tb-2H. HerringJ. S. MillF. ÜberwegA. ComtePh. Frank    
 
RUDOLF EUCKEN
Zur Würdigung Comtes
und des Positivismus


"Die Grundlage aller Ausführung bildet bei  Comte  das Streben, das menschliche Dasein in eine einzige Wirklichkeit zusammenzunehmen, die weder eine Spaltung in ein Diesseits und Jenseits noch in eine empirische und ideale Welt kennt. Die Wirklichkeit des Menschen besteht lediglich und allein in der Gesamtheit dessen, was beobachtet werden kann; alle Überschreitung des damit gesteckten Kreises der Erfahrung, sei es im Denken, sei es im Handeln, wir mit unermüdlicher Energie abgewiesen."

"Für die Wissenschaft bedeutet eine solche Einschränkung des Daseins auf die unmittelbare Wirklichkeit einen entschlossenen Verzicht auf alles Erkennen nicht nur des Wesens, sondern auch des Werdens im Sinne eines ursprünglichen Entstehens, einen Verzicht auf alles Erfassen erster und letzter Gründe, auf alle eigentliche Erklärung. Denn alles diese Fragen überschreiten den Kreis dessen,was sich durch Beobachtung feststellen und zu einer gemeinsamen Überzeugung erheben läßt."

"Comte  strebt nach elementaren Phänomenen, aber sie scheinen sich leicht im Anschluß an die erste Erfahrung zu ergeben und keineswegs eine Umwandlung der anfänglichen Begriffe zu fordern. Die Schwierigkeiten, welche aus der Umsetzung des ersten Weltbildes sinnlicher Eindrücke in eine Welt der Kräfte und Bewegungen entspringen, hat  Comte  nicht gewürdigt. Die Besorgnis, der Erfahrung Metaphysik beizumengen, hat ihn oft dagegen verschlossen, wieviel es innerhalb der Erfahrung zu erklären und zu begründen gibt."

Nachdem die Lehren COMTEs bei unseren westlichen Nachbarn zusehends an Ausbreitung und Macht gewonnen haben, beginnen sie neuerdings auch in Deutschland die Aufmerksamkeit stärker zu fesseln. Ein System, welches dort ein Faktor des Kulturlebens geworden ist, kann bei uns nicht mehr wie ein absonderlicher Einfall behandelt werden; es verlangt unsere Erwägung, unsere Entscheidung in Ja und Nein.

An solche Aufgaben kann schwerlich jemand gehen, ohne gewaltig berührt zu werden von der geistigen Kraft des Mannes, ohne eine gewisse Sympathie zu empfinden für die von ihm verfolgten Ziele. Gegenüber der Zerklüftung des gegenwärtigen Lebens hier ein Gedankenbau, der alle Gebiete des Wissens, alle Aufgaben des Handelns zusammenschließt und gleichartig gestalten möchte; gegenüber der Trennung der philosophischen Forschung vom Mühen der Menschheit um Glück und Frieden ein Versuch, den Bewegungen des Kulturlebens die Seele einer philosophischen Überzeugung der Philosophie aber die stärkende Berührung mit dem Schaffen der Menschheit und den Notwendigkeitn der geschichtlichen Lage zu sichern.

Nicht ein Gewebe von Theorien, sondern ein Kultursystem steht hier in Frage, das allen Ertrag und alle Aufgaben menschlicher Arbeit in sich aufnimmt. Das Denken verläßt die stille Höhe der Spekulation, um sich mitten in den Strom der Zeit zu stellen. Allgemeine Bewegungen der Kultur: das Verlangen einer immanenten Weltbegreifung und Lebensführung, die Begründung aller Überzeugungen auf die wissenschaftliche Erkenntnis der Natur, die Einordnung allen Geschehens in  eine  Entwicklungsreihe, das stärkere Hervorkehren der praktischen Aufgaben und die Konzentration des gemeinsamen Handelns auf die Reform der gesellschaftlichen Verhältnisse, alle diese Probleme der Zeit werden hier Hauptstücke der philosophischen Arbeit. Aber indem sie das werden, legen sie ab, möchten sie zumindest ablegen, was lediglich dem Augenblick angehört; indem die Wissenschaft zum Kern der Gegenwart durchdringt, erweist sie nach COMTEs Überzeugung gleichzeitig dieselbe als zusammenfassenden Abschluß aller bisherigen Bewegung: die Gegenwart erscheint als eine Höhe, welche den vollen Überblick des menschlichen Daseins gestattet. So wächst die Ansicht des Augenblicks zu einem Bild unwandelbarer Ordnung, und zur Spannung eines aus unmittelbarer Gegenwart gefaßten Problems gesellt sich die Ruhe einer Behandlung unter der Form der Ewigkeit.

Was aber COMTE will, das hat er auch zu einem klaren Ausdruck gebracht; das hat eine Verkörperung vornehmlich in seinem Hauptwerk, dem sechsbändigen  Cours de philosophie positive,  gefunden. An dieses Werk sich die folgende Erörterung zunächst, während sie die mehr für die Individualität als für die geschichtliche Wirkung des Denkers bedeutsame "subjektive" Epoche mit Bedacht ausschließt. Weiten Umfangs, aber in einfachen übersichtlichen Verhältnissen erhebt sich jenes Werk vor unseren Augen. Als Grundlage sehen wir die Gesamtarbeit der neueren Naturwissenschaft in den Hauptzügen ausgebreitet; der Philosoph faßt hier nur das Fazit langer Arbeit zusammen. Aber das Ergebnis wird zur Aufgabe, zur umwälzenden Macht, indem es das menschliche Leben an sich zieht und als Sozialphysik die Gesellschaft nach Naturgesetzen gestaltet. Dieser Schritt zum Neuen, gewagt wie er scheinen kann, bedarf weiterer Bestätigung und erhält dieselbe aus der Erfahrung der Menschheit. Alles Erlebnis der Geschichte wird aufgeboten, um zu zeigen, daß eine notwendige Verkettung der Begebenheiten Schritt für Schritt das näher brachte, was jetzt unser eigen ist, daß die Bewegung gerade dieses - und kein anderes - Ergebnis haben mußte. So macht die Geschichte die Probe aufs Exempel und an den beiden Ankern von Natur und Geschichte scheint die prinzipielle Überzeugung völlig sicher zu ruhen. Daß bei all dem die leitenden Gedanken mit zäher Energie in den Stoff eingearbeitet sind, daß sich das Neue in einige wenige Behauptungen zusammenfaßt, die aus aller Entfaltung kräftig herauswirken, daß sich die Darstellung bis in die Ausprägung der Begriffe, in die Wahl der Ausdrücke zugleich geschlossen und eindringlich zeigt, daß schließlich alle Lehren von einem festen Glauben des Philosophen an die Wahrheit und Wirksamkeit des Ganzen getragen werden, der über das Werk namentlich zum Schluß hin den Schimmer freudiger Hoffnung ausbreitet, das alles muß die Macht des Systems erhöhen und unsere Achtung vor diesem Denker steigern.

Diese Achtung kann sich keineswegs mindern, wenn die Ausführung der Gedanken mehr unseren Widerspruch als unsere Zustimmung erwecken sollte.

Die Grundlage aller Ausführung bildet bei COMTE das Streben, das menschliche Dasein in eine einzige Wirklichkeit zusammenzunehmen, die weder eine Spaltung in ein Diesseits und Jenseits noch in eine empirische und ideale Welt kennt. Die Wirklichkeit des Menschen besteht lediglich und allein in der Gesamtheit dessen, was beobachtet werden kann; alle Überschreitung des damit gesteckten Kreises der Erfahrung, sei es im Denken, sei es im Handeln, wir mit unermüdlicher Energie abgewiesen.Dies kehrt sich zunächst gegen die Religion als Verknüpfung des menschlichen Daseins mit einem Jenseits; es kehrt sich aber fast noch schärfer gegen das, was COMTE  Metaphysik  nennt, gegen den Kultus abstrakter Begriffe, welche sich rechtswidrig von der Wirklichkeit ablösen, einen absoluten Wert erschleichen und mit einem solchen Scheingehalt die tatsächlichen Verhältnisse unter sich bringen.

Nirgends im ganzen Umfang des Systems ist die Kritik schneidender als wenn sie aufdeckt, daß die Angriffe, welche der Radikalismus der modernen Aufklärung gegen die überkommenen Lebensformen, im besonderen gegen die geschichtliche Religion richtete, selber auf Überzeugungen vom Absoluten ruhen. So enthält z. B. die Art, wie bei der Welterklärung der Begriff der Natur, im Staatsleben der des Gesetzes verwandt wurde, ein Stück Personifikation und ein Verehren damit entstandener fiktiver Größen. Was noch in der Wissenschaft und Praxis an solchen abstrakten und absoluten Größen steckt, das wird scharfsinnig entdeckt und ohne Rücksicht ausgetrieben.

Für die Wissenschaft bedeutet eine solche Einschränkung des Daseins auf die unmittelbare Wirklichkeit einen entschlossenen Verzicht auf alles Erkennen nicht nur des Wesens, sondern auch des Werdens im Sinne eines ursprünglichen Entstehens, einen Verzicht auf alles Erfassen erster und letzter Gründe, auf alle eigentliche Erklärung.Denn alles diese Fragen überschreiten den Kreis dessen,was sich durch Beobachtung feststellen und zu einer gemeinsamen Überzeugung erheben läßt. Wenn die echte Forschung, die positive Philosophie, jene Schranken achten lehrt und den Menschen auf das weist, was sich wägen, messen und berechnen läßt, so macht sie damit dem Spiel subjektiver Einfälle eine Ende und führt uns zu einer objektiven Erkenntnis, die alle Gedanken bezwingt, weil sie alles, was Sache bloßer Deutung ist, ausschließt.

Aber die Schärfe des Kampfes gegen die religiöse und metaphysische Verirrung hindert hier nicht ein ruhiges Begreifen derselben, ja eine Anerkennung ihrer Nützlichkeit und Notwendigkeit. Es ist die geschichtliche Betrachtung, welche das Gleichgewicht der Beurteiltung herstellt. In der fortschreitenden Bewegung des Menschengeschlechts entstanden Religion und Metaphysik als erste Versuche des Menschen, ein Verhältnis zum All zu finden. So verfehlt es war, wenn dabei, dort offener, hier versteckter, menschliche Zustände in das All hineingetragen wurden und alle Umgebung eine menschenartige Gestalt annahm, menschenähnlich auf uns zu wirken schien: die aus einer solchen Personifikation entspringende Traumwelt war zu Beginn ein unentbehrliches Mittel zur Entfaltung und Sammlung der menschlichen Kräfte, zur Erhebung unseres Geschlechts über den Druck bloß materieller Bedürfnisse. Erst nachdem männliche Reife den Menschen in das rechte Verhältnis zur Welt gebracht hat, wird der Irrtum schädlich und ist nun mit aller Kraft auszurotten.

Aber die Aufdeckung des Irrtums gibt der Wahrheit noch keinen Inhalt; die Schranken unseres Daseins erkennen heißt noch nicht entscheiden, ob innerhalb derselben etwas Bedeutsames liegt, ob die Erscheinungen, welche unseren Kreis erfüllen, unter sich einen Zusammenhang eingehen und unserem Tun mächtige Antriebe geben. Hier blieb eine wichtige, ja die wichtigste Aufgabe offen; COMTE hat sich ihr nicht entzogen. Was ihm nach der Ausscheidung aller absoluten Probleme blieb, waren die Verhältnisse der Dinge, ihr Miteinander und ihr Nacheinander; hier wenn überhaupt müssen sich Zusammenhänge finden, hier muß sich die Wendung der Weltansicht zu einer positiven Gestaltung vollziehen. Eine solche Wendung erfolgt in der Tat, sie erfolgt durch die Idee des Gesetzes, durch die Überzeugung von der Gesetzlichkeit allen Geschehens in der Natur und im Geist. Daß das Miteinander und das Nacheinander der Erscheinungen sich nicht regellos bald so, bald anders darstellt, daß bei gleichen Verhältnissen immer das Gleiche eintritt, und daß die Mannigfaltigkeit des Geschehens tatsächlich in einer Koexistenz wie in einer zeitlichen Folge feste Ordnungen, weite Verkettungen bildet, das ist eine axiomatische Voraussetzung des COMTEschen Systems, der Angelpunkt seiner wissenschaftlichen Arbeit. Es ist aber das Gesetz nicht eine Macht außer und über, sondern in den Dingen, es besagt nichts anderes als die Gleichartigkeit des Geschehens, die Tatsache, daß die scheinbare Regellosigkeit des ersten Bildes sich bei näherem Zusehen als Ausdruck ein und desselben Vorgangs erweist. Eben bei einer solchen Fassung stellt das Gesetz der Forschung große Aufgaben und verheißt dem praktischen Leben eine wesentliche Erhöhung. Denn ist der Wissenschaft gilt es nun, die einzelnen Erscheinungen einander anzunähern und zu verknüpfen, dabei Verwickeltes durch Einfaches aufzuhellen und die Zahl der Urphänomene (phénomenes fondamentaux) mehr und mehr zu verringern. So fern wir mit all dem den Gründen der Dinge bleiben, die Einführung der Erscheinungen in eine System von Gesetzen befriedigt einmal das Verlangen unseres Geistes nach einer leicht übersehbaren Ordnung der Tatsachen und sie gibt uns weiter Macht über die Dinge. Denn die Einsicht in die Verkettungen der Dinge läßt uns das Kommende voraussehen, die Voraussicht aber ist ein Hebel der Macht. In einem solchen Sinn hat das Gesetz die Arbeit der modernen Naturwissenschaft geleitet und eben in der Ausschließung aller Willkür dem Menschen die technische Herrschaft über die Natur gegeben. So soll es nun auch das Leben der Gesellschaft auf eine höhere Stufe führen, indem es sowohl den Zusammenhang der Einzelnen mit ihrer Umgebung, wie auch die Verknüpfung der Gegenwart mit der Vergangenheit und Zukunft zur vollen Anerkennung bringt.

In jedweder Richtung erfährt aber der Gedanke des Zusammenhangs eine nähere Bestimmung. Die Naturwissenschaft lehrt unseren Denker, daß in allen Gebieten des Seins sich beim Nebeneinander eine gewisse Gemeinsamkeit herausbildet, daß im Besonderen aber im Reich des Lebendigen eben mit der fortschreitenden Differenzierung der Organe und Funktionen der Zusammenhang der Teile enger, die gegenseitige Abhängigkeit größer wird. Das findet jetzt Anwendung auf die menschliche Gesellschaft, welche hier auch als ein Organismus und zwar als die höchste Form desselben gilt. Eben die fortschreitende Teilung der Arbeit bindet den Menschen an den Menschen und entwickelt das Prinzip der Solidarität der Gesellschaft. Die tatsächliche Gemeinschaft der Interessen wird schließlich auch die Überzeugungen gewinnen und das Tun beherrschen. Andererseits steigert sich die Lehre von der Gesetzlichkeit des geschichtlichen Prozesses zu der Behauptung eines stetigen Fortschritts: langsam, aber sicher fügt sich das eine an das andere, das Ganze wird eine fortlaufende Verkettung, in der jedes seine feste Stelle sein Recht hat. So ist das Wirken gebunden an die Vergangenheit, aber damit zugleich fest begründet und gegen Willkür gesichert; ist es uns versagt, in raschem Flug unsere Wünsche zu erreichen, so ist nichts von dem für die Zukunft verloren, was im Anschluß an die Gesamtbewegung geschaffen wird.

Diese Überzeugungen von der Solidarität der menschlichen Interessen und der Sicherheit des geschichtlichen Fortschritts bilden die Grundlagen einer positivistischen Ethik. Aus der Einsicht in die Gesetzlichkeit des Weltlaufs erwachsen, gibt sie dem menschlichen Leben eine gleichmäßige Stimmung und deutliche Richtung. Der Grundgedanke ist die Bindung des Einzelnen mit all seinem Wollen und Wirken an das Ganze und seine geschichtliche Lage, der enge Zusammenhang mit dem umgebenden Medium (milieu). In aller und jeder Hinsicht ist der Mensch ein Glied seiner Umgebung, bis in seine Hoffnungen und Träume hinein von dem abhängig, war hier in Wirklichkeit vorgeht, unfähig irgendetwas zu schaffen, sobald er aus solchen Zusammenhängen heraustritt. Der Stand der menschlichen Entwicklung bestimmt, was heute möglich und in diesem Möglichen hat der Einzelne seine Aufgabe zu suchen. Aber es geht die Bewegung weiter und so ist das Maß der Gegenwart nicht das der Zukunft; in der Hoffnung auf sie mag der Mensch nach immer höheren Zielen langen und auch das höchste nicht für unerreichbar halten, dessen überhaupt seine Natur fähig ist. Lassen wir nur alles hastige Wegnehmen, alles Mühen, mit  einem  Schlag die Zustände vollkommen zu machen, wie das als die Absicht des Radikalismus mit seinen absoluten Theorien erscheint. Glaubt diese Richtung mit ihrem stürmischen Drängen die Verhältnisse meistern zu können, so unterwirft der Positivismus alle subjektive Regung der ehernen Notwendigkeit der Sache. Eben indem er die Schranken der Menschheit achten lehrt, hofft er die Gegensätze unseres Daseins überwinden zu können. Ordnung und Fortschritt, Einzelinteressen und Gesamtinteressen will er versöhnen und nicht nur die Handlungen, sondern auch die Gesinnungen der Individuen für die Aufgaben des Ganzen gewinnen. So gibt einem System, das alle Fragen nach den Gründen ausscheidet, und das weder für eine Gottheit noch für eine ideale Welt eine Stätte hat, die Idee der Gesetzlichkeit des Wirklichen einen festen Zusammenhang und leitende Ziele. Die Gedanken der unwandelbaren Ordnung des Alls, der unablässigen Fortbewegung des Weltlaufs, der wechselseitigen Verknüpfung aller Menschen verbinden sich zu einer Weltanschauung, die auch den idealen Bedürfnissen Befriedigung verheißt. Aus der Idee der Menschheit lernt hier der Mensch seinesgleichen ehren und im Wirken für das Ganze die Freude seines Daseins finden.

Unser Urteil über einen solchen Aufbau der Weltanschaung soll noch vorbehalten bleiben, als Macht für COMTE selber hat sich der Gedanke des gesetzlichen Zusammenhangs darin bewährt, daß er seiner Forschung eine eigentümliche Methode gibt und alle Arbeit unter feste Regeln stellt. Charakteristisch ist diesem Verfahren das Gleichgewicht zwischen dem Streben nach einem lückenlosen Gefüge des Gedankenbaus und dem Bestehen auf dem ganzen Reichtum der anschaulichen Welt bis in das Einzelne hinein. Die Philosophie soll nach COMTE keineswegs eine bloße Anhäufung (accumulation), sie soll ein zusammenhängendes Ganzes (ensemble) sein. Selbst wo in den Einzelwissenschaften materiell die Wahrheit schon gefunden ist, erwächst ihre eine weitere Aufgabe daraus, dieses Zerstreute zu verbinden und als Ganzes zur Wirkung zu bringen. Aber den Zusammenhang sucht COMTE nicht durch eine Ableitung des Mannigfachen aus einem einzigen Prinzip: würde er damit ja seiner gesamten Denkart widersprechen; was die Verbindung herstellt und den Stoff gleichartig gestaltet, ist nichts anderes als die Einheit der Methode, die Gleichmäßigkeit der Behandlung. Verwandtschaft ist es daher, nicht Gleichheit, Übereinstimmung, nicht Einheit, welche die verschiedenen Gebiete verknüpfen soll. Das Mannigfache analog zu gestalten und dann einander nahe zu bringen, das bildet die Aufgabe. Weil hier die Theorie nicht sowohl erklärt als auch beschreibt, nicht ableitet, sondern ordnet, kann sie einen Zusammenhang erstreben, ohne die frische Unmittelbarkeit der ersten Anschauung preiszugeben, ohne den Reichtum der lebendigen Welt einer Konstruktion aus Begriffen aufzuopfern. Der Einheitsdrang des Philosophen wird zum Streben, allen irgendwie zugänglichen Stoff in feste Beziehungen, in eine klare Rang- und Reihenfolge zu bringen, alle Erkenntnis zu systematisieren (systematiser). Bewunderungswürdig wirkt dabei die Kraft, die Dinge einander anzunähern, ihre Beziehungen zu entwickeln und auch zwischen entlegenen und einander scheinbar gleichgültigen Vorgängen Zusammenhänge aufzudecken. Die doppelte Verkettung des Miteinander und des Nacheinander hält mit festen Klammern alle Fülle des Seins zusammen. Im besonderen die verschiedenen Gebiete des Menschheitslebens: Wissenschaft und Kunst, wirtschaftliche Arbeit und Staatsverfassung, treten in eine wechselseitige Abhängigkeit und zeigen sich durchaus bedingt durch den allgemeinen Kulturstand. Es erwächst eine große Hierarchie der Wissenschaften, die von den mathematischen Gesetzen des Weltbaus bis zu den verwickelten Problemen des organischen Lebens in sicherer Folge fortschreitet. Nicht minder umfassend entrollt der Forscher das Bild der Geschichte, reiht sicher das eine an das andere und markiert doch deutlich große Wendepunkte. Jede Epoche erhält dabei eine Ausdehnung in die Breite, indem überall die Gesamtheit der Existenzbedingungen, die Verzweigung in die Mannigfaltigkeit der Gebiete zur Entwicklung kommt. So wird die strenge Arbeit des Gedankens fortwährend durch eine lebensvolle Anschauung erfrischt, und des zeigt sich die Klarheit des Blicks, eine Schärfe des Urteils in einer Fülle von Bemerkungen, die sachlich manchmal anfechtbar sein mögen, die aber oft anregen, nicht selten überraschen, immer aber COMTE in der Eigenartigkeit seines Denkens als einen Mann  sui generis  [aus sich selbst heraus - wp] zeigen. Indem er fest und entschieden seiner eigenen Art nachgeht, ist es ihm gelungen, der Gesamtheit seiner Gedanken jenen zusammenhängenden Charakter, jene anschauliche Verkörperung, jene Eindringlichkeit zu geben, die den Erfolg einer Philosophie mehr als irgendetwas anderes bestimmt, weil sie jeden, der herantritt, ergreift und zur Entscheidung zwingt.

Eine solche Entscheidung kann endgültig nur aus dem Ganzen einer systematischen Überzeugung erfolgen, welche die Stellung zum Fremden findet, indem sie sich selbst entwickelt. Aber ebenso klar wie dieses ist das andere, daß eine solche Aufgabe hier nicht einmal in den flüchtigsten Umrissen anzugreifen ist. Eine Erörterung der Ziele des Positivismus scheidet damit aus unserer Betrachtung aus. Aber das bedeutet keinen Verzicht auf alle und jede Beurteilung. Wir können das System an seinen eigenen Zielen prüfen, untersuchen, ob es erreicht hat, was es wollte, oder ob es sich bei der Verfolgung seines Strebens in unlösbare Schwierigkeiten und Widersprüche verwickelt hat. Was sich dabei ergibt, kann auch der letzten Würdigung des Ganzen einige Dienste leisten.

Ein solches Unternehmen mag sich näher zu folgenden drei Fragen zuspitzen:
    1. Comte  gibt seine Lehre als einen reinen Ausdruck der Erfahrung; ist wirklich die Erfahrung die einzige Quelle?

    2. Er behauptet, den Inhalt der Erfahrung zu  einem  Zusammenhang verbunden zu haben; bildet sein System aber wirklich ein gleichartiges Ganzes?

    3. Er meint alle Wirklichkeit der geschichtlichen Entwicklung mit seinem System zu umspannen; sind nicht wichtige, vielleicht die wichtigsten Stücke draußen geblieben?
Die Beantwortung dieser Fragen mag für unseren Zweck genügen.

Daß COMTEs Arbeit stofflich aus der Welt der unmittelbaren Erfahrung schöpft, gilt als ausgemacht; nicht ausgemacht ist damit, daß die Art, wie dieser Stoff behandelt, verknüpft, geordnet wird, ebenfalls aus der Erfahrung stammt, noch weniger erwiesen das Urteil, welches COMTE über die Bedeutung des Erfahrungsinhaltes fällt. Das Urteil, sagen wir, denn das scheint uns unbestritten, daß COMTE den Erfahrungsbestand nicht einfach hinnimmt, sondern ihn beurteilt, sein Verhältnis zum letzten Sein der Dinge abschätzt.v Oder was anderes wäre es, wenn er das, was uns unmittelbar vorliegt, gegen ein unerforschliches Wesen der Dinge scharf abgrenzt, wenn er ebenso bestimmt die Veränderung innerhalb unseres Kreises vom ursprünglichen Entstehen scheidet? Wie kommt er überhaupt zu den Begriffen des Wesens und des Werdens, wie kommt er, der alles der Erfahrung verdanken will, zu ihnen, die er selber über alle Erfahrung hinausrückt? Und woher wissen wir denn, daß überhaupt etwas hinter der Erfahrung liegt? Schwerlich aus der Erfahrung selbst; denn diese gibt schlicht und einfach ihren Bestand ohne alle Behauptung, aber auch ohne eine Begrenzung und Verneinung. Wie COMTE zu jener Scheidung kam, ist freilich leicht zu ersehen. Offenbar entstand sie aus einer Erweiterung von Begriffen der mechanischen Naturlehre. Was sich hier als nützlich bewährte: die völlige Ausscheidung der Frage nach dem Sein, die Beschränkung der Forschung auf die Bewegungen als Beziehungen der Kräfte, das wird nun zum Weltbild der Philosophie. Das Recht dieser Erweiterung ist aber nirgendwo erwiesen; es war nicht zu erweisen, ohne daß COMTE ausführlich entwickelt hätte, was er tatsächlich hat, aber im Bewußtsein verwirft, eine Lehre vom menschlichen Erkennen.

Innerhalb der Erfahrung bildeten die Beziehungen der Dinge mit ihrer Gesetzlichkeit den Vorwurf der Wissenschaft. Wir übergehen die Probleme, welche der Begriff der Beziehung enthält, die Gefahren der Erschleichung, welche er bringt. Aber wir fragen, ob ein allumfassender Zusammenhang der Erscheinungen, ob das Verwachsen der Individuen in ein gesellschaftliches System, ob die Einordnung aller geschichtlichen Daten in eine einzige Reihe, ob auch die Verbindung der seelischen Vorgänge zu einem Lebensganzen einfach ein Ergebnis unmittelbarer Beobachtung und nicht vielmehr ein Postulat geistiger Tätigkeit ist. Noch mehr ist so gegenüber der Behauptung der Gesetzlichkeit allen Geschehens zu fragen. COMTE lehrt, daß alles unter Gesetzen steht, d. h. gleichmäßige und einfache Formen des Wirkens aufweist, daß diese Gesetze überall dieselben sind, dieselben sein müssen. Denn eben die Unverbrüchlichkeit der Gesetze wird mit besonderem Nachdruck behauptet. Das konnte ihm die Erfahrung niemals zeigen. Denn wie kann sie mehr bieten als ein tatsächliches Nebeneinander der einzelnen Fälle? Niemals könnte eine von deren Ähnlichkeit ausgehende Verallgemeinerung die Grenzen der tatsächlichen Beobachtung überschreiten, ohne sich eben der Vermutung einer Gesetzlichkeit des Daseins zu bedienen. Wieviel aber zwischen einer bloß empirischen Verallgemeinerung und der echten Allgemeinheit und Notwendigkeit wissenschaftlicher Sätze liegt, das bedarf nach LEIBNIZ und KANT keines Wortes. Man kann bezweifeln, ob es überhaupt Wissenschaft gibt; wenn es aber eine gibt, so läßt sich nicht allein mit der Erfahrung auskommen. Gerade auch bei COMTE erlangt die hyperempirische Allgemeinheit eine fundamentale Bedeutung. Er könnte sich nicht so scharf gegen die Spezialisierung wenden, nicht ein Zeitalter der Allgemeinheit (âge de la généralité) heraufführen wollen, nicht der Erhebung zur Allgemeinheit eine solche Bedeutung für den Fortschritt der Geschichte, die Ordnung der Gesellschaft, die Einrichtung der Erziehung beimessen, nicht den Begriff des Gesetzes zum Mittelpunkt seiner Forschung machen, schließlich nicht die Theorien in Prinzipien des Handelns verwandeln, wenn ihm nicht das Allgemeine mehr besagen würde als die unsicher tastende Verallgemeinerung. So aber stehen bei ihm zwei Richtungen in einem offenbaren Widerspruch. Wo er die Metaphysik angreift, gelten ihm die Einzeltatsachen als der Quell aller Erkenntnis; wo er gegenüber der spezialistischen Vereinzelung die Eigentümlichkeit seines Systems entwickelt, da tritt das Allgemeine wie selbständig und herrschend auf und erlangt eine weit höhere Schätzung. Wäre COMTE in jener Richtung konsequent weitergegangen, er hätte weder einen durchgehenden Zusammenhang noch eine unwandelbare Gesetzlichkeit der Erfahrung erreicht; sofern er diese vertritt, hat er seine eigene Metaphysik, wenn auch eine unentwickelte und unkontrollierte. Den Charakter eines wissenschaftlichen Systems hat COMTEs Lehre nur erlangt, indem sie die Schranken durchbrach, deren Innehaltung sie mit so großem Nachdruck forderte.

So ist ein Widerspruch in der prinzipiellen Begründung unverkennbar. Aber vielleicht entschädigt für ihn einigermaßen die Gleichmäßigkeit der Ausführung seiner Gedanken. Die Frage, wie Erfahrung möglich ist, mag zurücktreten, wenn sich alle Gebiete innerhalb der Erfahrung einträchtig zu einem Ganzen fügen. COMTE behauptet einen solchen Zusammenschluß, er meint im Besonderen, aus den Begriffen der Natur eine übereinstimmende Gestalt aller Wirklichkeit zu gewinnen und auch die Geisteswelt mit diesen Größen zu umspannen. Nun finden sich ohne Zweifel innerhalb des Systems weitausgedehnte Zusammenhänge, und manche Abschnitte wirken wie aus  einem  Guß. Aber eben beim Hauptpunkt, beim Übergang von der Natur zum Geist, hält die Gleichmäßigkeit einem näheren Zusehen nicht stand. In den Grundbegriffen der Geschichte und der Gesellschaft tritt versteckt eine Wirklichkeit ein, welche sich keineswegs als Fortsetzung des Naturprozesses fassen läßt.

Allerdings hat COMTE sich bemüht, die Geschichte der Natur anzunähern. Er tut das, wenn er den Fortschritt der Menschheit sich langsam und allmählich, durch eine Ansammlung einzelner Daten vollziehen läßt, wenn alle wesentlichen Kräfte und Bedürfnisse unseres Geschlechts durch die Zeiten gleichbleiben und damit alle Unterschiede der Epochen auf ein Mehr oder Weniger hinauslaufen sollen. Aber wie vereinigt sich mit solchen Annahmen die bekannte Lehre von den drei spezifisch verschiedenen Stufen, die Scheidung einer theologischen, metaphysischen, positiven Epoche, deren Denkart eben nach COMTE unvereinbar ist? Danach scheint die Menschheit aus den Erfahrungen der Geschichte zu lernen, innerlich fortzuschreiten, sich über die anfängliche Lage wesentlich zu erheben. Wie aber ist das möglich ohne ein Aufstreben nach Zielen, ohne eine innere Entwicklungsfähigkeit der menschlichen Natur? Damit aber wären wir aus den Zusammenhängen einer mechanischen Naturlehre herausgetreten.

Daß für COMTE die Geschichtlichkeit des menschlichen Daseins etwas anderes bedeutet als die Aufeinanderfolge und die zunehmende Verwicklung der Naturerscheinungen, das bezeugt auch die eigentümliche Sicherheit, mit der die Lehren von jener in Abweichung von der sonstigen Gepflogenheit des Denkers auftreten. Das Grundgesetz der drei Stufen muß nach COMTE mehr als eine empirische Verallgemeinerung, mehr als ein bloßes allgemeines Faktum (simple fait gènéral) sein, um seine wissenschaftliche Wirksamkeit zu erreichen; es soll gestatten, die Haupteigenschaften der einzelnen Epochen "beinahe a priori" zu konstruieren; es lehrt uns Völker wie das griechische und römische verstehen nicht als gelegentliche und besondere Gemeinschaften, sondern als notwendige und allgemeine Lagen. Könnte man sich hier nicht eher bei HEGEL als bei COMTE zu befinden glauben? Und sollte diese Veränderung des Verfahrens nicht in einigem Zusammenhang mit dem Charakter des Erkennens stehen, welches auf das Geistesleben geht?

Ein ähnliches Geschick hat der Begriff der  Gesellschaft Zunächst die Begriffe physischen Zusammenhangs fortführend ist er schließlich durch eine Entwicklung zu einem innerlichen Ganzen weit darüber hinausgewachsen. Gewiß bietet die Natur in steigenden Graden feste Beziehungen, beharrende Zusammenhänge; aber von hier bis zu einer inneren Einheit ist ein weiter Sprung; eine innere Einheit wird schwerlich jemand in der Natur auch nur angelegt finden, der sie nicht vom Geist hineingetragen hat. COMTE aber verwischt den Unterschied einer Einheit des Wesens (unitas essentiae) und einer Einheit der Zusammensetzung (unitas compositionis), und zwar vollzieht sich eine solche Irrung vornehmlich durch eine Unklarheit im Begriff des  Organismus,  die bis auf den heutigen Tag in philosophischen und politischen Theorien zahllose Erschleichungen bewirkt. Der exakt mechanischen Naturlehre, die doch bei COMTE den Grundstock der Überzeugung bildet, kann der Organismus nicht mehr sein als System der Zusammensetzung, ein überaus komplizierter Mechanismus. Dem Soziologen aber wird er bedeutsam gerade durch die innere Einheit. Denn COMTE begnügt sich nicht damit, den Einzelnen in mannigfache Beziehungen und in eine stetige Wechselwirkung mit seiner Umgebung zu stellen, sondern er hypostasiert [einem Gedanken gegenständliche Realität unterschieben - wp] das Ganze zu einer dem Einzelnen überlegenen Macht, ja er behauptet geradezu, der einzelne Mensch sei im Grunde eine bloße Abstraktion, real sei nur die Menschheit. Darum soll der Soziologe in seiner Forschung nicht vom Einzelnen zum Ganzen, sondern vom Ganzen zum Einzelnen fortschreiten, er soll die Gesetze der individuellen Entwicklung dem Gesamtlauf der Geschichte entnehmen, da allein von hier aus sich ein Verständnis der Zusammenhänge erschließt.

Aber noch mehr. Ein innerer Zusammenhang der Menschheit möchte, wenn nicht mit der mechanischen Theorie, so doch vielleicht mit irgendeinem Begriff der Natur vereinbar sein, solange lediglich die Tatsächlichkeit dieser Einheit, die faktische Überlegenheit des Ganzen über die individuellen Lebenskreis behaupten würde. COMTE jedoch geht einen großen Schritt weiter. Er behandelt den Bestand des Ganzen als etwas Wertvolles, als etwas, das den Einzelnen zur Aufgabe wird, das von ihnen hingebendes Interesse und tätige Förderung verlangen darf. Der Begriff des Sollens gesellt sich zu dem des Seins. Der Mensch soll seine Arbeit wie einen Dienst am Ganzen tun und den Gedanken der Pflicht vor den des Rechts stellen. Als ein Großes erscheint es hier aus seinem Ich herauszugehen und in anderen zu leben. Mit dem allen erwächst eine Welt, die sich nicht einfach an das mechanische Naturgeschehen anschließt. Man müßte einen wundersamen Begriff der Natur haben, wenn ein System, welches die Idee der Pflicht kennt und achtet, für ein rein naturwissenschaftliches gelten sollte. Wir sagen damit nicht, daß COMTE die Innerlichkeit genügend entwickelt hat; so weit hat er sie immerhin entwickelt, um micht sich selbst in Widerspruch zu geraten. Seine Inkonsequenz bedeutet nicht eine gelegentliche Abweichung, sondern eine wesentliche Umlenkung. Mehr und mehr verlegt sich im Lauf der Untersuchung der Schwerpunkt der Weltanschauung von der Natur in die Menschheit. Zuerst erscheint der Mensch als ein Teil der Natur, von den Tieren auch seelisch nur graduell verschieden; später tritt die Eigenart und Würde unseres Wesens in den Vordergrund, edle (nobles) Anlagen werden uns zugeschrieben, die Macht der Menschheit gepriesen. Die seelische Größe des Menschen dünkt der Größe der Natur überlegen, bei der es sich gewöhnlich um bloße Massen handelt. Die Entwicklung der charakteristisch menschlichen Züge gegenüber den tierischen Neigungen unserer Natur gilt als Aufgabe der Geschichte, die Unterwerfung der Außenwelt unter die Macht der Menschheit als vornehmlicher Triumph der Kultur, die Darstellung der Größe des Menschen als Hauptaufgabe der Kunst. Mehr und mehr wächst der Mensch über die Natur hinaus zu einem selbständigen Wert: statt daß er sich ihr dienend einfügt, wird sie ein Werkzeug seines Tuns, ein Mittel, sein Dasein zu erhöhen.

Nicht ohne Zusammenhang mit einer solchen Wandlung steht eine Verschiebung der Stellung des Wissens zum Handeln. War COMTE zu Anfang darauf bedacht, den Selbstwert des Wissens zu erhärten, so sehen wir ihn später auf eine Begrenzung der Forschung durch die wesentlichen Interessen der Menschheit dringen, in einer Weise, welche selbst methodologisch nicht ohne Bedenken ist.

Endlich aber hebt sich bei einer solchen Umwälzung das Innenleben sichtlich über die dienende Stellung hinaus, in der es zu Anfang gehalten wurde. Dort galt alles, was sich nicht mit der äußeren Wirklichkeit deckte, als Einbildung und Traum; später werden ideale Bedürfnisse (besoins d'idéalité), ja ein Verlangen nach Ewigkeit (besoin d'éternité) anerkannt. Das Gesellschaftsleben soll ihnen Befriedigung gewähren und im besonderen die Kunst sich in ihren Dienst stellen.

Aus dem allen erhellt sich zur Genüge, daß bei COMTE das Geistesleben tatsächlich die Analogie mit der Naturerklärung nicht wahrt. Der Sinn für die lebendigen Mächte der Wirklichkeit hat den Philosophen selber die zu enge Fassung sprengen lassen, in welche das System die Wirklichkeit zwängen wollte. Die Empirie zeugt hier gegen den Empirismus. Zu sehr Empiriker ist COMTE, zu offen den Eindrücken der umgebenden Welt, um in der Weise Empirist zu bleiben, wie er es anfänglich wollte. Aber die Frage, ob seine Philosophie einen einheitlichen Zusammenhang, ein gleichartiges Ganzes bildet, ist damit verneinend entschieden.

So gelangen wir zur letzten Frage, zur Untersuchung, ob COMTEs System in der Tat alle Wirklichkeit des Menschheitslebens in sich faßt, wie das die Absicht war. Außerhalb der Erörterung soll dabei bleiben, ob der Philosoph berechtigt war, jene Wirklichkeit innerhalb des modernen Lebens zu suchen, ob die Gegenwart in ihrem unmittelbaren Dasein allen Ertrag der Zeiten mit sich führt; fragen wir einfach, ob das moderne Leben - was auch immer es im Ganzen bedeutet - bei COMTE vollständig in das Bewußtsein des Gedankens, die Arbeit der Wissenschaft aufgenommen ist.

Vor aller Besonderheit ist dabei zu untersuchen, ob die Gesamtfassung, welche die Philosophie hier erhält, der tatsächlichen Entwicklungslage des Geisteslebens entspricht. Die Aufgabe der Philosophie bezeichnet COMTE wohl in aller Kürze als das Studium der wissenschaftlichen Allgemeinheiten; genauer könnte man zwei Richtungen unterscheiden: das Generalisieren und das Systematisieren. Die allgemeinen Tatsachen herausheben und sie untereinander ordnen, das ist es, was hier dem philosophischen Forscher obliegt. Genügen und gelingen, namentlich im unmittelbaren Anschluß an die Erfahrung gelingen kann ein solches Werk nur, wenn sich die einzelnen Daten ohne wesentliche Umwandlung als Ausdruck eines gleichartigen Geschehens darstellen, wenn ferner die verschiedenen Gruppen sich eine durchgehende Verkettung widerstandslos gefallen lassen. Ein Bruch mit der ersten Wirklichkeit darf hier ebensowenig eintreten wie ein feindliches Auseinandergehen innerhalb derselben. Ob jene Lage in Wahrheit vorhanden ist, hängt nicht an abstrakten Erwägungen; die Entscheidung ruht beim Gesamtbestand dessen, was die geschichtliche Arbeit der Menschheit tatsächlich erreicht hat. Diese Instanz ruft eben COMTE an; bei näherem Zusehen aber spricht sie nicht für, sondern gegen ihn; gerade die Neuzeit mit ihrer Eigenart vertritt eine Wirklichkeit, welche in jenes Generalisiern und Systematisieren nicht aufgeht. Denn die Arbeit der Menschheit hat die Zeit nicht fortführen können, ohne mit der überkommenen Lage zu brechen; durch Zweifel und Sorge, aber auch durch Schaffen und Gelingen ist ihr die Überzeugung befestigt, daß weder das Denken noch das Handeln bei der nächsten Umgebung verbleiben kann, ohne mit den Forderungen des aufstrebenden Geisteslebens in einen harten Widerspruch zu geraten; weder kann die Welt der unmittelbaren Sinnlichkeit ohne weiteres das Denken befriedigen, noch darf das Handeln den Zustand, welchen es antrifft, als bleibende Grundlage anerkennen und ruhig darauf weiter bauen. Erscheinung und Wirklichkeit, gegebene und geforderte Welt haben sich getrennt, sich trennen müssen; nun gilt es, die echte Wirklichkeit in Mühe und Kampf herauszuarbeiten, die Befriedigung unseres Strebens jenseits der ersten Lage zu suchen. Damit sind die Ziele ferner gerückt, die Mittel verwickelter geworden; einen sicheren Ausgangspunkt, einen festen Zusammenhang seines Denkens und Tuns sieht der Mensch sich nicht einfach zufallen, er kann nicht beginnen, wo er sich gerade findet, sondern hat überaus viel vorzuarbeiten, um in eine echte Arbeit hineinzukommen. Dieser Bruch mit der Gegebenheit bedeutet zugleich eine schärfere Scheidung zwischen geistiger Tätigkeit und entgegenstehender Welt. Das erste Ergebnis jenes Bruches ist der Zweifel; der Zweifel aber wirft den Geist auf sich selbst zurück und zwingt ihn, aus eigenem Tun eine Wirklichkeit zu entwickeln, wenn nicht alles ins Leere verrinnen soll. Andererseits gewinnt die objektive Welt eine größere Selbständigkeit; was naive Lebensführung an menschenartigen Gebilden in sie hineintrug, das wird jetzt als subjektiv erkannt und zurückgezogen, damit sich das Kosmische ungestört in seinen eigenen Zusammenhängen aufbaut. Aber nun stehen beide Welten unverbunden nebeneinander und können doch als Seiten ein und desselben Lebensprozesses nicht so bleiben. So erwachsen Probleme über Probleme, Zweifel und Verneinung umsäumen jetzt den Weg zur Wahrheit, die naive Lebensführung früherer Zeiten ist unwiederbringlich aufgegeben. Ist das alles richtig, so muß philosophischer Geist etwas anderes sein, als das, wofür COMTE ihn erklärt, als eine Systematisierung des gesunden Verstandes; so bleibt eine Philosophie des bloßen Verallgemeinerns und Ordnens hinter der Forderung der Menschheit zurück. Daß sie das in Wahrheit tut, zeigt schon ein flüchtiger Überblick der einzelnen Hauptgebiete. Bei der Erkenntnislehre, Naturlehre und Geisteslehre wird augenscheinlich hervortreten, daß die wirkliche Arbeit und Leistung weit tiefer geht, als dieses System anerkennt, daß sie weit mehr Fragen stellt, als hier Beantwortung finden.

COMTE hält alle Erörterung der wissenschaftlichen Methode vor der wirklichen Anwendung für unfruchtbar, er verwirft eine selbständige Erkenntnis- und Methodenlehre. Wir teilen diese Verwerfung, sofern sie auf eine gesonderte Betrachtung des Erkenntnisvermögens ohne alle Beziehung zum Gegenstand geht; denn in Wahrheit ist unerfindlich, wie dabei etwas herauskommen soll. Erst in der Leistung offenbart sich das Können, die Leistung aber ist an die Beziehung auf den Gegenstand gebunden. - Indessen ist eine gesonderte Untersuchung des bloßen Vermögens nicht der letzte und wahre Sinn des Verlangens einer selbständigen, alle philosophische Untersuchung einleitenden Erkenntnislehre. Dasselbe entspringt vielmehr mit Notwendigkeit der Lage, in welche der Bruch mit der ersten Umgebung das Denken versetzt hat. Nicht mehr kann es nun aus der Fülle des Stoffes beginnen und fortschreiten, es muß erst allgemeine Bedingungen erörtern, die Art der Arbeit erwägen, die Umrisse des Ganzen vorausentwerfen. Bei der unleugbaren Verwicklung der Lage müssen wir die Aufgabe zerlegen, um überhaupt auf den Weg zu kommen, müssen wir vor dem Eingehen auf das Einzelne ein Gesamtbild wagen, das seine nähere Ausführung erst erwartet und das auch in seinen Umrissen zunächst bloß hypothetisch gilt, das aber unerläßlich vorangehen muß, um dem sonst aller Zufälligkeit preisgegebenen Denken Regel und Richtung zu geben. Bei der Wichtigkeit einer solchen Orientierung ist die Erkenntnislehre in jenem Sinn ein bedeutendes Stück der modernen Philosophie, ja der Mittelpunkt ihrer Arbeit, das Hauptobjekt des Streites geworden. Sie mag hier mehr, dort weniger entwickelt sein, aber vorhanden ist sie überall, tatsächlich vorhanden, wie wir uns schon überzeugten, auch bei COMTE. Aber was sich versteckt einschleicht und gegen die bewußte Absicht des Autors wirkt, erhält natürlich nicht sein volles Recht; daher ist COMTE hinter der Lage, in der sich das Problem auf dem Boden der Neuzeit, in der es sich besonders seit KANT befindet, erheblich zurückgeblieben. Wo die Zeit eine kritische Gestaltung verlangt, ist das System im Gesamtwurf dogmatisch geblieben.

Eher dürfen wir erwarten, dasselbe auf der Höhe der menschheitlichen Entwicklung zu finden, wenn wir es in seiner eigentlichen Heimat, der Erforschung der Natur, aufsuchen. Bedeutsame Ergebnisse der neueren Arbeit haben hier ohne Zweifel einen großartigen Ausdruck erhalten. Sowohl der Zusammenhang wie auch die Verzweigung der modernen Naturerkenntnis tritt lebendig vor das Auge; das Aufsteigen zu immer umfassenderen Gesetzen, das Ausscheiden absoluter Größen, der Reichtum der Methoden, das alles vereinigt sich zu einem Bild, das seine Anziehungskraft behält, auch wenn es sich nicht als volles Abbild der wirklichen Leistung behaupten kann. Und das kann es in der Tat nicht, wesentliche Züge sind draussen geblieben. Weder der molekulare noch der genetische Charakter der modernen Naturwissenschaft findet die gebührende Anerkennung. Allerdings strebt COMTE nach elementaren Phänomenen, aber sie scheinen sich leicht im Anschluß an die erste Erfahrung zu ergeben und keineswegs eine Umwandlung der anfänglichen Begriffe zu fordern. Die Schwierigkeiten, welche aus der Umsetzung des ersten Weltbildes sinnlicher Eindrücke in eine Welt der Kräfte und Bewegungen entspringen, hat COMTE nicht gewürdigt. Die Besorgnis, der Erfahrung Metaphysik beizumengen, hat ihn oft dagegen verschlossen, wieviel es innerhalb der Erfahrung zu erklären und zu begründen gibt. Das Verlangen nach Einheit, z. B. nach Zurückführung der chemischen Stoffe auf einen Grundstoff, nach einem Verstehen der organischen Gestalten aus einfachen Grundformen, erscheint ihm leicht als eine metaphysische Verirrung. Daher behandelt er auch die Idee der Entwicklung im Sinne einer realen Fortbildung der Lebewesen ablehnend und sieht bei LAMARCK fast nur Verfehltes. Zusammen mit seiner Scheu vor der Metaphysik läßt ihn die Vorliebe für Ordnung und Abgrenzung mit aller Energie auf der Diskontinuität der großen biologischen Reihe bestehen. Daß er in all dem die Natur wesentlich wie ein fertiges System behandelt, daß er mehr schildet und zusammenfaßt als erklärt und ableitet, das hindert auch seine Fassung der naturwissenschaftlichen Methode, die wirkliche Bewegung der Wissenschaft zu erreichen. Seine Aufmerksamkeit ist fast ausschließlich auf das Auf- und Absteigen zum Allgemeinen und damit auf die Probleme der Induktion und der Deduktion gerichtet, während die der Wissenschaft obliegende Notwendigkeit, ein neues Weltbild herauszuarbeiten, die Analyse und die (zunächst in der Form der Hypothese auftretende) Synthese, wenn auch nicht für die Arbeit des Tages, so doch für die großen Wendungen der Forschung weitaus bedeutsamer macht. Keiner der bahnbrechenden Forscher von KEPLER bis DARWIN entspricht der Zeichnung wissenschaftlicher Arbeit, welche COMTE entwirft. So ergibt sich, daß auch die moderne Naturwissenschaft in seiner Lehre nicht ihr volles Recht findet.

Und nun die Geisteswissenschaften. Ohne Zweifel hat auch hier COMTE manche Ideen und Strebungen der Gegenwart in die wissenschaftliche Erkenntnis aufgenommen und sie in der eindringlichen Sprache unmittelbarer Empfindung zu lebendiger Anschauung gebracht. Er hat den Strom der Zeit für sich, wenn er das Handeln auf die nächste Wirklichkeit richtet, um sie zu einem Reich der Vernunft zu machen, wenn er die Gegenwart an die Vergangenheit, den Einzelnen an das Ganze, jede besondere Handlung an die allgemeine Lage der Gesellschaft bindet, wenn er auf eine Sozialethik ausgeht, und wenn er schließlich in dem Verlangen, unser Dasein aus dem All zu erfüllen, alle bloß subjektive Regung verbannt und aus einem objektiven Weltbewußtsein für unser Leben einen objektiven Gehalt sucht. Aber wenn das alles uns mitten in das moderne Leben versetzt, es erschöpft nicht die Tiefe dieses Lebens, es wird im besonderen nicht der Aufsichbegründung und Verinnerlichung der Geisteswelt gerecht, wodurch eben die Neuzeit über frühere Epochen hinaus fortschreitet. Die neue Philosophie beginnt von dem Augenblick, wo DESCARTES das denkende Ich zum archimedischen Punkt aller Erkenntnisse machte. Ein solcher Ausgang war kein individueller Versuch, keine Sache einer Schule, sondern der Ausdruck einer allgemeinen Bewegung, einer Bewegung, welche mit der Schärfung des Gegensatzes von Geist und Außenwelt kräftig dazu antrieb, das Eigentümliche der Innenwelt zu entwickeln und zu erforschen. Wie der moderne Mensch seine Innerlichkeit im Wirken und Schaffen konsequenter und allseitiger entfaltet, so erlangt auch die Lehre vom inneren Vorgehen, die Psychologie, eine Selbständigkeit und Geschlossenheit wie nie zuvor. Umso eigentümlicher muß es berühren, daß COMTE von einer Psychologie ebensowenig etwas wissen will, wie er ein selbständiges Innenleben des Geistes kennt. Im Zusammenhang seiner Denkart hatte das ohne Zweifel gute Gründe; verhinderte es doch eine Spaltung des Alls in zwei Welten, der Forschung in zwei Reiche und Methoden. Aber wieviel von dem, was jetzt die Menschheit bewegt und beherrscht, fällt damit für COMTE aus! Die Einheit der Persönlichkeit, ein Handeln aus selbsteigenem Charakter, die Macht einer von innen begründeten Überzeugung gegenüber aller Autorität, das Verlangen der Freiheit nach außen wie im Innern, überhaupt das auf sich selbst gerichtete Wirken, das Selbstleben des Geistes, es findet bei ihm keinen Platz. Nun aber sind gerade jene Ideen bewegende Mächte der Neuzeit. Eben in der Befreiung des Geisteslebens vom Druck einer sichtbaren Organisation, in der Begründung des Wirkens und Schaffens auf ein unsichtbares Vernunftreich hat die Neuzeit über die Lage früherer Zeiten endgültig hinausgeführt; wer daher jene Wendung verkennt, wer wie COMTE den Menschen wesentlich in das Verhältnis zur äußeren Umgebung aufgehen läßt, Welt und Außenwelt wie gleichbedeutend behandelt, der muß die tiefste Eigenart, die gesamte Idealität der Neuzeit verkennen.

Das zeigt sich z. B. greifbar in der Behandlung des Protestantismus, für den COMTE im Grunde nur Tadel hat, im geraden Widerspruch mit seiner eigenen Geschichtsbetrachtung, die ja in aller Weiterbewegung einen Fortschritt aufweisen müßte. Aber im Protestantismus sieht COMTE nur das Prinzip der schrankenlosen Freiheit, der völlig ungebundenen individuellen Prüfung, als lehrten nicht Männer wie LUTHER und KANT, daß Befreiung von allem äußeren Zwang mit strengster innerer Bindung Hand in Hand gehen kann. Aber wie kann eine solche innere Bindung anerkennen, wer überhaupt keine Innenwelt anerkennt?

Bleibt daher nichts anderes übrig, als allen Zusammenhang, alle Unterordnung von außen abzuleiten, so kann es nicht befremden, daß COMTE alles Heil von der Organisation erwartet, daß er das mittelalterlich kirchliche System als das politische Meisterstück menschlicher Weisheit verehrt. Seine eigene Organisation der Gesellschaft ist im Grunde nichts anderes als das Gefüge jenes Systems, losgelöst von der Relgion und dafür erfüllt mit den Lehren einer naturwissenschaftlichen Weltanschauung. Und eine solche Verbindung neuen Inhalts mit alter Form sollte nicht in Widersprüche verwickeln, sollte nicht eben den in harte Widersprüche verwickeln, der sonst mit so großem Nachdruck eine feste Relation zwischen dem Kulturgehalt und der gesellschaftlichen Organisation lehrt? Soviel ist gewiß, die von der Neuzeit vollzogene Emanzipation des Individuums samt ihrem gewaltigen Einfluß auf die Rechtsidee gelangt bei COMTE nicht zur Geltung; in geradezu auffallender Weise fehlt in seiner gesellschaftlichen Theorie das Problem des Rechts und der Freiheit; die Ausführung seiner Vorschläge würde geradezu einen geistigen Despotismus ergeben, der darum nicht minder drückend wäre, weil er im Namen der Naturwissenschaft ausgeübt würde. Die Einsetzung einer gesonderten geistlichen Macht (pouvoir spirituel), die unbedingte Leitung der Erziehung durch dieselbe, die Berufung eines ständigen positivisten Konzils zunächst in Paris, die Ausbildung eines Systems von Gewohnheiten (á la judiceuse imitation du catholicisme) zur Belebung des Gefühls gesellschaftlicher Solidarität, das alles zeigt die Richtung von COMTEs Gedanken und Phantasien zur Genüge. Es zeigt freilich eben in seiner Wunderlichkeit eine weit größere Konsequenz als der Tagesliberalismus, der theoretisch vor allem zurückschreckt, was über ein mechanisches Weltbegreifen hinausgeht, praktisch aber sich für eine Freiheit des Individuums erwärmt, die doch ohne eine Innerlichkeit und Innenwelt völlig in der Luft schweben würde.

Schließlich ist es immer die Organisation, d. h. ein im Grunde sehr mechanisches Ordnen und Regularisieren, ein Scheiden und Zusammenbringen, ein Abstufen und Arrangieren, wovon hier alles Heil erwartet wird. Soweit dabei die Entscheidung des Einzelnen in Betracht kommt, soll sie durch die Erkenntnis der Solidarität der Gesellschaft gewonnen werden, durch die Einsicht, daß sein eigenes Wohlergehen mit dem der Gesellschaft untrennbar verknüpft ist. Daß einer solchen Einsicht mit Sicherheit auch das Handeln entspricht, das scheint hier selbstverständlich.

Eine derartige Schätzung der Organisation kann nicht aufkommen ohne einen starken Optimismus, ohne die Überzeugung, daß die Mißstände den Menschen und Dingen nicht wesentlich innewohnen, daß sie ferner einem zweckmäßigen Tun keinen starren Widerstand leisten. Ein solcher Optimismus ist trotz aller Verwahrungen bei COMTE in der Tat vorhanden. Gewiß gehört er nicht zu denen, die alles, unmittelbar so wie es vorliegt, trefflich finden. Er hat ein Schönfärben entschieden abgelehnt, im besonderen auch betont, daß die Lehre von einem stetigen Aufsteigen der Kultur das Dasein schwerer Schäden auch auf der höchsten Entwicklungsstufe keineswegs ausschließt. So ist er geradezu ein Ankläger unserer Zeit geworden. Als durchgehende Schäden hat er hier den Mangel gemeinsamer Überzeugungen, die träge Stumpfheit gegen alle prinzipiellen Fragen, die Behandlung der großen Probleme aus den Interessen des Augenblicks, die Verkümmerung des Gesamtmenschen durch die Ansprüche der Spezialarbeit, die Überschätzung der eleganten Darstellung vor der inhaltlichen Tiefe des Schaffens, das und anderes hat er gewaltig und eindringlich gegeißelt. Aber seine Reformvorschläge zeigen eben, daß er die Übel nur für gelegentliche, für äußerlich anhängende erachtet. Die Tiefe der seelischen Konflikte des Innenlebens kommt bei ihm ebensowenig zur Geltung, wie der leidenschaftliche Zusammenstoß der Individuen im wilden Kampf ums Dasein und mehr noch um den Genuß des Daseins. Über die Dunkelheiten und Widersprüche in der Weltstellung des Menschen tröstet ihn eine "weise Resignation". Gegenüber den letzten Weltfragen verwandelt sich die Befriedigung, welche das Denken aus der Erkenntnis der Gesetze und Zusammenhänge erhält, unvermerkt in eine gewisse Zufriedenheit mit dem Inhalt des Daseins. Innerhalb des menschlichen Kreises aber glaubt er eine wesentliche Harmonie zwischen unserem Wissen und unseren Bedürfnissen zu finden; die vorhandenen Störungen erscheinen mehr als Antriebe für unser Tun denn als Minderungen unseres Wohls. So billigt COMTE aus ganzer Seele das Wort von VAUVENARGUES: "Die Welt ist, was sie sein muß, um in Bewegung zu bleiben und das heißt mit furchtbaren Hindernissen befrachtet."

Diese Grundanschauung beherrscht auch die Lehren von der sozialen Frage im engeren Sinn.

Die Gesamterscheinung der modernen Industrie hat COMTEs Gedanken viel beschäftigt, aber seiner Art gemäß richtet er das Auge mehr darauf, was der Mensch gegenüber der Außenwelt leistet, als was er innerlich bei der Veränderung der Arbeitsform erfährt. Die Erdrückung des Menschen durch den Mechanismus der Maschine, der revulutionäre Charakter dieser Maschine mit ihrer steten Umwandlung durch den Fortschritt der Technik, der unvermeidliche Zug der Produktion ins Massenhafte und der daraus erwachsende Widerspruch mit der tatsächlichen Begrenztheit der Konsumtion, die Konzentration der wirtschaftlichen Macht in immer weniger Hände: der Komplex dieser Tatsachen mit seinem gewaltigen Einfluß auf das Befinden der Menschheit, er erhält bei COMTE bei weitem nicht die genügende Beachtung. Darum langt auch das, was er an Heilmitteln vorschlägt, keineswegs an die Größe der Aufgabe. Immer wieder kommt die Sache darauf hinaus zu regularisieren und zu systematisieren, Störungen durch eine Verschiebung auszugleichen, einen geselschaftlichen Mechanismus herzustellen, dessen Räder sicher ineinander greifen. Klugheit und Geschick soll alles leisten, wo die Vernunft mit elementaren Naturkräften in einem harten Kampf steht und innerhalb der Menschheit Leidenschaften und Interessen rücksichtslos aufeinanderstoßen.

So zeigen sich auf der Höhe der modernen Entwicklung die Leistungen und die Probleme der Menschheit weit gewaltiger als sie COMTEs Denken faßt; die Wirklichkeit ist viel reicher und viel bewegter, als das positivistische System sie zur Darstellung bringt. Eine Philosophie, welche die Frage der Möglichkeit der Erkenntnis dogmatisch beiseite schiebt, welche in der Natur die Entwicklung, beim Geist die Innerlichkeit und Freiheit ungewürdigt läßt, eine Philosophie, welche innerhalb des menschlichen Kreises nichts weiter aufbieten kann als ein Ordnen und Gewöhnen, sie ist hinter der tatsächlichen Lage des Kulturlebens weit zurückgeblieben. Ihre allgemeine Art, ihr Generalisieren und Systematisieren reicht nicht aus, wo schwere Konflikte die Wirklichkeit spalten; ihr Streben nach einem fertigen Abschluß muß scheitern, wo sich alles in Gärung und Fluß befindet.

Auch bei den anderen Punkten sahen wir die Philosophie COMTEs ihr eigenes Ziel nicht erreichen. Es zeigte sich, daß das System nicht einfach aus der Erfahrung erwuchs, sondern einen Zusammenhang, einen einheitlichen Sinn, ja überhaupt den Charakter der Wissenschaft nur durch die Hilfe hyperempirischer Annahmen erhielt; es zeigte sich ferner, daß keineswegs eine homogene Gestaltung des Stoffs gewonnen wurde. Denn bei der Gestaltung des Menschenlebens kamen wesentlich andere Überzeugungen zur Herrschaft, als bei einem allgemeinen Bild der Welt: unvermerkt drang der Idealismus mit seiner Wertschätzung ein und gab des positivistischen Lehren ein glänzenderes Gewand, das sie eben doch nur geborgt haben. Geborgt ist hier die Seele einer ethischen und ästhetischen Überzeugung, geborgt auch, wie wir sahen, der Charakter eines wissenschaftlichen Systems; wie wenig bliebe übrig, wenn der Positivismus auf das zurückgeführt würde, was er aus sich selber erweisen kann?

Aber COMTE ist eben nicht bloß Positivist; es wirkt in seinem System tatsächlich weit mehr, als sein eigenes Bewußtsein kennt. Seine Geschlossenheit und Macht hat das System nur durch das Zusammenwirken, die gegenseitige Durchdringung verschiedenartiger Elemente erhalten; nicht in den Begriffen, sondern in der Persönlichkeit des Denkers liegt die zum Ganzen verbindende Macht. Aus ihrem gewaltigen Drang zu erkennen und zu schaffen sind weite Zusammenhänge entworfen, fruchtbare Gedanken entwickelt, vage Strebungen der Zeit genauer determiniert, manches auch, was inhaltlich nicht neu, durch die eigentümliche Energie des Ausdruck zu einer kräftigeren Wirkung gebracht wurde.

Abr nicht in Einzelleistungen erschöpft sich die Bedeutung des Systems, auch als Ganzes bringt es dem Streben eine durchgreifende und folgenreiche Wendung. Denn als solche erscheint uns die engere Verknüpfung der Philosophie mit der geschichtlichen Wirklichkeit des Menschheitslebens, welche hier eintritt. Eine eindringliche Besinnung hat die Philosophie dahingehend belehrt, daß es dem Menschen versagt ist, sich in freiem Flug des Denkens über den Kreis seines Daseins hinauszuschwingen und in das Innere jenseitiger Dinge zu versetzen: gab es je Metaphysik in diesem Sinne, sie ist nunmehr hinfällig geworden. Die Wirklichkeit des menschlichen Lebens muß uns auch als Maß des Erkennens gelten. Diese Wirklichkeit aber bilden nicht die kleinen Kreise des Fürsichseins der Individuen; aus dem Gesamtleben der Menschheit, wie es Individuen und Gesellschaft, innere Arbeit und gestaltendes Schaffen in sich faßt, muß sie sich erschließen. Hier ist COMTE mutig vorangegangen, er hat einen Zusammenhang menschlichen Lebens zu entdecken gesucht und aus diesem Zusammenhang wie allem besonderen Tun, so auch der Forschung einen festen Charakter aufgeprägt. Allerdings erhoben sich uns gegen sein Gesamtbild der Wirklichkeit Bedenken über Bedenken; so wie es vorliegt, erreicht es die Wahrheit nur in einzelnen Zügen, nicht im Ganzen der Anlage und des Sinnes. Sollte dieses Zurückbleiben einen gemeinsamen Grund haben? Wir meinen ja. COMTEs Denken und Sinnen geht nicht sowohl darauf, wie die Wirklichkeit des Menschheitslebens von innen her zustande kam und wie sie sich fortwährend durch eine tätige Kraft erhält, als darauf, wie sie sich dem Bewußtsein der Arbeitenden, einem gewissen Durchschnittsbewußtsein der Zeit darstellt. Er gibt weniger ein Bild der Wirklichkeit, als ein Bild des Bewußtseins der Wirklichkeit im Geist der Zeitgenossen. Ein solches Bild des Bewußtseins aber, wie es vorwiegend durch die Endergebnisse, nicht durch die lebendigen Kräfte bestimmt wird, wie es namentlich von den Eindrücken auf die Individuen abhängt, muß erheblich von dem abweichen, an Gehalt weit hinter dem zurückbleiben, was in einer lebendigen Tat vorging und vorgeht. Darum ist eine Berufung von jenem Bewußtsein an die schaffende und fortwirkende Tat der Menschheit statthaft und unerläßlich. Es gilt Wege zu finden, um diese lebendige Wirklichkeit zu ergreifen und ihren Zusammenhang zu entdecken, aus diesem Zusammenhang aber für die Philosophie feste Richtungen und kräftige Antriebe zu gewinnen. Gegenüber dem Ikarusflug der Spekulation und den Maulwurfsgängen grübelnden Scharfsinns bedarf die Philosophie einer geraderen Beziehung auf die Wirklichkeit, einer engeren Verknüpfung mit dem Ganzen des Menschheitslebens. In diesem Sinne muß sie positiv werden. Aber wenn ein solcher Positivismus die ganze Wirklichkeit umspannen, den Geist und die Geschichte aufnehmen, überall die lebendigen Kräfte vor den Ergebnisse würdigen will, so wird er über den Positivismus der unmittelbaren Erfahrung weit hinauswachsen; er würde sich auch von COMTE weit entfernen, aber er könnte mit allem Widerspruch gegen den besonderen Inhalt der Lehren eine hohe Achtung vor den Zielen und der Kraft jenes Denkers verbinden.
LITERATUR - Rudolf Eucken, Zur Würdigung Comtes und des Positivismus, Jena 1910