cr-4 LotzeLotzeLotzeL. StählinF. CheliusF. GoldnerH. Pöhlmann    
 
OTTO CASPARI
Hermann Lotze
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"Erst  Lotze ist in historischer Beziehung als derjenige unter den neuesten Forschern anzusehen, der in psychologischer, erkenntnistheoretischer und in philosophischer Hinsicht überhaupt, das Geheimnis über die blendende Kraft und das Wahre des Hegelianismus bloßlegte und in der tiefsten Weise zugleich widerlegte. Man darf mit vollem Recht sagen: Lotze hatte Hegel überwunden." 

"Lotze zeigt, wie man mit Hilfe einer solchen Dialektik  irgendeinen Inhalt (sei es der des Schönen, des Wahren oder des Rechts oder des Staates usw.) durch Abstraktion zu zerfällen hat, um so die gewonnenen Teile gleichsam durch eine geschmackvolle (logisch ästhetische) Reflexion hinterher zu einer logischen Gruppe von Begriffe zu ordnen. Nachdem hiermit das Geheimnis dieser Art von abstrakter Gedankenzergliederung deutlich klargelegt war, sah man, daß damit nur eine geschickte Gruppierung des Stoffs vorgenommen wurde und nichts als ein ästhetisches Darstellungstalent in der Behandlung bestimmter Materien mit einer solchen Dialektik zur Geltung gebracht wurde."


Vorwort zur zweiten Auflage

Seit dem Erscheinen dieser Schrift sind mehr als zehn Jahre verflossen, und die Physiognomie der wissenschaftlichen Bestrebungen hat sich inzwischen mannigfach verändert. Während es damals, nach dem Hinscheiden HERMANN LOTZEs galt, die Kritik dieses Forschers in Bezug auf HEGEL, HERBART und die Empiristen kurz und klar hervorzuheben, um den Weg zur Weiterführung der von KANT entwickelten Philosophie suchen zu können, sind es neben der Auffrischung dieser Tatsachen eine Reihe von weiteren Anregungen, die es dem Verfasser wertvoll erscheinen lassen, diese kritische Arbeit abermals der Öffentlichkeit in verbesserter Gestalt zu übergeben.

Diese Anregungen fließen uns heute zu aus der wichtigsten Disziplin der "philosophischen Tatsachenlehre", nämlich der "Psychologie". Hypnotismus, und Hand in Hand hiermit ein freieres und vertiefteres Experimentieren über psychologische Zustände, sind in philosophischer Hinsicht so sehr in den Vordergrund getreten, daß sich die Einflüsse dieser Tatsachen auch für die philosophische Prinzipienlehre und die Metaphysik geltend machen müssen. Sollen die hierüber gesammelten Tatsachen und Erfahrungen aber nicht sehr rasch zugunsten eines Materialismus und des sogenannten Positivismus, oder aber im Sinne eines unwissenschaftlichen Mystizismus verwertet und gedeutet werden, so erscheint es wichtig, auf die Philosophie LOTZEs bei weitem mehr sein Augenmerk zu richten, als das gegenwärtig geschieht. Seine Lehre über Gehirn und Geist und über die intellektuelle Wechselwirkung, das Raumproblem und seine Lokalzeichenlehre, sind in Anbetracht aller hierhergehörigen Fragen  nicht zu umgehen,  und das Studium über LOTZE, der in seiner Person den Mediziner und Philosophen verschmolz, ist keinem heutigen Jünger, der mit experimenteller Psychologie etwas zu leisten versucht, ganz zu ersparen. Denn nur mit der Kenntnis von LOTZEs Philosophie kann es einem Naturforscher gelingen, über die Tendenzen seiner Experimente hinreichend klar zu werden, und sich der seichten und falschen Folgerungen zu entziehen, gegen welche selbst WUNDT von seinem Gesichtspunkt aus es für nötig fand, sich neuerdings zu erheben.

Die Schlußkapitel dieser Arbeit knüpfen, nach der gegebenen Kritik über LOTZEs Prinzip, an die kantische Lehre über den Schematismus an, auf welche auch LOTZE, wenn auch nur oberflächlich, hinwies. Eben diese Lehre darf beim Aufsuchen des philosophischen Grundprinzips nicht übergangen werden, wenn nicht Rückfälle in die Fehler des einseitigen Idealismus oder eines materialistischen Empirismus hiervorn die Folge sein sollen. Hätte LOTZE bei der Aufstellung seines höchsten Prinzips die Lehre vom Schematismus und das Grundgesetz der "mannigfaltigen Einheit" tiefer beachtet, so wäre er bei der Substantialisierung desselben nicht in das Gebiet des absoluten metaphysischen Jenseits geraten, um damit die von ihm selbst bekämpften Fehler des Idealismus in diesem Punkt  zu wiederholen.  Um an dieser Stelle das hierauf Bezügliche zu sagen, sei es gestattet, ein Gleichnis herbeizuziehen. LOTZE stellt das höchste Prinzip, das er substanzialisiert, hin, wie CHRISTIAN FRIEDRICH KRAUSE, als eine Allpersönlichkeit, die in ihrer Beherrschung alles Übrigen den strengsten Charakter des Absolutismus erkennbar macht, während die Kritik, mit Rücksicht auf die Lehre vom Schematismus, es nur gestattet, den hiermit proklamierten Herrscher des Weltalls anzuschauen, als einen Fürsten, der sich samt seinen Untertanen  einer gegebenen Konstitution mit einer über beiden stehenden Verfassung (Schema) unterworfen hat. 

Wichtig sind die Folgerungen, die in religionsphilosophischer Hinsicht aus dieser einschneidenden Veränderung der Auffassung des Prinzips hervorgehen, und zu beklagen, aber erklärlich wird es, daß LOTZE sich über die hiermit zusammenhängenden Lehren: von der göttlichen Regierung, vom Abfall, von der Entstehung und Zulassung der physischen und moralischen Übel, von Sünde und Erlösung sich nicht klar und deutlich, wie er es im Übrigen gewöhnt war, ausgesprochen hat. Alle Schüler und Anhänger LOTZEs, insbesondere die Jünger RITSCHLs, der an LOTZE so vielfach anknüpft, sind daher umso mehr hingewiesen auf die Kritik des Grundprinzips des von uns behandelten Philosophen, die wir in den folgenden Kapiteln, ebenso wie den Ausblick auf eine erkenntnistheoretische Weiterentwicklung desselben, zu geben versucht haben.


I.
Lotzes Persönlichkeit und Bildungsgang

Die philosophische Wissenschaft hatte im Jubiläumsjahr der "Kritik der reinen Vernunft" einen herben Verlust erlitten. Einer der tüchtigsten und hervorragendsten Philosophen war von uns geschieden. Von allen Seiten kam die Kunde, wie sehr man immer mehr und mehr die Lücke empfand, welche durch den Tod HERMANN LOTZEs unter den philosophischen Fachautoritäten gerissen wurde. Eine Wissenschaft wie die Philosophie, welche wie keine andere der Gedankenfreiheit einen sehr breiten Spielraum gestattet, ist in ihrer Fortentwicklung mehr wie andere Fächer hingewiesen auf hervorragende Bannerträger, welche sich als anerkannte Autoritäten geltend zu machen wissen. Der oft weit auseinandersprudelnde Gedankenfluß der philosophierenden Geister wird von solchen Heroen konzentriert, und die wissenschaftliche Debatte erhält hiermit einen mehr kontinuierlichen Fortgang. Der Parteikampf gestaltet sich zugleich durch solche Männer versöhnlicher, in gemeinsamer Anerkennung ihrer Leistungen werden von den allerverschiedensten Seiten die Geister zusammengeführt, ein sicherer Austausch entgegengesetzter Ansichten kommt zustande, durch den allein die Wissenschaft sich weiterbildet.

HERMANN LOTZE war im Laufe der Jahre ein solcher philosophischer Führer geworden.

Sein erstes Auftreten fällt in jene Zeit, wo die großen Sterne der idealistischen Richtung bereits stark im Verbleichen waren, immer kühner erhob der Materialismus unter der Führung BÜCHNERs sein Haupt, immer mehr begann man sich selbst auf den Universitäten widerwillig von aller Philosophie abzuwenden, da, unter dem Druck dieser die tiefere Wissenschaft zerstörenden Gewalten, war es hauptsächlich das Verdienst LOTZEs, der Philosophie und aller idealen Spekulation ihr Ansehen in den akademischen Kreisen wiederzugewinnen und zu bewahren. Wohl kaum einem andern wäre damals das Hochhalten der idealen philosophischen Fahne unter dem Einfluß jener revolutionären Gewalten gelungen wie ihm. Sein ursprünglicher eigentümlicher Bildungsgang ebensosehr, wie der ihm angeborene ideale Sinn waren es, welche ihm die Macht und das Ansehen verschafften und ihn befähigten, den Feinden aller wahren Philosophie mit kühner Stirn entgegenzutreten, um sie immer von Neuem mit ihren eigenen Waffen zu schlagen. LOTZE hatte sich bekanntlich nicht nur rein philosophischen Studien gewidmet, sondern in der Absicht praktischer Arzt zu werden, war er durch die Schule der modernen Naturwissenschaft hindurchgegangen.

Was aber mehr wert war und ebenso selten, wie für sein Genie entscheidend, war, das, daß er ein Mediziner geworden war, der unter dem Einfluß seines Studiums den Sinn für Idealität und tiefere Philosophie nicht verloren hatte.

LOTZE hatte wie wenige den modernen Materialismus unter den Einwirkungen des medizinischen Studiums durchlebt, und war, nachdem er rasch die Schwächen der neuen materialistischen Lehren erkannt und siegreich überwunden hatte, hiermit wie kein anderer befähigt, diese in ihrer Achillesferse zu bekämpfen, zu überwinden und aus dem Feld zu schlagen. Die modernen BÜCHNER, MOLESCHOTT u. a. sind daher auch von keinem Forscher schärfer und schlagender widerlegt worden wie durch HERMANN LOTZE. Wer historisch den Kampf schildern will, den um die Mitte dieses Jahrhunderts die verschiedensten idealen Richtungen mit den Materialisten führten, der wird LOTZE nicht übergehen können; denn daß sich nach der großen Niederlage der SCHELLING-HEGEL'schen Philosophie und der idealistischen Schule, hervorragende Naturforscher und Empiriker nicht dem bacchantischen Triumphzug der Materialisten anschlossen, und Männer wie JOHANNES MÜLLER, HELMHOLTZ und andere große Forscher auf dem Gebiet der Physiologie, sich den Einflüssen KANTs und HERBARTs hingaben, dürfen wir zum Teil auf die Einwirkungen von LOTZEs Schriften und Beweisführungen zurückführen. LOTZE ist nach dem einflußreichen Auftreten HEGELs, SCHELLINGs, HERBARTs und SCHOPENHAUERs, zugleich beinahe der einzige bedeutende Kathederlehrer gewesen, der einen großen Anhängerkris von warmen, begeisterten Verehrern um sich zu sammeln wußte.

Nicht zum wenigsten trug hierzu das Wesen seiner edlen Persönlichkeit bei. Äußerlich klein und unscheinbar, lag in seinem Auftreten etwas sehr Bewegliches, Schneidiges und Scharfes. Milde, aber äußert gewissenhaft, sogar umständlich und pedantisch erwägend, und von allen Seiten kritisch erleuchtend waren seine Urteile. Deutlich prägt sich diese edle und ehrliche Denkweise in der Darstellung und Schreibweise seiner Werke aus, eine Darlegung, die gemeinhin nur der Kenner und die dem tieferen Fachstudium Ergebenen hinreichend zu schätzen wissen. LOTZEs Wissen war seinem Studiengang gemäß ein äußerst umfangreiches. Er war überall zuhause, in seinem engen Kreis sprach er nicht sowohl ebenso gelehrt und unterrichtet über Medizin und Naturwissenschaften, wie auch klarblickend über Philologie und Kunst. Gern erinnerte er sich der wenigen Abende, die es ihm als Student vergönnt war, in seinem stillen, häuslichen Kreis zuzubringen. Da wurde mit dem jungen REHNISCH (jetzigen Professor für Philosophie in Göttingen) ebensosehr über Schulunterricht. Sprachwissenschaft und Erziehung gesprochen, wie über Italiens Kunstschätze und über schwierige philosophische Probleme. Seine edle, anregende, bescheidene und liebgewinnende Persönlichkeit wird allen, die dem trefflichen Mann irgendwie näher traten, unvergeßlich bleiben. LOTZE wollte nicht äußerlich glänzen und großtun; hätte er seine Person über die Sache zu erheben gewußt, so hätte er seinem Ansehen und seiner fachlichen Autorität gemäß viel früher eine äußerlich mehr dominierende Stellung eingenommen. Nichts aber lag ihm ferner wie Ehrgeiz und Gelehrtendünkel, nur mit der größten Mühe konnte er sich kurz vor seinem Hinscheiden dazu entschließen, sein geliebtes, stilles Göttinger Daheim mit dem erhabenen Lehrstuhl in der geräuschvollen Metropole zu vertauschen, um si mehr schnitt es allen ins Herz, als die Kundes seines raschen Ablebens in Berlin, wohin er sich nur auf wiederholtes Drängen seiner Verehrer begeben hatte, sich verbreitete. Seit seinem Tod sind ihm von vielen Seiten Nachrufe gewidmet worden; aber soviel Schmeichelhaftes und Wertvolles in diesen Äußerungen vorgebracht wurde, in wissenschaftlicher Hinsicht ist es dennoch nicht genügend betont worden, wieviel mit LOTZE zu Grabe getragen wurde. Andern, welche sich genauer mit LOTZEs Leben und Lehren in historischer Beziehung zu beschäftigen haben, wird es obliegen, alle Einzelheiten in dieser Hinsicht klarzustellen, im Folgenden wollen wir nur in wenigen Grundzügen kennzeichnen, welche Stellung dieser Forscher in der philosophischen Wissenschaft den übrigen Schulen gegenüber einnahm, und vorzugsweise soll es hierbei unsere Aufgabe sein, näher zuzusehen: wie LOTZE sich in historischer Beziehung verhielt, zu KANT, zu HERBART und zu HEGEL; denn indem er sich durch seine Lehre in tiefster Weise mit diesen Koryphäen auseinanderzusetzen wußte, gewann er zugleich diejenige Position, durch welche er wissenschaftlich epochemachend in der neuesten Philosophie aufgetreten ist. Hieran aber schließt sich für uns die weitere Aufgabe, zu erkennen, welche Stellung die Philosophie aufzusuchen hatt, um sich über die Fehler der genannten Schulen zu erheben.


II.
Lotzes Stellung zur Hegelschen Dialektik

So nahe LOTZE in vielen seiner Ausführungen den Grundgedanken HERBARTs getreten ist, darf man doch nicht meinen, daß er als Kind seiner Zeit nicht auch ursprünglich stark erschüttert worden wäre von den Nachwirkungen, welche in allen Wissenschaften die  Hegelsche Philosophie  noch bis um die Mitte des Jahrhunderts in hohem Maße zu erzeugen gewußt hatte. Als LOTZE seine Studien absolvierte, waren die bedeutendsten Lehrkanzeln zum Teil mit Hegelianern besetzt. Kein Hervorragender konnte damals wagen in das Heiligtum der Philosophie einzutreten, der nicht durch HEGEL hierzu eine Reihe von Anregungen empfangen hatte, und obwohl sich bereits damals stark genug Spaltungen und Zersetzungen der Hegelschen Schule zeigten, war der Glanz seiner Gedankenschöpfungen doch noch so stark, daß nur wenige scharf zu widersprechen wagten, welche sich ihm genähert hatten. Um HEGEL tief genug zu widerlegen, mußte man ihn in seinen tiefsten Grundgedanken in sich erleben und seine Hauptlehren durcharbeiten. Bei den meisten Schülern der entgegengesetzten Richtungen, die sich an HERBART, FRIES, BENEKE und an andere anlehnten, wurde dieses tiefere Eingehen auf die Hegelschen Grundgedanken und in die Quintessenz und den Wahrheitskern seiner genialen Methode, vermißt. HEGEL und seine Schüler wurden von ihnen zwar heftig angegriffen, es wurden ihm andere völlig verschiedene und entgegengesetzte Grundgesichtspunkte entgegengehalten; aber sein Standpunkt wurde nicht wirklich  widerlegt.  Erst LOTZE ist in historischer Beziehung als derjenige unter den neuesten Forschern anzusehen, der in psychologischer, erkenntnistheoretischer und in philosophischer Hinsicht überhaupt, das Geheimnis über die blendende Kraft und das Wahre des Hegelianismus bloßlegte und in der tiefsten Weise zugleich widerlegte. Man darf mit vollem Recht sagen:  Lotze  hatte Hegel überwunden.'

Nach dem Auftreten LOTZEs wurden die Spaltungen seiner Schule immer größer, und wenn auch nach Seiten der Auffassung für die Philosophie der Geschichte und für die Geschichte der Philosophie die Gedanken HEGELs noch bis heute eine immerhin sehr schätzenswerte Ausbeute und Nachwirkung gewähren, innerhalb der philosophischen Grundwissenschaften durfte seit dem Auftreten LOTZEs der sogenannte Hegelianismus oder das, was man später spottweise die sogenannte  Hegelei  nannte, für überwunden gelten. Schon in der im Jahre 1841 erschienenen "Metaphysik" erkennen wir deutlich (Seite 34-38), wie LOTZE auf die Hegelsche Methode kritisch eingeht, um sie zu würdigen als einen wertvollen, eigentümlichen, psychologischen und intellektuellen Aufklärungsprozeß. Dieser Prozeß beginnt mit Hilfe der Abstraktion bei ganz unbestimmten leeren Setzungen, welche in dieser Form alsdann widersprechend mit dem wirklichen Sachverhalt befunden werden. Dieser sich hiermit aufdrängende Widerspruch treibt nun an zur Verbesserung und zur Vervollständigung, und indem man diesem intellektuellen Antrieb folgt, entsteht ein notwendiger dialektischer Prozeß, der sich nur mit der erstrebten Evidenz des Objekts beendet. Daß der dialektische Grundprozeß HEGELs mit einer ansich leeren und der Evidenz gegenüber zugleich als widerspruchsvoll erscheinenden Setzung beginnt, daran ist kein Zweifel; denn HEGEL selbst sagt uns: "Das reine Sein" macht den Anfang; aber was ist eben dieses sogenannte  reine Sein,  und hier müssen wir zugeben, daß in dieser Setzung ohne jede weitere Hinzufügung nichts als ein pures Abstraktum vor uns steht, es erscheint, wie LOTZE erläutert, "als ein Punkt, der keine Hindeutung auf eine bestimmte Richtung enthält, sondern nach allen Gegenständen gleichmäßig blickt". Innerhalb dieser Leere fühlt sich nun aber der Intellekt nicht wohl, er kann hierin nicht verbleiben und der mit der übrigen Fülle des inhaltlichen Seins erkannte Widerspruch treibt ihn dialektisch weiter. Die psychologische Entstehung dieser Dialektik ist, wie unschwierig zu erkennen, in einer "Denkverrenkung" des Intellekts zu suchen, welche durch die Schrauben der Abstraktion bewirkt wird, die ihn zu Widersprüchen führen, deren sich der Intellekt durch weitere notwendige Gegenbewegungen entledigt. Genau genommen ist daher die Methode HEGELs ein spezielles Experiment auf die Selbsterhaltungskraft und die sich daran knüpfenden Evolutionen des subjektiv menschlichen Intellekts. Zeigt die menschliche Entwicklungsgeschichte des Gesamtgeistes in der Geschichte der Philosophie, daß die sich an Widersprüchen entzündenden Bewegungen des Intellekts  ähnliche Evolutionen  aufweisen, so ist das noch kein Beweis für die objektive  Notwendigkeit  des Widerspruchs  im gesamten Universum  und in der dem Menschengeist gegenüberstehenden fremden Natur und im objektiven All überhaupt.

Um die eigentümliche Auffassung des Widerspruchs bei den modernen Idealisten zu begreifen, welche denselben ins Universum (Sein) verlegten, muß man bekanntlich bis auf den Neuplatonismus und in die Philosophie des Mittelalters zurückgehen. Die Frage, was man unter Widerspruch überhaupt zu verstehen hat, ist auf das Innigste mit der ganzen Geschichte der Philosophie verknüpft und kann hier an diesem Ort nicht erledigt werden. Aber wichtig ist es, daran zu erinnern, daß die moderne Philosophie unter dem Licht des Kritizismus das Wesen der  realen Negation  streng zu unterscheiden sucht vom sogenannten  logischen Widerspruch,  wie ARISTOTELES das ebenfalls gelehrt hatte. Wie viele reale Gegensätze gibt es, die einander negierend sich als Kontraste verhalten, ohne logische Widersprüche einzuschließen (man denke an Licht und Schatten, Kraft und Widerstand etc.). Will man alle diese Gegensätze sogleich auch als logische Widersprüche auffassen, so vermischt man die Grundformen von Denken und Sein und verfällt einer widerempirischen einseitigen Ontologie, welche alle Existenzen unter den einen Grundbegriff des sogenannten allervollkommensten Wesens als Unendliches subsumieren möchte, um so alle die einzelnen  Endlichen  als die existierenden  Widersprüche  dem Unendlichen gegenüber hinzustellen. Wie das Mittelalter an dieser ontologischen Schlußform gescheitert ist, so in gleicher Weise die Denkweise des modernen Idealismus. Wie aber ist es im Hinblick auf diese Kritik möglich, so fragen wir, daß die von HEGEL angewandte dialektische Methode alle diejenigen Erfolge erzielte, die sie bezüglich ihrer Darlegung und Erläuterung in der Tat aufzuweisen hat. Hierüber finden wir in der Literatur allein bei LOTZE hinreichende Aufklärung. Nur ein subjektiver logischer Prozeß ist es, den HEGEL innerhalb der Bewegungen des menschlichen Intellekts, wie oben erwähnt wurde, zu erzeugen wußte. Auf die physiologische Klarstellung dieses eigentümlichen Prozesses ist LOTZE in seiner "Geschichte der Ästhetik" wiederum zurückgekommen, und es mag im Folgenden all das, was er hierüber ausführte, der Wichtigkeit halber nochmals kurz erwähnt werden. Versucht man im Intellekt, die in einem Urteil notwendig zusammengehörigen Glieder durch eine bestimmte Abstraktion  zu zerbrechen,  so stellt sich hinterher innerhalb der Intellektnatur ein logischer Zwang (Notwendigkeit) ein, der dahin treibt, das tatsächlich und empirisch Zusammengehörige durch eine neue logische Synthese wiederzugewinnen. Mit anderen Worten: Zerbrechen wir irgendeinen realen Inhalt in extrem unpassende Formen, um so einseitig mit Hilfe der Abstraktion eben diese  Einseitigkeiten  zu betonen (wie etwa die Eleaten nur das Sein und Beharren, und demgegenüber wie HERAKLIT  nur  das Werden und Verändern), so zwingt uns die empirische tatsächliche Beobachtung ebensowohl, wie auch die logische Gerechtigkeit, diese Auffassungen solange regelrecht zu bearbeiten, bis die Übereinstimmung mit dem Tatsächlichen durch eine vollendete Synthese gelungen ist. In diesem Sinne zeigt LOTZE, wie man mit Hilfe einer solchen Dialektik irgendeinen Inhalt (sei es der des Schönen, des Wahren oder des Rechts oder des Staates usw.) durch Abstraktion zu zerfällen hat, um so die gewonnenen Teile gleichsam durch eine geschmackvolle (logisch ästhetische) Reflexion hinterher zu einer logischen Gruppe von Begriffe oder in einer Reihe von fortschreitenden triadischen Zyklen zu ordnen. Das Schema der Triade fließt psychologisch her von der Aufnahme irgendeines Inhalts (These), durch die alsdann folgende Setzung seines absoluten Gegenteils als Antithese, deren erkannte Unstatthaftigkeit drittens zu einer höheren und logisch verbesserten Setzung (Synthese) notwendig hinführt. Nachdem hiermit das Geheimnis dieser Art von abstrakter Gedankenzergliederung deutlich klargelegt war, sah man, daß damit nur eine geschickte Gruppierung des Stoffs vorgenommen wurde und nichts als ein ästhetisches Darstellungstalent in der Behandlung bestimmter Materien mit einer solchen Dialektik zur Geltung gebracht wurde.Mit Recht wies LOTZE bei Gelegenheit dieser kritischen Erörterungen über HEGEL darauf hin, daß die Zeit über diese Methode gerichtet aht; die Ansprüche aber, mit welchen man derselben eine höhere Bedeutung beilegte, insfoern in den dialektischen Bewegungen die objektiven Bewegungen des Weltgeistes und des ganzen Universums wiedererkannt werden sollten, zurückzuweisen sind. LOTZEs Position zu HEGEL, zu dessen Schule und seinen Geistesverwandten, war mit dieser Kritik gegeben, er verhielt sich  ablehnend,  und so geschah es, daß er dem kritischen Realismus HERBARTs näher trat. Sehen wir nun im Folgenden zu, welche Stellung er zu dieser Lehre einnahm.


III.
Lotzes Stellung zu Herbart

Gehörte LOTZE der Schule HERBARTs an? Diese Frage hat sich wohl jeder, der über den Verlauf und Entwicklungsgang der neuesten Philosophie in Deutschland nachgedacht hat, ernsthaft einmal vorgelegt. So leicht es nun aber ist, die Stellung sehr rasch zu erkennen, die LOTZE zu HEGEL einnahm, so schwierig ist bei näherem Hinsehen die hier aufgeworfene Frage zu entscheiden. Was freilich sehr leicht zu erkennen ist, ist dies: daß LOTZEs Anschauung sich offenbar hinneigte zum Pluralismus. Hat dieser Pluralismus seine Wurzeln in der Realenlehre des durch HERBART begründeten "kritischen Realismus"? Wir glauben diese Frage mit Nein beantworten zu müssen.

LOTZEs Metaphysik ruht auf einem ganz anderen Grund als die HERBARTs. Ersichtlich wird das aus der Entwicklung seines obersten Prinzips, das an die Metaphysik die Forderung stellt,  sich in die Ethik aufheben zu lassen,  während HERBART gerade gegen nichts mehr eiferte, als  gegen die Vermischung von Ethik und Metaphysik,  bzw. Logik, und die letztere als einen obersten Kanon ganz rein gehalten wissen wollte. Ersichtlich wird das ferner aus der Polemik, die LOTZE schon in frühester Zeit gegen die Lehre HERBARTs führt, welche derselbe in seiner Ontologie entwickelt hatte, namentlich aber hier gegen die Lehre über die "absolut einfache Qualität" und die "zufälligen Ansichten". Obwohl daher LOTZE ebenso Pluralist war wie HERBART, so ruht die Lehre des ersteren doch auf einem anderen Boden. Vergessen wir nur nicht, daß auch die materialistischen Anhänger DEMOKRITs Pluralisten waren, und dies ebenso von spiritualistischer Seite auch LEIBNIZ. Man wird nun wohl nicht zu sehr fehlgehen, wenn man im Hinblick darauf behauptet, daß LOTZE hinsichtlich seines Pluralismus und der daran angeknüpften Metaphysik viel näher zu LEIBNIZ steht wie zu HERBART:

Untersucht man die Gründe, so zeigt sich, daß es vorzugsweise Erwägungen empirischer und naturwissenschaftlicher Art waren, die LOTZE zum Pluralisten machten, während sich rein metaphysische oder kritisch-erkenntnistheoretische Erwägungen in viel höherem Maße bei HERBART in dieser Hinsicht als leitsam herausstellen. - LEIBNIZ ist Pluralist geworden unter dem Einfluß der aus den Tatsachen geschöpften Lehren der Atomisten (LEUKIPP, DEMOKRIT, EPIKUR und GASSENDI). Er wurde weiter bestimmt durch ANAXAGORAS, und vornehmlich durch die damals in der Naturwissenschaft epochemachenden Entdeckungen der Mikroskopiker, man denke hier an SAMMERDAM und andere. Ebenso wie LEIBNIZ, so auch LOTZE, und wenn nun auch HERBART sich diesen ihm verwandten Gedankenkreisen anschloß, so führten ihn doch sehr bald mindestens rein metaphysische Erwägungen offenbar über das Gebiet der Tatsachen völlig hinaus. Man hat wohl zu unterscheiden zwischen einem empirisch-physischen (materialistischen), einem empirisch-physiologischen und einem metaphysischen Pluralismus. HERBARTs Lehre war vornehmlich von der letzten Art. Metaphysische und erkenntniskritische Erwägungen, die dem Gedankenkreis der damaligen Zeit entstammen, führen ihn sogar zu einem Irrtum, den er mit HEGEL trotz aller Grundverschiedenheit seines Philosophierens teilte, und der zu wichtig ist, um ihn hier nicht scharf hervorzuheben. Derselbe bezieht sich auf die Auffassung des Satzes vom Widerspruch. War HEGEL über diesen Fundamentalsatz von ARISTOTELES schon so weit abgekommen, daß er  alle reale Vielheit (alles Endliche) als den  Widerspruch  der Einheit (des Unendlichen) bezeichnete, so mag es kaum Wunder nehmen, daß HERBART in ähnlicher Weise zu der extremen Behauptung überging, daß die ganze Erfahrungswelt, welche uns überall sehr  viele  Gegensätze aufweist, nur ein bloßer Schein ist, gegenüber dem wahrhaft Seienden, das völlig ohne Widerspruch gedacht werden muß in seinen Wesenheiten, welche über jenen Schein hinausliegen.' Wie oft sehen wir nun in der empirischen Welt viele Dinge in einzelnen Stücken tatsächlich kontrastieren, in anderen wieder ebenso konvergieren. Formuliert man nun den Satz des Widerspruchs so wie HERBART, daß, entgegen der nur logisch formalen Auffassung des ARISTOTELES, der hierüber sagt, daß wir eine Beziehung  in derselben Hinsicht nicht setzen  und im selben Atem  aufheben  können, die Behauptung aufgestellt wird:  Entgegengesetztes ist nicht einerlei,  so werden hiermit alle empirischen und realen Entgegensetzungen (wie z. B. Mann und Frau in der Ehe, Kraft und Widerstand in der Bewegung etc.) überhaupt alle Gegensätze, die sich empirisch bedingen und einander fordern, für einen Widerspruch gehalten, den man  fortzuschaffen  hat. Nach der aristotelischen Formel kann das in gewisser Hinsicht Entgegengesetzte sehr wohl  in anderer Hinsicht  einerlei sein oder sich doch ergänzen und fordern. (1) So sind Mann und Frau in vielen organischen Bildungen gleich und ähnlich und nur in geschlechtlicher Hinsicht entgegengesetzt usw. Es war also eine überschraubte Deutung des Satzes vom Widerspruch, der die Einheitlichkeit, Gemeinschaftlichkeit und den Zusammenhang auf eine absolute Einfachheit und Gleichheit im Sein reduziert wissen wollte. So wurde das metaphysische Postulat aufgestellt, daß die Qualität jedes verschiedenen Seienden absolut einfach ist, ohne alle Negation und Relation, und nach eigentümlichen Auswegen gesucht in der Begriffsbildung, um dieser Art von Widerspruchslosigkeit im Sein zu genügen.

In die Metaphysik, welche eine solche Auffassung des Widerspruchssatzes nach sich zog, mochte LOTZE nicht folgen, er bekämpfte daher HERBARTs Lehre nach dieser Seite hin, und stellte sich demgegenüber mehr auf den Boden der Erfahrung, auf der allein seine pluralistische Lehre erwachsen war.

Hiernach sollte man nun glauben, daß sich LOTZE nur von HERBART abstieß, um ihn ebenso wie HEGEL gänzlich zu überwinden. Indessen bei näherem Hinsehen ergibt sich dennoch, daß LOTZEs Lehre eine nicht undeutliche Verwandtschaft mit HERBART aufweist, die der Historiker zu betonen hat, und die unter den gegenwärtigen Gärungsverhältnissen der Philosophie nur zu leicht übersehen wird.

Der Pluralismus und Realismus HERBARTs war, wie oben erwähnt wurde, nicht auf empirischem Boden erwachsen, sondern vielmehr auf metaphysischem und kritischem. Dasselbe Problem, das KANT bewegte, nämlich das erkenntniskritische über die Erfahrung, durchdenkt auch HERBART. Die vielen Widersprüche, welche uns die sinnliche Erfahrung entgegenbrachte, die Sinnestäuschungen, in denen wir uns bewegen, bezeugen, daß wir es nicht mit realen Wahrheiten und Unumstößlichkeiten, sondern vielmehr mit einem bloßen sinnlichen Schein und Erscheinungen zu tun haben. Das wirklich Wahre und Letzte, das eigentlich Wirkliche, liegt hinter diesem Schein als ein sogenanntes  Ding-ansich Ist aller Schein widerspruchsvoll, so wird das schlechthin Widerspruchslose über den empirischen Schein  hinaus gesucht werden müssen.  Daraus folgt, daß wir den Schein fortschaffen müssen, um das Wahre zu entschleiern, mit anderen Worten, man muß das empirisch Gegebene  bearbeiten.  Den Wegweiser zu dieser Bearbeitung nun gab HERBART in der Logik, genauer genommen aber, wie wir oben hervorhoben, in der eigentümlich überschraubten, d. h. überempirisch-metaphysischen Auffassung und Deutung des Satzes vom Widerspruch. Die Idealisten, FICHTE an ihrer Spitze, hatten sich über alle  Realität  völlig hinausgesetzt, und waren hiermit in abstruse Naturdeutungen geraten, welche aller korrekt empirischen und realen Erklärung Hohn sprachen, vor allem mußten die Grundgesetze der Mechanik unter einer solchen rein idealen Auffassung der Erfahrung ihre Gültigkeit einbüßen. Lehrten die realen Tatsachen und Erfahrung die unumstößliche  Vielheit  als Mechanik des Seins, so versuchte HERBART eine widerspruchslose Deutung dieser vielheitlichen realen Erscheinungen mit einer logisch zu suchenden, strengen Einzelheit. Die Idealisten hoben durch einen Prozeß schließlich alle reale Vielheit (bzw. die Mechanik) auf, zugunsten einer vorausgesetzten überempirischen und rein metaphysischen Einheit. Diese Setzung und Wiederaufhebung war, wie zu betonen ist, ein Prozeß, der eine progressive Methode (nämlich die dialektische) einschloß. Demgegenüber verblieb HERBART auf dem Boden des Realen, der Tatsachen, der unumstößlichen Vielheit und Mechanik. An diese Realität knüpfte er an, um nun von hier aus auf festem und zugleich empirischem Grund eine regressive Methode der Verarbeitung, Begriffsreinigung und Deutung einzuschlagen. Einesteils erinnert diese regressive Methode der Bearbeitung, Begriffsumformung und Reinigung an die BACONs, welche, um an das wahrhaft Wirkliche heranzukommen, die Aufforderung stellt: zunächst die  idola tribus, fori, specus [Götzenbilder der Herkunft, des Verkehrs, der Erziehung - wp] etc. fortzuschaffen; andererseits aber finden wir auch bei KANT den Begriff der  Erfahrung  in einer ähnlichen Weise durch Bearbeitung behandelt, und um zu erforschen, unter welchen Bedingungen wir erkennen, findet sich keine progressive fortlaufende Schlußfolgerungskette in Anwendung gezogen, sondern das Objekt, die Erfahrung wird zergliedert, und aus den in der Zersetzung gewonnenen letzten Elementen und Grundstämmen das erkenntniskritische Resultat gezogen. HERBART versucht hinsichtlich der Methode dasselbe. Er machte auch die Erfahrung mit ihren Begriffen zum Problem, und somit ist er in der Formulierung  der Methode  nicht bloß metaphysisch-dogmatisch, sondern zugleich kritisch, und indem auch er zusehen will, wie Erfahrung zustande kommt, ist er Kantianer.

Es interessiert uns hier nicht, das von KANT abweichende Resultat seiner Erkenntniskritik, das wesentlich darin bestand, in der gegebenen Affektion mehr wie ein bloßes chaotisches Material von Sinnlichkeitsstoff zu erblicken. Nicht nur ein völlig wirres Durcheinander von Affektionen und Empfindungen ist uns gegeben, sondern zugleich auch bestimmte Formen und Schemate des Verharrens und Wechsels bietet uns unausweichlich die Sinneserfahrung. Aber eben diese Formen enthalten das Problem; denn sie finden sich mit mancherlei Widersprüchen behaftet. An der methodologischen Erfassung des Problems und der in Anwendung gebrachten regressiven Methode wäre nichts zu tadeln, hätte HERBART, um die Widersprüche fortzuschaffen, sich nicht, wie oben dargelegt, eine ungenaue und überempirische, rein metaphysische Formulierung des Satzes vom Widerspruch zuschulden kommen lassen. Da er aber, indem er seine Methode mit dieser falschen Ansicht mengte, alsbald hinterher dieselbe verdarb, so fälschten sich trotz des richtig eingeschlagenen Weges die Resultate.

Blicken wir nun von HERBART zu LOTZE, so findet sich, daß er die von HERBART angenommene Art der Bearbeitung und Reinigung der Erfahrungsbegriffe  ebenfalls  aufnimmt (2). Auch er untersucht in seiner  Metaphysik  vorerst die Frage über Wert, Bedeutung und widerspruchslose Auffassung des Seins, gegenüber den inneren gegebenen Voraussetzungen, die im Geist hierzu bereitliegen. Freilich erkennt man bald, wie sich LOTZE von der rein logischen und ontologisch-metaphysischen Untersuchung jedesmal zur Ethik wendet, durch die ihm allein alles Logische und Gesetzliche hinreichend verständlich wird. So tritt also auch hier in der Ontologie unseres Philosophen wieder ein augenfälliger Unterschied hervor, der HERBART und LOTZE hinsichtlich dieser Lehre  voneinander scheidet. 

Wenn sich bei HERBART die Auflösung der Probleme jedesmal durch einen Ergänzungs- und Hilfsbegriff vollzieht, der erzeugt wurde durch das Bestreben: absolut widerspruchsfreie Begriffsinhalte zu gewinnen, und zugleich der von unserem Philosophen gehandhabte Satz vom Widerspruch (nach der oben angedeuteten falschen, metaphysisch übertriebenen Formulierung), den Kanon und die logische Norm zu dieser Bearbeitung hergab, führt bei LOTZE nicht der metaphysisch-logische, sondern der Kanon der ethischen Wertschätzung den Abschluß der Untersuchung herbei. - So gelangt LOTZE zu einem Ethizismus, während sich HERBART in eine wundersame Metaphysik hineinarbeitete, in welcher sich Wahres mit vielem Falschen mischte. Und doch, trotz aller dieser Unterschiede bleibt eine unverkennbare Verwandtschaft bestehen zwischen der Methode der beiden Genannten. Wieviele Male LOTZE auch die Anschauungen und Resultate HERBARTs bekämpft, er teilt, wie erwähnt, mit ihm doch die Methode der Bearbeitung und Läuterung der Erfahrungsbegriffe, er teilt mit ihm die Anschauung, daß die formale Logik nur das subjektive Instrument ist, diese Bearbeitung im Dienste einer tieferen Erkenntnis zu leiten. Beide bekämpfen daher gemeinsam die sogenannte objektive und metaphysische Logik und Dialektik, welche zur progressiven Methode und zu jener Ontologie hinüberführte, die sich mit rein idealistischem Flug über die Erfahrung und deren Grundbegriffe hinwegsetzte.

LOTZE suchte bekanntlich Metaphysik, Logik und Ästhetik schließlich in die Ethik aufzuheben, während dem gegenüber bei HERBART die Logik (bzw. die sogenannte Widerspruchslosigkeit) den Grundriß der Weltanschauung niederzeichnet; trotzdem aber teilen beide Denker gemeinsam den Boden des Realismus. Beide untersuchen mit Vorliebe und Genauigkeit den Erfahrungsbegriff des Seins gegenüber dem subjektiven Denken und finden in der Position des Seins etwas  ursprünglich Gegebenes das sich aus dem Denken nicht erzeugen und machen, sondern nur einfach anerkennen und hinnehmen läßt. Beide Denker unterscheiden schärfer als KANT zwischen Gedachtem (bloß Möglichem) und Wirklichem, und finden in letzterem ein Seiendes, dessen Setzung als Tatsache eine Position einschließt, die als solche in keiner Art wieder aufgehoben und zurückgenommen werden kann (3). Es ist also der Grundbegriff des Realismus, den beide Forscher gemeinsam zum Ausgangspunkt ihrer philosophischen Weltanschauung machen. Der nach KANT auftauchende kritische Realismus, der in der jungdeutschen Philosophie später so vornehme und hervorragende Vertreter fand wie HERBART und LOTZE, gestaltete sich jetzt zu einer siegreichen Macht.

Der Erfolg, der auch in der historischen Entwicklung der Philosophie eine so große Rolle spielt, hatte gelehrt, daß der nachkantische Idealismus nicht imstande war, sich genügend genau und korrekt mit den Tatsachen abzufinden, es war nicht möglich gewesen, von hier aus Philosophie und Wissenschaft zu versöhnen. Die Theorien, welche praktische Naturforscher aufgrund von Tatsachen und empirischem Material eruierten, ließen sich nicht mit den dialektischen Spekulationen der nachkantischen Idealisten vereinigen. Es ist hier nicht der Ort, das näher auszuführen. Ich habeb in vielen Aufsätzen diese Gründe näher entwickelt, und führe nur das hiervon an, was als greifbares Resultat hervorspringt, um die Fehlversuche idealistischer Spekulationen auf dem Feld der Naturphilosophie erklärbar zu machen. Erwähnen wir kurz, daß die Naturwissenschaft seit ihrer Neubegründung in der Aufklärungsepoche, seit dem Auftreten der KEPLER, GALILEI, NEWTON, HARVEY und anderer die Mathematik und Mechanik zur Grundlage ihrer Betrachtungen und Untersuchungen erhoben hatte, und dies mit Recht; denn die Tatsachen mit ihrem Zwang wiesen immer von Neuem auf die Erscheinungen der mechanischen Bewegung zurück. Nun sind aber die einzelnen Faktoren aller Mechanik (als Kraft und Widerstand) einander stets koordiniert. Setzt man sich über diese Koordination der Faktoren hinweg, so überfliegt man die Tatsachen. Fassen wir dem gegenüber den modernen Idealismus und seine logisch-dialektischen Spekulationen ins Auge, so charakterisiert er sich aber durch nichts schlagender, als daß derselbe bestrebt ist, alle gegebenen Faktoren mitsamt dem Geschehen über den Mechanismus und die Koordination hinauszuheben, um alles einer herrschenden Idee zu  subordinieren [unterzuordnen - wp]. Eben jene Herrschaft aber, durch welche im Despotismus der Idee eine absolute Subordination herbeigeführt wird, macht den Mechanismus der Tatsachen, bzw. die  Koordination  der Teile, die sich darin ausspricht, illusorisch. Da alle begriffliche Regel und alle dialektische Auffassung ein Setzen und Zurücknehmen (Aufheben) des Seins involviert, zugunsten eines übergeordneten Denkens und der in ihm wirkenden Idee, verliert daher die Realität des Seins dem Denken gegenüber seine Tatsachenbedeutung in der Geltendmachung einer nicht zurücknehmbaren eisernen Position. Nur erst wenn diese Position des Seienden als eiserne beständig anerkannt ist, werden die Faktoren real und stehen in Koordination, d. h. sie gestalten sich zu selbsterhaltenden Faktoren, die untereinander einen Mechanismus der Kräfte repräsentieren. Hier im Fundament des Realismus liegt daher auch die natürlich gebotene Brücke und die Verwandtschaft des Realismus zur Naturwissenschaft. - An diesem Punkt mußten daher die naturwissenschaftlichen Ansichten, welche der junge Mediziner LOTZE mitbrachte, zusammentreffen mit den metaphysischen Analysen des Seienden, wie sie HERBART in seiner Ontologie angebahnt hatte. Wir sagten oben, daß LOTZEs Pluralismus nicht aus HERBARTs Spekulationen herzuleiten ist und meinen, für diese Ansicht spricht zugleich die Entwicklung, welche LOTZE über die Atome Monaden und Realen als die letzten Elemente allen Seins gegeben hat.

Möge dem aber wie auch immer sein, an dem Punkt, wo die reale Seinslehre hinweist auf die  gesetzliche Grundlage des Mechanismus  und der damit verknüpften Koordination der Faktoren, trifft sie dennoch mit allen übrigen Lehren, die auf pluralistischer Grundlage beruhen, zusammen, und so auch hier gleichzeitig diejenige LOTZEs und HERBARTs. Von hier aus war LOTZE also zugleich neben der von ihm entlehnten regressiven Methode der Bearbeitung, auch in ontologischer Hinsicht HERBART nahe getreten, und ist im Hinblick auf einzelne hierher gehörige Spekulationen sein Jünger geworden; denn so umbildend er nun auch mit den metaphysischen Anschauungen HERBARTs umging, so finden wir doch im ersten Teil seiner zuerst veröffentlichten  Metaphysik,  die durch diesen Philosophen aufgewiesenen Probleme über Schein und Sein, über die Qualität, Substanz und Veränderung usw. in eingehendster Weise erörtert, und im Sinne eines kritischen Realismus behandelt. Allein trotz dieser verwandtschaftlichen Stellung LOTZEs zu HERBART, wird man das wissenschaftliche Leben des ersteren nicht in Perioden teilen können, unter denen als die erste etwa die HERBARTs zu bezeichnen wäre. Viel richtiger erscheint es vielmehr mit Rücksicht auf LOTZEs Inauguraldissertation und sein Studium:  die erste Periode seines Philosophierens als die "naturphilosophische"  zu charakterisieren. LOTZE stand in dieser Zei unter verschiedenen Einflüssen. Als solche darf man aber die naturwissenschaftlichen obenanstellen. Er konzipierte höchst wahrscheinlich in diesen Jahren schon die allgemeinen Ideen, die sich später (im Beginn der 50er Jahr) in seiner "Allgemeinen Physiologie des körperlichen Lebens", und früher noch in seiner "Allgemeinen Pathologie und Theraphie als mechanische Naturwissenschaften" niedergelegt finden. Die Gedankenkreise LOTZEs mögen sich in dieser Zeit aus Einwirkungen C. H. WEISSEs einerseits und HERBARTs andererseits, zusammengesetzt haben, wobei jedoch das Wichtigste war, daß die philosophischen Einwirkungen bei LOTZE einen Apperzeptionshorizont antrafen, der vorzugsweise aus naturwissenschaftlichen Gesamtanschauungen gebildet wurde. Wie sehr sich dieser letztere geltend machte, ersehen wir aus den trefflichen Abhandlungen LOTZEs über "Leben und Lebenskraft" und über "Instinkt", beide in dem bekannten "Handwörterbuch der Physiologie" von RUDOLPH WAGNER abgedruckt.

Wie früh und wie ernsthaft sich LOTZE, angeregt wohl zugleich durch HERBARTs intelligible Raumlehre, mit den Spekulationen des Raumbegriffs beschäftigt hat, erkennen wir, abgesehen von einer These, welche er als Doktor aufstellte, aus dem an C. H. WEISSE abgesandten Sendschreiben, unter der Überschrift: "Bemerkungen über den Begriff des Raumes", das im selben Jahr wie seine "Metaphysik" zur Publikation kam. Innerhalb dieser Zeit, es war die erste Hälfte der vierziger Jahre unseres Jahrhunderts, gestalten sich LOTZEs philosophische  Grundgedanken,  um jene eigentümliche Färbung zu gewinnen, die zu LEIBNIZ hinüberschillert, zu HERBART aber nicht ohne Beziehung stand. Auch wurde wohl in dieser Zeit der Grundgedanke seiner Gesamtspekulation geboren, wenn auch derselbe erst in der nunmehr folgenden Periode, welche wir als die der  "spekulativen Psychologie"  bezeichnen können, zum Ausdruck kam.

Erst in dieser Zeit, in welcher seine hervorragendsten Werke, seine "Medizinische Psychologie" und sein "Mikrokosmus" veröffentlich wurden, waren die in der naturphilosophischen Vorbereitungszeit gewonnenen Gedankenergebnisse ausgereift. Über keine Materie hat LOTZE klarer und bedeutsamer geschrieben, als über Seele und Seelenleben (4). Es ist hier nicht der Ort, alle seine Verdienste um die Klarlegung dieses Gebietes einzeln hervorzuheben. Bemerken wir nur ganz kurz, daß das Problem über die sogenannten Seelenvermögen durch LOTZE eine Lösung gewann, die als leitend in der Psychologie bezeichnet werden muß. Unter dem Einfluß seiner Gedanken und Untersuchungen über die Tatsachenverhältnisse des inneren Seelenlebens gewann dann auch der Grundgedanke seiner gesamten Spekulation eine immer klarere Gestalt, der Gedanke nämlich, daß die Seele als solche, ihrem tiefsten Wesen gemäß, Fürsichsein und Persönlichkeit (als Ausdruck ihrer Substanz) zur Geltung bringt, und der weitere, daran sich anschließende, daß das pluralistische Reich der Seelen sich seinem tiefsten Wesen gemäß nur wiederum abschließen kann durch eine Gesamteinheit, welche kein bloßer Name, sondern vielmehr das reale bestimmte Fürsichsein einer höchsten Persönlichkeit darstellt.

Dieser spekulative Grundgedanke, dem man in Spuren schon in seinen früheren Werken begegnet, hebt ihn über die Lehren der hegelschen und HERBART'schen Schule hinaus. Der genannte Grundgedanke, der an die psychologische Tatsache über die Einheit des Bewußtseins als Grundnatur unseres Intellekts anknüpft, stützt zugleich einen erkenntnistheoretischen Apriorismus, dem er, geleitet durch seine korrekte Auffassung KANTs (wie sie sich aus dem Folgenden verdeutlichen wird), in strenger Weise ergeben war. Diese Einflüsse treten schon im letzten Hauptabschnitt seiner älteren "Metaphysik" deutlich hervor.

Der Gesamtüberblick über die Kantlehre, das wird schon hier erkennbar, hält ihn ab, HERBART tiefer in seine Metaphysik zu folgen. Die Idee des Wahren (bzw. des Wissens und Erkennens) tritt in den Dienst der Idee des Guten, die er am höchsten stellt, um in ihr den unvergänglichen Ausdruck des Ewigen und Unendlichen aufzufinden, das sich in der unendlichen Persönlichkeit (als Idee Gottes) zur Geltung bringt. So gestaltet sich ihm die Prinzipienlehre (Metaphysik) zur Ethik. HERBART hatte die Erkenntnislehre, wie gezeigt, angeregt durch seine Auffassung über den Satz des Widerspruchs auf das Innigste mit der Logik (als Ausdruck der Idee des unverfälscht Wahren und ewig Wirklichen) verschmolzen, er begründet daher nach KANT den kritisch-logischen, oder besser den kritisch-spekulativen (metaphysischen Realismus). LOTZE geht, nachdem auch er das Wahre des kritischen Realismus in der Fundamentierung und Bearbeitung des Seinsbegriffs usw. anerkannt hatte,  ohne Herbarts Abwege über den Begriff des absolut Einfachen hinsichtlich der Qualität des Starren und eleatisch Veränderungslosen, der "zufälligen Ansichten" usw. zu teilen,  zu einer anderen Lösung des Problems über, die sich der theoretischen gegenüber als eine ethisch praktische erweist (5).

Freilich hat uns LOTZE keine Ethik unter seinen Schriften hinterlassen, doch ist es nicht schwierig, aus einer Reihe von einzelnen Ausführungen in seiner Metaphysik und in seinem  Mikrokosmus  diese Lösung zu ersehen. Die Auflösung alles realen Geschehens in rein intellektuelle Beziehungen und Wechselwirkungen, als Zustände von selbständigen fürsichseienden Wesen, innerhalb eines gemeinsamen Unendlichen, das als Schöpfer und Erhalter alles Guten und aller Güter gedacht werden soll, zeigt uns genügend, zu welchem Abschluß, mit ausdrücklicher Hinsicht auf Religion und Ethik, seine Ausführungen hindrängen. Freilich wird gerade hier an diesem Punkt auch  die Kritik  bezüglich des Systems zu üben sein, und wenn man, um das schon hier vorweg zu nehmen, HERBART den Vorwurf macht, daß er, um viele Widersprüche zu vermeiden, eine Weltanschauung entwickelt, deren allerwesentlichster Begriff, nämlich der des Geschehens und der Kausalität den Widerspruch, anstatt ihn zu überwinden, erst recht hervortreten läßt, so wird auch dem ethischen Realismus LOTZEs, der zuletzt gänzlich in einen Idealismus umschlägt, der ähnliche Einwurf nicht erspart werden können. Denn immerhin bleibt es schwierig, ja unmöglich einzusehen, wie sich widerspruchslos das Verhältnis des  endlichen Vielen  zum schlechthin Einzigen, als einem persönlich Unendlichen, gestalten soll. Sind, wie es der Realismus unbedingt verlangt, alle Faktoren (als Realen) koordiniert, so nimmt der Faktor der Unendlichkeit als eine individuelle und reale Persönlichkeit gedacht,  nicht den Rang einer darüber sich ausbreitenden superordinierten Einheit ein.  Eine solche Einheit kann das realistisch-vielheitliche System nicht vertragen: denn es stützt sich nach dieser Seite hin nur auf ein gefordertes Zusammen, d. h. auf den natürlichen und praktischen Zusammenhang der Einzelnen.  Subordiniert  man hingegen alle Einzelnen unter das übergeordnete Eine, so hebt sich hiermit offenbar die freie, ebenbürtige Selbständigkeit (Autonomie) derselben auf, die wir für die Realen (als Kräfte, Geister und Wesen etc.) ohne Zweifel doch fordern müssen, wenn sie, wie es LOTZE ausdrücklich verlangt, nicht als unselbständige Modifikationen des unendlich Einen, sondern  als relativ freie ethische Wesen mit realer Selbsterhaltung und persönlichem Fürsichsein begabt, vorgestellt werden sollen. - Wir ersehen schon hier, daß in diesem Abschluß der tiefe Widerspruch, welchen der metaphysische Realismus HERBARTs an die Tatsachen bindet, gern vermeiden will, nämlich der zwischen dem schlechthin Einen und dem schlechthin Vielen, ebenfalls nicht zur Lösung gekommen ist. Denn es ist evident: daß das schlechthin Eine die  Form,  in welche sich die tatsächliche Vielheit und die mit ihr gegebene Mechanik kleidet, ausschließt, wie umgekehrt eben diese Form eine Annahme nicht duldet, welche  über alle Form  ins Unermeßliche (gleichsam Über- oder schlechthin Unförmliche) hinausgeht. Geht im metaphysischen Realismus HERBARTs, angesichts eben seiner Metaphysik, die Ethik verloren, so darf man sagen, daß in der so gesetzten ethischen Metaphysik von LOTZEs Lehre die Ästhetik nicht zum Recht kommt, sondern durch die ethische Idee verdrängt, im Hintergrund völlig  verschwindet. 

Wir werden aus dem Folgenden ersehen, daß der Realismus sich auch fortbilden und bearbeiten ließ vom Gesichtspunkt der ästhetischen Grundlage, d. h. der Form, wie das bekanntlich ein anderer hervorragender Anhänger dieser Lehre mit Erfolg versucht hat, wir meinen ROBERT ZIMMERMANN in Wien (6).

Die Ansicht, daß Wesen und Substanz ein Etwas ausdrückt, das man am besten mit dem Erlebnis des Fürsichseins, als dem Innewerden der unmittelbar (intuitiv) erkannten individuellen Persönlichkeit wiedergibt, ist bei LOTZE ein Resultat seiner tiefen und klaren psychologischen Forschung. Handelte es sich nun im Verlauf seiner abschließenden Überzeugungen, wie er sie in seinem  Mikrokosmus  aufzeichnete, um den Begriff der Weltsubstanz, so mußte hiermit auch diese als eine Panpsyche oder als Allpersönlichkeit gefaßt werden. Mit der Bildung dieses Begriffs schien aber der Realismus aufgegeben; denn wie man diesen auch fassen mag, derselbe ist stets an die unaufhebliche Tatsache  der realen Vielheit  gebunden, und mit ihr an die Bedeutung der Form, beides tritt im Rahmen des Realismus in den Vordergrund und läßt sich durch rein ideale darüber gestülpte Einheitsbegriffe nicht wiederum bis in einen verschwommenen Hintergrund zurückdrängen und aufheben. Suchen wir nach den Wurzeln, welche im Gedankenkreis LOTZEs fortwachsend, die Konzeption der Allpersönlichkeit, (als Panpsyche und realen Gottesbegriff) erzeugt haben, so darf man hier nicht, wie viele meinen, die theologische Göttinger Atmosphäre etwa verantwortlich machen, sondern man hat, abgesehen von der Gemütsart LOTZEs, sich der Einflüsse zu erinnern, die ihm neben den Lehren HERBARTs aus der idealistischen Schule, vornehmlich durch C. H. WEISSE erwuchsen. Zu erinnern ist ferner daran, daß einen  ähnlichen  Abschluß mit Rücksicht auf die Konzeption einer "Allpersönlichkeit" und einer Lehre, welche der Autor "All- in Gottheitslehre" (Panentheismus) benannte, ehemals CHRISTIAN FRIEDRICH KRAUSE versucht hatte. KRAUSE hatte während seiner letzten Lebensperiode bekanntlich in Göttingen gelehrt, und manchen Anhänger daselbst gewonnen. LOTZEs Schlußwendungen konnten daher ebenda auf einen Boden fallen, der hierzu schon in besonderem Maße fruchtbar gemacht worden war. Die Schlußausführung von LOTZEs Gedankensystem, die sich zum Idealismus hinüberwendet, nachdem ursprünglich das Fundament ganz im Sinne des Realismus und realistischen Pluralismus in Angriff genommen war, kann indessen die Bedeutung desselben nicht beeinträchtigen, sondern historisch betrachtet, dieselbe sogar nur erhöhen. Wir erkennen hieraus, wie umfassend LOTZE im Geist veranlagt war, wie weit er in die Tiefe drang, um hier nach einer Synthese zu suchen, die sich über die Einseitigkeiten des damaligen Idealismus einerseits, und HERBARTs Realismus andererseits, hinaussetzte, um zugleich von beiden Seiten den wahren Kern der Ansichten zur Geltung zu bringen. -

LOTZE hat nach dem Abschluß seines größeren Werkes über den Mikrokosmus, noch eine  dritte Periode  innerhalb seiner wissenschaftlichen Geistesarbeit erlebt. Wir setzen dieselbe in die Jahre von 1864 bis zu seinem Tod (1881). Unser Philosoph fühlte in diesem seinem letzten Lebensabschnitt, daß er seine Gedanken systematisch abschließen muß. Sein Ziel war, nachdem er im Jahr 1868 zugleich seine ästhetischen Ansichten in einer Geschichte der Ästhetik in Deutschland vorgetragen hatte, wohl hauptsächlich auf eine Ethik gerichtet. Leider hat er innerhalb der kurzen Lebensspanne, die ihm noch gegönnt war, dieses Werk nicht mehr in Angriff nehmen können. Während seiner letzten Lebensjahre ging er noch einmal alle seine Ansichten durch. Sein reicher Gedankenquell geriet niemals ins Stocken, neu Durchdachtes wurde mit dem vor Jahrzehnten Geschriebenen verglichen; das Bedürfnis, seine Gedanken über Logik und Metaphysik von Neuem darzulegen, stellte sich ein, und unter dem Eindruck des neuen Lebens in Deutschland nach dem großen Krieg von 1870 ging er daran, sein System der Philosophie nochmals übersichtlich und wohlgeordnet darzulegen. Vergleicht man die erstmals über Metaphysik und Logik von LOTZE publizierten Arbeiten aus dem Jahr 1841 und 43 mit jener aus dem Jahr 1873, so ersieht man, daß er seine Grundansicht nicht geändert hatte. Unverkennbar aber ist es, daß unser Autor in den zum Abschluß gebrachten Darlegungen innerhalb seiner Logik und Metaphysik einen hervorragenden Wert auf die von ihm in präziser Weise eingenommene Stellung in der Erkenntnistheorie legt. Der inzwischen üppig ins Kraut geschossene physiologische Empirismus, und ebensosehr der von ALBERT LANGE interpretierte moderne Kantskeptizismus waren es wohl, die auf LOTZE bei der Abfassung seines Systems eine deutliche Rückwirkung geübt hatten. Wir dürfen daher wohl mit einigem Recht den letzten Abschnitt von LOTZEs Philosophieren als  die erkenntniskritische  Periode bezeichnen. Untersuchen wir daher in Kürze im Folgenden LOTZEs Stellung zu KANT.
LITERATUR - Otto Caspari, Hermann Lotze in seiner Stellung der durch Kant begründeten neuesten Geschichte der Philosophie und die philosophische Aufgabe der Gegenwart, Breslau 1895
    Anmerkungen
    1) Vgl. auch I. I. BORELIUS, Über den Satz des Widerspruchs, Philosophische Monatshefte, Bd. 17, Heft 7 und 8.
    2) Die hierauf bezüglichen Fragen hat EDUARD von HARTMANN in seiner Studie über LOTZE nicht genug herausgehoben und beinahe übersehen (vgl. "Lotzes Philosophie", Leipzig 1888).
    3) Siehe bei LOTZE, Metaphysik, Leipzig 1841, Seite 51.
    4) Man vergleiche hierzu den klassischen Artikel in WAGNERs "Handwörterbuch der Physiologie", Bd. III, Abteilung I, Seite 1424-26.
    5) Erst im Jahr 1881 sind die "Grundzüge der praktischen Philosophie" als Diktate aus den Vorlesungen von LOTZE veröffentlicht worden.
    6) Vgl. die "Anthroposophie im Umriß" - Entwurf eines Systems idealer Weltsich auf realistischer Grundlage, von ROBERT ZIMMERMANN, Wien 1882.