tb-2p-3J. JeansR. AvenariusH. ReichenbachC. GöringE. Boutroux    
 
FRIEDRICH PAULSEN
Über das Verhältnis der
Philosophie zur Wissenschaft

- eine geschichtliche Betrachtung -

"Ist alles Wissen um Tatsachen ein gleichartiges, gibt es nur  ein  Material alles gegenständlichen Erkennens: gegebene Erscheinungen, und nur  eine  Methode der Formung dieses Materials zu Wissenschaft: Induktion und Deduktion, die nur unterscheidbar, aber an keinem Ort trennbar sind, so strebt alles Wissen unaufhaltsam zu einer Einheit, in der alle Abgrenzungen relativ oder zufällig sind. Wie alles Wirkliche, verbunden durch tausend Beziehungen, eine Einheit,  eine  Welt bildet, so bildet alles Erkennen  eine  Einheit, eine Philosophie."

"Mit der Philosophie stirbt die Wissenschaft. Warum hatte das Mittelalter keine wissenschaftliche Forschung? Weil das letzte Wissen in den Glaubensartikeln absolut unveränderlich, unverbesserlich gegeben war."


Begriffe von Wissenschaften sind nicht Begriffe von Gegenständen, die in empirischer Wirklichkeit vorliegen, sondern von Aufgaben, deren Verwirklichung ein unendlicher oder wenigstens ein noch nicht abgeschlossener Prozeß ist. Sie sind also, in kantischem Sprachgebrauch, Ideen, d. h. Begriffe, "denen kein kongruierender Gegenstand in den Sinnen gegeben werden kann." Das gilt von allen Wissenschaften: es gibt so wenig ein Lehrbuch der Chemie oder der Geometrie als eine Enzyklopädie der Philosophie oder der Geschichte, worauf als auf  die  Chemie,  die  Geschichte, oder auch als auf ein den Gattungsbegriff adäquat darstellendes Exemplar, wovon derselbe durch Abstraktion entnommen werden kann, hingewiesen werden könnte. Im besten Fall wäre in jedem das heute besessene Wissen inkorporiert; aber das heute Gewußte ist nicht die Wissenschaft. Und ebensowenig kann man einen Mann aufzeigen, in dem als Inhaber oder Träger eine Wissenschaft empirische Wirklichkeit hätte.

Daraus ergeben sich für die Bildung und Beurteilung der Begriffe von Wissenschaften zwei Regeln: zuerst, daß gegen ihre Gültigkeit kein Einwand aus der Betrachtung erhoben werden darf, daß ein ihnen entsprechender Gegenstand überall in der Welt nicht vorhanden ist, vielleicht auch niemals sein wird. Sodann, daß diese Begriffe durch ein anderes Verfahren als durch sogenannte Abstraktion zustande gebracht werden müssen; woraus dann ferner unmittelbar folgt, daß eine historische Untersuchung nicht der Weg ist, zu ihnen zu gelangen. - Sie werden vielmehr, wie Begriffe von Aufgaben überhaupt, im Hinblick auf die Natur des zu bearbeitenden Materials, also die Natur der  scibilia  [Gegenstände - wp] und auf das Bedürfnis, das zu dieser Arbeit auffordert, zu bilden sein.

Dennoch ist die folgende Untersuchung zunächst und wesentlich historisch. Sie macht nicht den Versuch den Begriff der Philosophie als einer notwendigen Aufgabe zu bestimmen, sondern geht seiner geschichtlichen Entwicklung, und zwar auch dieser nur in  einer  Beziehung, nämlich in seinem Verhältnis zum Begriff der Wissenschaft nach. Nur um für die historische Betrachtung eine vorläufige Orientierung zu haben, mag über den Begriff selbst und seine Bildung aus dem Wesen der Sache folgendes vorausgeschickt werden.

Wenn wir auf die Natur der Dinge und andererseits unserer Erkenntnis, ihrer Funktion und ihres Wertes in unserer Gesamtbildung, blicken, so scheint sich die Idee einer Wissenschaft zu ergeben, welche alle unsere Erkenntnisse zu einem in sich geschlossenen Ganzen, einem ideellen Abbild des wirklichen Universums zusammenfaßt. Dieser Begriff soll hier nicht ausgeführt und gerechtfertigt werden; nur darauf mag hingedeutet sein, daß die wirklichen Dinge alle in Beziehung zueinander stehen, so daß sie einen Kosmos bilden; daß diese Beziehung im Erkennen sich darin zum Ausdruck bringt, daß alle einzelnen Erkenntnisse sich gegenseitig als Unterlage und Ergänzung fordern, so daß jedes einzelne Wissen auf alles andere hinweist; daß schließlich die rein theoretische Beschäftigung mit den Dingen an jedem Einzelwissen nur ein relatives, sekundäres Interesse hat, sofern es nämlich zur Bestimmung eines Ganzen der Welterkenntnis verwertet werden kann. Von allen Seiten finden wir uns also hingewiesen auf die Idee einer  Einheit allen Wissens Diese Einheit nennen wir  Philosophie - Bemerkt sei hierzu noch, daß durch diese Bestimmung vom Begriff der Philosophie nichts ausgeschlossen sein soll: sie mag noch weitere Momente als das Wissen in sich aufnehmen, mag besonders für das philosophierende Subjekt noch ein Mehreres als Inbegriff allen Wissens sein oder vielmehr von ihm noch in einem anderen Sinn erstrebt werden; es soll nur alles gegenständliche Wissen als wesentlich zu ihr gehörig in ihren Begriff eingeschlossen sein.

Eine Idee kann, wie bemerkt, ihre Rechtfertigung nicht in der Nachweisung ihrer Kongruenz mit einem gegebenen Gegenstand suchen. Philosophie im obigen Sinne wird also ein realer Begriff sein, wenn eine solche Aufgabe aufgegeben ist, ohne Rücksicht darauf, ob dieselbe gelöst oder auch nur als Aufgabe bisher anerkannt worden ist. Doch wird allerdings die Nachweisung, daß unter dem Namen der Philosophie stets ein Derartiges erstrebt worden ist, der Idee in gewisser Weise anstelle einer Aufzeigung ihrer empirischen Realität sein können. Es wäre darin eine gewisse Garantie gegeben, daß sie nicht aus dem zufälligen Gesichtspunkt eines Individuums, sondern aus einem allgemeinen und notwendigen Verhalten des menschlichen Verstandes zur Welt entworfen ist. - Eine solche Nachweisung zu geben ist die Absicht dieses Aufsatzes. Er will versuchen zu zeigen, daß stets so etwas wie ein Inbegriff allen Wissens unter dem Namen  Philosophie gesucht wurde. Philosophie, so würde mit einer  Antizipation das Resultat der Untersuchung zusammengefaßt werden können, war den Griechen wie auch den Modernen, bis auf KANT, die Gesamtheit möglicher wissenschaftlicher Erkenntnisse, einschließlich vor allem theoretische Naturwissenschaft. Erst KANTs Einführung des Gedankens einer sogenannten reinen Naturwissenschaft, deren Gesetze "völlig  a priori  bestehen", führt in Deutschland zu jener Trennung und Entgegensetzung von Philosophie und Wissenschaft (einschließlich der theoretischen Naturwissenschaft), welche uns noch heute beunruhigt. Die Tendenz der historischen Untersuchung, so weit überhaupt von einer solchen die Rede sein darf, würde demnach sein, diese Trennung als eine zufällige Episode in der Geschichte des Begriffs der Philosophie erscheinen zu lassen, nach deren Ablauf das Zurückgehen auf den alten Begriff geboten ist.

Da Philosophie, als Wort und Sache, bei den  Griechen  ihren Ursprung hat, so wird auch unsere Untersuchung von dieser ersten Entwicklung ihren Ausgangspunkt nehmen müssen. Sie beabsichtigt nur einen resumierenden Überblick, nicht detaillierte philologische Erörterungen und Nachweisungen zu geben, dem Leser überlassend solche in HAYMs Artikel  Philosophie  in ERSCH und GRUBERs "Enzyklopädie der Wissenschaften", oder am Anfang von ZELLERs "Geschichte der griechischen Philosophie" zu suchen oder auch mit Hilfe der Speziallexika und  indices  selbst solche anzustellen.

In der  allgemeinen Sprache  hat sich das Wort  Philosophie  allmählich fixiert als Name für etwsa, das mit dem, was wir Bildung nennen, nächst verwandt ist, doch so, daß das intellektuelle Moment darin einseitiger betont ist als in unserer  Bildung  oder gar im Griechischen  paideusis  [Erziehungsprozeß - wp]. Zusammengefaßt mit dem ästhetischen Moment (in der griechischen Bedeutung des Ästhetischen, das Sittliche eingeschlossen) bezeichnet es in jener berühmten Stelles des THUKYDIDES den ganzen Inhalt des athenischen Ideals menschlicher Bildung: "Wir streben nach ästhetischer Kultur, ohne Prunk, nach intellektueller Kultur, ohne Einbuße an Mannheit und Tatkraft."

Von den Persönlichkeiten her, die als Inhaber und Lehrer des zweiten Stücks dieser Bildung, wenn auch ohne den ausschließenden Zusatz, galten oder gelten wollten, empfängt dann das Wort eine bestimmter ausgeprägte Bedeutung. Die  Sophisten  und  Rhetoren  haben auch den Namen "Philosophen": Philosophie ist der Inhalt ihrer Lehrkurse. Dann dienen sie der ersten terminologischen Fixierung des Begriffs, freilich nur negativ als Begrenzung oder Gegensatz: PLATON nimmt den Namen eines Philosophen ebenfalls in Verwendung zur Bezeichnung seiner individuellen Tätigkeit. Im Gegensatz zum Sophisten, der in Rhetorik und höherer Bildung gewerbsmäßig Unterricht erteilt, und zum Staatsmann, der diese Bildung in Beteiligung am öffentlichen Leben praktisch verwertet, ist im platonischen Sinn ein Philosoph der, welcher der bloßen Anschauung halber eine Erkenntnis der Dinge sucht. Die rein theoretische Verstandestätigkeit wäre demnach das charakteristische des Philosophen. Diese zunächst formelle und aus der Gesinnung entnommene Bestimmung erhält dann eine inhaltliche Bedeutung und zugleich eine individuelle Färbung aus der positiven Bildung des platonischen Gedankenkreises:  Philosoph  ist, der das Wesen der Dinge, die wahren Dinge, die Ideen erschaut. - Für PLATON ist Philosophie eigentlich nur vorhanden als lebendige Funktion des Subjekts (in der Dialektik), nicht als losgelöstes Erzeugnis. Doch läßt sich aus dem Begrif des Philosophen ein entsprechender Begriff der Philosophie als eines abstrakten Objektes ableiten: es wäre das vollendete Produkt des rein theoretischen Verhaltens zu den Dingen, der Inbegriff der wahren Erkenntnis.

Bei ARISTOTELES kommen die Wissenschaften zu einem objektiven Dasein. Sein persönliches Verhältnis zu denselben, das man als ein unpersönliches charakterisieren könnte, erscheint in der systematischen Form, worin, verglichen mit der dialogischen Untersuchung PLATONs, die Wissenschaften losgelöst von einem Subjekt gleichsam selbstredend auftreten. Daher auch bei ihm  philosophia  und  sophia,  die PLATON unterscheidet als Streben und Habitus, zusammenfallen: beide werden gebraucht zur Bezeichnung des objektiven Systems aller Erkenntnisse. Ausgeschlossen ist gar kein Wissen von der Philosophie: ARISTOTELES meint zu philosophieren, sowohl wenn er die Naturgeschichte der Tiere oder die Haushaltungskunst, als auch wenn er die Natur der Dinge im Allgemeinen oder das Wesen der Erkenntnis zum Gegenstand der Untersuchung hat. Allerdings erscheint bei ihm eine Neigung den Namen auf ein engeres Forschungsgebiet einzuschränken: Philosophie soll das Wirkliche überhaupt zum Gegenstand haben, nicht einen besonderen Teil desselben. Aber auch hierin liegt doch nichts so sehr eine Beschränkung im Hinblick auf den Inhalt als im Hinblick auf die Tendenz der wissenschaftlichen Beschäftigun; es ist weniger eine Verengung des Begriffs der Philosophie, als eine Determination des Begriffs des Philosophen, welche den in ein Einzelgebiet verlorenen Erwerber von beziehungslosen Kenntnissen ausschließt. Die Determination entstammt nicht einer Neigung, Philosophie und Einzelforschung aneinander entgegenzusetzen, sondern vielmehr der Forderung, daß alles einzelne Wissen und Forschen zur Einheit streben, also als Vorbereitung und Mittel in Philosophie aufgehen sollen. Wie wenig es sich um die Einführung eines Gegensatzes von Philosophie und Wissenschaft handelt, geht auch daraus hervor, daß  philosophia  ein mit  episteme  abwechselnd gebrauchter Gattungsname bleibt: jene Wissenschaft vom Seienden, sofern es seiend ist, welche zuweilen den Namen  Philosophie  ausschließlich in Anspruch nehmen zu wollen scheint, muß sich doch wieder bequemen als ein Abschnitt der Philosophie (prote philosophia) andere neben sich zu haben; Physik, die ausdrücklich als die zweite Philosophie bezeichnet wird, und Mathematik sind ebenfalls Teile der einen Philosophie oder Wissenschaft. Der Unterschied von  philosophia  und  episteme  wäre etwa nur der, daß der letztere Name die Bezeichnung für eine Gattung ist, in der die einzelnen Wissenschaften als selbständige Individuen, bloß durch Ähnlichkeit verknüpft, erscheinen, während die Philosophie die konkrete Einheit bezeichnet, in welcher alle Wissenschaften als integrierende Bestandteile eines Ganzen beschlossen sind.

In den folgenden Schulen verliert das Wissen wieder von seiner Selbständigkeit; es wird, in Rückkehr zu einer sokratisch-platonischen Auffassung, als Habitus des Subjekts, weniger als objektives System betrachtet und gewürdigt. Daher von Stoikern und Epikureern und Skeptikern die Philosophie als Übung oder Ausübung (askesis, energeia) erklärt wird. Doch ist dies nicht eine Veränderung des Begriffs, welche sein Verhältnis zum Umfang des Wissens affiziert. Der Philosophie bleibt wesentlich ein Inbegriff unseres Wissens zu sein, doch so, daß in ihr das Wissen dienstbar wird einem höheren, das als Weltanschauung, als Lebensauffassung und Lebensführung zu bezeichnen wäre.

Demnach ist bei den Griechen Philosophie wohl noch ein Mehreres als bloßes Wissen, indem von ihr als einem subjektiven Besitz eine gewisse sittliche Bildung und Haltung als unabtrennbar gedacht wird; nicht aber ist von ihr einiges Wissen ausgeschlossen, so daß sie als  eine  Wissenschaft anderen Wissenschaften nebengeordnet erscheint. Vor allem sind von ihr die heute sogenannten exakten Wissenschaften nicht ausgeschlossen, und im besnoderen die Physik (und zwar eine Physik, die nicht eine Naturphilosophie von anderer Abstammung neben sich hat) ist stets als integrierender Bestandteil der Philosophie betrachtet worden. Heißen doch die ersten Weisen, denen wir jetzt den Namen "Philosophen" zu geben pflegen, in jener Zeit Physiker oder Physiologen. Nur ein Wissen, das überall nicht als Baustein einer Welterkenntnis gelten will, das daher auch für die sittliche Lebensauffassung nicht mitbestimmend sein kann, ist nicht Philosophie, oder vielmehr ein Forscher dieser Art ist nicht Philosoph; ein anderer würde dieses Wissen nutzbringend zu machen wissen für die gesamte Weltanschauung, und für diesen wäre es Philosophie.

Nach manchen Wandlungen, veranlaßt durch die Invasion einer ganz neuen Bildung, erscheint dennoch am Ausgang des Mittelalters das Wort  Philosophie  wesentlich in der alten Bedeutung. Allerdings eine neue Bestimmung, die durch das hinzugefügte Adjektiv  saecularis  bezeichnet wird, ist es durch jenes den Griechen nicht bekannte Bildungselement, was vom Christentum unter dem Namen einer Offenbarung eingeführt wird, in sich aufzunehmen genötigt worden: Philosophie ist im Mittelalter und bleibt in der modernen Zeit  weltliche  Weisheit im Gegensatz zu einer  göttlichen  Weisheit, der Theologie. So wichtig dieses Verhältnis zu einer autoritativen "Wissenschaft", die wesentlich über dieselben Gegenstände, nämlich über alle Dinge, authentische Mitteilungen aus göttlicher Offenbarung zu machen hatte, für die Philosophie gewesen ist, so hat es doch in ihrer Begriffsbestimmung eigentlich nichts verändert: die Bezeichnung  saecularis  fügt, außer einer geringschätzenden Beurteilung, dem Begriff nichts hinzu, was den Griechen nicht als selbstverständlich darin eingeschlossen war: nämlich daß diese Wissenschaft nur aus den natürlichen Quellen der menschlichen Erkenntnis hergeleitet werden kann. Wir können daher in dieser Erörterung vom Verhältnis der Philosophie zur Theologie absehen, um vielmehr ihrem Verhältnis zur Wissenschaft nachzugehen.

Die ungeheure Umwälzung, welche die Weltanschauung der abendländischen Menschheit im 16. Jahrhundert erfahren hat, ging nicht vom Zentrum, sondern von der Peripherie aus. Nicht verbesserte Metaphysik und Erkenntnistheorie führte zur Reform der einzelnen Wissenschaften, sondern umgekehrt die neu erworbenen Einzelerkenntnisse über Gestaltung der Erde und des Himmels, die neuen Tatsachen der Ethnographie und Geschichte nötigten zur Aufgebung der phantastisch-anthropomorphen und zur Hervorbringung einer den neuen Einsichten Rechnung tragenden Metaphysik, forderten auf, sich über die wissenschaftliche Verfahrensweise und deren Voraussetzungen Rechenschaft zu geben. Der Untergang der päpstlich-kaiserlichen Welt, das Eintreten einer Menge von Völkern in den Gesichtskreis, teils alter Kulturvölker, wie Inder und Chinesen, teils ganz neuer Rassen des nunmehr ins Unabsehbare sich verzweigenden Menschengeschlechts, wie der Amerikaner, gestalteten den historischen Horizont völlig um: der enge Rahmen der geschichtsphilosophischen Auffassung AUGUSTINUS' wurde durch die neuen Tatsachen gesprengt. Die große Umgestaltung der kosmologischen Anschauung durch die kopernikanische Konzeption litt nicht mehr die alte enge Vorstellung von Gott als einem endlichen Wesen neben einer beschränkten Welt anderer endlicher Wesen, auf welche er gelegentlich wirkt: der Theismus wich dem Pantheismus, welcher in Gott das unendliche Urwesen sieht, das sich selbst im Universum entfaltet, nicht mehr als ein beschränktes Anderes ihm gegenübersteht. BRUNO knüpft sein Denken an KOPERNIKUS an. Die kartesianische Philosophie hat bloß in der schematischen Konstruktion ihren Angelpunkt im  cogito ergo sum;  in Wahrheit sind ihr die neuen Grundbegriffe der mechanischen Physik, welche alle Erscheinungen im ganzen Universum, von der Bildung der himmlischen Systeme bis herab zur Gestaltung der organischen Erzeugnisse unserer Erde, aus Bewegungsübertragung durch Stoß abzuleiten unternimmt, der feste Punkt, von dem aus Metaphysik und Erkenntnistheorie gestaltet werden. KOPERNIKUS, dessen Worte DESCARTES zwar vermeidet, dessen Anschauung er aber nicht aufgibt, GALILEI und etwa GASSENDI sind seine wahren geistigen Vorfahren, nicht etwa der heilige AUGUSTINUS. Es ist hier nicht der Ort, diese Dinge auszuführen; nur darauf sollte aufmerksam gemacht werden, daß die moderne Philosophie von neuen Einzelerkenntnissen den Anstoß empfing. Es wird demnach zu erwarten sein, daß sie, eingedenk ihres Ursprungs, nicht versuchen wird, sich von der Einzelerkenntnis loszulösen, um sich als besondere Wissenschaft neben jener zu konstituieren. Einige Nachweisungen mögen zeigen, daß dieser Versuch von der Philosophie des 17. und 18. Jahrhunderts nicht gemacht worden ist.

In BACONs Einteilung des  globus intellectualis  wird Philosophie als das Erzeugnis der Vernunft bestimmt und daher mit Wissenschaft schlechthin identifiziert. Neben sich hat sie Geschichte und Poesie, die beide nicht Wissenschaft sind; auch erstere nicht, denn sie bleibt, sowohl  historia naturalis  als  civilis,  beim Einzelnen stehen. Wissen aber ist, wie BACON mit ARISTOTELES festhält, die Erkenntnis der ursächlichen Verhältnisse. Dieselbe Identität von Philosophie und Wissenschaft ergibt sich aus der Einteilung der Philosophie.

DESCARTES' letzte systematische Darstellung seiner Philosophie würden wir in dem jetzt üblichen deutschen Sprachgebrauch eine Enzyklopädie der Naturwissenschaften mit erkenntnistheoretischer Einleitung nennen; den Inhalt bilden, außer der letzteren, Mechanik, Astronomie, Physik, Chemie, Physiologie der Sinne: er selbst gibt ihr den Titel:  principia philosophiae.  In welchem Sinn, zeigt die Vorrede: ihm schwebt als Ideal ein vollendetes System allen Wissens vor, in welchem aus wenigen in sich klaren Prinzipien alle Erkenntnisse  per primas suas causas  [durch ihre Hauptursachen - wp] abgeleitet werden. Das wäre die vollendete Philosophie. Die vorliegende Schrift ist ein Entwurf und Anfang eines solchen Systems, in welchem zwar noch nicht  de omnibus rebus  [in allem - wp] gehandelt wird, aber doch die Grundlage zu einem  integrum philosophiae corpus  [intakten philosophischen Körper - wp] gelegt ist, auf welcher bis zur Vollendung fortgebaut werden kann. Die Philosophie wird einem Baum verglichen, dessen Wurzel die Metaphysik, enthaltend die prinzipiellen Definitionen, dessen Stamm die Physik, dessen Zweige alle anderen Wissenschaften sind, die hauptsächlich auf drei zurückgeführt werden könnten: Medizin, Mechanik, Ethik. Ausgeschlossen ist also von der Philosophie gar kein Wissen, auch nicht die mechanische Technologie und HEGEL, der die Engländer verhöhnt, weil sie Barometer und Thermometer philosophische Instrumente nennen, hätte hier die Erfindung des Fernrohrs ebenfalls als philosophische bezeichnet finden können.

Diese Auffassung pflanzte sich fort auf die ganze zahlreiche Gruppe von Denkern, die in der kartesianischen Philosophie (bei welchen Namen übrigens im ganzen 17. und 18. Jahrhundert nicht an das, was jetzt in den Kompendien der Geschichte der Philosophie steht, das  cogito ergo sum,  die Gottesbeweise usw., sondern an die mechanische Physik und Physiologie gedacht wird) ihren Ausgangspunkt hat. HOBBES sowohl wie SPINOZA und LEIBNIZ verstehen unter Philosophie das vollendete System der Wissenschaft, welches in kontinuierlicher Folge abgeleitet wird aus den ersten Prinzipien, d. h. aus den Definitionen, bei HOBBES von Körper und Bewegung, bei SPINOZA und LEIBNIZ von den Attributen Gottes (den  primis possibilibus);  ein Unterschied, der dem Anschein nach größer ist als in Wirklichkeit.

HOBBES hat in dieses System die  philosophia civilis,  die Soziologie mit modernem Terminus, deren Erfinder zu sein er sich rühmt, eingefügt. Ausgeschlossen von der Philosophie ist die Lehre von Gott und den Engeln, in welchen keine  generatio  statt hat; ferner die  historia naturalis et politica,  welche, obwohl der Philosophie sehr nützlich, bloß  experientia,  nicht  rationcinatio  ist: es bleiben zwei Hauptteils: die Theorie des  corpus naturale  und des  corpus civile  (Logik I, 1 §§ 2, 8, 10)

SPINOZA behandelt in der Ethik wesentlich nur den einen Zweig des Systems, die Entwicklung Gottes unter der Form des Bewußtseins; in der  philosophiae,  auf die er im  tractatus de intellectus emendatione  als künftige Darstellung seines Systems verweist, hätte die Entwicklung Gottes unter der Form der Körperlichkeit, also die mechanische Physik, welche in der Ethik bloß in ein paar  lemmatis  [Prämissen - wp] erscheint, die andere Hälfte gebildet, so daß der  omnitudo realitatis  [ganzen Realität - wp] eine  omnitudo scientiae  [ganze Wissenschaft - wp] entspricht. Das reale System der Begründung oder Verursachung aller Dinge in Gott wir in einem philosophischen System der Ableitung aller Ideen aus der Idee Gottes nachgebildet.

LEIBNIZ schließlich will alles Wissen in eine  "encyclopédie démonstrative"  zusammenfassen, für welche in einer  mathesis universalis  mit einer  lingua characteristica  eine Methode zu erfinden er sein Leben lang zu arbeiten nicht aufgehört hat.

Dieser Auffassung bleibt die rationalistische Philosophie des 18. Jahrhunderts treu. WOLFF erklärt Philosophie als die Wissenschaft vom Möglichen, inwiefern es sein kann; damit nicht abweichend von der überkommenen Ansicht, daß sie die demonstrative Einsicht in den kausalen oder essentiellen Zusammenhang des Wirklichen ist. Er definitiert philosophische Erkenntnis als  cognitio rationis eorum, quae sunt vel fiunt  [das Wissen um die Ursache der Dinge, die sind oder gemacht werden - wp], im Unterschied von der historischen, welche  in nuda facti notitia  [in bloßen Tatsachen der Information - wp] stehen bleibt: so hat eine historische Erkenntnis, wer weiß, daß Wasser bergab läuft, eine philosophische, wer diese Bewegung aus der Geneigtheit des Bodens und dem Druck des oberen Wassers zu erklären weiß (Logica disc. prael. §§ 6, 29). Demnach ist ohne Zweifel die Physik ein integrierender Bestandteil der Philosophie. Nicht minder ist es die Psychologie.

In der Folgezeit begünstigte, wenn dies nötig war, das Aufkommen des deutschen Namens  Weltweisheit  die Zusammenfassung allen Wissens unter diesem Terminus: es überwog bald in dem doppelsinnigen Wort der Anklang an eine allumfassende Wissenschaft von der Welt den Anklang des Gegensatzes gegen eine göttliche Weisheit. So ist bei REIMARUS (Vernunftlehre, § 226) Weltweisheit eine Erkenntnis der Beschaffenheiten der Dinge. Wie bei WOLFF wird sie von der historischen Erkenntnis dadurch unterschieden, daß sie den Grund der Dinge und ihrer Beschaffenheiten erkennt, so daß z. B. Jemand eine philosophische Erkenntnis der Sonnen- und Mondfinsternisse hat, wenn er weiß, daß sie durch einen zwischentretenden undurchsichtigen Körper verursacht werden (a. a. O. §§ 64, 80-82).

BAUMGARTEN definiert  philosophia  als  scientia qualitatum in rebus sine fide cognoscendarum  [Wissenschaft ohne Wissen von den Eigenschaften der Dinge - wp] (Philos. gener. § 21); FEDER (Logik und Metaphysik § 1) als die "Wissenschaft von den allgemeinen und nützlichen Vernunftwahrheiten"; als Wissenschaft sie unterscheidend von "gemeiner Erkenntnis, die weder gründlich noch zusammenhängend ist" als Vernunftwahrheiten von autoritativen Wahrheiten, durch die Allgemeinheit sie entgegensetzend den historischen Wissenschaften, durch die Nützlichkeit den "unnützen Spekulationen". Es ist unnötig diese Notizen zu häufen; aus dem Angeführten geht hinlänglich hervor, daß der in Deutschland im 18. Jahrhundert übliche Begriff von Philosophie alle theoretische Erkenntnis, alle Erkenntnis von Gesetzen des physischen und psychischen Geschehens einschließt. Neben der Philosophie gibt es nur  nud facti notitia,  die historische Erkenntnis, die freilich für die Wissenschaft unentbehrlich, aber selbst nicht Wissenschaft ist.

In der empiristischen Entwicklungsreihe wird man mehr geneigt sein die Gleichsetzung von Wissenschaft und Philosophie selbstverständlich zu finden. In der Tat ist sie in England, wie die Verwendung des Wortes  philosophy  zeigt, stets herrschend gewesen. NEWTON nennt sein großes Werk  naturalis philosophiae principia mathematica.  Ebenso heißt noch heute Physik, theoretische und experimentelle,  natural philosophy.  Der andere Zweig der theoretischen Wissenschaft heißt  moral philosophy,  umfassend die Untersuchungen über die Erscheinungen des Bewußtseins;  inquiry into the origin of our ideas  etwa von Tugend oder Schönheit usw. ist der immer wiederkehrende Titel der Bücher dieses anderen Teils der "philosophischen" Literatur. Kaum bleibt neben diesen Wissenschaften, welche den Umfang des Begriffs  philosophy  einnehmen, ein enger Raum für erkenntnistheoretische und metaphysisch-theologische Untersuchungen.  Philosophy  oder  science  hat zum Gegenstand die Erkenntnis der Gesetze des Wirklichen. Darüber hinaus gibt es für wissenschaftliches Erkennen keine Gegenstände; höchstens für den Glauben, aber der ist Sache der Kirche. Metaphysische oder kritische Untersuchungen, wie HUMEs, werden mit Kälte und Mißtrauen aufgenommen.

Es bedarf dies keiner ausgeführten Nachweisung. Nur LOCKE mag erwähnt werden. Er braucht das Wort  philosophy  synonym mit  science  oder  knowledge.  In der Vorrede zum "Versuch über den menschlichen Verstand" erklärt er, die echte Philosophie sei nichts als die "wahre Erkenntnis der Dinge", er stellt sich mit dieser Erklärung ausdrücklich einer falschen (scholastischen) Philosophie gegenüber, welche durch vage und sinnlose Redensarten lange imponiert hat, jetzt aber in guter Gesellschaft und gebildeter Unterhaltung sich nicht mehr sehen lassen kann; sich selbst bringt er in die Gesellschaft von BOYLE, SYDENHAM, HUYGHENS, NEWTON; auf dieser Seite, als Hilfsarbeiter bei der Reinigung des Bodens und der Entfernung von einigem Schutt verwendet zu werden, war sein Ehrgeiz. - Hierzu stimmt die Einteilung der Wissenschaften im Schlußkapitel des Essay. Es sind drei Gruppen:  Physica  oder  natural philosophy,  welche sich mit den Dingen, und zwar gleicherweise mit Geistigem und Körperlichem beschäftigt, und deren Ziel theoretische Erkenntnis  (speculative truth); Practica,  welche die Anwendung unserer Kräfte zur Erreichung unseres Ziels, des Glücks, untersucht;  Semeiotica,  welche von den Zeichen, womit unsere Erkenntnis operiert, handelt, nämlich von den  ideas,  den Zeichen der Dinge, und den Worten, den Zeichen der Ideen, also Logik. - Ausgeschlossen ist bei LOCKE und seinen Nachfolgern, wie stets und überall, nur dasjenige gegenständliche Erkennen, welches noch nicht Wissenschaft ist, d. h. die Perzeption des Einzelnen in der Sensation oder der Erinnerung. Wissenschaft besteht aus allgemeinen Wahrheiten; die beschreibende Aufzählung der Einzeltatsachen ist nicht Wissenschaft und also nicht  philosophy.  - Diese Auffassung und dieser Sprachgebrauch hat sich in England bis auf den heutigen Tag erhalten und es ist nicht zu erwarten, daß eine in jüngster Zeit emporkommende größere Teilnahme an metaphysischen Fragen hieran etwas ändern wird: die englische Metaphysik wird sich, um den glücklichen Terminus eines hervorragenden Vertreters derselben zu gebrauchen, nicht als metempirische Spekulation von den Wissenschaften loslösen. Sind es doch wesentlich die positiven Wissenschaften selbst, welche das neue metaphysische Interesse erzeugt haben.

Mit der englischen Philosophie selbst wandert auch die Wortbedeutung in Frankreich ein. Die große  Enzyklopädie  des vorigen Jahrhunderts eignet sich, bei alphabetischer Form, BACONs systematische Einteilung der Philosophie an. In diesem Jahrhundert ist dieselbe Auffassung und Bezeichnung vertreten durch COMTEs "Enzyklopädie der Wissenschaften" unter dem Namen  philosophie positive.- 

Von der rationalistischen Richtung ausgehend und in sehr wesentlichen Stücken stets in ihr beharrend oder zumindest zu ihr zurückkehrend, z. B. im Festhalten an ihrer Definition des Wissens, daß es aus lauter streng allgemeinen oder notwendigen Urteilen besteht, hat KANT das Verhältnis von Philosophie und Wissenschaft umgestaltet und zu der radikalen Entgegensetzung Anleitung gegeben, welche seit Anfang dieses Jahrhunderts in Deutschland herrschend wurde. Zwar der Definition nach fallen auch bei ihm, wie bisher, Philosophie und Wissenschaft zusammen: Wissenschaft enthält nur die notwendigen Urteile; notwendige Urteile entspringen alle aus reiner Vernunft; und Philosophie ist das System aller Urteile aus reiner Vernunft. Aber die Gruppen von Erkenntnissen, welche tatsächlich bisher mit dem Namen  Wissenschaft  benannt wurden, drängt er aus dem Umfang des Begriffs der Philosophie heraus: die Physik und die Psychologie sind nach ihm nicht mehr, zumindest nicht im bisherigen Umfang Teile der Philosophie. Die Psychologie wird überhaupt nicht als Wissenschaft anerkannt, und in der Physik wird unterschieden zwischen einem reinen und einem empirischen oder gemischten Teil. Wo die Grenzen zwischen diesen beiden Teilen verlaufen, wo die Naturgesetzgebung durch den Verstand aufhört und die Naturgesetzgebung, die wir nur durch Erfahrung kennen lernen, anfängt, ist nicht leicht zu sagen und hier nicht zu untersuchen. Äußerungen wie die: "Auf mehrere Gesetze aber, als die, auf denen eine  Natur überhaupt als Gesetzmäßigkeit der Erscheinungen in Raum und Zeit, beruth, reicht auch das reine Verstandesvermögen nicht aus, durch bloße Kategorien den Erscheinungen  a priori  Gesetze vorzuschreiben;  besondere  Gesetze, weil sie empirisch bestimmte Erscheinungen betreffen, können davon nicht  vollständig  abgeleitet werden; es muß Erfahrung dazu kommen um die letzteren überhaupt kennen zu lernen" (Kr. d. r. V. § 26, Schluß), solche Äußerungen sind wenig geeignet, die Sache klar zu machen. (1) Klar ist nur soviel, daß KANT aus dem bisherigen  corpus  der Physik einen Teil ausscheiden will, um ihn in einer Transzendentalphilosophie oder einer Metapyhsik der Natur aus reiner Vernunft, nicht durch Erfahrung, zustande zu bringen. Freilich scheint dieser Abschnitt nicht allzugroß zu werden, und der nach Abschöpfung des Philosophischen übrigbleibende Rest möchte wohl behaupten, die eigentliche Wissenschaft der Physik zu sein.

Damit ist dann der verhängnisvolle Schritt getan. Philosophie steht nicht mehr mit den Wissenschaften zusammen der noch nicht Wissenschaft seienden Tatsachensammlung gegenüber; die Wissenschaft wird auf die andere Seite gedrängt und Philosophie bleibt allein gegenüber der Empirie und den Wissenschaften.

Es ist die Ansicht, daß es eine doppelte  Art  des Erkennens gibt, welche diese Umgestaltung bewirkt hat. Die bisherige Erkenntnistheorie kennt nur  eine  Methode: Der Rationalismus die mathematische Ableitung aus Prinzipien, mittels welcher zuletzt die ganze Naturwissenschaft vollendet, d. h.  alle  Naturgesetze abgeleitet werden sollen; der Empirismus die Kombination von empirisch gegebenen Daten zu präsumtiv allgemeinen Gesetzen, mittels welcher  alle  Naturgesetze, vom untersten komplexen Gesetz der Physiologie und Psychologie bis zu den Gesetzen der Mechanik und den allgemeinsten Gesetzen der Sukzession und Koexistenz (den Gesetzen der Kausalität und Substantialität) gefunden werden. KANT hat zuerst  zwei  Arten gegenständlicher Wissenschaft: eine  ex principiis  und daneben eine andere  ex datis.  Er ist darüber auch vollkommen im Klaren, daß auf der Unterscheidung der zwei Methoden die Konstitution von zwei Arten von Wissenschaften, philosophischen und empirischen, beruth. Die Metaphysik, sagt er in der Architektonik der reinen Vernunft (Seite 554, Ausgabe HARTENSTEIN, 1867), ist deshalb nicht zu einer reinlich und sicher abgegrenzten Wissenschaft geworden, weil "die Unterscheidung der zwei Elemente unserer Erkenntnis, deren die einen völlig  a priori  in unserer Gewalt sind, die anderen nur  a posteriori  aus der Erfahrung genommen werden können, selbst den Denkern von Gewerbe nur sehr undeutlich blieb", indem man, statt auf den Unterschied der Quellen zu sehen, nur die größere oder geringere Allgemeinheit vor Augen hatte. - Metaphysik aber, der Natur und der Sitten, einschließlich Kritik, "machen eigentlich allein dasjenige aus, was wir im echten Verstand Philosophie nennen können." (Seite 558)

Auf kleine Abweichungen in der Darstellung, z. B. daß gelegentlich auch von einer "empirischen oder angewandten Philosophie" die Rede ist, auf die Einteilung der reinen Philosophie oder Metaphysik mit ihren kleinen Variationen und ihren dialektischen Wissenschaften, die eigentlich keine sind, ist kein Grund hier einzugehen. Nur das mag noch erwähnt sein, daß KANT unter den Rationalisten der erste ist, der die  Mathematik  durch einen methodologischen Unterschied von der Philosophie trennt. Bei den Engländern hatte HUME den schon von HOBBES und LOCKE berührten Unterschied der Wissenschaften von Beziehungen zwischen Begriffen (relations of ideas) und von Tatsachen (matter of fact) auf feste Begriffe gebracht und ihren völlig verschiedenen methodologischen Charakter angezeigt. Bei den Rationalisten konnte diese Unterscheidung nicht zur Klarheit gebracht werden: die Gültigkeit oder Realität der Begriffe wurde nach ihnen überall nur an der der  denominatio intrinseca  [innersten Überzeugung - wp] der Klarheit und Deutlichkeit erkannt; daher den mathematischen Begriffen in demselben Sinn Objektivität zukam wie den Begriffen etwa des Körpers oder der Seele oder Gottes. Freilich wurden daneben seit LEIBNIZ  verités de raisonnement  [Vernunftwahrheiten - wp] und  verités de fait  [Glaubenswahrheiten - wp] unterschieden; aber diese Dinge kommen überall nicht zu einer klaren oder festen Auseinandersetzung.

Daher bleibt dann auch in der Bestimmung des Verhältnisses von Mathematik und Philosophie Unsicherheit. Mathematik wird von der Weltweisheit unterschieden als Wissenschaft von den quantitativen Bestimmungen, während diese von den qualitativen handelt. Aber gehört nicht die Erkenntnis der quantitativen Bestimmungen der dinge mit zur Gesamterkenntnis der Dinge, also zur Weltweisheit? In der Tat handeln sowohl WOLFF wie auch BAUMGARTEN in der Ontologie die Grundbegriffe der Mathematik ab, und CRUSIUS verweist nur aus äußeren Zweckmäßigkeitsrücksichten die Mathematik aus seinem "System der notwendigen Vernunftwahrheiten". - KANT erst trennt auch die Mathematik von der Philosophie durch einen methodologischen Unterschied: sie ist Wissenschaft aus Konstruktion der Begriffe, während Philosophie Wissenschaft aus Begriffen ist, ein Unterschied, dessen Deutung uns hier nicht beschäftigt.

In KANTs Sinne sollte nun freilich diese begriffliche Trennung von Philosophie und empirischen Wissenschaften keineswegs eine feindselige Entzweiung, eine Herabsetzung dieser zur Folge haben. Im Gegenteil, die empirischen Wissenschaften bleiben in gewissem Sinne die einzigen Wissenschaften; gerade KANT hat die rein rationalen Wissenschaften, die transzendente Metaphysik mit ihrer reinen Vernunfterkenntnis von Gott, Freiheit und Unsterblichkeit in Deutschland um ihr Ansehen gebracht. Seine reine Naturwissenschaft, die apriorische Naturgesetzgebung, hat gar keine Bedeutung als "in Beziehung auf" mögliche Erfahrung. Aber ein Gedanke, nachdem er einmal in die Welt gesetzt ist, steht nicht mehr unter der Herrschschaft seines Erzeugers. KANTs Idee einer rein  a priori  zustande zu bringenden Wissenschaft ist die Wurzel der philosophischen Entwicklung, welche am Anfang dieses Jahrhunderts in Deutschland aufkommt und die noch heute nicht ganz überwundene Trennung und Feindschaft zwischen der Philosophie und den Wissenschaften einführt.

Anfänglich schien diese neue Konstituierung der Philosophie in völliger Unabhängigkeit von den Erfahrungswissenschaften sie zu schneller Blüte zu führen. In kurzer Zeit schießen eine ganze Menge philosophischer Systeme aus der kantischen Wurzel auf, in brauche nur an die Namen von FICHTE, SCHELLING, HEGEL zu erinnern, denen sich ein ganzer Schwarm von gleichgearteten Produktionen anschließt. Es ist nicht notwendig auf die Modifikationen in der Ansicht von der apriorischen Methode, auf die verschiedenen metaphysischen Substruktionen dieses neuen Rationalismus einzugehen. Alle wollen ein System von rein  a priori  möglichem Wissen darstellen. Alle betonen, daß ihr Wissen ein von dem in den bisherigen Wissenschaften gegebenen der Art nach verschiedenes ist:  spekulative  Wissenschaft ist der neue Name, mit dem der Artunterschied, die Unabhängigkeit und Superiorität der Philosophie gegenüber der Erfahrung und den sogenannten Wissenschaften bezeichnet wird. "Die Wissenschaftslehre", sagt FICHTE (Grundriß des Eigentümlichen der Wissenschaftslehre, § 1), "fragt schlechterdings nicht nach der Erfahrung und nimmt auf sie schlechterdings keine Rücksicht. Sie müßte wahr sein, wenn es auch gar keine Erfahrung geben könnte." SCHELLING protestiert zwar in einem Aufsatz aus dem Jahr 1797 (Werke, erste Abteilung, I, Seite 464) auf das Lebhafteste gegen die Behauptung der "großen Sippschaft der Halbköpfe", daß Philosophie und Erfahrung im Zwist leben; der Gegensatz sei gänzlich verschwunden, "das Objekt der Philosophie ist die wirkliche Welt." Aber welche Erfahrung ist das? Daß es nicht die in den sogenannten Wissenschaften bearbeitete ist, darüber hat er keinen Zweifel gelassen. In einem kleinen Aufsatz aus derselben Zeit, betitelt: "Benehmen des Obskurantismus gegen die Naturphilosophie" (Werke, erste Abteilung, IV, Seite 548), heißt es:
    "Die Naturphilosophie ist eine ganz andere Erkenntnisart, eine völlig neue Welt, in die es von der, worin die jetzige Physik ist, gar keinen möglichen Übergang gibt, die überhaupt ganz für sich selbst, in sich beschlossen ist und keine äußeren Beziehungen hat."
Die Physiker, fügt er hinzu, mögen dies umso ruhiger ansehen und ihre Art des Wissens forttreiben, als
    "ihre Kaste weit und ansehnlich verbreitet ist, und sie ihr eingebildetes Wissen in ein System gebracht und diese förmlich  organisierte Unwissenheit  über die ganze kultivierte Welt verbreitet haben."
Den Gegensatz noch bestimmter zu bezeichnen mögen an einer anderen Stelle (Ideen zu einer Philosophie der Natur, 2797; Werke, erste Abt. II, Seite 70) genannte Namen dienen:
    "Mit der Naturphilosophie beginnt, nach der blinden und ideenlosen Art der Naturforschung, die seit dem Verderben der Philosophie durch BACON, der Physik durch BOYLE und NEWTON allgemein sich festgesetzt hat, eine höhere Erkenntnis der Natur; es bildet sich ein neues Organ der Anschauung und des Begreifens."
Wem drängt sich hier nicht LOCKEs oben erwähnte Äußerung über seine Stellung zu diesen Männern zum Vergleich auf? - Genug zur Charakteristik dieser neuen Philosophie. Ich verzichte darauf, den seligen Schatten der HEGEL'schen Dialektik zu zitieren, die in der Selbstbewegung des Begriffs das vollkommene System erzeugt und Erfahrung und Wirklichkeit als unwahr und ideenlos schilt, wo sie eigenen Willen zeigen und sich nicht darauf beschränken als freilich unnötige Bestätigung angeführt zu werden.

Noch nie hatte die Philosophie eine so stolze Sprache geführt; so lange die spekulative Methode in Ansehen stand, schien sie erst durch diese gänzliche Abtrennung vom gemeinen Wissen der Wissenschaften ihr wirkliches Wesen, ihre eigentliche Gestalt gewonnen zu haben. Als aber der dialektische Zauberschlüssel seine Kraft verlor, als die neuen Formeln abgegriffen und ihr Glanz verblaßt war, da war die Philosophie in einer sehr bedenklichen Lage. Es ging ihr, wie dem Hund in der Fabel: ihr früheres Wissen hatte sie den sogenannten Wissenschaften überlassen, um nach einem höheren zu greifen. Dies erwies sich als ein Schatten, und nun hatte sie nichts.

Und nun vergalten die Wissenschaften der Verarmten ohne Erbarmen den Hohn, womit sie bisher von ihr behandelt worden waren: Philosophie sei überhaupt keine Wissenschaft, sondern ein Scheinwissen. Ihr Gebiet sei das Nichtwirkliche, das PLATON, mit einer Vertauschung der namen, dem Sophisten oder Empiriker zugewiesen hat, da es vielmehr offenbar dem mit "Ideen" beschäftigten Philosophen erb- und eigentümlich zugehört. Jenseits der empirischen Untersuchung der exakten Wissenschaften gibt es überhaupt nichts mehr. Metaphysik wrid der Kern und Hauptteil der Philosophie genannt, mit einem bezeichnenden Namen: sie sucht, was hinter der Physik, hinter der Natur, hinter der wirklichen Welt ist. - Höchstens ließ man ihr, in einem Augenblick milderer Stimmung, etwa die Hoffnung, daß sie durch ihre regellosen Geniesprünge zufällig einmal auf einen verwertbaren Gedanken kommen möge, der dem soliden Forscher, welcher sich von Extravaganzen der Phantasie fern hält, vielleicht erst später eingefallen wäre. So möge sie in ähnlicher Weise der Wissenschaft vorausgehen, wie etwa Räuber und allerlei Arbeit und Ordnung hassendes Gesindel in Amerika als Pioniere der Zivilisation dem Ackerbauer und Städtegründer vorangehen.

Was tat nun dem gegenüber die Philosophie? Das Gebotene war, diese Episode in ihrer Entwicklung von KANT bis auf HEGEL zu desavouieren [herabwürdigen - wp] und wieder auf ihren alten Begriff zurückzugehen: sie sei Inbegriff allen Wissens, dasselbe möge wie auch immer erworben sein. Hierzu aber fand sie und hat, wie es scheint, auch heute noch nicht ganz den Mut gefunden; wir werden sehen, warum nicht. Sondern sie ließ sich den Zufall, der sie betroffen hat, als ihr Wesen aufdrängen. Sie ließ die exakten Wissenschaften, die vordem Teile ihres Gebietes ausgemacht hatten, dann als noch nicht wissenschaftlich ausgesondert worden waren, jetzt, nachdem sich dieselben den Charakter von Wissenschaften wieder erobert hatten, außerhalb ihres Begriffs und suchte sich daneben ein eigenes Gebiet zu umgrenzen. In diesen Grenzen behielt sie nun nur die noch nicht exakten Wissenschaften, d. h. diejenigen Gruppen von Kenntnissen und Überlegungen, die sich noch nicht als selbständige Wissenschaften hatten abschließen und einen unabhängigen Bestand und Wachstum gewinnen können, also etwa Metaphysik, Psychologie, Erkenntnistheorie, Ethik, Ästhetik und Philosophie der Geschichte und etwa noch Logik, die durch Tradition zu fest mit dem Namen der Philosophie verwachsen war, als daß auch sie, sonst exakte Wissenschaft zu sein sich rühmend, von ihr sich loszureißen versuchen mochte. Was dagegen hoffen konnte als selbständig konstituierte Wissenschaft sich fortzubringen, Physik, Nationalökonomie usw., das machte sich von ihr los, denn der Beiname philosophisch verlieht einer Wissenschaft nicht mehr einen höheren Charakter, sondern umgekehrt bezeichnete er, ganz entgegen dem Sinn, den er immer gehabt hatte, diejenigen Wissenschaften, welche noch keine waren. Und die Philosophie ließ sich das gefallen: sie ließ es geschehen nunmehr gleichsam als Mutterschoß oder Pflanzenbeet der Wissenschaften zu gelten, während des ersten Keimens und Wachstums die noch zarten Pflanzen in ihrem Gehege zu bergen, um dann, so wie die Pflänzlinge einige Festigkeit gewannen, ihrem Verlangen, ins Freie verpflanzt zu werden, nachzugeben.

Aus dieser Lage der Sache hat man nun versucht eine Definition der Philosophie zustande zu bringen. Freilich wird zu erwarten sein, daß für einen solchen Rest allen Wissens, der noch nicht Wissenschaft ist, ein angenehmer Begriff, der begreiflich macht, wie Philosophie zu diesem Umfang kommt, sich schwerlich bilden läßt.

Man hat Philosophie erklärt als die  Wissenschaft von den Prinzipien  oder vom Allgemeinen, im Gegensatz gegen die abgeleiteten oder besonderen Wissenschaften, und hat dann versucht, die üblicherweise noch philosophisch zubenannten Disziplinen als Teile, die den Umfang jenes Begriffs ausfüllen, nachzuweisen. Was zunächst letzteres betrifft, so liegt auf der Hand, daß diese Definition gar nicht geeignet ist verständlich zu machen, wie gerade diese Disziplinen als philosophische zusammenkommen. Wenn man etwa von Logik und Metaphysik in gewissem Sinne sagen kann, daß sie das Allgemein oder die Prinzipien zum Gegenstand haben, so ist doch gar nicht abzusehen, wie etwa Ethik und Ästhetik in einem anderen Sinn so genannt werden können, als notwendig jede andere Wissenschaft; oder warum Psychologie oder Geisteswissenschaft mehr eine Wissenschaft von den Prinzipien ist als Physik. - Verständlich dagegen ist dieses Mißverhältnis von Definition und Einteilung aus der geschilderten historischen Entwicklung des Begriffs: der Umfang der Philosophie ist nicht entworfen aus der Definition, sondern gegeben durch die Summe von Disziplinen, welche an den "philosophischen" Lehrstühlen deutscher Universitäten hängen geblieben sind, nachdem eine Wissenschaft nach der anderen sich ihren selbständigen Lehrstuhl erobert hat. Natürlich genug, daß dieser Rest sich nicht begrifflich konstruieren lassen will.

Sehen wir ab von diesen Schwierigkeiten und betrachten die Definition selbst, so sehe ich nicht ein, wie wir umhin können ihr den Vorwurf gänzlicher Unbestimmtheit und innerer Unbegrenztheit zu machen. Das Allgemeine oder Prinzipielle ist ein relativer Begriff: wo hört es auf, wo fängt das Besondere, das Erbteil der Wissenschaften an? Alle Raben sind schwarz, ist nicht minder eine allgemeine Wahrheit wie: alle Körper sind schwer, oder: alle Ereignisse haben eine Ursache. Gehören nun diese Sätze alle zur Philosophie? Nun, dann sind wir ja bei ihrem alten Begriff:  alles  Wissen gehört zur Philosophie. Wenn nun jene Ansicht das nicht will, wie dann die Grenzscheide abstecken? Ich fürchte, wir sehen uns hierfür wieder auf den Umfang verwiesen; das Beispiel logischer und metaphysischer Wahrheiten in ihrer üblichen Abgrenzung möchte den Begriff eingegeben haben. Aber in was für Schwierigkeiten wir hier bald kommen, wurde schon angemerkt. Und ferner, wo hört die Metaphysik auf?

Nächst verwandt damit ist die Erklärung: die Philosophie sei die Wissenschaft, welche den besonderen Wissenschaften die "unbesehenen Grundbegriffe" erklärt. Aber warum sollen die besonderen Wissenschaften ihre Grundbegriffe nicht selbst besehen? Weil sie, sagt man, nur im Zusammenhang mit den Grundbegriffen aller anderen besonderen Wissenschaften erklärt werden können. - Nun so werden sich eben alle besonderen Wissenschaften vereinigen müssen in eine einzige, und Philosophie wird auch hiernach wieder Inbegriff der Wissenschaften.

Oder kann die Vereinigung aller besonderen Wissenschaften das nicht leisten? kann nur Philosophie als eine besondere Wissenschaft neben den einzelnen so etwas leisten? Es gibt eine Voraussetzung, unter der diese Aufstellung verständlich ist: wenn Philosophie eine ganz  andere Art  von Wissen ist als das der besonderen Wissenschaften. Und von hieraus würde dann auch jene an den vorigen Definitionen vermißte Begrenzung zwischen dem Allgemeinen oder Prinzipiellen und dem Besonderen zu suchen sein. Eine verschiedene Methode ist es, die zum philosophische und die zum Wissen der besonderen, nicht prinzipiellen Wissenschaften führt.

In der Tat wird man bei den Vertretern dieser Definitionen eine Neigung zu dieser Behauptung finden: die Philosophie geht vom Ganzen zum Einzlnen, die besonderen Wissenschaften den entgegengesetzten Weg; oder: Philosophie verfährt  deduktiv,  die Wissenschaften  induktiv.  Uns will aber scheinen, daß man sich bisher noch nicht sehr klar über den Unterschied dieser Verfahrensweisen ausgelassen hat. Kann man zum Ganzen kommen, ohne durch das Einzelne? Hat man das Ganze ursprünglich? Wenn nicht, beruth dann nicht die wissenschaftliche Forschung ganz auf dem Verfahren, das als Induktion bezeichnet wird? Ist nicht der Weg vom Ganzen zum Einzelnen bloß eine Umkehrung, die weder Inhalt noch Sicherheit unseres Wissens vermehrt?

Und die Deduktion als wissenschaftliche Methode werden sich wohl die exakten Wissenschaften nicht abspenstig machen lassen und irgendeiner anderen Wissenschaft, etwa der Philosophie, ein Monopol ihrer Anwendung einräumen. Der Physiker oder Nationalökonom wird nicht mehr glauben Philosoph zu sein, wenn er deduktiv durch die Kombination einfacher Gesetze komplexe Gesetze ableitet, als wenn er beobachtet und experimentiert oder statistische Data sammelt: ja er wird behaupten, nicht einen Schritt in seiner Wissenschaft tun zu können ohne Anwendung beider Verfahrensweisen. Räumt man dies ein (und es pflegt eingeräumt zu werden), wo bleibt dann die Aufgabe der Philosophie, neben oder über den besonderen Wissenschaften stehend, mit ihrer besonderen Methode jenen die Grundbegriffe zu erklären?

Ich fürchte, diese letztere Formulierung der Definition: die Philosophie erkläre die unbesehenen Grundbegriffe der besonderen Wissenschaften, hat auch keinen anderen Grund als die tatsächliche Erscheinung, um nicht zu sagen, den Mißbrauch, daß die empirischen Wissenschaften gewisse Begriffe oder Probleme, mit denen sie sich nicht befassen mögen, als "philosophische" auszuscheiden die Gewohnheit haben oder vielmehr hatten, wie etwa Chemie den Begriff der Materie, Geschichte das Problem: ob die Entwicklung der Menschheit eine zusammenhängende, auf ein Ziel gerichtete ist. - Aber die Philosophie hat Grund vor diesem Verfahren auf der Hut zu sein; sie scheint, wenn ihr Wesen daher bestimmt wird, einigermaßen zu werden, was man, mit HEGEL'scher Reminiszenz, die Gosse nennen könnte, in der alle ungelösten Probleme zusammenfließen. Wenigstens muß sie dann verlangen, daß nicht bloß die ungelösten Probleme, die unbesehenen Grundbegriffe, sondern auch die gelösten Probleme und die besehenen Begriffe hineingeleitet werden. Was soll sie sonst mit jenen machen?

Und von Seiten der Einzelwissenschaften beruhte dieses Verfahren, der Philosophie ihrer Grundbegriffe zu überlassen, auf einer offenbaren List. Sie entledigten sich solcher Probleme, mit denen sie sich einstweilen nicht befassen mochten, indem sie dieselben der Philosophie überließen. Aber die harmlose sah sich schmählich getäuscht, wenn sie nun mit dem besehenen Grundbegriff, etwa der Materie, der Chemie ein Geschenk zu machen gedachte. Natürlich, diese hatte nie einen Augenblick daran gedacht, sich den Begriff der Materie erklären zu lassen von jemandem, der nie einen Fuß in ein Laboratorium setzte. Und wie es scheint, ist die Zeit nicht mehr fern, wo die Philosophie seitens der Psychologie ebenso eine allgemeine Zurückweisung erfahren wird, wenn sie dieser den Begriff der Seele, metaphysisch zubereitet, an die Hand geben will.

Andere haben der Philosophie ein bestimmter begrenztes Gebiet zugewiesen; sie ist z. B. als  Geisteswissenschaft  oder als  Erkenntnislehre  bestimmt worden. Aber einer solchen Beschränkung auf einen einzelnen Gegenstand widerstrebt offenbar das Herkommen. Warum benennt man Wissensbereiche, die schon einen anderen Namen haben (Psychologie, Logik), mit dem Namen  Philosophie,  der ebenfalls herkömmlich eine andere Bedeutung (Inbegriff des Wissens) hat oder wenigstens hatte? Will man die Gültigkeit dieses letzteren Begriffs leugnen? Oder soll damit angedeutet werden, daß Geisteswissenschaft oder Erkenntnistheorie mit jeder  omnitudo scientiarum  gleichen Umfang hat? Was die Geisteswissenschaft anlangt, so steht sie nach dem Sprachgebrauch zunächst als Glied einer Einteilung neben Naturwissenschaft (im engeren Sinn einer Körperlehre). Soll der Name nun gleichbedeutend mit Philosophie für die Einheit allen Wissens gebraucht werden, so müßte dies etwa dadurch gerechtfertigt werden, daß man sagt: die Wissenschaft vom menschlichen Geist umfaßt auch sein ganzes theoretisches Verhalten, und also alles Wissen, auch das von Körpern. Dagegen wäre dann freilich formell kaum etwas einzuwenden; die ganze Welt ist uns freilich nur gegeben, insofern sie in unserem Bewußtsein vorkommt. Aber ich sehe nicht, was ein solches Verfahren gegen ein anderes einwenden könnte, das Philosophie etwa als Geographie erklärt: denn bei der Betrachtung jedes Landes muß seine Bevölkerung, ihre körperliche und geistige Bildung betrachtet werden; also fällt alles Wissen in die Geographie, sie ist die  omnitudo scientarium.  Jenes wäre ein äußerliches Prinzip, wie dieses.

Und wollte man etwa sagen, durch jene Bezeichnung wird die große Wahrheit eingeschärft, daß wir kein absolutes, sondern nur subjektives Wissen, Wissen vom Standpunkt des menschlichen Geistes haben, so möchte darauf mit LOTZE zu erwidern sein, daß es freilich gut ist, diese Wahrheit einzusehen, daß es aber gar nicht gerechtfertigt ist, den Sprachgebrauch, der allerdings ohne Berücksichtigung derselben gebildet ist, umzuändern. Jene Wahrheit anzuerkennen werden wir durch den Sprachgebrauch so wenig gehindert, als etwa durch die Beibehaltung der gewöhnlichen Redeweise an der Anerkennung der kopernikanischen Himmelsanschauung.

In jüngster Zeit scheint eine Neigung aufzukommen, Philosophie mit Erkenntnistheorie zu identifizieren. Aber Erkenntnistheorie beschäftigt sich mit der im Namen noch deutlich durchklingenden Eymologie nach mit dem Wissen, sofern es Wissen ist, also lediglich mit der Form des Wissens. Wenn man also nicht mit FICHTE, der sie  sogenannte Philosophie  zuerst als Wissenschaftslehre bezeichnete, der Überzeugung ist, daß Form und Inhalt des Wissens wesentlich Eines und miteinander abzuleiten sind, so läßt man billig neben Erkenntnistheorie den Begriff einer Wissenschaft bestehen, welche das Wissen nicht bloß nach seiner Form, sondern auch nach seinem Inhalt umfaßt; für welche Wissenschaft dann aber der Name  Philosophie  ein historisches Recht hätte vorbehalten zu werden.
Statt in solchen kritischen Erörterungen fortzufahren möchte es fruchtbarer sein, den Versuch zu wagen, die Ursachen aufzuzeigen, welche von der Rückkehr zu dem alten, umfassenden Begriff der Philosophie abhalten. Mir scheinen dieselben zum größten Teil in dem Umstand zu liegen, daß man die Definitionen nicht aus dem Standpunkt des Wissens, sondern der Wissenden entworfen hat. Es ist das persönliche Verhältnis zum  globus intellectualis,  das auf die Abgrenzung der Wissenschaften den größten Einfluß zu haben pflegt. Der aufmerksamke Beobachter wird eine große Menge von Beispielen dieser Erscheinung in der Geschichte der Wissenschaften finden. Begreiflich genug: jeder entwirft seinen geistigen Horizont, wie seinen physischen, um seinen eigenen Standort als Mittelpunkt. Durch diesen zieht er, wie auf der phänomenalen Himmelskugel, auch auf der geistigen die orientierenden Teilstriche. Der Historiker entwirft einen Begriff der Geschichte als Wissenschaft, wie er selbst sie besitzt; ebenso der Philosoph. Er definiert die Philosophie so, daß er dabei Philosoph, Inhaber dieser Wissenschaft, bleiben kann. Da kann man dann freilich den alten Begriff der Philosophie als Inbegriff allen Wissens nicht mehr brauchen. Denn wer dürfte sich dabei noch Philosoph nennen?

WOLFF, der über Mathematik und Physik so gut wie über Logik und Psychologie las und Lehrbücher schrieb, mochte noch jene Definition der Philosophie als Erklärung aller Dinge aus ihren Ursachen wagen. Nachdem inzwischen, während der Herrschaft der aprioristischen Philosophie und des Interregnums, das zwischen dieser und der Gegenwart liegt, die Naturwissenschaften ebenso wie die geschichtlichen Wissenschaften in dem Maße angewachsen sind, daß sie jede in eine Menge einzelner Disziplinen auseinander traten, deren jede einzelne eine ganze Menschenkraft in Anspruch nimmt, schien es geraten, jenen Begriff fallen zu lassen. Der Philosoph mochte glauben sich damit selbst aus der Welt hinaus zu definieren.

So entstand bei uns jener Begriff der Philosophie, dessen Umfang zuerst, vor dem Inhalt bestimmt ist, und zwar durch die Summe der Lehrfächer, über welche etwa der Definierende sich getraut Vorlesungen zu halten. Wobei es dann freilich ersichtlich genug bleibt, daß diese Disziplinen nicht durch eine Realunion (im Begriff), sondern durch eine Personalunion (im Lehrstuhl) verbunden sind. Steht Logik etwa in näherer Beziehung zu Ethik oder Ästhetik, als zu Physik? Schwerlich; sondern offenbar umgekehrt.

Aber für die Konstituierung des Begriffs einer Wissenschaft kann offenbar nicht maßgebend sein, ob die darin bezeichnete Aufgabe einen oder viele Köpfe erfordert, um auch nur das schon erworbene Wissen zu beherrschen, die erste Voraussetzung für die Vermehrung desselben. Ob Philosophie von irgendjemandem besessen werden kann, ob es Philosophen im Sinne von Inhabern der Philosophie geben kann, das ist eine Frage, die ihren Begriff gar nicht angeht. Philosophie ist, wie schon zu Anfang bemerkt wurde, eine Idee, deren Gültigkeit nicht aus dem, was wirklich ist, beurteilt werden kann; ihre Definition hat daher auf den Ort ihrer Wirklichkeit in einem Träger gar keine Rücksicht zu nehmen. - Will man übrigens die Frage nach dem Ort ihrer Wirklichkeit nicht fallen lassen, dann müßte man ihn offenbar in der philosophischen Fakultät suchen, der eigentlichen  universitas literarum,  neben welcher die übrigen Fakultäten nur als technologische Bildungsanstalten, nicht als wissenschaftliche  corpora  Selbständigkeit behaupten können. Es wird kein Zweifel sein, daß der von der philosophischen Fakultät, die sich ja auch durch Selbstteilung aus ursprünglicher persönlicher Einheit der theoretischen Wissenschaften entwickelt hat, abstrahierte Begriff mehr dem entspricht, was unter Philosophie von jeher verstanden wurde, als wenn man den Begriff bloß den "Philosophen vom Fach" entnähme.

Wir kehren also zu jenem alten Begriff der Philosophie, nach dem sie alles Wissen in sich begreift, zurück. Und hierzu scheinen alle, die jene KANT-HEGEL'sche doppelte Erwerbungsart von Wissen nicht anerkennen, genötigt. Ist alles Wissen um Tatsachen ein gleichartiges - nur Mathematik steht ihm gegenüber, da sie als solche nicht Wissen von Gegenständen enthält, sondern nur indirekt zur Erwerbung von solchen dient - gibt es nur  ein  Material alles gegenständlichen Erkennens, gegebene Erscheinungen, und nur eine Methode der Formung dieses Materials zu Wissenschaft, Induktion und Deduktion, die nur unterscheidbar, aber an keinem Ort trennbar sind, so strebt alles Wissen unaufhaltsam zu einer Einheit, in der alle Abgrenzungen relativ oder zufällig sind. Wie alles Wirkliche, verbunden durch tausend Beziehungen, eine Einheit, eine Welt bildet, so bildet alles Erkennen eine Einheit, eine Philosophie.

Einem doppelten Irrtum, der aus der Trennung von Wissenschaften und Philosophie entsprang, wäre mit der Rückkehr zum alten Begriff zugleich begegnet: dem Irrtum, daß es eine Philosophie geben kann unabhängig von den Wissenschaften, und umgekehrt, daß es Wissenschaft geben kann, die nicht zur Philosophie gehört. Der erste Irrtum darf für antiquiert gelten. Näher liegt wohl noch der andere unserer Zeit, obgleich auch er sichtlich im Niedergang ist. Man meinte Wissenschaft ist möglich ohne Philosophie und kommt ohne dieselbe wohl besser fort, oder verständlicher gesprochen: man meinte die Beziehung jedes Wissens auf eine Einheit allen Wissens ist geeignet, die Exaktheit der Forschung zu beeinträchtigen und von der Einzelarbeit abzuziehen. Man wies auf die vielbeschuldigte aprioristische Philosophie hin, welche manchen guten Kopf verdorben und das Wachstum der Naturwissenschaft aufgehalten hat.

Wenn das Letztere zugegeben werden müßte, so wäre damit doch nicht die allgemeine Folgerung bewiesen. Es war vielleicht eine schlechte Naturphilosophie, die sich der Herrschaft bemächtigt hatte. Sie glaubte die allgemeine Theorie für sich selbst hervorbringen und in sich selbst verifizieren zu können. So weit sie sich überhaupt mit den Tatsachen beschäftigt, geschah es nur, um sie in die fertige Theorie hineinzuzwängen, sie beschneidend und zurechtdrückend, wenn sie nicht in ihrer natürlichen Gestalt hineingehen wollten. - Dieses schlechten Verfahrens sich erwehrend mochten die Wissenschaften im ersten Augenblick kräftiger Reaktion glauben allen Versuchen einer letzten Konstruktion widerstreben zu müssen. Aber ungerechtfertigt wird das Widerstreben gegen die allgemeine Theorie, wenn diese sich ihrer wahren Stellung bewußt ist, wenn sie anerkennt, daß die gegebenen und wissenschaftlich erforschten Tatsachen die festen Punkte sind, an denen sie zu messen ist. Wenn sich das Einzelwissen weigert in eine solche Theorie, die ihren einzigen Beruf darin sieht, die allgemeinste Formel für die erkannten Tatsachen zu sein, einzutreten, oder vielmehr das Bestreben, eine solche Theorie aus sich selbst hervorzubringen, von sich ablehnt, dann hört es auf wissenschaftlich zu sein, und wird, was man im üblen Sinn empiristisch nennt. Banausisch könnte man auch sagen. Dem Wissen als solchem, abgesehen von seiner Nützlichkeit für die zufälligen Zwecke des sich Zurechtfindens unter den Dingen, abgesehen natürlich auch von der persönlichen Befriedigung, welche die isolierte Vertiefung auch in das kleinste Forschungsgebiet zu gewähren vermag, ist es wesentlich, einem letzten Ausdruck für unser Wissen um die Welt zuzustreben. Es sucht über das Ganze der Welt Aufklärung; alle einzelnen Kenntnisse haben ihm nur Wert als Bestimmungsstücke in einem gesuchten Weltwissen. -

Und nicht bloß in der Idee, sondern auch in der Wirklichkeit ist dies so. Beweis dafür ist die Tatsache, daß alle Forschung vom Nachsuchen nach einem allgemeinsten Wissen ausgegangen ist, daß, wie man sagt, Philosophie, profane oder religiöse, Mutter der Wissenschaften war. Das ist auch heute nicht anders. Der Trieb auf ein letztes Wissen ist die Seele aller, auch der vereinzeltsten, wissenschaftlichen Forschung. Vielleicht könnten die Spezialforschungen einige Zeit das Absterben dieser Seele überdauern, wie ja auch mit dem Tod eines Organismus nicht alle Lebensfunktionen sogleich aufhören. Mancher Einzelforscher mag von diesem zentralen Leben der Wissenschaften wenig oder nichts spüren; er, für seine Person, würde vielleicht ruhig fortarbeiten: die Maschinerie oder äußere Organisation der Wissenschaft triebe ihn eine Zeit lang weiter, als wenn keine Veränderung eingetreten wäre. Aber die übertragene Bewegung würde nicht lange das Erlöschen des nährenden Feuers überdauern; bald steht die Maschine still und auch jedes einzelne Rad ruht. So würde die Einzelforschung, wenn der philosophische Trieb einmal abstirbt, nicht lange ohne jene belebende Seele dauern. Mit der Philosophie stirbt die Wissenschaft. Warum hatte das Mittelalter keine wissenschaftliche Forschung? Weil das letzte Wissen in den Glaubensartikeln absolut unveränderlich, unverbesserlich gegeben war. Wozu nun ein einzelnes Wissen in Natur und Geschichte erwerben, das doch für die ganze Weltauffassung nichts austrug?

Sichtbar sind wir gegenwärtig in einer Bewegung aus jenem Übergangszustand, wo das Wissen sich fürchtete philosophisch zu sein, herauszukommen. Die Bearbeiter sowohl der Naturwissenschaften wie der Geisteswissenschaften beginnen die letzte Formung ihrer Ergebnisse selbst in die Hand zu nehmen. Ein sehr entschiedener Vertreter der philosophischen Richtung in den Naturwissenschaften sagt einmal: "Alle wahre Naturwissenschaft ist Philosophie und alle wahre Philosophie ist Naturwissenschaft." Gern lassen wir auch diese Umkehrung gelten, wenn Natur im Sinne der spinozistischen  natura,  der griechischen  physis  steht. Nicht minder ist in den historischen Wissenschaften im weitesten Sinn ein lebhaftes Bestreben wahrnehmbar, sich zu allgemeinen Wahrheiten zu erheben, philosophische Geschichte hervorzubringen. Es ist nicht meine Absicht über diese Bestrebungen hier eine Rundschau zu halten; auch sind jedem, der mit der neuesten Entwicklung der Wissenschaften nicht ganz unbekannt ist, zahlreiche Beispiele von Arbeiten zur Hand, welche die alten Namen von  natural  und  moral philosophy  auch bei uns zu Ehren zu bringen geeignet sind. Das Seitenstück zu dieser Erscheinung ist, daß von Männern, die nach Stellung und Tätigkeit als "Fachphilosophen" zu bezeichnen wären, das Studium der einzelnen Wissenschaften, physischer und historischer, lebhaft wieder aufgenommen worden ist. So haben von beiden Seiten her eine lange Reihe von bedeutenden Namen die aufgerichtete Scheidewand durchbrochen. Die Grenzlinie zwischen Philosophie und Wissenschaft ist so verwischt, daß ihre Spuren kaum noch zu finden sind. Sicherlich wird sie nie wieder zur trennenden Kluft.

Es ist das eine erfreuliche und vor allem von den sogenannten Philosophen von Fach mit Befriedigung und Hoffnung zu begrüßende Tatsache. Für ein Überbleibsel aus der Zeit des alten Gegensatzes von Philosophie und Wissenschaft darf es schon jetzt angesehen werden, wenn noch hin und wieder ein hartes Urteil über die Bestrebungen der empirischen Wissenschaften philosophisch zu werden laut wird. Die Wissenschaften kennen nicht eine zunftmäßige Konstitution, in der jeder auf die Bearbeitung eines genau begrenzten Gebietes eingeschränkt wäre; noch kennen sie Konkurrenz und Brotneid. Auch ihre Vertreter dürfen es nicht tun. - In der Tat ist Hoffnung, daß diese Überbleibsel bald gänzlich verschwinden.

Und damit sollte dann zugleich die Grenzlinie zwischen Philosophie und Wissenschaften verschwinden? Dem Inhalt nach, allerdings. Es bliebe etwa nur in der Behandlungsweise des Gegenstandes, im Habitus des Forschens ein Unterschied, für welchen man die Bezeichnungen philosophisch und empirisch beibehalten könnte. Ihrem Inhalt nach ist jede Wissenschaft philosophisch; aber jede Wissenschaft kann in philosophischer und in empirischer Weise behandelt werden. Ein Philosoph würde sein, dessen Forschung durch die Richtung auf jene letzte Einheit des Wissens bestimmt wird, ein Empiriker, der die Neigung hat bei einzelnen Tatsachen als letzten Wahrheiten stehen zu bleiben. Wir kehrten damit zurück zum platonischen Begriff:  ho synoptikus dialektikos:  Philosoph ist, wer ein Vermögen hat und übt, das Viele und Mannigfaltige in das Wesentliche und Eine zusammenzusehen.

In der Tat ist diese Auffassung dem Bewußtsein des Sprachgebrauchs niemals fremd gewesen; dasselbe hat sich niemals der Trennung der Wissenschaften nach ihrem Inhalt in philosophische und nichtphilosophische völlig angeschlossen. Auch die deutsche Sprache hat der Forschung eines GOETHE oder ALEXANDER von HUMBOLDT oder DARWIN auf dem Gebiet der Naturwissenschaften das Beiwort  philosophisch  nicht versagt und wird es ebensowenig historisch-philologischen Forschungen in der Art WILHELM von HUMBOLDTs oder STEINTHALs oder BUCKLEs versagen. Und umgekehrt würde sie sich ebenso sehr dagegen sträuben, einem scholastischen Logiker, der sein Geschäft in der Aufzählung der Urteilsformen und Schlußfiguren treibt, oder einem überlebten Metaphysiker, der hinter der Natur mit Entitäten und Kräften sich zu schaffen macht, den Namen eines Philosophen zuzugestehen, als etwa einem Historiker, dem Schlachttage und Geburts- und Todesjahre der wesentliche Inhalt der historischen Wissenschaft sind, oder einem Zoologen, dem die Wissenschaft mit dem Abzählen von Zähnen und Wirbeln abschließt. Von den Wissenschaften selbst wird dieser Sprachgebrauch anerkannt, wenn sie gewisse letzte sich ihnen aufdrängende Probleme als philosophische bezeichnen und vielleicht unter diesem Titel zu behandeln ablehnen, wenn z. B. die Geschichte das Problem der einheitlichen und fortschreitenden Entwicklung gegen ein aufzeigbares Ziel einer Philosophie der Geschichte oder die Zoologie das Problem der Entstehung der Arten einer Naturphilosophie oder etwa der Theologie zuweist. Was kann damit gemeint sein? Doch nicht dies, daß ohne die Kenntnis der geschichtlichen Tatsachen oder ohne Kenntnis der zoologischen, paläontologischen, physiologischen Tatsachen diese Probleme gelöst werden könnten; denn damit gäben die empirischen Wissenschaften ihre Notwendigkeit, sich selbst auf. Es kann also nur sagen wollen, wenn es anders nicht, wie wohl auch geschah, von einem Empiriker in der Absicht gesagt wurde, die Probleme selbst zu verhöhnen und die Beschäftigung damit als windige Spekulation zu verdächtigen, daß es seinem Mann von höherer Verstandeslage und umfassender Einsicht in alle angrenzenden Gebiete, der aber freilich auch mit den nächsteinschlagenden Tatsachen völlig vertraut sein muß, überlassen bleibt, sich an der Lösung derart schwieriger Probleme zu versuchen.

Und wo bleiben denn bei einer solchen Ansicht die "Philosophen von Fach?" Nun sie werden wie bisher, höchst wichtige Einzelwissenschaften bearbeiten: die Erkenntnistheorie, einschließlich Methodenlehre und Logik, die Psychologie und was man etwa bisher noch als philosophische Disziplinen bezeichnete. Freilich sind dies positive, einzelne Wissenschaften, so gut wie Physik oder Mathematik, und die Beschäftigung mit diesem Stoff wird jene noch nicht zu Philosophen machen, welcher Titel lediglich auf die Form geht. - Also wäre für eine eigentliche Fachphilosophie in dieser Ansicht doch kein Platz? Es scheint nicht. Wenn man nicht etwa sich entschließen will, als Fachphilosophie jenen Teil der Philosophie, der Metaphysik genannt wird, auszusondern. Freilich dürfte es dieser gleich schwer werden sich den Charakter einer  Wissenschaft  und den Charakter  einer  Wissenschaft zu vindizieren [beanspruchen - wp], womit dann übrigens die Wichtigkeit dieser Bestrebungen gar nicht verkleinert werden soll; im Gegenteil: an ihnen hängt unser höchstes Interesse, hängt schließlich unser ganzes Interesse an den Wissenschaften. Alle Einzelwissenschaften geben lauter einzelne Bestimmungsstücke des großen Welträtsels; Metaphysik dagegen wäre der Versuch, aus all diesen Stücken das lösende Wort zu finden, mit dem man dann rückwärts das Rätsel in allen Teilen zu lesen und verständlich zu machen vermöchte. Alle Versuche dieses Wort auszusprechen, möchten in einem besonderen und höchsten Sinn als philosophische gelten. -

Ob diese Versuche schließlich einmal zum Abschluß kommen? Es ist das dieselbe Frage, wie die: ob es Philosophie nicht bloß als Denkrichtung sondern als fertiges Produkt geben kann. So oft dies der Welt angekündigt wurde, so oft sah sie sich noch getäuscht und es herrscht vielleicht gegenwärtig mehr Mißtrauen gegen derartige Versicherungen als jemals zuvor. Wenn wir von leichtfertigen Materialisten absehen, die einen Sinn in der Behauptung finden: Vorstellung  ist  Bewegung, dann dürfte es heute keinen Metaphysiker geben, der auch nur selbst glaubt, daß er den Schlüssel zur Entzifferung der Welt in der Hand hat. Die Vollendung der Metaphysik hängt von der Vollendung der Wissenschaften ab; wenn sich nun schon die Einzelwissenschaften der Vollendung immer nur nähern, so ist damit gegeben, daß Metaphysik am wenigsten eine definitiv abgeschlossene Wissenschaft sein oder werden kann. Aber sie kann und muß mit dem Fortschreiten der Wissenschaften fortschreiten. Jedes Wachstum der Wissenschaften ist ein neues Bestimmungsstück im Rätsel der Wirklichkeit; es wird dadurch der Kreis möglicher metaphysischer Lösungen verengt; die Spekulation manches griechischen Philosophen, die Metaphysik manches Katechismus ist heute nicht mehr möglich. Freilich daß jemals ein Prinzip gefunden wird, welches die Auslegung der Welt so vollendet, daß keine Fragen übrig bleiben, weder auf dem Weg des Warum noch auf dem Weg des Wie, ist eine überschwängliche Hoffnung. Nähern mögen wir uns einem solchen; seine Erreichung liegt in unendlicher Ferne. Metaphysik oder Philosophie ist eine Idee, der ein kongruierender Gegenstand in dem Sinne nicht gegeben werden kann.
LITERATUR - Friedrich Paulsen, Über das Verhältnis der Philosophie zur Wissenschaft, Vierteljahrsschrift für wissenschaftliche Philosophie, Bd. 1, Leipzig 1877 Vierteljahrsschrift für wissenschaftliche Philosophie, Bd. 1, Leipzig 1877
    Anmerkungen
    1) Es sei dieser Punkt der Aufmerksamkeit derer, welche uns die kantische Erkenntnistheorie annehmbar zu machen bestrebt sind, auf das Dringendste empfohlen. Gibt es überhaupt empirische, also nicht notwendige und nicht streng, sondern nur präsumtiv [als wahrscheinlich angenommen - wp] allgemeine Gesetze in den tatsächlichen Wissenschaften, nämlich alle "besonderen" Gesetze, und müssen sie uns genügen, sollten wir uns denn nicht mit solchen überhaupt begnügen können? Sollte es einer "Rettung der Wissenschaften" bedürfen gegen die "skeptische" Ansicht HUMEs, daß auch die allgemeinsten Naturgesetze, z. B. das Gesetz der konstanten Sequenz der Erscheinungen, nur ein empirisches ist? Und wenn, wie soll diese Rettung geschehen? Wie soll etwa ein apriorisches Denkgesetz der Kausalität den "besonderen" Kausalgesetzen, für welche wir doch eigentlich allein interessiert sind, Allgemeinheit und Notwendigkeit verschaffen? Die Anmerkungen der Prolegomenen (§§ 20, 22) lassen den Nachfolgern, wie es scheint, Gelegenheit, sich in der Aufklärung dieses Punktes Verdienste zu erwerben.