cr-2 LeschbrandGeisslerEddingtonSchubert-Soldern    
 
SALI LEVI
Lotzes Substanzbegriff

"Aber auch dann, wenn wir mit Leibniz die Substanz als das Selbsttätigsein auffassen, können wir uns mit dieser Erklärung nicht zufriedengeben. Wenn die Substanz, die Monade, in sich abgeschlossen ist, dann ist es unerfindlich, wie ein Geschehen zustande kommen soll, denn ein Werden, eine Entwicklung kann nur geschehen, wenn ein Gegenstand  A  mit einem anderen Ding  B  in Beziehung tritt."

A. Einleitung: Der Substanzbegriff vor Lotze

Wenn wir irgendein Ding ins Auge fassen, so bemerken wir, daß sich dieses Ding verändert. Das Wasser wird unter dem Einfluß der sinkenden Temperatur zu Eis verdichtet, bei steigender Temperatur verflüchtigt es sich zu Dampf. Und doch pflegen wir diese drei verschiedenen Dinge als Phasen  eines  Dings anzusehen; denn eine Erkenntnis wäre unmöglich, wenn wir die einzelnen Phasen nicht zusammenfassend festhalten könnten: wir könnten stets nur ein vorübergehendes Etwas sehen, das im nächsten Moment schon ein völlig anderes geworden ist. Wir könnten nicht von einem "Blatt" sprechen, sondern nur von einem nach bestimmten Dimensionen im Raum ausgedehnten Grünsein oder Gelbsein, wenn uns nicht ein Etwas gegeben wäre, an dem wir die verschiedenen Seinszustände haften lassen können, das im Wechsel der Seinszustände standhält. Dabei bleibt die Frage: "in welchem Sinn kann in verschiedenen Augenblicken das mit sich identisch bleiben, was doch im ein und demselben nicht sich selbst gleich ist, wie es im andern war?" (1) Fruchtlos ist darauf die Antwort: "Das Wesen bleibe sich immer gleich, nur die Erscheinung wechselt; der Gehalt bleibt derselbe, die Form ändert sich ..." Denn "alle diese Ausdrücke setzen voraus, was wir wissen wollen". Wir wollen gerade wissen, wie das Verhältnis zwischen dem "Etwas" und den "Zuständen" beschaffen sein muß, damit an diesem "Etwas", das mit sich selbst stets identisch bleibt, eine bunt wechselnde Vielheit von "Zuständen" haften kann. Das "Etwas", das wir so allen Seinszuständen zugrunde legen, nennen wir Substanz. Auf die Frage nach dem  Wie  der Substanz wurde von den verschiedenen Philosophen verschieden geantwortet.


1) Substanz als das Selbständigsein
(Aristoteles, DESCARTES, Spinoza)

ARISTOTELES hat die Frage nach dem Wie der Substanz zum erstenmal eingehend behandelt. In seiner Metaphysik wendet er sich gegen PLATONs Auffassung, der im Allgemeinen, in der Idee das Substanziale der Dinge sehen wollte. Die Ideen, die außerhalb der Dinge liegen, haben nicht die Kraft, das Wesen der Dinge auszumachen; wollen sie das Wesen der Dinge sein, so müssen sie den Dingen angehören. Er kann vielmehr nur im Einzelnen das Wirklichseiende (ousia) sehen; das Einzelding ist dasjenige, das Subjekt und nie Prädikat ist, das keinem anderen Ding zugehört, während das Allgemeine stets eine Eigenschaft der Substanz ausdrückt. Das einem Ding nicht zugehörig sein, das Selbständigsein sieht ARISTOTELES als das Wesen der Substanz an und findet es im Einzelding (tode ti [bestimmtes Dieses - wp]).

Er hat das Ergebnis seiner Untersuchung dadurch eingeschränkt, daß er die Wichtigkeit des Allgemeinen, des Begrifflichen - neben dem Einzelding - für unsere Erkenntnis anerkennen mußte, "ein Widerspruch, dessen Folgen sich durch das ganze aristotelische System hindurchziehen". (2) Doch gewinn sein Substanzbegriff dadurch an Bedeutung, daß er eine Weiterführung zu Beginn der neueren Philosophieperiode erfährt.

Auch DESCARTES faßt das unabhängig, selbständig Sein als das Wesen der Substanz auf. Nun hatte sich aber für DESCARTES ergeben, daß sich Räumlichkeit (extensio) und Bewußtsein (cogitatio) ausschließend gegeneinander verhalten, daß sich also Denken und Ausdehnung unabhängig voneinander gegenüberstehen. Diese beiden sind ansich zwar nicht unabhängig, aber sie sind in ihrer gegenseitigen Unabhängigkeit doch relative Substanzen; DESCARTES nennt sie "substantias incompletas". (3)

Der Substanzbegriff DESCARTES' fand seine Vollendung durch SPINOZA (4). Auch er erblickt im Selbständigen das Wesen der Substanz. Er setzt nun aber DESCARTES' Satz fort: Wenn die Substanz sich im Selbständigsein ausdrückt, Ausdehnung und Denken aber von Gott abhängig sind, so sind sie keine Substanzen; Gott ist die einzige Substanz. "Gott ist die unendliche wirkende Natur, die Welt als ewige Folge Gottes ist die bewirkte Natur. Die Attribute sind die ewigen und unendlichen Naturkräfte, die einzelnen Dinge sind Naturerscheinungen, die Geister denkende Naturen, die Körper ausgedehnte. Was ist in diesem System, das nicht Natur wäre? Die vernünftige Ordnung ist die naturnotwendige". (5) Zeigt sich SPINOZA konsequenter als DESCARTES, so kann doch auch sein Substanzbegriff nicht genügen. Hatte dem Substanzbegriff von DESCARTES die Einheitlichkeit gefehlt, so ist SPINOZAs Substanzbegriff nicht das Selbständigsein, das er in ihm sehen will. Denn dadurch, daß die Substanz sich uns nur in ihren Attributen und modis zu erkennen gibt, ist sie von diesen abhängig. Auch ist mit der bloßen Annahme einer solchen Substanz ihre Existenz noch nicht erwiesen. (6) Ein weiterer Mangel des spinozistischen Substanzbegriffs findet sich darin, daß, selbst wenn das Sein der Substanz erwiesen wäre, wir aus dem Sein selbst nie das Werden und Geschehen erklären könnten, so lange wir nicht Sein dem Tätigsein gleichsetzen.


2) Substanz als das Selbstätigsein
(Leibniz)

Die Unmöglichkeit, aus dem "Selbständigsein", dem Substanzbegriff des ARISTOTELES, DESCARTES und SPINOZA, das Werden zu erklären, läßt LEIBNIZ einen neuen Substanzbegriff anbahnen. War bisher die Substanz das unabhängige  Sein so faßte sie LEIBNIZ als das Tätigsein: "La substance est un etre capable d'action" [Die Substanz ist eine der Aktion fähige. - wp] (7) Die Fähigkeit zu Handeln erteilt LEIBNIZ aber nicht nur einer unendlichen Substanz, sondern einer unendlich großen Zahl von Einzelsubstanzen oder Monaden. Darunter versteht er einfache, unteilbare, daher immaterielle (Seelen-) Wesen, deren tätige Kraft Vorstellungen erzeugt und die sich in drei Stufen übereinander aufbauen. Die durch diese Vielheit gefährdete Einheitlichkeit sucht LEIBNIZ dadurch zu erhalten, daß er in jeder Monade durch einen ihr eigenen inneren Kraftkern sich das All widerspiegeln läßt. Die Einheitlichkeit der verschiedenen in jeder Monade sich wiederspiegelnden Weltbilder hat ihren Grund in der von Gott "prästabilisierte Harmonie", welche die Veränderungen in den Zuständen der verschiedenen Monade parallel laufen läßt, sodaß also die Monaden nur von sich und von Gott abhängig sind. Den Zwiespalt zwischen Körper und Geist überwindet LEIBNIZ dadurch, daß er auch den Körper als ein Aggregat von Monaden ansieht, dem allerdings eine höchste Monade, die Seele, übergeordnet ist.

Aber auch dann, wenn wir mit LEIBNIZ die Substanz als das Selbsttätigsein auffassen, können wir uns mit dieser Erklärung nicht zufriedengeben. Wenn die Substanz, die Monade, in sich abgeschlossen ist, dann ist es unerfindlich, wie ein Geschehen zustande kommen soll, denn ein Werden, eine Entwicklung kann nur geschehen, wenn ein Gegenstand  A  mit einem anderen Ding  B  in Beziehung tritt. Ferner muß die von LEIBNIZ proklamiere Handlungsfreiheit eine Einschränkung erfahren, da er sie von der prästabilisierten Harmonie abhängig sein läßt.


3) Substanz als das Beharrliche
(Locke, Kant)

LEIBNIZ, wie auch DESCARTES und SPINOZA hatten ihr System rein rationalistisch aufgebaut und waren dadurch zu unannehmbaren Konsequenzen gedrängt worden, die sie hätten vermeiden können, wenn sie mehr der Erfahrung Rechnung getragen hätten. Es ist nun besonders LOCKEs Verdienst, gezeigt zu haben: "daß allerdings das Organ der Wissenschaft die Vernunft, ihre Form die Demonstration und der Bereich der Erkenntnis weiter ist, als der der Erfahrung, daß aber jenes Organ und diese Form ihren Inhalt nur der Zufuhr von Ideenmaterial aus den Sinnen verdanken." (8) Die menschliche Seele, sagt LOCKE, nimmt durch Vermittlung der Sinneswahrnehmungen immer nur einzelne Vorstellungen (simple ideas) wahr, die, da sie häufig in gleichen Komplexen aufzutreten pflegen, einem zugrunde liegenden Wesen anzugehören scheinen: "Wir können uns nämlich nicht vorstellen, wie diese einfachen Ideen  für sich  bestehen können, deshalb gewöhnen wir uns daran, irgendein  Substrat  vorauszusetzen, in dem sie bestehen, aus dem sie hervorgehen. Dies nennen wir deshalb  Substanz."  (9)

"Die Substanz ist das Etwas, auf welches sich die einfachen Dinge beziehen und in welchem sie vereinigt sind." (10) Wir können hier nicht dabei verweilen, wie BERKELEY und HUME den von LOCKE betretenen Weg weiter wanderten, der HUME zur Leugnung nicht nur der Realität einer Substanz, sondern sogar der Berechtigung zur Frage nach einer Substanz führte. Die wuchtigen Hiebe HUMEs vermochten nicht, den Substanzbegriff aus den philosophischen Systemen zu verdrängen.

KANT knüpft wieder an LOCKEs Auffassung der Substanz an. Auch KANT betrachtet den Substanzbegriff als eine Einheitsfunktion unseres Denkens, eine Kategorie. "Substanzen (in der Erscheinung) sind die Substrate aller Zeitbestimmungen." (11) Als solche können die Substanzen nicht wechseln, sondern müssen beharrlich sein. "So ist demnach die Beharrlichkeit eine notwendige Bedingung, unter welcher allein Erscheinungen als Dinge oder Gegenstände in einer möglichen Erfahrung bestimmbar sind." (12) Die Beharrlichkeit ist KANT so sehr das Wesen der Substanz, daß ihn der Satz: die Substanz sei beharrlich, eine Tautologie dünkt. KANT nimmt eine Vielheit solcher Substanzen an, die an den Dingen der Gegenstand selbst sind, während das Wechselnde an den Dingen nur Bestimmungen des modus ihrer Existenz sind. Nach KANT sind diese Substanzen sinnlich wahrnehmbar; denn es würde "Substanz, wenn man die sinnliche Bestimmung der Beharrlichkeit wegließe, nichts weiter als ein Etwas bedeuten, das als Subjekt (ohne Prädikat von etwas anderem zu sein) gedacht werden kann. Aus dieser Vorstellung kann ich nun nichts machen, indem sie mir gar nicht anzeigt, welche Bestimmungen das Ding hat, welches als ein solches erste Subjekt gelten soll." (13) Daraus muß nun KANT folgern, daß es keine geistigen Substanzen gibt, sodaß weder die Seele noch Gott als Substanz bezeichnet werden kann, da ihnen keine Anschauung entspricht. Denn "dieses Ich ist so wenig Anschauung, als Begriff von irgendeinem Gegenstand, sondern die bloße Form des Bewußtseins, welches beiderlei Vorstellungen begleiten und sie dadurch zu Erkenntnissen erheben kann, sofern nämlich dazu noch irgendetwas anderes in der Anschauung gegeben wird, welches zu einer Vorstellung von einem Gegenstand Stoff darreicht." (14) Da nun ferner in der Zeit "alles beharrlich fließt", kann es nur Substanzen im Raum geben. Aber wenn nun KANT sagt, daß uns der Begriff der Seelensubstanz "nicht im mindesten weiter führe, oder irgendeine von den gewöhnlichen Folgerungen der vernünftelnden Seelenlehre, als z. B. die immerwährende Dauer derselben bei allen Veränderungen und selbst dem Tod des Menschen lehren könne, daß er also eine Substanz in der Idee, aber nicht in der Realität bezeichnet" (15), so gibt er doch zu, daß "man den Satz: Die Seele ist Substanz, gar wohl gelten lassen" (16) kann. Da wir also KANTs Substanzbegriff des Beharrlichen nicht auf alle Dinge gleichmäßig, seien sie geistiger oder körperlicher Art, anwenden dürfen, kann auch sein Substanzbegriff uns nicht sagen, was im Wechsel der Vielheit in den Dingen, die zusammenfassende Einheit ist, wenn wir nicht das "Beharrliche" als leeres Schema auf die Welt der geistigen Dinge übertragen wollen. (17)

Drei verschiedene Substanzbegriffe konnten wir in der Philosophiegeschichte verfolgen:
    1) ARISTOTELES, DESCARTES, SPINOZA sahen die Substanz im  Selbständigsein,  konnten aber mit diesem Substanzbegriff nicht das Werden erklären.

    2) Das Geschehen will LEIBNIZ durch die  Selbsttätigkeit  der Weltelemente erklären. Die Abgeschlossenheit der Monaden [oder Realen] aber läßt keine Beziehungen zwischen diesen entstehen, sodaß auch so das Geschehen unerklärt bleibt.

    3) LOCKE sieht in der Substanz eine durch Gewohnheit entstandene Einheitsfunktion des Denkens, KANT eine Kategorie der Erkenntnis, sie bedeutet das als  "Beharrliches"  im Wechsel der Zustände Bleibende.
Wir wollen nun untersuchen, wie sich der Substanzbegriff LOTZEs zu jenen drei Typen verhält.
LITERATUR - Sali Levi, Lotzes Substanzbegriff, Heidelberg 1906
    Anmerkungen
    1) LOTZE, Metaphysik 1879, Seite 52f
    2) EDUARD ZELLER, Grundriss der Geschichte der griechischen Philosophie, 6. Auflage, 1901, Seite 167
    3) Wenn daher KARL HEIDMANN, Der Substanzbegriff von Abälard bis Spinoza, Berlin 1890, Seite 28, meint: Daß "seit DESCARTES noch kein auch nur im formalen Anschein so gelungener Lösungsversuch wieder aufgetaucht sei," so dürfte meines Erachtens diese Behauptung nicht einwandfrei sein.
    4) SPINOZA, Ethik I, prop. III
    5) KUNO FISCHER, Neuere Philosophie, 2. Auflage, Seite 252
    6) KANT, Kritik der reinen Vernunft, beweist: "daß der Begriff eines absolut notwendigen Wesens ein reiner Vernunftbegriff, d. h. eine bloße Idee sei, deren objektive Realität dadurch, daß die Vernunft ihrer bedarf, noch lange nicht bewiesen ist."
    7) LEIBNIZ, princ. de la nature et de la grace
    8) RICHARD FALCKENBERG, Geschichte der neueren Philosophie, 5. Auflage, Seite 135
    9) JOHN LOCKE, Untersuchungen über den menschlichen Verstand, Buch II, Kapitel 23, § 1
    10) EDMUND KÖNIG über den Substanzbegriff bei Locke und Hume, in WUNDTs Philosophischen Studien, 1881, Seite 285
    11) KANT, Kritik der reinen Vernunft, Reclam, Seite 179
    12) KANT, Kritik der reinen Vernunft, Reclam, Seite 180
    13) KANT, Kritik der reinen Vernunft, Reclam, Seite 149
    14) KANT, Kritik der reinen Vernunft, Reclam, Seite 322
    15) KANT, Kritik der reinen Vernunft, Reclam, Seite 299f
    16) KANT, Kritik der reinen Vernunft, Reclam, Seite 299f
    17) Wenn nun aber aus der Kritik des kantischen Substanzbegriffs A. LESCHBRAND, Der Substanzbegriff in der neueren Philosophie von Cartesius bis Kant, Seite 87, schließt, daß HUME recht hatte, "den Substanzbegriff als mindestens überflüssig und verwirrend abzuweisen", so scheint der den Bergstock, den er zum Aufstieg braucht, zu verwünschen, weil er ihm eine Last ist.