p-4cr-2H. HöffdingB. ErdmannH. Lotze    
 
HERMANN LOTZE
Vom Denken
[ 1 / 4 ]

"Der Mensch, wenn er dieselben Gegenstände seiner Beobachtung den belaubten und den unbelaubten Baum nennt, drückt damit freilich nur dieselben Tatbestände aus; aber die Auffassung derselben, welche er in diesen ihm gewohnten sprachlichen Formen kundgibt, enthält doch eine ganz andere geistige Arbeit. Denn der Name des Baumes, dem er jene nähere Bezeichnung bald hinzufügt bald entzieht, bedeutet ihm nicht bloß einen beharrlichen Teil seiner Wahrnehmung im Gegensatz zu einem veränderlichen, sondern die auf sich beruhende Sache, das Ding im Gegensatz zu seiner Eigenschaft."

I. Auf Anregung der Sinne entstehen uns fast in jedem Augenblick unseres wachen Lebens verschiedene Vorstellungen zugleich oder in unmittelbarer Abfolge. Von ihnen haben manche ein Recht, in unserem Bewußtsein so zusammenzutreffen, weil auch die Wirklichkeit, aus der sie stammen, ihre veranlassenden Ursachen immer zugleich erzeugt oder aufeinander folgen läßt; andere begegnen sich in uns nur deshalb, weil innerhalb des Bereiches der Außenwelt, für dessen Einwirkung wir erreichbar sind, ihr veranlassenden Ursachen tatsächlich in demselben Augenblick zusammentrafen, doch ohne einen inneren Zusammenhang, der ihre gleiche Verknüpfung in jedem Wiederholungsfall sicherte. Diese Mischung  zusammengehöriger  und nur  zusammengeratener  Vorstellungen wiederholt nach einem Gesetz, welches wir unserer Selbstbeobachtung entlehnen, auch der Verlauf unserer Erinnerungen. Denn jede Vorstellung, sobald sie irgendwie im Bewußtsein neu belebt wird, erweckt auch diejenigen anderen wieder, die früher einmal, gleichzeitig oder ohne Zwischenglied folgend, mit ihr zusammengewesen sind, gleichviel ob die frühere Verknüpfung auf jener Zusammengehörigkeit der vorgestellten Inhalte oder auf dieser bloßen Gleichzeitigkeit übrigens einander fremder Erregungen beruth haben mag. Der erste Fall, die Wiederbringung des Zusammengehörigen, begründet unsere Hoffnung, zu Erkenntnissen zu gelangen; der zweite, die Leichtigkeit, mit der das Zusammengeratene aneinander haftet und sich wechselseitig ins Bewußtsein drängt, ist die Quelle der Irrtümer und zunächst jener Zerstreuung, durch die unsere Gedanken von der Verfolgung eines sachlichen Zusammenhangs abgehalten werden.

II. Mit dem Namen des  Vorstellungsverlaufes  bezeichnen wir das abwechslungsreiche Ganze der Vorgänge, zu denen diese Eigentümlichkeit unseres Seelenlebens führt. Notwendigen Zusammenhang zwischen den Gliedern dieses Ganzen würden wir, wenn eine allwissende Beobachtung uns zu Gebot stände, in jedem seiner Beispiele entdecken: in dem besonnenen Gedankengang des Wachenden, in den Träumen des Schlummernden, im Fieberwahn des Kranken. Denn aus der Anwendung allgemeiner Gesetze des Verhaltens, die für alle Seelen gleichmäßig gelten, auf die besonderen Bedingungen, die in jedem einzelnen dieser Fälle abweichend von denen des andern gegeben sind, würde der Gang jener inneren Ereignisse überall als unvermeidlicher Erfolg entspringen müssen. Wüßten wir nur. welche bleibende Eigentümlichkeit die Natur einer bestimmten einzelnen Seele auszeichnet, übersähen wir zugleich Inhalt und Form ihres ganzen bisherigen Vorstellungsverlaufs, so würden wir aufgrund jener allgemeinen Gesetze vorhersagen können, welche dritte und vierte Vorstellung diese Seele im nächsten Augenblick erzeugen muß, sobald die im gegenwärtigen auf Anregung äußerer Reize diese erste und zweite erzeugt hat. In jeder anderen Seele aber, deren Natur, Vorgeschichte und augenblickliche Lage andere wären, würde dieselbe erste und zweite Vorstellung, die sie auf Veranlassung gleicher äußerer Reize jetzt entwickelte, zu einer völlig verschiedenen Fortsetzung im nächsten Moment mit gleicher Notwendigkeit führen. Eine hierauf gerichtete Untersuchung würde daher jeden Vorstellungsverlauf, den sie irgendwo vorfände, als notwendig für die Seele, in welcher er vorkäme und unter den Bedingungen, unter denen er stattfände, anerkennen müssen; aber sie würde keine Verknüpfungsweise der Vorstellungen auffinden, welche für alle Seelen allgemeingültig wäre. Und eben, weil jede dieser Vorstellungsreihen unter den besonderen Bedingungen, unter denen sie stattfindet, gleich notwendig und gesetzlich zusammenhängt, wie jede andere unter den ihrigen, so wäre kein Anlaß zur Aufstellung eines Wertunterschiedes, welcher, wie derjenige zwischen Wahrheit und Unwahrheit, die eine dieser Vorstellungsverbindungen allen übrigen entgegensetzte.

III. Allgemeingültigkeit und Wahrheit nun sind die beiden Vorzüge, welche schon der gewöhnliche Sprachgebrauch denjenigen Verknüpfungen der Vorstellungen zuschreibt und vorbehält, deren Herstellung er vom  Denken  allein erwartet. Wahrheit aber pflegt eine übliche Begriffsbestimmung in der Übereinstimmung der Vorstellungen und ihrer Verbindungen mit dem vorgestellten Gegenstand und seinen eigenen Beziehungen zu suchen. Dieser Ausdruck mag Bedenken gegen sich haben, welche hier zu erörtern nicht Gelegenheit ist; er wird indessen unverfänglich sein, wenn wir ihn dahin ändern, daß Verknüpfungen der Vorstellungen dann wahr sind, wenn sie sich nach den Beziehungen der vorgestellten Inhalte richten, die für jedes vorstellende Bewußtsein dieselben sind, nicht nach dem bloß tatsächlichen Zusammentreffen der Eindrücke, das sich in diesem Bewußtsein so, in einem anderen anders gestaltet. Da nun durch die Einwirkungen, die von außen kommen, unser Vorstellen zuerst angeregt wird, so erscheint uns das Denken als eine rückwirkende Tätigkeit, welche der Geist an dem Inhalt ausübt, den ihm jene äußeren Einwirkungen und die oben erwähnten Ergebnisse ihrer Wechselwirkungen zugeführt haben. Der denkende Geist begnügt sich nicht, die Vorstellungen in denjenigen Verbindungen hinzunehmen und sich gefallen zu lassen, in welche sie der Zufall ihrer gleichzeitigen Entstehung gebracht und in der die Erinnerung sie wiederkehren läßt, sichtend vielmehr hebt er das Zusammensein der Vorstellungen auf, die nur auf diesem Weg zusammengeraten sind; diejenigen aber, die nach den Beziehungen ihrer Inhalte zusammen zusammengehören, läßt er nicht nur beisammen, sondern vollzieht ihre Verknüpfung noch einmal, jetzt aber in einer Form, die zu der tatsächlichen Wiederherstellung der Verbindung ein Bewußtsein über Grund der Zusammengehörigkeit der neu verbundenden hinzufügt.

IV. Ich knüpfe die unentbehrliche Erläuterung des Gesagten an die Beleuchtung nahe liegender Einwürfe. Nicht ohne Absicht, die ich eingestehe, haben ich den übrigen Verstellungsverlauf als eine Reihe von Ereignissen erscheinen lassen, die nach allgemeinen Gesetzen unseres Wesens in uns vorgehen und die wir erleiden, das Denken aber als eine Tätigkeit, die unser Geist ausübt. Nun hat es nicht am Zweifel gefehlt, ob überhaupt und ob in Bezug auf das Denken dieser Gegensatz von wesentlicher Bedeutung sei, ob nicht vielmehr alles, was wir Tätigkeit zu nennen pflegen, mit zu den Ereignissen gehöre, die in uns lediglich geschehen. Es verbietet sich von selbst, diese weitgehende Frage hier zur Entscheidung zu bringen; wenn ich daher, an der Bedeutung dieses Gegensatzes festhaltend, ausdrücklich das Denken als eine Tätigkeit zu nennen pflegen, mit zu den Ereignissen gehöre, die in uns lediglich geschehen. Es verbietet sich von selbst, diese weitgehende Frage hier zur Entscheidung zu bringen; wenn ich daher, an der Bedeutung dieses Gegensatzes festhaltend, ausdrücklich das Denken als eine Tätigkeit bezeichne, so wird man das als eine anderswo zu beweisende, hier aber bestreitbar bleibende Voraussetzung ansehen müssen. Sie ist mir notwenig im Zusammenhang des Ganzen, zu welchem diese Betrachtung des Denkens einleiten soll; zufällig aber erscheint sie mir, weil sie zwar die allgemeine Färbung meiner folgenden Darstellung entschieden bestimmen, aber die inneren Beziehungen des darzustellenden Inhalts nicht unnatürlich ändern wird.

>V. Es ist nützlicher, einer anderen Fassung desselben Einwurfs zu begegnen, welche die allgemeine Gültigkeit des fraglichen Gegensatzes zugibt, aber hier nicht Veranlassung zu seiner Anwendung zu haben glaubt. Die Verknüpfung des Zusammengehörigen, die Wahrheit als, komme auf demselben Weg nur etwas später zustande, auf welchem Anfangs die irrigen Verbindungen des zufällig Zusammengeratenen entstehen. Denn der Lauf der Dinge selbst sorge dafür, daß diejenige Ereignisse, welche ein innerer Zusammenhang miteinander verknüpft, unverhältnismäßig häufiger auf uns verbunden einwirken, als diejenigen, die ohne inneres Band der Zufall bald so bald anders zusammentreffen läßt. Duch diese öftere Wiederholung befestige sich in uns die Verbindung des Zusammengehörigen vom Nichtzusammengehörigen, die wir einer besonderen rückwirkenden Tätigkeit des Geistes glaubten zuweisen zu müssen; das Tier wie der Mensch erwerbe so die Menge sachentsprechender Kenntnisse, durch welche das tägliche Verhalten beider im Leben bestimmt wird. Es würde überflüßig sein, ausdrücklich hervorzuheben, daß diese Schilderung völlig richtig ist, wenn sie nur eine Entstehungsgeschichte dieses zuletzt genannten Erwerbes sein will; aber ich denke zu zeigen, daß eben durch diesen die eigentümliche Leistung des Denkens weder scharf bezeichnet noch erschöpft ist.

VI. Eine gewöhnliche Meinung behält dem Menschen das Vermögen des Denkens vor und spricht es dem Tier ab. Ohne für oder wider diese Annahme ernstlich zu entscheiden, benutze ich sie zur Bequemlichkeit meiner Erläuterung. In der Seele des Tieres, die demgemäß auf bloßen Vorstellungsverlauf beschränkt wäre, würde der erste Eindruck eines belaubten Baumes nur ein Gesamtbild erzeugen, zwischen dessen Bestandteilen besondere Beziehungen der Zusammengehörigkeit aufzusuchen hier außer der Fähigkeit auch noch jeder Antrieb fehlen würde. Der Winter entlaubt den Baum und eine zweite Wahrnehmung des Tieres findet nur einen Teil des früheren Gesamtbildes wieder, der zwar die Vorstellung des anderen wieder zu erzeugen strebt, darin aber durch den gegenwärtigen Augenschein bestritten wird. Wenn nun der wiederkehrende Sommer den alten Tatbestand herstellt, so mag allerdings das erneuerte Gesamtbild des belaubten Baumes jetzt nicht mehr die einfache und unbefangene Einheit der ersten Wahrnehmung besitzen; die Erinnerung an die zweite, sich dazwischendrängend, scheidet es in den Bestandteil welcher blieb und den welcher wechselte. Ich halte nicht für angebbar, was eigentlich in der Seele des Tieres sich unter den angenommenen Umständen ereignen würde; schreiben wir ihm indessen selbst noch die Fähigkeit zu, vergleichend den Verlauf seiner Vorstellungen zu überblicken und das gefundene Verhalten auszudrücken, so würde doch dieser Ausdruck nicht mehr besagen können als die Tatsache, daß zwei Wahrnehmungen bald zusammen waren bald nicht. Der Mensch, wenn er dieselben Gegenstände seiner Beobachtung den belaubten und den unbelaubten Baum nennt, drückt damit freilich nur dieselben Tatbestände aus; aber die Auffassung derselben, welche er in diesen ihm gewohnten sprachlichen Formen kundgibt, enthält doch eine ganz andere geistige Arbeit. Denn der Name des Baumes, dem er jene nähere Bezeichnung bald hinzufügt bald entzieht, bedeutet ihm nicht bloß einen beharrlichen Teil seiner Wahrnehmung im Gegensatz zu einem veränderlichen, sondern die auf sich beruhende Sache, das Ding im Gegensatz zu seiner Eigenschaft. Indem er den Baum und seine Belaubung unter diesen Gesichtspunkt rückt, läßt er diese Beziehung, welche zwischen einem Ding und seiner Eigenschaft bestehe, als den Rechtsgrund erscheinen, der sowohl die Trennbarkeit als die Verbindung beider Vorstellungen rechtfertigt und führt so die Tatsache ihres Zusammenseins oder Nichtzusammenseins in unserem Bewußtsein auf eine sachliche Bedingung ihrer augenblicklichen Zusammengehörigkeit oder Nichtzusammengehörigkeit zurück. Man kann dieselbe Betrachtung über andere Beispiele erstrecken. In der Seele des Hundes ruft der erneute Anblick des geschwungenen Stockes die Vorstellung des früher erlittenen Schmerzes zurück; der Mensch, wenn er den Satz ausspricht, der Schlag tue weh, drückt damit nicht bloß die tatsächliche Verknüpfung beider Ereignisse aus, sondern er rechtfertigt sie. Denn indem er in diesem Urteil den Schlag als das Subjekt bezeichnet, von dem der Schmerz ausgehe, läßt er deutlich das allgemeine Verhältnis einer Ursache zu ihrer Wirkung als den Grund erscheinen, um dessentwillen nicht bloß beide Vorstellungen in uns zusammen sind, sondern die eine berechtigt und verpflichtet ist auf die andere zu folgen. Endlich mag dem Hund mit der Erwartung des Schmerzes zugleich die Erinnerung wiederkehren, mit der Flucht, zu der ihn früher ein unwillkürlicher Trieb anleitete, sie eine Milderung des Schmerzes verbunden gewesen; und gewiß wird diese neue Verkettung seiner Vorstellungen ihn zu der nützlichen Wiederholung seiner Flucht ebenso sicher bestimmen, als wenn er überlegend schlösse: drohende Schläge verhindere insgemein die Entfernung, ihm drohe der Schlag, also müsse er flüchten. Aber der Mensch, der im gleichen oder ernsthafteren Fall einen solchen Schluß wirklich bildet, vollzieht doch eine ganz andere geistige Arbeit; indem er im Obersatz eine allgemeine Erkenntnis ausspricht und ihr im Untersatz einen besonderen Fall der Anwendung unterordnet, wiederholt er nicht nur die Tatsache jener nützlichen Verknüpfung von Vorstellungen und Erwartungen, die das Tier auf sich wirken läßt, sondern rechtfertigt sie durch Berufung auf die Abhängigkeit des Besonderen von seinem Allgemeinen.

VII. Durch diese Beispiele, welche sich auf die allbekannten Formen des Denkens, auf Begriff, Urteil und Schluß erstreckten, glaube ich hinlänglich den Überschuß der Leistung deutlich gemacht zu haben, welchen das Denken vor dem bloßen Vorstellungsverlauf voraus hat: er besteht überall in den Nebengedanken, welche zu der Wiederherstellung oder Trennung einer Vorstellungsverknüpfung den Rechtsgrund der Zusammengehörigkeit hinzuzufügen. Diese Leistung bleibt in ihrem Wert völlig dieselbe, welche Meinung man auch über ihre Entstehung haben mag; zögen wir vor, sie nicht als Ausfluß einer besonderen Tätigkeit, sondern nur als ein feineres Erzeugnis zu betrachten, welches der Vorstellungsverlauf unter günstigen Umständen von selbst hervorbringt, so würde uns dieser Vorstellungsverlauf eben nur auf derjenigen Stufe seiner Entwicklung  Denken  heißen, auf welcher er zur Erzeugung dieser neuen Leistung bereits gekommen ist. Hierin also, in der Erzeugung jener rechtfertigenden Nebengedanken, welche die Form unseres Auffassens bedingen, nicht in der bloßen Sachgemäßheit der Auffassungen, liegt die Eigentümlichkeit des Denkens, der unsere ganze spätere Darstellung gilt. Daß auch ohne dieses Denken der bloße Vorstellungsverlauf des Tieres eine Menge nützlicher Verknüpfungen der Eindrücke, viele zutreffende Erwartungen und passende Rückwirkungen hervorbringt, leugnen wir nicht; wir geben im Gegenteil zu, daß selbst vieles von dem, was der Mensch sein Denken nennt, in der Tat nur in einem Spiel einander hervorrufender Vorstellungen besteht. Dennoch bleibt hier vielleicht ein Unterschied. In den plötzlichen Eingebungen, die uns im Augenblick eine entscheidende Maßregel treffen lassen, in der raschen Übersicht, welche verwickeltes Mannigfaltiges fast schneller zergliedert, als die bloße Wahrnehmung seiner Bestandteile möglich schien, in der künstlerischen Erfindung endlich, die sich ihrer treibenden Gründe unbewußt bleibt: in allen diesen Fällen glauben wir nicht einen Vorstellungsverlauf, welcher noch nicht Denken wäre, sondern ein verkürztes Denken wirken zu sehen. An den bestimmten Beispielen, an denen diese überraschenden Leistungen vollzogen werden, gelingen sie wohl nur, weil ein entwickeltes Denken längst an anderen Beispielen die Gewohnheit jener Nebengedanken groß gezogen hatte, welche die gegebenen Eindrücke unter allgemeine Gründe ihrer Zusammengehörigkeit bringen; und wie jede Geschicklichkeit, die zur mühelosen zweiten Natur geworden ist, hat auch diese eine vergessene Zeit mühsamer Übung hinter sich.

VIII. In den Beispielen, die ich benutzte, fielen die Nebengedanken, durch welche wir die Verknüpfungen der Vorstellungen rechtfertigten, ersichtlich mit gewissen Voraussetzungen zusammen, deren wir uns über den Zusammenhang des Wirklichen nicht entschlagen. In der Tat, ohne die Gesamtheit des Wahrnehmbaren durch den Gegensatz von Dingen und ihren Eigenschaften zu gliedern, ohne die Annahme einer Abfolge von Wirkungen aus Ursachen, ohne die bestimmende  Macht  endlich des Allgemeinen über das Besondere, ist uns jede Auffassung der umgebenden Wirklichkeit völlig unmöglich. Von hier aus erscheint es daher eine ganz von selbst sich ergebende Behauptung, in seinen Formen und den sie beseelenden Nebengedanken bilde das Denken unmittelbar die allgemeinen Formen des Seienden selbst und seiner Zusammenhänge ab und oft genug ist in der Tat diese  reale  Geltung des Denkens und seiner Verfahrungsweisen gelehrt worden. Die entgegengesetzte Behauptung, die man als volles Widerspiel erwarten könnte, ist nie gleich uneingeschränkt gewagt worden. Zu natürlich erscheint jedem Unbefangenen das Denken als ein Mittel, zur Erkenntnis des Wirklichen zu gelangen und viel zu sehr beruth alle Teilnahme für die wissenschaftliche Untersuchung seines Verfahrens auf dieser Voraussetzung, als daß man jemals von einer bloß  formalen  Geltung allen logischen Tuns mit bestimmter Leugnung  jeder  Beziehung desselben zur Natur des Seienden hätte sprechen können. Indem man daher die Formen und Gesetze des Denkens zunächst als eigentümliche Folgen der Natur unserer geistigen Organisation ansah, schloß man nicht jedes Zusammenpassen derselben zum Wesen der Dinge aus, aber man leugnete jene Beziehung kurzer Hand, nach welcher die Formen des Denkens unmittelbarer Abbilder der Formen des Seins wären.

IX. Zu dieser vielbehandelten Streitfrage kann eine Einleitung nur eine vorläufige Stellung nehmen. Gewiß werden wir recht tun, wenn wir am Anfang unserer Betrachtung nur das beachten, was hier schon klar sein kann, die Entscheidung des Ungewissen aber ihrem Fortgang überlassen. Bleiben wir deshalb bei der natürlichen Voraussetzung, welche das Denken als ein  Mittel  zur Erkenntnis ansieht. Nun hat jedes Werkzeug die doppelte Verpflichtung, fachgerecht und handgerecht zu sein. Sachgerecht, sofern es durch seinen eigenen Bau imstande sein muß, den Gegenständen, die es bearbeiten soll, überhaupt nahe zu kommen, sie zu erreichen, zu fassen und an ihnen einen Angriffspunkt für seine umgestaltende Einwirkung zu finden; und diese Forderung erfüllen wir für das Denken durch das Zugeständnis, daß seine Formen und Gesetze gewiß nicht bloße Sonderbarkeiten menschlicher Geisteseinrichtung, sondern daß sie, so wie sie sind, beständig und durchgehend auf das Wesen des Wirklichen berechnet sind. Handgerecht aber muß jedes Werkzeug dadurch sein, daß es durch andere Eigenschaften seines Baues ergreifbar, haltbar und bewegbar für die Kraft, die Stellung und den Standpunkt desjenigen ist, der sich seiner bedienen soll; und diese zweite notwendig zu erfüllende Forderung beschränkt für das Denken den Sinn des vorigen Zugeständnisses. Nur ein Geist, der im Mittelpunkt der Welt und alles Wirklichen stände, nicht außerhalb der einzelnen Dinge, sondern sie alle durchdringend und mitseiend, nur ein solcher möchte eine Anschauung der Wirklichkeit besitzen, die, weil sie nichts erst zu suchen brauchte, unmittelbar das völlige Abbild derselben in ihren eigenen Formen des Seins und der Tätigkeit wäre. Der menschliche Geist dagegen, um dessen Denken allein es sich für uns handelt, steht nicht in diesem Mittelpunkt der Dinge, sondern hat seinen bescheidenen Ort irgendwo in den letzten Verzweigungen der Wirklichkeit. Genötigt, seine Erkenntnis durch Erfahrungen, die sich unmittelbar nur auf einen kleinen Bruchteil des Ganzen beziehen, stückweise zusammenzubringen, was nicht in seinen Gesichtskreis fällt, hat er sehr wahrscheinlich eine Menge von Umwegen nötig, die der Wahrheit selbst, die er sucht, gleichgültig, aber ihm, der sie sucht, unvermeidlich sind. Wie sehr wir mithin die ursprüngliche Beziehung der Denkformen auf das Ziel der Erkenntnis, die Natur der Dinge, voraussetzen mögen: darauf müssen wir uns doch gefaßt machen, manche Bestandteile in ihnen anzutreffen, die das eigene Wesen des Wirklichen nicht sofort abbilden, zu dessen Erkenntnis sie führen sollen; ja es bleibt die Möglichkeit, daß ein sehr großer Teil unserer Denkbemühungen nur einem Gerüst gleicht, das keineswegs zu den bleibenden Formen des Baues gehört, den es aufführen half, das im Gegenteil wieder abgebrochen werden muß, um den freien Anblick seines Ergebnisses zu gewähren. Es reicht hin, diese vorläufige Erwartung erregt zu haben, mit der wir dem Gegenstand unserer Betrachtung entgegenkommen wollen; jede bestimmtere Entscheidung über die Grenzen, welche die formale Gültigkeit unseres Denkens von seiner realen Bedeutung trennt, kann nur vom Verlauf unserer Untersuchungen gefordert werden.

X. Ich vermeide absichtlich, den Beginn dieser letzteren durch Erörterungen zu verzögern, die mir mit Unrecht den Zugang zu Logik zu erschweren scheinen. Welche Gemütsverfassung dazu gehöre, um die Denkhandlungen mit Glück zu vollziehen, wie die Aufmerksamkeit zusammenzuhalten, die Zerstreuung zu verhüten, die Schläfrigkeit aufzuregen, die Übereilung zu zügeln sei: alle diese Fragen gehören so wenig zum Gebiet der Logik, als die Untersuchungen über die Entstehung unserer Sinneseindrücke und die Bedingungen unter denen Bewußtsein überhauptu und bewußte Tätigkeit möglich ist. Vorausgesetzt vielmehr, daß es alles das gebe, Wahrnehmungen, Vorstellungen und ihre Verflechtung nach den Gesetzen eines seelischen Mechanismus, beginnt die Logik selbst erst mit der Überzeugung, daß es dabei sein Bewenden haben soll, daß vielmehr zwischen den Vorstellungsverknüpungen, wie sie auch immer entstanden sein mögen, ein Unterschied der Wahrheit und Unwahrheit stattfinde, daß es endlich Formen gebe, denen diese Verknüpfungen enstprechen, Gesetze, denen sie gehorchen  sollen.  Allerdings kann es eine psychologische Untersuchung geben, welche auch den Ursprung dieses gesetzgebenden Bewußtseins in uns aufzuklären strebt; aber auch dieser Versuch würde die Richtigkeit seiner eigenen Ergebnisse nur nach dem Maßstab messen können, den eben dieses von ihm zu untersuchende Bewußtsein aufstellt. Zuerst muß daher das ermittelt werden,  was  der Inhalt dieser gesetzgebenden Überzeugung in uns ist; nur in zweiter Linie kann ihre eigene Entstehungsgeschichte und dann nur in Übereinstimmung mit den Forderungen, welche sie selbst ausspricht, unternommen werden.

XI. Zudem ich für erschöpft halte, was ich zur Einleitung meiner Darstellung zu bedürfen glaubte, füge ich eine vorläufige Übersicht ihres Ganges hinzu. Die Beispiele, welche wir bisher benutzten, führen von selbst in einen ersten Hauptteil ein, der unter dem Namen der reinen oder formalen Logik dem Denken überhaupt und jenen allgemeinen Grundformen und Grundsätzen desselben gewidmet ist, die ohne Rücksicht auf die Verschiedenheit der zu behandelnden Gegenstände überall sowohl in der Beurteilung des Wirklichen als in der Überlegung des Möglichen gelten. Die bloße Nennung von Begriff, Urteil und Schluß genügt, um zu bemerken, wie natürlich diese Formen sich als verschiedene Stufen einer und derselben Tätigkeit darstellen; diesen Faden des Zusammenhangs wird meine Behandlung der reinen Logik etwas schärfer als gewöhnlich anzuspannen suchen. Sie wird die verschiedenen Denkformen in eine aufsteigende Reihe ordnen, in welcher jedes spätere Glied einen Mangel zu tilgen sucht, den das zunächst frühere übrig ließ, weil es dem allgemeinen Bestreben des Denkens, Zusammenseiendes auf Zusammengehöriges zurückzuführen, in Bezug auf die Frage, die ihm, diesem früheren Glied vorlag, noch keine vollständige Befriedigung verschaffte. Diese Reihe von Gliedern wird von den einfachsten Formungen der einzelnen Eindrücke bis zum Gedanken der umfassenden Ordnung fortschreiten, welche wir, wenn es anginge, dem Ganzen der Welt, aufgrund dieses allgemeinen logischen Triebes, geben möchten.

XII. Die reine Logik selbst nun wird zeigen und erläutern, daß die Formen des Begriffs, des Urteils und des Schlusses zunächst als  ideale  Formen zu betrachten sind, die dann, wenn es gelingt, den gegebenen Stoff der Vorstellungen in sie einzuordnen, die wahre logische Fassung dieses Stoffes erzeugen. Aber die verschiedenen Eigentümlichkeiten der verschiedenen Gegenstände setzen dieser Einordnung Widerstände entgegen; nicht von selbst ist klar, welche Summe von Inhalt als abgeschlossener Begriff einem andern entgegengesetzt zu werden verdient; nicht von selbst, welches Prädikat allgemeingültig welchem Subjekt zukommt, noch wie das allgemeine Gesetz zu finden ist, das einer systematischen Anordnung eines Mannigfachen als Prinzip dienen soll. Die angewandte Logik beschäftigt sich mit den Methoden des  Untersuchens,  welche diese Mängel beseitigen. Als eine Betrachtung von Hindernissen und den Kunstgriffen zu ihrer Bewältigung muß diese Lehre, mit Aufopferung der Vorliebe für Systematik, nach Rücksichten der Nützlichkeit dasjenige auswählen, was die bisherige Erfahrung der Wissenschaft als erheblich und fruchtbar kennen gelehrt hat; die Grenzenlosigkeit des hier sich bietenden Beobachtungsstoffes macht es leider unmöglich, diesen glänzendsten, der Erfindungsgabe der Neuzeit angehörigen Teil der Logik mit an sich wünschenswerter Vollständigkeit herzustellen.

XIII. Dem  Erkennen  wird der dritte Teil sich widmen, der Frage also, die unsere Einleitung berührte, ohne sie zu beantworten: inwieweit kann ein Ganzes von Gedanken, das wir durch alle Mittel der reinen und der angewandten Logik aufzubauen imstande gewesen sind, darauf Anspruch machen, eine zutreffende Erkenntnis dessen zu sein, was wir als Gegenstand und veranlassende Ursache unserer Vorstellungen glauben voraussetzen zu müssen. Je geläufiger dem gewöhnlichen Bewußtsein dieser Gegensatz zwischen dem Gegenstande unserer Erkenntnis und unserer Erkenntnis dieses Gegenstandes ist, umso unbesorgter kan ich seine Erwähnung als eine vorläufige Bezeichnung der Betrachtungen gelten lassen, die diesem dritten Teil zufallen werden; ihm selbst mag es aufbehalten bleiben, die Schwierigkeiten aufzudecken, welche diese scheinbar klare Gegenüberstellung enthält und sich danach die Grenzen seiner Aufgaben genauer zu bestimmen.
LITERATUR - Hermann Lotze, Vom Denken, System der Philosophie, Erster Teil: Drei Bücher der Logik (vom Denken, Untersuchen und Erkennen), Leipzig 1874