tb-2cr-2A. StadlerC. StumpfB. ErdmannW. Wundt    
 
ERNST BARTHELS
Zur Systematik
der Wissenschaften


"Wir dürfen uns heute bei einem System der Wissenschaften nicht mehr an auseinanderfallende  psychologische Konglomerate  historischen Ursprungs halten, sondern sind bei voller Klarheit, eine  streng logische Klassifizierung  unserer Materie vorzunehmen berechtigt und verpflichtet. Denn die Richtlinien unseres Denkens haben sich so weit gefestigt, daß auf absehbare Perioden tiefgreifende Revolutionen in unserem Gesamtwissen kaum stattfinden dürften."

"Die Theorie der Materie ist schon jetzt so selbständig ausgebildet, daß sie als besondere Disziplin an der gegebenen Stelle ihren Platz finden mußte. Daß sie mit Erkenntnistheorie im einzelnen nichts zu tun hat, sondern wie allen anderen Wissenschaften sich auf ihrem Fundament erhebt und ihre Resultate gleich den übrigen nur gültig sind aufgrund eines vor dem menschlichen Richtergeist mit jener ersten Wissenschaft geschlossenen gegenseitigen Vertrages, braucht nach dem Gesagten keinem Zweifel mehr zu begegnen. Der Vertrag lautet: Ich lasse deine Wahrheit gelten, wenn du meine Bedeutung nicht untergräbst."

"Die Aufgabe einer Philosophie der Werte ist nicht die  Verbindung  von Wert und Wirklichkeit, sondern der Nachweis des  phänomenalen Verbundenseins  dieser nach dem allgemeinen Gleichmaß der Natur. Für uns gibt es keine Werte ohne Bedürfnisse der Wirklichkeit und keine entwicklungsfähige Wirklichkeit ohne die Existenz von Werten. Die Notwendigkeit einer besonderen Wertlehre für den Menschen leitet sich aus dem Selbstbewußtsein ab."


Die Veröffentlichung der gegenwärtigen Darlegungen ist veranlaßt worden durch die im ersten Heft des "Logos" erschienene Abhandlung von HEINRICH RICKERT, betitelt "Vom Begriff der Philosophie", in welcher der Verfasser den Charakter der Philosophie als Wertlehre hervorhebt und eingehend von Neuem begründet und in Verfolgung dieser Annahme zu Weiterungen gelangt, die zum Teil mit Gedanken, zu deren Formulierung ich unabhängig von jener Arbeit in eine anderem Zusammenhang während des Verlaufs der letzten Jahre gelangt bin, sich aufs engste berühren, wo nicht gänzlich mit ihnen übereinstimmen. Es ist schon an und für sich zweifellos als ein erfreuliches Zeichen der Berechtigung gewisser Ideen zu betrachten, wenn diese sich innerhalb getrennter Denksphären zwei Menschen mit derselben Notwendigkeit derart aufdrängen, daß eine Begründung ihrer Wichtigkeit von verschiedenen Seiten zugleich vorgenommen werden kann und vorgenommen worden ist. Indessen verfolgt die vorliegende Arbeit doch nicht den Zweck der Bestätigung und Neubegründung schon ausgesprochener Grundsätze. Sie möchte vielmehr ihrerseits den Wertgedanken in jenen Zusammenhang einführen, in welchem er hier entstanden ist, bei welcher Gelegenheit, auch ohne daß wir jedesmal hervorheben, durch die veränderte Betrachtungsweise vieles von RICKERTs Ausführungen in einem anderen Licht seine Bedeutung erweisen, manches in seinen subtil begründeten Differenzierungen in modifizierter Form eine stärkere Festlegung erfahren, aber auch einiges von seinen postulierenden Endresultaten sich als hinfällig herausstellen wird. Außerdem soll in Verbindung hiermit der Versuch unternommen werden, die genaue und einheitliche Bestimmung einer wissenschaftlichen Philosophie zu geben und zu begründen, wie sie wohl für die Zukunft sich allmählich mit Vorteil herausbilden dürfte. Wir kommen so ganz von selbst in die Lage, auch das Verhältnis der Philosophie zur Naturwissenschaft einer kritischen Erwägung unterwerfen zu müssen, wobei wir uns sowohl vor einer gewaltsamen Szientifizierung unseres Gebietes als auch seiner unscharfen und haltlosen Verallgemeinerung werden zu hüten haben. Daß unsere Zeit Interesse zeigt für solche Fragen der Abgrenzung (1), besonders von der Philosophie aus, beweist einen Willen zur Klarheit, der sich vom  bloßen  Historismus wieder zum Selbstdenken erheben möchte und nun eine zuverlässige Orientierung verlangt über sein Kompetenz- und Schaffensgebiet. Und so ist eine Systematik der Wissenschaften schlechthin zwar noch kein Teil einer neuen Wahrheit, aber sie enthält eine solche im Keim; sie legt den Grund zu ihrer Findung, sie steht im Dienst eines Kommenden.

Auch wollen wir von der Frage ausgehen: "Was ist Philosophie?" - Als nächste Antwort darauf müssen wir sagen: Philosophie als jeweils historisch gegebenes und gewordenes Faktum ist und war stets der Inbegriff der Wissenschaften, welche die  Philosophen  zu treiben pflegen und getrieben haben. Anders ausgedrückt, heißt das, daß der Begriff der Philosophie bis heute überhapt nicht ein logisch abgegrenzter, sondern ein allseitig psychologisch bedingter ist. Es hat Perioden gegeben, in denen der Philosoph von unserem Standpunkt aus besser eine Mann der Naturwissenschaft genannt zu werden verdiente, und andere, in denen der schöpferische Theologe oder der geniale Gefühlsmystiker das Banner unserer ehrwürdigen Wissenschaft allein noch in Händen hielten: Gegensätze, wie sie logisch kaum schärfer gedacht werden können, und die doch dem psychlogisch Forschenden ihrem Grund nach zusammenfallen. Denn all diese Menschen verbindet eine einzige Fundamentaleigenschaft ihres Wesens: Es waren machtvolle Denker, die zur Tiefe dringen wollten. Die Art und Weise, wie sie ihre edle Leidenschaft betätigten, ist verschieden je nach Raum und Zeit. Nur ganz wenige Züge ihrer Denkweise, die indessen wegen ihrer Allgemeinheit nicht wohl dazu dienen können, eine Wissenschaft logisch zu fundieren, sind ihnen gemeinsam. Vor allem ist dies - begreiflicherweise - ein ernsthafter intellektueller Egoismus, der letztlich zum praktischen Zweck über sich selbst soviel wie möglich scheint erfahren will und nur aus diesem Drang heraus die großen Rätsel findet. Das Bedürfnis nach einer Totalität, das man den Philosophen und damit der Philosophie als Absolutes so gern beilegt, scheint mir nur insofern zu diesen Merkmalen zu gehören, als es aus dem erstgenannten folgt und es als seine Bedingung erfordert. So erklärt es sich, daß die Naturwissenschaften zunächst einen so großen Platz in der Philosophie einnehmen konnten, und daß die Psychologie bis auf unsere Tage als eine philosophische Disziplin angesehen wird. Die Natur war eben dem Menschen während vieler Jahrhunderte durchaus ein Problem des intellektuellen Egoismus; und die Psychologie ist und bleibt nur so lange und so weit mit der Philosophie verbunden, wie man hofft oder weiß in ihr Belehrungen über Seelentatsachen zu finden, die schließlich unser praktisches Verhalten berühren mögen.

Zur Zeit ist die Philosophie an einem Punkt der Entwicklung angelangt, da sie sich ihrer Natur bewußt zu werden bemüht ist. Wir haben als geschichtliche Gegebenheiten in ihr die Einzeldisziplinen, die sich mehr und mehr gegeneinander abgegrenzt haben, und von denen die eine, die Psychologie, von vielen schon definitiv den Naturwissenschaften zugewiesen worden ist. Es bleiben ihr somit noch Erkenntnistheorie, Metaphysik, Logik, Ethik und Ästhetik übrig. Das Band, das diese fünf Wissenschaften bei uns verknüpft, kennen wir: es ist die unmittelbare Beziehung auf das Ich in unserer Hoffnung. Doch können wir keineswegs zugeben, daß sie deshalb vor unserer Vernunft gleichberechtigt sind. Die Erkenntnistheorie hat besonders seit KANT einen mehr und mehr isolierten Standpunkt eingenommen und stellt de facto nur eine Propädeutik dar; sei es nun, daß sie - selbst heute - die Vorbereitung zu liefern hat für transzendent-metaphysische Spekulationen unter verschämteren Namen, oder daß sie einem besonnenen Empirismus die erforderliche Rechtfertigung erteilen soll. Daß durch die Erkenntnislehre der Philosophie jemals eine Befruchtung wird erwachsen können, glauben wohl heutzutage, wo uns die Teleologie eine zwar nicht neue, aber erst in unserem Jahrhundert so vielversprechende Perspektive eröffnet, die wenigsten oder niemand. Die erkenntnistheoretische Frage ist zu einer erkenntnistheoretischen Plage geworden: womit gesagt ist, daß diese Wissenschaft nicht als eine entwicklungsfähige, auszubildende, sondern als eine abzuschließende betrachtet werden muß. Es ist somit das Vorurteil, das wir aus einer nahen aber doch vergangenen Zeit übernommen haben, daß die Erkenntnistheorie die recht eigentliche philosophische Wissenschaft ist, nicht allzu schwer widerlegbar und zu ersetzen durch die richtigere Einschätzung ihrer Bedeutung als der unerläßlichen Fundamentalpropädeutik jeglicher anderen reinen Wissenschaft.

Was die Metaphysik betrifft, so ist ihr hartnäckiges Fortbestehen auch nach KANTs Kritik, ja bei KANT selbst, das beste Zeichen ihrer Notwendigkeit neben den übrigen bestehenden Wissenschaften für Lösungsversuche realer und unvermeidlicher Probleme. Wenn sie im Zusammenhang des bisher gepflogenen Denkens nicht nötig wäre, so hätte längst der nackte Empirismus gesiegt, und wir würden die Metaphysik nicht anders als aus Geschichten der Philosophie kennen. Doch ist der Empirismus mit seinen eigenen Mitteln nicht imstande, die Fragen der Ethik und Ästhetik befriedigend zu lösen: und so muß er einstweilen aus diesem Grund seine Herrschaft noch mit anderen negativ begründeten Richtungen der Philosophie teilen. Heute aber steht und fällt die Metaphysik mit der großen Frage:  Ist es möglich, durch die teleologische Methode alle Erscheinungen auf den Gebieten der Ethik und der Ästhetik aus immanenten Erfordernissen einwandfrei und allseitig zu erklären?  Wird dies bejaht, so ist auch die im nachkantischen Sinn mangelhafte und unvermögende Metaphysik für immer abgetan, und die Teleologie nimmt ihre Stelle ein. Über die Logik können wir uns kurz fassen: sie ist, soweit sie nicht in ihren wichtigsten Teilen an die Erkenntnistheorie grenzt und von deren Einschätzung abhängt, eine formale Wissenschaft von untergeordneter Bedeutung für die Fragen der Philosophie; gegen alle ihre Zweige außer der Erkenntnislehre steht sie vollständig abgeschlossen da.

Und so bleiben als letzte Hoffnung der Philosophie noch Ethik und Ästhetik übrig. Sind auch sie etwa so entwicklungsfremde und vielleicht dazu noch überflüssige Wissenschaften, so wäre es an der Zeit, die Philosophie ihrer Anmaßung zu entkleiden und nach ihrem allmählichen Abschluß zu trachten, damit wir unsere besten Kräfte solchen Dingen zuwenden können, die unserem Leben als erfolgverheißende Objekte frohen Schaffens wenigstens in einer ganz beschränkten Weise den Inhalt verleihen mögen, den uns jene Trugwissenschaft endgültig verweigert. Denn täuschen wir uns nicht: wir treiben nicht Wissenschaft aus bloßer Zufälligkeit und Laune, sondern aus einem nicht zu leugnenden Bedürfnis. Aber jene Wertwissenschaften halten stand. Ethik und Ästhetik verbleiben in ihrer spezifischen Eigenart Teile der Philosophie und geben ihr durch die Realität ihres Gegenstandes die Seinsberechtigung sowohl neben den Einzelwissenschaften im gewöhnlichen Sinn als auch neben den Disziplinen, die einst historisch zu ihr gehört haben, doch deren geringe Tragweite für das von den Denkern intendierte Problem im vorhergehenden ganz kurz anzudeuten versucht worden ist. Die bloße Empirie wird niemals mit ihren Kausalgesetzen jene beiden Gebiete zur Befriedigung beherrschen können, oder, um nicht apodiktisch zu reden, sie hat es bis heute trotz der stärksten Bemühungen bei weitem nicht vermocht. Wenn wir infolgedessen Ethik und Ästhetik kurzweg als  die philosophischen Wissenschaften  zu bezeichnen uns erkühnen, verlassen wir damit keineswegs in einem radikalen Neuerungswahn die Richtung der geschichtlichen Entwicklung. Denn die Werte, welche die Philosophen irgendwo in oder jenseits der Welt als harmoniegebende Tatsächlichkeiten zu finden hofften, oder welche sie andererseits als gegebene Fakta in immer neuer Weise umsonst zu erklären suchten: wir werden sie wirklich finden in jenen beiden Gebieten, und das zwanzigste Jahrhundert wird sie begründen aus seiner neue philosophischen Methode.

Dies zur Vorbereitung auf das folgende System. Eine Zurückweisung der Einwendungen, die sich gegen das Gesagte vorbringen lassen, wird sich wohl durch die späteren Erläuterungen von selbst ergeben. Aus dem obigen ist eines mit Deutlichkeit zu ersehen: daß wir uns heute bei einem System der Wissenschaften nicht mehr an auseinanderfallende  psychologische Konglomerate  historischen Ursprungs halten dürfen, sondern daß wir bei voller Klarheit, eine  streng logische Klassifizierung  unserer Materie vorzunehmen berechtigt und verpflichtet sind. Denn die Richtlinien unseres Denkens haben sich so weit gefestigt, daß auf absehbare Perioden tiefgreifende Revolutionen in unserem Gesamtwissen kaum stattfinden dürften. Die alten Wissenschaften werden sich zu vollkommeneren Ansichten erheben; neue Wissenschaften mögen dazwischen entstehen; doch wird, wenn ich so sagen darf, die Bewußtseinskapazität der Zeiten dadurch nicht wesentlich geändert. - Das System ist in dieser Fassung Anfang April 1910 von mir niedergeschrieben worden:

Grundlage eines Systems der reinen
Wissenschaften nach logischem Prinzip:
    A. Erkenntnislehre (In welcher Weise ist Wissen möglich?)

    B. Logik und reine Mathematik (Die Lehre von den Gesetzen des menschlichen Geistes in ihrer pseudo-subjektiven wie objektiven Betrachtung.)

    C. Naturwissenschaft (Die Lehre von den Objekten als solchen):

      I. Lehre von den anorganischen Tatsachen und Gesetzen:
        1. Physik mit Astronomie
        2. Chemie
        3. Theorie der Materie
      II. Lehre von den organischen Tatsachen und Gesetzen:
        1. Morphologie 2. Anatomie 3. Physiologie 4. Biologie 5. Geologie 6. Allgemeine Entwicklungslehre 7. Psychologie
      III. Lehre von den objektiven Willensäußerungen der Menschheit (Geschichte)
      IV. Lehre von den objektiven Erzeugnissen der Menschheit (Geisteswissenschaften)
        1. Die Gesellschaft als Gesamtorganismus:
          a) Soziologie im engeren Sinne
          b) Rechtslehre
          c) Religionenlehre
        2. Das Individuum innerhalb der Gesellschaft:
          a) Sprachlehre
          b) Geschichte der Literatur und Kunst
          c) Geschichte des Denkens

    D. Philosophie (Die Lehre von den Werten):
      I. Empirische Erforschung der Wertgefühle sowie ihrer Objekt:
        1. Genetische Formenlehre
          a) Entstehung der ethischen Begriffe und Maximen
          b) Entstehung der ethischen Formen
        2. Analysierende Psychologie der Wertgefühle:
          a) der ethischen
          b) der ästhetischen
      II. Metaphysik (d. h. Bewertungslehre nach teleologischer Methode):
        1. die Ethik
        2. die Ästhetik
      III. Kulturphilsophie: mündet ins praktische Leben
Unter reinen Wissenschaften verstehe ich solche, die den Zweck haben, Tatsachen der Realität in ihrer phänomenalen Bedeutung festzustellen und sie unabhängig von jeder Nebenabsicht in einer den Bedürfnissen des menschlichen Geistes entsprechenden Vereinheitlichung darzubieten. Sie werden damit in einen Gegensatz gestellt zu den angewandten Wissenschaften, welche aufgrund jener sich aufbauen und ihr besonderes Dasein einem andersartigen Verhältnis zu unserem Willen verdanken. Falls nicht reine Wissenschaft als Ganzheit unmöglich ist, müssen also alle Gegebenheiten aufgrund ihrer induktiven Prinzipien restlos im obigen Sinn erklärt werden können, wodurch sie zugleich vor dem Forum der strengsten Vernunft ihre fraglose Rechtfertigung erhalten. Ist aber reine Wissenschaft als Ganzes möglich, so kann neben ihr nicht ein zweites wissenschaftliches Denksystem bestehen wollen; denn alles und jedes, was ist und geschieht, findet in ihr - nach unserer Voraussetzung - seine durchaus befriedigende Erklärung, und auch die Existenz der meditierenden Gedankenarbeit, der Drang im Menschen nach harmonischer Einheit, sein Unbefriedigtsein mit der bloßen Kausalerkenntnis wie deren Unzulänglichkeit: selbst dies wird als Faktum in seiner phänomenalen Bedeutung erkannt und durch Gesetze in seiner Notwendigkeit erwiesen. Wenn aber ein Teil des Seins in seiner Funktion als unerläßliches Glied desselben bestimmt ist, so hat der Wille zur Wahrheit keine Frage mehr dafür übrig. Das kommt daher, weil im Nachweis einer phänomenalen Notwendigkeit stets auch die der phänomenalen Berechtigung inbegriffen ist. Letztere aber umfaß zugleich den Beweis der hypothetischen Wirklichkeit, d. h. der Möglichkeit des Erstrebten. Der Mensch wird sich nun noch an das Rätsel wagen: Weshalb gibt es überhaupt ein phänomenales Sein? Diese Frage aber wird von der Wissenschaft als kein Erzeugnis der reinen intellektuellen Triebkräfte, sondern als die logisch nicht berechtigte Folge eines primären Umstandes heterogener Art von notwendigem Seinscharakter nachgewiesen werden. Daß die Frage an und für sich genommen eine für uns unlösbare ist, wird von der Erkenntnislehre mit guten Gründen belegt werden können. Das Urteil selbst nun, ob reine Wissenschaft als Ganzes möglich ist, kann nur durch die Kritik ihrer sämtlichen einzelnen Teile gewonnen werden, und wir wenden uns deshalb zu deren Untersuchung, wobei wir uns Nebensächliches ersparen und nur auf das auch für die Philosophie Wichtige unser Augenmerk richten werden.

Die Erkenntnislehre beschäftigt sich mit der Tragweite des menschlichen Erkenntnisvermögens. Ihr Hauptproblem besteht darin, über den Zwiespalt von Subjekt und Objekt, Natur und Geist, Geist und Materie, oder wie man das Rätsel sonst noch mehr oder weniger glücklich bezeichnen mag, eine abschließende Antwort zu finden. Daß dies nicht auf dem Weg einer Vereinigung der beiden Seiten in irgendeiner Weise erreicht werden kann, läßt sich mit den gebräuchlichen Mitteln der erkenntniskritischen Wissenschaft aus den Prinzipien der Vernunft ableiten. Die Unmöglichkeit des Erfolgs läuft schließlich auf eine einfache Tatsache hinaus: Alles Denken besteht nur durch die wesentliche Verschiedenheit von Subjekt und Objekt, und durch unser Denken erkennen wir die wesentliche Verschiedenheit von Subjekt und Objekt zweifellos an. Wir widersprechen uns also selbst, wenn wir darauf ausgehen, eine immanente oder transzendente Einheit von Subjekt und Objekt herzustellen. In der Tat kann unser Denken dies niemals beabsichtigen, ohne sich selbst zu verneinen. Nur indem sie das Subjekt auch zum Objekt verwandelt und es so seines Geheimnisses entkleidet, ist es selbst der Transzendentalphilosophie möglich,  für das Subjekt  die  durch dessen Vorstellungs- und Denkformen und innerhalb dieser  notwendig erscheinende Beziehung zwischen Pseudo-Subjekt und Objekt herzustellen; und die aposteriorischen Spekulationen können auch dies nur im Sinne der mathematischen Funktionslehre, welche zwar die beiden Größen in ihrer stetigen oder unstetigen Abhängigkeit uns klar in jedem einzelnen Punkt erkennen läßt, über ihre spezifische Hetero- oder Homogenität und die Ursache ihrer funktionalen Verknüpfung jedoch keinerlei Aussagen machen kann. Dies geschieht bei der Mathematik erst auf einem ergänzenden Gebiet, durch die Erforschung des menschlichen Geistes in seinen Vorstellungs- und Denkgesetzen. Aber von der logisch verfahrenden Vernunft gibt es keine Appellation an eine übergeordnete Instanz. Was ihr ein Rätsel bleiben muß, das ist unlösbar für das Wissen. Indessen liegt ja die Behandlung dieser Frage innerhalb eines besonderen Gebietes und ist hier nur als auf das Folgende hinzielend gesagt. Die Erkenntnislehre ist, dies sei betont, durchaus schon in ihrer historisch gegebenen Verfahrensweise als eine reine Wissenschaft in der oben definierten Bedeutung zu bezeichnen. Denn welches auch ihre Form und ihre Resultate sind: stets wird sie die Gegebenheit der menschlichen Vernunft in ihrer Tragweite für die philosophische Erkenntnis, d. h. für eine Macht phänomenaler Wirkungsmöglichkeit untersuchen. Aber dennoch: ihre Art und Weise des Schließens lassen eine harmonische Kontinuität zwischen ihr und den letzten Wissenschaften empfindlich vermissen, wenn wir bedenken, daß der Mensch, der am Anfang wie am Ende allen Denkens steht, eine ungeteilte Einheit bildet, der durch eine natürliche Klassifizierung keineswegs ein doppelter Charakter zugesprochen werden sollte. Und so sei erwähnt, daß bei vorausgesetztem Überblick über die Erfahrungen der folgenden Wissenschaften eine andere Methode der Betrachtung auch auf die Erkenntnislehre anzuwenden sein wird, welche das von ihr bisher Erforschte auf gänzlich neuem Weg bestätigen und den Kreis der Wissenschaften zwanglos zusammenschließen wird. Das hier behandelte System setzt in wichtigen Punkten als ein organischer Bau sich selbst voraus. Und ein erkenntnistheoretischer Empirismus auf phänomenalistischer Grundlage, für den die Lösung der Probleme des Geistes gleichbedeutend ist mit raumzeitlicher Begreiflichmachung, ist als seine letzte Weisheit auch sein unterstes Fundament. Alles fruchtbare philosophische Denken verläuft mehr oder weniger anschaulich: schon diese Wahrheit sollte uns längst vorsichtig gemacht haben.

Aber wir haben im vorhergehenden unter der Voraussetzung gewisser Resultate aus der phänomenalen Wirklichkeit eines Strebens die Möglichkeit einer Erfüllung abgeleitet. Es müßte also trotzdem das Verlangen der Vereinigung von Subjekt und Objekt befriedigt werden können. Dies ist auch tatsächlich der Fall; nur nicht im Bereich der wissenschaftlichen Vernunft, sondern auf dem Gebiet der mystischen Vernunft, deren Möglichkeit und Sin die Wissenschaft allerdings zu erklären hat. Sie ist Objekt der wissenschaftlichen Vernunft nicht aber ihre Helferin oder Rivalin, womit an dieser Stelle keine Wertung ihres Vermögens ausgesprochen werden soll, was erst in einem viel größeren Zusammenhang angängig wäre. Die Wissenschaft muß in ihrem eigenen Interesse darauf dringen, daß die Grenze von Glauben und Wissen scharf gezogen wird, unbekümmert darum, daß sie bis in späte Zeiten selbst aktive Glaubenselemente als Träger intuitiver Wissensahnungen in großer Anzahl in sich geborgen hat. Sie erfährt dadurch keine Einschränkung, sondern wird dann erst ihr eigenes Vermögen in seiner ganzen Tragweite erkennen und benutzen lernen. Man wird besonders der Philosophie nicht das Unrecht antun wollen, sie ihrem Wesen nach mit der mystischen Vernunft in irgendeine Beziehung zu setzen.

Weshalb im zweiten Hauptteil der Wissenschaften Logik und Mathematik ausgenommen worden sind, habe ich schon angedeutet. Die formale Logik ist nicht möglich ohne eine schwache Versinnlichung ihrer Sätze nach der Anschauungsform der Geometrie; und umgekehrt weist alle Mathematik das Denken mit Notwendigkeit auf die apriorischen Gesetze des menschlichen Geistes zurück, aus denen allein sich ihre Wunder erklären, die wieder ihrerseits Data liefern zur Ergründung der Arten bzw. Erläuterung jener Gesetzmäßigkeit. So ist auch das Objekt der reinen Mathematik zweifellos der menschliche Geist, nicht in letzter Linie die Figuren und Zahlen, mit denen sie operiert. Weshalb sollten sich sonst die Menschen für solche Dinge interessieren, abgesehen von der nicht in allgemeinen Betracht kommenden übertragenen Anwendbarkeit? Wenn die Philosophen sich auch bis jetzt nicht darüber geeinigt haben, was sie unter ihrer Wissenschaft verstehen wollen, so könnten sie sich, falls es nicht so unphilosophisch wäre, über diesen unleugbaren Nachteil mit den Mathematikern trösten: auch von diesen treiben noch viele ihr Geschäft, ohne dessen eigentlichen Sinn zu kennen, ja ohne dessen Bestimmung anders zu dienen als durch eine Anhäufung von Material. Es ist nicht ohne tiefere Bedeutung, daß so manche großen Philosophen zugleich Mathematiker gewesen sind.

In den naturwissenschaftlichen Teil des Systems sich auch solche Wissenschaften aufgenommen worden, denen man noch ziemlich allgemein eine besondere Stelle abseits anzuweisen gewohnt ist: die sogenannten Geisteswissenschaften nach der gebräuchlichen Terminologie unter Ausschluß der Philosophie. Doch hat das vergangene Jahrhundert gerade in einer objektiven Betrachtung jener als Äußerungen derselben Lebenskraft, die auf niedrigen Stufen der Entwicklung schon im Tier- und Pflanzenreich tätig ist, so bedeutende Fortschritte aufzuweisen und auch die Gesetze der Erforschung der getrennt gewesenen Gebiete zu so vorteilhafter Angleichung gebracht, daß mir die gegebene Systematik in diesem Punkt als die richtigste erscheinen mußte. Die Verständlichmachung der objektiven Menschheitsphänomene in einem größeren Zusammenhang durch ein empirisch begründetes genetisches Verfahren dürfte auch in Zukunft noch manche Aufgabe zu lösen berufen sein. Und es ist tatsächlich kaum möglich, die Naturwissenschaft unter Ausschluß ihrer höheren Zweige positiv zu definieren. Was ist Natur im Gegensatz zu Geist? Die Beantwortung dieser Frage setzt ja ein immanentes Wesensverhältnis beider voraus. Für uns aber erweist sich die Naturwissenschaft in einer zwanglosen und trotz ihrer umfassenden Sphäre einheitlichen Bestimmtheit als die Lehre von den Objekten als solchen. Wir müssen zwar auch in anderen Wissenschaften von den Objekten sprechen: aber nicht in Anbetracht ihrer selbst, indem wir das Objektive in der Absicht entweder der Ergründung der Gesetzes des Vorstellens und Denkens - in der Logik - oder der Festlegung von Werten - in der Philosophie - behandeln. Es ist an dieser Stelle darauf hinzuweisen, daß der Kontinuität innerhalb des Systems stets ihr Recht wird. Nur zwischen dem Anorganischen und dem Organischen scheint eine Lücke zu klaffen, über die sich aber die Erkenntnislehre schon mit aller Gründlichkeit ausgesprochen haben würde. Die Theorie der Materie ist schon jetzt so selbständig ausgebildet, daß sie als besondere Disziplin an der gegebenen Stelle ihren Platz finden mußte. Daß sie mit Erkenntnistheorie im einzelnen nichts zu tun hat, sondern wie allen anderen Wissenschaften sich auf ihrem Fundament erhebt und ihre Resultate gleich den übrigen nur gültig sind aufgrund eines vor dem menschlichen Richtergeist mit jener ersten Wissenschaft geschlossenen gegenseitigen Vertrages, braucht nach dem Gesagten keinem Zweifel mehr zu begegnen. Der Vertrag lautet: Ich lasse deine Wahrheit gelten, wenn du meine Bedeutung nicht untergräbst.

Mit der wichtigen Disziplin der allgemeinen Entwicklungslehre habe ich den Übergang hergestellt von den Wissenschaften der niederen Naturreiche zur Psychologie, welche in ihrem Hauptteil ein Wesensmerkmal des Menschen analysiert und in seinen Gesetzen bestimmt, aber ebensowenig wie irgendeiner andere mit Erfolg zu betreibende Forschung weiterer Gesichtspunkte entraten kann. Insbesondere wird in ihr auf das Genetische die gebührende Rücksicht zu nehmen sowie an der wirkenden Existenz des psychisch Unbewußten nicht ohne vertiefende Betrachtung vorbeizugehen sein. Die Psychologie leitet uns hinüber zur Behandlung des durch die Vernunft um eine wirksame Waffe bereicherten Kampfes ums Leben in der elementaren Kraftentfaltung des Willens, was den eigentlichen Charakter dessen ausmacht, was wir aus Gewohnheit mit dem bescheidenen Namen  Weltgeschichte  zu bezeichnen pflegen. Wohl beanspruchen die Beschützer dieser Wissenschaft besonders seit dem vorigen Jahrhundert ein weit umfassenderes Gebiet als ihr Eigentum, indem sie ihre Darstellungen mit dem größten Vorteil reich mit all dem durchweben, für welches wir den weiten Begriff der Kultur gebildet haben. Und das ist ohne Zweifel von unschätzbarem Nutzen für das Verständnis dessen, was sie uns dem Kern nach zu berichten haben. Wir müssen bei dieser Gelegenheit der falschen Auffassung entgegentreten, als ob die wissenschaftliche Praxis an ein System gebunden wäre, als ob die einzelnen Teilweisheiten aus ich selbst bestehen könnten und auf sich selbst gestellt sein müßten, ohne sich mit andern im wechselvollen Leben der Arbeit helfend zu verbinden und gegenseitig zu befruchten. Eine Zusammenstellung wie die unsere kann nur orientieren wollen; feste Richtlinien sind aber der Wissenschaft umso unerläßlicher, je freier und harmonischer sich ihr Wirken gestalten soll; ihre am Anfang unbewußt erstrebten Ziele und die Bedeutung ihrer einzelnen Teile innerhalb des Ganzen müssen ihr klarer und klarer werden; an einem System objektiver Anhaltspunkte sollte sie daher den Wert ihrer Strebungsakte sich in jedem Augenblick ins Bewußtsein erheben können. Nun ist aber die für die Immanenz wesentliche Verschiedenheit der durch die Vernunft bloß modifizierten Willensäußerungen der Menschheit und der Siege einer am äußeren Widerstand bloß entzündeten und geschulten Vernunft bewußter oder unbewußter Natur eine fast triviale Wahrheit, welche jedoch ausdrücklich aufrechtzuerhalten ein Systsem der Wissenschaften nicht versäumen darf, da eine Verwirrung durch einen Mangel an differenzierender Kritik hier von beklagenswerter Konsequenz sein kann und oft gewesen ist. Auch eine weitherzige Art der wissenschaftlichen Forschung wird von Übel sein, wenn sie die Grenzen, die sie zu überschreiten sich gestattet, überhaupt nicht kennt. Die Geschichte im engeren Sinne hat zum Gegenstan das Ringen einer erst werdenden und zum Teil noch unwirklichen Menschheit, weshalb es nur Vorteile haben könnte, wenn deren weitblickende Vertreter eine gewisse Zweiseitigkeit ihrer Wissenschaft nicht verkennen würden.

Einen einheitlichen Charakter hat dagegen die Wissenschaft von den positiven Errungenschaften der Menschen, die ihnen zwar zuerst nur als Mittel zu alten Zwecken zu dienen vermocht haben, in ihrer Weiterentwicklung jedoch eine immer größer werdende Verselbständigung erfuhren und sich unter einem eigenen Gesichtspunkt betrachtet zusammenschließen zu einer dem blinden Streben polaren Macht, die als Kultur die Geschichte der Völker langsam verbessert und das Feld des Handelns von Jahrhundert zu Jahrhundert durch alle Irrtümer hindurch veredelt und verschönt hat. Den unbestimmten Namen "Geisteswissenschaften" sollte man, wenn überhaupt, für die Wissenschaften von den Tatsachen und Gesetzen der Kultur allein verwenden. Die Geschichte ist als überleitendes Glied zu betrachten und in einem  doppelten Sinn  zu verstehen: als Fortsetzung einer durch die kontinuierlich veränderte Psyche in ihrer intensiven Natur verständlichten Biologie der Massen, und als Vorbereiterin spezifisch menschlicher Werte von zunächst auch im landläufigen Sinn utilitaristischem Eigenwert; aus welcher Ursache diese verantwortungsvolle Wissenschaft sowohl von oben wie auch von unten die Direktiven zur Herstellung der von ihr geforderten synthetischen Einheit zu holen hat.

Die Lehre von den objektiven Erzeugnissen der Menschheit begreift in ihrem ersten Teil die Produkte eines unbewußten Ordnungs- und Strebungsprinzips in ihrem Werden und Sein und schreitet sodann fort zu den Schöpfungen eines freieren Bewußtseins, welches im Individuum sein Symbol und seinen Repräsentanten erzeugt. Den Übergang zwischen beiden Gebieten stellt die Sprachlehre dar, die ihr Objekt aus einem nur gesellschaftlichen Bedürfnis ableitet, seine Fortentwicklung aber durch die physiologische Bedingtheit des Individuums zu begründen gelernt hat. Die Geschichte des Denkens führt uns schließlich zum letzten großen Hauptteil der Wissenschaften, der Wertlehre oder Philosophie. Auf die Frage, welche sich wohl manchem hier aufdrängen mag, was wir zu halten haben von einer philosophischen Behandlung der Geisteswissenschaften, wie überhaupt der Wissenschaften, werden wir später noch zurückkommen.

Die Philosophie hat es mit jenem Teil des empirisch Gegebenen zu tun, der sich von allem Übrigen innerhalb unseres Erfahrungskreises wesentlich unterscheidet und gänzlich unvermittelt in das Reich der Natur hineinzutragen scheint, mit der Tatsache der Werte. Dieses Verhältnis hat die neueste Zeit in seiner Bedeutung für die Wissenschaft immer klarer erkannt und drängt nun dazu hin, der Philosophie den auch hier durchaus vertretenen Charakter einer Wertwissenschaft zu verleihen. Indessen hat die Begründung solcher schöpferischen Bestrebungen von Seiten der in die historische Philosophie hineingeborenen und während eines langen Lebens in ihrem Gedankenbereich schaffend erzogenen Vertreter einer mehr oder weniger wirklichkeitsfremden Systemwissenschaft gar nicht vermeiden können eine innerliche Abgegrenztheit der Wertlehre und eine  absolute  Autonomie der Werte selbst wo nicht direkt zu behaupten, so doch vermuten zu lassen. Diese Überzeugung ist jedoch in konsequenter Verfolgung ihrer Richtung naturgemäß Anlaß geworden zu einer Reihe von bedeutenden Schwierigkeiten, welche aufzuheben eine recht abstrakte und wenig Vertrauen erweckende Verfahrensweise schon in der Begründung unserer Wissenschaft nötig machte, ja schließlich sich in ihrem letzten Streben in das Gebiet der transrationalen Metaphysik flüchten mußte, worunter ich die verbotene Sphäre begrifflicher Deduktionen ohne Anschauungskorrelat verstehe. Es erhebt sich deshalb die Forderung, sofern nicht der Wertlehre ein künftiges Schattendasein prophezeit werden soll, dem Wertgedanken seine Abgeschlossenheit zu nehmen und ihn auftreten zu lassen in einem allgemeineren, womöglich allgemeinsten Zusammenhang mit den Gegebenheiten der übrigen Natur. Anders ausgedrückt, wir wollen nicht von der eingebildeten Hochwarte ausgedehnter Begriffe sein Wesen im einzelnen überblicken, sondern versuchen, ihn in seiner ganzen Eigenart zu verstehen als ein Gewordenes, ein zwar nicht Gleiches, aber Vergleichbares gegenüber all den anderen Mächten, deren Wirken wir schon jetzt in der Natur staunend begreifen. Die Philosophie ist eine Wissenschaft der Zukunft, die im Lauf der Zeiten von großen Geistern aus einem nur gefühlten, nicht erkannten Drang gepflegt worden ist, wobei nicht immer die kürzesten Wege zu einem unbekannten Ziel begangen worden sind. Wenn wir die Philosophie heute als Wissenschaft zu begründen uns bemühen, so geben wir damit die Absicht kund, mit vollem Bewußtsein die Richtung einschlagen zu wollen, in der uns der lang gesuchte Zielpunkt zu liegen scheint. Deshalb ist es aber wichtig, sich gleich am Anfang über alle Möglichkeiten und Wahrscheinlichkeiten gewissenhaft zu befragen. Was nun die inhaltsarmen Begriffe anbelangt, so werden sie allerdings von ihren Schöpfern in einem ehrlichen Suchen der Wahrheit als einziger Ausweg gesehen. Ihre Nachfolger aber nehmen sie kritiklos hin, modifizieren sie nach ihrer Art und machen aus ihnen Begriffssysteme um ihrer selbst willen. Dann entsteht bestenfalls eine gute Philosophie, zu der die Welt fehlt. Uns ist aber leider eine sehr reale Welt gegeben, zu der die Philosophie fehlt: und die letztere müssen wir uns annähernd gewinnen wollen. Wenn die schaffende Zukunft noch Zeit zu - mitunter recht nützlichen - Ausgrabungen haben sollte, wird sie wohl auch einst den methodischen Realismus jenes Denkers allgemein und gebührend bewundern, dessen Todestag sich in diesem Jahr zum fünfzigsten Mal wiederholt: des großen ARTHUR SCHOPENHAUER.

Die Philosophie ist die Lehre von den dem Menschen als eigentümlich bewußten spezifischen Werten. Es gibt deren nur zwei: ethische und ästhetische. Alle anderen sogenannten Werte sind entweder nicht eigenartlich charakterisiert, sondern durch Vernunft erleuchtete Gemeinwerte des Lebens, deren Behandlung einem früheren Zweig der Wissenschaft obliegt, oder sie bestehen durch die Verbindung der genannten beiden Werte mit Gebilden der mystischen oder praktischen Vernunft - die ihrerseits von der wissenschaftlichen Vernunft zu erklären sind -, oder aber sie heißen Werte in einer gänzlich anderen Bedeutung, wie etwa das Erkenntnisvermögen selbst oder die logische Richtigkeit.  Wir  meinen mit dem Ausdruck "Wert" stets einen der menschlichen Strebewerte, - wobei wir uns die Begründung unserer Festsetzung wohl an dieser Stelle ersparen können. Die Aufgabe der Philosophie umfaßt die gesamte Ergründung der spezifischen Werte, was nicht zu diesen gehört, liegt außerhalb der Philosophie.  Haben die Werte als spezifische Vernunftgebilde eine Bedeutung innerhalb des phänomenalen Seins, und wie ist diese zu definieren?  Das ist die Hauptfrage der Philosophie, die man auch kürzer so formulieren kann:  Nach welchen Gesetzen geschieht Wertung? 

Doch wie kann der Philosoph zur Beantwortung dieses schwierigen Problems gelangen?

Zunächst muß er die mit den Wertungen verknüpften anderen Wirklichkeiten sämtlich kennenlernen, und zu diesem Zweck hat er die Entstehung und Wandlung der Wertobjekt gesetzmäßig auf induktivem Weg festzustellen und dann die Analyse des komplexen Wertgefühl unter Zuhilfenahme der psychologischen Methoden und mit besonderer Berücksichtigung ihrer Genese und völkerpsychologischen Beeinflussungen vorzunehmen. Ist das für die recht verschiedenartigen Fälle geschehen, so hat sich die Philosophie alles erlangbare exakte Material für ihre Arbeit geschaffen. Man wird vielleicht einwenden, das gehöre eigentlich in das Gebiet der Naturwissenschaft. Doch ist dies nicht der Fall; denn sowohl ein Formobjekt als auch das Gefühl betrachten wir nur unter dem besonderen Gesichtspunkt des - für unsere Betrachtungsweise - sie bedingenden Wertes. Diese Empirie ist ein der Naturwissenschaft verwandter Teil der Wertlehre, nicht etwa ein philosophischer Teil der Naturwissenschaft. Und abgesehen davon wird der Philosoph nur dann mit Erfolg die Schlüsse zu ziehen verstehen, wenn er zuerst als objektiver Beobachter sich den Tatsachen gegenübergestellt hat und sie sich selbst formen mußte zu einer harmonischen Ordnung. Nun erst beginnt die Philosophie nach einer eigenen, teleologischen Methode zu verfahren, indem sie auf die gegebenen Fakta und ihre Verknüpfung sich stützend die Gesetze der Bewertung ableitet: Gesetze mit außerhalb liegendem Angelpunkt in der endlichen Realität.

Auch RICKERT hat sich veranlaßt gesehen, vom Wert die Bewertung, vom Normativen das Aktive streng zu unterscheiden, doch in einem anderen Sinn als ich. Er wird dazu bewogen durch den von uns in gleicher Weise hervorzuhebenden Gedanken, daß in vielen Fällen Werte bestehen, ohne daß ihre Wertung geschieht, und daß umgekehrt Nichtwerte oft "Wertung" erfahren. Doch scheint mir die radikale Art und Weise der versuchten Begreiflichmachung dieser Diskrepanz nicht richtig; wohl mußte sie RICKERT umso näher liegen, als er von den Gedanken einer teleologischen Richtung ausgeht, die den spezifischen Charakter der Werte nur unter der Annahme ihrer absoluten Natur verstehen zu können glaubt und die teleologische Methode in einen bewußten Gegensatz stellt zur genetischen. Was zunächst dieses betrifft, so können wir hier nicht in den Kampf der Parteien eintreten, da wir die begründete Annahme machen, daß die genetische Methode das Sein als solches zu erklären, die teleologische Methode hingegen den Wertcharakter des so Begriffenen abzuleiten hat, so daß sich die beiden Hälften  aufs beste ergänen,  nicht aber sich feindlich gegenüberstehen. Bezüglich jener speziellen Ausführungen RICKERTs jedoch, welche der Welt des Wirklichen die Welt der Werte  entgegenstellen  und in der Vereinigung jenes Heterogenen geradezu das philosophische Problem erblicken, wollen wir mit unseren Bedenken nicht zurückhalten. Nicht als ob wir die jenen Deduktionen zugrundeliegenden "Gedanken ansich" verkennen würden oder sie nicht teilen; sondern weil wir deren Verkörperung in der Welt der logischen Phänomene als irrtümlich, weil von überflüssigen Voraussetzungen ausgehend, bezeichnen müssen.

Ich knüpfe an ein Beispiel RICKERTs an, wobei ich meine Einschränkung betreffs der Bezeichnung "Wert" vorübergehend fallen lasse. Das Urteil über die Richtigkeit eines Satzes irgendwelcher Art kann nach einer gewissen Seite hin ausfallen, mag sogar von der größten Allgemeinheit gefällt werden, trotzdem das richtige Urteil auf einer anderen Seite liegt. Der Wert ist also nicht abhängig von der Bewertung, sondern von bestimmten jenseits dieser liegenden, festen Gesetzen, welchen allein er seinen Wertcharakter verdankt. Doch, fragen wir uns, ist damit tatsächlich die Welt unseres Denkens um eine neue schwere Spaltung bereichert, die gleich jener unerfüllten von Subjekt und Objekt künftig die Philosophie als willenlos segenspendendes Unheil begleiten soll? Zum Glück können wir diese Befürchtung entkräften. Wodurch entsteht ein falsches Urteil? Nicht entgegen den logischen Gesetzen, sondern  durch  dieselben. Was die Falschheit bedingt, ist die überall verschiedene teilweise unbewußte Komplexität der Prämissen in ihrer logischen Verwendung. Das logische Gesetz zu erkennen, waren wir aber - unbeschadet seiner Apriorität - nur imstande durch seine deutliche Kundgebung in den Denkakten unserer selbst bzw. der Menschen insgesamt, von denen wir eben vermöge der durch das Gesetz bedingten zwingenden Gleichartigkeit eine Linie bald sich abheben sahen und so gewissermaßen ihre Gleichung aufstellen konnten.

Die Frage: Gibt es Werte? ist identisch mit jener: Gibt es eine Gesetzmäßigkeit in den Wertungen?  Der Wert ist kein psychisches Sein; sondern er ist der Inbegriff der Gesetzmäßigkeit psychischer Wirklichkeiten von spezifischer Eigenart: der Wertungen. Daß es Werte gibt, die nicht gewertet werden, ähnlich wie es unerfundene Wahrheiten gibt, bezweifeln wir nicht, ja müssen es durch unsere entwicklungsgeschichtliche Betrachtungsweise geradezu annehmen. Doch bestehen dieselben nur, sofern sie unbekannterweise den alten Wertungsgesetzen unterworfen sind, so wie neue mathematische Werte (Zahlen) sich stets den bestehenden Rechengesetzen fügen müssen. Die genetische Methode verknüpft innerhalb der gegebenen Kausalreihe; das teleologische Verfahren begründet die Wirklichkeit  dieser  Kausalreihe aus ihren Eigenschaften vor allen möglichen (denkbaren). Wertung: das bedeutet eine zur spontanen Wirklichkeit erhobene Möglichkeit. Wert, als Inbegriff der Gesetzmäßigkeit in den Wertungen, heißt: eine zur organischen Wirklichkeit gewordene Möglichkeit.

Am vorigen Beispiel hoffe ich die Verhältnisse klar gemacht zu haben, wie sie ähnlicher - nicht ebensolcher - Form auch auf dem Gebiet unserer Philosophie herrschend sind. Wir haben oft das Bild der Inkongruenz zwischen dem moralisch Anerkannten und dem Ethischen; dem Gefallenden und dem ästhetisch Wertvollen. Bisher hat man sich, wenn man gegen die Tatsache nicht überhaupt blind war, darüber meistens mit Machtsprüchen hinweggeholfen, wodurch besonders die Ethik allmählich in ein recht wenig wissenschaftliches Licht gerückt worden ist. Unsere Aufgabe aber besteht darin, bei genauer Kenntnis der Wertgefühle und Wertobjekte festzustellen, ob für das Zustandekommen spezifisch gearteter Wertungen sich bestimmte von unserem Belieben unabhängige Gesetze konstatieren lassen. Dann und nur dann, wenn dies der Fall ist, gibt es eine wissenschaftliche Philosophie. Übrigens sei darauf hingewiesen, daß dem naiven Bewußtsein die Bejahung der Frage als eine Gewißheit a priori erscheint. Dem kritischen Auge der Wissenschaft aber werden die falschen Wertungen zu erkennen geben, daß sich ihr psychologisches Moment von solchen Kräften beeinflußt zeigt, denen eine spezifische Tendenz abzusprechen ist, daß sie im Zusammenhang des Lebens von der Naturwissenschaft schon eingehend behandelt worden sind. Die mögliche Erwartung, daß auf diese Weise etwa alles Eigenartliche sich in ein Nichts verflüchtigt, wird sich dabei nicht erfüllen. Der Wert ist keine Seinsgröße, sondern ein objektivierender Ausdruck für das  troz zu gewärtigender Verhüllungen gültige, dem Individuum eingeborene, jedoch gattungsbedigte und wandelbare, seiner Existenz nach apriorische, seinem Inhalt nach aposteriorische Wertungsgesetz. 

Auch beim Anbeginn der Untersuchung über die Wertungsgesetze müssen wir uns vor allem über die Tatsächlichkeit unterrichten, wie gewertet wird, wobei richtige und falsche Urteile - nach irgendeiner vorgefaßten Norm gemessen - in gleicher Weise zu berücksichtigen sind. Erst nachdem wir aus allen diesen verworrenen Gegebenheiten das bleibende Gesetz ohne Zwang zur Klarheit herausgearbeitet haben, dürfen wir auch wissenschaftlich über einzelne Fakta ein Werturteil fällen. Solange wir werten ohne philosophische Berechtigung, wird der Auffassung von der bloß subjektiven oder soziologischen Bedingtheit der Wertungen, d. h. von der Wertlosigkeit der "Werte", Vorschub geleistet. Die wissenschaftliche Philosophie ist somit zugleich als Versuch der objektiven Dokumentierung der phänomenalen Wertbedeutung eine Angelegenheit von eminent praktischen Interesse.

Den charakteristischen zweiten Hauptteil der Philosophie, der von der Wertung handelt, habe ich mit der Bezeichnung einer immanenten  Metaphysik  versehen, weil dieses mit der Philosophie in Ehren alt gewordene Wort hier mit Vorteil eintreten kann, da es die nötige Abgrenzung des von ihm beherrschten Gebietes gegen die ganze kausale Naturbetrachtung, die "Physik", terminologisch herstellt. Die weitere aus ihnen selbst zu begründende Einteilung der beiden metaphysischen Wissenschaften konnte in diesem Zusammenhang unterbleiben. Es folgt nun abschließend die Kulturphilosophie, die von der Höhe der ganzen wissenschaftlichen Erkenntnis die Bedeutung der einzelnen Kulturfaktoren als Träger spezifischer Werte ermittelt und sich am Ende ihrer Betrachtung, die naturgemäß einen historischen Gang nehmen wird, über die Verhältnisse der Gegenwart ein wertendes Urteil verschafft, wodurch die Vorbedingungen für die bewußte Kulturtat gegeben sind. Als Telos der wissenschaftlichen Vernunft erweist sich also die praktische Vernunft.

Dadurch, daß die Philosophie die Werte in ihrem Verhältnis zur Wirklichkeit behandelt - wie wir uns ausdrücken können -, d. h. uns den Sinn der Dinge und des Lebens erkennen läßt, erfüllt sie auch als Einzelwissenschaft jene Forderung der harmonischen Totalität, die man mit Recht von ihr verlangt. Doch schafft sie diesen Sinn nicht durch die sekundäre transrationale Vereinigung zweier getrennter Sphären von Wert und Wirklichkeit; sondern indem sie aus den Erfordernissen der Wirklichkeit (nicht aus der Empirie!) uns die Existenz des Wertes erklärt, legt sie ganz von selbst der Wirklichkeit den Sinn unter. Ihre Aufgabe ist nicht die  Verbindung  von Wert und Wirklichkeit, sondern der Nachweis des  phänomenalen Verbundenseins  dieser nach dem allgemeinen Gleichmaß der Natur. Für uns gibt es keine Werte ohne Bedürfnisse der Wirklichkeit und keine entwicklungsfähige Wirklichkeit ohne die Existenz von Werten. Die Notwendigkeit einer besonderen Wertlehre für den Menschen leitet sich aus dem Selbstbewußtsein ab.

Indem wir die Wertlehre mit der Naturwissenschaft als deren organische Fortsetzung koordinierten, haben wir den Wertgedanken in einen allgemeinen Zusammenhang eingefügt. Das Wissen von der Berechtigung der teleologischen Betrachtungsweise wird sich uns nämlich schon außerhalb der Philosophie aufdrängen. Durch ihre Erhebung zum alleinigen Forschungsprinzip ermöglichen wir aber erst die Ableitung der Einzelgesetze der Wertlehre, die uns sonst verborgen bleiben müßten, und die ihrerseits eine Annäherung der Irrationalität der vorher geteilten Auffassung vom Wesen der Entwicklung an die adäquate Form durch die Erweiterung unseres Gesichtskreises begünstigen. Die aus der Naturwissenschaft hervorgegangene Teleologie verschafft uns also die Beherrschung gewisser Teilwahrheiten, deren klare Erkenntnis wieder eine verbessernde Rückwirkung auf das Ganze ausübt. In einem solchen Verfahren vereinigen wir die Vorteile der induktiven und der deduktiven Methode: durch jene gewinnen wir gewisse allgemeine Sätze, die Richtlinien der Forschung, deren deduktive Verfolgung sich als im einzelnen ergiebig erweist, weil ihre Resultate durch eine neue Induktion begründbar sind; wodurch wieder eine Korrektur nötig wird, die den Wahrheitswert jener obersten Sätze noch genauer determiniert. Die wirkliche Weite des Gesichtskreises erhalten wir nicht durch neue Begriffe, sondern durch einen neuen Standpunkt: wir müssen die Wertungserscheinungen ebenso objektiv zu behandeln verstehen wie etwa die biologischen Eigentümlichkeiten einer seltsamen Pflanzenart oder die Reflexbewegung im Tierreich oder irgendwelche andere Äußerungen der Natur. So ist die Philosophie durch ihre Stellung im System allerdings keineswegs etwas Höheres als die anderen Wissenschaften; sie ist es aber dennoch durch ihren Stoff, der uns selbst betrifft in unseren wichtigsten Lebensäußerungen. Das, was man bisher von der Philosophie verlangt hat, gibt die Wertlehre in vollem Maße. Vielleicht schmeichelt ihr bescheidenes Auftreten nicht dem phantastischen Sinn prunkliebender Weltallpoeten. Was sie, die freieste, gedankentiefste Kunst uns als Wissenschaft verspricht, ist ein nur über die Zeit, nei die Gegenwart erhabener, doch trotzdem gesicherter Besitz; das Wissen vom eigenen Ich, der Sinn des Daseins, eine Weltanschauung, soweit die letztere nicht durch die mystische Vernunft in ihrem letzten Rest - Vereinigung von Subjekt und Objekt - geschaffen zu werden bestimmt ist. Und schließlich wird sie nicht verfehlen können, dem, der sie ernsthaft treibt, etwas vom hohen Menschenwert des antiken Lebensphilosophen wieder zu verleihen: welches gewiß zu wünschen ist, nachdem über aller Philosophie die Weisheit so ziemlich in die Binsen gegangen zu sein scheint! Bei all dem ist zu beachten: Philosophie wird nicht behandelt, damit sie dem Menschen eine Weltanschauung schafft; dann wäre sie ja eine angewandte Wissenschaft. Sondern die Weltanschauung ist ihre nächste und unmittelbare psychologische Folge.

Daß die  wissenschaftliche Vernunft  nicht das einzige besondere Vermögen des menschlichen Geistes ist, wissen wir schon: vor ihr gibt es eine  mystische Vernunft,  auf ihr baut sich eine  praktische Vernunft  auf. Die wissenschaftliche Vernunft aber ist als das Treibende der menschlichen Entwicklung zunächst auch das Wichtigste. Von ihr sind die beiden anderen Fähigkeiten stets mehr oder weniger abhängig, was aber nicht ausschließt, daß sie für den harmonischen Menschen der näheren Zukunft alle drei eine gleiche Bedeutung besitzen. Nur fällt die Anwendung der mystischen und praktischen Vernunft nicht innerhalb der Grenzen wissenschaftlicher Betrachtung.

Bezüglich der Philosophie als Wissenschaft haben wir heute die Wahl zwischen drei Entscheidungen:  Erstens  wir nennen die Erkenntnislehre Erkenntnislehre und die Wertlehre Wertlehre und lassen den Namen Philosophie gänzlich fallen. Dies scheint mir aber eine gänzlich unnötige Rigorosität zu sein, da wir in der Wertlehre eine Wissenschaft besitzen, die einst alle Hoffnungen und Anforderungen wird erfüllen können, die man immer mit dem Begriff der Philosophie verknüpft hat.  Zweitens  bliebe uns die Möglichkeit, vom Standpunkt der letzten Dezennien ausgehend die Bezeichnung  Philosophie  für die Erkenntnistheorie (einschließlich der Logik) zu reservieren. Dies dürfte jedoch nicht ratsam sein, daß die Erkenntnislehre nicht ein Abschließendes, als welches die Philosophie doch sein soll, sondern nur ein in einem logischen wie psychologischen Sinn Vorbereitendes ist, weshalb ihr die meisten Charakterzüge einer durch die Jahrhunderte erstrebten Philosophie abgehen. Wir würden auf diese Weise tatsächlich nicht die große historische Kontinuität wahren. Und  drittens  steht uns frei, die  Wertlehre  als Philosophie zu bezeichnen: was aus den oben angeführten verschiedenartigen Gründen durchaus unabweislich wird als eine sowohl historisch wie auch logisch und psychologisch berechtigte Terminologie.  Wir wollen die Wertlehre Philosophie nennen, ebenso wie wir die Objektlehre Naturwissenschaft heißen.  Man könnte vielleicht noch geneigt sein, nach einer ähnlichen Scheidung des ARISTOTELES die beiden ersten Hauptteile unseres Systems wenigstens unter dem Namen einer Primärphilosophie zusammenzufassen, um auch diesen Gebieten die alte Bezeichnung, selbst unter einer Einbeziehung der Mathematik, zu wahren. Indessen ist solches unhaltbar, da doch die Wichtigkeit dieser Disziplinen dieselbe ist für Naturwissenschaft wie Wertlehre und wir infolgedessen gar keine Ursache haben, durch die Terminologie eine besondere logische Verwandtschaft jener fundamentalen Gebiete mit der letztgenannten Wissenschaft anzudeuten: daher wird man hier am besten jedes bei seinem präzisen Namen nennen.

Daß man bisher gewohnt gewesen ist, eine weitergehende Ergründung der Fragen der gesamten Wissenschaft als philosophische zu bezeichnen, hat ja nach der Bedeutung des Wortes gewiß seine Berechtigung. Aber man kann überall tiefer eindringen oder an der Oberfläche haften bleiben; ersteres auch außerhalb der Wertlehre, letzteres sogar in der Philosophie: welches keinen Einteilungsgrund abgibt für die Wissenschaften, sondern für die Menschen. Wohl werden die Wortbilder "Philosophie, Philosoph, philosophisch" noch lange in ihrer alten Unbestimmtheit und Vieldeutigkeit in der Sprache fortbestehen. Doch ist das gänzlich unwesentlich. Wir sprechen auch heute noch oft von den entfesselten Naturelementen, trotzdem der gefestigte Begriff "Element" den verschiedenen Wissenschaften in eindeutigen Definitionen schon lange die besten Dienste leistet. Und so möge auch die Philosophie bald die allgemein anerkannte logische Bestimmung erfahren.

Die Wertlehre ist eine zum größten Teil noch zu gestaltende Wissenschaft. Ob sie überhaupt eine Daseinsberechtigung hat, d. h. ob Gesamtwissenschaft möglich ist, wird sie allein durch ihre Erfolge zu entscheiden haben. Ein System des  teleologischen Empirismus,  zu welchem demnächst in einem weiteren Zusammenhang vorläufig orientierende Kardinalpunkte gegeben werden sollen, muß in sich gewissenhafte Wirklichkeitstreue mit unbeschränktem, aber auch ungetäuschtem und kritischem philosophischen Weitblick vereinigen. Das scheint mir das beste Ideal für unsere Wissenschaft. Wir wissen, daß wir etwas wissen wollen. Aber wir wissen noch nicht,  warum  wir etwas wissen wollen; und wir wissen infolgedessen auch nicht,  was  wir wissen wollen. Durch die Beantwortung der ersten Frage, indem die wissenschaftliche Vernunft über sich selbst zu Bewußtsein kommt, d. h. sich selbst zum Objekt setzt, wird die zweite gelöst.
LITERATUR - Ernst Barthels, Zur Systematik der Wissenschaften,Archiv für systematische Philosophie, Neue Folge der "Philosophischen Monatshefte", Bd. 16, Berlin 1910