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FERDINAND CANNING SCOTT SCHILLER
Der rationalistische Wahrheitsbegriff

"Die Annahme einer unbeweisbaren Wahrheit existiert lediglich für den Rationalisten, und der Humanist braucht sich nicht darum zu kümmern. Sie verleiht dem rationalistischen Wahrheitsbegriff die höhere Weihe. Ist dies aber einmal geschehen, so braucht auch der Rationalist die nützlichen, gemeinen, menschlichen Wahrheiten nicht weiter zu leugnen oder zu bekämpfen. Er kann es einfach seinem Gegner überlassen, sich an derart gemeinen Dingen zu ergötzen. Denn er selbst darf sich ja fortan ungestört in die höheren Sphären schwingen und die idealen Welten beschauen, in denen sich die nutzlosen Wahrheiten in unerschöpflicher Fülle und unantastbarer Unabhängigkeit ergehen."


Der Begriff der Wahrheit sollte einer der ersten sein, mit dem die Philosophie sich zu befassen hat. Und doch bemüht man sich seit Jahrtausenden vergeblich, denselben klar und verständlich zu machen. Erst in den letzten zehn Jahren beschäftigen sich die Philosophen wieder eingehender damit, und zwar auf Anlaß einer von Amerika ausgegangenen neuen Auffassung dieses Begriffs, die so einleuchtend erscheint, daß sie überall (auch in Laienkreisen) Interesse und Beifall erweckt hat.

Doch ist es nicht meine Absicht hier den "pragmatischen" oder vielmehr humanistischen Wahrheitsbegriff zu erörtern; es genügt nur in Umrissen seinen Gegensatz zum rationalistischen Wahrheitsbegriff darzustellen. Der humanistische Wahrheitsbegriff geht nämlich von der Erkenntnis aus, daß die Wahrheit eine Wertung ist, die wir entweder unmittelbar behaupten oder mittelbar erreichen, daß es sich in der ganzen Wahrheitsfrage um menschliche Erkenntnisse handelt, daß jeder Wahrheitswert strittig ist, angezweifelt werden kann, und verteidigt werden muß, daß seine Annahme psychologisch begründet und sodann praktisch bestätigt werden muß, daß eine solche Wertung niemals endgültig ist, sondern fortwährend durch wertvollere Aussagen ersetzt und erweitert werden kann. Kurz, der Wahrheitsbegriff steht in einer durchgängigen Beziehung zum menschlichen Leben und seinen Zwecken. Die Erforschung und Weiterbildung der Wahrheit wird somit eins der Hauptmittel, wodurch der Mensch sich im Kampf ums Dasein am Leben erhält, und eine von uns unabhängige, übermenschliche, ewige, unwandelbare, unerreichbare, unanwendbare, nutzlose Wahrheit muß als ein kindischer Wahn erscheinen, von der nicht mehr ernsthaft die Rede sein sollte.

Es ist leicht verständlich, daß so ein jäher Bruch mit den Denkgewohnheiten der meisten Philosophen und mit den Redensarten, die man von jeher über die Wahrheit gepflogen hat, wie ihn diese Lehre anstrebt, den lebhaftesten Widerspruch hervorrufen mußte, und es wird derselben gewiß auch in Deutschland laut werden. Eben deshalb aber will ich die humanistische Anschauung nicht direkt verteidigen. Ob dieselbe richtig oder falsch ist, frägt es sich es sich beide Male, ob die gegnerische Ansicht wirklich einen Ersatz dafür zu bieten vermag. Die Frage also, die ich aufwerfen möchte, ist diese - gibt es überhaupt einen rationalistischen Wahrheitsbegriff? ist ein solcher überhaupt denkbar? Ist der Wahrheitsbegriff, an dem man Jahrhunderte geglaubt hat, wirklich ausführbar und anwendbar? Hat man ihn je durchgedacht? Läßt er sich überhaupt ausdenken?

So wie man nun versucht sich klar zu machen, was denn unter der "Wahrheit" einer Aussage überhaupt zu denken sei, stellt es sich sehr bald heraus, daß die Antwort keineswegs eine leichte ist.

1. Die Wahrheit soll eine Übereinstimmung des Denkens mit seinem Gegenstand bedeuten. Doch was versteht man eigentlich unter "Übereinstimmung", wie betätigt sich dieselbe, wie wird sie erkannt? Wie denkt man sich ferner den "Gegenstand"? Liegt derselbe jenseits des Denkens, ist er immanent mit dem Denken verflochten, oder wird er gar durch das Denken gebildet und gewissermaßen geschaffen? Ferner: wie denkt man sich das Denken? Meint man das menschliche Denken, oder spricht man von einem überindividuellen und nicht menschlichen Denken, das mit dem unsrigen irgendwie in einem geheimnisvollen Zusammenhang steht oder stehen soll? Schließlich, was mach das Denken für einen Unterschied an seinem Gegenstand aus, wie affiziert es ihn, wie denkt man sich das Verhältnis der beiden?

Das sind alles wichtige Fragen, deren Lösung man von jeder anständigen Erkenntnistheorie verlangen darf.

2. Die Wahrheit soll ein Bild der Wirklichkeit entwerfen, soll sie darstellen, abspiegeln oder nachahmen. Wiederum muß man fragen: wie will man den Vergleich der Wahrheit mit der Wirklichkeit durchführen, wie die Treue des Abbildes abschätzen? Wer das nicht anzugeben weiß, der hat eigentlich auf die Frage nach der Wahrheit noch gar keine Antwort gegeben.

3. Die Wahrheit soll das Wesen der Dinge erfassen, wie es ansich ist. Wer das behauptet, müßte doch wenigstens nachweisen können, daß kein innerer Widerspruch seiner Lehre anhaftet und sie innerlich vernichtet. Er muß einerseits den Erkenntnisprozeß erklären können, und andererseits beweisen können, daß derselbe am Wesen des Erkannten durchaus nichts ändert. Das heißt: er muß erklären können, wie man das Wesen, das Ansich der Dinge erfaßt und es mit der Wahrheit vergleichen kann.

4. Wird die Wahrheit irgendwie auf Selbstgewißheit oder Denknotwendigkeit gegründet, so muß man die echte logische Denknotwendigkeit oder Evidenz, die uns den Besitz der Wahrheit sichert, von der unechten, unzuverlässigen, bloß psychologischen, zu unterscheiden wissen.

5. Erklärt man die Wahrheit für ein System zusammenhängender und widerspruchsloser Urteile oder Deutungen, so muß man zumindest imstande sein, einen formalen Unterschied zwischen einem wahren und einem falschen System anzugeben.

6. Daher muß man, wie man sich auch die Wahrheit denkt, doch angeben können, wie sich Wahrheit von Irrtum unterscheidet, was das Prädikat "wahr" im Gegensatz zu "falsch" für eine Bedeutung hat, und wie der Irrtum überhaupt möglich und verständlich ist.

Kann man dies alles nicht, so hat man keinen wahrhaften Wahrheitsbegriff, sondern nur unbegründete Vorurteile.

Nun es ist aber meines Wissens bis jetzt noch  keiner  rationalistischen Fassung des Wahrheitsbegriffs gelungen, auch nur eine einzige dieser Fragen auf haltbare Weise zu erledigen. Ich erlaube mir dies kurz zu beleuchten:

1. Eine Übereinstimmung eines transzendenten Gegenstandes mit seinem Gegenbild in der menschlichen Erkenntnis scheint undenkbar. Für uns muß der Gegenstand jeder Erkenntnis in derselben immanent sein. Und das ist er auch tatsächlich. Was auch immer transzendente Gegenstände ansich sein mögen, und wie auch immer die Götter darüber denken mögen, geht uns nichts an. Auch scheint jedes Verständnis des Verhältnisses zwischen Denken und Gegenstand ausgeschlossen, wenn man von vornherein einen vom Denken unabhängigen Gegenstand annimt. Die sogenannte Unabhängigkeit des Gegenstandes besteht in der Erfahrung und zum Zweck der Erklärung, und ist also durchaus nicht transzendent im Sinne einer realistischen Metaphysik.

2. Ist die Wahrheit das Abbild einer transzendenten Wirklichkeit, so kann sie niemand mit ihrem Original vergleichen, eben weil es transzendent ist. Es verbürgt daher nichts die Treue dieses Bildes und sie bleibt reine Glaubenssache.

3. Aus dem gleichen Grund kann kein Mensch je wissen, ob und wie die Wahrheit das innere Wesen der transzendenten Dinge erfaßt. Denn wir erkennen eben nur das Wesen, wie es sich in der Wechselwirkung mit uns betätigt.

4. - 6. Kann uns offenbar keine bloß formale Wahrheit genügen. Die echte Wahrheit, die wir erstreben, muß den Irrtum grundsätzlich ausschließen, darf es nicht dem Zufall überlassen, ob eine Aussage tatsächlich wahr ist oder nicht, und darf das Falsche nicht so leichthin als eine Art des Wahren ansehen.

Nun aber erhebt jede Aussage einen Anspruch auf Wahrheit. Sie will wahr sein und verlangt, daß man ihr Glauben schenkt. Daß dies aber nur eine formale Wahrheit liefern kann, erhellt sich daraus, daß derartige Wahrheiten auch falsch sein können, und es auch tatsächlich meistens sind. Sie sind also von den wirklich wahren, das heißt bewährten, Wahrheiten wohl zu unterscheiden, und wenn die Menschheit zu wissen verlangt, was denn die Wahrheit wirklich sei, so darf sie der Philosoph nicht mit einem bloß formalen Wahrheitsbegriff abspeisen. Sowie man daher über die klägliche Halbheit dieser bloß logischen Wahrheit hinaus will, muß man irgendwie eine Anwendung derselben ermöglichen, welche ihren Anspruch auf wirkliche Gültigkeit prüft, und dann diesen Anspruch entweder bestätigt oder verwirft.

Es ergibt sich daraus, daß das wirkliche Kennzeichen der Wahrheit einer Behauptung im Wert der Folgen besteht, zu denen die Behauptung führt. Sind diese Folgen unseren Zwecken zuträglich und dienlich, so wird die Wahrheit gutgeheißen; andernfalls wird sie für falsch erklärt. Es entscheidet also der Erfolg - der Wert oder der Nutzen der Behauptung für menschliche Zwecke, und zwar hauptsächlich (wenn auch nicht ausschließlich) für Erkenntniszwecke.

Ist aber damit die Wahrheit nicht als solche ihrer ganzen stolzen Unabhängigkeit beraubt und in eine demütigende Abhängigkeit von menschlichen Lebenszwecken gebracht?

Das ist allerdings das Ziel, worauf mir diese Betrachtungen unwiderstehlich hinzusteuern scheinen, doch da es manchem scher werden wird sich in dieses Ergebnis zu fügen, wollen wir ferner die entgegengesetzte Annahme einer von uns  gänzlich  unabhängigen Wahrheit noch einmal gründlich erwägen.

Nehmen wir also an, daß es eine von uns unabhängige Welt gibt und daß zwischen Wahrheit und Anwendbarkeit auf menschliche Erkenntniszwecke keinerlei Zusammenhang besteht. Es ist leicht ersichtlich, was die Folgen dieser Annahme sein müssen. Erstens muß der Wert oder Nutzen einer solchen Wahrheit ein ganz  zufälliger  sein; sie darf nützlich sein oder nutzlos, wie es kommt, denn zwischen Eigenschaften "wahr" und "nützlich" fehlt jeder innere Zusammenhang. Zweitens, ist die Wahrheit von uns unabhängig, so muß auch ihre Existenz von uns unabhängig sein. Ob wir sie erkennen oder nicht, ändert an der Wahrheit nichts. Sie gewinnt nichts dadurch, daß sie erkannt wird, und verliert nichts dadurch, daß sie es nicht wird. Sie verhält sich gegen unsere Erkenntnistätigkeit völlig gleichgültig. Sie bedarf auch keiner Bestätigung oder Bewahrheitung durch einen menschlichen Erkenntnisprozeß. Sollte man dergleichen für nötig erachten, so würde es sofort umd die Unabhängigkeit der Wahrheit geschehen sein, und die humanistische Fassung des Wahrheitsbegriffs wäre unvermeidlich. Denn bewähren kann sich die Wahrheit nach unserem Ermessen nur dadurch, daß ihre Behauptung uns zu wertvollen Folgerungen führt.

Eine wahrhaft unabhängige Wahrheit ist dagegen selbstgenügsam und bedarf keiner Bewahrheitung. Sie ist an und für sich wahr und brauch weder erkannt zu werden noch erkennbar zu sein. Kein Verhältnis zur menschlichen Erkenntnis kann ihre Stellung beeinträchtigen.

Nun ist dies offenbar eine Auffassung, welche der Wahrheit eine sehr erhabene und scheinbar sehr gesicherte Stellung anweist; und es könnte keiner ihrer Freunde diese Ansicht tadeln, wenn dieselbe nur behauptet, nicht aber verteidigt zu werden bräuchte. Wird aber einmal der Einwurf gemacht, es wäre doch schließlich zu erweisen, daß es solche unabhängige Wahrheiten auch wirklich gibt, so scheint dieser rationalistische Wahrheitsbegriff allerdings anfangs in Verlegenheit zu geraten. Denn tatsächlich werden alle angezweifelten Wahrheiten stets auf humanistischem Weg bewiesen. Man sucht nachzuweisen, daß ihre Annahme wirklich eine zweckmäßige ist, und die rationalistische Lehre von der unabhängigen Wahrheit erscheint dadurch als eine müßige und widerlegte.

Der echte Rationalist findet jedoch bald einen Ausweg. Weshalb sollte er nicht die Wahrheit seiner Behauptung von der Existenz einer unerweislichen, von uns unabhängigen, und deshalb zuweilen unerkennbaren Wahrheit eben dadurch erhärten, daß er diese selbe Lehre als Beispiel für die Richtigkeit seiner Behauptung anführt? Es handelt sich darum, die Existenz unerweislicher Wahrheiten darzulegen. Gut: also er behauptet dies einfach; und eben dadurch, daß er es behauptet, hat er es bewiesen. Denn seine Behauptung ist selber unbeweisbar. Was könnte schöner zu seiner Überzeugung stimmen? Genügt ihm das nicht, so muß man ihn für einen verkappten Skeptiker halten.

Wenn auch diese Beweisführung als eine durchaus gelungene bezeichnet werden muß, so muß man doch andererseits gewisse Grenzen ihrer Anwendung konstatieren. Zum Beispiel hat sie für den Gegner auch nicht die mindeste Beweiskraft. Denn derselbe leugnet ja konsequent jegliche Existenz von unbeweisbaren Wahrheiten. Er wird sich also schwerlich durch eine einfache Wiederholung dieser Behauptung von der Existenz eines solchen Undings überzeugen lassen. Auf eine unbeweisbare Behauptung mehr oder weniger kommt es ihm nicht an, und eine unbeweisbare Wahrheit, die durch einen unbeweisbaren Anspruch auf Wahrheit erhärtet wird, bleibt nach wie vor mit seinem Wahrheitsbegriff schlechterdings unvereinbar.

Für den Rationalisten beeinträchtigt dies aber die Gültigkeit des ganzen Verfahrens nicht im mindesten. Solange er sich selbst überzeugen kann, kann er sich zufrieden geben. Er braucht nur zuzugeben, daß er sich in einer Lage befindet, wie sie ja leider bei philosophschen Streitfragen öfters vorkommt, in der beide Parteien ihre Überzeugungen mit Annahmen begründen, die nur für sie beweiskräftig sind, und vom Gegner verworfen werden und grundsätzlich verworfen werden müssen, eben weil er von entgegengesetzten Annahmen ausgegangen ist. (Man vergleich die Frage über die sogenannte Willensfreiheit.) Derartige Ergebnisse sollten deshalb nur zum Verzicht auf die Fortsetzung des Streites führen. Ein Jeder darf nämlmich unverrückt in seiner uneinnehmbaren Stellung verharren!

Des Humanisten viel umstrittene, vielfach angezweifelte, siegreich erprobte Wahrheiten, die sich schließlich durch ihren Lebenswert bewährten, sind sichergestellt. Es sind die einzigen für die er sich interessiert, die er anerkennt und für voll ansieht. Sie werden ihm gewährt und beleiben ihm gewahrt. Es wird ihm zugegeben, daß sie sich auf seine Weise ableiten und erklären lassen. Was wll er mehr? Sie erstrecken sich über alle Gebiete des menschlichen Lebens. Die einzige Ausnahme wird durch die eine unbeweisbare Wahrheit gebildet, an die der Rationalist glauben muß, um sich den Glauben an die Unabhängigkeit der Wahrheit zu bewahren. Doch diese Annahme existiert lediglich für den Rationalisten, und der Humanist braucht sich nicht darum zu kümmern. Sie verleiht dem rationalistischen Wahrheitsbegriff die höhere Weihe. Ist dies aber einmal geschehen, so braucht auch der Rationalist die nützlichen, gemeinen, menschlichen Wahrheiten nicht weiter zu leugnen oder zu bekämpfen. Er kann es einfach seinem Gegner überlassen, sich an derart gemeinen Dingen zu ergötzen. Denn er selbst darf sich ja fortan ungestört in die höheren Sphären schwingen und die idealen Welten beschauen, in denen sich die nutzlosen Wahrheiten in unerschöpflicher Fülle und unantastbarer Unabhängigkeit ergehen. Die eine unbeweisbare Wahrheit, deren Besitz er sich gesichert hat, verleiht ihm den Eintritt in jene höheren Regionen. Und zwar auf folgende Weise:

Gibt es eine einzige Wahrheit, die nicht bewahrheitet zu werden braucht, deren Wahrheit nicht auf Nützlichkeit und Wert für menschliche Zwecke beruth, so kann es derselben offenbar auch viele geben. Ob also irgendeine besondere Wahrheit zu erweisen und zu bewahrheiten ist, wird durchaus zufällig. Zwischen Wahrheit und Beweisbarkeit besteht so wenig ein Zusammenhang wie zwischen Wahrheit und Nützlichkeit.

Berechtigt aber dies den Rationalisten nicht von  jeder  beliebigen Wahrheit zu behaupten, daß sie in das Gebiet der unbeweisbaren Wahrheiten gehört? Sicherlich ist das eine schöne und vorteilhafte Lage, aus der ein Kluger manchen Nutzen ziehen kann. Er darf getrost behaupten, was er will und was ihm paßt. Alles ist wahr, alles ist erlaubt. Denn alles, was er wahr haben will, kann sein Machtspruch unter die unerweislichen Wahrheiten versetzen! Wie herrlich für die reine Erkenntnis des A-priori und so manche bestrittene Lieblingsgedanken des Rationalismus! Und wie ergötzlich, dem Feind die eigenen Waffen zu entwenden und ihn damit zu überwinden! Er hatte sich vermessen, sich von dem unerbittlichen Zwang der Wahrheit zu befreien, er hatte es bezweckt, den allgemeinen Denknotwendigkeiten zu entrinnen, er hatte sich erkühnt, die hehre Wahrheit zu entweihen und ihr eine schnöde Knechtschaft zuzumuten, er wollte es sich ermöglichen, jede beliebige Behauptung mit Fug und Recht für wahr zu halten.

Was aber dem Vermessenen nicht glückte, siehe da, dem getreuen Diener der absoluten Wahrheit steigt vom Himmel herab und bezeugt ihrem Anbeter huldvoll ihre Gunst. Der Rationalist entpuppt sich auch als der wahre Humanist!

Oder aber sollte das alles doch am Ende ein Unsinn sein? Es ist möglich, daß dieser Gedanke auch in andern aufgeblitzt ist, und daß auch sei aus diesen Betrachtungen richtig gefolgert haben, daß eine reine von uns unabhängige Wahrheit eine reine Undenkbarkeit ist. Ist das der Fall, so wäre unsere Absicht erraten und unser Ziel erreicht.

Es täte nur noch not, auf die eigentliche Quelle dieses ganzen Widersinns hinzuweisen. Der rationalistische Wahrheitsbegriff droht in einen Sumpf von Narrheiten zu versinken, weil er es nie versucht hat sich darüber Rechenschaft zu geben, wie denn überhaupt Wahrheit von Irrtum zu unterscheiden ist. Er hat den baren  Anspruch auf Wahrheit  mit der  wirklich bewährten  Wahrheit verwechselt, und hat sich deshalb mit einer  bloß formalen  Wahrheit begnügt, die sich gegen den Unterschied von wahr und falsch gleichgültig verhält und deren wirklicher Wahrheitswert deshalb noch nicht festgestellt ist. Die wirkliche Wahrheit aber, mit der sich doch die Erkenntnistheorie vorzugsweise beschäftigen sollte, geht nun hervor aus der  Prüfung  der Behauptungen, die Wahrheit beansprucht zu haben. Und diese Prüfung führt notwendigerweise früher oder später zu einer Betätigung der Wahrheit, sie fordert eine  Anwendung  auf das menschliche Leben und dessen Zwecke. Eine rein theoretische Wahrheit, die nie angewandt wird oder gar nie angewandt werden kann, ist daher ein Wahn. Sowie eine sogenannte theoretische Wahrheit bestritten wird, kann sie sich nicht mehr in ihrem würdevollen Müßiggang erhalten;  sie muß sich betätigen und damit praktisch werden. 

Es ist so manchem hochgelehrten Doktor  Faustus  in den Hochschulen, welche die Gesellschaft gewiß nicht nur deshalb unterhält, um ihre Bewunderung seines Charakters zu bezeugen, noch nicht so recht klar geworden, daß das Schöpfungs wort  in Wahrheit eine  Tat  bedeutete. Die Sprachkenntnis dieser Herren reicht nicht hin, um die Wahrheit aus der Sprache des Wunsches in die des Lebens zu übersetzen. Wir Humanisten aber haben erkannt, daß Worte und Begriffe ihren Wert durch die Handlungen erhalten, die sie erleichtern und ermöglichen. Darum übersetzen wir getrost: Im Anfang war die Tat! Und fügen wir hinzu: Am Ende auch! Alles aber, was dazwischenliegt, das ganze gotische Gebäude der theoretischen Wissenschaften, mit ihren unendlichen Schnörkeln und Kniffen, ist nur Mittel und Vermittlung.


D I S K U S S I O N

ERNST DÜRR ist der Ansicht, daß die Pragmatisten und die von ihnen sogenannten Rationalisten sich karikieren. Daß es eine unbeweisbare Wahrheit gibt, hat im Ernst niemand behauptet. Jede Wahrheit muß als solche erkennbar oder erweisbar sein. Diese Überzeugung drückt sich schon im Suchen nach einem Kriterium der Wahrheit aus. Der Streit scheint sich dadurch entwickelt zu haben, daß gewisse Wahrheiten ihr Kriterium erst durch die Beziehung auf zukünftige Erkenntnisse gewinnen, während andere es sozusagen in sich selbst haben. Das Problem der Wahrheit entsteht dadurch, daß Erkenntnisse nicht auf einem Weg zustande kommen, sondern auf verschiedenen Wegen. Gewisse Erkenntnisse werden uns aufgezwungen, andere, die sich unter Umständen auf denselben Gegenstand beziehen, kommen auf Umwegen, willkürlich zustande und besitzen nicht den Charakter der Unabänderlichkeit wie die ersteren. So können wir etwas durch Wahrnehmung und durch Mitteilung eines anderen kennen lernen. In gewissen Sätzen ist das notwendige, uns aufgezwungene (produzierte) und das modifikationsfähige (reproduktiv bedingte) Erfassen ein für allemal in Einklang gebracht. In anderen Fällen besteht das modifikationsfähige Erfassen lange vor dem uns aufgezwungenen. In diesen letzteren Fällen kann die Verifikation erst später eintreten, während in den ersteren Fällen sogenannte selbstevidente Wahrheiten vorliegen.

ARNOLD RUGE (Heidelberg): Die Frage nach der Wahrheit mit der Frage nach etwas inhaltlich Wahrem zu identifizieren, ist nicht nur ansich logisch unmöglich, sondern muß notgedrungen zu einem das Absolute des Wahrheitsanspruches negierenden Relativismus führen. Etwas anderes ist es zu fragen, welche Beschaffenheit ein Urteil haben soll, um zweckmäßig zur Orientierung in mehr oder weniger differenzierten Lebensverhältnissen zu sein, etwas anderes festzustellen, welche Momente ein Urteil zu einem über alle Zweckmäßigkeit erhabenen für alle urteilenden Wesen geltenden machen. Die Lösung der ersten Frage ist Aufgabe einer die empirischen Lebensverhältnisse analysierenden Psychologie, die der zweiten Gegenstand der Logik, welche die Ansprüche auf Allgemeingültigkeit und Notwendigkeit zu prüfen, die für die Rechtmäßigkeit dieses Anspruches erforderlichen Vernunftformen aus dem Wesen der Vernunft selbst festzustellen hat. Was an Gültigkeiten, was an Vernunftfunktionen muß im einzelnen Urteil zur Geltung kommen, was vom Wesen der überindividuellen Vernunft muß an der Empirie sein, um ihr den Stempel eines allgemein geltenden, d. h. wahren Urteils zu geben? Dabei bleibt die Empirie, das Beherrschte, wandelbar und mit ihr die Kenntnis von diesem Empirischen (Entwicklung und Erweiterung der Erfahrung), während die Vernunftformen, das Beherrschende, unwandelbar bleiben. In der empirischen, subjektiven Beschränktheit bei der Kenntnis des Gegenstandes, von dem zu einer neuen Erkenntnis synthetisch weitergegangen werden soll, liegt der Grund der Wandelbarkeit aller Wahrheiten, im Postulat und der Möglichkeit ansich, die Vernunftformen in dieser Synthese zur Geltung zu bringen, liegt das Recht und die Notwendigkeit des Anspruchs auf absolute Wahrheit. Wahr ist das Urteil, dessen Negierung die Vernunft (Akkusativ) selbst aufhebt. Die logische Frage nach der Wahrheit ist die Frage nach den geltenden Vernunftformen, nach dem Wesen der Vernunft und ihren Beziehungen zum Vernunftlosen.

ERNST MALLY: Herr SCHILLER erklärt, wahr sei das, was zweckmäßig ist, namentlich zu Erkenntniszwecken. Was heißt erkennen? Erkennen ist ein Erfassen der Wahrheit. Wahr ist also, was zum Erfassen der Wahrheit zweckmäßig ist. Das ist ein Zirkel.

JULIUS PIKLER: Ich erlaube mir fünf sehr kurze Bemerkungen.  1.  Herr MALLY hat mir das Wort aus dem Mund genommen. Ich liefere einen Beleg hierfür darin, daß ich mir aufgezeichnet habe, daß ARMSTRONG gleichfalls davon sprach, daß JAMES auch  intellectual value  als Grundlage der Wahrheit anführt. -  2.  Nach Herrn SCHILLER kann eine von uns unabhängige Wahrheit nicht nützlich sein. Doch jeder Bedingungssatz von der Form "wenn ich so und so handle, erreiche ich einen Zweck, wenn nicht, dann nicht" ist eine Wahrheit, die von mir unabhängig ist; sie ist aber dennoch nützlich, denn ich kann durch mein Handeln bestimmen, welche von den beiden Möglichkeiten eintritt. Ja alle nützlichen Wahrheiten haben diese Form oder lassen sich auf diese zurückführen. -  3.  ARMSTRONG behauptet "pragmatism promotes action"; aber indem der Pragmatismus Selbsttäuschungen, Autosuggestionen, Vorspiegelungen ermöglicht und sogar gutheißt, wirkt er  gegen  das Handeln. -  4.  Nach SCHILLER wird die Wahrheit eines Satzes dadurch bestimmt, ob er zum nützlichen Handeln, zur Tat führt. Nun frage ich: kann es wohl gesagt werden, daß eine gewisse Krankheit, oder ein gewisses Leiden, z. B. gleich der Tod, solange nicht existiert, als wir kein Mittel dagegen kennen; daß solange das Wegleugnen desselben die Wahrheit ausdrückt, und die unangenehmen Wahrheit erst mit der Auffindung des Gegenmittels eine Wahrheit zu sein beginnt? Und wie steht es hiermit während des Suchens des Mittels? Ist aufgrund dieser Tätigkeit jene unliebsame Wahrheit anzuerkennen, und gleichzeitig, da das Mittel noch nicht gefunden ist, auch das Gegenteil als Wahrheit zu befürworten?  5.  Herr SCHILLER hat nicht nur soviel behauptet, daß "eine Wahrheit nie endgültig sein  kann"  und es keine Wahrheit gibt, die im Laufe der Zeit nicht durch eine gegensätzliche ersetzt werden kann. Ich möchte Herrn SCHILLER bitten, einen Beweis hierfür zu geben.

WILHELM JERUSALEM: Aus Ihren Einwendungen ersehen wir, daß Sie unseren Standpunkt nicht verstehen. Wir machen das theoretische Erkennen zum Problem, während Sie dasselbe voraussetzen. Wir gehen hinter Ihre Voraussetzungen zurück und graben tiefer.

BORIS JAKOWENKO: Die Wahrheit ist die von jedem Psychischen unabhängige Wahrheit. Darum ist nur diejenige Wahrheit, die vom Psychologismus in jeder Verkleidung befreit ist (auch vom pragmatischen Psychologismus), eine echt-transzendentale Wahrheit ist.

OTTO KARMIN (Genf): Ein Wort zum Prioritätsstreit: im positiven Teil der Erkenntnistheorie AUGUSTE COMTEs scheinen mir die hauptsächlichsten Theorien des Pragmatismus bereits enthalten zu sein.

GUSTAV STÖRRING (Zürich): Der Pragmatismus ist eine Form derjenigen Anschauung, welche sagt: wahr ist nur, was sich verifizieren läßt. Diese Feststellung läßt sich nicht halten. Die Verifikationen bestehen selbst in Deduktionen und Gleichheitssetzungen, deren Gültigkeit stillschweigend vom Pragmatismus vorausgesetzt wird. Ein einfaches Beispiel, daß es Wahrheiten gibt, die nicht der Verifikation bedürfen: Wenn ich sage:  a  steht links von  b, c  steht rechts von  b,  also steht  a  links von  c,  so wird für diese Wahrheit kein Mensch eine Verifikation verlangen, ebensowenig wie für die:  A  gehört zur Gattung  B, B  gehört zur Gattung  C,  also gehört  A  zur Gattung  C.  Es gibt aber Feststellungen, die sich mit dem Beweußtsein einer absoluten, nicht steigerungsfähigen Sicherheit verbinden. Der Pragmatismus hat Bedeutung für die Frage nach der Psychogenesis des Denkgeschehens, aber nicht in logisch-erkenntnistheoretischer Beziehung.

F. C. S. SCHILLER (Oxford): Aus einem Mangel an Zeit beschränke ich mich auf zwei Bemerkungen. Erstens, daß die heute gemachten Einwendungen sämtlich alte sind, auf die Erwiderungen vorliegen. Zweitens, daß der rationalistische Wahrheitsbegriff nicht nur, wie ich auszuführen suchte, logisch zu einer Behauptung der Existenz einer unbeweisbaren Wahrheit führen muß, sondern daß er auch tatsächlich im rationalistischen Lager dazu geführt hat. Zum Beispiel ist dies von J. E. RUSSELL und J. B. PRATT in Amerika, von J. E. McTAGGART in England (und in dieser Diskussion von Herrn JAKOWENKO) behauptet worden.


Fortsetzung der
DISKUSSION
über den Pragmatismus
(1)

LEONARD NELSON: Das von Herrn ITELSON gegen den Pragmatismus gerichtete Argument, daß der Schluß von der Folge auf den Grund, also auch vom Erfolg auf die Wahrheit der durch diesen Erfolg zu bestätigenden Annahme, streng genommen nie mehr als eine Wahrscheinlichkeitsschluß sein kann, scheint mir noch nicht das entscheidende in unserer Frage zu sein. Die Pragmatisten werden seine Richtigkeit zugeben und uns erinnern, daß gerade sie es sind, die von jeher die Unerreichbarkeit einer absoluten Wahrheit behauptet haben.

Das entscheidende Argument scheint mir vielmehr in folgender Überlegung zu liegen. Man kann zwei Formen des Pragmatismus unterscheiden, eine radikale und eine weniger radikale. Die eine will den  Begriff  der Wahrheit selbst pragmatisch erklären, die andere nur ein pragmatisches  Kriterium  der Wahrheit aufstellen. Es ist mir aus dem Vortrag des Herrn SCHILLER nicht deutlich geworden, welche dieser beiden, sehr genau zu unterscheidenden Formen des Pragmatismus er vertreten wollte. Will er - wie dies der Titel seines Vortrages nahelegt - behaupten, Wahrheit sei ihrem Begriff nach nichts anderes als Nützlichkeit, so muß er konsequenterweise auch hinsichtlich der Wahrheit dieser seiner Behauptung daran festhalten, daß sie nichts anderes bedeutet als die Nützlichkeit. Was bedeutet es also, wenn Herr SCHILLER die Behauptung aufstellt, Wahrheit sei Nützlichkeit? Offenbar nichts anderes als:  es sei nützlich, zu denken, Wahrheit sei Nützlichkeit.  Da aber die Wahrheit dieser Behauptung wieder nichts anderes sein kann als ihre Nützlichkeit, und da dasselbe von der Wahrheit einer  jeden  Behauptung als solcher gilt, so müssen wir, um uns den Sinn der SCHILLERschen Behauptung klar zu machen, eine  unendliche  Reihe von Aussagen vollziehen. Eine Reihe, in der jedes Glied erst durch das nächstfolgende definiert wird, nämlich jede Teilaussage erst durch die Aussage ihrer Nützlichkeit. Da aber die Vollendung einer unendlichen Reihe einen Widerspruch einschließt, so folgt, daß die Behauptung, Wahrheit sei Nützlichkeit, überhaupt keinen definierbaren Sinn haben kann.

Herr SCHILLER könnte es nun noch mit der anderen, weniger radikalen Form des Pragmatismus versuchen, wonach nicht der Begriff der Wahrheit, sondern nur ihr  Kriterium  in der Nützlichkeit liegen soll. Aber es läßt sich leicht zeigen, daß sich hier der eben gekennzeichnete unendliche Regreß, nur in einer anderen Form, wiederholen muß. Nach dem pragmatischen Wahrheitskriterium ist nämlich die Prüfung einer Annahme auf ihre Wahrheit nur dadurch möglich, daß wir uns von ihrer Nützlichkeit überzeugen. Wie aber können wir das? Natürlich wieder nur dadurch, daß wir uns überzeugen, die Überzeugung von der Nützlichkeit der zu prüfenden Annahme sei nützlich; eine Aufgabe, die wieder nur dadurch lösbar wird, daß wir uns von der Nützlichkeit der Überzeugung der Nützlichkeit der Überzeugung der Nützlichkeit der Überzeugung überzeugen, und so weiter ins Unendliche. Das pragmatische Wahrheitskriterium wäre folglich nur aufgrund der Vollendung dieser unendlichen Reihe anwendbar. Auch diese zweite Form des Pragmatismus enthält also einen inneren Widerspruch.

RUDOLF GOLDSCHEID: Auch ich bin der Meinung, daß man, um über die Natur des Wahrheitsbegriffs Klarheit zu gewinnen, von der Unterscheidung zwischen der Definition und dem Kriterium der Wahrheit ausgehen muß. Es macht die Bedeutung des Pragmatismus aus, daß er mit seinen Untersuchungen über die Wahrheit dort beginnt, wo die rationalistische Wahrheitserörterung aufhört. Er fragt nach der Zuverlässigkeit unserer Verifikationsmethoden. Da unser Wissenschaftssystem als Ganzes in engster Abhängigkeit von unseren Willenstendenzen steht, da wir stets diejenige Weltanschauung für die richtige halten, mit der es uns gelingt, die Natur im weitesten Ausmaß zu meistern, so ist klar, daß auch im einzelnen die Wahrheit immer in Beziehung zu Nützlichkeitsmomenten - und seien diese selbst höchster Art - stehen muß. Diese Beziehung ist freilich eine weit indirektere, als der Pragmatismus vielfach annimmt, und dadurch zieht er sich berechtigte Angriffe zu. Wo immer der Pragmatismus so argumentiert, daß er possibilistische
Konsequenzen gestaltet, ist er entschieden abzulehnen. Aber er braucht nicht so zu argumentieren. Das Wertvolle an ihm ist sein aktivistischer energisch zum Leben, das heißt zur Wirklichkeit hingewendeter Charakter, den alle echte Wissenschaft von jeher besessen hat. Er bricht mit dem absolutistischen Wahrheitsbegriff, indem er die Erkenntnisse als einen Entwicklungsprozeß begreift und schafft damit eine exakte Lehre von den Verifikationsmethoden. Für ihn gibt es nichts Selbstverständliches, selbst die Evidenz ist für ihn nicht evident. So ist der relativistische Pragmatismus die notwendige Reaktion gegen den absolutistischen Scholastizismus, und wo er sich in Extreme verliert, sind nur die Extreme des Scholastizismus daran schuld, deren sich der Rationalismus heute ganz zu Unrecht so überliebevoll annimmt. Der  kritische  Pragmatismus hat sicherlich die größte Zukunft. Heute stehen wir diesbezüglich ja erst vor den allerprimitivsten Anfängen!

THEODOR ELSENHANS: Nur eine Frage: Was ist das Wahrheitskriterium der Bemerkungen der verschiedenen Redner in  dieser Diskussion?  Ich könnte noch hinzufügen: nach welchem Maßstab sind die Untersuchungen, sind die Bücher  über den Pragmatismus selbst  zu beurteilen? Gilt auch für sie die Beurteilung nach dem Nutzen, nach dem Erfolg, so ist ein Streit über den Pragmatismus, bei dem der eine den andern durch eine logische Beweisführung zu überzeugen versucht, zwecklos. Die Pragmatisten aber, die sich in eine solche Diskussion einlassen, beweisen eben durch diese Tatsache, daß auch für die die Möglichkeit einer auf sich selbst beruhenden allgemeingültigen Wahrheit eine selbstverständliche Voraussetzung ist.

ERNST MALLY: Es ist gelegentlich von pragmatistischer Seite bemerkt worden, auch die sogenannten Grundwahrheiten seien nichts als "Niederschläge" oder Produkte des Lebensprozesses. Soll das heißen: daß z. B.  2  größer ist als  1,  ist keine Tatsache, sondern ein "Lebensprodukt", also etwas Psychisches oder Physisches? Die Konsequenz dieser Behauptung wäre, daß es überhaupt keine Tatsachen gibt und statt ihrer nur solche "Niederschläge". Wer diese Behauptung aufstellt, wird auch für das, was er behauptet, den Charakter der Tatsächlichkeit nicht ansprechen dürfen. Dann ist es unnötig, sich mit diesem "Niederschlag" seiner Psyche weiter zu befassen. Die eingangs erwähnte Behauptung kann aber auch, und wird wohl wahrscheinlich bedeuten, daß es zwar Tatsachen geben mag, daß wir aber niemals eine von ihnen endgültig zu erfassen vermögen. Diese Behauptung wird damit begründet, daß wir ja niemals konstatieren können, ob eine "Übereinstimmung zwischen unseren Urteilen und den Tatsachen besteht. Der - ich weiß nicht mit welchem Recht - so genannte rationalistische Wahrheitsbegriff, der diese "Übereinstimmung" fordert, sei also zu ersetzen durch einen, dessen Anwendbarkeit in jedem einzelnen Fall konstatierbar ist, den pragmatistischen.

Der Zirkel. der in der pragmatistischen Wahrheitsfunktion liegt, und auf den ich neulich hingewiesen habe, ist von keiner Seite bestritten, von Herrn SCHILLER ausdrücklich zugegeben worden, allerdings mit der etwas unverständlichen Bemerkung, er falle nicht seiner, sondern der "rationalistischen" Bestimmung der Wahrheit zur Last. Auch die fehlerhafte unendliche Reihe von aufeinaner aufgebauten Erprobungsakten, die, wie Herr NELSON bemerkt hat, zur Legitimierung eines jeden Satzes erforderlich wären, wenn er nicht  blind  geglaubt werden soll, wird sich nicht wegleugnen lassen. Und nicht nur der pragmatistische, sondern  jeder  Wahrheitsbegriff, der zur Konstatierung der Wahrhaftigkeit eines Urteils ein außer diesem Urteil liegendes Kriterium fordert, führt auf eine solche unendliche Reihe, da ja die Behauptung, daß das Kriterium zutrifft, immer wieder die Überprüfung verlangt, ob es auf  sie  zutrifft. Es muß also das Erfassen einer Tatsache - wie man wohl besser statt "Übereinstimmung" des Urteils mit den Tatsachen sagen kann - in einem Akt des Erkennens oder kurz die Erkenntnis derart in sich selbst gekennzeichnet sein, daß die Anwendung eines außer ihr gelegenen Kriteriums nicht notwendig ist, oder es gibt überhaupt kein Erkennen. In der Tat: wer erkennt, bedarf keines Kriteriums dafür, daß er erkennt. Man vergegenwärtige sich aufmerksam etwa die Tatsache, daß, wenn  a = b, b = c,  auch  a = c  ist, oder etwa daß Weiß nicht Schwarz ist. Erfaßt man sie klar, und denkt nicht bloß die Worte, so wird man ihrer so sicher sein, daß sich ein Bedürfnis nach einer Verifikation gar nicht einstellt. Es müßte ja die Erkenntnis, daß irgendein ein Wahrheitskriterium hier zutrifft, doch wohl schwieriger und weniger sicher sein als die zu überprüfende Erkenntnis selbst; sicher wäre das bei der Anwendung des pragmatischen Kriteriums der Fall. Die Behauptung, um die es sich hier handelt, bewährt sich in sich selbst: sie leuchtet uns unmittelbar ein. Warum sollten wir diese so sichere Einsicht durch Urteile weniger sicherer Art ersetzen? Durch den Hinweis auf diese unmittelbare, im Fall ihres Gegebenseins auch nicht zu verkennende Charakteristik der Erkenntnis ist jener Zirkel behoben, zugleich aber auch jeglicher Rekurs auf äußere Wahrheitskriterien unnötig gemacht.

Der Erkenntnis, daß Weiß nicht Schwarz ist, lassen sich noch manche andere, auch fruchtbarere an die Seite stellen, in deren Besitz wir niemals die geringste Möglichkeit ersehen können, daß irgendeine künftige Erfahrung sie umstoßen könnte. Aus solchen apriorischen Wahrheiten lassen sich bekanntlich wieder andere ableiten, die zwar nicht "von selbst", wohl aber mit Rücksicht auf ihre Prämissen auch mit Gewißheit einleuchten, sofern man nur die Fähigkeit hat, mit Einsicht zu schließen.

Auf alle diese, durchaus nicht neuen Dinge habe ich hingewiesen, weil ein Grundirrtum des Pragmatismus darin liegt, daß er die Eigenart dieser Erkenntnisse wieder einmal gründlich verkennt und sie auf gleichem Fuß mit unseren  Erfahrungen  behandelt. Wenn z. B. die Physik aufgrund gewisser Erfahrungen eine sogenannte Hypothese aufstellt, so liegt hier natürlich keine Erkenntnis von der eben besprochenen Art vor, sondern eine Vermutung, die an ihren Konsequenzen überprüft werden muß, für die sich mit jeder neuen übereinstimmenden Erfahrung eine größere Wahrscheinlichkeit, aber natürlich niemals Gewißheit ergibt, und die durch eine einzige gegenteilige Erfahrung mit Gewißheit als falsch erwiesen werden kann. Auf diesem (dem  empirischen)  Gebiet gibt es natürlich auf  feste Tatsachen,  in jeder Frage nur  eine Wahrheit,  aber wir können niemals vollkommen gewiß sein, diese Wahrheit auch schon  gefunden  zu haben; wir können wohl eine Evidenz für die Wahrscheinlichkeit, aber nicht für die Gewißheit derartiger Überzeugungen aufbringen.

ERNST DÜRR: Der Pragmatismus nimmt eine Verifikation beliebiger Urteile durch ihre Folgen an. Diese Folgen müssen logisch richtige Folgen sein. Um aber die Richtigkeit der Folgen beurteilen zu können, bedarf der Pragmatismus eben desjenigen Wahrheitskriteriums, das er leugnet.

LEONARD NELSON: Wenn man gezwungen ist, in so kurzer Zeit, wie sie uns zur Verfügung steht, ein Problem zu behandeln, um das man sich seit Jahrtausenden bemüht hat, ohne eine Einigung herbeiführen zu können, so wäre es wohl zweckmäßiger, bei diesem Problem selbst zu bleiben, als sich mit der Frage aufzuhalten, wie alt oder neu es ist, ob es mit oder ohne historischen Takt erörtert worden ist usw. Leider sind aber mit Ausnahme des Herrn MALLY alle bisherigen Diskussionsredner auf das historische Gebiet ausgewichen.

Im übrigen möchte ich es bedauern, daß von Anfang an durch die Verbindung ganz heterogener Fragen eine unnötige Verwirrung in die Diskussion getragen worden ist. Dies gilt inbesondere von den Ausführungen des Herrn JERUSALEM. Wenn Herr JERUSALEM den Wunsch hat, sich auf die Erörterung von Fragen zu beschränken, die für das praktische Leben von Bedeutung sind, so werden wir ihm das Recht dazu nicht streitig machen. Denn es ist eine Frage des Interesses, mit welchen Problemen man sich beschäftigt, und darüber hat der eine dem anderen nichts vorzuschreiben. Aber ein anderes ist es, mit welchen Problemen man sich beschäftigt, ein anderes, wie man die Probleme  löst,  mit denen man sich beschäftigt. Hier haben wir es allein mit dem Zweiten zu tun.

Ich muß Herrn JERUSALEM ferner dahin recht geben, daß wir die Bestätigung unserer wissenschaftlichen Annahme durch den Erfolg nicht entbehren können. Wir sind in der Naturwissenschaft, wenn wir überhaupt über den Bereich des unmittelbar sinnlich zu Beobachtenden hinausgehen wollen, durchaus darauf angewiesen,  Hypothesen  zu ersinnen, deren theoretische Konsequenzen wir dann an der späteren Erfahrung zu bewähren suchen und deren Gültigkeit nur eine stetig wachsende  Wahrscheinlichkeit  sein kann. Es darf aber nicht übersehen werden, daß alle derartigen Wahrscheinlichkeitsbetrachtungen ihren Sinn verlieren, wenn man die  Voraussetzungen  verkennt, auf die sie sich gründen. Diese Voraussetzungen können ihrerseits nicht wieder auf Wahrscheinlichkeitsschlüsse gegründet werden, wenn man sich nicht in einem offenbaren Zirkel bewegen will. Ohne die Zugrundelegung irgendeiner vollständigen Gewißheit hat es gar keinen Sinn, von Wahrscheinlichkeit zu sprechen. -

Eine weitere Verquickung heterogener Fragestellungen ist bereits durch Herrn SCHILLER selbst in die Diskussion gekommen. Anstatt, wie er wollte, sich mit den Gegnern des pragmatischen Wahrheitsbegriffs auseinanderzusetzen, hat Herr SCHILLER gegen den  rationalistischen  Wahrheitsbegriff gesprochen. Man braucht aber durchaus nicht Anhänger des Rationalismus zu sein, um Gegner des Pragmatismus zu sein. Unter Rationalismus versteht man die Lehre, daß unsere Erkenntnis rationalen, d. h. nicht-empirischen Ursprungs ist. Der Rationalismus ist also eine bestimmte Ansicht über die Quellen unserer Erkenntnis. Die Frage aber, welches die  Quellen  der Erkenntnis sind, ist eine andere als die, worin die  Wahrheit  der Erkenntnis besteht. Indem man also dem Pragmatismus den Rationalismus entgegensetzt, schiebt man den Gegnern des Pragmatismus eine Ansicht unter, die ihnen ansich ganz fremd ist. Gegen diese Unterschiebung protestiere ich. Mit ihr hängt ein gewisses taktisches Manöver zusammen, dessen man sich öfter gegen die Gegner des Pragmatismus bedient und von dem soeben Herr GOLDSTEIN ausgiebigen Gebrauch gemacht hat. Dieses Manöver besteht darin, daß man die Autorität der Naturforscher gegen uns auszuspielen sucht. Ich möchte doch die Naturwissenschaft etwas gegen die pathetischen Freundschaftsbezeugungen des Herrn GOLDSTEIN in Schutz nehmen. Herr GOLDSTEIN hat uns erzählt, die noch von KANT als unterschütterlich angenommenen Grundlagen der Naturforschung seien durch die Ergebnisse der neueren naturwissenschaftlichen Arbeiten tatsächlich erschüttert worden. So verhalte es sich z. B. mit dem Grundsatz von der Beharrlichkeit der Masse, dessen Gültigkeit von LANDOLT in Zweifel gezogen und experimentell nachgeprüft worden ist. Diese Angaben des Herrn GOLDSTEIN beruhen auf einer Verwechslung, die man bei Anfängern der Physik häufig findet, nämlich auf der Verwechslung der Begriffe "Masse" und "Gewicht". Die LANDOLTschen Experimente beziehen sich ausschließlich auf das  Gewicht  der Körper und können den Grundsatz von der Beharrlichkeit der Masse so wenig erschüttern, daß sie vielmehr ohne die  Voraussetzung der Gültigkeit  dieses Grundsatzes jeden Sinn verlieren würden.

OSKAR EWALD: Der Pragmatismus behauptet, hinter die Voraussetzungen des Erkennens zurückzugehen und das Erkennen selber als Teil des Geisteslebens aufzufassen wie Kunst, Religion, Moral. Aber die Art der Behandlung all dieser Probleme ist ja wieder eine theoretische. So sind auch KANTs Behandlungen der Ethik, Religion und Ästhetik theoretischer Art und setzen daher die ewigen Gesetze des Denkens voraus. Man kann das Ganze der Erkenntnis als Produkt eines metaphysischen Willens betrachten, nicht aber die einzelnen Erkenntnisse in sich selber ihrem Wahrheitswert nach vom Willen abhängig machen.

JAKOWENKO: Der Rationalismus erhebt den Anspruch auf die Wahrheit in dem Augenblick, wo er die Richtigkeit seiner selbst behauptet. Wenn diese Richtigkeit, diese Wahrheit des Pragmatismus nur die Nützlichkeit ist, so können wir nicht mit ihm einverstanden sein, da die Nützlichkeit sich immer verändert. Meine Nützlichkeit ist nicht die SCHILLERs. Darum müssen wir entweder auf die Wahrheit und den Wahrheitsanspruch verzichten, oder eine wahrhafte Wahrheit, d. h. die apriorische - anerkennen. Jedes Urteil setzt die Wahrheit schon voraus, jedes Urteil erhebt den Anspruch auf die Wahrheit. Darum ist die Wahrheit unentfliehbar, auch für den Pragmatismus und seine Argumente.

NELSON: Von den Ausführungen des Herrn KOZLOWSKI möchte ich nur das nach meiner Ansicht wichtigste Argument beantworten, ein Argument, das auch schon im ursprünglichen Vortrag des Herrn SCHILLER eine wichtige Rolle gespielt hat. Herr KOZLOWSKI sagt: Bestünde die Wahrheit in der Übereinstimmung der Erkenntnis mit dem Gegenstand, so müßte man Erkenntnis und Gegenstand vergleichen, um sich von der Wahrheit einer Erkenntnis zu überzeugen. Man kann aber den Gegenstand nicht mit der Erkenntnis vergleichen, ohne ihn zu  erkennen.  Also müßte man die Wahrheit der Erkenntnis schon voraussetzen, wenn man sie begründen will. Die genannte Definition der Wahrheit schließt also einen Zirkel ein.

Dieses auf den ersten Blick bestechende Argument hat eine Voraussetzung, die weder von Herrn KOZLOWSKI noch von Herrn SCHILLER als solche erkannt worden ist. Es setzt nämlich voraus, daß die  Definition  der Wahrheit zugleich ein  Kriterium  der Wahrheit enthalten muß. Diese Voraussetzung ist völlig dogmatisch. Tatsächlich kommt z. B. in der Mathematik sehr häufig der Fall vor, daß man mit Begriffen operieren muß, deren Definition kein Kriterium dafür enthält, ob ein vorgelegter Gegenstand unter den Begriff fällt oder nicht.

Mit der Aufdeckung dieser dogmatischen Voraussetzung kommen wir auf den eigentlichen Grund und Kern unserer Streitfrage. Der  Zirkel,  den die Pragmatisten ihren Gegnern vorwerfen, liegt nicht in der von ihnen angegriffenen Erklärung der Wahrheit, sondern er entspringt aus der Forderung eines  allgemeinen Kriteriums  der Wahrheit der Erkenntnis überhaupt. Ein solches Kriterium müßte, um anwendbar zu sein, erkannt werden können. Ob aber diese Erkenntnis des Kriteriums gültig ist, können wir nicht entscheiden, ohne Kriterium schon anzuwenden. Dieser Zirkel muß sich in jedem Versuch wiederholen, ein Wahrheitskriterium aufzustellen, das für alle Erkenntnis gelten soll und daher natürlich nicht selbst eine Erkenntnis sein kann. Ob man dieses Kriterium in der Übereinstimmung der Erkenntnis mit dem  Gegenstand  oder (mit dem Pragmatismus) in der  Nützlichkeit  der Erkenntnis sucht, das ist für die Unvermeidlichkeit dieses Zirkels ganz gleichgültig. Wie sich gerade das pragmatische Wahrheitskriterium in diesen Zirkel verwickeln muß, habe ich gestern gezeigt. Jetzt möchte ich meine allgemeine Behauptung nur noch durch den Beweis erläutern, daß auch die dem Pragmatismus scheint entgegengesetzte Erkenntnistheorie, die Ihnen aus dem Vortrag des Herrn KRONER erinnerlich ist, demselben Zirkel verfallen muß. Während der sogenannte Pragmatismus das Wahrheitskriterium im individuellen oder gattungsmäßigen Nutzen sucht, setzt diese den Pragmatismus bekämpfende Erkenntnistheorie das fragliche Kriterium in den an einem transzendenten Sollen oder einem kategorischen Imperativ gemessenen  Wert  unserer Urteile. Die Wahrheit eines Urtels "A ist B" beruth nach dieser Lehre darauf, daß das Urteile "A ist B" wertvoll ist. Die Behauptung aber, das das Urteil "A ist B" wertvoll ist, ist ihrerseits selbst wieder ein Urteil von der Form "A ist B". Um sie als wahr zu erweisen, müßten wir uns also davon überzeugen, daß es wertvoll ist, zu urteilen: es ist wertvoll zu urteilen,  A  sei  B.  Wir erhalten also denselben unendlichen Regreß wie beim "Pragmatismus", und es ist für die Notwendigkeit dieses unendlichen Regressus völlig gleichgültig, ob wir das Kriterium im Nutzen oder im Wert der Erkenntnis suchen; beidemale liegt das Kriterium außerhalb der Erkenntnis, im Praktischen. Auch diese zweite Lehre, so sehr man sie dem "Pragmatismus" entgegenzusetzen pflegt, ist selbst ein versteckter Pragmatismus, nämlich  transzendentaler Pragmatismus.  Über die Widersprüche des Pragmatismus erhebt man sich nicht dadurch, daß man ihn vom Biologischen ins Transzendentale wendet, sondern allein dadurch, daß man die ihm zugrundeliegende verkehrte Problemstellung fallen läßt, d. h. dadurch, daß man auf ein außerhalb der Erkenntnis liegendes Kriterium der Wahrheit verzichtet, ohne darum doch auf die von der Erkenntnis unabhängige Wahrheit selbst zu verzichten. - Dies konnte ich hier natürlich nur kurz andeuten; wer sich für eine gründlichere Erörterung der Frage interessiert, den bitte ich, mein Buch über das sogenannte Erkenntnisproblem nachzulesen.

CARL GUSTAV CARUS sagte, daß er einen Protest und eine Erklärung zu offerieren hat und nicht die Diskussion verlängern will. Der Pragmatismus komme zwar aus Amerika, aber, Gott sei Danke, hat die Bewegung noch nicht das ganze Land in Besitz genommen. Der Pragmatismus ist eine Krankheit, hervorgegangen aus der Sucht etwas Neues und ganz Originelles zu schaffen. Was aber wahr daran ist, ist nicht neu und was neu ist, ist falsch. Es ist interessant zu bemerken, daß, seit der Pragmatismus so populär geworden und zu einer mächtigen Bewegung unter der Führung von JAMES gewachsen ist, der Erfinder des Namens, CHARLES SANDERS PEIRCE stutzig geworden ist. Er ist der Vater dieser Philosophie, aber er will nicht mehr sein eigenes Kind anerkennen. Er nennt sich deshalb nicht mehr einen Pragmatisten, sondern eine Pragmatizisten, um anzudeuten, daß er einen anderen Geist in sich hat. PEIRCE ist der einzige unter den Pragmatikern, der wirklich wissenschaftlich und scharf logisch denken kann, die anderen, besonders JAMES, sind recht geniale Leute, Literateure und Feuilletonisten, die wie Novellenschreiber schreiben, aber nicht wie wirkliche Philosophen. Daß PEIRCE sich lossagt von der Bewegung, ist ein mißliches Zeichen für das, was der Pragmatismus geworden ist und für die Prätensionen [Ansprüche - wp], die er macht.

WALDAPFEL (Budapest): Ich möchte nur bemerken, daß der Name Pragmatismus, dem gegenüber Professor DÖRING gestern in der an den Vortrag von Professor PIKLER sich knüpfenden Diskussion das Wort "Praktizismus" vorgeschlagen hat, aufgrund des griechischen Sprachgebrauchs von HERODOT bis auf die spätesten Zeiten ganz zweckentsprechend ist. Andererseits wäre es schade, das gute, auf CICEROs Sprachgebrauch zurückführende Wort "Probabilismus" mit dem für mein Ohr ein wenig bakonisch klingenden "Verisimilismus" zu vertauschen, das auch von Professor DÖRING empfohlen wurde. Auf die mir im Augenblick vom Vorsitzenden Dr. HÖNIGSWALD zugegangene Weisung, ich möge vom "Pragmatismus" selbst, und nicht vom Terminus sprechen, bemerke ich nur, daß ich diesmal wirklich nur über die philosophische Seite der Sache sprechen wollte, was, wie es mir auch vorkam, die Aufmerksamkeit meiner Zuhörer genügend fesselte. Wenn dies aber dem Herrn Vorsitzenden nicht recht ist, verzichte ich auf das Wort und unterdrücke auch meine Bemerkungen über dieses Verfahren des Herrn Vorsitzenden, die sich mir einerseits vom Gesichtspunkt einer noch zu schaffenden Ethik des Präsidierens, andererseits aber auch dem der wissenschaftlichen Methodologie, die im Herrn Präsidenten zwischen Wort und Sache so merkwürdig scharf zu distinguieren weiß, aufdrängen. -

M. GRELLING: Der Pragmatismus ist deshalb fehlerhaft, weil er einen inneren Widerspruch enthält. Entweder er hält sich selbst für  wahr  im Sinne des Rationalismus, oder er behauptet nur, daß es nützlich ist anzunehmen, der Pragmatismus sei wahr. Darüber braucht der "Rationalismus" nicht zu streiten.

F. C. S. SCHILLER (Schlußwort): Bei der großen Menge der Einwendungen, die gemacht worden sind, und der Kürze der mir zur Verfügung stehenden Zeit, begnüge ich mich damit, nur die beachtenswertesten zu beleuchten, vor allen die scharfsinnigen Erörterungen des Herrn NELSON, die sich sehr nahe mit Einwendungen berührten, die mir Herr BERTRAND RUSSELL schon vor Jahren machte.
    1. Es handelt sich erstens um den Zusammenhang von Wahrheit und Nützlichkeit. Diese Begriffe sind nun für den Pragmatismus so verbunden, daß Nützlichkeit (d. h. Wert) von jeder Wahrheit ausgesagt werden kann. Man erzielt aber nichts damit, daß man fragt, ob denn die Behauptung, daß eine Wahrheit nützlich ist, nicht selber wahr ist: gewiß ist sie das, und zugleich auch nützlich, und bedeutet weder einen Zirkel noch eine endlose Reihe. Das kann man so oft sagen, wie man will, oder für wertvoll erachten. Doch ist dies noch nicht die ganze Erwiderung auf die Behauptung, der pragmatische Wahrheitsbegriff enthalte einen  Regressus in infinitum  [logischen Zirkel - wp]. Derselbe besteht wirklich - aber nur für den Rationalistsen. Der Rationalist will immer seine Wahrheit von absolut gewissen Prinzipien ableiten; er bohrt immer weiter zurück in die Gründe jeder Erkenntnis. Dabei aber stößt er  nie  auf eine absolute Gewißheit. Auch die Evidenz kann täuschen (man denke an Wahnvorstellungen) und sämtliche Axiome sind nur Postulate. Es gibt also tatsächlich eine endlose Reihe von Gründen, die begründet sein müssen. Für den Pragmatismus aber verändert sich dieser Sachverhalt in ein  progressus in infinitum [immerwährender Fortschritt - wp]. Er macht nämlich andere Anforderungen an die gewöhnlichen Wahrheiten. Sie brauchen nicht von Anfang an absolut wahr zu sein; es genügt, wenn sie wahrscheinlich sind und sich in der Erfahrung bewähren. Der Wahrheitsbegriff blickt also vorwärts und nicht rückwärts. "Absolute" Wahrheit wird ein unerreichtes Ideal. Und das ist tatsächlich der Charakter der Wahrheit, wie wir sie in den Wissenschaften besitzen. Unsere Wahrheiten sind niemals endgültig: die Wahrheit wächst und mehr sich ohne absehbares Ende.

    2. "Absolute" Wahrheit ist also ein müßiges Ideal. Man braucht es nicht gerade zu leugnen, aber auf die menschlichen Wahrheiten hat es keine Anwendung. Darin liegt die Erwiderung auf die Unterscheidung zwischen Kriterium und Begriff der Wahrheit. Was wir an Wahrheit besitzen, wird pragmatisch geprüft: für alle menschlichen Wahrheiten bilden die Folgen das Kriterium. Behauptet man aber, daß noch außerdem ein Begriff der Wahrheit "ansich" über diesen Wahrheiten schwebt, der nicht in dieselben aufgeht, so übernimmt man die Pflicht diese Wahrheit zu erweisen. Wie aber ist das möglich? Jedenfalls aber, bis der Beweis erbracht ist, braucht sich die Wissenschaft nicht um dieses rationalistische Ideal zu kümmern.

    3. Wurde es mir vorgeworfen, daß, da die Nützlichkeit für Verschiedene verschieden sei, es sich ebenso mit der Wahrheit verhalten muß, und daß es deshalb gar keine Wahrheit mehr gibt. Doch ist dies offenbar ein Fehlschluß. Die Aufhebung der  einen  Wahrheit führt nicht zu  keiner  Wahrheit, sondern zu  vielen  Wahrheiten. Ein Jeder kann es versuchen (wie die Philosophen), mit seiner eigenen Wahrheit durchzudringen, wenn er es nicht vorzieht, sich mit anderen zu einigen, um eine gemeinsame Wahrheit zu bilden. Diese Folgerung aus dem pragmatischen Wahrheitsbegriff stimmt aber sehr gut zu den Tatsachen. Es werden unzählige Wahrheiten behauptet und nur langsam klärt sich die öffentliche Meinung im Streit der Meinungen. Bei diesem Sachverhalt wäre es nun aber viel besser, wenn wir uns alle von der Jllusion befreien würden, daß wir endgültige Wahrheit besitzen: wir würden dann nicht mehr so geneigt sein auf unsere eigene Meinung zu pochen, und geneigter, uns mit den Andern zu vertragen. Somit bedeutet die Vielheit der Wahrheit keinen Mangel, sondern einen Überschuß, und es würde die Anerkennung dieser Tatsache gewiß die segensreichsten Folgen für das soziale Leben mit sich bringen.

LITERATUR - Theodor Elsenhans (Hg), Bericht über den III. Internationalen Kongreß für Philosophie, Heidelberg 1909
    Anmerkungen
    1) Auf Wunsch verschiedener Kongreßmitglieder wurde vom Generalsekretariat eine Fortsetzung der Diskussion über den Pragmatismus in besonderer Sitzung anberaumt, die sich über mehrere Stunden erstreckte und deren Verlauf, soweit Niederschriften überhaupt vorliegen, im Folgenden wiedergegeben ist.