lebhafter werden sie uns auf uns selbst zurückfallen und die Fragen von neuem anregen, welche Bedeutung nun der Mensch und das menschliche Leben mit seinen beständigen Erscheinungen und dem veränderlichen Lauf seiner Geschichte im großen Ganzen der Natur hat, deren beständigem Einfluß wir uns nach den Ergebnisse der neueren Wissenschaft mehr als je unterworfen fühlen. Indem wir hierüber die Reflexionen zu sammeln suchen, die nicht allein innerhalb der Grenzen der Schule, sondern überall im Leben sich dem nachdenklichen Gemüt aufdrängen, wiederholen wir unter den veränderten Anschauungen, welche die Gegenwart gewonnen hat, das Unternehmen, das in HERDERs Ideen zur Geschichte der Menschheit seinen glänzenden Beginn gefunden hat.
LITERATUR - Hermann Lotze, Mikrokosmus - Ideen zur Naturgeschichte und Geschichte der Menschheit, Leipzig 1856