tb-2 Die Wissenschaft und die TatPaul NatorpMoritz SchlickTheodor Elsenhans    
 
HEINRICH GOMPERZ
Zur Psychologie
der logischen Grundtatsachen

[1/6]
    I. Erkenntnis ohne Sprache
II. Wort und Begriff
III. Satz und Urteil
IV. Satzverbindung und Schluß
V. Anschauliches und begriffliches Denken

"Die Eingeborenen der Gesellschaftsinseln haben eigene Worte für Hundeschwanz, Vogelschwanz und Schafschwanz, aber kein Wort für Schwanz im allgemeinen. Die Aborigines haben keine gemeinsame Bezeichnung für Baum, Vogel, Fisch, die Eskimos eigene Worte für Seehundfang, Walfischfang und keine gemeinsame Bezeichnung. Sie kennen auch viele Worte, um Schläge mit verschiedenen Waffen auszudrücken, aber kein allgemeines Wort:  schlagen.  Die Zulus kennen kein einheitliches Wort für "Kuh, sondern nur verschiedene Ausdrücke für  weiße Kuh, braune Kuh  etc. Die Irokesen haben 13 Worte für die verschiedenen Arten des Waschens, und die Tasmanier haben keine Worte für Baum, hart, weich, kalt, warm, lang, kurz, rund."

Vorbemerkung

Die nachstehenden Erörterungen knüpfen sich in logischer Folge an einen Grundgedanken: die Abhängigkeit des diskursiven oder begrifflichen Denkens von der Sprache. Zu diesem Grundgedanken war ich selbständig gelangt, bei seiner Ausführung aber hatte ich die Freude, gar in vielen Punkten mit den Ansichten älterer und neuerer Denker übereinzustimmen. Dieselben sind, soweit sie mir bekannt wurden, gewissenhaft berücksichtigt worden. Jedoch wird ein Blick auf die Anmerkungen gewiß dartun, daß bei dieser Berücksichtigung Vollständigkeit weder erreicht, noch überhaupt angestrebt werden konnte. Bin ich mir doch bewußt, daß die Auslese der angezogenen Autoren in hohem Grad von Vorbildung, Studiengang und vielen anderen Zufälligkeiten abhängt. Infolgedessen hat die folgende Abhandlung vielleicht einen etwas ungleichmäßigen, stellenweise mosaikartigen Charakter angenommen. Trotzdem hoffe ich, daß die selbständige Auffassung des Grundgedankens durchwegs erkennbar geblieben ist. Es mußte auf zahlreiche Nebenfragen eingegangen werden: auch in Betreff dieser wird wohl die Scheidung von eigenem und fremdem Gut keine allzu schwierige sein. Übrigens wäre es kein gutes Anzeichen, wenn eine Ansicht über eine derartige Materie, die sozusagen  semper ubique et ab omnibus tractabatur,  [immer und überall wie alles behandelt, wp] sich nicht in vielen Punkten mit den Meinungen bedeutender Vorgänger berühren würde.


I. Abschnitt
Erkenntnis ohne Sprache

1. "Was wir in Schlußfolgerungen denken, das erkennt die Gottheit in einem einzigen Anschaun." Mit diesen Worten kennzeichnet einer der vornehmsten Begründer moderner Philosophie sowohl als Naturforschung, GALILEO GALILEI, das Verhältnis zwischen intuitivem und diskursivem Denken. (1) Die Gottheit hat hier neben ihrer theologischen auch eine typische Bedeutung und zwar in doppelter Richtung. Sie stellt das Ideal eines mit vollkommener Erkenntnis begabten und eines völlig unsozialen, isolierten Wesens dar. In diesem Licht besehen, besagt das Wort GALILEIs: je entwickelter das Erkenntnisvermögen eines Menschen und je weniger sein Denken ein soziales, auf Mitteilung gerichtetes ist, desto mehr näher es sich einem Denken, in reinen  nominibus propriis  In der Tat, ein solches Denken in Eigennamen, das die ganze Fülle der vielfältigen Erscheinungswelt überschauen, dabei alle Einzelheiten unterscheiden und doch die unendlich Zahl der zwischen ihnen herrschenden Beziehungen erfassen könnte, - dies wäre das Ideal einer allwissenden und eben darum sich selbst genügenden Intelligenz. Ein solches Ideal ist für uns Menschen unerreichbar. Eine Annäherung daran, wenigstens der Richtung nach, werden wir in wahrhaft genialen, d. i. mit scharfer und ausgebreiteter Beobachtung und mit Ursprünglichkeit begabten Denkern finden müssen. Denn in doppelter Hinsicht ist die menschliche Natur den Anforderungen unseres Ideals nicht gewachsen: der Mangel an Unterscheidungsgabe entzieht und den Überblick über alle Einzelheiten und setzt an ihre Stelle allgemeine Begriffe; und die mangelnde Weite des Bewußtseins entzieht uns den gleichzeitigen Überblick über deren Beziehungen und setzt an deren Stelle Urteile und Schlüsse. Zu diesen beiden Mängeln hinwiederum steht unsere Natur in sehr verschiedenem Verhältnis. Den ersteren hat sie von der Tierheit und Kindheit überkommen und ist stetig bestrebt, ihn zu mildern und auszugleichen; der andere wurzel im spezifischen, gesellschaftlichen Wesen des Menschen und spottet jeder fortschreitenden Bekämpfung. Das Genie, dem wir die Eigenschaft zuschreiben dürfen, die Welt abzuspiegeln, steht an der Grenze zwischen diesen beiden Entwicklungstendenzen. Es vereinigt die auf der Isolierung beruhende Ursprünglichkeit der Jugend mit der auf Beobachtung und Erfahrung gegründeten Unterscheidungskraft des Alters: kurz es vereinigt in seinem Denken die Vorzüge der Bestimmtheit und Anschaulichkeit, die sonst miteinander im Streit liegen.

Das sind einige der hauptsächlichsten Thesen, deren Erörterung und Bekräftigung die nachfolgende Untersuchung gewidmet ist. Doch um nun zu dieser überzugehen, beginnen wir mit dem ersten zuerst.

2. Auf diesen schwierigen Gebieten ist eine Untersuchung nicht viel wert, die nur an einem einzigen Faden fortschreitet: sei es an dem einer subjektiv berechtigten Überlegung, sei es an dem einer willkürlich ausgewählten Reihe von äußeren Tatsachen. Man wird auch hier trachten müssen, die Deduktion durch die Tatsachen zu verifizieren. Aber freilich darf auch die Deduktion nicht von apriorischen Voraussetzungen ausgehen. Vielmehr muß sie anknüpfen an das uns bekannte, empirisch gegebene Seelenleben. Dessen Elemente gilt es durch Analyse des Subjekts aufzudecken und sie dann bewahrheitend in ihrer objektiven Vereinzelung nachzuweisen. Dies vorausgeschickt können wir beginnen.

Fingieren wir zunächst einen, von jedem gesellschaftlichen Leben isolierten Einzelnen und statten wir ihn der Einfachheit halber vorläufig mit einem vollkommenen Wahrnehmungsvermögen aus oder, was dasselbe ist, sehen wir von dessen Unvollkommenheiten einstweilen ab. Ein solcher Einzelner wird offenbar sein gesamtes Erfahrungsmaterial in den Formen der (inneren und äußeren) Wahrnehmung und Erinnerung beherrschen. Er wird der vorausgesetzten Vollkommenheit des Wahrnehmungsvermögens gemäß alle Einzelheiten in ihrer Besonderheit unterscheiden und erinnern, dabei aber auch ihre (Ähnlichkeits- und Kontrast-) Beziehungen erkennen. Wir dürfen annehmen, daß sich alle diese Einzelempfindungen und Einzelerinnerungen nach den Assoziationsgesetzen aufs engste verknüpfen, ohne damit das geschilderte Denken in bloßen Einzelvorstellungen - Vorstellung als gemeinsame Bezeichnung für Erinnerung und Empfindung verstanden - aufzuheben. Wir wollen das noch an drei typischen Beispielen erläutern.

Erstens: unser Einzelner sieht ein Windspiel [Windhund, wp] und prägt dessen Bild seinem Gedächtnis ein. Tags darauf sieht er eine Dogge, dann einen Pudel, endlich plastische Darstellungen dieser drei Hundearten. Er wird der Voraussetzung nach die Ähnlichkeiten dieser Gegenstände wahrnehmen: auch ihr Mehr oder Minder. Die Dogge wird das Erinnerungsbild des Windspiels erwecken, der Pudel die Bilder des Windspiels und der Dogge etc. und er wird ihre Ähnlichkeiten und Unterschiede bemerken. Er wird auch - bei den Statuetten - der doppelten Ähnlichkeitsbeziehungen gewahr werden: wie einerseits die Dogge und ihr Bild, der Pudel und sein Bild etc. eng zusammengehören; andererseits stehen die drei Nachbildungen in einer anderen Beziehung einander näher und ebenso die drei lebenden Wesen. Hiermit aber wird seine Verarbeitung des Materials erschöpft sein, ohne daß er zur Bildung eines Begriffes oder einer allgemeinen Vorstellung irgendwelche Veranlassung hätte.

Zweitens: er sieht, wie die Dogge und das Windspiel miteinander kämpren. Dieser Anblick wird ihn daran erinnern, wie er jedes früher einzeln gesehen, er wird von ihrem jetzigen Zusammensein, von ihrer gemeinsamen Betätigung, dann etwa davon Akt nehmen, wie die Dogge das Windspiel blutig beißt. Das aber ist auch alles: zu einem Urteil liegt kein Anlaß vor.

Drittens endlich sieht er nach geraumer Zeit wieder das Windspiel blutend am Boden liegen. Sofort wird in ihm die Vorstellung der beißenden Dogge erwachen, er wird sie wiederum vor sich sehen, wie sie sich mit boshaftem Blick auf das Windspiel wirft und wird nun nicht daran zweifeln, daß die Dogge eben hier gewesen ist und dem anderen Hund jene Verletzungen beigebracht hat. Allein das alles ohne jeden eigentlichen Schluß!

So sehen wir, daß dieser Einzelne allen jenen Bedürfnissen, die wir durch Bildung von Begriffen, Fällung von Urteilen und Ableitung von Schlüssen befriedigen, durch bloße Vorstellungen, deren Kombination und Assoziation (einschließlich der Relationsempfindungen) genügt. Und daraus müßten wir nun entnehmen, daß diese drei logischen Fundamentaltatsachen dem geselligen Leben, also dem Mitteilungsbedürfnis, der Sprache, ihre Entstehung verdanken, wenn wir nicht noch eine Fiktion eingeführt hätten: die vollkommene Ausbildung des Wahrnehmungs- und Unterscheidungsvermögens. Diese Fiktion hindert uns aber gleichzeitig, die bisherigen Ergebnisse durch die Erfahrung zu verifizieren: denn gerade die wirklich "einzelnen", d. h. nicht sprachbegabten Wesen, nämlich Tiere und Kinder - die Taubstummen kommen der Zeichensprache wegen kaum in Betracht - sind von einer solchen Vollkommenheit gar weit entfernt. So ergibt sich uns die Aufgabe, vorerst zu untersuchen, inwiefern die gewonnen Resultate durch Aufhebung jener Fiktion, also durch Anerkennung eines sehr mangelhaften Wahrnehmungs- und Unterscheidungsvermögens, abgeändert werden und hierauf diese modifizierten Resultate durch die Beobachtungen an Tieren und Kindern zu gewähren. Diese nämlich können als isolierte Einzelne insofern gelten, als sie nicht Wesen sind, deren ganzes Innenleben durch die Beziehungen zu den Genossen bedingt ist, Wesen, zwischen deren Seelen die Kluft, die das Ich vom Du trennt, zwar nicht ausgefüllt, aber doch überbrückt ist.

3. Das Wesen dieser Abänderungen läßt sich am besten in dem einen Wort zusammenfassen: Verschmelzung der Vorstellungen, das Wort in jenem Sinn verstanden, in dem es als psychologisches Gesetz aufgestellt wurde und zwar klar und ausdrücklich meines Wissens zuerst von ALFRED BINET. (2) Er formuliert dasselbe mit folgenden Worten: "Lorsque deux états de conscience semblables se présentent á notre esprit simultanément ou dans uns succession immédieat, ils se fondent ensemble et ne forment qu'un seul état."

cs-log-e.html Wie man die mit diesen Worten ausgesprochene Wahrheit erklärend beschreiben möge, verschlägt wenig. Man kann sie auf das Entlastungsbedürfnis unseres allzu schwachen Gedächtnisses zurückführen und dann mit LOCKE (3) sagen: "Es übersteigt die Fassungskraft des menschlichen Geistes, von sämtlichen einzelnen Dingen, die ihm begegnen, gesonderte Ideen zu bilden und sich einzuprägen." Man kann auch mit HUXLEY (4) die zusammengesetzten Photographien GALTONs zum Vergleich heranziehen, woe die aufeinanderfolgenden Aufnahmen ähnlicher Gegenstände auf der Platte das Bild eines Typus erzeugen. Man mag mit SIGWART (5) die "Verschmelzung" undeutlicher und verschwommener Wahrnehmungsbilder annehmen. Man kann mit ROMANES (6) sagen: "Was später Klassenunterschiede werden, sind auf früheren Stufen des Denkens die einzigen Unterschiede." (Dieser Gesichtspunkt wird auch experimentell bestätigt. Wenn man einer hypnotisierten Person suggeriert, daß eine andere nicht anwesend sei und später die Hypnose aufhebt, so bemerkt sie zuerst, daß jemand da sei, ohne aber dessen Identität zu erkennen. (7) Die allgemeine Wahrnehmung "eines Menschen" scheint also der besonderen Wahrnehmung "dieses Menschen" vorherzugehen.) Oder einfach mit GEIGER (8): "Die Entstehung allgemeiner Vorstellungen aus mangelnder Unterscheidungsgabe ist ... nicht zu bezweifeln" - so richtig all das ist, so tut es doch nicht viel mehr, als die eine von BINET ausgesprochene Wahrheit durch Beleuchtung von verschiedenen Seiten erläutern und bekräftigen. Diese Wahrheit, soweit sie uns hier interessiert, ist uns übrigens allen aus dem täglichen Leben geläufig. Wir alle haben von einem bestimmten Menschen nur ein oder wenige Erinnerungsbilder, entstanden aus der Verschmelzung der vielen, einander sehr ähnlichen Eindrücke, die wir von ihm im Laufe der Zeit erfahren haben. Wir alle bemerkek, wenn wir in ein fremdes Land kommen, zunächst die typische Eigenart seiner Bewohner und es dauert oft einige Zeit, bis wir die Individuen auseinander zu halten vermögen. Auf anderes, was zur Erläuterung dienlich sein kann, wird später zurückzukommen sein. (9)

Wir müssen aber zu der Frage zurückkehren: wie alteriert diese Tatsache der Vorstellungsverschmelzung das Seelenleben unseres fingierten Einzelnen? Meine reiflich erwogene Antwort lautet: in der Hauptsache nicht! Denn wir dürfen uns keiner Täuschung hingeben: weil wir ein bestimmtes Bewußtseinsphänomen bildlich eine Vorstellungsverschmelzung nennen, deshalb verliert es psychologisch nichts von seiner Einfachheit. Es ist das ja einer der folgenschwersten Denkfehler, unsere logische Analyse als die genaue Umkehrung des historischen Werdens anzusehen. Aber ebensowenig wie die Schwefelsäure, die wir H2SO4 schreiben, deswegen durch das Zusammentreten von isolierten Elementen  H2, S  und  O4  oder die Sprachwurzel  DA  durch Zusammensetzung aus ursprünglich selbständigen Lauten D + A (10) entstanden ist, ebensowenig entsteht eine Wahrnehmung aus einer Empfindung und einem Urteil und ganz ebensowenig besteht eine verschmolzene Vorstellung aus mehreren ursprünglichen Vorstellungen. Wenn dem ungeübten Auge zwei Farben noch zusammenfallen, die für das geübtere auseinandertreten, so darf man deshalb nicht sagen, der erstere einheitliche Eindruck sei ein zusammengesetzter oder verschmolzener. Stellen wir uns ein Wesen mit so getrübtem Augenlicht vor, daß es von allem, wie man zu sagen pflegt, nur einen Schein hat, als nur den Unterschied von hell und dunkel empfindet, die Wahrnehmung der Farbenunterschiede aber verloren hat, so wird man nicht sagen können, die einheitliche Helligkeitsempfindung sei eine "allgemeine Vorstellung" in dem Sinne, als zöge sie von allen Einzelfarben die Eigenschaft der Helligkeit ab und vereinigte die abgezogenen Qualitäten zu einer neuen allgemeinen Qualitätsvorstellung. Und da die Empfindungen, je tiefer wir in der Stufenreihe der Organismen hinabsteigen, um so undeutlicher und daher umso Verschiedeneres zusammenfassend werden, so müßte gar die hier bekämpfte Ansicht die Empfindungen des Menschen für relativ einfach, die des Protozoons aber für unendlich zusammengesetzt erklären, womit wohl die  reductio ad absurdum  durchgeführt erscheint. So ergibt sich dann, daß die auf mangelnder Unterscheidungsgabe beruhende Vorstellungsverschmelzung, mag man sie erklären, wie man will und vergleichen, mit was man will, die Einfachheit und Einheitlichkeit der Empfindungen und Erinnerungsbilder in keiner Weise berührt und auch ein mit einem unvollkommenen Erkenntnisvermögen ausgestattetes, isoliertes Wesen darum nicht aufhört, lediglich in Einzelvorstellungen zu leben und zu denken. Und nun können wir daran gehen, dieses Ergebnis an der Hand der Erfahrung zu verifizieren.

4. Um zunächst die Tierwelt zu betrachten, will ich zwei Aussprüche bedeutender und sehr verschiedener Denker vorausschicken, denen die Ansicht gemeinsam war, daß das Tier nur in Einzelvorstellungen zu denken vermag. So sagt der Konzeptualist LOCKE (11): "Es ist für mich ohne Zweifel, daß Tiere soweit Verstand haben, wie sie Sinne besitzen, aber es sind nur vereinzelte Ideen, so wie sie diese von ihren Sinnen erhalten. Doch selbst die besten dieser Ideen sind in enge Grenzen gebunden und haben (wie ich glaube) nicht die Fähigkeit sich durch irgendeine Art von Abstraktion zu erweitern." Und der Realist SCHOPENHAUER (12): "All dies beruth auf der einzigen Fähigkeit, nicht anschauliche, abstrakte, allgemeine Vorstellungen zu haben, die man Begriffe nennt. ... Dieser Fähigkeit entbehren die Tiere, selbst die allerklügsten: sie haben daher keine anderen als anschauliche Vorstellungen und erkennen demnach nur das Gegenwärtige, leben allein in der Gegenwart."

Allein ich fühle die Verpflichtung, auch auf die Sache selbst einzugehen und halte mich dabei in erster Linie an das grundlegende Werk von ROMANES,  The origin of human faculty.  Und dies umsomehr, als gerade ROMANES die Ansicht vertritt, daß die Tiere eine eigentümliche Art von Abstraktion wirklich kennen, die sich von der menschlichen nur dadurch unterscheide, daß sie
    1. nicht an Sprach- oder andere Zeichen gebunden sei, und

    2. ihre allgemeinen Vorstellungen nicht selbst zu einem Objekt des Denkens geworden seien, da den Tieren unser Selbstbewußtsein, d. h. das Bewußtsein ihres Bewußtseins fehle.
Die allgemeinen und abstrakten Vorstellungen nennt er  concepts,  die tierischen  recepts.  Die Entstehung dieser rezeptuellen Vorstellungen, die auch von DARWIN (13), HUXLEY (14) und anderen anerkannt werden, hätte man sich folgendermaßen zu denken: Jene Klassenunterscheidungen, die ehemals die einzigen waren, bleiben auch nach weiterer Ausbildung des Unterscheidungsvermögens bestehen und so treten dann bei kräftigerer Entwicklung dieses Vermögens Artvorstellungen neben Individualvorstellungen. Allein zunächst unterliegt diese Theorie allen jenen Schwierigkeiten, denen der Konzeptualismus überhaupt ausgesetzt ist und die an dieser Stelle nur flüchtig gestreift werden können. Es ist nicht abzusehen, wie z. B. die Artvorstellung eines Dreiecks bestehen sollte, das nicht spitzwinklig, noch rechtwinklig, noch stumpfwinklig wäre; oder die eines Pferdes, das weder Schimmel, noch Rappe etc. ist. Und die Methode, nach welcher wir diese Schwierigkeiten beseitigen, nämlich die bewußte Substitution von Einzelvorstellungen und allgemeinen Namen, soll ja eben, der Voraussetzung nach, bei den Tieren ausgeschlossen sein. Das freilich ist ohne weiteres zuzugeben, daß, wenn etwa gewisse Tiere unsere Sprachzeichen durch irgendwelche andere Zeichen ersetzen, daß für diese Tiere Abstraktionn anzunehmen keinerlei Schwierigkeit vorliegt. Und für die Ameisen z. B. wird derlei vielleicht wirklich anzunehmen sein. (15) Im übrigen mahnen uns schon die vorgebrachten Bedenken zu äußerster Vorsicht.

Die Mahnung wird verstärkt durch die Erwägung der Tatsache, daß auch noch bei den tiefstehenden Naturvölkern die Abstraktion unendlich unvollkommen ist, wofür ihre Sprachen ein entscheidendes Zeugnis ablegen. Zur Erhärtung dessen führe ich folgende Tatsachen an, die eben ROMANES selbst in anderem Zusammenhang bringt. (16) Die Eingeborenen der Gesellschaftsinseln haben eigene Worte für Hundeschwanz, Vogelschwanz und Schafschwanz, aber kein Wort für Schwanz im allgemeinen. Die Aborigines haben keine gemeinsame Bezeichnung für Baum, Vogel, Fisch (17), die Eskimos eigene Worte für Seehundfang, Walfischfang und keine gemeinsame Bezeichnung. Sie kennen auch viele Worte, um Schläge mit verschiedenen Waffen auszudrücken, aber kein allgemeines Wort:  schlagen.  (18) Die Zulus kennen kein einheitliches Wort für "Kuh, sondern nur verschiedene Ausdrücke für "weiße Kuh", "braune Kuh" etc. (19) Die Irokesen haben 13 Worte für die verschiedenen Arten des Waschens, (20) und die Tasmanier haben keine Worte für Baum, hart, weich, kalt, warm, lang, kurz, rund. (21)

Da nun zweifellos Hunde und Füchse, Hirsche und Wasserhühner geistig tiefer stehen als Zulus und Eskimos, so könnten uns nur die allerzwingendsten Schlüsse aus den allersichersten Tatsachen zu der Annahme bewegen, daß z. B. ein Hund die allgemeine Vorstellung eines Bettlers, wie HUXLEY a. a. O. behauptet. In Wahrheit nötigt meines Erachtens nichts zu einer solchen Annahme.

Im Gegenteil muß ich behaupten, daß alle jene Fälle merkwürdiger tierischer Intelligenz, die zum Beweis jener angeblichn rezeptuellen Verallgemeinerung angeführt werden, sich durch das bloße Spiel eines komplizierten Assoziationsprozesses zwischen Einzelvorstellungen - verschmolzenen und nicht verschmolzenen - in vollkommen zufriedenstellender Weise erklären lassen. Und ich kann auch auf WUNDT verweisen, der ähnliche Erklärungsversuche mit bestem Erfolg unternommen hat. (22) Ich will diese kurze Erörterung mit dem Fall, den HUXLEY anführt, beginnen. Er sagt: "Eine der bemerkenswertessten Eigentümlichkeiten der Hundeseele ist die tiefe Geckenhaftigkeit, wie sie sich in der Aufmerksamkeit zeigt, die der Hund der äußeren Achtbarkeit entgegenbringt. Er, der den Bettler wütend anbellt, wird den gutgekleideten Herrn ohne Widerstreben vorbeilassen. Hat er also nicht eine Art-Vorstellung von Fetzen und Schmutz, assoziiert mit einer Empfindung von Abneigung und eine Art-Vorstellung von glattem, feinem Tuch, assoziiert mit einer Empfindung von Zuneigung?" Die beiden genannten Assoziationen wird niemand bestreiten; aber wie will man beweisen, daß des Hundes Eindruck von der zerlumpten Kleidung des Bettlers, den er heute erhält, nicht geradezu identisch ist mit jenem, den er empfangen, als man ihn zuerst lehrte, gegen einen verlumpten Bettler in Opposition zu treten? Glaubt man denn, der Hund müsse die kleinen Nuancen der Zerlumpung bemerken, die uns selbst entgehen? Oder wer von uns - es sei denn ein Künstler - kann das Fetzenkleid zweier Vagabunden in der Erinnerung auseinanderhalten? Ich muß wiederholen, was oben bemerkt wurde: "Die verschiedenen Zerlumpungen der Bettler verschmelzen zu einem einheitlichen Bild" - das ist eine wissenschaftliche Ausdrucksweise. In Wahrheit werden die Unterschiede, welche belanglos und gleichgültig sind, übersehen, und was bemerkt wird, ist der einheitliche Charakter. Es steht jedermann frei, eben das eine rezeptuelle Abstraktion zu nennen. Allein der springende Punkt ist dieser, daß das Wesentliche einer Verallgemeinerung ein Gegensatz zum bloßen Mangel von Unterscheidung ist, daß sie geschieht, ohne die wahrgenommenen Unterschiede zu vernachlässigen.  Wir  wissen, daß Schimmel und Rappe, die wir sehr wohl auseinanderhalten, beide Pferde sind; daß auch der Hund "Fetzen und Schmutz" einheitlich zusammenfasse, obwohl er ihre Besonderheiten im einzelnen Fall auseinanderhält, - zu dieser Annahme vermisse ich jeden zwingenden Anlass.

Das Prinzip, nach welchem ich das vorstehende Problem zu lösen versucht habe, ist dieses: Ähnlichkeit ist ursprünglich Verwechselbarkeit, also scheinbare Identität. Über die Berechtigung desselben wird später zu handeln sein. Allein, auch wer es nicht annehmen will, braucht deshalb nicht zu der Annahme unbewußter Vorstellungen zu greifen. Die Lumpen des gegenwärtigen Bettlers erinnern durch Assoziation der Ähnlichkeit an die des früheren, diese durch Assoziation der Koexistenz an das Anbellen. Diesen Ausweg möge der Leser im Auge behalten, indem er uns bei der Auflösung weiterer Fälle begleitet.

Hund pflegen auf ebenem und wasserlosem Terrain den tiefsten Stellen nachzujagen, um dort nach Wasser zu wühlen. (23) Hieraus soll folgen, daß sie eine allgemeine Vorstellung von Wasser in Gruben besitzen. Meines Erachtens folgt daraus gar nichts, als daß eine Berührungsassoziation zwischen Wasser und Vertiefung besteht: sei es nun, daß die eine Grube an die andere mit Wasser erinnert, sei es, daß die Gruben gar nicht deutlich auseinander gehalten werden ("Verschmelzung aus mangelnder Unterscheidungsgabe").

Ameisen, welche auf Trambahnschienen überfahren wurden, sind nicht mehr zu bewegen, diese Schienen zu betreten und untergraben lieber das betreffende Erdreich, um unter den Schienen durchzukriechen. Was soll hieraus anderes folgen, als daß sich zwischen dem Betreten der Schienen und dem plötzlichen Untergang eine Assoziation gebildet hat? Und nichts ist natürlicher, als daß das Insekt, das hinüber muß, um Nahrung zu finden und das sich doch scheut, die Schienen zu betreten, den nächsten anderen Weg einschlägt, nämlich unter den Schienen hindurch. (24) "Der Hund, der seinen Herrn verloren hat, läuft auf eine Gruppe von Menschen zu, kraft einer allgemeinen abstrakten Vorstellung, die ihm die diesen Leuten und seinem Herrn gemeinsamen Eigenschaften vor Augen stellt." (25) Ich muß dies entschieden bestreiten. Ob man nun annehmen will, daß der Hund einen jener Männer zuerst für seinen Herrn hält oder daß er ihn an seinen Herrn erinnert, in keinem Fall braucht man, wie mir scheint, mehr als Assoziation von Einzelvorstellungen anzunehmen. Die Psychologie des Wiedererkennens ist ohne Zweifel eines der schwierigsten und wichtigsten Probleme; allein ich sehe nicht, daß es durch die Annahme allgemeiner Vorstellungen vereinfacht würde.

Endlich: der fliehende Hirsch, auch wenn er die Hunde weit hinter sich gelassen hat, gibt sich nicht dem Gefühl einer trügerischen Sicherheit hin, sondern ersinnt alle möglichen Kunstgriffe, um die möglichen Verfolger zu täuschen. Er verwirrt seine Spuren, er kehrt plötzlich um, biegt an einer Stelle, die er früher schon berührt hatte, seitwärts ab, so daß seine Spur für die Hunde verwirrende Sackgassen und Gabelungen aufweist. (26) Das alles beweist nun allerdings, daß der Hirsch ein sehr kluges Tier ist und es mag schwer sein, seinem komplizierten Denkprozeß im einzelnen zu folgen und denselben darzulegen, aber ich glaube, daß die Schwierigkeit genau die gleiche bleibt, ob wir ihn in Einzelassoziationen oder in allgemeinen Vorstellungen verlaufend denken; wissen wir doch  a priori,  daß alles, was eine allgemeine Vorstellung für das praktische Verhalten leisten kann, durch Assoziationen zwischen oder Verwechslung von jenen Einzelvorstellungen, aus denen sich die allgemeine angeblich aufbaut, ebensogut geleistet werden kann. Aus diesem Grund glaube ich nicht verpflichtet zu sein, hier auf eine genaue Analyse dieses Falles einzugehen.

Dies alles scheint also meine theoretische Anschauung zu bestätigen, daß die Tiere als nicht sprachbegabte und deshalb vereinzelte Wesen mit unvollkommenem Unterscheidungsvermögen lediglih in Einzelvorstellungen denken, d. h. in Wahrnehmungs- und Erinnerungsbildern, ohne daß ich deshalb einen Grund einsehen würde, ihr Denken mit SCHOPENHAUER auf die Gegenwart einzuschränken. Welche Stütze dieser Ansicht aus der Betrachtung unentwickelter Sprachen erwächst, ist bereits oben hervorgehoben worden und diese Seite der Frage kann deshalb füglich an dieser Stelle auf sich beruhen bleiben.
LITERATUR: Heinrich Gomperz, Zur Psychologie der logischen Grundtatsachen, Leipzig und Wien, 1897
    Anmerkungen
    1) HARALD HÖFFDING, Geschichte der neueren Philosophie I, Seite 198
    2) ALFRED BINET, La psychologie de raisonnement, Seite 96f
    3) JOHN LOCKE, On human understanding, III, chapter 3, 2.
    4) HUXLEY, David Hume, Seite 95f
    5) SIGWART, Logik I, Seite 50
    6) ROMANES, Origin of human faculty, Seite 66
    7) ALFRED BINET, La psychologie de raisonnement, Seite 96f
    8) GEIGER, Ursprung der Sprache I, Seite 74
    9) Vgl. auch WUNDT (Bemerkungen über Assimilation), Logik I, Seite 15f
    10) Vgl. MAX MÜLLER, Das Denken im Licht der Sprache, Seite 173 und 176
    11) JOHN LOCKE, On human understanding II, Chapter 11, 11.
    12) ARTHUR SCHOPENHAUER, Freiheit des Willens, Seite 34
    13) CHARLES DARWIN, Descent of man, Seite 76
    14) HUXLEY, David Hume, Seite 106
    15) ROMANES, a. a. O., Seite 91f
    16) ROMANES, a. a. O., Seite 350f
    17) QUATRESFAGES, Revue des deux mondes, 15. Dezember 1860
    18) Du PONCEAU, Mém. sur le syst. gramm., Seite 120
    19) Journal American Oriental. Society, Nr. IV, Seite 402
    20) PICKERING, Indian Languages, Seite 26
    21) MILLEGANs Vocabulary of the dialects of Tasmania, Seite 34
    22) WILHELM WUNDT, Vorlesungen über die Menschen- und Tierseele II, Seite 382f
    23) DARWIN, Descent of man, Seite 76 und ROMANES a. a. O. Seite 51
    24) ROMANES, Origin of human faculty, Seite 52f
    25) LEROY, Intellect of animals, englische Übersetzung, Seite 107, ROMANES, Seite 54
    26) LEROY, ebenda, Seite 43ff; ROMANES Seite 546