tb-2É. BoutrouxH. PoincaréP. DuhemE. Meyerson E. MachV. Kraft    
 
LUDWIG BOLTZMANN
Ein Antrittsvortrag zur Naturphilosophie (1)

"In einer Gruppe von Akademikern sagte bei der Debatte über die Atomistik Mach plötzlich lakonisch:  Ich glaube nicht, daß die Atome existieren.  Dieser Ausspruch ging mir im Kopf herum. Es war mir klar, daß wir Gruppen von Wahrnehmungen zu Vorstellungen von Gegenständen vereinen, wie zu der eines Tisches, eines Hundes, eines Menschen usw. Wir haben auch Erinnerungsbilder an diese Vorstellungsgruppen. Wenn wir uns neue Vorstellungsgruppen bilden, die diesen Erinnerungsbildern ganz analog sind, so hat die Frage einen Sinn, ob den entsprechenden Gegenständen eine Existenz zukommt oder nicht. Wir haben da gewissermaßen einen genauen Maßstab für den Existenzbegrif. Wir wissen genau, was die Frage bedeutet, ob der Vogel Greif, das Einhorn, ein Bruder von mir existiert. Wenn wir dagegen ganz neue Vorstellungen bilden, wie die des Raums, der Zeit, der Atome, der Seele, ja selbst Gottes, weiß man da, fragte ich mich, überhaupt, was man darunter versteht, wenn man nach der Existenz dieser Dinge frägt?"

Meine Damen und Herren! (2)

Sie haben sich ungewöhnlich zahlreich zu den bescheidenen Eingangsworten eingefunden, die ich heute an Sie zu richten habe. Ich kann mir das nur daraus erklären, daß meine gegenwärtigen Vorlesungen in der Tat in gewisser Beziehung ein Kuriosum im akademischen Leben sind, nicht durch Inhalt, nicht durch Form, aber durch begleitende Nebenumstände.

Ich habe nämlich bisher nur eine einzige Abhandlung philosophischen Inhalts geschrieben und wurde hierzu durch einen Zufall veranlaßt. Ich debattierte einmal im Sitzungsaa der Akademie aufs lebhafteste über den unter den Physikern gerade wieder akut gewordenen Streit über den Wert der atomistischen Theorien mit einer Gruppe von Akademikern, unter denen sich Hofrat Professor MACH befand.

Ich bemerke bei dieser Gelegenheit, daß ich in der Tätigkeit, die mit meiner heutigen Vorlesung beginnt, in gewisser Hinsicht Nachfolger Hofrat MACHs bin und mir eigentlich die Pflicht oblegen hätte, die Vorlesung mit seiner Ehrung zu beginnen. Ich glaube aber, ihn besonders zu loben, hieße Ihnen gegenüber Eulen nach Athen tragen, und nicht bloß Ihnen gegenüber, sondern jedem Österreicher, ja allen Gebildeten der Welt gegenüber.

MACH hat selbst in so geistreicher Weise ausgeführt, daß keine Theorie absolut wahr, aber auch kaum eine absolut falsch ist, daß vielmehr jede Theorie allmählich vervollkommnet werden muß, wie die Organismen nach der Lehre DARWINs. Dadurch, daß sie heftig bekämpft wird, fällt das Unzweckmäßige allmählich von ihr ab, während das Zweckmäßige bleibt und so glaube ich, Professor MACH am besten zu ehren, wenn ich in dieser Weise zur Weiterentwicklung seiner Ideen, soweit es in meinen Kräften steht, das Meinige beitrage.

In jener Gruppe von Akademikern sagte bei der Debatte über die Atomistik MACH plötzlich lakonisch: "Ich glaube nicht, daß die Atome existieren." Dieser Ausspruch ging mir im Kopf herum.

Es war mir klar, daß wir Gruppen von Wahrnehmungen zu Vorstellungen von Gegenständen vereinen, wie zu der eines Tisches, eines Hundes, eines Menschen usw. Wir haben auch Erinnerungsbilder an diese Vorstellungsgruppen. Wenn wir uns neue Vorstellungsgruppen bilden, die diesen Erinnerungsbildern ganz analog sind, so hat die Frage einen Sinn, ob den entsprechenden Gegenständen eine Existenz zukommt oder nicht. Wir haben da gewissermaßen einen genauen Maßstab für den Existenzbegrif. Wir wissen genau, was die Frage bedeutet, ob der Vogel Greif, das Einhorn, ein Bruder von mir existiert. Wenn wir dagegen ganz neue Vorstellungen bilden, wie die des Raums, der Zeit, der Atome, der Seele, ja selbst Gottes, weiß man da, fragte ich mich, überhaupt, was man darunter versteht, wenn man nach der Existenz dieser Dinge frägt? Ist es da nicht das einzig richtige, sich klar zu werden, was man mit der Frage nach der Existenz dieser Dinge überhaupt für einen Begriff verbindet?

Diskussionen dieser Art bildeten den Gegenstand meiner einzigen Abhandlung aus dem Gebiet der Philosophie. Sie sehen, diese war wohl echt philosophisch; abstrus genug mindestens, um diesen Namen zu verdienen. Außer ihr habe ich nichts auf diesem Gebiet publiziert. Nun, das möchte noch hingehen; wenn man recht boshaft sein wollte, könnte man sagen, daß hie und da schon jemand an einer Universität gelehrt hat, der noch um eine, der Publikation würdige Arbeit weniger über sein Fach geschrieben hat.

Jedenfalls aber muß es mich mit der größten Bescheidenheit erfüllen. Man sagt, wem Gott ein Amt gibt, dem gibt er auch den Verstand. Anders das Ministerium; dieses kann zwar den Lehrauftrag, den Gehalt, aber niemals den Verstand geben; für letzteren fällt die Verantwortung allein auf mich.

Nicht bloß bei Verfassung meiner einzigen Abhandlung, auch sonst grübelte ich oft über das enorme Wissensgebiet der Philosophie. Unendlich scheint es mir und meine Kraft schwach. Ein Menschenleben wäre nur wenig, um einige Erfolge auf demselben zu erringen; die unermüdete Tätigkeit eines Lehrers von der Jugend bis zum Alter unzureichend, sie der Nachwelt zu übermitteln und mir soll dies Nebenbeschäftigung neben einem anderen allein die ganze Kraft erfordernden Lehrgegenstand sein?

SCHILLER sagt: "Es wächst der Mensch mit seinen Zwecken." Lieber guter SCHILLER! ach, ich finde, es wächst der Mensch  nicht  mit seinen höheren Zwecken.

Als ich Bedenken trug, diese schwere Last auf mich zu nehmen, sagte man mir, ein anderer würde es auch nicht besser machen. Wie arm erscheint mir dieser Trost in dem Augenblick, wo ich die Last heben soll.

Und doch, was mich niederdrückt, soll es mich nicht wieder aufrichten? Wenn ich, der ich mich so wenig mit Philosophie beschäftigt habe, als der würdigste befunden wurde, sie vorzutragen, ist das nicht doppelt ehrenvoll für mich?

Wenn es für den Professor der Medizin oder der Technik wünschenswert ist, daß er, um nicht zu verknöchern, neben seiner Lehrtätigkeit auch fortwährend Praxis betreibe, ja, wenn man MOLTKE zum Mitglied der historischen Klasse der Berliner Akademie wählte, nicht weil er Geschichte schrieb, sondern weil er Geschichte machte, vielleicht wählte man auch mich, nicht weil ich über Logik schrieb, sondern weil ich einer Wissenschaft angehöre, bei der man zur täglichen Praxis in der schärfsten Logik die beste Gelegenheit hat.

Bin ich nur mit Zögern dem Ruf gefolgt, mich in die Philosophie hineinzumischen, so mischten sich desto öfter Philosophen in die Naturwissenschaft hinein. Bereits vor langer Zeit kamen sie mir ins Gehege. Ich verstand nicht einmal, was sie meinten und wollte mich daher über die Grundlehren aller Philosophie besser informieren.

Um gleich aus den tiefsten Tiefen zu schöpfen, griff ich nach HEGEL; aber welch unklaren, gedankenlosen Wortschwall sollte ich da finden! Mein Unstern führte mich von HEGEL zu SCHOPENHAUER. In der Vorrede des ersten Werkes des letzteren, das mir in die Hände fiel, fand ich folgenden Passus, den ich hier wörtlich verlesen will: "Die deutsche Philosophie steht da mit Verachtung beladen, vom Ausland verspottet, von der redlichen Wissenschaft ausgestoßen gleich einer ..." Den folgenden Passus unterdrücke ich im Hinblick auf die anwesenden Damen. "... Die Köpfe der jetzigen gelehrten Generation sind desorganisiert durch HEGELschen Unsinn. Zum Denken unfähig, roh und betäubt, werden sie die Beute des platten Materialismus, der aus des Basiliskenei [Basiliskeneier muß man treten und nicht ausbrüten. - wp] hervorgekrochen ist." Damit war ich nun freilich einverstanden, nur fand ich, daß SCHOPENHAUER seine eigenen Keulenschläge ganz wohl auch selbst verdient hätte.

Allein auch HERBARTs Rechnungen über Erscheinungen der Psychologie schienen mir eine Persiflage auf die analogen Rechnungen in den exakten Wissenschaften. Ja, selbst bei KANT konnte ich verschiedenes so wenig begreifen, daß ich bei dessen sonstigem Scharfsinn fast vermutete, daß er den Leser zum besten haben wolle oder gar heuchle. So entwickelte sich damals in mir ein Widerwille, ja Haß gegen die Philosophie. Im Hinblick auf diese alten philosophischen Systeme möchte ich fast sagen, daß man in mir den Bock zum Gärtner gemacht hat. Oder hat man mir gerade diesen Lehrauftrag erteilt, wei man einen alten Demokraten zum Hofrat ernennt, damit er vollends aus einem SAULUS zum PAULUS werde? Ich fürchte zwischen Bock und Hofrat werde ich in diesen Vorlesungen hin- und herschwanken und wenn ich auch nie in den Stil, wovon ich eben eine Probe vorlas, zu verfallen hoffe, so werde ich vielleicht doch hier und da etwas derb nach der MACHschen Methode an der Vervollkommnung philosophischer Systeme arbeiten.

Mein Widerwille gegen die Philosophie wurde übrigens damals fast von allen Naturforschern geteilt. Man verfolgte jede metaphysische Richtung und suchte sie mit Stumpf und Stiel auszurotten; doch diese Gesinnung dauerte nicht an. Die Metaphysik scheint einen unwiderstehlichen Zauber auf den Menschengeist auszuüben, der durch alle mißlungenen Versuche, ihren Schleier zu heben, nicht an Macht einbüßt. Der Trieb, zu philosophieren, scheint uns unausrottbar angeboren zu sein. Nicht bloß ROBERT MAYER, der ja durch und durch Philosoph war, auch MAXWELL, HELMHOLTZ, KIRCHHOFF, OSTWALD und viele andere opferten ihr willig und erkannten ihre Fragen als die höchsten an, so daß sie heute wieder als die Königin der Wissenschaften dasteht.

Schon ein Mann, welcher an der Wiege der induktiven Wissenschaft, stand, ROGER BACON von VERULAM, nennt sie eine gottgeweihte Jungfrau; freilich fügt er dann gleich wieder malitiös bei, daß sie gerade dieser hohen Eigenschaft wegen ewig unfruchtbar bleiben müsse. Unfruchtbar sind allerdings viele Untersuchungen auf metaphysischem Gebiet geblieben, aber wir wollen doch die Probe machen, ob jede Spekulation auch wirklich unfruchtbar sein müsse. Schon am Eingang zu unserer Tätigkeit finden wir eine große Schwierigkeit, die, den Begriff der Philosophie festzustellen. (Hier geht der Vortragende die wichtigsten bisher gebräuchlichen Definitionen der Philosophie durch, von denen ihm jede unhaltbar scheint. Hierauf fährt er fort:) Bei so schwierigen Dingen kommt es zunächst auf die richtige Fragestellung an. Wir wollen daher vorerst die Frage selbst genauer analysieren. Man kann sie in den folgenden verschiedenen Formen stellen:
    1. Wie würde die Philosophie von den verschiedenen Philosophen definiert?

    2. Welche Definition würde dem allgemeinen Sprachgebrauch am besten entsprechen?

    3. Welche scheint mir am zweckmäßigsten?

    4. Wie will ich ohne Rücksicht darauf, wie es andere taten, ob es dem Sprachgebrauch entspricht, ob es zweckmäßig ist, einem unwiderstehlichen Zwang gemäß den Begriff der Philosophie fassen? Wie drängt mich mein inneres Gefühl, jede Faser meines Denkens, die Frage zu lösen?
Wir können jede dieser Fragen wieder in mehrere spalten und analysieren. Absolute Gründlichkeit würde auch dann noch nicht erreicht. Aber wir setzen die Analyse nicht weiter fort, weil wir uns jetzt passabel zu verstehen glauben.

Ich will nun die Frage im letzteren Sinne beantworten: Welche Definition der Philosophie drängt sich mir mit innerem unwiderstehlichen Zwang auf? Da empfand ich stets wie einen drückenden Alp das Gefühl, daß es ein unauflösbares Rätsel sei, wie ich überhaupt existieren könne, daß eine Welt existieren könne und warum sie gerade so und nicht irgendwie anders sei. Die Wissenschaft, der es gelänge, dieses Rätsel zu lösen, schien mir die größte, die wahre Königin der Wissenschaften und diese nannte ich Philosophie.

Ich gewann immer mehr an Naturkenntnis, ich nahm die DARWINsche Lehre in mich auf und ersah daraus, daß es eigentlich verfehlt ist, so zu fragen, daß es auf diese Frage keine Antwort gibt; aber die Frage kehrte immer mit gleicher zwingender Gewalt wieder. Wenn sie unberechtigt ist, warum läßt sie sich dann nicht abweisen? Daran knüpfen sich unzählige andere: Wenn es hinter den Wahrnehmungen noch etwas gibt, wie können wir auch nur zur Vermutung gelangen? (3) Wenn es nichts dahinter gibt, würde dann eine Marslandschaft oder die eines Sirius-Trabanten wirklich nicht existieren, wenn kein belebtes Wesen je imstande ist, sie wahrzunehmen? Wenn alle diese Fragen sinnlos sind, warum können wir sie nicht abweisen oder was müssen wir tun, damit sie endlich zum Schweigen gebracht werden? Licht in diesen Fragen wenigstens zu suchen, soll die Aufgabe meiner gegenwärtigen Vorlesungen sein.

Ich habe bisher keine Ahnung, wo es zu finden ist, ich lebe daher in einer wahren FAUST-Stimmung. Dieser sagt ja auch: "Ich soll lehren mit sauerm Schweiß, was ich selbst nicht weiß." Ich will es auch nicht lehren, sondern bloß alles zusammensuchen, was dazu beitragen kann, langsam und langsam Licht in dieses Dunkel zu bringen und Sie dazu anregen, in gemeinsamer Arbeit mit mir das beste zu tun, um die Erreichung dieses Ziels zu fördern.

Meine Methode vorzutragen, mag manchem absonderlich erscheinen, vielleicht ist sie doch echt akademisch. Der akademische Vortrag im höchsten Sinn des Wortes hat ja weniger den Zweck, fertige Lösungen von Problemen zu lehren, als vielmehr Probleme zu stellen und die Anregung zu ihrer Lösung zu geben. Wir werden daher die verschiedenen Grundbegriffe aller Wissenschaften durchgehen und alle mit Rücksicht auf dieses vorgesteckte Ziel betrachten, sub specie philosophandi [im Licht der Philosophie - wp].

Schon der Titel, den ich meinen gegenwärtigen Vorlesungen gab, ist ein Stein des Anstoßes. Dieser ist nämlich die wörtliche Übersetzung des Titels des ersten und größten Werkes, das über theoretische Physik geschrieben wurde, den principia philosophiae naturalis von NEWTON. Würde ich ihn im selben Sinn wie NEWTON verstehen, so müßte ich einen Grundriß der theoretischen Physik vortragen. Ich habe diesen Titel nur gewählt, um Ihnen zu zeigen, wie wenig der Philosoph an Worten kleben darf. Die Worte sind genau dieselben, aber wir verstehen darunter heute etwas total anderes, als NEWTON zu seiner Zeit und die konservativen Engländer teilweise noch heute.

Ich eile nun zum Schluß. Ich gab meiner ersten Vorlesung in Wien einen Schluß, der mir besonders gefiel, nicht seines Inhalts, nicht seiner Form wegen, sondern weil er gerade das ausdrückte, was mir am Herzen lag; nicht weil er geistreich gemacht war, sondern weil er nicht gemacht war. Ich empfinde heute genau wieder dasselbe und kann es daher nicht anders als wieder mit denselben Worten ausdrücken: Ich sagte damals: "Meine Damen und Herren: Vieles ist es, was ich Ihnen in diesen Vorlesungen darbieten soll, komplizierte Lehrsätze, verwickelte Schlußfolgerungen, schwer zu erfassende Beweise. Verzeihen Sie, wenn ich von alledem Ihnen heute noch nichts bot. Ich wollte Ihnen heute nur weniges geben, freilich alles, was ich habe, meine ganze Denk- und Sinnesweise, mein innerstes Gemüt, mit einem Wort, mich selbst."

Ich werde auch im Verlauf der Vorlesungen viel von Ihnen fordern müssen: angestrengten Fleiß, gespannte Aufmerksamkeit, unermüdliche Arbeit. Aber heute will ich Sie um etwas ganz anderes bitten: "um ihr Vertrauen, Ihre Zuneigung, Ihre Liebe, mit einem Wort, um das beste, was Sie haben, Sie selbst." Diese Worte von damals sollen auch heute den Schluß meiner Rede an Sie bilden.



Über die Bedeutung von Theorie!

Hochansehnliche Versammlung! (4)

Als ich vor einigen Tagen erfuhr, daß die heutige Feier geplant werde, war es anfangs meine feste Absicht, Sie zu bitten, davon abzustehen. Denn, fragte ich micht, wie kann ein einzelner eine solche Ehrung verdienen? Wir sind doch alle nur Mitarbeiter an einem großen Werk und jedem, der an seinem Posten seine Pflicht tut, gebührt gleiches Lob. Wenn daher ein einzelner aus der Allgemeinheit hervorgehoben wird, so kann dies nach meiner Auffassung niemals seiner Persönlichkeit gelten, sondern nur der Idee, die er vertritt; nur dadurch, daß der einzelne sich ganz einer Idee hingibt, kann er erhöhte Bedeutung gewinnen.

Ich entschloß mich daher erst, von meiner Bitte abzustehen, als ich alle Auszeichnungen nicht auf meine bescheidenen persönlichen Verdienste bezog, sondern auf die Idee, welche mein Sinnen und Wirken erfüllt, den Ausbau der Theorie. Ihr zum Preis ist mir kein Opfer zu groß, sie, die den Inhalt meines ganzen Lebens ausmacht, sei auch der Inhalt meiner heutigen Dankesworte.

Ich wäre kein echter Theoretiker, wenn ich nicht zuerst fragen würde: Was ist die Theorie? Dem Laien fällt daran zunächst auf, daß sie schwer verständlich, mit einem Wust von Formeln umgeben ist, die für den Uneingeweihten keine Sprache haben. Allein diese sind nicht ihr Wesen, der wahre Theoretiker spart damit soviel er kann; was sich in Worten sagen läßt, drückt er mit Worten aus, während gerade in den Büchern der Praktier Formeln zum bloßen Schmuck nur allzu häufig figurieren.

Ein Freund von mir definierte den Praktiker als denjenigen, der von der Theorie nichts versteht, den Theoretiker als einen Schwärmer, der überhaupt gar nichts versteht. Auch der hierin zugespitzten Ansicht wollen wir entgegentreten.

Ich bin der Meinung, daß die Aufgabe der Theorie in der Konstruktion eines rein in uns existierenden Abbildes der Außenwelt besteht, das uns in allen unseren Gedanken und Experimenten als Leitstern zu dienen hat, also gewissermaßen in der Vollendung des Denkprozesses, der Ausführung dessen im großen, was sich bei der Bildung jeder Vorstellung im kleinen in uns vollzieht.

Es ist ein eigentümlicher Trieb des menschlichen Geistes, sich ein solches Abbild zu schaffen und es der Außenwelt immer mehr und mehr anzupassen. Wenn daher auch oft zur Darstellung eines kompliziert gewordenen Teils des Abbildes verwickelte Formeln notwendig sind, so bleiben letztere doch immer nur unwesentliche, wenn auch höchst brauchbare Ausdrucksformen und in unserem Sinn sind KOLUMBUS, ROBERT MAYER, FARADAY echte Theoretiker. Denn nicht die Suche nach dem praktischen Nutzen, sondern das Abbild der Natur in ihrem Geist war ihr Leitstern.

Der erste Ausbau, die stete Vervollkommnung dieses Abbildes ist nun die Hauptaufgabe der Theorie. Die Phantasie ist immer ihre Wiege, der beobachtende Verstand ihr Erzieher. Wie kindlich waren die ersten Theorien des Universums von PYTHAGORAS und PLATO bis auf HEGEL und SCHELLING. Die Phantasie war damals überproduktiv, die Selbstprüfung durch das Experiment fehlte. Kein Wunder, daß diese Theorien zum Gespött der Empiriker und Praktiker wurden und doch enthielten sie bereits die Keime aller späteren großen Theorien: der des KOPERNIKUS, der Atomistik, der mechanischen Theorie der Imponderabilien, des Darwinismus usw.

Trotz allen Spotts war der Trieb, uns eine theoretische Anschauung der Außendinge zu bilden, in der Menschenbrust unbezwingbar und entsproßten ihm stets neue Blüten. Wie KOLUMBUS seine Fahrzeuge immer, immer nach Westen, so steuerte dieser Trieb uns unverwandt jenem großen Ziel zu.

Als dann noch der nüchterne, experimentelle Verstand und die zur Handhabung der vielen erfundenen Apparate und Maschinen nötige Handfertigkeit immer mehr in ihre gebührenden Rechte traten, wurden die alten bunten Gebilde der Phantasie gesichtet und ausgefeilt, sie gewannen überraschend schnell an Naturtreue und Bedeutung und heute kann man sagen, daß die Theorie die Welt erobert hat.

Wer sieht nicht mit Bewunderung, wie sich die ewigen Gestirne sklavisch den Gesetzen beugen, die ihnen der Menschengeist zwar nicht gegeben, aber doch abgelauscht hat? Und je abstrakter, desto mächtiger wird die theoretische Forschung. Wenn wir dem Pfad noch nicht ganz trauend, auf welchem wir mehr von den Formeln geleitet, als sie leitend zu einem Theorem der Arithmetik gelangt sind, dieses an Zahlenbeispielen prüfen, so beschleicht uns noch mehr dieses Gefühl, daß sich die Zahlen willenlos unseren Formeln beugen müssen, auch nicht eine ausgenommen.

Doch auch wer in der Theorie nur die zu melkende Kuh schätzt, kann ihre Macht nicht mehr bezweifeln. Sind nicht bereits alle Disziplinen der Praxis von der Theorie durchdrungen, folgen sie nicht schon alle ihrem sicheren Leitstern? Die Formen KEPLERs und LAPLACE weisen nicht nur den Sternen ihre Bahnen am Himmel, sie zeigen vereint mit den erdmagnetischen Rechnungen von GAUSS und THOMSON auch den Schiffen ihren Weg auf dem Ozean. Dier Riesenbau der Brooklyn Bridge, welche sich unabsehbar in die Länge und der des Eiffelturms, der sich endlos in die Höhe erstreckt, sie beruhen nicht bloß auf dem festen Gefüge des Schmiedeeisens, sondern auf dem festeren der Elastizitätstheorie. Theoretische Chemiker sind durch die praktische Anwendung ihrer Synthesen zu reichen Männern geworden. Und erst der Elektrotechniker! Bringt er nicht schon der Theorie seine stete Huldigung dar, indem ihm nebst Mark und Pfennig die Namen OHM, AMPÉRE usw. die geläufigsten sind, die Namen lauter großer Theoretiker, von denen freilich keinem das glückliche Los der vorerwähnten Chemiker zufiel; denn ihre Formeln trugen erst nach ihrem Tod Früchte für die Praxis. Ja, vielleicht ist die Zeit nicht mehr fern, in der jede Haushaltsrechnung jene großen Elektriker verherrlichen wird und im künftigen Jahrhundert weiß vielleicht jede Köchin mit wieviel "Volt-Ampére" das Fleisch zu braten ist und wieviel "Ohm" ihre Lampe hat.

Gerade der praktische Techniker behandelt die verwickelten Formeln der Elektrizitätslehre in der Regel mit größerer Sicherheit, als so mancher angehende Gelehrte, da er jeden Irrtum nicht bloß mit einer Rüge, seines Lehrers, sondern mit barem Geld büßen muß. Sogar fast jeder Bautischler, jeder Kunstschlosser weiß heutzutage schon, wie sehr durch Kenntnis der darstellenden Geometrie, Maschinenlehre usw. seine Konkurrenzfähigkeit wächst. Gedenken muß ich noch des herrlichen Gebietes der medizinischen Wissenschaften, wo auch die Theorie allmählich zur Geltung zu kommen scheint.

Fast wäre man versucht, zu behaupten, daß, ganz abgesehen von ihrer geistigen Mission, die Theorie auch noch das denkbar praktischste, gewissermaßen die Quintessenz der Praxis sei, da die Präzision ihrer Schlüsse durch keine Routine im Schätzen oder Probieren zu erreichen ist, freilich bei der Verborgenheit ihrer Wege nur für den, der diese ganz sicher wandelt. Ein einziger Zeichenfehler kann das Resultat vertausendfachen, während der Empiriker nie so weit irrt; es werden daher die Fälle wohl auch nie ganz aussterben, wo der in seine Ideen versunkene, immer aufs allgemeine blickende Denken vom geschickten, auf sich selbst bedachten Praktiker übertrumpft wird, wie ARCHIMEDES, der dem stürmenden Römer zum Opfer fiel, wie ein anderer griechischer Philosoph, der, als er nach den Sternen sah, über einen Stein stolperte. Verstumme, du landläufige, allem abstrakteren Streben entgegengeschleuderte Frage, wozu es eigentlich nütze? Wozu nützt, möchte man entgegenfragen, die bloße Förderung des Lebens durch Gewinnung praktischer Vorteile auf Kosten dessen, was allein Leben dem Leben gibt, was es allein lebenswert macht, der Pflege des Idealen?

Doch ist die Theorie von jeder Selbstüberschätzung weit weg; in ihrem Wesen begründet sind auch ihre Mängel und sie selbst ist es, die ihre Fehler aufdeckt, wie schon SOKRATES das Hauptgewicht auf die Erkenntnis der Lücken seines eigenen Wissens legte. Alle unsere Vorstellungen sind rein subjektiv. Daß sogar unsere Ansicht über Sein und Nichtsein subjektiv ist, beweist der Buddhismus, welcher das Nichts als das eigentlich Seiende verehrt. Ich nannte die Theorie ein rein geistiges inneres Abbild und wir sahen, welch hoher Vollendung dasselbe fähig ist. Wie sollte es da nicht kommen, daß man bei fortdauernder Vertiefung in die Theorie das Bild für das eigentlich Existierende hielte? In diesem Sinn soll schon HEGEL bedauert haben, daß die Natur sein philosophisches System in dessen ganzer Vollkommenheit nicht zu verwirklichen vermöge.

So kann es dem Mathematiker geschehen, daß er, fortwährend beschäftigt mit seinen Formeln und geblendet durch ihre innere Vollkommenheit, die Wechselbeziehungen derselben zueinander für das eigentlich Existierende nimmt und sich von der realen Welt abwendet. Was der Dichter klagt, das gilt dann auch von ihm, daß seine Werke mit seinem Herzblut geschrieben sind und die höchste Weisheit an den größten Wahn grenzt. In diesem Sinne deute ich auch den, wenn man von Theorie spricht, nicht zu umgehenden Ausspruch GOETHEs, der ja selbst durch und durch Theoretiker nach unserer Auffassung war, freilich jene Verirrung vermeidend. Übrigens legt GOETHE den Ausspruch dem Teufel in den Mund, der später höhnisch sagt: "Verachte nur etc." [... Vernunft und Wissenschaft, des Menschen allerhöchste Kraft. Laß nur in Blend- und Zauberwerken, dich von dem Lügengeist bestärken. So hab' ich dich schon unbedingt. - wp]

Habe ich mich eingangs als Vertreter der Theorie hingestellt, so will ich auch nicht leugnen, daß ich diese üblen Folgen ihres Banns an mir selbst erfuhr. Was aber wäre wirksamer gegen diesen Bann an mir selbst erfuhr. Was aber wäre wirksamer gegen diesen Bann, was könnte mächtiger in die Realität zurückziehen, als der lebendige Kontakt mit einer so hochansehnlichen Versammlung wie diese? Für diese Wohltat, die Sie mir erwiesen, sage ich Ihnen allen meinen Dank: zuvörderst Ihnen, Herr Rektor magnificus, der Sie dieses Fest veranstalteten, dann dem Herrn Festredner, allen Kollegen und Gästen, welche seinem Ruf gefolgt sind, und endlich den wackeren Söhnen unserer Alma mater, deren Feuereifer und edle Begeisterung durch 18 Jahre meine Stütze waren. Möge die Grazer Universität wachsen und blühen, möge sie das sein und immerdar bleiben, was in meinen Augen das höchste ist: "Ein Hort der Theorie."
LITERATUR - Ludwig Boltzmann, Populäre Schriften, Leipzig 1905
    Anmerkungen
    1) Aus der "Zeit", 11. Dezember 1903
    2) Da sich von meiner ersten Vorlesung über Naturphilosophie (gehalten am 26. Oktober) teilweise infolge mißlungender Zeitungsreferate offenbar ganz falsche Ansichten verbreitet haben, so folge ich gern der Aufforderung der Redaktioin der "Zeit", sie zu veröffentlichen. Da die Vorlesung vollkommen frei gehalten wurde, kann ich nicht den Wortlaut, wohl aber unbedingt den Sinn verbürgen.
    3) Auf die Notwendigkeit, daß neben den Wahrnehmungen auch der Trieb, Objekte zu denken, gegeben sein muß, wies, wenn ich ihn recht verstand, der früher gelästerte SCHOPENHAUER hin.
    4) Erwiderung auf die Abschiedsworte von A. TEWES und H. STREINTZ bei der Berufung nach München, am 16. Juli 1890 in Graz gesprochen.