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MAX WEBER
Zur Methodenfrage

Sobald aber dies außerwissenschaftliche Element bei der Anwendung eines Begriffs mitschwingt, verliert er an Erkenntniswert, denn dann vermischen sich unbemerkt theoretische  Wertbeziehung  und praktische  Wertbeurteilung. 

Durch die ungeheuren Erfolge der Naturwissenschaften war die Überzeugung entstanden, daß eine, wie von aller Metaphysik, so von allen individuellen Zufälligkeiten befreite "rationale" Erkenntnis der ganzen Wirklichkeit möglich sei. Eine Universalmethode könne und müsse ihren ganzen Umfang beherrschen, einzig den Resultaten dieser Methode stände der Anspruch auf Wahrheitsgeltung zu; was durch sie nicht erfaßbar sei, gehöre nicht in den Rahmen der Wissenschaft, sondern sei  Kunst.  Der  Naturalismus  als Methode und Weltanschauung beanspruchte Alleinherrschaft auf allen Gebieten des Lebens und Denkens. Die Abwehr der  Geisteswissenschaften  konzentrierte sich auf den Nachweis ihrer Eigenart und Selbständigkeit, die man zunächst auf die Verschiedenheit der Stoffgebiete gründete.

Im Bereich der Sozialwissenschaften entbrannte der Methodenstreit besonders heftig, denn ihre Gegenstände: menschliches Handeln, das in deutlich erkennbarer Weise von Naturvorgängen abhängig ist, scheint auf der Grenze des Naturhaften und Geistigen zu liegen und ebenso triftig dem Reich der  Natur  wie dem der  Freiheit  zugesprochen zu werden. So standen die  klassische  und die  historische  Schule der Nationalökonomie in unüberbrückbarer Schroffheit einander gegenüber. ANTON MENGER, der Führer der  klassischen  Schule, hatte die Einteilung der Erkenntnisgegenstände nach  Geist  und  Natur  als logisch unzulänglich beiseite geschoben und ersetzt durch die Verschiedenheit der Gesichtspunkte, unter denen derselbe Wirklichkeitsstoff logisch bearbeitet werden kann. Aber eben deshalb rechnete er die Volkswirtschaftslehre zur Naturwissenschaft. Er stellte ihr das Ziel, die Gesetze des Wirtschaftslebens zu entdecken, und war von deren Gleichartigkeit mit den Naturgesetzen überzeugt. Ein System abstrakter Begriffe und Lehrsätze, aus denen sich die Wirklichkeit gedanklich ableiten läßt, scheint zugleich als das einzige Mittel praktischer und geistiger Beherrschung gesellschaftlicher Vorgänge.

Umgekehrt die jüngere,  historische  Schule, die sich unter GUSTAV SCHMOLLERs Führung von der klassischen abspaltete. Sie sah den Zweck ökonomischer und sozialwissenschaftlicher Forschung - wie den der Geschichte - in der anschaulichen Wiedergabe der Eigenart konkreter Wirklichkeit. - Das Problem wurde noch dadurch kompliziert, daß bedeutende Meister der Nationalökonomie wie ROSCHER und KNIES zwar Anhänger der historischen Schule waren, aber trotzdem glaubten,  Naturgesetze der Volkswirtschaft  auffinden zu können. So nimmt z.B. ROSCHER gesetzmäßige Abläufe des Geschehens bei den verschiedenen Völkern an, und indem er das  Volk  als ein einheitliches Gattungswesen erfaßt, wie die Biologie den Menschen, ordnet er den Verlauf der Geschichte in die verschiedenen Altersstufen und spricht von Jugend, Reife, Altern und Sterben der Völker. Was durch solche Formeln nicht erklärt wird, nämlich das Handeln konkreter Menschen und sein Einfluß wird der  Willensfreiheit  zugeschrieben, welche die Naturgesetzlichkeit unerklärbar durchbricht, oder aber dem geheimnisvollen Hintergrund göttlichen Waltens in der Geschichte.

Bei dieser Problemlage im eignen Fach setzt WEBERs logische Arbeit als Prozeß wissenschaftlicher Selbstbesinnung ein. Die dafür erforderlichen geistigen Werkzeuge liefert ihm die zeitgenössische Logik und Erkenntnistheorie, vor allem die Wissenschaftslehre von HEINRICH RICKERT, in der ihm besonders die Trennung von praktischer Wertung und theoretischer  Wertbeziehung  wichtig ist. Er erklärt in der Schrift über ROSCHER und KNIES, die Anwendbarkeit von RICKERTs Begriffsbildung auf die Nationalökonomie erproben zu wollen. Indessen treiben ihn seine eignen methodischen Gedanken bald über dieses Ziel hinaus. Er greift die logischen Probleme überall auf, um Klarheit über den wissenschaftlichen Prozeß zu gewinnen. So zieht er Schriften von DILTHEY, WUNDT, SIMMEL, MÜNSTERBERG, GOTTL, v. KRIES, EDUARD MEYER, STAMMLER u.a. in den Bereich seiner Auseinandersetzungen. Aus RICKERTs  kulturwissenschaftlicher  Logik übernahm WEBER damals die später allerdings durch seine eigne soziologische Methode ergänzte Lehre, daß nicht allein die Verschiedenheit des Erkenntnisstoffes die Wissenschaften scheidet, sondern auch die Verschiedenheit des Interesses am Stoff, der Fragestellung, so daß die Naturwissenschaften  generalisierend  verfahren, weil sie sich für das den Erscheinungen Gemeinsame, Gleichartige interessieren und es mit einem Netz von Allgemeinbegriffen und Gesetzen überspannen, während umgekehrt das Interesse der  individualisierenden Geschichte und ihr verwandter Disziplinen auf die Eigenart konkreter Vorgänge und Gegenstände gerichtet ist, und zwar auf solche, die als Kulturvorgänge mit Sinn und Bedeutung  behaftet sind. Diese, durch menschliches Handeln bestimmten Vorgänge sind Gegenstand der Geschichts- und besonders gearteter Gesetzeswissenschaften, die RICKERT gegen die Naturwissenschaften abgrenzt und als Kulturwissenschaften bezeichnet.

Die Sozialwissenschaften gehören dazu; denn sie befassen sich mit bestimmten Seiten kulturbedeutsamen menschlichen Verhaltens, ihr Erkenntnisziel ist nicht - wie das naturwissenschaftliche - ein System von allgemeinen Begriffen und Gesetzen, sondern die Eigenart konkreter Erscheinungen und Zusammenhänge, wobei sie sich allerdings ebenfalls der Begriffe und Regeln des Geschehens als Erkenntnismittel bedienen. Und wenn auch an sich jeder Gegenstand sowohl der generalisierenden wie der individualisierenden Bearbeitung unterzogen werden kann, so eignen sich doch die Vorgänge der äußeren Natur mehr für die erstere, menschliches Verhalten mehr für die andere Betrachtungsweise. Außerdem ist uns menschliches Handeln durch eigenartige, bei Naturvorgängen nicht anwendbare geistige Prozesse zugänglich, nämlich durch nacherlebendes Verstehen, das eine Deutung der Sinnzusammenhänge ermöglicht.

WEBER entwickelt für die Sozialwissenschaften eine Lehre vom Verstehen, deren Ansätze sich bei DILTHEY und SIMMEL finden, die MÜNSTERBERG beschäftigte, und deren umfassende Verwertung für die Nationalökonomie und Geschichte WEBERs Fachkollege GOTTL versucht hat. Er setzt sich zunächst kritisch mit MÜNSTERBERG und GOTTL auseinander (1) und trägt seine dadurch gewonnene eigne Lehre später in einer besonderen Abhandlung (2) und in der methodologischen Einleitung seines Hauptwerkes (3) vor. Nach WEBER sind  verstehen  und  erklären  nicht Gegensätze, sondern einander ergänzende Erkenntnismittel. Über die logische Analyse, durch die er dies feststellt, hier Näheres zu sagen, würde zu weit führen. - Im Zusammenhang mit der Lehre vom Verstehen ergibt sich die Lehre vom  Sinn,  der Sinndeutung menschlichen Verhaltens. Als sinnvoll gilt uns, was durch das vom Gefühl der  Evidenz  begleitete Verstehen erfaßbar ist. Aber wohlgemerkt: der Sinn, nach dem die historischen Kulturwissenschaften fragen, liegt im Bereich der Erfahrung. Es ist der vom Handelnden subjektiv gemeinte Sinn. Nicht etwa ein objektiv  richtiger  oder ein metaphysisch ergründeter  wahrer  Sinn. WEBER liegt viel daran, daß seine Lehre vom  subjektiv gemeinten Sinn  richtig verstanden und damit die  haarscharfe Linie  zwischen Glauben und Wissen, Beweisbarem und Nichtbeweisbarem klar erkannt wird. Denn das Hineintragen objektiver Sinndeutungen des Geschehens, wie es sich z.B. in SIMMELs geistvollen Analysen der Kulturerscheinungen hie und da findet, überschreitet den Rahmen der Erfahrungswissenschaften und verdunkelt die rein theoretische Wahrheitsgeltung ihrer Resultate.

Wer derart scharf die Grenzen zieht zwischen Beweisbarem und Unbeweisbarem, wird sich aufs eindringlichste mit dem Wahrheitsgehalt der Kulturwissenschaften befassen. Denn sie sind ja in letzter Hinsicht an Unbeweisbarem, nämlich an Wertideen verankert, also empirisch gebunden an subjektive und wandelbare Voraussetzungen. An subjektive: denn die Anerkennung tatsächlich geltender Werte, die eine Erscheinung kulturbedeutsam machen, kann nicht durch logische Beweisführung erzwungen werden. An wandelbare: denn Wertideen wandeln sich langsam mit dem Charakter der Kultur,  solange nicht chinesische Erstarrung des Geisteslebens die Menschheit entwöhnt, immer neue Fragen an das immer gleich unerschöpfliche Leben zu stellen.  WEBER lehrt: Der Wahrheitsgehalt von empirischen Wissenschaften, deren Ausgangspunkt außerwissenschaftlich ist, wird dadurch geschaffen, daß die zunächst  verstehend  oder  intuitiv  erfaßten Zusammenhänge den Regeln strengen Denkens, vor allem den Regeln  kausaler Zurechnung  unterworfen werden. Logisch zulängliche Erklärung des kausalen Bandes der Vorgänge ist unerläßlich:  Nur was kausal erklärt ist, ist wissenschaftlich bearbeitet.  Gestützt auf die scharfsinnigen Lehren des Physiologen v. KRIES, analysiert er die komplizierten logischen Operationen, durch welche gültige historische Erkenntnis konkreter Vorgänge geschaffen wird, und kommt zu dem Ergebnis, daß sich die Naturwissenschaften und die historischen Kulturwissenschaften trotz ihrer verschiedenen Ausgangspunkte und verschiedenen Erkenntnisziele gleichartiger logischer Werkzeuge bedienen. Denn auch die Geschichtswissenschaften suchen nicht nur konkrete Zusammenhänge zu ergründen, sondern außerdem auch Regeln des Verhältnisses von Ursache und Wirkung. Dazu tritt dann Eigenartiges auf jedem Gebiet: Die Naturwissenschaft wendet sich an unsere Fähigkeit, Vorgänge unter  Gesetze,  Erscheinungen als  Exemplare  unter Gattungsbegriffe zu ordnen - sie erklärt und begreift. Die Kulturwissenschaft begreift, erklärt und versteht. Sie  begreift  allerdings im Unterschied zur Naturwissenschaft nicht als Selbstzweck, sondern nur als Hilfsmittel: Sie sucht Regeln des Geschehens und bildet Allgemeinbegriffe, um damit das Konkrete besser zu verstehen und zu erklären.

Die Lehre von den kulturwissenschaftlichen Allgemeinbegriffen ist der eigenartigste Punkt in WEBERs Geschichtslogik. Das Klarstellen ihrer Besonderheit, vor allem auf sozialwissenschaftlichem Gebiet, beschäftigt ihn in fast allen logischen Schriften, und er konstituiert durch sie später seine Soziologie. Es kommt ihm darauf an zu zeigen, daß die theoretischen Gedankengebilde dieser Disziplinen nicht - wie die klassische Nationalökonomie glaubte - naturwissenschaftliche Gattungsbegriffe sind, sondern andre Aufgaben haben und durch eigenartige Bearbeitung der Wirklichkeit gewonnen werden. WEBER nennt derartige, in jeder Geschichte verwendeten Allgemeinbegriffe  Idealtypen  - ein Ausdruck, den schon GEORG JELLINEK in seiner allgemeinen Staatslehre in demselben Sinn wie nach ihm WEBER verwendet. Nämlich: bestimmte Vorgänge und Beziehungen des historischen Lebens werden zu einem in sich widerspruchslosen Kosmos gedachter Zusammenhänge vereinigt,  der so wie er gedacht wird, nirgends existiert, sondern eine Utopie ist.  Begriffe wie ökonomischer Tausch, homo oeconomicus, Handwerk, Kapitalismus, Kirche, Sekte, Christentum, mittelalterliche Stadtwirtschaft u. dgl. m. sind Konstruktionen, in denen bestimmte Elemente der Wirklichkeit  gedanklich gesteigert  werden, um dadurch konkrete Erscheinungen und Vorgänge, in denen Elemente des zusammengedachten wirksam sind, zu erkennen und zu veranschaulichen.  Der Idealtypus ist keine Darstellung des Wirklichen, aber er will der Darstellung anschauliche Ausdrucksmittel geben.   Er ist keine Hypothese, aber er will der Hypothesenbildung die Richtung weisen, er ist nicht die historische Wirklichkeit, auch kein Schema, in das sie eingeordnet werden soll, sondern ein Grenzbegriff, an dem die Wirklichkeit zur Verdeutlichung bestimmter bedeutsamer Bestandteile ihres Gehalts gemessen, mit denen sie verglichen wird. 

Idealtypen sind also im Unterschied von Gattungsbegriffen, Erkenntnismittel, nicht Erkenntnisziele, und weil  der ewig fortschreitende Fluß der Kultur  den ewig jugendlichen historischen Disziplinen stets neue Problemstellungen zuführt, so müssen immer wieder neue Idealtypen gebildet und die vorhandenen immer aufs neue korrigiert werden. Die historische Erkenntnis bleibt notwendig in stetem Fluß. Deshalb ist ihre endgültige Gliederung in ein geschlossenes System von Begriffen, aus denen die Wirklichkeit abgeleitet werden soll, sinnlos.

Ein neues schwieriges Problem der Geschichtslogik sieht Weber darin, daß nicht nur bestimmte Seiten der Erscheinungen, sondern auch die in einer Epoche zerstreut wirkenden Ideen zu idealtypischen Begriffen zusammengeschlossen werden. Z.B. Begriffe wie Christentum, Liberalismus, Sozialismus, Demokratie, Imperialismus, mit denen die Historie arbeitet, sind Idealtypen, so gut wie etwa die Verbindung der Grundelemente einer Wirtschaftsepoche. Aber ihre Anwendung ist dadurch erschwert, daß häufig nicht nur ein Seiendes in sie hineingedacht wird, sondern auch ein Gesolltes, nämlich das, was an ihnen vom Standpunkt des Darstellers aus dauernd wertvoll ist. Sobald aber dies außerwissenschaftliche Element bei der Anwendung eines Begriffs mitschwingt, verliert er an Erkenntniswert, denn dann vermischen sich unbemerkt theoretische  Wertbeziehung  und praktische  Wertbeurteilung.  Dann werden die Idealtypen aus logischen Hilfsmitteln zu Idealen, an denen die außerwissenschaftliche Bedeutung konkreter Erscheinungen gemessen wird. Es entsteht dann ein logisch unsauberes Ineinanderschieben von Subjektiven und Objektiven, von Glauben und Wissen, was den Erkenntniswert historischer Darstellung trübt.

Damit stehen wir in einem Problemkreis, der WEBER anhaltend beschäftigt: dem Verhältnis von Beweisbarem und Unbeweisbarem in der Wissenschaft, von Erkennen und Werten, praktischem Werturteil und theoretischer Wertbeziehung. Anders ausgedrückt: Es handelt sich um die Frage nach Wesen und Grenzen der beweisbaren Wissenschaft. Kann sie uns lehren, nicht nur wie wir denken, sondern auch wie wir handeln sollen? Und vermag sie den Sinn des Daseins in objektiv gültiger zwingender Weise festzustellen? Dies Problem ist überall in die methodologischen Untersuchungen versponnen, ferner eingehend erörtert in einer zunächst 1913 für den Verein für Sozialpolitik verfaßten, später erweiterten und im Logos veröffentlichten Abhandlung über  den Sinn der Wertfreiheit der soziologischen und ökonomischen Wissenschaften  (4), und schließlich noch einmal ins Allgemeine erhoben in dem für Studierende gehaltenen Vortrag  Wissenschaft als Beruf (5).
LITERATUR - Marianne Weber, Max Weber - Ein Lebensbild, Stuttgart 1926
    Anmerkungen
  1. Vgl. Max Weber, Gesammelte Aufsätze zur Wissenschaftslehre, Tübingen, 1922, Seite 71
  2. ebenda Seite 403f
  3. ebenda Seite 524
  4. ebenda Seite 451f
  5. ebenda Seite 524f