Thomas Dewar Weldon, Kritik der klassischen politischen Philosophie
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THOMAS DEWAR WELDON
Kritik der klassischen
politischen Philosophie


Politik und Philosophie
Die Illusion der wahren Wesenheiten
Die Illusion der absoluten Wertmaßstäbe
"... z.B. kann man sich darauf einigen, daß alle Menschen ein natürliches Recht auf Leben, Freiheit und Glück haben, jedoch zugleich "Mensch" so definieren, daß die Neger nicht mit inbegriffen werden."

Die folgende Erörterung der Ansichten, von denen das politische Denken der Griechen beherrscht wurde, ist deshalb nötig, weil alles, was man gemeinhin "politische Philosophie" nennt, in Vergangenheit wie Gegenwart fast ausschließlich auf diesen Ansichten beruth. Wenn man nicht nachweist, daß diese Ansichten falsch sind, dann haben sie immer noch Anspruch darauf, ernst genommen zu werden; man müßte weiterhin an ihnen festhalten und dürfte die Hoffnung nicht aufgeben, daß sie schließlich doch zur Entdeckung der Wahrheit führen würden. Denn insoweit hatte PLATON recht:  wenn  es eine Welt der Ideen gibt, die irgendwie Grundlage jener Welt ist, die wir für gewöhnlich die wirkliche nennen, dann muß es tatsächlich unser Ziel sein, diese Ideenwelt zu erforschen.

Demgegenüber will ich klarlegen, daß diese platonische Doktrin sinnlos ist. Hinter den realen politischen Einrichtungen gibt es nichts, wovon diese bloße Kopien, Ausdrucks- oder Verwirklichungsformen wären. Die These, daß es solche hinter der Wirklichkeit steckende ideale Formen gebe, beruth auf Annahmen, die ich bereits einer Kritik unterzogen habe; sie wird durch eine Reihe von Verwechslungen gestützt, die sich auf historische, wissenschaftliche sowie sprachliche Fakten beziehen und welche wir nun untersuchen wollen.

  • Gerechtigkeit ist das Interesse des Stärkeren. (THRASYMACHUS)
  • Der Staat geht auf Grund eines Wesens dem Individuum voraus. (ARISTOTELES)
  • Verträge ohne Schwert sind bloße Worte. (HOBBES)
  • Wir halten es für von selbst einleuchtend, daß alle Menschen frei und gleich geboren und von ihrem Schöpfer mit gewissen unveräußerlichen Rechten begabt werden, darunter Leben, Freiheit und die Suche nach Glück.  (Unabhängigkeitserklärung der Vereinigten Staaten) 
  • Der Staat ist ein Ausschuss, der die gemeinschaftlichen Geschäfte der ganzen Bourgeoisieklasse verwaltet.  (Kommunistisches Manifest) 
  • Der Wille, nicht die Gewalt ist die Grundlage des Staates. (T.H.GREEN)
Nun einige charakteristische Fragen, die in politisch-philosophischen Werken immer wieder auftauchen:
  • Gibt es natürliche Rechte?
  • Welchen Ursprung ist die Autorität des Staates?
  • Gibt es einen Gesellschaftsvertrag?
  • Wird die Freiheit durch die Herrschaft der Gesetze gefördert oder eingeschränkt?
Wir sind an diese Art von Äußerungen und Fragen so gewöhnt, daß wir kaum des näheren danach forschen, ob sie berechtigt sind. Doch sobald wir dies tun, ergibt sich sogleich eine Reihe von verwirrenden Schwierigkeiten. Im wesentlichen handelt es sich um folgendes: Es gibt viele Gebiete, auf denen die Griechen und die Wissenschaftler des 17. und 18. Jahrhunderts keine befriedigenden Resultate erzielen konnten, die aber heute nicht mehr unerforscht sind. Hierzu gehören: Die Größe und Entfernung der Gestirne, die Elektrizität, die Zusammensetzung der Materie, die Entstehung lebender Organismen.

Wie kommt es, daß im Bereich der von PLATON und ARISTOTELES formulierten Fragen nach dem Wesen des Staates, der Gerechtigkeit und der Freiheit  keinerlei  Fortschritt erzielt wurde? Möglicherweise sind diese Fragen äußerst kompliziert, so etwas wie ein gigantisches Kreuzworträtsel oder Zusammensetzspiel - aber auch dann wäre zu erwarten, daß die Bemühungen so vieler kluger Köpfe in zweieinhalb Jahrtausenden das eine oder andere endgültige und allgemein akzeptierte Ergebnis produziert haben müßten. Zumindest  einige  Teile des Zusammensetzspiels sollten unterdessen so plaziert worden sein, daß darüber kein Streit mehr besteht. Dies ist jedoch nicht der Fall. Man kann sagen, daß die Probleme der politischen Philosophie, im Gegensatz zu jenen der Naturwissenschaft, ewige Menschheitsfragen darstellen, die von jeder Generation aufs neue untersucht und beantwortet werden müssen. Dies klingt feierlich, aber es erklärt nichts. Wir gestehen damit unsere Niederlage ein, ohne hierfür eine Ursache anzugeben.

Die traditionellen Fragen der politischen Philosophie sind deshalb so schwierig, weil wir nicht wissen, auf welchem Weg wir zu einer Antwort gelangen können; und was die Antworten betrifft, wissen wir nicht, nach welchen Kriterien wir prüfen sollen, ob sie richtig oder falsch sind. Wir wissen nicht einmal, welche Art von Forschungen die politischen Philosophen betrieben haben, und können daher nicht entscheiden, ob sie dies geschickt oder ungeschickt taten. Wir wissen nicht, ob sie wichtige Beweismittel übersehen haben - einfach deshalb, weil wir nicht wissen, welche Beweismittel für ihre Zwecke wichtig waren und welche nicht.

Es scheint klar, daß es sich hierbei nicht um historische Untersuchungen handelt. Der Satz "Der Staat geht auf Grund seines Wesens dem Individuum voraus", enthält keineswegs die gleiche Art von Aussage wie der Satz "Georg IV. ging Wilhelm IV. voraus". Wir suchen nicht nach Urkunden oder archaologischen Beweismitteln, um jenen Satz zu erhärten oder zu widerlegen. Desgleichen ist die Frage "Gibt es einen Gesellschaftsvertrag?" von anderer Art als die Frage "Hinterließ Cäsar den Bürgern von Rom sein Eigentum?" Vielleicht wissen wir auf die zweite Frage keine Antwort, aber wir wissen, welche Beweismittel nötig wären, um eine befriedigende Antwort zu ermöglichen, und wir wissen auch, daß dieser Art von Beweismitteln keine Gültigkeit zukommt, wenn es sich um die Beantwortung der ersten Frage handelt - obwohl einige Philosophen so getan haben, als ob dies der Fall wäre; zumindest HOBBES wußte es jedoch besser.

Ebensowenig wie die historische scheint die naturwissenschaftliche Forschungsmethode geeignet sein. "Alle Menschen werden frei geboren", ist nicht die gleiche Art der Feststellung wie "Alle Menschen werden weiß geboren". Dies könnten wir widerlegen, indem wir darauf hinweisen, daß es auch schwarze Säuglinge gibt. Doch Säuglinge werden nicht mit Etiketten geboren, auf denen  Sklave  oder  Freier, Prinz  oder  Bürgerlicher  steht. ARISTOTELES bedauerte dies geradezu, er mußte zugeben, daß die Abstammung kein verläßlicher Beweis für jenen Status ist, dre ihn im besonderen interessierte. Ebensowenig können wir den Satz "Verträge ohne Schwert sind bloße Worte" widerlegen, indem wir beweisen, daß Herr Müller seine Schneiderrechnung bezahlt, ohne daß er von der Polizei dazu gezwungen wird; ebensowenig können wir durch eine Reihe von Experimenten beweisen, daß der Wille und nicht die Gewalt Grundlage des Staates ist.

Wenn aber weder die historische noch die naturwissenschaftliche Untersuchungsmethode in Frage kommt, handelt es sich dann bloß um eine Untersuchung über die Gebrauchsweise von Worten? Haben wir nichts weiter zu tun, als eine Anzahl von deduktiven Systemen zu vergleichen, deren keines mit der Wirklichkeit in Beziehung steht (außer vielleicht durch Zufall) und aus denen daher keine Rückschlüsse auf die Wirklichkeit gezogen werden können? Wenn es sich so verhielte, dann wäre es nicht erstaunlich, wenn bisher keine Antworten auf die Fragen der politischen Philosophie entdeckt werden konnten; denn dies läge dann im Wesen der Sache. Die Frage, ob HOBBES oder HEGEL oder MARX recht hatte, wäre dann ebenso hinfällig wie die Frage, ob die Axiome des EUKLID oder jene von RIEMANN oder LOBATSCHEWSKI richtig sind - und wir haben schon gesehen, daß diese Art von Frage tatsächlich sinnlos ist.

Zweifellos ist vieles von dem, was sich politische Philosophie nennt, in diesem Sinn zu bewerten. Es handelt sich dann um einen Streit ohne realen Inhalt - bloß um die Definition von Worten. Dies bedeutet nicht, daß eine solche Erörterung keine praktische Bedeutung hätte, wohl aber, daß es keine Methode gibt, um die eine Ansicht als richtig und die andere als falsch zu erweisen; und dies nicht etwa, weil der Beweis überaus schwer zu finden und zu formulieren wäre - wie z.B. der geometrische Nachweis des Volumens eines sphärischen Körpers - sondern weil es  sinnlos  ist, in diesem Zusammenhang von einem Beweis zu sprechen. Man kann die Spielregeln, die für Whist gelten, nicht mit Hilfe der Bridge-Regeln widerlegen, denn die Regeln für ein Kartenspiel kann man weder beweisen noch widerlegen, weder essen noch anziehen.

Damit sind wir an einem wichtigen Punkt angelangt, welcher indessen der weiteren Erläuterung bedarf; denn man gerät leicht in Versuchung, ihm entweder zuviel oder zuwenig Beachtung zu widmen, wenn es darum geht, die Bedeutung der klassischen politischen Philosophen richtig einzuschätzen. HOBBES und LOCKE liefern hierfür ein besonders klares und einfaches Beispiel. Beide befürworteten neue Definitionen für Worte aus der politischen Sphäre. HOBBES glaubte an den Absolutismus und an eine starke Regierung. Er bezeichnete es daher als einen Widerspruch in sich selbst, wenn man von beschränkter oder konstitutioneller Monarchie spräche. Sein ganzes System beruth auf dem Axiom, daß der Monarch für seine Handlungen gegenüber niemandem verantwortlich ist, es sei denn - in einem sehr unbestimmten Sinn - gegenüber Gott. Zwar wird bei Hobbes der absolute Charakter der Monarchie nicht ausdrücklich als ein Axiom hingestellt, aber seine Geschichte vom Unterwerfungsvertrag, der die Grundlage der Monarchie bilden soll, ist eine so offensichtliche Erfindung, daß man sie nicht ernst nehmen kann. Bestenfalls handelt es sich um eine psychologische Hypothese, durch die eine bestimmte Neigung der Menschen zu unrecht verallgemeinert wird, schlimmstenfalls um nichts weiter als einen Schwindel.

Praktisch wird der Herrscher als Diktator definiert, und die Schlußfolgerungen aus dieser Definition werden im Detail dargelegt. Demgegenüber schreibt LOCKE mit der bestimmten Absicht, die Glorreiche Revolution des Jahres 1688 zu unterstützen. Daher ist seine Definition des "Herrschers" eine ganz andere. Nur ein konstitutioneller Monarch ist für ihn ein echter Monarch - ein Herrscher mit bestimmten Verpflichtungen gegenüber seinen Untertanen, welche ihn, wenn er seine Pflicht verletzt, zu Recht absetzen dürfen.

Auf solche Weise betrachtet, mag der Beitrag, den HOBBES und LOCKE zur politischen Philosophie geleistet haben, eher trivial erscheinen. Man gewinnt den Eindruck, als ob derartige Vorschläge zur Neudefinition von Worten keine besondere Bedeutung hätten. Dem ist nicht so. Jede Änderung der Regeln eines Spiels bedeutet eine Neudefinition. Es ist keine Naturtatsache, sondern die Folge einer willkürlichen Definition, daß man in Abseits-Stellung kein Tor schießen kann. Und manche Definition von Spielregeln würde die Chancen der einen oder anderen Mannschaft ernsthaft beeinflussen.

Nehmen wir an, eine Mannschaft verfügte über besonders gute "Köpfler" und ließe diesen auch noch ein spezielles Training angedeihen. Zweifellos würden die Gewinnchancen dieser Mannschaft erheblich verringert, wenn eine neue Spielregel den Stürmern (oder Läufern oder Verteidigern) die Kopfbälle verböte; dennoch wäre dies, rein logisch gesehen, nichts weiter als eine neue Definition des Begriffs "Stürmer" (oder "Läufer" oder "Verteidiger"). Wenn man - um ein anderes Beispiel zu wählen - einen Baum als Gewächs definiert, das höher als zwei Meter ist, und einen Strauch als ein Gewächs unter diesem Maß, so mag dies unwichtig erscheinen. Doch wäre diese Definition für Gartenbesitzer sogleich bedeutsam, wenn eine gesetzliche Regelung bestimmte, daß in einem gewissen Gebiet alle Bäume gefällt werden müßten, währen die Sträucher stehen bleiben dürften.

Auf gleiche Weise kann es einerseits bedeutungslos erscheinen, ob wir "Monarch" als "absoluten Herrscher" oder als "Herrscher im Rahmen der Verfassung" definieren, andererseits jedoch erhebliche Bedeutung gewinnen, dann nämlich, wenn der Begriff "Monarch" bereits verfassungsgesetzlich verankert ist und nun vorgeschlagen wird, durch eine Verfassungsänderung eine Neudefintion des Begriffs vorzunehmen.

All dies steht außer Zweifel, und es wäre ein großer Fehler, wenn man darüber hinwegsähe. Tatsächlich befaßt sich der größere Teil des klassischen politisch-philosophischen Denkens mit der Befürwortung oder Verfertigung von werlosen logischen Argumenten, auf Grund deren politische Axiome oder Definitionen politischer Worte wie "Staat", "Gesetz" und "Rechte" verändert werden sollen. Die praktischen Ergebnisse solcher Neudefinitionen sind oft bedeutungsvoll, obgleich die Neudefinitionen selbst nichts Verblüffenderes darstellen als Änderungen in den Bridge- oder Fußballregeln.

Doch dies ist nicht die ganze Wahrheit. Radikale Positivisten sind geeignet, hier demselben Irrtum zu verfallen, dem sie bisweilen auch in den Naturwissenschaften nicht entgehen. Wie schon erwähnt, lag die Bedeutsamkeit der Einsteinschen Relativitätstheorie darin, daß sie in der Physik die Vorstellung der Absolutheit von Raum, Zeit, Materie und Bewegung beseitigte. Die Frage "Was  ist  Raum, Zeit usw.?" wurde seither als sinnlos erkannt. Statt von "Raum" sprechen wir nun von "räumlichen Koordinaten", und diese beruhen auf bloßer Übereinkunft. Wir können ihrer so viele annehmen als wir zur Beschreibung bestimmter Vorgänge für zweckmäßig erachten, denn Koordinaten existieren nicht in dem gleichen Sinne, in dem Bäume oder Tische existieren. Es ist begreiflich, aber falsch, wenn wir diese sehr bedeutsame These dahin ausweiten, daß wir sagen:  alle  Wissenschaft beruth auf bloßer Übereinkunft und ist bloß damit befaßt, sich zweckmäßige sprachliche Kunststücke auszudenken. Eine solche Feststellung wäre sehr irreführend, denn die Wirklichkeit sieht ziemlich anders aus.

In dieser Welt passiert vieles, z.B. Sonnenfinsternisse, Eisenbahnunglücke, Wirtschaftskrisen, Kriege. Es ist für uns wichtig, daß wir verstehen, was geschieht und warum es geschieht, sowie daß wir voraussagen können, was geschehen wird. Die gewöhnliche Sprache und die Operationen der formalen Logik, Arithmetik und Geometrie sind Methoden, die wir entwickelt haben, um die Beschreibung, Erforschung und Voraussage von Ereignissen zu erleichtern. Man dachte früher, daß diese Methoden nur dann funktionieren können, wenn sie ein Modell oder ein Kopie der Wirklichkeit darstellen, aber es hat sich herausgestellt, daß dies ein Irrtum war. In dieser Hinsicht ist daher die Entscheidung, welche Syntax oder welche Denkoperationen wir für unsere Untersuchung wählen, eine völlig willkürliche. Wir können tun, was wir wollen.

In anderer Hinsicht ist dem nicht so, denn Sprachen oder Rechenmethoden können sich als unzweckmäßig ausgewählt erweisen. Sie können uns dahin bringen, falsche Voraussagen zu machen oder unzweckmäßige Handlungen zu setzen. Mit anderen Worten: wir können jedes System von Koordinaten oder Gleichungen auswählen, welches uns eine  sinnvolle  Erörterung oder Beschreibung von Vorgängen der Wirklichkeit ermöglicht, aber kein solches System bedeutet, für sich selbst genommen, die Wahrheit über die Welt. Die Zahl der Opfer des Eisenbahnunglücks bleibt unverändert, ob wir über das Ereignis in fachgerechter oder sonstiger Sprache berichten. Es gibt kein gültiges Argument dafür, daß die Zweckmäßigkeit einer Bezeichnung zur Wahrheit über die damit bezeichnete Wirklichkeit führt.

Dies gilt auch für die politische Philosophie, wenngleich die Sache hier etwas komplizierter ist. In den zwanziger Jahren hatten die frühen Positivisten des Wiener Kreises die richtige Feststellung getroffen, daß ein Großteil des politisch-philosophischen Streites, der angeblich um Tatsachen geht, in Wahrheit nichts weiter ist als ein Streit über die herkömmliche Definition von Worten. Wir haben schon angemerkt, daß die Akzeptierung einer bestimmten Definition anstelle einer anderen unleugbar praktische Resultate nach sich ziehen kann; z.B. kann man sich darauf einigen, daß alle Menschen ein natürliches Recht auf Leben, Freiheit und Glück haben, jedoch zugleich "Mensch" so definieren, daß die Neger nicht mit inbegriffen werden. ABRAHAM LINCOLN und viele andere haben auf diese Möglichkeit hingewiesen.

Ein solches Spiel mit Definitionen bringt aber keine Erkenntnis im Bereich des Tatsächlichen mit sich. Daher ist man versucht zu sagen, daß die klassischen politischen Philosophien damit befaßt waren (häufig zum Zweck der Rechtfertigung einer mehr oder minder unsauberen Politik), logische Kunststücke aufzuführen und  weiter nichts.  Doch hält diese These, obgleich sie eine wichtige Teilwahrheit darstellt, der näheren Nachprüfung nicht stand. Denn wenn wir behaupteten, daß die politische Philosophie sich bloß mit dem Gebrauch von Worten befaßt, dann könnte uns die folgende Argumentation nachweisen, daß unsere Behauptung unsinnig ist.

Nehmen wir an, ein Engländer hätte in Nazi-Deutschland den Versuch unternommen, die deutsche Bedeutung der Worte "good", "honest", "praiseworthy", "criminal" usw. herauszufinden. Er hätte erfahren, daß die richtige Übersetzung "gut", "ehrlich", "lobenswert", "verbrecherisch" usw. ist. Er hätte weiterhin erfahren, daß diese deutschen Worte gleiche oder ähnliche Schlußfolgerungen erlauben wie die entsprechenden englischen. Wer "gut" und "ehrlich" ist, der ist auch "lobenswert" und bekommt vielleicht eine Auszeichnung. Wer dies nicht ist, der ist "verbrecherisch" und wird vielleicht in ein Konzentrationslager gesteckt. Aber dann mag unser englischer Beobachter einen SA-Mann beim Prügeln eines Juden gesehen haben und mag gesagt haben "Das ist verbrecherisch". Sein deutscher Sprachlehrer mag ihm erwidert haben "Durchaus nicht. Das ist lobenswert". Was hätte unser Engländer dann geantwortet? Hätte er diese Richtigstellung im gleichen Sinn akzeptieren können, wie wenn ihm in den Vereinigten Staaten ein Amerikaner erklärt: " nennen das nicht  braces,  sondern  suspenders,  und was sie  suspenders  nennen, heißt bei uns  garters?" (5) Wenn er die Korrektur im gleichen Sinn akzeptiert hätte, so würden seine Freunde nicht etwa gesagt haben "Du hast sehr gut deutsch gelernt, sondern "Du bist ein Lügner und ein Heuchler. Du weißt, daß es böse ist, sich so zu benehmen, aber Du behauptest, es sei lobenswert. Du verstellst dich aber nur, um Schwierigkeiten zu vermeiden."
LITERATUR - Thomas D. Weldon, Kritik der politischen Sprache, Neuwied 1962
    Anmerkungen:
  1. Die Hosenträger heißen im Englischen "braces", im Amerikanischen "suspenders"; die Sockenhalter im Englischen "suspenders" und im Amerikanischen "garters".