cr-4L. BoltzmannE. Meyerson P. DuhemV. KraftGiambattista Vico    
 
BERNARD BOLZANO
Wissenschaftslehre I
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    "So wandle du - der Lohn ist nicht gering -
    nicht schwankend hin, wie jener Saemann ging,
    Daß bald ein Korn, des Zufalls leichtes Spiel,
    hier auf den Weg, dort zwischen Dornen fiel:
    Nein! streue klug wie reich, mit männlich steter Hand,
    den Segen aus auf ein geackert Land;
    dann laß es ruhn: die Ernte wird erscheinen,
    und dich beglücken, wie die Deinen." - Goethe

Vorwort der Verlagshandlung

Die unterzeichnete Verlagshandlung hat in reinem Eifer für die deutsche Literatur es sich von jeher zu einem besonderen Vergnügen gemacht, solche Werke durch den Druck ans Licht zu fördern, die, wenn auch von kostspieligem Umfang und ohne Aussicht zu schneller, pekuniärer Enschädigung, doch ausgezeichnet durch ihre Verfasser und ihren inneren Gehalt, die Förderung eines  gemeinnützigen Zweckes  für Wissenschaft und Leben, den Zeitgenossen wie der Nachwelt verbürgen. Ein solches ausgezeichnetes Werk erkannte sie auch in gegenwärtiger  Wissenschaftslehre  oder  Logik,  das verlässige Hände ihr zur Publikation übergeben und anvertraut haben. Indem sie zu vollständiger und gefälliger Herausgabe desselben weder Aufwand noch Sorgfalt gescheut hat, rechnet sie vertrauensvoll auf Teilnahme und Dank der Männer vom Fach, der gelehrten Anstalten, ja aller gebildeten Literaturfreunde. Zumal nimmt sie hierbei die Aufmerksamkeit aller deutschen Bibliotheken in Anspruch, so wie sie einer unbefangenen Würdigung des in seiner Art vielleicht einzigen Werkes durch die öffentlichen Blätter mit Ruhe entgegengesetzt. Den Herausgebern muß sie bezeugen, daß sie das Manuskrip ihr ganz unentgeltlich geliefert und sie dafür nur zu einer möglich niedrigsten Stellung des Verkaufspreises verpflichtet haben. Dieser Verpflichtung glaubt sie Genüge zu leisten und erklärt überdies, daß sie zum Besten derer, denen die Anschaffung des ganzen Werkes auf einmal zu schwer fallen würde, die Bände auch einzeln ablassen wolle.

J. E. v. SEIDELsche Buchhandlung



Vorwort der Herausgeber

Die Herausgeber haben nicht Anstand genommen, dem Buch, das sie hier endlich ans Licht treten lassen, sogleich den Namen des Verfassers vorzusetzen, da derselbe ohnehin nicht lange unbekannt bleiben darf und soll. (1) Dann aber werden auch alle, die seine Sinnesart und Verhältnisse näher kennen, sich zu erklären wissen, warum es nötig geschienen, dieses Werk wider sein eigenes Wissen und Wollen ins Publikum zu bringen. Auf einem Weg, den wir uns hüten wollen, dem Verfasser bekannt zu geben, - obgleich wir nicht die geringste Ursache haben, uns der dabei angewendeten Mittel zu schämen, - gelang es uns, sein Werk zu erhalten, nachdem er so eben eine neue Revision desselben beendigt hatte. Zwar gestehen wir, vernommen zu haben, daß nach des Verfassers Absicht auch diese Revision noch nicht die letzte sein sollte: doch erlauben wir uns, den sich selbst nie genügenden Verfasser auf seine eigenen, § 710 seines Buches aufgestellten Grundsätze zu verweisen, nach denen wir ihm sonnenklar dartun können, daß er Unrecht hätte, wenn er sich der Drucklegung seines Manuskriptes noch länger widersetzen wollte. Pekuniäre Rücksichten hatten wir vollends keine zu nehmen, da es bekannt ist, daß der Verfasser für keine seiner Schriften je ein Mal ein sogenanntes Honorar verlangt habe. Dies zur Entschuldigung unseres Schrittes beim Verfasser; beim Publikum wird, wie wir zuversichtlich hoffen, das Buch selbst für uns sprechen. Es müßte alle Liebe zu einem gründlichen Denken, ja aller gute Geschmack aus der gelehrten Welt verschwunden sein oder wir haben für die Herausgabe dieses wichtigen Werkes Dank zu erwarten. Doch über das Buch oder vielmehr nur über den Eindruck, den die Lektüre desselben auf ihn gemacht, hat schon ein achtungswürdiger Gelehrter, welchem das Manuskript vor einigen Jahren war mitgeteilt worden sein Urteil abgegeben, indem er nachstehende Vorrede dazu abgefaßt hat.



Vorrede

Es kann kein Schriftsteller, welcher sich mit schüchternem Mut zum ersten Mal vor die Augen des Publikums wagt, so ängstlich um das  qu'en dira-t-on  [Gerede - wp] bei seinem Werk besorgt sein, als Schreiber dieses bei seiner Vorrede. Er ist weder Professor der Logik, noch der Philosophie überhaupt; ja die Logik, nicht wie sie Jedermanns praktischer Hausbedarf ist, sondern als strenge Wissenschaft, ja als Wissenschaftslehre, liegt außer seinem Bereich. Gleichwohl hat man das Vertrauen zu ihm gefaßt, daß er fähig sei, das vorliegende, in jedem Sinne neue und an Geist wie an Gehalt gleich reiche Werk in die literarische Welt einzuführen. Wenn er sich frägt, wodurch ihm wohl dieses Vertrauen geworden sei, so kann er nur in der Unbefangenheit und Wahrheitsliebe, deren er sich bewußt ist, die Veranlassung zu dem ihm gewordenen ehrenvollen Auftrag finden. Man hat geglaubt, er werde nicht mit dem Auge eines durch sein eigenes System bestochenen Richters auf das Werk blicken, welches er bevorworten soll, und er werde ein offenes Ohr für die Wahrheit haben, die es vorträgt, und die eben nichts weiter voraussetzt, als die Fähigkeit des reinen Vernehmens und Auffassens. In beiderlei Hinsicht hat man sich nicht geirrt. Und so betrachtet er sich denn als einen aufgerufenen Zeugen, welcher gewissenhaft aussagen kann und soll, wie und was dieses Werk bei einem vorurteilsfreien und aufmerksamen Leser wirken könne, ja müsse. Einem solchen Zeugnis auszuweichen, findet er keinen Beruf und nicht einmal eine Entschuldigung; sondern hält es sogar für seine Pflicht, dasselbe abzulegen, umso mehr, da der Gegenstand, um den es sich handelt, von der größten Wichtigkeit für die geistige Bildung und Wirksamkeit ist. Denn nächst der Richtung der Gesinnung und des Willens ist, wie für das Leben überhaupt, so für die wissenschaftliche Tätigkeit insbesondere, nichts nötiger und ersprießlicher, als eine durch zweckmäßige und gründliche Überzeugung erlangte Stärke und Festigkeit des Verstandesgebrauches. Der Verstand ist eine Waffe, ohne deren geschickte Führung die gerechteste Sache ihr Recht nicht durchzusetzen vermag; er ist das Medium des Sehens in die geistige Welt, wie das Licht in der physischen; ja er ist das Band, welches die Geister, so wie der Glaube das Band ist, welches die Gemüter zusammenhält. Je heller und schärfer der Verstand, je geübter, um schnell und klar in alle Verhältnisse und Beziehungen des tätigen Lebens einzugehen und sie zu durchdringen, desto sicherer wird die Selbständigkeit des Menschen und desto eingreifender seine Wirksamkeit. Diese Bemerkung ist trivial, aber man kann sich ihrer so wenig enthalten, als derjenigen, daß ohne den Verstand und seinen richtigen Gebrauch die Künste, die Wissenschaften, alle Geschäfte des Lebens, ja die bürgerlichen Einrichtungen mitsamt dem Staat selbst zugrunde gehen würden, so wie alles dies sich ohne Hilfe des Verstandes nicht entwickelt und ausgebildet hätte. Nicht der Verstand ist Schuld an den Übeln, welche die Welt drücken, sondern nächst dem Grundübel selbst, welches aus Selbstsucht hervorwächst, trägt diese Schuld der Nichtgebrauch oder der falsche Gebrauch des Verstandes. Den Verstand ersticken, heißt das geistige Leben töten und den Verstand beleben und kräftigen, heißt der Quelle alles geistigen Lebens den Weg bahnen. Und so legt denn der Schreiber dieses, in Bezug auf vorliegendes Werk, das reine Zeugnis ab, daß es mehr als irgendein ihm bekanntes Werk über die Logik, durch unmittelbare Übung am Denken und im Denken selbst, den Verstand entwickelt und ihn seine Kraft in ihrem ganzen Umfang kennen und brauchen lehrt. Wie durch die geregelten und stufenweise zusammengefügten Aufgaben und Übungen der Fechtkunst das Auge immer umsichter und sicherer, der Arm immer kräftiger wird, so wird in diesem Werk das Denkvemögen auf dem natürlichsten, einfachsten und geradesten Weg Schritt für Schritt angeregt und angewiesen, das Gebiet der Vorstellungen, Begriffe, Urteile und Schlüsse, nach Form und Inhalt und in allen ihren Beziehungen und Verhältnissen zu durchmessen und hierdurch, sozusagen, vom ganzen Gebiet des Denkens Besitz zu nehmen. Der Verfasser, selbst ein Meister im Denken, steht für die Schüler zugleich als Muster und als Gegenstand der Bewunderung da, indem er sich mit der größten Leichtigkeit und Gewandtheit seine Bahn durch die verwickeltsten Aufgaben bricht und durch die stetige Klarheit, Ordnung und Bestimmtheit seines Gedankengangs, den ihm Schritt für Schritt Folgenden auf eine leichte und heitere Weise nötigt, die gleiche Klarheit, Ordnung und Bestimmtheit in sich zu erzeugen, und sich somit des Mittels zu aller Einsicht und aller Wissenschaft zu bemächtigen. Denn die Idee des gründlichen und vollständigen Wissens oder der Wissenschaft ist es, um welche sich das ganze Werk wie um seine Angel bewegt, weshalb ihm auch sein Verfasser mit Recht den Namen der  Wissenschaftslehre  gegeben hat; freilich nicht in dem überschwenglichen Sinne, in welchem FICHTE seiner subjektiven Idealphilosophie diesen Namen beilegte; dafür aber auch mit der schönen Aussicht auf ein  erreichbares Ziel,  zu welchem hin sich der Verfasser mit stiller Kraft bewegt, deren Streben nicht, wie das FICHTEsche, zuletzt in einen Widerspruch hinausläuft, sondern in harmonischem Abschluß des Ganzen endet. Übrigens ist eine Verwandtschaft dieser beiden Geister nicht zu verkennen. Zwar wird FICHTEs Genialität immer sein besonderes Eigentum bleiben; allein das redliche Ringen nach Wahrheit, das freie und klare Schweben über dem Gegenstand der Betrachtung und ganz vorzüglich die Gabe oder die Macht, den aufmerksamen Leser wie mit magnetischer Gewalt in den Gedankenkreis zu ziehen und darin festzuhalten, die der Zaubergriffel des Meisters um die zu lösende Aufgabe beschreibt, all das teilt unverkennbar der Verfasser der vorliegenden Wissenschaftslehre mit dem Erfinder dieses Lehrwortes. Ja, der Schreiber desselben erdreistet sich zu behaupten, daß, wenn Letzterer in einseitiger Richtung nach der Tiefe versinkt, ein besonderes Talent des Ersteren darin besteht, bei allem Streben nach Einheit, die Mannigfaltigkeit seiner Gegenstände nicht aus dem Auge zu verlieren, und auch dem Geringsten an Ort und Stelle die gebührende Aufmerksamkeit zu schenken. Der Schreiber könnte den Beweis hierfür leicht führen, wenn er den Gesamtinhalt eder vorliegenden Logik dem Leser in einer organischen Gliederung darlegen wollte; allein teils ist es nicht sein Beruf, sich in die Arbeit des Verfassers zu mischen, teils hat dieser selbst für das Ganze und Einzelne seines Werkes eine solche Übersicht auf das Sorgfältigste und Ausführlichste den Lesern vor Augen stellt.

Und so wäre dann hiermit das versprochene Zeugnis nach bestem Wissen und Gewissen abgelegt und der Aussteller dieses Zeugnisses könnte zufrieden die Feder niederlegen, wenn es ihm nicht eben noch Gewissenssache wäre, zweier Eigenschaften des Verfassers zu gedenken, die jetzt unter die Seltenheiten gehören und die nicht wenig dazu beitragen, die vorliegende Logik zu empfehlen, wenn es nach dem bereits Ausgesprochenen noch einer Empfehlung bedürfte. Diese Eigenschaften sind  Bescheidenheit  und  Billigkeit.  Beide Tugenden durchdringen und würzen sozusagen das ganze Werk. Nämlich was die  erste  betrifft, so maßt sich der Verfasser, so groß auch seine subjektive und objektive Klarheit ist, doch nicht an, gleich seinem Vorgänger in der Wissenschaftslehre, den Leser zum Verstehen zu zwingen; sondern selbst das Gewisseste und Unwiderlegbarste, was er ausspricht, trägt er immer nur als seine unvorgreifliche Meinung vor und überläßt es dem Leser selbst, frei zu prüfen und sich durch diese Prüfung zu überzeugen, daß der Verfasser die Wahrheit gesprochen hat. Diese Achtung vor der individuellen Freiheit der Leser gereicht dem ganzen Werk zum Schmuck, indem es demselben jenes Geräge von Ruhe und Mäßigung aufdrückt, welche der hohe Charakter des klassischen Altertums ist und dergestalt wohltätig auf den Leser zurückwirkt, daß auch er bei seinem Auffassen und Urteilen die gleiche Stimmung in sich zu bewahren veranlaßt und geneigt wird; was für beide Teile von großem Vorteil ist. Denn die Unterhaltung mit einem Schriftsteller ist eine Art von Gespräch, in welchem der Autor zwar immer das erste Wort hat, doch stets der Einrede des Lesers gewärtig sein muß. Je leidenschaftlicher und eigenwilliger nun der Erste bei der Darstellung seiner Ansicht zu Werke geht, desto leichter und gewisser erregt er den Widerspruch des Andern; dagegen je ruhiger und besonnener er seinen Gegenstand vorträgt, desto geneigter fühlt sich der Leser, ihn anzuhören und ausreden zu lassen. Wenn dies schon bei einem Gespräch höchst wünschenswert ist, wieviel mehr bei einer Schrift, in welcher sich der Verfasser gegen Einwürfe weder verantworten, noch rechtfertigen kann. Soviel über die erste der genannten Tugenden. Was nun die  zweite,  die Billigkeit, anlangt, so äußert sie der Verfasser auf wahrhaft liebenswürdige Weise in Bezug auf die Begriffe, Grundsätze und Ansichten anderer Logiker von ARISTOTELES bis auf HEGEL. Denn dieses ist ein nicht geringer Vorzug des vorliegenden Werkes, daß sein Verfasser eine Kenntnis und Belesenheit auf dem Gebiet der Logik, wie dasselbe durch alle Zeiten angebaut worden war, entfaltet, welche schwerlich einen bedeutenden Schriftsteller in diesem Fach von der ältesten bis auf die neueste Zeit übergeht, wo sich eine Divergenz der Meinung hervortut und wo es gilt, fremde Ansicht an der eigenen und eigene an fremden zu prüfen. Der Leser kann hier nur gewinnen, indem ihm reiche Veranlassung zur Vergleichung nach allen Richtungen und in allen Teilen der Wissenschaft dargeboten wird. Denn es gibt kein Kapitel, bei welchem nicht der Verfasser in einer besonderen Rubrik einen Blick auf die seiner Vorstellungsweise mehr oder weniger entgegenstehene Darstellungsweise seiner Vorgänge geworfen hätte. Und hier weiß man nicht, ob man mehr die Gabe der unbefangenen, treuen Auffassung und Darstellung fremden Geistes oder die scharfsinnige und gründliche Würdigung desselben beifällig anerkennen soll. Gewiß ist es, daß sich in beiden Beziehungen die Billigkeit, oder, wenn man will, die rechtliche Geradheit des Verfassers im gleichen Grad beurkundet. Was man sonst hier und da bei Schriftstellern findet, daß sie die Ansichten ihrer Gegner entstellen oder in ein falsches Licht bringen, um die ihrige desto mehr hervorzuheben und geltend zu machen, davon finden wir in diesem Werk keine Spur, sondern das  suum cuique  [Jedem das Seine. - wp] ist dem Verfasser heilig und nur tiefer Grund und klarer Beweis sind die Gewichte, die auf seiner Waage gelten.

Doch nun genug, damit nicht der Zeuge als Lobredner erscheine. Diesen Verdacht völlig niederzuschlagen, wäre freilich nichts geeigneter, als eine Aufstellung solcher Punkte, in welchen der Schreiber die gleiche Ansicht nicht teilt, oder die wenigstens einer besonderen Rechtfertigung bedürfen möchten; wie z. B. daß die Haupttendenz einer Wisenschaftslehre die Aufstellung der Bedingungen zu einem wahrhaft wissenschaftlichen Lehrbuch sei. Jedoch es obwaltet hier keine Pflicht, weder den Verfasser zu kritisieren, noch ihn zu vertreten. Das Letztere muß er selbst tun, das Erstere bleibt billig den Kritikern oder noch besser einem jeden Leser überlassen. J. CH. A. HEINROTH



§ 1.
Was der Verfasser unter der Wissenschaftslehre verstehe.

1. Wenn ich mir vorstelle, es wären alle Wahrheiten, welche nur irgendein Mensch kennt oder einst gekannt hat, in ein Ganzes vereinigt, z. B. in irgendeinem einzigen Buch zusammengeschrieben: so würde ich einen solchen Inbegriff derselben  die Summe des ganzen menschlichen Wissens  nennen. So klein diese Summe auch wäre, verglichen mit dem ganz unermeßlichen Gebiet aller Wahrheiten, die es ansich gibt, die ihrem größten Teil nach uns völlig unbekannt sind; so wäre sie doch im Verhältnis zur Fassungskraft jedes einzelnen Menschen eine sehr große, ja für ihn  zu große  Summe. Denn sicher ist selbst der fähigste Kopf unter den günstigsten Umständen und mit dem angestrengtesten Fleiß außerstand, sich - ich will nicht sagen alles, sondern auch nur das wahrhaft Wissenswürdige, das jener Inbegriff enthält, das die vereinigte Bemühung aller Menschen bis auf den heutigen Tag entdeckt hat, anzueignen. Wir müssen uns deshalb zu einer  Teilung  verstehen; wir müssen, da wir ein Jeder bei Weitem nicht Alles, was uns in irgendeinem Betrachte wissenswert scheinen mag, erlernen können, der Eine sich nur auf das Eine, der Andere auf ein Anderes, ein Jeder auf dasjenige verlegen, was nach der Eigentümlichkeit unserer Verhältnisse für uns das Nötigste oder das Nützlichste unter dem Nützlichen ist. Sowohl um diese Auswahl des für uns Wissenswürdigsten und die Erlernung desselben uns zu erleichtern, als auch für manche andere Zwecke dürfte es zuträglich sein, das gesamte Gebiet des menschlichen Wissens oder vielmehr jenes der Wahrheit überhaupt in mehrere einzelne Teile zu zerlegen und die einer jeden einzelnen Gattung zugehörigen Wahrheiten, so viele es durch ihre Merkwürdigkeit verdienen, in eigenen Büchern so zusammenzustellen und nötigenfalls auch noch mit soviel anderen, zu ihrem Verständnis oder Beweis dienlichen Sätzen in Verbindung zu bringen, daß sie die größte Faßlichkeit und Überzeugungskraft erhalten. Es sei mir also erlaubt, jeden Inbegriff von Wahrheiten einer gewissen Art, der so beschaffen ist, daß es der uns bekannte und merkwürdige Teil derselben verdient, auf die soeben erwähnte Weise in einem eigenen Buch vorgetragen zu werden, eine  Wissenschaft  zu nennen. Jenes Buch selbst aber oder vielmehr ein jedes Buch, welches nur so beschaffen ist, als wäre es von Jemand in der bestimmten Absicht geschrieben, um alle bekannte und für den Leser merkwürdige Wahrheiten einer Wissenschaft darzustellen, wie sie auf das Leichteste verstanden und mit Überzeugung angenommen werden könnten, so mir ein  Lehrbuch  dieser Wissenschaft heißen. So werde ich also z. B. den Inbegriff aller Wahrheiten, welche Beschaffenheiten des Raumes aussagen, die Wissenschaft vom Raum oder die Raumwissenschaft (Geometrie) nennen; weil diese Sätze eine eigene Gattung von Wahrheiten bilden, die es unwidersprechlich verdient, daß wir den uns bekannten und für uns merkwürdigen Teil derselben in eigenen Büchern vortragen und mit Beweise versehen, die ihnen die möglichste Verständlichkeit und Überzeugungskraft gewähren. Dergleichen Bücher selbst werde ich Lehrbücher der Raumwissenschaft nennen.

2. Ich gestehe selbst, daß die Bedeutungen, die ich den beiden Worten  Wissenschaft  und  Lehrbuch  hier gebe, nicht eben die allgemein üblichen sind; allein ich darf auch beisetzen, daß es gar keine allgemein angenommene Bedeutung für diese beiden Worte gebe und daß ich nicht ermangeln werden, diese Begriffsbestimmungen tiefer unten eigens zu rechtfertigen. Vorderhand sei es genug, nur noch zwei andere Bedeutungen des Wortes  Wissenschaft  aus dem Grunde hier in Erwähnung zu bringen, weil ich mich ihrer wohl selbst an Orten, wo kein Mißverstand zu besorgen ist, bediene. Gar Viele nämlich verstehen unter dem Wort:  Wissenschaft  nicht eine bloße Summe von Wahrheiten einer gewissen Art, gleichviel in welcher Ordnung sie stehen, sondern sie denken sich unter der Wissenschaft ein Ganzes von Sätzen, in welchem die merkwürdigsten Wahrheiten einer gewissen Art schon so geordnet und mit gewissen anderen dergestalt verbunden vorkommen, wie es bei einer schriftlichen Darstellung derselben in einem Buch geschehen muß, damit der Zweck der leichtesten Auffassung und der festesten Überzeugung erreicht werde. In dieser Bedeutung kommt das Wort vor, wenn wir z. B. von einem echt  wissenschaftlichen Vortrag  sprechen; denn da wollen wir durch den Beisatz:  wissenschaftlich  ohne Zweifel nur andeuten, daß dieser Vortrag eine solche Ordnung der Sätze befolge, solche Beweise liefere, kurz solche Einrichtungen habe, wie wir sie etwa von einem recht zweckmäßigen  Lehrbuch  verlangen. Überdies nehmen wir das Wort  Wissenschaft  zuweilen auch gleichgeltend mit dem Wort  Kenntnis  und also in einer Bedeutung, die im Gegensatz mit den beiden bisherigen, welche man  objektiv  nennt, eine  subjektive  genannt werden könnte. Dieses geschieht, wenn wir z. B. sagen: ich habe Wissenschaft von dieser Sache; denn da heißt Wissenschaft offenbar nur so viel als Kenntnis.

3. Begreiflich ist es nichts Gleichgültiges, auf welche Weise wir beim Geschäft der Zerlegung des gesamten menschlichen Wissens oder vielmehr des gesamten Gebietes der Wahrheit überhaupt, in solche einzelne Teile, denen ich Nr. 1 den Namen der Wissenschaften gab und bei der Darstellung dieser einzelnen Wissenschaften in eigenen Lehrbüchern zu Werke gehen. Denn auch ohne den Wert, welchen das bloße  Wissen  hat, nur im Geringsten zu überschätzen, muß doch Jeder einsehen, daß es zahllose Übel gebe, welche nur Unwissenheit und Irrtum über unser Geschlecht verbreiten; und daß wir ohne Vergleich besser und glücklicher auf dieser Erde wären, wenn wir ein Jeder uns gerade diejenigen Kenntnisse beilegen könnten, die uns in unseren Verhältnissen die ersprießlichsten sind. Wäre nun erst das gesamte Gebiet der Wahrheit auf eine zweckmäßige Weise in einzelne Wissenschaften zerlegt und wären von jeder derselben gelungene Lehrbücher vorhanden und in hinreichender Anzahl überall anzutreffen: so wäre zwar dadurch der Zweck, von dem ich rede, noch eben nicht erreicht, aber wir wären doch seiner Erreichung, besonders wenn sich auch noch einige andere Einrichtungen hinzugesellten, bedeutend näher gerückt. Denn nun würde
    a) Jeder, der nur die gehörigen Vorkenntnisse hat, sich über jeden Gegenstand, worüber ihm Belehrung notwendig ist, am Sichersten und Vollständigsten unterrichten und Alles, was man bisher darüber weiß, erlernen können. Und

    b) wenn Alles, was er in jenen Lehrbüchern fände, so faßlich und überzeugend als möglich dargestellt wäre: so stände zu erwarten, daß selbst in denjenigen Teilen des menschlichen Wissens, wo sich die Leidenschaft gegen die Anerkennung der besseren Wahrheit sträubt, namentlich in den Gebieten der Religion und Moral, Zweifel und Irrtümer eine viel seltenere Erscheinung würden. Zumal da

    c) durch eine allgemeinere Verbreitung des Studiums gewisser Wissenschaften nach Lehrbüchern, die einen höheren Grad der Vollkommenheit hätten, auch eine viel größere Fertigkeit im richtigen Denken hervorgebracht würde. Da endlich

    d) die Entdeckungen, die wir bisher gemacht haben, wenn sie erst allgemeiner bekannt unter uns würden, uns sicher noch zu vielen anderen Entdeckungen führen würden; so begreift man, daß der Segen solcher Anstalten, statt im Verlauf der Zeiten sich zu vermindern, je länger je ausgebreiteter werden müßte.
4. Durch einiges Nachdenken muß es wohl möglich sein, die Regeln, nach denen wir bei diesem Geschäft der Zerlegung des gesamten Gebietes der Wahrheit in einzelne Wissenschaften und bei der Abfassung, der für eine jede gehörigen Lehrbücher vorgehen müssen, kennen zu lernen. Auch ist nicht zu bezweifeln, daß es der Inbegriff dieser Regeln verdiene, selbst schon als eine eigene Wissenschaft angesehen zu werden; weil es gewiß seinen Nutzen haben wird, wenn wir die merkwürdigsten dieser Regeln in einem eigenen Buch zusammenstellen und hier so ordnen und mit solchen Beweisen versehen, daß sie ein Jeder verstehen und mit Überzeugung annehmen könne. Ich erlaube mir also, dieser Wissenschaft, weil sie diejenige ist, welche uns andere Wissenschaften (eigentlich nur ihre Lehrbücher) darstellen lehren, im Deutschen den Namen  Wissenschaftslehre  zu geben; und so verstehe ich dann unter der Wissenschaftslehre den Inbegriff aller derjenigen Regeln, nach denen wir beim Geschäft der Abteilung des gesamten Gebietes der Wahrheit in einzelne Wissenschaften und bei der Darstellung derselben in eigenen Lehrbüchern vorgehen müssen, wenn wir recht zweckmäßig vorgehen wollen. Da es sich aber im Grunde schon von selbst versteht, daß eine Wissenschaft, welche uns lehren will, wie wir die Wissenschaften in Lehrbüchern darstellen sollen, uns auch belehren müsse, wie wir das ganze Gebiet der Wahrheit in einzelne Wissenschaften zerlegen können, indem es nur dann erst möglich wird, eine Wissenschaft in einem Lehrbuch gehörig darzustellen, wenn man die Grenzen des Gebietes dieser Wissenschaft richtig bestimmt hat: so könnten wir unsere Erklärung der Wissenschaftslehre kürzer auch so fassen, daß sie diejenige Wissenschaft sei, welche uns anweise, wie wir die Wissenschaften in zweckmäßigen Lehrbüchern darstellen sollen.
LITERATUR - Bernard Bolzano, Wissenschaftslehre I, Versuch einer ausführlichen und größtenteils neuen Darstellung der Logik mit steter Rücksicht auf deren bisherige Vorarbeiter, Sulzbach 1857
    Fußnote
    1) Lebensbeschreibung des Dr. B. BOLZANO mit einigen seiner ungedruckten Aufsätze und dem Bildnis desVerfassers, eingeleitet und erläutert vom Herausgeber. Sulzbach, J. E. von SEIDELsche Buchhandlung, 1836, Seite 78f