tb-2H. CorneliusJ. VolkeltL. NelsonFrischeisen-KöhlerE. Lask    
 
FRIEDRICH PAULSEN
Über die prinzipiellen Unterschiede
erkenntnistheoretischer Ansichten


"Man hat das Kantische System als Idealismus bezeichnet, denn es leugne die Erkenntnis der Dinge ansich; als Rationalismus, denn es behaupte die Möglichkeit der Erkenntnis  a priori;  als Empirismus, denn es schränke unsere Erkenntnis ein auf sinnliche Objekte: alles offenbare und unleugbare Wahrheit. Einige glaubten sich zu helfen, wenn sie sagten: er habe alle diese Gegensätze von einem höheren Standpunkt definitiv versöhnt. Was zunächst die letztere Auskunft anlangt, so möchte Kant sehr geneigt gewesen sein, sich in einer solchen Formel in die Entwicklungsgeschichte eingereiht zu sehen. Dennoch kann ich nicht umhin sie für die allerschlechteste zu halten: sie anwenden heißt behaupten, daß die Gegensätze, um welche sich die ganze bisherige Entwicklung drehte, unechte gewesen seien, daß Descartes, Spinoza, Locke und Hume um leere Worte gestritten haben. In der Tat entstammt auch diese Auskunft bloß der Taschenspielerkunst der Dialektik:  A  (z. B. Leibniz) behauptet dies, offenbar wahr und wohlbegründet;  B  (z. B. Hume) behauptet jenes, offenbar wahr und wohlbegründet. Dies und jenes sind kontradiktorische Gegensätze. Was tun? Die Weltgeschichte scheint zu Ende, dem Intellekt bleibt nur übrig, sich in den Abgrund des Widerspruchs zu stürzen. Da, in dieser höchsten Spannung tritt der Philosoph hinzu. Er schlägt die Volte und präsentiert -  voilá  - eine höhere Ansicht, darin der Widerspruch aufgehoben. Bis man ihn wieder braucht; dann fängt die Vorstellung von vorne an. - Über diese Art von Geschichtsschreibung ist weiter nichts zu sagen."


Das Erkennen scheint der wissenschaftlichen Untersuchung zwei wesentliche Probleme aufzugeben: was es sei und wie es erworben werde. Die erste Frage spitzt sich, da Erkennen in seiner allgemeinsten Bedeutung ein letztes, nicht weiter auflösbare Element der Wirklichkeit ist, auf die Frage nach seinem Verhältnis zu anderem Wirklichen zu. Einem Blick auf die Geschichte der Erkenntnistheorie zeigt sich leicht, daß in der Tat diese beiden Probleme, die man als das des Wesens und das des Ursprungs oder der Methode unterscheiden könnte, den wesentlichen Inhalt ihrer langen Erörterungen ausmachen. In wie verschiedener Form und Entscheidung, überall findet man über die Frage gehandelt: wie sich das Denken zu den Dingen verhalte und auf welche Weise erwiesenes Wissen zustande gebracht werden könne.

Hieraus folgt, daß jedes ausgeführte erkenntnistheoretische System durch seine Entscheidung dieser beiden Fragen wesentlich bestimmt ist. Eine Charakteristik der verschiedenen Systeme wird daher eine Klassifizierung in doppelter Richtung erfordern, jedes System, nach seinem Verhalten zu jedem dieser beiden Punkte, zweimal gruppierend. Nach der überall zu beobachtenden und  a priori  zu konstruierenden Tatsache, daß jedes wissenschaftliche Problem zunächst  zwei  gegensätzliche Lösungsversuch hervorbringt, die es, mannigfach sich umbildend, bis zu seiner definitiven Erledigung begleiten, die Untersuchung durch Diskussion belebend, ihre Umsicht und Allseitigkeit durch doppelte Einseitigkeit bedingend: nach dieser Regel werden wir erwarten, daß sich auch in jedem unserer beiden Klassifikationsörter zwei herrschende Gegensätze finden, daß also der Versuch einer Gruppierung aller erkenntnistheoretischen Systeme auf ein viergliedriges Grundschema führt. Ich versuche, ein solches aus den möglichen Antworten auf jene beiden Fragen zu konstruieren.

Auf die Frage: was ist Erkennen, oder wie verhält es sich zur übrigen Welt des Wirklichen? gibt es zwei Antworten. Die erst sagt: es ist eine Abbildung, eine ideelle Wiederholung der wirklichen Welt; die Vorstellungen, wenigstens einige, nämlich die wahren, sehen gerade so aus wie die Dinge, nur ohne ihre Bedingtheit. Die zweite sagt: Erkennen ist nicht Abbildung von Dingen, sondern ein Anderes, von den Dingen durchaus Verschiedenes, mit ihnen nicht Vergleichbares. Die erste Ansicht nennen wir  Realismus,  die andere  Idealismus,  oder lieber, da dieser Name durch langen Mißbrauch um jede bestimmte Andeutung gekommen ist,  Phänomenalismus.  - Es scheint dies zunächst eine schlechte Dichotomie von der Form  A - non A  zu sein; das zweite Glied ist die Negation des ersten, also unbegrenzt; es bestimmt das Erkennen nicht nach dem, was es ist, sondern nach dem, was es nicht ist. Die Einteilung scheint daher nicht auf einem natürlichen, in den Dingen liegenden Moment, sondern etwa auf dem Dasein einer falschen Meinung zu beruhen. In der Tat mag dem zuletzt so sein, so daß also der ganze Gegensatz verschwindet, sobald das erste positive Glied aufhört, Vertretung in der wissenschaftlichen Erörterung zu finden. Doch ist der Schein, daß Erkennen eine Abbildung von Dingen sei, so natürlich und unvermeidlich, daß diese Meinung wenigstens nie aufhören wird, Bestandteil der vulgären Erkenntnistheorie zu sein, wenn wir anders die Ansichten der gemeinen Menschenverstandes so nennen wollen. Und schon deshalb mag, da der gesunde Menschenverstand in den sogenannten philosophischen Wissenschaften vermutlich stets einen ziemlich breiten Raum einnehmen wird, dieser Gegensatz sein Dasein vorläufig noch auf lange für gesichert ansehen. Vielleicht auch entwickelt sich aus dieser ursprünglichen und schlechten Fassung des Gegensatzes eine tiefere natürliche, die ich nur andeute: ob es ein Recht gibt, Denken und Vorstellen im weitesten Sinne zum Modell des ganzen Universums zu machen, so daß alles Wirkliche zuletzt in Denken aufgelöst werden könne.

Auf die Frage nach dem Ursprung allen Erkennens gibt es ebenfalls zwei Antworten, die in ursprünglicher Fassung einander gegenübergestellt lauten: aus den Sinnen - aus Vernunft (Verstand).  Sensualismus  und  Rationalismus  wären die Namen der Glieder des Gegensatzes. Auf die vertiefte, eigentlicher gefaßte Frage: wie wir Erkennen erworben, oder wie werden allgemeine Urteile (zunächst über Tatsachen) bewiesen? erhalten wir vertiefte Antworten: durch Kombination sinnlicher Wahrnehmungen nach den Regeln der induktiven und deduktiven Logik - durch eine syllogistische Ableitung aus ursprünglich gewissen, nicht beweisbaren, nicht aus Erfahrung gewonnenen Sätzen. Der Unterschied erscheint im Resultat des Beweisens darin, daß die erstere Ansicht nicht glaubt, von Urteilen über Tatsachen andere als präsumtive [mutmaßliche - wp] Allgemeinheit beweisen zu können; während der Rationalismus zu streng notwendigen und allgemeinen Wahrheiten glaubt gelangen zu können. - Übrigens wählen wir für das erste Glied unserer Einteilung statt des schlechten, aus der vulgären Fassung stammenden Namens Sensualismus, der noch dazu bei der mißbräuchlichen Kategorienbildung in der üblichen Geschichtsschreibung der Philosophie durch Einmischung ethisch-metaphysischer Bedeutung und Implizierung einer geringschätzenden Beurteilung verunreinigt ist, den Namen  Empirismus,  welcher freilich im deutschen Sprachgebrauch auch so oft mit den Beiwörtern flach, nüchtern, ideenlos zusammen erschien, daß sie nun so gut wie zur Wortbedeutung gehören. Nun, es läßt sich nicht vermeiden, dieselben Worte zu brauchen, wenn man auch nicht dieselben Gedanken denkt; und das mag auch sein Gutes haben, vielleicht würde es sonst noch gewöhnlicher sich überhaupt ohne Gedanken mit den bloßen Worten zu behelfen.

Das wäre unser Schema. Es ist nicht meine Absicht, in diesem Aufsatz in die innere Struktur der beiden Paare von Gegensätzen einzugehen oder gar für den einen gegen den andern zu plädieren, noch auch durch eine Perlustrierung [Leibesvisitation - wp] der Geschichte der Erkenntnistheorie ihre Fähigkeit, die einzelnen Erscheinungen als Gattungsbegriff zu umfassen und zu charakterisieren, nachzuweisen. Dagegen möchte ich einen Blick auf das Verhältnis dieses Schemas zu vorhandenen Einteilungen werfen.

Die Namen der einzelnen Kategorien sind alle den bisherigen Klassifikationsversuchen entnommen. Aber sie sind, soviel ich weiß, bisher nicht in eine systematische Einteilung zusammengebogen, noch auch nur überhaupt in einem einigermaßen begrifflich begrenzten Sinn gebraucht worden. Ja, sie sind eigentlich gar nicht entschieden als Namen für allgemeine, definierte Gattungsbegriffe, sondern vorzugsweise als charakterisierende Namen für individuelle Systeme oder Richtungen verwendet worden. Idealismus und Realismus, Rationalismus und Empirismus sind wesentlich als Namen für die beiden großen Gruppen der modernen Philosophie in Gebraucht: Rationalismus oder Idealismus heißt die Philosophie, welche von DESCARTES, Empirismus oder Realismus die Philosophie, welche von LOCKE (einige wollen schon von BACON) inauguriert worden ist. Die älteren Geschichten der Philosophie, TENNEMANN, RITTER, brauchen meist die ersteren Namen; die späteren Geschichtsschreiber aus der HEGELschen Schule, ERDMANN, FISCHER, ziehen die noch ungleich weniger bestimmten Namen Idealismus und Realismus vor. Der Inhalt des Namens ist hier in der Tat lediglich durch seinen Umfang gegeben; es sind nicht mehr  appelativa  [Gattungen - wp] sondern  propria  [Eigennamen - wp]. Natürlich ist gegen eine solche Gruppenbildung selbst nicht das mindeste einzuwenden; die Geschichte wird stets zeitlich und örtlich und kausal Zusammengehöriges zusammenordnen, nur täte sie besser daran, diese Gruppen, wie es ihre Natur fordert, mit wirklichen Eigennamen zu benennen. Die Verwendung ursprünglicher  appellativa  mit ihrem Anhang von würdigender Beurteilung ist ein unbillige Unterstützung oder Herausforderung des Lesers zur Hervorbringung von Vorurteilen.

Daneben aber ist dann ein anderes Klassifikationisverfahren notwendig, welches Querschnitte machende Kategorien bildet: die Klassifizierung nach der prinzipiellen Ähnlichkeit der Gedankenbildung. Es ist die Einführung des ideographischen Prinzips, wenn die Namenbildung gestattet ist, und seine Durchführung in der Geschichte der Philosophie, neben dem chronographischen und topographischen, was wir verlangen. Solche ideographischen Kategorien leisten für die Geschichte der Philosophie, was etwa die Politik im aristotelischen Sinne mit ihrer Erörterung der allgemeinen Staatsfunktionen, der überall wiederkehrenden Staatsformen, für die politisch-soziale Geschichte leistet: die allgemeine Betrachtung wirft auf die einzelne Form, den einzelnen Vorgang Licht aus dem Wesen der Sache. Ebenso würden Gattungsbegriffe erkenntnistheoretischer Gedankenbildungen Apperzeptionsorgane für die einzelnen Systeme sein: die Bestimmungen eines Systems träten sogleich auseinander in generische und individuelle, die größte Erleichterung in der Auffassung eines komplizierten Gebildes; die Ursachen der spezifischen Bildung würden schnell erkennbar und damit der Beurteilung des Wertes eine sichere Unterlage gegeben.

Es liegt hier die Frage nahe, was doch die Bildung dieser notwendigen Kategorien auf dem Gebiet der Geschichtsschreibung der Philosophie so lange verhindert hat. Wenn ich nicht irre, liegt der Grund wesentlich darin, daß man bisher Philosophie als eine einzelne Wissenschaft, mit einem einzigen Hauptproblem anzusehen pflegte und deshalb ein einziges Paar von ursprünglichen Gegensätzen in ihr zu finden vermeinte. "Das Theater der neueren Philosophie," sagt KUNO FISCHER in der Einleitung zu seinem "Bacon", "bildet einen Kampfplatz, auf dem sich zwei feindlich entgegengesetzte Richtungen, Idealismus und Realismus, die Wahrheit streitig machen. Es sind diese Richtungen nicht besondere Systeme, sondern Geschlechter der Philosophen. Realisten und Idealisten sind gleichsam die beiden feindlichen Chöre im Schauspiel der neueren Philosophie." TRENDELENBURG (in einem Aufsatz seiner historischen Beiträge, Bd. III. Seite 25) teilt alle Philosophen in solche, die den Gedanken vor die blinde Kraft, und solche, welche die blinde Kraft vor den Gedanken setzen; er hätte kürzer und gewöhnlicherer Ausdrücke sich bedienend sagen können: solche, die an Gott glauben, und solche, die nicht an ihn glauben. Ich will nicht untersuchen, wieviel Teil an einem solchen Verfahren die ganz allgemeine Neigung hat, alle Menschen in zwei Klassen einzuteilen: solche, die dasselbe denken, was ich denke, und solche, die nicht dasselbe denken, oder in gute und schlechte Denker; ich mache nur auf die Tatsache aufmerksam, daß man mit solchen dürftigen Kategorien sich daran machte, die gesamte Gedankenbildung jedes Philosophems als beherrscht von diesem Gegensatz nachzuweisen. Natürlich mußte das zu einer ganz schiefen Auffassung der verschiedenen Systeme führen: jedes, das nicht eben von dieser Fragestellung ausging, mußte ganz aus seinem natürlichen Gefüge gerissen werden, um in das Prokrustesbett hineinzupassen. Sein natürlicher Mittelpunkt gleichsam wurde herausgerissen und ein künstlicher eingesetzt. Was für Folgen das für ein System hat, mag man in TRENDELENBURGs erwähntem Aufsatz an den Beispielen der Behandlung LOCKEs und KANTs sehen. Da beide auf die Frage: glaubst du an Gott? nicht frischweg mit Ja oder Nein antworten, so werden ihre Systeme so lange auf Voraussetzungen und Konsequenzen durchgegangen, bis sich die gesuchte Antwort findet. Und von hieraus wird dann der Leser genötigt in die Gedankenbildung einzutreten; das offene Portal wird verschmäht zugunsten einer verschütteten Hintertür. (1)

Nicht einmal für die Charakteristik bloß der metaphysischen Ansichten reicht ein Paar von Gegensätzen aus; man braucht mindestens zwei Paare, entsprechend zwei wesentlichen Problemen, welche die Konstitution des Weltalls dem Denken aufgibt und die auch in der Tat stets von ihm aufgenommen sind: das Problem der Qualität der Teile und das Problem der Komposition des Ganzen. Die Entscheidung des ersteren teilt die Philosophen in Materialisten und Spiritualisten, je nachdem Körper und Bewegung für den eigentlichen Inhalt der Welt angesehen werden, deren hie und da vorkommende modifizierte Erscheinungsform Vorstellung und Empfinden sei, oder umgekehrt. Das andere Problem würde durch die Frage ausgedrückt: ob das Weltganze als zusammengesetzt aus ursprünglich gegeneinander selbständigen Einheiten (einerlei ob geistiger oder körperlicher Natur) zu denken sei, oder ob vielmehr der Zusammenhang der Dinge auf ein ursprünglich einheitliches Ur- und Allwesen führe? Die entgegengesetzten Entscheidungen könnten Atomismus und Monismus heißen, etwa durch das Beiwort quantitativ unterschieden von anderem Gebrauch dieser Namen. - Doch das nur nebenbei. - Noch viel weniger kann man mit jenem Paar unbestimmter Kategorien zugleich die verschiedenen Richtungen in allen anderen Disziplinen charakterisieren, also z. B. in Erkenntnistheorie und Ethik. Jede dieser Disziplinen, wie sie selbständig ihre Probleme formuliert, muß auch ein selbständiges System von Gegensätzen in der Beantwortung haben.

Nach meinem Dafürhalten ist das nicht eine ganz unwesentliche Sache. Der Mangel an Selbständigkeit der verschiedenen sogenannten philosophischen Disziplinen gegeneinander, der fernere Mangel an Unterscheidung der verschiedenen Probleme in jeder und der entsprechende Mangel an ausgebildeten systematologischen Kategorien ist nicht nur für die charakterisierende Geschichtsschreibung ein schweres Hindernis, er ist vielleicht zu einem nicht ganz geringen Teil am embryonischen Zustand dieser Disziplinen selbst schuld. Ich versuche dies am Beispiel der Erkenntnistheorie nachzuweisen. Sie leidet unter dem Druck, welchen Metaphysik, überall das größte Interesse der Menschen, auf sie ausübt. Die enge Verbindung mit jener hat ihre natürliche Entwicklung gehemmt, indem sie aus ihr fremden Gesichtspunkten behandelt und beurteilt wird. Alle anderen Wissenschaften haben sich gegen Metaphysik allmählich soweit selbständig gemacht, daß der Versuch, sie aus ihren schlechten Folgen für die Weltanschauung zu widerlegen, als einigermaßen altfränkisch [altbacken - wp] erscheint; nur etwa hie und da zurückgebliebene Überreste theologischer Neigungen machen noch zuweilen einen Angriff auf physiologische oder zoologische, oder wohl auch noch einmal auf astronomische Wahrheiten unter dem Geschrei: daß die Menschheit durch dieselben um den ihr zukommenden Platz in der Welt betrogen werde. Hingegen ist in der Erkenntnistheorie die Beurteilung aus der Bedenklichkeit der Folgen noch sehr verbreitet. Daß Sensualismus oder Empirismus zum Materialismus, zum Aufgeben jedes Idealismus führe, und also, von seiner Wahrheit oder Unwahrheit ganz abgesehen, höchst verderblich sei und keinen Raum gewinnen dürfe, steht in manchen Köpfen noch heute als Axiom am Anfang ihres erkenntnistheoretischen Denkens. Daß die Ethik ein Reht habe, sich in die Entscheidung der Frage nach dem Vorkommen ursachloser Ereignisse zu mischen, ist noch heute eine weit verbreitete Meinung. Daß Phänomenalismus und Realismus mit Gründen aus ihrer Gesinnungstüchtigkeit operieren, ist ebenfalls auch heute noch keine unerhörte Erscheinung. Das Eindringen dieser fremdartigen Ansprüche in die Erkenntnistheorie würde sehr erschweert, wenn dieselbe zunächst in gleicher Weise wie Physiologie oder Astronomie als selbständige Wissenschaft anerkannt würde, welche nicht mehr die Pflicht hat, eine "gute" Philosophie hervorzubringen, als alle anderen Wissenschaften. Und diese Selbständigkeit würde anerkannt durch die selbständige, immanente Bildung der Begriffe der in ihr vorkommenden gegensätzlichen Richtungen. Empirismus und Rationalismus sind verschiedene Ansichten über die Methode des Erkennens und haben etwa mit Materialismus und Spiritualismus nicht mehr zu tun als Neptunismus und Vulkanismus. - Wobei denn noch anerkannt werden mag, daß sich die Erkenntnistheorie in der Tat mit gewissen Fragen beschäftigt, welche allerdings die Metaphysik sehr nahe angehen und fast als einleitende Erörterungen für sie angesehen werden können. Der Unterschied wäre nur, daß wir das Verhältnis der Metaphysik zur Erkenntnistheorie umkehrten (wie tatsächlich ihr Verhältnis zu den anderen Wissenschaften schon umgekehrt ist), so daß Metaphysik die Entscheidungen der Erkenntnistheorie abwarten müßte, ehe sie sich selbst als Wissenschaft konstituierte. Freilich ist wohl wenig Hoffnung, daß sich die Neigung, lieber aus Konsequenzen als aus Ursachen zu urteilen, dieses eigentümliche  Hysteron-Proteron  [das Spätere vor dem Früheren - wp], gänzlich verliere; es sei denn, daß einmal der Wille den Primat wirklich und gänzlich dem Intellekt überlasse. -

Es sei noch gestattet an einem Beispiel zu zeigen, was ein ausgebildetes Schema systematologischer Kategorien für die Auffassung und Bestimmung des einzelnen Systems leistet. Ich wähle hierfür das Kantische System, obwohl sich an jedem andern dasselbe zeigen ließe. Dieses hat den Vorteil, die grenzenlose Verwirrung sichtbar zu machen, welche eine ideen- oder kategorielose Geschichtsforschung überall kennzeichnet.

Man hat das Kantische System als Idealismus bezeichnet, denn es leugne die Erkenntnis der Dinge ansich; als Rationalismus, denn es behaupte die Möglichkeit der Erkenntnis  a priori;  als Empirismus, denn es schränke unsere Erkenntnis ein auf sinnliche Objekte: alles offenbare und unleugbare Wahrheit. Einige glaubten sich zu helfen, wenn sie sagten: er habe alle diese Gegensätze von einem höheren Standpunkt definitiv versöhnt. Was zunächst die letztere Auskunft anlangt, so möchte KANT sehr geneigt gewesen sein, sich in einer solchen Formel in die Entwicklungsgeschichte eingereiht zu sehen. Dennoch kann ich nicht umhin sie für die allerschlechteste zu halten: sie anwenden heißt behaupten, daß die Gegensätze, um welche sich die ganze bisherige Entwicklung drehte, unechte gewesen seien, daß DESCARTES, SPINOZA, LOCKE und HUME um leere Worte gestritten haben. In der Tat entstammt auch diese Auskunft bloß der Taschenspielerkunst der Dialektik:  A  (z. B. LEIBNIZ) behauptet dies, offenbar wahr und wohlbegründet;  B  (z. B. HUME) behauptet jenes, offenbar wahr und wohlbegründet. Dies und jenes sind kontradiktorische Gegensätze. Was tun? Die Weltgeschichte scheint zu Ende, dem Intellekt bleibt nur übrig, sich in den Abgrund des Widerspruchs zu stürzen. Da, in dieser höchsten Spannung tritt der Philosoph hinzu. Er schlägt die Volte [Übung aus dem Dressurreiten - wp] und präsentiert -  voilá  - eine höhere Ansicht, darin der Widerspruch aufgehoben. Bis man ihn wieder braucht; dann fängt die Vorstellung von vorne an. - Über diese Art von Geschichtsschreibung ist weiter nichts zu sagen.

Aber wenn wir nun zurückkehren zu jenen ehrlichen Widersprüchen, wie sollen wir uns denn zu ihnen stellen? - Die Sache ist klar, sobald man einsieht, daß es  zwei  letzte, aufeinander nicht zurückführbare erkenntnistheoretische Probleme und folglich zwei Paare von Gegensätzen gibt, in deren jedem jedes durchgeführte System auf der einen oder anderen Seite stehen muß. Macht man bloß zwei Kategorien, also z. B. Idealismus (Phänomenalismus) und Realismus, so kommt KANT mit HUME in eine Klasse; in der Tat hat man mit Genugtuung konstatiert, namentlich diejenigen, welche das Gebiet der Vernunft einer höheren Jurisdiktion, Offenbarungen oder inneren Stimmen, zu unterwerfen bestrebt waren, daß KANTs Skeptizismus ebenso bodenlos sei wie der HUMEs. Dennoch will KANT offenbar der gerade Gegensatz zu HUME sein; und freilich hat er sich selbst nicht so mißverstanden, daß er es nicht wäre. Teilt man dagegen alle Systeme bloß in rationalistische und empiristische, dann muß KANT mit DESCARTES und LEIBNIZ und HEGEL in eine Klasse kommen: ist doch seine Ansicht als Ausführung des LEIBNIZschen Fundes  nisi intellectus ipse  [außer der Verstand selbst (im Bezug auf Lockes: Nichts ist im Verstand, was nicht vorher in den Sinnen war). - wp] bezeichnet worden. Aber freilich protestiert dagegen, mit LEIBNIZ zusammengeworfen zu werden, nicht bloß die Dialektik, sondern auch die Analytik. - Sobald man beide Einteilungen kombiniert, liegt die Sache auf der Hand: KANT entscheidet die Frage nach der Methode des Erkennens mit dem Rationalismus, die Frage nach dem Verhältnis desselben zu Dingen mit dem Phänomenalismus.

Das anscheinend Widerspruchsvolle in der Stellung KANTs liegt nicht etwa darin, daß man, vom 17. und 18. Jahrhundert kommend, gewöhnt war, Rationalismus mit Realismus Hand in Hand gehen zu sehen: es gibt eine Erkenntnis der Dinge, wie sie sind, nämlich durch reine Vernunftbegriffe; und andererseits Empirismus und Phänomenalismus: es gibt nur Erkenntnis durch sinnliche Wahrnehmung, und zwar natürlich sehen die Sensationen nicht genau ebenso aus wie die Dinge; so LOCKE, trotz seiner Unterscheidung der Qualitäten in primäre und sekundäre, so bestimmt HUME. KANT verbindet die Gegensätze anders, indem er Rationalismus mit Phänomenalismus verknüpft. Und das ist der Mittelpunkt seiner Neubildung: die reine Vernunft kann nicht Dinge ansich erkennen, Rationalismus und Realismus sind nicht in  einem  System zusammen möglich, wenigstens nicht in einem begründbaren System, inden sich die Dinge ansich nicht nach unserer Vernunft richten; also nur in einem gleichsam okkasionalistischem [zufälligen - wp] System, wo ein  Deus ex machina  [Gott aus der Maschine - wp] den Ort von Gründen suppliert [ergänzt - wp]. Dahingegen ist Rationalismus mit Phänomenalismus verbunden eine mögliche und beweisbare und, wie KANT meint, von ihm bewiesene Theorie: die Vernunft kann Erscheinungen  a priori  erkennen, denn diese, als Vorstellungen, richten sich nach meinen reinen Anschauungen und Begriffen, werden bestimmt durch die Funktionen meiner Sinnlichkeit und meines Verstandes. Phänomenalismus gehört zum Rationalismus als Bedingung seiner Beweisbarkeit. -

An einem Beispiel sehen wir, daß sich die Gegensätze kreuzen. Das ausgeführte Schema der möglichen Kombination wäre demnach das folgende:
    eine empiristisch-realistische,
    eine empiristisch-phänomenalistische,
    eine rationalistisch-realistische,
    eine rationalistisch-phänomenalistische Ansicht
Wie es scheint, läßt sich für jeden der Gattungsbegriffe ein Umfang nachweisen, wenn wir durch die erste Ansicht die gewöhnliche Meinung gekennzeichnet sein lassen wollen. Für die drei anderen Kategorien haben wir schon Erscheinungen nachgewiesen: LOCKE und HUME für die zweite, DESCARTES und Nachfolger für die dritte, KANT für die vierte.

Eine sehr berühmte systematologische Kategorie zur Erkenntnistheorie ist bisher noch gar nicht erwähnt worden: der  Skeptizismus In der Tat ist sie mit Absicht übergangen. Es mag eine solche Ansicht, daß zwischen Wissen und Nichtwissen kein Unterschied sei, gegeben haben; wenigstens ist sie wenn nicht gehegt, doch verteidigt worden, nämlich in der griechischen Philosophie. Dort mit gewissem Recht: diese hatte auf dem ausgedehnten Gebiet, wo unser heutiges vornehmstes Wissen liegt, in den Naturwissenschaften, beinahe nur Meinungen; ja sie strebte kaum nach anderen als  möglichen  Erklärungen, um den theoretischen Anstoß, die Verwunderung, zu beseitigen;  wirkliche  Erklärungen, um die Wirkungen durch die Ursachen herbeizuführen, verlangte sie kaum. - Bei einer solchen Sachlage ist Skeptizismus ein durchaus philosophischer Habitus: einer  möglichen  Erklärung vor den andern keinen Vorzug zu geben.

In der neueren Philosophie hat diese Ansicht gar kein Recht und kommt bei wissenschaftlichen Denkern nicht vor; man müßte schon zu gewissen theologischen Schriftstellern greifen, um den leeren Raum mit Lückenbüßern auszufüllen. Die herkömmliche Systematologie ist allerdings anderer Meinung hierüber. Sie stellt unter die Kategorie des Skeptizismus keinen geringeren als HUME, und kein geringerer als KANT ist hierfür die gewichtigste Autorität. Untersuchen wir die Sache ein wenig genauer. Skeptizismus heißt mit herkömmlichem Sprachgebrauch eine Meinung, welche behauptet, daß es kein Wissen gibt, daß sich jeder Satz so gut oder so schlecht beweisen lasse, als sein kontradiktorisches Gegenteil. - Ist nun dies die Meinung HUMEs? Ich glaube nicht, daß jemand diese Frage wird bejahen wollen. Es wäre gegenüber der Tatsächlichkeit der modernen Wissenschaften lediglich eine Frivolität. HUME ist von dieser Behauptung so fern, daß er sogar eine Theorie des Unterschieds von Wissen und Nichtwissen gegeben hat. Aber freilich eine empiristische. Und das ist es eben, was KANT bewog in ihm einen Skeptiker zu sehen. Nach KANT ist Allgemeinheit und Notwendigkeit ein wesentliches Merkmal  allen  Wissens. Da nun HUME behauptet, daß es solches Wissen, wenigstens von Tatsachen nicht gibt, so ist er Skeptiker.

HUME würde sich dieses Verfahrens mit Recht als einer  petitio principii [Unbewiesenes dient als Beweisgrund - wp] erwehren. Er würde erwidern können: KANTs Verfahren gleiche dem eines Mannes, der Meteore als Auswürfe aus Mondkratern definierend von jedem, der diese Ansicht über ihren Ursprung nicht teile, behaupten: er leugne das Dasein von Meteoren. Ganz so nenne KANT einen Skeptiker den, der in der Untersuchung über das Wesen des Wissens zu einem anderen Resultat als er komme. Um dies zu dürfen, habe er ihm vielmehr nachweisen müssen, daß er (HUME) die Tatsächlichkeit eines zu untersuchenden Irgendetwas, das Wissenschaft genannt werde, in Abrede stelle. Das sei ihm (HUME) aber immer fern gelegen und werde es stets bleiben. Es sei ihm nie im mindesten in den Sinn gekommen, die Tatsächlichkeit etwas der Physik oder der Mathematik wegräsonnieren zu wollen, wie etwa SEXTUS im Altertum diesen Versuch gemacht habe, alle damals umlaufenden Disziplinen durchgehend und zeigend, daß kein Wissen darin sei. Er wisse sehr wohl, daß unser intellektuelles Verhalten gegenüber der Welt der Dinge ein ganz anderes sei, als das des Altertums oder des Mittelalters. Habe er doch selbst die Grundlage einer neuen Wissenschaft, der Theorie sozialer Erscheinungen, zu legen geholfen. - Wenn er hin und wieder sich selbst einen Skeptiker nenne, so verrate es wenig Aufmerksamkeit, nicht zu sehen, daß der Name in einem beschränkten Sinn stehe, anzeigend, daß er nicht an die Beweisbarkeit von Gott, Freiheit und Unsterblichkeit glaube. In diesem Sinne sei ja KANT selbst Skeptiker. -

Wir lassen also die Kategorie des Skeptizismus als eine ausgestorbene und sicherlich nie wieder auflebende Gattung aus unserer Klassifizierung ganz verschwinden. Es wäre wohl angemessen, wenn man sich allgemein dazu entschlösse. Urteile, wie sie in Deutschland noch umgehen, z. B. daß Empirismus notwendig zum Skeptizismus führe, scheinen bloß dazu dienlich, durch Assoziation von Namen eine Theorie zu verdächtigen, die mindestens eine ernsthaftere Widerlegung verdient.

Auch die beiden anderen Kategorien, mit denen zusammen Skeptizismus das Kantische Einteilungssystem ausmacht, Dogmatismus und Kritizismus, scheinen nicht die Hochachtung zu verdienen, mit der sie noch heute, z. B. von ÜBERWEG, seiner historischen Periodenteilung zugrunde gelegt werden. Es sind nicht allgemeine erkenntnistheoretische Kategorien, sondern zufällige historische. Es handelt sich um die Möglichkeit, das Dasein Gottes und die Unsterblichkeit der Seele zu beweisen; wer die Möglichkeit behauptet, ist Dogmatiker, wer sie leugnet, Skeptiker; Kritiker endlich, wer die Frage bloß indirekt behandelt. Ein Jahrhundert, dem diese Angelegenheiten nicht mehr den wesentlichen Inhalt der Philosophie ausmachen, hat auch für jene Einteilung eigentlich keinen Raum.

Auch ist in unserem Jahrhundert eine Unkenntnis der Geschichte nicht mehr verzeihlich, wie sie erforderlich ist, um KANT zu glauben, daß Kritizismus in dem Sinne, daß man eine Untersuchung des Erkenntnisvermögens der Metaphysik voraufschickt, erst von ihm eingeführt sei. Wäre sein Kritizismus allein durch diese formelle Bestimmung charakterisiert, dann fiele er durchaus mit dem Philosophieren LOCKEs und HUMEs zusammen. In der kontinentalen Richtung war Metaphysik oder Realwissenschaft überhaupt, im Besonderen demonstrative Physik. maßgebend für die Bildung erkenntnistheoretischer Gedanken. Bei LOCKE ist die Untersuchung der Elemente des Vorstellens Ausgangspunkt, um zu sehen, was sich durch Kombination derselben finden lasse.
LITERATUR - Friedrich Paulsen, Über die prinzipiellen Unterschiede erkenntnistheoretischer Ansichten, Vierteljahrsschrift für wissenschaftliche Philosophie, Bd. 1, Leipzig 1877
    Anmerkungen
    1) Ein anderes Beispiel findet der Leser in ÜBERWEGs Geschichte der Philosophie III, § 8 am Ende: "In Leibniz kulminiert die  dogmatische,  auf  Verschmelzung  religiöser Überzeugungen mit den wissenschaftlichen Errungenschaften der Neuzeit abzielende Entwicklungsreihe, der auch SPINOZA wegen des theologische Grundcharakters seiner deduktiv aus dem Substanzbegriff abgeleiteten Einheitslehre entschieden zugehört." Es ist unerhört: SPINOZAs Philosophie mit  theologischem  Grundcharakter; SPINOZA religiöse Überzeugungen mit wissenschaftlichen Errungenschaften  verschmelzend,  SPINOZA in einem Atemzug mit LEIBNIZ genannt, mit dem Verfasser der Theodizee zu einem Paar gejocht! Das macht die Einteilung aller Philosopheme in Empirismus und Dogmatismus (§. 6): LEIBNIZ ist Dogmatist, SPINOZA ist Dogmatist, also sind sie ja wohl wesentlich auf derselben Spur!