tb-2Ch. SigwartB. SchmidE. BoutrouxW. WundtJ. H. Koosen    
 
HERMANN LOTZE
Rezension von Johann Heinrich Koosens
"Der Streit des Naturgesetzes mit dem Zweckbegriff"


"Die Empirie faßt gleiche und ähnliche Erscheinungen in eine Allgemeinheit zusammen, von der es unbewiesen bleibt, ob sie ein objektives Moment ist der Natur ist. Sie bildet durch Induktion aus der Summation der beobachteten Einzelverhältnisse allgemeine Sätze. Wenn der Empiriker eine Anzahl solcher Gesetze besitzt, so sucht er sie, die alle Wirkungen sind, prinzipmäßig auf eine gemeinschaftliche Ursache zu reduzieren und bildet sich ein, es sei ganz leicht, schnurstracks von der Wirkung auf die Ursache zu schließen. Im Grunde aber gelangt er zu dieser nicht durch einen Schluß, sondern durch eine unwillkürliche Ideenassoziation."

Der Titel dieses Buches lenkt unsere Aufmerksamkeit auf ein Gebiet von Fragen, das für die Fassung der gesamten Weltansicht unleugbar von großer Wichtigkeit ist, und dessen ausführliche und allseitige Behandlung, die uns hier versprochen zu werden schien, umso willkommener sein mußte, als Fragen, die, wie die angedeuteten, sich als hauptsächliche Streitpunkte namentlich auf für die Naturphilosophie gestalten, häufig in der allgemeine Vernachlässigung untergehen, die dieser letzten Wissenschaft jetzt widerfährt und die ihr gewöhnnlich nur diejenigen Kräfte zuwendet, die zu ihrer weiteren Verwirrung geschickt sind. Zu diesen letzteren gehört der Verfasser des vorliegenden Buches gewiß nicht, sondern seine Arbeit ist eine besonnene und schätzenswerte; ob sie alle Erwartungen, die ihr Titel anregt, befriedigen würde, und welches der Umfang der Aufgabe ist, die der Verfasser sich selbst gestellt hat, suchten wir zuerst aus seier einleitenden Vorrede uns klar zu machen.

Nach einigen Blicken auf die Mythologie, in der zuerst der Geist seinem Streben nach umfassender Einheit der Naturbetrachtung durch ein gegliedertes System geistiger bedingender Kräfte genug zu tun versuchte, und auf die ältesten kosmogonischen Systeme, die mit irgendeinem Sprung das erste Element der Weltschöpfung zu erreichen strebten, um aus ihm dann wieder absteigend diese Schöpfung selbst zu vollziehen, kommt der Verfasser zu der neueren, überall die Erfahrung zugrunde legenden Naturwissenschaft. Die empirische Beobachtung, sagt er Seite IX, gelangt sehr leicht dazu, unter den Naturwesen gewisse Einteilungen und Kategorien festzustellen, welche sie, da sie zu allen Zeiten dieselben geblieben sind und sich dem Menschen zuerst darbieten, nicht umhin kann, als im Begriff und Wesen der Natur selbst begründet anzusehen, und nicht etwa für eine zufällige unserer Erfahrungssphäre zugemischte Eigentümlichkeit zu halten. Diese Kategorien scheinen unabänderlich fest einander gegenüber zu stehen und die sinnliche Wahrnehmung vermag keinen Übergang von der einen zur anderen zu entdecken. Gegesätze dieser Art sind insbesondere Gedanke und Materie, organisierte und unorganisierte Materie. Für die Wahrnehmung sind diese drei Kategorien durchaus einander entgegengesetzt, aber der Verstand, der auf eine Einheit der Phänomene dringt, sinnt auf Mittelglieder, welche eine an die andere anzuknüpfen verstatten. Diese Übergänge nun haben nach dem Verfasser in den Naturwissenschaften große Wichtigkeit erlangt. Zwischen Gedanken und Materie tritt die Atomistik; das Atom soll die Eigenschaften beider vereinigen. Es existiert einerseits nur als Gedankt, da seine Eigenschaften über alle sinnliche Bestimmtheit hinausgehen sollen, andererseits aber soll es ganz und gar Materie sein, eine endliche Größe haben und den Grund aller Materialität bilden. In die Widersprüche dieses Begriffs sollen sich nun die Physiker tief genug verwickelt haben; es scheint vielmehr, als habe der Verfasser sich, einem etwas seltsamen Gedanken zu Liebe in die Physik verwickelt. Wie groß auch die Widersprüche sein mögen, in welche einzelne Naturforscher sich bei dieser Gelegenheit versenken; die Atomistik, als Gemeingut der physischen Wissenschaft, ist weder vom ausgesprochenen Zweck einer Vermittlung des Gedankens mit der Materie ausgegangen, noch ist sie derart durch ein ihr selbst verborgen gebliebenes Bedürfnis entstanden. Ist das Atom der sinnlichen Wahrnehmung auch entzogen, so hat doch die Physik es nie für einen Gedanken ausgegeben, sondern für eine der Beobachtung entzogene Substanz, oder wo Gegner der atomistischen Ansicht dies verschmähten, haben sie die Atome als eine notwendige Fiktion der Rechnung behandelt, die nach der Berechnung aus der Ansicht der Dinge wieder wegfallen muß. Des Verfassers seltsame Darstellung der Sache beruth nur auf der Ungenauigkeit, womit er oben den Gegensatz zwischen Gedanken und Materie aufstellte, in dem sich, genau betrachtet, die drei Gegensätze des Ideellen und Reellen, des Materiellen und des Geistigen, sowie des Gegebenen und des hypothetisch Angenommenen gegenseitig durchdrungen habe, so wie er auch die verschiedenen sich ausschließenden Meinungen einzelner Naturforscher in Bezug auf die Atomlehre in eine dann freilich widerspruchsfreie Gesamtansich zusammengezogen hat.

Nicht minder erkünstelt erscheint es mir, wenn die Hypothese der  generatio aequivoca [Urzeugung; Entstehung des Lebens ohne göttlichen Schöpfungsakt - wp] als eine Ansicht aufgestellt wird, die trotz ihrer inneren Widersprüche immer wieder wird auftauchen müssen, weil der Verstand Einheit fordern muß zwischen dem Organisierten und dem Unorganisierten, das dem ersten ja faktisch die Bedigugen seiner Fortdauer gibt, also doch auf irgendeie Weise in jenes übergehen muß. Auch hat der Verfasser nicht gezeigt, inwiefern diese Idee einer  generatio aequivoca  das angeführte Phänomen der Assimilation einer auch nur scheinbaren Erklärung näher bringt. Diesen Widerspruch zwischen Organisiertem und Unorganisiertem soll der Verstand noch auf eine andere Weise versuchen auszugleichen, indem er nämlich einen Punkt in der Teilung der organischen Wesen annimmt, in welchem dieses zugleich unorganisch ist, d. h. Gebilde, welche für sich allein betrachtet, die Gleichförmigkeit der Struktur und die Leblosigkeit zeigen, wie sie jede andere Materie darbietet, die aber, indem sie unter gewissen Formen zusammengehäuft werden, durch diese Verbindung allein die Eigentümlichkeit des organischen Lebens empfangen. Diese Ansicht soll neuerdings als Theorie der Elementarzellen ausgesprochen worden sein, zumindest liege dieser  Hypothese  jenes Streben zugrunde, eien Anknüpfungspunkt zwischen chemischer Materie und Organismus zu finden. Es ist schwer, in diesem Räsonnement [Argument - wp] des Verfassers das Richtige vom Verfehlten zu scheiden. Die Lehre von den Zellen ist zunächst keine Hypothese, sondern eine Tatsache der Erfahrung, welche zumindest das faktisch widerlegt, was der Verfasser Seite XI über die unendliche Zusammengesetztheit der kleinsten Teile des Organismus erwähnt. Morphologisch kommen wir hier ohne Zweifel auf ein solches Glied, von dem sich, wie er es dort leugnet, nachweisen läßt, daß die Bildung des Organischen von hier ihren Anfang nimmt; ob auch dynamisch die Kräfte des lebendigen Organismus Resultate der Kombination der Zellen sind, mag dahin gestellt sein; ob schließlich diese Zellen oder die sie bildenden Materien als chemische Materien allen übrigen gleichstehen, könnte für uns nur Wert haben, wenn der Verfasser vorher die Gründe beleuchtet hätte, die hier einen solchen prinzipiellen Unterschied vermuten ließen, daß zwischen seinen beiden Gliedern der Verstand in der Tat keine Einheit nachweisen kann. Die Dunkelheit des ganzen Räsonnements, das wir beim Verfasser finden, geht nur daraus hervor, daß Organisiertes und Unorganisiertes, wenn man diesen Gegensatz mit dem des Vegetabilisch-Animalischen und des Mechanisch-Mineralischen identifiziert, in der Tat keineswegs einen solchen unüberwindlichen Gegensatz bilden, sondern daß sich in beiden Gliedern dieses Gegensatzes ganz gleichmäßig der andere zwischen einer automatisch-mechanischen Entstehung und der zweckmäßig vorausbestimmten Anordnung der Resultate findet, zu dem der Verfasser als zu seinem eigentlichen Gegenstand nun übergeht.

Die Idee von einer zweckmäßigen Einrichtung und Anordnung der Naturwesen und ihrer Gesetze erstreckt sich nicht bloß über den größten und wichtigsten Teil der Naturwissenschaft, sondern über diese hinaus auf die Geschichte und Religion, und sie ist für den gewöhnlichen Verstand immer die geläufigste Weise der Zusammenfassung der Erscheinungen unter demselben Gesichtspunkt gewesen. Wie schwer es ist, sich von ihr loszureißen, zeigt die Physiologie, die ohne Hilfe jener Idee gänzlich ratlos sein würde, und in der es Phänomene gibt, die ohne diese Hypothese, wie es scheint, für immer unbegreiflich sein würden (Seite XIV). Auch hier steht die Sache nicht ganz so, wie der Verfasser angibt. In vielen Fällen allerdings ist die  hypothetische Voraussetzung  einer Zweckmäßigkeit für uns ein heuristisches Hilfsmittel, auf gewisse Vorgänge ratend zu kommen, die der unmittelbaren Beobachtung nicht offen stehen; allein in noch mehreren Fällen, und gerade in denen, die für die physiologische Wissenschaft fruchtbar geworden sind, ist jene Zweckmäßigkeit eine  beobachtete und es ist hier sogar sehr überflüssig, und eben nur gebräuchlich, diese Eigenschaft der Zweckmäßigkeit an einer Tatsache hervorzukehren. Sehen wir den Körper z. B. gegen irgendeine Störung sich selbst erhalten, so mag man dies zweckmäßig nennen, aber dieser Name tut nichts weiter zur Sache, vielmehr wird diese beobachtete Zweckmäßigkeit so wie jede andere physikalische Tatsache die Frage nach den zu ihrer Verwirklichung notwendig vorauszusetzenden Ursachen anregen. Freilich ist es wahr, daß wir, so oft wir ein neues Organ entdecken, auch fragen werden, was es nützt? Aber schließt diese Frage, in der allein die Voraussetzung einer Zweckmäßigkeit sich geltend macht, denn auch die Antwort schon mit ein, und lernen wir den verlangten Nutzen des Organs nicht bloß dadurch kennen, daß wir aus der Gesamtheit der faktisch vorliegenden Erscheinungen, die als Resultat, nicht aber notwendig als Zweck des Zusammenwirkens der Organe zu fassen ist, die Teile heraussuchen, die einer ursächlichen Erklärung noch bedürfen, und nun nachsehen, ob vielleicht das in Rede stehende Organ durch seine Natur geschickt ist, den Grund für einen dieser Teile abzugeben? Dies allein ist wohl der wirkliche Gang einer solchen Untersuchung, und obwohl eine Voraussetzung allgemeiner Zweckmäßigkeit wie eine Atmosphäre alle diese Betrachtungen umgibt und durchdringt, so leistet doch immer nur die beobachtete, nicht die in die Tatsachen hineingetragene Zweckmäßigkeit der Physiologie bedeutendere Dienste. Und so wird es sich auch in den meisten übrigen Fällen finden. Die Zweckmäßigkeit ist meistenteils das Gesuchte; tritt sie manchmal unter dem Schein auf, ein konstitutives Prinzip der Untersuchung zu sein, so zeigt sich doch sehr bald, daß sie das nicht ist, und nur in einigen sehr einzelnen Grundsätzen, wie dem der Sparsamkeit der Natur, hat man dieser Idee unmittelbar theoretische Konsequenzen abzugewinnen versucht, die als Mittel weiteren wissenschaftlichen Fortschritts benutzt werden.

Einen Vorteil hat nun nach dem Verfasser die Theorie der Naturzwecke vor anderen Hypothesen voraus, den nämlich, daß sie den Tatsachen nichts hinzufügt, und nicht von den Naturwesen selbst, sondern nur von ihren Verhältnissen zu einem Dritten etwas behauptet, nämlich zu der Persönlichkeit, aus deren Vernunft die Naturzwecke entsprungen sein sollen. Die Untersuchung des Verfassers nun über dieses prätendierte Verhältnis zerfällt in drei Abschnitte, deren erster von Seite 1 bis 64 vom subjektiven Zweck handelnd die logische und metaphysische Entstehung des Zweckbegriffs beleuchtet, deren zweiter ferner vom objektiven Zweck Seite 64 bis 184 die empirisch vorliegenden Naturerscheinungen hinsichtlich ihrer Entstehung durch Zweckmäßigkeit untersucht, während der letzte, Seite 184 bis zum Ende, von der Persönlichkeit der schaffenden Idee handelt.

Im ersten Abschnitt zeigt der Verfasser zuerst, wie die Vorstellung eines abwesenden Gutes oder Zustandes zugleich die einer größeren Lust mit sich führen kann, die ein gegenwärtiger Zustand gewährt; wie hieraus das Streben entsteht, den gegenwärtigen durch den abwesenden zu ersetzen, bei welchem Tun sich jene Vorstellung für uns in einen Zweck verwandelt. Nur in sehr wenigen Fällen, z. B. in der Bewegung der Glieder, realisiert sich dieser Zweck ohne weitere Vermittlung, in den meisten dagegen müsse zu seiner Verwirklichung eine Mannigfaltigkeit anderer Hilfsprozesse zuvor bewirkt werden, die alle, solange sie nicht erfüllt sind, uns als Zwecke vorschweben, so wie seinerseits auch jener anfängliche Zweck sich zu einem Mittel für andere Zwecke im Ganzen unseres Lebens herabsetzt. Es kommt nun darauf an, zu wissen, wie wir uns überhaupt der Mittel zur Erfüllung eines Zwecks bemächtigen. In der Regel denken wir weder darüber, noch überall nur über die Möglichkeit des Zweckes nach, sondern wir gehen ohne Weiteres ans Werk und überlassen uns hierbei gewöhnlich den Ideenassoziationen, über die wir uns selten Rechenschaft geben können, die aber im Leben überall jenen zur schnellen Erreichung der Zwecke unentbehrlichen Takt begründen. Die zweite Methode ist die der Analogie, eine bewußte Ausbildung der Ideenassoziationen; ein wahrhaft wissenschaftlicher und genügender Fortschritt aber zur Auffindung der nötigen Mittel würde, wenn ein solcher möglich wäre, nur in einem Vernunftschluß bestehen, der aus dem vorausgesetzten Zweck und seinem Inhalt rückwärts die Natur der dienenden Mittel ableitet.

Gegen die Möglichkeit dieses Verfahrens aber hat der Verfasser sehr viel einzuwenden, und wir müssen bekennen, daß hier seine Darstellung uns nicht nur nicht überzeugend, sondern sehr mühselig und unklar fortzuschreiten scheint, so sehr richtig auch manche der hier angeführten Bemerkungen sind. Der Gedankengang dürfte, etwas kürzer zusammengenommen, etwa folgender sein. Soll ein Mittel einem Zweck dienen, so muß in beiden irgendetwas Identisches oder Analoges, beiden Gemeinsames sein, das als Medius Terminus [Mittelbegriff - wp] uns eben vom beabsichtigten Zweck zur Wahl des Mittels überleitet. Es findet sich bald, daß als etwas, was dem Zweck und Mittel gemeinsam ist, z. B. der Stoff gelten muß, der vorgefunden, eben durch unsere Bearbeitung in einen neuen Zustand versetzt wird. Allein alle unsere Tätigkeit gibt zu dieser Veränderung, durch die der Stoff die beabsichtigte Gestalt annimmt, immer nur einen Anstoß; die in der Tat durch diesen ausgelösten wirkenden Kräfte aber sind die des Stoffes selbst, die nach ihren eigenen immanenten Gesetzen tätig sind. Diese also, die ganze innere Natur des Stofffes müßte man kennen, wenn man wissen wollte, welcherlei Anstoß nötig ist, um ihn in einem beabsichtigten Zustand umzuwandeln. Nun könne es einem wohl einfallen, diese Aufgabe wie eine Gleichung zu behandeln, allein was hier den Rechnungsregeln der Mathematik möglich ist, würde dem Verfasser nach uns unmöglich sein, durch Schlüsse auszuführen. Was sich der Verfasser bei dieser Seite 29 gemachten Bemerkung denkt, ist mir völlig unklar, klar aber, daß die ganze Schwierigkeit, um die es sich handelt, in der Unmöglichkeit besteht, ohne Weiteres  ad subalternantem [durch Überordnung - wp] zu folgern, oder einen allgemeinen Satz rein umzukehren. Er wiederholt häufiger, daß wir mittels allgemeiner Naturgesetze von der Ursache auf die Wirkung schließen können, nicht aber umgekehrt, denn dieselbe Wirkung lasse sich hypothetisch wenigstens auf eine große Anzahl von Kombinationen der Bedingungen zurückführen. Darum sei es unmöglich, vom Zweck auf das Mittel zu kommen, denn auch hier würde das Verfahren darin bestehen müssen, daß man sich die Wirkung als gegeben dächte, und dann auf die vorauszusetzenden Ursachen zurückginge. Zu diesem Räsonnement will ich zunächst nur Folgendes bemerken. Es ist richtig, daß wir nicht mit Sicherheit zu einer vorliegenden Wirkung die in der Tat ihr vorausgegangene Begründung nachweisen können; allein diese ganze Überlegung ist der hiesigen Aufgabe ganz fremd; wenn ich mir einen Zweck setze, so kann es mir ganz gleich sein, oder vielmehr ich werde mich freuen, wenn ich auf dem angegebenen Weg nicht bloß einer, sondern zu einer Auswahl vieler möglicher Ursachen komme, die als Mittel dienen können. Welche von ihnen die wirkliche Ursache sein wird, steht hier in meinem Belieben; ich darf sie nur als Mittel anwenden, um sie dazu zu machen; keineswegs aber ist es Gegenstand einer theoretischen Untersuchung. Insofern leidet diese Manier, von den Zwecken auf die Mittel zu schließen, keinesfalls an dem Mangel, an welchem der Schluß von der Wirkung auf die Ursache krankt; denn die bloß möglichen Ursachen wollen wir im ersten Fall, während sie im letzten freilich uns statt der wirklichen in die Quere kommen.

In dieser Beziehung wäre der Weg des Verfassers ein vergeblicher gewesen; allein bei dieser Gelegenheit hat er andererseits eine Fassung des Kausalbegriffs verraten, die er zusehen mag, gegen seine eigenen Widersprüche zu verwahren. Das Allgemeine nämlich entfaltet sich in seine darin begriffenen Besonderheiten, und dies sei die Wirkung; Ursache und Wirkung sind  ansich  nicht verschieden, Eins dasselbe wie das Andere, aber die Ursache übersetzt sich in der Wirkung in einzelne Momente, in Formen des Seins für Anderes. Zum Beispiel haben wir einen chemischen Stoff, so sind wir überzeugt, daß seine Farbe, Härte usw. von einem inneren Zustand desselben, von der Art, wie seine kleinsten Teile zusammengesetzt sind, abhängig ist (Seite 33). Nun müssen wir den Verfasser fragen, was es denn heißt, daß irgendetwas von etwas anderem abhängig ist? Solange Abhängigkeit nicht Identität sein soll, wird doch wohl zu diesem einen inneren Wesen noch ein zweites hinzukommen müssen, damit begriffen werden kann, wie jenes Äußere zwar vom Inneren fortwährend festgehalten werden, aber doch nicht in es zurückkehren kann. Und dies umso mehr, da der Verfasser gesorgt hat, daß der poetische Nebel eines solchen inneren Wesens durch die Prosa eines Zusammenhangs der kleinsten Teile aufgehellt wird, der doch nicht ohne alle weitere Bedingung bald Farbe, bald Härte hervorbringen wird? Der Fehler, eine Ursache sich als einen selbstgenügsamen Mittelpunkt allseitiger Emanation der Wirkungen zu denken, führt den Verfasser nicht bloß auf dieses unverständliche Übersetzen des Innern in ein ganz anderes Äußeres, sondern läßt ihn auch noch Seite 34 sagen: das Allgemeine falle ganz außerhalb des Besonderen, und sei etwas ganz Anderes, als das Letztere; mit dem Begriff des Allgemeinen (so fährt der Verfasser unmittelbar fort) sind uns zugleich die Besonderheiten bekannt, weil jenes nur eben dieses ist, und dadurch erst zum Allgemeinen wird, sich in seine Besonderheiten zu entfalten. Im Begriff des Besonderen ist hingegen keineswegs  sein  Allgemeines enthalten, dieses liegt gänzlich außerhalb von ihm und es findet zu ihm kein Übergang statt, weil der Zusammenhang des Besonderen mit seinem Allgemeinen ein äußerlicher, einzelner ist usw. (Seite 35). Was soll das alles heißen? Offenbar Nichts, als daß für den, der sich richtig gewöhnt hat, eine Folge immer von zwei Prämissen abzuleiten, und nicht von einer, denn ein gegebener einzelner Fall läßt sich allerdings sehr häufig auf unendlich vielfache Weise aus verschieden kombinierten Prämissen rekonstruieren. Aber wie stimmen diese Wortes des Verfasser mit Seite 33 überein, wo Ursache und Wirkung parallel dem Allgemeinen und Besonderen,  ansich nicht verschieden  sind?

Wenn nun der Verfasser Seite 36 die Überzeugung ausspricht, die Unmöglichkeit eines Schlusses von der Wirkung auf die Ursache unzweifelhaft dargetan zu haben, so erlauben wir uns, ihn in dieser Beziehung auf seine richtigere Bemerkung Seite 26 zurückzuverweisen, wo er in Zweck und Mittel ein Gemeinsames postuliert, das als Mittelglied vom einen zum andern hinweist. Dieses Gemeinsame zu finden, ist das, was jene Schlüsse von der Wirkung zur Ursache beabsichtigen. Aus jedem Zweck, wird sich eine Reihe von Requisiten ableiten lassen, die jedem Mittel zukommen müssen, durch das er realisiert werden soll. Wo es aber nun ein Ding geben wird, das diese Requisite vereinigt, und wie dieses Ding nun sonst noch aussehen wird, d. h. welche andere für die Zweckbeziehung ganz gleichgültige Merkmale sich mit jenen Requisiten in einem wirklichen Ding empirisch zusammen vorfinden werden, das heraus zu bekommen ist freilich, wenn man es heraus haben muß, nur die Aufgabe einer Empirie, welche ihre Augen offen hat. Ebenso mit Ursachen und Wirkungen. Jede Wirkung bestimmt ihre Ursachen insofern, als sie eben Ursachen dieser Wirkung sind; wie aber diese Ursache aussehen werden, insofern sie eben nicht Ursachen dieser Wirkung sind, das kann natürlich aus dieser selbst nicht abgeleitet werden, und in dieser Hinsicht, aber auch in dieser allein, hat der Verfasser Recht. Indessen ist diese Hinsicht nicht die wichtigste für die Wissenschaften, die er in seinem Werk betrachtet, diese sind vielmehr gewöhnlich begnügt, wenn sie die Ursache eben durch das bestimmen können, was sie in Bezug auf ihre beobachtete Wirkung ist; was sie noch im Stillen unbeobachtet ist, kann sie weniger anfechten. Ist es doch oft auch möglich, von verschiedenen Standpunkten aus auf ein und dasselbe Substrat mehrere solche Bestimmungen zu häufen, durch die es für das Auge der Wissenschaft eine hinlängliche Begrenzung erhält, so wie eine Größe, welche die Lösung der einen Aufgabe noch unbestimmt gelassen hat, durch die Bedingungsgleichungen bestimmt werden kann, denen sie gleichzeitig um einer anderen Aufgabe willen zu genügen hat. Allerdings nun können wir uns oft nicht enthalten, das Bild einer solchen Ursache, die uns eigentlich nur durch Postulate gegeben ist, die aus den Wirkungen abstrahiert sind, für die lebhaftere Vorstellung auch nonch durch einige Züge zu vermehren, die aus jenen Postulaten nicht notwendig flossen, allein es ist zumindest nicht nötig, daß wir diese Hilfe für die Phantasie dann für eine begründete Voraussetzung ansehen.

Trotz jener Unmöglichkeit nun des angeführten Rückschlusses beschäftigt sich doch die ganze Empirie mit der Aufgabe, durch diese Schlsse Wahrheiten zu gewinnen (Seite 36); das Verfahren dieser Empirie ist es, was der Verfasser zunächst betrachtet, und in vier Sätzen zusammenzieht.
    1) Die Empirie faßt gleiche und ähnliche Erscheinungen in eine Allgemeinheit zusammen, von der es unbewiesen bleibt, ob sie ein objektives Moment ist der Natur ist; ein Satz, der Seite 37 und 44 durch mehrere sehr richtige Bemerkungen weiter verfolgt wird. 2) Sie bildet durch Induktion aus der Summation der beobachteten Einzelverhältnisse allgemeine Sätze.

    3) Wenn der Empiriker eine Anzahl solcher Gesetze besitzt, so sucht er sie, die alle Wirkungen sind, prinzipmäßig auf eine gemeinschaftliche Ursache zu reduzieren und bildet sich ein, es sei ganz leicht, schnurstracks von der Wirkung auf die Ursache zu schließen. Im Grunde aber gelangt er zu dieser nicht durch einen Schluß, sondern durch eine unwillkürliche Ideenassoziation.

    4) Hat er auf diese Weise eine Ursache gefunden, aus der unter gewissen Nebenbedingungen die Wirkungen hervorgehen könnten, so schließt er, daß diese Hypothese wohl die richtige ist.
Die letzten beiden Nummern wird Niemand für Methoden der Empirie halten, obwohl es oft genug so zugeht, wie der Verfasser es hier etwas spöttisch beschreibt. Die Zuversicht zu einer Hypothese ist weder so grundlos, wie sie hier erscheint, noch bloß auf eine Probe ihrer Tauglichkeit gestellt, wie später noch hinzugefügt wird, sondern sie beruth teils auf einer Art  Exhaustionsmethode [Erschöpfungs- | wp] die da zeigt, daß unter der vollständigen Anzahl disjunktierter [entgegengesetzter - wp] möglicher Fälle nur der der Hypothese annehmbar ist, teils stützt sie sich auf den Grad, in welchem die Hypothese eine vernünftige Analogie mit unzweifelhaften anderen Tatsachen hat.

Die übrigen Bemerkungen des Verfassers über diesen Gegenstand enthalten manches sehr Beherzigenswerte; doch ist die Darstellung hier etwas vernachlässigt. So ist es schwerlich zu billigen, wenn das Experiment so charakterisiert wird (Seite 52), daß bei ihm nach keinem Plan gehandelt, sondern Stoffe und Tätigkeiten zusammengebracht, ihren immanenten Gesetzen überlassen und dann nachgesehen wird, was dabei herausgekommen ist. Freilich gibt es solche Experimente.

Der zweite Teil des Ganzen behandelt die prätendierten [behaupteten - wp] objektiven Naturzwecke auf eine Weise, die vielen triftigen und durch das Eingehen in empirische Details fruchtbar gemachten Bemerkungen Raum gibt, ohne doch trotz dieser guten Eigenschaften, wie es mir scheint, den Gegenstand von allen Seiten aufzufassen, oder überzeugend nachzuweisen, was der Verfasser zu erweisen unternimmt, daß nämlich alle teleologischen Theorien theoretisch unbrauchbar sind, daß sie aber einen notwendigen Durchgangspunkt der menschlichen Erkenntnis bilden. Der Verfasser rubriziert zuerst die Nuancen der Ansichten, die in Frage kommen können; die gewöhnlichste von einem willkürlich zwecksetzenden Verstand des höchsten Wesens, die zweite, welche in einem Gebiet der Tatsachen nur eine mechanische Kausalität, in einem andern nur einen teleologischen Zusammenhang sieht, die dritte, welche den Zweckbegriff nur als regulatives Prinzip unserer subjektiven Forschung betrachtet. Man kann schon hier zweifeln, ob der Verfasser in dieser Aufzählung der Ansichten so vollständig gewesen ist, als es sein Zweck erforderte. Wir behalten uns vor, bei der Relation seiner eigenen Ansicht darauf zurückzukommen. Der Verfasser macht nun zuerst darauf aufmerksam, wie unfähig wir sind, irgendeinen höchsten Zweck der Naturschöpfung namhaft zu machen, und in der Tat, was dafür angeführt worden ist, und was er selbst zitiert, die höchste Vollkommenheit und Mannigfaltigkeit des Daseins ist ansich so wertlos, daß man es nicht für einen letzten Zweck erkennen kann. Allein des Verfassers Abneigung gegen diese Meinungen rührt größtenteils auch davon mit her, daß man überhaupt bei ihm nie der Anerkennung irgendeines ansich wertvollen Gedankeninhalts begegnet, sondern daß er sich gewöhnt hat, jeden Zweck als einen rastlos sich wieder zum Mittel herabsetzenden anzusehen; so daß, wo bei ihm von Naturzwecken die Rede ist, immer die Frage im Hintergrund erscheint, wozu diese Zwecke, wenn sie erreicht wären, nun weiter nützen könnten. Nur in einer einzigen Anmerkung unter dem Text Seite 84 erwähnt er, daß bei dem Gedanken von der Vollkommenheit der Schöpfung noch eine rein ästhetische Vorstellung nebenherzuspielen scheint, auf die er vielleicht später zurückkommen wird. Wo nun freilich ein Teil des Wesentlichsten nur nebenherzuspielen scheint, ist es nicht unerwartet, daß dem Verfasser sich von allen hierher gehörigen Ansichten größtenteils nur die Schattenseiten aufdrängen.

Überblicken wir nun die nicht uninteressante Polemik, mit der der Verfasser die teleologischen Ansichten in die Gebiete der einzelnen Naturwissenschaften verfolgt, so ist ihr Sinn und Geist im Grunde auf einen einzigen Satz zu reduzieren, von dem dann viele einzelne Ableger vorkommen. Zwecke, auch wenn sie als gültig angenommen werden, erklären nie das positive Dasein ihrer Erfüllung, sondern diese muß immer noch besonders und vollständig als nach dem Kausalitätsgesetz begründet nachgewiesen werden. Wo es nun auch immer eine Erscheinung geben mag, so wird man Niemanden, der einmal kein Bedürfnis nach einer teleologischen Ansicht hat, zwingen können, über die bloß mechanische Konstruktion hinauszugehen, und zu glauben, daß das ursprünglich vorauszusetzende System von Ursachen, aus dem die Erscheinung hervorging, nicht aus einem bloßen Zufall, sondern aus teleologischen Gründen die Prärogative [Vorrechte - wp] des Daseins gehabt hat. Nur für die logische Erkenntnis der Möglichkeit oder Notwendigkeit eines Verhältnisses ist ein Zwang vorhanden, aber das Gefühl für Wahrscheinlichkeit oder Unwahrscheinlichkeit, in diesen Dingen fast überall auf ästhetischen Voraussetzungen beruhend, läßt sich nicht demonstrieren. Jede Teleologie hätte Unrecht, wenn sie behaupten wollte, die Erscheinungen seien ohne Voraussetzung eines Zwecks  unmöglich,  und in diesem Sinne ist des Verfassers Polemik siegreich, indem sie leichtes Spiel hat, nachzuweisen, daß das Faktum jeder Erscheinung rein kausal aus seinen Voraussetzungen begriffen werden kann. Oder einfacher, da jeder erfüllte Zweck Resultat seiner Mittel ist, so kann man ihn immer auch als bloßes Resultat ansehen, solange man bloß die Möglichkeit seiner Verwirklichung, nicht die Wahrscheinlichkeit seiner ersten Begründung berücksichtigt. In dieser Hinsicht müssen wir nun gestehen, daß uns des Verfassers Auseinandersetzung ein wenig zu kopiös [reichlich - wp] diesen einfachen Satz zu wiederholen scheint, indem nun bei allen möglichen Naturerscheinungen nachgewiesen wird, daß sie auch ohne Zwecke vorauszusetzen, in ihrer Wirklichkeit denkbar sind, während der Beweis, daß außerdem diese Voraussetzung weder zulässig, noch auch hinlänglich motiviert ist, keineswegs zur Überzeugung geführt ist. Dennoch wollen wir ihr um einiger anderer Bemerkungen willen, noch etwas weiter in das Detail folgen. Das Prinzip der Erhaltung im Weltgebäude (Seite 88) hat die Idee einer teleologisch abgemessenen ersten Einrichtung der Himmelskörper veranlaßt. Allein sie ist unnütz. Die Weltkörper, die sich eben nicht erhalten konnten, sind längst untergegangen; was sich erhalten hat, ist nun freilich so zweckmäßig, weil es von Anfang an zufällig so beschaffen war, daß es sich erhalten konnte; ein zweckmäßiges System unter unzähligen untauglichen. Mag dies nun sein, obwohl ich nicht einsehe, warum, wie der Verfasser anderswo sagt, diese Aussicht auf ein vorhergegangenes Chaos die Welt in einer ganz ungeahnten Größe und Macht zeigt, den spießbürgerlichen Ideologien gegenüber, allein, wenn wir zugeben, daß ein von Anfang an zweckmäßig bestehendes Weltsystem einer der unwahrscheinlichsten Fälle war, gerät dann der Verfasser in Bezug auf die lebendigen Wesen nicht in noch viel größere Unwahrscheinlichkeiten? Auch hier meint er: daß die lebenden Wesen äußerst passend für ihre Umgebung eingerichtet sind, sei kein Wunder. Ursprünglich könne man sich die Tierwelt in noch viel mannigfaltigeren Gestalten ausgebildet denken, allein viele davon haben sich eben nicht erhalten können, sind zugrunde gegangen, und von den übrig gebliebenen erscheint deshalb jede Gattung dem sie umgebenden Element angemessen gebildet, weil dieses Element das einzige gewesen war, in dem sie bei einiger Akkomodation [Anpassung - wp] leben konnten, während sie in allen anderen gar zu unangemessen freilich nicht mehr vorkommen können, weil sie längst darin verkommen sind. Es wäre ganz vergeblich, gegen ein solches Räsonnement streiten zu wollen, denn wenn nicht in diesem Fall, so ist es doch in anderen ähnlnichen gewiß sehr richtig und bezeichnet ganz gut einen Zirkel, in dem sich teleologische Ansichten sehr häufig herumdrehen. Allein der Verfasser legt wohl zu wenig Gewicht darauf, daß auch nur die einmalige Entstehung eines lebensfähigen Tieres in der bloßen automatischen Gegenwirkung der Stoffe einer der unwahrscheinlichsten Fälle ist, und daß die Wahrscheinlichkeit des Satzes, alles Tiere seien ohne prämeditierten [vorgedachten - wp] Zweck bloß durch einen mechanischen Zufall in diese Angemessenheit zu ihrer äußeren Lage gekommen, schwerlich dadurch wachsen kann, daß man annimmt, jene unwahrscheinlichsten Fälle haben in früherer Zeit noch unendlich viel zahlreicher stattgefunden als jetzt. Diese erste Entstehung hat der Verfasser nicht mit zu den Gegenständen gewählt, rücksichtlich deren er die Teleologie bekämpft, aber gerade in den eigentümlichen Gegensätzen, Stufen und Übergängen der Formen, in welche das tierische Leben sich kleidet, hat die Voraussetzung einer prädeterminierenden Idee immer so viel Stützen gefunden, daß eine Beleuchtung gerade diese Verhältnisse wünschenswert gewesen wäre. Man hat leicht sagen, daß auch, wo völlig planlose Atome zuerst gegeben gewesen wären, der Zug der Prozesse, die zwischen ihnen entstehen, bald eine gewisse Regelmäßigkeit angenommen haben würde; aber zwischen dieser mathematischen Regelmäßigkeit, denn eine solche allein würde gemutmaßt werden können, und der telefonischen der lebendigen Organismen ist ein so weitklaffender Unterschied, daß nur eine große Zuversicht ihn überspringen kann.

Indessen was hilft es, dem Verfasser gegenüber auf die Unwahrscheinlichkeit einer zwecklosen Entstehung der Organismen aufmerksam zu machen? Mechanisch möglich bleibt sie doch immer, und der Verfasser würde uns sicher darauf antworten, daß es auch gerade nur mit knapper Not zu einer trotz aller Mannigfaltigkeit noch so leidlich in sich zusammenstimmenden Welt gekommen ist, die wahrscheinlicheren Fälle der Unordnung seien ja mutmaßlich vorausgegangen. Lassen wir daher den Streit gegen diese Polemik und freuen wir uns der Unbefangenheit, mit der der Verfasser gegen so viele der gewöhnlichen teleologischen Ansichten zu Felde zieht, die, weil sie einmal von Zwecken gehört haben, nun auch überall deren sehen und nicht zugeben wollen, daß das Gleichgültige, Zufällige, Zweckwidrige, das aus dem Gegeneinanderwirken der dem Zweck so notwendigen Mittel gar nicht zu verbannen ist, sich in der Beobachtung auch einmal zeigen kann. Hätten die Vögel keine Flügel, sagt er Seite 113, so würden sie ruhig zu Fuß gehen und wir würden ihren Bau ebenso zweckmäßig eingerichtet finden, als zuvor. Unstreitig würden die Physiologen es so finden, aber sie könnten es nur, indem sie einigen Teilen der Organisation dann verstatteten, da zu sein, ohne eine besondere teleologische Bedeutung zu haben. Wenn aber der Verfasser Seite 135 noch behauptet, wären unsere Augen am Hinterkopf, so hätten wir uns ebensogut daran gewöhnt, rückwärts zu gehen und Arme, Hände und Füße nach der entgegengesetzten Richtung zu bewegen, so bezeichnen diese und andere ähnliche Äußerungen, daß der Verfasser hier seiner Lieblingsansicht folgend zu sehr die anatomischen Tatsachen vernachlässigt, die eine solche Akkomodation sehr erschweren würden, und auf eine viel fest zusammenhängende Berechnung der einzelnen Organe auf einander hinweisen, als er zuzugestehen Lust hat. Es gewährt wenig Interesse, diese Beispiele weiter durchzugehen, in welchen sich überall die ästhetische Evidenz der Sache gegen die gewaltsam festgehaltene Abstraktion des Verfassers auflehnt, und er hätte sich weit mehr Dank verdient, wenn er mit einem unbefangeneren Blick die Fälle geschieden hätte, wo die Natur in der Bildung der Organismen für unsere Auffassung zumindest einen speziellen Zweck verfolgt, und die anderen, wo sie zwecklos verfährt, allgemeinen Gesetzen folgend, die sie für den einzelnen Fall nicht deswegen aufhebt, weil sie nichts nützen, und die sie höchstens umgeht, wo sie dem Zweck widerstreben. Diese Untersuchung, zu der die Physiologie sehr zahlreiche Anlässe gibt, erwarteten wir eigentlich dem Titel dieser Schrift nach hier zu finden.

Einige Einzelheiten wollen wir zum Beschluß dieses Abschnitts noch erinnern. Seite 97 sind die Anwendungen des Prinzips der kleinsten Wirkungen auf die Reflexionsgesetze des Lichts zumindest  unklar  dargestellt, wenn nicht irrig! Seite 121 ist von einem fabelhaften chronischen Emphysem [Aufblähung von Gewebe oder Organen - wp] der Lungen die Rede, an dem jeder Mensch, so wie jedes luftatmende Wesen leiden soll, weil die mechanische Einwirkung der Luft fortwährend die feineren Luft- und Blutgefäße (?) der Lungen zerreißt; Seite 146-147 wird die Zweckmäßigkeit der organischen Einrichtung des Augapfels geleugnet und behauptet, daß sie eigentlich unser Werk ist, indem wir willkürlich die Gestalt des Auges für das deutliche Sehen akkomodieren. Wobei ich nach des Verfassers eigener, früher vorgetragenen Theorie nur bemerke, daß wir ja gänzlich unfähig sein würden, zu einem gefaßten subjektiven Zweck dieser Akkomodation die Mittel zu finden, wenn diese nicht schon durch den Organismus präformiert [vorgeformt - wp] daliegen und uns schlagfertig übergeben würden. Denn die Muskeln, mit denen der Verfasser seinen Augapfel, wie er meint, komprimiert, hat er doch samt ihren Anheftungspunkte, vorgefunden und nicht gemacht. Seite 141 verlangt er ganz unbillig, der Physiologe, der von irgendeinem Organ einen Zweck angibt, soll auch zeigen, daß dieser Zwecke  nur  durch dieses Organ zu realisieren ist. Jeder Physiologe aber kann ihm antworten, daß er ohne Unrecht die Möglichkeit auch anderer Mittel zugestehen könnte, obwohl sie in der Eigenschaft, durch die sie als Mittel dienen, mit dem empirisch vorgefundenen übereinstimmen müssen. Wenn der Pelz die Tiere gegen Kälte schützt, so hat der Physiologe nicht nachzuweisen, daß dies beim Eisbären nur durch einen weißgrauen, beim Hasen durch einen braunen Pelz geschehen konnte; und so werden noch weiter alle Mittel zu Zwecken eine größere oder geringere Breite ihres dem Zweck gleichgültigen weiteren Aussehens haben.

Wie nun die teleologischen Ansichten in den Naturwissenschaften bekämpft werden, so auch in der Geschichte; Bemerkungen, über die wir hier hinweggehen, um den Inhalt des dritten Hauptteils, von der Persönlichkeit der schaffenden Idee noch kurz zu berühren. Der teleologische Beweis will von der empirisch vorgefundenen Zweckmäßigkeit der Natureinrichtung auf die Existenz eines intelligenten Welturhebers schließen, aber er kann es nach dem Verfasser nnicht, weil Zweckmäßigkeit den Dingen in er Welt nur von demjenigen angesehen werden kann, der zur empirischen Betrachtung den Gedanen einer den Objekten gegenüberstehenden Intelligenz schon mitbringt. Zu diesem Räsonnement des Verfassersf scheint bemerkt werden zu müssen,k daß er mit Unrecht die Erkenntnis der Zweckmäßigkeit der Naturereignisse für den ersten Schritt, die Folgerung auf die Existenz eines zwecksetzenden Wesens für den zweiten ansieht. Vielmehr, indem er mit Recht bemerkt, daß beides zusammenfällt, und niemand von Zwecken sprechen kann, ohne damit implizit den zweiten Schritt schon zu tun, oder ihn vielmehr schon getan zu haben dürfte der erste Schritt der Empirie hier nur in der Beobachtung glücklicher Fügungen in den Ereignissen bestehen, die zu den unwahrscheinlichsten Fällen nach einer abstrakten mechanischen Theorie gehören, der zweite in diesem Urteil, welches diese Tatsachen einer überraschenden Harmonie unter dem Zweckbegriff subsumiert, und damit zugleich eine zwecksetzende Intelligenz annimmt. In dieser Weise sieht man nicht, warum der teleologische Beweis seine Konklusion fälschlich voraussetzte, nur der Begriff einer zwecksetzenden Intelligenz im Allgemeinen wird dem Geist vorschweben und bekannt sein müssen, um auf diesen einzelnen Fall von ihm angewandt werden zu können. Obwohl nun der teleologische Beweis die Existenz eines höchsten Wesens nicht dartut, so hat er doch dem Verfasser nach dazu gedient, Schlüsse auf die Qualitäten dieses Wesens einzuleiten, das bald als prinziploses Fatum, dann aber als nach Gesetzen richtende und urteilende Nemesis [Rachegöttin - wp] auftrat (Seite 202). An dieser Stelle unterbricht der Verfasser den Lauf dieser Bemerkungen durch ein Räsonnement über den Ursprung der Begriffe vom Guten und Bösen, mit dem er ein Beispiel aufstellen will, wie man seiner Meinung nach ein für allemal solche sogenannte angeborene Ideen auf einfache empirische Weise behandeln und sie damit ihrer Prätension von einer transzendentalen Herkunft berauben muß. Dies geht so zu: Eine Menge Einflüsse, die in einem Zeitalter, der Nationalität, der Erziehung und in anderen Umständen liegen, bestimmen jeden Einzelnen, und so wird zu dem, was seine allgemein menschliche Natur ihm vermöge ihrer Organisation als wünschenswert erscheinen läßt, eine Menge konkreter Sitten, Gewohnheiten, Gesetze hinzugefügt, deren Übertretung nach den einmal bestehenden geselligen Einrichtungen irgendein Übel nach sich zieht. Nun gibt es unter diesen Satzungen der Sitte manche, deren Ursprung sich deutlich in der bloßen Willensmeinung anderer Individuen erblicken läßt; über diese setzt sich der Mensch leicht hinweg, weil er eben ihren Grund, das Maß des Übels, das ihrer Verletzung folgt, so wie die Mittel übersieht, sich diesem zu entziehen. Es gibt aber andere durch die Macht der Sitte und Erziehung eingeflößte Gefühle, deren Ursprung nicht zu verfolgen ist, und sie erscheinen nun dem Menschen als durch eine höhere Macht eingepflanzt, die auf die Übertretung ihres Willens ein unbestimmbares Strafmaß setzt. Die Unwissenheit über die Folgen einer solchen Gesetzen zuwiderlaufenden Tat ist unserem Verfasser nach das Gewissen, das hier die Stimme der Vernunft vertritt, welche uns rät, lieber den gewissen Gewinn,der aus einer Tat hervorgeht, aufzugeben, als ein ungewisses Übel, das zugleich über uns hereinbrechen könnte, zu wagen. Diese spinozistischen Ansichten des Verfassers, denen jede Anerkennung eines an und für sich wertvollen Inhalts abzugehen scheint, bezeichnen ziemlich deutlich den Grund, warum jede teleologische Ansicht ihm immer nur ihre leicht angreifbaren Schattenseiten zuwenden mußte. Die durchgegangenen Bemerkungen dienen ihm aber hier dazu, zu zeigen, auf wie unhaltbarem Grund die aus der Betrachtung des wirklichen Weltlaufs nun hervorgehenden Postulate der Unsterblichkeit und einer späteren Vergeltung beruhen. Nur deshalb kann man in einer teleologischen Geschichtsbetrachtung zuweilen den Eingriff Gottes zu sehen glauben, weil man die glücklichen Fälle der gerechten Vergeltung auf Erden, deren Vorkommen nur dann seltsam sein würde, wenn sie, als die unwahrscheinlichsten ansich, dennoch die häufigsten wären, willkürlich aus der vernachlässigten Mehrzahl der anderen Fälle hervorhebt, in denen eine solche Vergeltung nicht stattfindet.

Indem wir nun diese Betrachtungen verlassen, deren weitere Verfolgung ein zu großes Detail erfordern würde, bedauern wir, daß der Verfasser seine eigene Meinung nicht bestimmter ausdrückt, sondern uns aufgibt, sie aus seiner Polemik zusammenzusetzen. Der Begriff eines persönlichen Gottes, der den Dingen gegenübersteht, sie mit Willkür ordnend, scheint ihm verwerflich zu sein, und einer niederen Bildungsstufe anzugehören, ja die Unmöglichkeit einer Demiurgie [Verfertigung, Schöpfung - wp] selbst geht ihm daraus hervor, daß ja, wie er im ersten Teil nachgewiesen zu haben glaubt, überhaupt keine Intelligenz zu irgendeiem vorausgesetzten Zweck die dienenden Mittel hinzuzufinden imstande ist, und eine Erweiterung der Einsicht über diese Grenzen dürfen wir nach ihm selbst einem göttlichen Wesen nicht zuschreiben. So würden allerdings die Ideen, nach denen der Demiurg die Welt einrichtete, ihm erst während der Einrichtung kommen, und nicht Zwecke sein, die vorhergigen, sondern nur ein Bewußtsein der Resultate, die seine sonst völlig blind wirkende Kraft in ihrem Schaffen hervorbrachte. Eine würdigere Vorstellung wird daher erst dann eintreten, wenn an die Stelle eines leeren inhaltslosen Willens ein konkretes, sich selbst vermöge seines mannigfaltigen Inhaltes mit Notwendigkeit bestimmendes Wesen angenommen wird, welches uns nicht durch eine übersinnliche (?) Willkür, sondern nur durch die vernünftige Gesamtheit der Welt und Wirklichkeit dargeboten werden kann. So wird der Wille eines höchsten Wesens zur Notwendigkeit aus sich selbst, der göttliche Zweck zum Begriff; aber hier, wo des Verfassers Ansicht sich bestimmter zur Annahme einer allem Dasein substantiell zugrunde liegenden und sich entwickelnden absoluten Idee hinzuneigen scheint, verläßt er uns mit den Worten, daß dies der Punkt ist, an dem die systematische Philosophie den Faden seiner abgerissenen Untersuchungen weiter zu führen hat.

In der Tat pflegen Schriften, wie die vorliegende, Vorläufer weiterer Untersuchungen auf diesem Gebiet zu sein; und in dieser Beziehung dürften wir wohl wünschen, daß der Verfasser auch andere Seiten seines Gegenstandes einer ebenso aufrichtigen und ausführlichen Prüfung unterwirft, wie er dies mit der einen in diesem Buch getan hat. Denn es läßt sich nicht wohl verkennen, daß das Gewicht dessen, was der Verfasser durch seine Betrachtungen wirklich bewiesen hat, geringer ist, als er es vielleicht im Enthusiasmus der Arbeit gemeint hat. Er hat nur gezeigt, was sich wohl von selbst verstand, daß keine Macht auf Erden jemanden zwingen kann, ästhetischen Anforderungen des Gemüts eine theoretisch beweisende Kraft zuzugestehen; aber mit Unrecht bestrebt er sich, durch die Künste, mit denen sich dieser abstrakt verständige Standpunkt jenen Bedürfnissen zu entziehen sucht, uns ihre Erfüllung überhaupt zu verleiden. In dieser Hinsicht scheint der sonst sorgsamen Schrift eine wahre philosophische Reflexion zu fehlen. Denn der Philosoph muß sich erinnern, daß die Gedanken, die jedem energisch zuströmen, der mit offenem Herzen und Sinn die Natur betrachtet, ein unveräußerliches und unantastbares Gut sind, das nicht von einem Gewebe spitzfindiger Spekulationen zerstört werden darf, sondern immer als das Sicherste unserer Erkenntnis ein wichtiges korrigierendes Gegengewicht gegen die Verwirrungen des grübelnden Verstandes bildet. Was aber eine solche unbefangene Betrachtung in der Natur an ästhetischem Inhalt findet, das kann sehr verschiedenartig ausgedrückt werden, und wenn der Verfasser sich gegen die Annahme eines zwecksetzenden Wesens sträubt und alles aus der Notwendigkeit einer göttlichen Natur hervorquellen läßt, so haben die insgemein so genannten teleologischen Ansichten gar nicht eigentlich dagegen zu streiten; sie können nur wünschen, daß jene treibende Notwendigkeit nicht selbst wieder ein leeres interesseloses Fatum ust, sondern daß in ihr wenigstens ein wahrhaft wertvoller Gehalt als die schöpferische Kraft der Erscheinungen begriffen wird. Handlungen der Liebe sind für uns ebenso vollständig erklärt, wenn sie unwillkürlich aus der Tiefe eines schönen Gemütes quellen, wie wenn sie die Ergebnisse einer bewußten zwecksetzenden Überlegung wären; nur das würde uns unerträglich scheinen, wenn jemand sie bloß und allein aus dem faktisch vorhandenen Aufstreben einer Vorstellungsreihe ableiten wollte.
LITERATUR - Hermann Lotze, Rezension von Johann Heinrich Koosens "Der Streit des Naturgesetzes mit dem Zweckbegriff", Göttinger Gelehrte Anzeigen, 1846, Stück 57-60, Seite 561-588.